Sag niemandem - Belinda Lee - E-Book

Sag niemandem E-Book

Belinda Lee

0,0

Beschreibung

Im Jahr 1960 verliebt die 16jährige Renate sich unsterblich in den US-Soldaten George. Als sie ein Kind von ihm erwartet, wird sie beschimpft als Amihure. Doch sie bleibt ihrer großen Liebe treu, sogar als George sie verlässt. Die Tochter, geboren in ein Umfeld durchwoben von Schande, Schuld, Angst und Gewalt, wächst ohne den Vater auf, den sie abgöttisch liebt aus der Ferne. Jede weitere Beziehung ist verurteilt zu scheitern, sucht sie in jedem Mann doch nur ihn. "Das Aufschreiben meiner Geschichte ließ mich tief eintauchen in Themen, die ich bereits gelöst glaubte. Erst als ich aus vollstem Herzen die Verantwortung für mein Schicksal übernahm, wurde es still in mir. Mögen meine Zeilen dich zutiefst berühren!"

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 511

Veröffentlichungsjahr: 2023

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ich danke dem Frankfurter Suchdienst für die wertvolle Unterstützung bei der Suche nach meinem Vater: nach meinem Vater: www.herkunftsberatung.de

Aus Datenschutzgründen wurden Pseudonyme verwendet. Erzählungen über andere Personen beruhen auf eigenen Beobachtungen, die subjektive Gefühle hervorriefen. Damit möchte ich keinesfalls jemandem zunahe treten. Meine eigenen Erlebnisse sind authentisch.

Ungewollt bestellt

kam ich in die Welt zu ihr,

hab mich voller Vertrauen

in ihr Leben begeben,

war doch noch so klein.

Sie war jung

und sie war schön

und mein Daddy konnte

ihr nicht widerstehen,

doch er war ja nicht allein, daheim

spielte er das gleiche Spiel.

Mama, ich wollt dir soviel geben,

Mama, ich hatt’ soviel dabei!

Doch du hast nicht gesehen,

welchen Schatz du bei dir hast – mit mir.

Ich liebte Daddy

und ich liebte dich.

Du sahst mich an

und sahst nur dich.

Ich hoffte so sehr,

dass Daddy mich holt.

War bereit, ihm dafür alles zu geben!

Kein andrer Mann war mir genug.

Ich wollt’ nur ihn – welch Selbstbetrug,

dass er mir sagt: „Du bist genug.“

Daddy, ich wollt’ dir soviel geben,

Daddy, ich hatt’ so viel dabei!

Doch du konntest nicht sehen,

welcher Schatz dir fehlt,

so weit weg von mir.

Sehnsucht formte

verdrehte Rollen im selben Spiel.

Dein Platz neben mir

hielt mich verbunden mit dir.

Doch jetzt … geb’ ich uns den Gnadenstoß

und ich lass dich los!

Ich geh über Los.

lass mich reich beschenken,

schließ’ die Sehnsucht

mit den Kindersachen weg.

Atme tief ein …

in mein neues Leben.

Es ist, wie es ist, sagt die Liebe,

die Muse küsst, sagt der Tod …

Vorbei, alles neu, alles gut,

jetzt trag ich Rot!

Vorwort

Ich glaube nicht an Zufälle. Wenn dieses Buch in deinen Besitz übergegangen ist, wirst du vermutlich etwas darin finden, was mit dir zu tun hat und deiner Geschichte. Du darfst also gespannt sein …

Wenn es optimal läuft, ist der Vater der erste Mann im Leben einer Tochter. Fehlt er, entbehrt sie vor allem seinen liebevollen Blick. Selbst hungrig geblieben, sucht sie nach ihrem Prinzen, der ihr das geben soll, was sie vom Vater nicht bekam. Wie bitter, wenn sie eines Tages feststellen muss, dass kein anderer vermag, sie mit dem Entbehrten zu versorgen.

Mit dem Satz »Sag niemandem, dass dein Vater Ami ist!« versuchte Oma unzählige Male, mich dazu zu bringen, meine wahre Herkunft zu verleugnen. Zu dieser Zeit teilte sie die Meinung vieler anderer, mit mir ein Kind zweiter Klasse großzuziehen. »So eine Schande!«, hieß es daher oft. Gewiss aber wollte Oma mich nur schützen. Ihre Anweisungen entsprangen also nur der Sorge um mich. Folge leisten wollte ich ihnen trotzdem nicht, denn machten gerade diese verpönten Umstände mich als kleines Mädchen nicht bereits »besonders«? Verglichen mit den normal-langweiligen Mamas und dienstbeflissenen Papas der Nachbarskinder hatte meine Herkunft doch wesentlich mehr zu bieten. Schließlich war ich gesegnet mit einer äußerst hübschen Mama und einem geheimnisvoll-exotischen Daddy, wenn auch außer Mama kein Mensch ein gutes Haar an ihm ließ. Für diese Sichtweise aber bezahlte ich mit Einsamkeit, forderte der Zeitgeist der sechziger Jahre doch auch von mir reuevolle Sühne für derartige »Vergehen«. So blieb ich für mein Umfeld ein Opfer der Umstände, auch wenn ich selbst anders darüber dachte. Allein mein Dasein hielt in anderen die Erinnerung hoch an die Missetat einer Amihure, einhergehend mit schwierigsten Gefühlen. Es durfte eben nicht sein, was nicht sein sollte. So wollte wenigstens ich meinem Vater die Ehre erweisen und alle Schuld auf mich nehmen.

Daddy denkt an mich, war ich überzeugt, trotzdem fehlte er mir, wie mein neidischer Blick auf andere Kinder oft verriet. Uneingeschränktes Verständnis für das Ziel meiner Sehnsucht ließ mich aber darauf vertrauen, dass es für ihn gerade Wichtigeres gab als mich. Sobald es ihm möglich war, würde er kommen. Die Zeit dafür war einfach noch nicht reif! Später sehnte ich mich gerade dann nach meinem Vater, wenn ich ein Kind erwartete, und begann erneut, nach ihm zu suchen. Gerade dann drängten unzählige Fragen darauf, endlich von ihm beantwortet zu werden. Wann würde ich die Gelegenheit bekommen, mich in ihm wiederzuerkennen? Schließlich wich ich weiteren Enttäuschungen aus, indem ich kapitulierte. Mein Sehnen aber blieb. Erst dadurch konnte mein Wunsch schließlich in Erfüllung gehen.

Im Gegensatz zu mir neigen andere Töchter in einer ähnlichen Konstellation dazu, sich wütend gegen ihren abwesenden Vater zu stellen, ohne das Bedürfnis ihn zu finden. Fehlt dann aber ein liebevoller Ersatz, bleiben sie doch bedürftig, bis sie die Bereitschaft aufbringen, dieses Lebensthema zu lösen. Dieser wichtige Schritt ist immer wieder auch Teil meiner therapeutischen Arbeit.

Seit ich denken kann, diente mein Lebenstrieb nur einem einzigen Zweck: Ich musste meinen Vater finden, komme, was wolle! An diesem Wunsch trug ich schwer, still und heimlich, ohne anderen davon zu erzählen. Heute weiß ich, dass mir ohne das väterliche Vorbild der notwendige, männliche Bezugspunkt fehlte, um später mit einem Mann eine reife Beziehung führen zu können. Ich fühlte mich unvollständig, auch als ich den Kinderschuhen längst entwachsen und selbst bereits Mutter war. Ich fühlte mich derart fragmentiert, als wäre mir ein wichtiger Teil abhandengekommen. Sehnsüchtig wünschte ich mir einen Mann, der stark genug war, meine innere Leere zu füllen. Er würde meine Hand nehmen und mir endlich zeigen, »wie Leben geht«. Wie wütend war ich auf die Männer, wenn sie sich weigerten, mir dieses dringende Bedürfnis zu erfüllen! Nach etlichen Therapien erkannte ich, dass es keine Veränderung geben würde, solange ich andere für mein Leid verantwortlich machte. »Selbstverantwortung« war das Zauberwort, für alles, was war und ist.

Nun wünsche ich dir, liebe Leserin und lieber Leser, tiefe Einsichten für dich und einen guten Herzenskontakt, während ich dir nun die Pforte zu meinem Leben öffne.

Meine Geschichte beginnt mit meiner Mama. Aus ihren Erzählungen geht hervor, dass sie im Jahre 1960 knapp sechzehnjährig ein recht ungestümer Teenager gewesen sein muss. Verursacht durch den Druck ihres strengen Vaters in Kombination mit der haltlosen, nachgiebigen und inkonsequenten Mutter hatten sich zwei Extreme gebildet in ihr, die sich permanent bekämpften. Künstlerisch begabt, wie sie war, hätte sie als ausgleichenden Gegenpol dazu am liebsten Kunst studiert Dies aber wurde ihr vom Vater verwehrt. Bedauerlicherweise erwartete man zu dieser Zeit von einem Mädchen etwas völlig anderes. So war zu studieren nur den Söhnen vorbehalten, während die Töchter schnellstens unter die Haube gebracht werden mussten. Ähnlich einem Stellenbeschrieb war ihr Aufgabenbereich bereits festgelegt. Als brave Ehefrau und Haushälterin sollte sie ihrem Mann dienen, gut wirtschaften und bei den Kindern zu Hause bleiben. Als »ganzer Mann« sollte dieser schließlich in der Lage sein, das Einkommen der Familie allein zu stemmen.

Was blieb Mama also anderes übrig, als sich der von ihr erwarteten Perspektive zu fügen. Dennoch träumte sie – wie damals viele Mädchen – heimlich von einem Traumprinzen, der sie auf Händen trug. Die Attribute, einem solchen Phänomen aufzufallen, hatte sie allemal. Dass sie schön war, bestätigte ihr nicht nur der Blick in den Spiegel, sondern auch, wie andere sie ansahen, wenn sie in der Öffentlichkeit geradezu erschien. Mit ihren hochtoupierten, halblangen, blonden Haaren, der schlanken, weiblichen Figur und den großen, grün-braunen Augen entsprach sie exakt dem Schönheitsideal der damaligen Zeit. Ihre Ausstrahlung war die einer Suchenden, was wohl manch jungen Mann zu der Frage verleitet haben mochte: »Was suchst du eigentlich, Mädchen? Darf ich dir hierin behilflich sein?« Jugendlich unerfahren und gepackt von immenser Lebenslust war sie risikoblind neugierig, ließ sich treiben und jagte allem hinterher, was ihr Aufregung und Abenteuer versprach. Noch vertraute sie der Wahrhaftigkeit des Augenblicks, nicht ahnend, dass ihre jugendliche Naivität dem Schicksal schon bald arglos in die Hände spielen würde.

Passiert es zufällig, wenn zwei Menschen sich begegnen?

Mein Vater George – ich nenne ihn Dad – freute sich auf den freien Abend, während die Augustsonne verschwand und erträgliche Temperaturen zurückließ. Als Soldat der US-Army war er mit 21 Jahren nach Deutschland gekommen und stationiert in der Kaserne von Augsburg-Gablingen. Gutgelaunt an seinem dienstfreien Tag und weitab von seiner Heimat, den USA, fand er es ebenso spannend wie Mama, sich ins volle Leben zu stürzen, und er und seine Kollegen wussten auch schon wie. Ohne Frage waren die gut aussehenden Amis scharf auf die deutschen »Frolleins«. Umso grenzenloser war der Enthusiasmus der Soldaten, als sie in Dads schickem Chevrolet die Autobahn entlangfuhren und nach etwa dreißig Minuten die Abfahrt »Ingolstadt« anvisierten. In freudiger Erwartung von fetziger Livemusik, feinen Drinks und German Girls begann der vielversprechende Abend bereits, als sie dem Schild in Richtung Innenstadt folgten.

War es Schicksal, dass Mama zur gleichen Zeit Ähnliches im Sinn hatte? Kürzlich hatte ihr Vater entschieden, zu seiner Geliebten nach Dachau zu ziehen, was Mama sehr entgegenkam. Dadurch sah sie ihre Position zu Hause gestärkt. Von ihm hätte sie niemals die Erlaubnis bekommen, sich abends »in Kneipen herumzutreiben«, wie er es nannte. Die Mutter um den Finger zu wickeln hingegen, empfand sie als Kinderspiel.

»Ich kann nicht Tag für Tag acht Stunden im Laden stehen ohne die Aussicht auf etwas Ablenkung«, rief sie in klagendem Ton. »Ich brauche das. Was soll denn schon passieren? Außerdem bin ich ja nicht allein, meine Freundin begleitet mich.«

Damit waren alle Einwände entkräftet, bevor ihre Mutter auch nur ein Wort sagen konnte. Mama hasste Diskussionen, sie empfand sie als »sowas von für die Katz!«. Dennoch war ihr wichtig, ihre Mutter zu beruhigen, sodass diese sich um ihre Jüngste auch keine Sorgen machen musste; die älteren beiden Schwestern waren bereits untergebracht im sicheren Hafen der Ehe.

Da ein Studium nicht infrage kam, entschied Mama sich für eine Ausbildung zur Verkäuferin in einem Tante-Emma-Laden gleich um die Ecke. Auch wenn die Tätigkeit nicht gerade ihren Begabungen entsprach, mochte sie die wohlwollende Art ihrer Chefin und fühlte sich dort gut aufgehoben. Vor allem aber stand ihr der Sinn danach, auszugehen und zu tanzen. Umso mehr freute sie sich auf den heutigen Abend und die Verabredung mit ihrer besten Freundin. Diese pflegte gute Kontakte zu den Amis, vor denen »anständige Mädchen« sich nach ausdrücklichen Warnungen ihrer Eltern tunlichst in Acht nahmen. Den beiden jedoch waren die gängigen Moralvorstellungen egal. Was konnte es Schöneres geben, als von interessanten Fremden derart großzügig umworben zu werden? Gleichzeitig wurde viel getratscht, auch in dem Ingolstädter Viertel, in dem Mama wohnte. Demzufolge keinen »guten Mann« mehr »abzubekommen«, lag so gefährlich nah. Diese so geschürte Angst vor dem drohenden, gesellschaftlichen Aus hielt die Mädchen in Schach. So unterwarfen sie sich lieber den ungeschriebenen Gesetzen der Moral, überwacht von ihren strengen Vätern. Viel zu schnell wurde einer Heiratskandidatin der verwerfliche Titel »Amihure« verpasst. Also war ein angepasstes Mädchen damals besser auf der Hut. Schon immer aber hatte das Verbotene seinen ganz besonderen Reiz. Menschen mit entsprechender Struktur fühlten sich sogar fast magisch davon angezogen. Erlebnishungrig und offensiv trachteten die beiden Teenager aber nach eigenen Erfahrungen und werteten dies als einmalige Gelegenheit, begehrt zu werden von so faszinierenden Männern. Weshalb also sollten sie diese ungenutzt verstreichen lassen? Sprüche wie »Diese Amis nutzen die deutschen Mädchen nur aus, schwängern sie und lassen sie dann sitzen« klangen in Mamas Ohren ebenso absurd wie in denen ihrer Freundin. Was sollte schon dabei sein, sich von den schmucken Soldaten einladen zu lassen? Sie waren nicht so langweilig wie die spießigen, deutschen Männer. In ihren schicken Uniformen machten sie richtig was her!

In der Tat verliehen die armeegrünen Uniformen den jungen Männern etwas mächtig Anziehendes, dem einige Mädchen sich nur schwer entziehen konnten. War es also ein Wunder, dass gerade jene, die unter machtausübenden Vätern aufwuchsen, sich besonders angezogen fühlten von diesen freundlichen Fremden mit der vielversprechenden Aura der Freiheit Amerikas?

So verbrachten die deutschen Mädchen mehr Zeit mit den Amerikanern, als ihnen von Haus aus erlaubt war. Diese Männer verstanden es, den jungen »Frolleins« charmant und spendabel den Kopf zu verdrehen und sie einzustimmen auf den Duft der großen weiten Welt. Die Hoffnung auf eine vielversprechende Heirat und eine Reise nach Übersee tat ihr Übriges. Tatsächlich öffneten diese Mädchenwunschträume den Amis so manches Herz und den ersehnten Zugang zu bisher streng gehüteten, sinnlichen Gefilden, was einige Eltern in die Verzweiflung trieb. Waren die Töchter einmal »infiziert«, zeigten sie sich taub gegenüber den Belehrungen ihrer Eltern, wodurch die Familienehre gefährlich auf dem Spiel stand.

Einmal füreinander Feuer gefangen, sahen Mama und Dad sich außerstande, künftig voneinander zu lassen. Während Dad maßlos beeindruckt war von Mamas Gesamtpaket und es kaum glauben konnte, so ein Glück zu haben, faszinierten sie vor allem seine blauen Augen. Für ihn war sie der Inbegriff weiblicher Schönheit, einem Engel gleich, »wie ein Movie-Star«, wie er mir viele Jahre später persönlich in den schönsten Farben schilderte. Sicherlich wirkte diese erste Begegnung auf Augenzeugen wie Zuckerguss und Sahnehäubchen. Als Dad beiläufig erwähnte, dass er Musik machen würde, starrte sie ihn ungläubig und mit großen Augen an. Auch ihr Vater besaß musikalisches Talent und spielte für ein paar Drinks und Zigaretten Bassgeige und Zither – ausgerechnet in Ami-Kneipen. Seiner Tochter gleichzeitig den Kontakt mit den Amis zu untersagen, war für ihn kein Widerspruch.

Dad liebte Countrymusik und Mama ihn. Träumerisch ergab sie sich dem tiefen Gefühl der Verbundenheit, während sie seinem Gesang und Gitarrenspiel lauschte. Dabei trafen sich ihre Blicke sanft und tiefgründig während des liebevollen Klangs von Dads Stimme, die Mamas Herz so sehr berührte. Ihre so verschiedenen Welten schienen dabei miteinander zu verschmelzen und die Zeit stand still. Die wundervolle Aussicht auf die Erfüllung all ihrer Wünsche formierte sich so greifbar nah. Das Offensichtliche, das sie trennte, war in dieser Traumwelt praktisch nicht existent. So verstanden sie die Sprache des anderen nicht, während ihre Blicke und Gesten mehr sagten als tausend Worte. Über die große Liebe wurde viel geschrieben und doch war es etwas völlig anderes, diese leibhaftig zu spüren in jeder Zelle, unbegreiflich für den Verstand, in Worte zu fassen schier unmöglich.

Mamas Vater beobachtete sie weiterhin mit Argusaugen, ungeachtet dessen, dass er das gemeinsame Heim längst verlassen hatte. So verlangte er von ihr, ihm täglich sein Mittagessen zu bringen, um sich seinem kritischen Blick zu unterwerfen. Dabei musste sie ihm unter Strafandrohung versichern, die Finger von den »bösen Amis« zu lassen.

Dies brachte Mama ordentlich in die Bredouille. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte er erfahren, dass sie bereits tat, wovor er sie so vehement warnte. Wie erleichtert war sie, dem Blick ihres Vaters jedes Mal aufs Neue ungeschoren entkommen zu sein! Manchmal erschrak sie geradezu ob ihrer eigenen Dreistigkeit. Dennoch musste sie sich dem Verbot des Vaters widersetzen, das war sie ihrem starken Eigenwillen schuldig. Wie hätte sie sich selbst sonst noch ernstnehmen können!

Oma sah es ebenfalls nicht gern, dass ihre Tochter sich »mit diesen Ausländern« herumtrieb. Sie wusste jedoch von Dad und machte keinen Hehl daraus, dass sie ihn nicht mochte. So beobachtete sie äußerst besorgt, was vor sich ging. Letztendlich aber fühlte sie sich außerstande, gegen Mamas Willen Einspruch zu erheben.

»Ich kann schon selber auf mich aufpassen!«, war Mamas standardmäßige Antwort auf Omas Bedenken, die sie so oft wiederholte, bis Oma ihren kritischen Monolog einstellte.

Seit einigen Wochen verabredeten Mama und Dad sich regelmäßig, vornehmlich in ihrem Stammlokal, dem »Mo« in Ingolstadt. Zu zweit oder mit Freunden saßen sie dort an einem der Tische, rauchten und tranken Bier, bis die Männer zu später Stunde sich zusätzlich einen Schnaps genehmigten. An einem dieser Abende drängte Dad darauf, mit Mama allein zu sein. Dabei verhielt er sich irgendwie merkwürdig. Mit festem Blick schaute er ihr lange in die Augen, bis die Worte ihm regelrecht aus dem Mund sprangen: »Get yourself a German man. I have to go back in the USA!«

Dad bei der Luftwaffe

Was?! Sie sollte sich einen deutschen Mann nehmen, er müsse zurück in die USA? Drehte er jetzt durch? Wie konnte er an so etwas auch nur im Traum denken! Wusste er denn nicht, wie viel ihr an ihm lag? Diese faden deutschen Männer sollten sich doch ebenso fade deutsche Mädels nehmen – sie wollte mehr! Zweifelsfrei musste sie ihn falsch verstanden haben. Natürlich würde er bei ihr bleiben. Sie liebten sich doch. Und ganz gewiss würden sie ein wunderbares, gemeinsames Happy End erleben! Ihrer Strategie zufolge beschloss sie, Dads Worte einfach zu ignorieren. Dann bestellte sie ihm einen Underberg und begann – während sie mit ihm auf Tuchfühlung ging – einzutauchen in ihre Wunschillusion, so als hätte Dad nie etwas gesagt.

Mama hatte den Ernst der Lage also völlig verkannt. Wie sehr und in welchem Ausmaß, sollte ihr schon bald schmerzlich bewusst werden. Dad nämlich meinte es bitterernst und setzte gleich noch ein Geständnis oben drauf: »I’m already married to another woman and she’s pregnant. – Ich bin bereits verheiratet mit einer anderen Frau und sie ist schwanger.«

Wumm!! Mama war geschockt und wieder redete sie sich ein, ihn gewiss nicht richtig verstanden zu haben. Dads Gesichtsausdruck aber verriet mehr, als ihr lieb war.

Dad war also längst verheiratet und nicht nur das: Seine Frau erwartete ihr erstes, gemeinsames Kind! Tief getroffen nahm Mama Dads Worte zur Kenntnis, und wusste nicht, wie ihr geschah. Wie erstarrt fiel ihr Blick ins Leere. Ihre Finger krallten sich in ihre Oberschenkel, während beißende Eifersucht in ihr hochstieg. Mächtige Wut packte sie auf die bedrohliche Unbekannte auf der anderen Seite des Atlantiks, die bestimmt sehnsüchtig auf die Heimkehr ihres Ehemannes wartete. Völlig außer sich entnahm sie Dads Worten, wie sehr er die Sache mit ihr unterschätzt habe, als gelte dies als Entschuldigung. Ganz zu Anfang wäre er noch davon überzeugt gewesen, alles unter Kontrolle zu haben. Inzwischen aber sei es aus dem Ruder gelaufen. Was meinte er damit? War ihm die Geschichte mit Mama wichtiger geworden, als er es zunächst für möglich gehalten hatte? Offenbar sah er erst jetzt der Notwendigkeit ins Auge, sich für eine der beiden zu entscheiden. Voller Angst vor der eigenen Courage versuchte er nun, Mama eine plausible Erklärung für sein Verhalten zu geben, die es aber nicht gab.

Offenbar wollte Dad zu seinem Eheversprechen stehen, hatte er doch, lange bevor er Mama begegnet war, seiner Frau versichert, unter allen Umständen für sie da zu sein. Und auch wenn er sein Bedürfnis, bei Mama zu bleiben, dafür zurückstellen musste, war er sich der Verantwortung seiner Ehefrau gegenüber doch stets bewusst.

In der Theorie war ihm dies völlig klar. Allein die praktische Umsetzung dessen ließ sehr zu wünschen übrig, zumal sein leibhaftiges Gegenüber sich von seiner verführerischsten Seite zeigte. Das war einer konsequenten Haltung eher abträglich. Seine erst fünfzehnjährige Ehefrau lebte weit entfernt in den USA, was sie physisch für ihn nicht spürbar machte. Wie aber reagiert ein junger Mann, den die Natur auf Fortpflanzung gepolt hat, in einer derartigen Situation? Das größte Handicap für ihn war, dass er Mama liebte. Die gegebenen Umständen aber ließen das Ende fast erahnen.

Dad war als drittletztes Kind von siebzehn geboren in Kentucky und hatte gelernt, für andere Verantwortung zu tragen. Umso quälender nagte es an ihm, dass nun andere darunter leiden mussten, dass er sich in diese prekäre Situation gebracht hatte. Nichtsdestotrotz sah er sich außerstande, Mamas weiblichen Reizen zu widerstehen. Zudem schmeichelte es ihm, dass sie ihn den deutschen Männern vorzog. Erklären konnte er sich das nicht wirklich. Wer war er denn schon? Ein kleiner, Gitarre klimpernder Soldat, karrierelos, nicht besonders groß und eher schmächtig. Sie dagegen war ganz großes Kino und konnte jeden Mann für sich gewinnen. Was fand sie nur an ihm? Was sah sie, wenn sie ihn so verliebt ansah?

Dad traf also die Entscheidung, keine Entscheidung zu treffen, ließ den Dingen ihren Lauf und – Mama wurde schwanger! Es passierte 1960 an Heiligabend auf der Couch meiner Tante in Dachau. Oft habe ich mir die Frage gestellt, ob Mama dies bewusst provoziert hatte, um Dad an sich zu binden. Damit dachte sie wohl, der anderen ein Schnippchen zu schlagen, indem sie Dad nun ebenfalls ein Kind zu bieten hatte! Damit befand Mama sich mit ihrer Rivalin im Rennen.

Doch wieder unterschätzte sie die Situation. Dads Ehefrau hatte nämlich noch einen weiteren Trumpf im Ärmel, von dem Mama nichts wusste. Denn auch wenn es unter den gegebenen Umständen abstrus klingt, waren Dad und seine Frau streng gläubige Christen. Ihren religiösen Statuten nach eignete körperliche Liebe sich lediglich als Mittel zum Zweck. So war sie nur erlaubt, um ein Kind zu zeugen. Ansonsten war dies strengstens untersagt. Zudem durfte Dad sich niemals von seiner Ehefrau trennen. Ihrem Glauben nach war die Ehe unauflöslich. Einmal ja, immer ja. Damit saß die gewichtigere Nebenbuhlerin wohl in den USA mit den besten Chancen, ihre Ehe mit Dad fortzusetzen.

Mit dem Auszug von Mamas Vater endeten auch die ständigen Streitereien zu Hause und Oma fand die lang ersehnte Ruhe vor dem oft alkoholisierten, sie bedrohenden Ehemann. Auch wenn ihr dadurch der Versorger abhandengekommen war, zog sie letztlich das Alleinsein vor. Endlich Frieden! Genau den hatte sie jetzt bitter nötig. Dass das nächste Malheur sich längst anbahnte, konnte sie nicht ahnen …

Das Kind – also ich – war in den Brunnen gefallen und Mamas Schwangerschaft vom Arzt bestätigt. Ich vermute, dass sie unter diesen Umständen fest daran glaubte, den Sieg gegen ihre Rivalin nun errungen zu haben. Noch aber sagte sie Dad nichts davon. Diesen Trumpf wollte sie sich aufsparen in der guten Hoffnung, dass er blieb, auch ohne davon zu wissen.

Dad ließ sie weiter im Unklaren, weswegen Mamas Stimmung, nicht nur den Hormonen geschuldet, ständig drohte zu kippen. Was in ihr heranwuchs, war der Beweis ihrer Liebe und verhieß eine gemeinsame Zukunft – einerseits. Andererseits überrollten sie Ängste, die sie nur noch hilflos machten. Am meisten graute ihr vor dem Gedanken, Dad könne sie verlassen, auch wenn er hier in Germany eindeutig Mama wollte. Sein Inneres aber spaltete sich auf in das, was er tun wollte, und dem, was die Moral ihm vorgab. Er dachte an Peggy, seine Frau. Wie zerbrechlich sie gewesen war, als sie sich ihm hingegeben hatte, vertrauensvoll, mit fünfzehn Jahren.

Im ›Mo‹ in Ingolstadt

Ach, wie schuldig er sich ihr gegenüber fühlte! Schließlich kam sie aus ärmlichsten Verhältnissen und nannte ihn Daddy. Wie könnte er sie mit ihrem gemeinsamen Kind alleinlassen? Als Junge damals in Kentucky hatte er am eigenen Leib erfahren, was es heißt, rund um die Uhr für kleine Kinder da zu sein. Keine Frau der Welt sollte allein ihr Kind großziehen müssen, schon gar nicht sein eigenes. Warum nur musste das Schicksal ihn mit diesem wunderbaren deutschen Mädchen verbinden? Seine Sentimentalitäten aber brachten ihn keinen Deut weiter.

Zeitgleich kämpfte Mama mit ihren eigenen, nicht weniger schwerwiegenden Herausforderungen. Noch immer nämlich hatte sie ihren Eltern verschwiegen, dass sie ein Kind erwartete, und das auch noch von einem Ami! Schonend würde dies sicher nicht ablaufen und genau das flößte ihr eine Höllenangst ein, vor allem wenn sie dabei an ihren Vater dachte. Spätestens dann würde ans Licht kommen, dass sie sich nicht nur seinem Verbot widersetzt, sondern ihn noch dazu belogen hatte. Fast körperlich spürte sie schon jetzt, wie arg seine Schimpftiraden auf sie niederprasselten.

Während sie darüber nachdachte, ob ihr Vater ihr gegenüber wohl handgreiflich werden würde, hatte Gott anscheinend ihre Gebete erhört: Unendlich erleichtert nahm sie zur Kenntnis, dass ihr Vater dem Zuhause fernblieb und dies bis auf Weiteres. Sich ihrer Mutter anzuvertrauen, blieb ihr indes nicht erspart. Dass damit für Oma erst einmal die ganze Welt zusammenbrechen würde, war absehbar. Doch als Mama sich ein Herz genommen hatte und ihr von der Schwangerschaft und dem Vater des Kindes erzählte, gab Oma sich erst einmal selbst die Schuld, nicht gut genug auf Mama aufgepasst zu haben. Dann aber folgte eine rasende Wut auf »die Ausländer!«, gespickt mit großem Zorn auf ihren Mann, der sie schmählich im Stich gelassen hatte. Entrüstet stampfte sie auf den Boden und polterte: »Diese Schande! Was werden die Leute sagen?! So oft habe ich dir gesagt, treib dich nicht ständig herum mit diesem Gesindel!«

Schließlich musste sie einsehen, wie sinnlos es war, sich jetzt noch darüber aufzuregen, wo es nun mal passiert war und sich nicht mehr ändern ließ. Am Ende beruhigte sie sich und ging über zum praktischen Teil. Wie sollte es nun weitergehen? Eine Schwangerschaft konnte kaum verheimlicht werden und genauso wenig konnte sie ihre Jüngste vor den Leuten verstecken. Das Wichtigste war nun, zumindest nach außen den Schein zu wahren. Grotesk daran war, dass Oma sowieso bereits der schlechte Ruf der verlassenen Ehefrau anhaftete. Wäre der Vater des Kindes wenigstens ein Deutscher, hätte das Ganze mit einer schnellen Heirat legitimiert werden können. Doch ausgerechnet einer dieser Amis musste es sein! Zumindest sah Oma sich in ihrer Haltung bestätigt, Dad nie so recht über den Weg getraut zu haben. Trotzdem machte sie sich selbst die größten Vorwürfe.

Während Oma klar wurde, dass in diesem Chaos so vieles von ihr abhing, stieg eine leise Ahnung in ihr hoch hinsichtlich ihrer Zukunft. Auch wenn sie sich mit ihren 54 Jahren in letzter Zeit recht alt fühlte, sah sie sich doch gleichzeitig dazu verpflichtet, für ihre Tochter und das Kind zu sorgen. Schließlich war Mama erst sechzehn und steckte noch mitten in der Ausbildung. Auf jeden Fall wollte sie ihrer Tochter helfen, das Kind großzuziehen. Jede andere Lösung schien ihr untragbar.

Der Entschluss war gefasst, das Kind schon zu schaukeln. Dennoch hatte sie noch das äußerst schwierige Unterfangen vor sich, ihrem Mann reinen Wein einzuschenken. Es war klar, dass er letztlich ihr die Schuld in die Schuhe schieben und sich damit ihre Selbstvorwürfe noch verstärken würden. Möglicherweise würde er sogar handgreiflich werden, was sie ja bereits erlebt hatte unter weniger gravierenden Umständen. Mama indes fand Beruhigung in ihren Gedanken an Dad und ihre Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft. Das war es allemal wert, sich dem Vater und seinem bevorstehenden Ausbruch zu stellen.

Dads Lieder klangen zunehmend schmerzerfüllt als Widerspiegelung seiner inneren Zerrissenheit. Als der richtige Moment gekommen war – und weil sie es kaum noch aushielt, das süße Geheimnis zu bewahren – gestand sie ihm, dass sie ein Kind von ihm erwartete. Dad reagierte mit Tränen der Verzweiflung und Rührung, die ihm leise übers Gesicht liefen. Dabei schlug er unaufhörlich und rhythmisch in die Saiten seiner Gitarre, bis er glasklar vor sich sah, wie eng und aussichtslos seine Lebenssituation sich zugespitzt hatte. In ein paar Monaten schon würde sein Aufenthalt in Deutschland enden. Spätestens dann würde es ihm nicht erspart bleiben, eine Wahl zu treffen. Abgesehen davon stand es ihm frei, die restliche Zeit mit Mama zu verbringen. Welcher Frau und welchem Kind er dann seine Anwesenheit schenken würde, stand noch in den Sternen. Schwarz oder rot – manchmal spielt das Leben eben Roulette.

Oma entschied, ihren Ex-Mann in Schriftform zu informieren. Seine Reaktion war heftig, wenngleich er der elterlichen Wohnung weiterhin fernblieb. Und wie erwartet waren die wüsten Beschimpfungen in seinem Brief in erster Linie an Oma gerichtet, was ihre Schuldgefühle erneut hochkochen ließ. Völlig außer sich beschimpfte er Mama zugleich als »Amihure«, ließ kein gutes Haar an ihr und noch weniger an Dad. Eine persönliche Begegnung der beiden Männer hätte sicherlich kein gutes Ende genommen.

Dies aber war erst der Anfang. Um seiner Ansicht nach noch zu retten, was zu retten war, befahl er Mamas Schwager Walter, dem Ehemann ihrer zehn Jahre älteren Schwester Waltraud, der zudem Polizist war, Dad in der Kaserne aufzusuchen. Um seinen Schwiegervater nicht noch weiter in Rage zu bringen, machte Walter sich umgehend auf den Weg nach Augsburg, um »dem Ami« zur Absicherung des ungeborenen Kindes eine schriftliche Vaterschaftsanerkennung abzuringen.

Dad in seiner Gutmütigkeit war voller Freude über Walters Besuch und spielte ihm gleich ein Lied an der Kasernenpforte. Walter aber, angesichts dieses freundlichen Empfangs völlig verunsichert, saß der wutschnaubende Schwiegervater im Nacken und so unterbreitete er Dad sein Anliegen. Und tatsächlich: Ohne mit der Wimper zu zucken, schrieb Dad auf einen Zettel: »I am the father of the baby of … Ich bin der Vater des Babys von …« Damit stand er zu dem, was er seiner Ehre und seinem Verantwortungsbewusstsein schuldig war.

Monat um Monat verging und Mamas Bauchumfang wuchs. Unter Dads Fürsorge hegte sie zwischenzeitlich keinen Zweifel mehr an einem guten Ausgang. Allen Widerständen zum Trotz war sie die Frau an seiner Seite und beobachtete amüsiert, wie die Leute heimlich hinter ihrem Rücken die Köpfe zusammensteckten, wenn sie gemeinsam in seinem Chevy die Straße entlangfuhren. Ihr war klar, dass sie sich hinter vorgehaltener Hand die hässlichsten Dinge über sie erzählten. Doch solange Dad an ihrer Seite war, ließ sie das völlig kalt. So oft seine Zeit es zuließ, holte er sie ab von der Arbeit oder der Berufsschule. Dann genossen sie nur noch ihr Zusammensein.

Von der gemeinsamen Zukunft träumend, fühlte Mama sich wohl, bis Dad ihr im siebten Monat der Schwangerschaft den Boden unter den Füßen wegzog. Seine Schiffsreise zurück in die USA war gebucht! Sekundenschnell zerplatzte damit Mamas bunte Seifenblase und sie war am Boden zerstört. Wie konnte er sie jetzt nur alleinlassen? Er wusste doch, wie sehr sie ihn brauchte! In beruhigendem Tonfall versprach Dad, zu ihr zurückzukehren, sobald er einige Dinge in den USA geregelt hätte. Bis dahin müsse sie allerdings geduldig auf ihn warten. Dabei beschäftigte sie nur ein Gedanke, nämlich dass er, einmal weg, nie mehr zurückkommen würde. Dennoch versuchte sie mit aller Kraft, Dad zu vertrauen, auch wenn sich alles in ihr dagegen sträubte. Sie selbst war eine Frau, die alles tun würde, um diesen Mann bei sich zu halten. Deshalb traute sie der Fremden im fernen Amerika auch keinen Millimeter.

Ihre Vorstellung, dass Dad bald für immer bei ihr sein würde, verlieh ihr eine gewisse Zuversicht, die sich zunächst in Luft auflöste, bis der Abschied unmittelbar bevorstand. Den unerträglichen Abschiedsschmerz der letzten Stunden mit Dad erlebte sie betäubt wie in einer Trance. Erneute Erklärungsversuche, hilflos wiederholt, sein Versprechen, zu ihr zurückzukehren, große Erschöpfung, ein letztes Mal in seinen Armen. Mit versunkenem Blick in ihre tränennassen Augen küsste er sie sanft auf den Mund, liebkoste ihr Gesicht und verabschiedete sich endgültig, bis er sich von ihr losriss. Damit landete Mama ziemlich unsanft in der rauen Wirklichkeit. Mit einem amerikanischen »Goodbye« drehte Dad sich noch einmal um und sah ihr ein letztes Mal in die Augen.

Kurz vor Dads Abschied

»Our baby is a girl – Unser Baby ist ein Mädchen«, sagte er leise, »and her name will be Belinda. – und ihr Name wird Belinda sein.«

Nun stand Mama auf der Straße. Dad hatte sie verlassen. Selbst die schmetterlingsflügelhaften Bewegungen des neuen Lebens in ihrem Bauch vermochten nicht, sie darüber hinwegzutrösten. Völlig auf sich gestellt, fühlte sie sich einsamer als je zuvor. In wirren Gedanken völliger Hilflosigkeit schien ein Leben ohne Dad ihr jetzt nur noch sinnlos und ohne Wert. Dass ihr nun bald auch noch die Geburt ihres Kindes bevorstand, ohne ihn bei sich zu wissen, überforderte sie vollends. Was, wenn er nicht zurückkäme? Konnte sie die alleinige Verantwortung für ein Kind tragen mit ihren erst siebzehn Jahren?

Nach damaligen Moralvorstellungen war sie »von einem Ami geschändet«. Mit Dad an ihrer Seite wäre ihr das egal gewesen, aber ohne ihn verlor sie jede Selbstsicherheit. Jetzt hasste sie es, wenn die Leute hinter ihrem Rücken mit dem Finger auf sie zeigten und sie »Amihure« nannten. So bekam sie nun schmerzhaft zu spüren, dass kein anderer Mann sich mit so einer abgeben würde.

»Ich bin erledigt!«, dachte Mama verzweifelt, während sie ihr Gesicht in beide Hände legte. Schließlich begegnete sie auch denen misstrauisch, die ihr eigentlich wohlgesonnen waren, während die tiefe Angst, verachtet zu werden, zum Grundtenor ihres Lebens wurde. Übertrug sich dies auf das ungeborene Leben, auf mich? Tatsächlich bekam ich schon als Kind die Verachtung anderer zu spüren, als niemand mit mir spielen wollte. Lehrer sahen in mir meist nur einen »Störfaktor«. Auch später als Erwachsene hatte ich ständig das Gefühl, vor allem von Autoritätspersonen beziehungsweise Menschen, die ich zu solchen machte, abgelehnt zu werden. Dem lag sicherlich meine tiefe Selbstablehnung zugrunde, mit der ich bereits in der Schwangerschaft konfrontiert war.

In den Wochen und Monaten nach der Trennung spaltete sich Mamas Empfinden Dad gegenüber in zwei widersprüchliche Stimmungen: Wenn sie an Dads Rückkehr glaubte, freute sie sich auf das gemeinsame Kind; war sie wütend auf ihn, wünschte sie es sich fort aus ihrem Bauch. Liebte er sie noch? Bedeutete sie ihm so viel, dass er zurückkommen würde? Oder hatte er sie bereits vergessen, seit sein Kind in Kentucky geboren war? Amerika lag so unendlich weit entfernt. Dass von Dad weder ein Zeichen noch ein Brief kam, rechtfertigte Mama mit allem Möglichen. Die Ungewissheit darüber öffnete düsteren Vorahnungen Tür und Tor. Täglich spürte sie fast körperlich, wie Dad sie das letzte Mal in seinen Armen gehalten hatte, was ihr einen gewissen Trost spendete. Die bodenlose Trauer über die Trennung jedoch blieb. Mamas Blick in ihre nähere Zukunft war alles andere als rosig.

Endlich – die Lehrzeit als Verkäuferin war geschafft und Mama auf dem Weg zur Berufsschule, um sich ihrer letzten Prüfung zu stellen. Konzentriert ging sie die Fragen ihres Prüfungsbogens durch. Dabei kam Mama ihr Talent zugute, Ablenkungen einfach auszublenden. Mir wollte dies nie so recht gelingen. Trotz der Belastung erzielte Mama ein ausgezeichnetes Prüfungsergebnis. Umso trauriger blickte sie danach über den Vorplatz des Schulgebäudes, behäbig und mit dickem Bauch. Ach, wie schön wäre es doch, wenn jetzt mein Liebster dort drüben stehen und mich anstrahlen würde wie damals, dachte sie wehmütig. Die Trauer in ihrem Blick verriet, dass da niemand war.

Es war ein heißer Sommer damals Ende September im Jahr 1961 und Mama war erschöpft. Sie erschrak, als eine Schmerzwelle die erste Wehe ankündigte, beobachtete ängstlich und unbeholfen, was in ihr vorging, und begab sich ins Krankenhaus.

Während Wehe um Wehe durch ihren Körper jagte und ihr der Schweiß am Körper klebte, wünschte sie sich nichts sehnlicher, als dass Dad bei ihr wäre. Die Strapazen der sich über viele Stunden hinziehenden Geburt waren enorm. Das aber war kein Wunder, brachte ich doch – gesund und munter endlich da – satte neun Pfund auf die Waage. Mama erlebte meine Geburt als traumatisch, was sie später dazu veranlasste, mir meinen Kinderwunsch gründlich zu vermiesen. Mama sinnierte: War ihre große Lust auf Süßigkeiten, der sie während der Schwangerschaft unbeherrscht nachgegeben hatte, die Ursache für mein Gewicht? Hatte Dads Abwesenheit bewirkt, dass ich mich nur schwer aus Mamas Bauch lösen konnte? Sicherlich hätte er beruhigend auf uns beide gewirkt. Doch es war, wie es eben war. Mama musste mit denen vorliebnehmen, die ihr zur Verfügung standen: ein Arzt, eine Hebamme und die diensthabenden Schwestern. Auf der Wöchnerinnenstation des Krankenhauses blickte sie in Gedanken versunken von ihrem Bett aus durch das Fenster in die Ferne. Schmerzerfüllt sehnte sie sich dabei nach Dad. Ihr Wunsch, dieses Kind mit ihm gemeinsam großzuziehen, war zu diesem Zeitpunkt unermesslich.

Für mich jedenfalls hatten die Strapazen sich gelohnt. Betrachte ich die Schwarz-Weiß-Bilder von damals, empfinde ich Mitgefühl mit diesem deutsch-amerikanischen Mix, den neugierigen Kulleraugen, dem staunend geöffneten Schmollmund und lockigem Schopf, der sich gen Himmel richtet, als wäre er noch mit dem Universum verbunden.

Auch wenn sie anderer Meinung war, schien Mama sichtlich gemacht fürs Kinderkriegen. Hätte sie sonst Milch im Überfluss produziert und damit ein noch weiteres Neugeborenes miternähren können, dessen Mutter nicht so gesegnet war? Eines Nachmittags, während Mama sich im Krankenhaus von der Geburt erholte, klopfte es an der Tür und es erschien Dads Armeekollege, womit sie überhaupt nicht gerechnet hatte. Dieser Besuch überraschte sie so sehr, dass sie fast aus dem Bett gefallen wäre. In Dads Auftrag überreichte der Mann ihr eine kleine, schwarze Puppe. Mama war überwältigt und begann bitterlich zu weinen. »For his little girl – Für sein kleines Mädchen«, hörte sie den Soldaten sagen. Dad hatte also an mich gedacht und nannte mich »sein kleines Mädchen« – welch liebevolle Geste! Die schwarze Puppe nannte Mama fortan »Peggypuppe«, ohne sich groß Gedanken darüber zu machen.

So sehr Oma von Beginn an gegen die Verbindung mit Dad gewesen war, konnte sie doch nachempfinden, was in Mama vorgehen musste. Schließlich war sie selbst Mutter und besaß Erfahrung in solchen Dingen. Deshalb hatte sie oft darüber nachgedacht, wie sich wohl alles entwickeln würde nach der Geburt. Irgendwann kam sie zu dem Schluss, nicht weiter auf Mama einwirken zu wollen, indem sie ihre Liebe zu Dad schlechtredete. In praktischer Hinsicht wollte sie Mama künftig unterstützen, so gut sie konnte. Nicht nur deshalb hing ich schon früh stärker an Oma als an Mama. Auch Mamas Entscheidung, binnen kurzer Zeit wieder arbeiten zu gehen, trug wesentlich dazu bei. Unablässig wartete sie auf Dads Rückkehr, insgeheim darauf hoffend, ihn eines Tages wie früher dort vorfahren zu sehen, wo sie arbeitete. Oft weinte sie sich dann abends in den Schlaf und überließ es Oma, sich um mich zu kümmern. Oma wiederum opferte ihr Berufsleben und nahm es hin, dass die Fürsorge – heute das Jugendamt – meinetwillen kontrollierte, ob alles mit rechten Dingen zuging. Als volljährig galt man damals erst im Alter von 21 Jahren. Mama aber stand erst sieben Monate vor ihrem achtzehnten Geburtstag. Für meine Geburtsurkunde gab sie an »Vater unbekannt«. Ich vermute, sie wollte Dad damit schützen, denn er stand nach wie vor zu seiner Vaterschaft, wie die zehn Dollar monatlich, die er ihr während meines ersten Lebensjahres zukommen ließ, deutlich machten. Auf eine offizielle Vaterschaftserklärung legte sie keinen Wert. Vielmehr versuchte sie, seine Situation zu verstehen, auch wenn sie sich nicht erklären konnte, warum außer des Geldes kein Lebenszeichen von ihm kam. Immer noch stand sie treu zu ihm und fragte sich, ob Dad weiterhin genauso für sie empfand. Während sie nachts zum Mond blickte und sich vorstellte, Dad würde dasselbe tun, fühlte die Verbindung zu ihm sich an wie Magie, während ein sanftes Schaudern durch ihre Glieder fuhr. Das bestärkte sie, Dads Abschiedsworten auch weiterhin zu vertrauen. Sie musste einfach geduldig sein. Eines Tages würde er vor ihr stehen! Es dauerte eben seine Zeit, bis er die Dinge in den USA geklärt hatte, die ihm wichtig waren. Ganz bestimmt würde sie bald reich belohnt werden, für die harte Zeit des Wartens.

Viele gut gemeinte Belehrungen prallten an Mama ab. Von Dad lassen würde sie aber nie, schon gar nicht zugunsten irgendeines anderen Mannes. »Gescheit und hübsch, wie du bist, würde dich vielleicht doch noch ein Mann aus gutem Hause heiraten. Ob’s trotz des Kindes noch für einen Beamten reicht, wird sich zeigen.«

Genervt widerstand Mama solchen und ähnlichen gut gemeinten Ratschlägen aus ihrem Umfeld und erstickte jegliche Anbandelungsversuche, noch bevor sie begonnen hatten. Fraglos hinterließ dies seine Spuren. Um Dads Willen aber blieb sie in der selbst gewählten Einsamkeit, indem sie sich der Männerwelt strikt entzog.

Ein Jahr nach Dads Rückkehr in die USA musste Mama sich eingestehen, dass die Erinnerung an ihn zu verblassen drohte. Die Enttäuschung aber wuchs. Wie konnte sie auf lange Sicht einem Menschen vertrauen, von dem sie nichts zurückbekam? War sie für ihn noch von Bedeutung? Konnte sie nach so langer Zeit noch auf ihn zählen? Bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt …

Eine Vielzahl von Fotos, fein säuberlich in ein Album geklebt, dokumentierten mein erstes Lebensjahr. Wie um die Verbindung zu meinem Vater zu manifestieren, schrieb sie unter jedes einzelne der Fotos »Belinda Lee«. Damit erwies sie dem Nachnamen meines Vaters alle Ehre. Wie gut gelaunt sie dabei war, diese scheinbar magische innere Verbindung so zu nähren! Das jedenfalls unterstützte sie immens, ihren »American Dream« weiter am Leben zu erhalten.

Eines Tages flatterte tatsächlich dann doch ein Brief von Dad ins Haus und Mamas Hände zitterten, als sie ihn öffnete. Mit bittersüßem Schmerz las sie, dass Dad genauso unter der Trennung litt wie sie. Würden sie sich bald wiedersehen? Obwohl er sie auf immer und ewig lieben würde – er nannte sie »Honey« –, sah er sich aktuell außerstande zurückzukehren. Am Ende bat er sie um ein Foto von mir, »his sweet little girl – seinem süßen kleinen Mädchen«. Aufgewühlt und tränenüberströmt ließ Mama dabei ihren Gefühlen freien Lauf.

Wenn Dad sie auch weiterhin völlig im Unklaren ließ, bejahte Mama doch seinen Wunsch nach einem Bild von mir. Vielleicht würde ihn das sogar umstimmen? Ihr nun entfachter Ehrgeiz trieb sie sogar dazu, Dad einen Brief in Englisch zu schreiben. Da sie dieser Sprache kaum mächtig war, suchte sie jedes einzelne Wort, das sie ihm sagen wollte, aus einem Wörterbuch heraus und verfasste einen Text, hinterlegt mit der ganzen Liebe, die sie für ihn empfand. Am Ende hielt sie ihr mühsam verfasstes Werk in den Händen und steckte die ordentlich gefalteten Blätter in den Luftpostumschlag, bevor sie ein aktuelles Foto von mir hinzugab, um den Umschlag dann endgültig zu verschließen. Allein die Vorstellung von Dads überraschtem Gesicht ließen ihre Wangen glühen, während ihre Augen leuchteten. Um nicht unnötig Zeit zu verlieren, trug sie den Brief umgehend zur Post. Angefüllt mit neuer Hoffnung war Mama nun auch weiterhin bereit, ihm die Zeit zu gewähren, die er offenbar brauchte.

Hin und wieder ließ Oma sich dazu hinreißen, eine düstere Vorahnung zu äußern, die allerdings an Mama abprallte wie ein zerknülltes Stück Papier. Seit Dads Lebenszeichen war sie gut gelaunt und freute sich auf seine nächste Post. Der Brief aus den USA, den der Postbote einige Wochen später brachte, kam aber nicht von Dad! Nach einem Blick auf den Absender wusste Mama gleich, wer ihr diesen Brief geschickt hatte. Es war Peggy, Dads Ehefrau! Mit einem »Ratsch« durchzog Mamas metallener Brieföffner den Luftpost-Umschlag mit der unbekannten Schrift. Darin fand sie das Foto, das sie Dad geschickt hatte, gewaltsam verschmiert durch einen Kugelschreiber. Auf der Rückseite des Fotos stand: »It’s your baby, not Georgies baby! – Das ist dein Baby, nicht Georgies Baby!« Der Brief selbst enthielt eine eindeutige Warnung: Sollte Mama es wagen, weiteren Kontakt zu ihrem, Peggys, Ehemann zu pflegen, würde sie kommen und ihr die Augen auskratzen.

Außer sich vor Wut entfuhr Mama ein gellender Schrei. Was bildete diese blöde Kuh sich eigentlich ein? Mit Tränen der Verzweiflung in den Augen fand Mama, dass diese Frau doch überhaupt keine Ahnung hatte von »ihrem« Mann. Sie allein wusste, wie es um ihn stand. Er liebte nur sie!

»Ich kann mir vorstellen, wie sie ihn zu manipulieren versucht!«, rief Mama laut. »Warum kann sie ihn nicht einfach gehen lassen?« Ihre Eifersucht machte sie blind dafür, dass Peggy sich in der gleichen Lage befand wie sie selbst. Jetzt blieb ihr nur, gegen die maßlose Angst anzukämpfen, ihn womöglich doch an die andere verloren zu haben. Würde sie Dad jemals wiedersehen? Wie nur war dies alles zu ertragen?

Doch Zeit heilt alle Wunden, heißt es, was auch für Mama galt. Das Leben setzte sich einfach fort, während die Realität ihre Träume und Hoffnungen wieder und wieder Lügen strafte. Auch wenn Gras über eine Sache gewachsen ist, bleibt etwas zurück. Das Ende der ersten großen Liebe bedeutet Trauer und Schmerz und wenn diese Gefühle beiseitegeschoben werden, hat das Einfluss aufs ganze weitere Leben. Der Versuch, ihre Liebe durch ein gemeinsames Kind zu krönen, war missglückt, doch ich bin am Leben! Ich habe dieses Schicksal getragen, bis ich erkannte, dass es zu mir gehört und ich unschuldig bin. Wenn wir uns bewusst darüber sind, was läuft, sind wir in der Lage, es anzunehmen und unser Schicksal zu beeinflussen. Mama scheute es, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Ihr Schmerz war zu groß. So zog sie es vor, ihn einfach zu ignorieren.

Nach meinem zweiten Geburtstag kam ein weiterer Brief von Dad und sorgte für erneuten Wirbel. Während Mama versuchte, die Zeilen einzuordnen, wich jegliche Vorfreude aus ihrem Gesicht, die sie noch beim Öffnen des Briefumschlags empfunden hatte. In auffällig sachlichem Ton schilderte er ihr, wie sehr ihm an seiner Frau gelegen war. Dass er glaubte, Mama zu lieben, wäre einer klaren Täuschung entsprungen. Das wisse er jetzt. Deshalb wäre sie für ihn nichts weiter gewesen als eine Affäre. Mama schauderte ob dieser eiskalten Worte. Hatte sie sich so in ihm getäuscht? War sie tatsächlich nie mehr für ihn gewesen als ein Ersatz für seine Frau in den USA, die er wahrhaft liebte? Mit den distanzierten Worten »Good luck for you and your baby – Viel Glück für dich und dein Baby« beendete Dad seinen Brief, womit er deutlich machte, dass er auch mich nicht mehr als ihr gemeinsames Kind zu sehen gedachte. Ihr Glück zu wünschen, wirkte auf Mama wie blanker Hohn. Die Härte in seinen Worten entzog ihr jegliches Fundament. Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr wuchs in ihr die Gewissheit, dass Dads Worte nie und nimmer seiner Wahrheit entsprungen sein konnten. Zweifelsohne hatte Peggy ihn unter Druck gesetzt! Durch sie war Dad gezwungen, diesen Brief zu schreiben!

Für Mama war also Dads Frau die Übeltäterin und Dad das hilflose Opfer. Nie würde er sie so einfach sitzenlassen! Diese böse Frau ist schuld. Sie zwang ihn dazu! Er konnte nichts dafür. So würde Dad ihr in guter Erinnerung bleiben. Ohne sich darüber bewusst zu sein, hatte sie ihn damit nicht nur aus der Verantwortung für sich entlassen, sondern auch für sein Kind.

Seit ich denken kann, wurde mir erzählt von meinem Vater im fernen Amerika. Und während Mama mir die Fotos zeigte, spürte ich ihren Schmerz, den ich nicht lindern konnte. Mal brav, mal hibbelig versuchte ich deshalb, die Situation zu entspannen oder aufzulockern. Innerlich aber zog ich mich mehr und mehr zurück, um niemandem lästig zu sein. Trotzdem wurde mir immer intensiver gewahr, dass allein meine Anwesenheit Leid auslöste bei anderen. Dazu gehörte, dass Oma nur einer geringfügigen Beschäftigung nachgehen konnte, um zu Hause auf mich achtzugeben. Noch offensichtlicher verspürte ich diese Einschränkung bei Mama. Wirklich willkommen fühlte ich mich weder im Kinderhort noch bei Verwandten und noch weniger in einer Pflegefamilie, die mich vorübergehend tagsüber bei sich aufnahm, um vermutlich Oma etwas Luft zu verschaffen. Omas Versuch, dies wettzumachen durch Verwöhnung, wirkte nur kurzfristig. Mein Gefühl, nur eine Belastung für andere zu sein, konnte sie mir damit nicht nehmen. Wo war mein Platz? Warum wurde ich so herumgeschoben und warum musste ich mich ständig beeilen, wenn ich abgeholt wurde, obwohl ich doch so gerne fertig gespielt hätte?

Mit der Zeit lernte ich, mich den Gegebenheiten anzupassen, ganz nach Omas Vorbild. Hinzu kam Omas gefühlte Verpflichtung, auch noch ihre eigene Mutter zu umsorgen und zu pflegen, als dies unumgänglich wurde. Das verschärfte die Gesamtsituation, auch wenn Uroma gleich ums Eck wohnte. Auf mich wirkte diese Frau recht herrisch neben ihrem Gehstock, mit dem sie nervös herumzufuchteln pflegte und allen damit einen Heidenrespekt einflößte. Dennoch versammelten Onkel Alfred – Omas Bruder –, Oma und ich uns täglich bei ihr vor der Tagesschau. Sagte der Sprecher »Bonn», war dies Omas Stichwort aufzustehen, um mich nach Hause zu bringen. Bald aber wuchs ihr alles über den Kopf und sie veränderte sich. Das merkte ich daran, dass sie unzählige Male am Tag zum Fenster unseres kleinen Wohnzimmers lief, um zu überprüfen, ob eine bestimmte Nachbarin aus dem Fenster des gegenüberliegenden Hauses zu uns herübersah. Wenn sie sie dort erblickte, ergoss sie sich in Schimpftiraden. »Siehst du«, wandte Oma sich dann triumphierend an mich, »da steht sie schon wieder und schaut, wie sie bei uns einbrechen kann!« Was genau Oma damit ausdrücken wollte, blieb mir zu jener Zeit noch verborgen. Heute weiß ich, dass sie sich damals geplagt fühlte von vielen Ängsten. Wie viele andere der Kriegsgeneration fürchtete sie sich davor, eines Tages ohne Geld dazustehen. Deshalb war sie auf Habacht, dass Einbrecher ihr nicht auch noch das Wenige nahmen, das sie besaß. Vermutlich galt die von ihr empfundene, vermeintliche Bedrohung sogar ihrem Leben. Omas Blick in die Zukunft war ängstlich. Gefangen in ihrem Lebenskampf war ihr nicht bewusst, wie ihr Verhalten mich langfristig beeinflussen würde. In solch schrägen Momenten jedenfalls war sie mir unheimlich. Die Energie der Angst drang ungefiltert in mich ein, ohne dass sich mir die geringste Chance bot, sie wieder loszuwerden. Sich als Kind aber vor den Menschen zu fürchten, von denen man abhängig ist, schafft Misstrauen und zerstört das Urvertrauen. Fatalerweise war es für mich Normalität, dass meine Angst sich mit der ihren mischte – Tag für Tag, über viele Jahre.

Nachdem Mama die Entscheidung getroffen hatte, lieber tanzen zu gehen als einer sinnlosen Liebe hinterherzutrauern, stand ihre Freundin parat. Diese neu erblühte Lebenslust kam Oma wie gerufen und sie begann, neue Zukunftspläne für ihre Tochter zu schmieden. Dazu gehörte, dass sie sie ermahnte, neben ihrer »Weggeherei« mich nicht zu vergessen, schließlich wäre sie meine Mama und nicht Oma. Mama indes ließ sich nicht dabei stören, ihre langen Wimpern mit Tusche noch zu verschönern. Nur kurz wendete sie ihren Blick ab vom Spiegel.

»Mutti, die ganze Zeit redest du davon, dass ich mir einen Mann suchen muss, solange ich noch jung und attraktiv bin. Genau das mach ich jetzt!« Derart geschickt gekontert, wusste Oma nichts mehr zu sagen und schwieg. Diesem Argument hatte sie wohl nichts mehr entgegenzusetzen.

Galant stöckelte Mama von der Bushaltestelle bis zum Tanzlokal und schon von Weitem erkannte sie ihre Freundin, die sich durch aufgeregtes Winken bemerkbar machte. Kaum hatten sie das Lokal betreten und sich an einen Tisch gesetzt, erregte Mamas Erscheinung die Aufmerksamkeit der anwesenden Männer. Als befänden sie sich auf einer Werbeveranstaltung versuchte einer nach dem anderen, sie zum Tanzen zu bewegen, mit ihr zu flirten oder zumindest in ihrer Nähe zu sein. Sobald sie aber ihr Kind erwähnte, erlosch das Interesse ihrer Tanzpartner so schnell, wie es aufgeflammt war. Selbst Mamas Schönheit konnte die Befürchtung der jungen Herren nicht wettmachen, einen schlechten Ruf zu kassieren und obendrein ein Kind, noch dazu ein fremdes. Grundsätzlich war in der damaligen Zeit eine Frau mit unehelichem Kind gebrandmarkt wie eine Kuh auf der Weide. Dennoch bestätigten Ausnahmen die Regel, wie das Interesse eines jungen Mannes zeigte, der nichts auf das Gerede gab und ihr hartnäckig den Hof machte. Er zeigte sich sogar gespannt auf »das kleine Mädchen«, das bestimmt so süß war wie seine Mutter. Zuvorkommend und freundlich versprühte er seinen Charme und erzählte Mama stolz, als Geiger in einem Orchester zu spielen. Misstrauisch suchte sie den Haken und als sie keinen fand, wurde sie noch argwöhnischer.

Wir machten Ausflüge zu dritt und fühlten uns wohl. Anstatt sich aber über seinen Heiratsantrag zu freuen und ihn dankbar anzunehmen, zeigte Mama keine Reaktion. Als sie nach einiger Zeit merkte, dass ihr an diesem Mann etwas Grundlegendes fehlte, lehnte sie den Antrag ab. Schweren Herzens akzeptierte er ihre Entscheidung und zog von dannen. Später erzählte Mama mir, dass sie es auf Dauer nicht hätte ertragen können, einen Mann um sich zu haben, der sie so gut behandelte. Mit Strenge und Härte konnte sie umgehen. Ein liebevoller Umgang hingegen, war ihr nicht geheuer.

Viele Frauen, die mit einem sehr strengen Vater aufgewachsen sind, suchen eine ähnliche Dynamik in späteren Partnerschaften. Dies geschieht instinktiv, indem sie sich nur von derlei Männern angezogen fühlen, die ihnen nicht guttun, mit dem Vorsatz, ihn zu verändern. So wollen sie stellvertretend den Vater vielleicht doch noch dafür gewinnen, gut zu ihnen zu sein.

In der Erwartung, ihr Sorgenkind bald unter der Haube zu haben, war Oma sehr enttäuscht, als Mama die Verbindung zu dem liebenswürdigen Geiger löste. Oma mochte ihn und obwohl er Künstler war wie ihr Ex-Mann – in ihren Augen ein brotloses Unterfangen –, als Schwiegersohn wäre er ihr durchaus willkommen gewesen. Andererseits wusste sie aus eigener Erfahrung, was Mama mit »zu gut« meinte. Auch sie hatte schließlich einen Mann geheiratet, der nicht gerade zu den einfühlsamsten Menschen gehörte. Im Gegenteil! Er war aufbrausend, besonders unter Alkoholeinfluss. Am Ende wurde sie von ihm tätlich angegriffen. Deshalb war sie froh, ihn endlich aus dem Haus zu haben. So sehr sie ihn anfangs bewundert hatte, so viele Sorgen hinterließ er ihr. Jahrelang hatte sie seine Haushälterin gespielt, bis sie für ihn an Wert verlor. Jetzt hatte er ja wieder eine Dumme gefunden! Auch Oma war mit einem Vater aufgewachsen, der noch herrischer gewesen war als ihr Mann.

Als ich mit vier Jahren endlich alt genug war, den Kindergarten zu besuchen, wurde es für Oma etwas leichter und sie freute sich darauf, wieder in der Milchbar zu arbeiten. »Sag niemandem, dass dein Vater Ami ist! Das ist eine Schande!«, warnte sie mich seitdem regelmäßig. Beschäftigt mit sich und ihrem Alltag, verschwendete sie keinen Gedanken daran, mit welcher Botschaft sie ihre Enkelin damit infiltrierte und in die Welt schickte. Vordergründig ging es dabei wohl um ihre Schuldgefühle, die aufzuflammen drohten, sobald sie das Gefühl hatte, dass die Leute mit dem Finger auf sie zeigten. Ich aber dachte nicht daran zu gehorchen – ganz im Gegenteil. Mit stolz erhobenem Kopf verbreitete ich meine eigene Botschaft.

»Mein Vater ist ein Ami und meine Mama ein Engel!« Davon war ich überzeugt, deshalb konnte mich auch niemand davon abbringen. Für manche wäre es wohl folgerichtiger gewesen, wenn Dads Abwesenheit mich eher wütend gemacht hätte denn stolz. So gesehen fanden andere meine Haltung äußerst suspekt. Doch auch wenn es mich schmerzte, andere Kinder mit ihren Papas zu sehen, blieb Dad für mich der liebste und außergewöhnlichste Mensch, den die Welt je gesehen hatte. Als fester Bestandteil meines Lebens gehörte er zu mir. Dass er physisch nicht anwesend war, spielte dabei für mich keine Rolle. Wir beide waren einfach ganz besonders, unabhängig davon, ob es den anderen gefiel oder nicht.

Im katholischen Kindergarten gestaltete sich der Umgang mit den überaus strengen Klosterschwestern, die unbedingten Gehorsam forderten, äußerst schwierig. Deshalb fand ich mich schon bald ständig in Situationen wieder, die blitzartig eskalieren konnten. Wer oder was auch immer der Anlass dazu gewesen sein mochte, ging ich auf ein Kind los, um ihm das Kleid vom Leib zu reißen. Da dies als komplett unkatholisch galt, wurde ich dazu genötigt, meine Mittagsruhe in dem ziemlich hohen Bett der Schwester Oberin zu verbringen. An der sich auf dem Bettlaken sich ausbreitenden Nässe war bald nicht mehr zu übersehen, dass ich meinen Gefühlen freien Lauf gelassen hatte. Von der Schwester Oberin aber wurde dies eingestuft als »abgrundtief böse von mir«. Damit hatte ich zumindest erreicht, diesen Ort des Schreckens bald wieder verlassen zu dürfen.

Das nächste Unglück ließ allerdings nicht lange auf sich warten. Auf meinem Nachhauseweg vom Kindergarten erfasste mich ein großes, gelbes Postauto. Dabei hatte ich Glück im Unglück und trug nur eine Platzwunde am Kopf davon, die im Krankenhaus versorgt werden musste. Voller Stolz lief ich nun herum mit einem Kopfverband, der mir das Gefühl gab, als wäre ich eine Königin! Nachdem ich bei diesem Unfall noch glimpflich davongekommen war, trieb es mich geradewegs ins nächste Unglück, das passierte, als ich übermütig zappelnd auf dem Gepäckträger von Mamas Fahrrad saß. Um nicht mit den Füßen in die Speichen zu geraten, musste ich meine Beine spreizen. Kindersitze gab es damals nur selten und dann waren sie angebracht an der Lenkstange. So etwas Modernes aber hatten wir nicht. Jedenfalls verfing mein rechter Fuß sich in den Speichen und ich landete erneut in der Klinik. Diesmal bekam ich einen Fußverband.

Der Wechsel vom katholischen in den evangelischen Kindergarten bescherte mir meinem Gefühl nach den Himmel auf Erden. Wie freundlich es dort zuging! Sogar die Kinder waren netter zu mir. Deshalb konnte ich es vom ersten Tag an kaum erwarten, bis Oma mich dort ablieferte. Von unserem Haus nämlich lag er zu weit entfernt, als dass sie mich hätte allein losschicken können.

Am allerliebsten saß ich dort auf der Schaukel im Garten. Während ich schaukelte, so hoch ich nur konnte, träumte ich von meinem Daddy, weit weg über dem Atlantik. In meiner Fantasie galt er als sehr wichtiger Mann mit vielen Aufgaben. Deshalb hatte er mich auch nicht vergessen. Es war eher so, dass er zu mir kommen würde, wenn er mit dem Wichtigen fertig war. Ich glaubte, dass ich einfach nur geduldig auf ihn warten musste. Dann sah ich zum Himmel und erblickte den lieben Gott, wie er auf seiner Couch saß und die Welt regierte. Wie oft hatte Oma mir davon erzählt, dass Gott alles sah! Doch wo genau befand er sich da oben? Wie weit reichte der Himmel und wo begann Amerika? Konnte der liebe Gott tatsächlich sehen, wo Dad war?

Zielstrebig liebäugelnd mit einem höheren Gehalt und einer sitzenden Tätigkeit belegte Mama neuerdings einen Schreibmaschinenkurs und wurde belohnt. Als künftige Kontoristin einer renommierten Firma verabschiedete sie sich von ihrer verständnisvollen Chefin im Tante-Emma-Laden, nahm sie noch einmal in den Arm und sah ihrem Neuanfang optimistisch entgegen.

Zu dieser Zeit im Sommer – ich war etwa vier Jahre alt – traf sie sich mit einem etwas jüngeren Mann, der mir sehr sympathisch war. Nicht nur seine schönen, dunklen Augen signalisierten, dass er mich ehrlich mochte, sondern auch seine interessierten Fragen. Er schenkte mir einen kleinen schwarzen Stoffhund, den ich wie meinen Augapfel hütete. Leider war auch dieser Mann offenbar zu lieb für Mama, aber ein anderer namens »Gerald« stand bereits in den Startlöchern. Er fuhr einen hellblauen VW Käfer und kochte gut. Seltsam, dass mir nicht mehr von ihm in Erinnerung blieb, obwohl Mama fünf Jahre mit ihm zusammen war.

Es war das Jahr 1965, als Mama seit kurzem in ihrem ersten, kleinen Appartement wohnte, während ich bei Oma blieb. Kam Mama mich besuchen, stand ich zeitig auf der Straße, hielt sehnsüchtig nach ihr Ausschau und lief auf sie zu, sobald ich sie erblickte. Ganz egal, ob wir zu ihr nach Hause fuhren, einkaufen gingen oder in die Stadt – mir war alles recht. Am sichersten aber fühlte ich mich in Omas Nähe – trotz ihrer Angst.

Meine ständige Suche nach einer Freundin klappte nie und ich fragte mich, was eigentlich mit mir nicht stimmte. Woran lag es, dass andere Kinder nicht mit mir spielen wollten? Schlussendlich blieb mir nur, an eine Mauer gelehnt, die anderen zu beobachten, oder traumverloren und allein mit meinen Barbiepuppen draußen auf einer Decke zu spielen. Mit ihnen spielte ich »heile Familie«. Irgendwann jedoch tauchten immer öfter ein paar Jungs auf, deren größte Freude es war, mir Angst einzujagen. Welchen Spaß bereitete es ihnen, wenn ich vor ihnen wegrannte und »Oma! Oma!« rief! Trotzdem genoss ich die Abwechslung auf dem Spielplatz. Mit Oma allein daheim fand ich es langweilig. Deshalb machte ich mich erst auf den Nachhauseweg, wenn es dunkel wurde. »Komm nach Hause, wenn die Lichter brennen«, war Omas einziges Gebot damals. Ansonsten überließ sie mich meinem immensen Freiheitsdrang.

Mein erster Schultag sollte etwas Besonderes sein – einerseits. Andererseits wurden mir, um für den »Ernst des Lebens« gerüstet zu sein, gleich noch die Haare kurz geschnitten. So stand ich da wie ein gerupftes Huhn, mit der Schultüte im Arm, während der Fotograf mich aufforderte zu lächeln. Fest eingebrannt in mir hatte sich, wie ein Mädchen in meiner Klasse pausenlos nach seiner Mama schrie. Dabei war mir unbegreiflich, wie man so lange so laut schreien konnte. Von der Tafel allerdings war ich fasziniert und noch mehr von dem, was die Lehrerin mit quietschender Kreide darauf schrieb.

Wissbegierig, wie ich war, gefiel es mir, Neues zu lernen. Dass ich allerdings ab jetzt nicht mehr sagen durfte, was ich wollte, fand ich weniger lustig. Mir den Mund verbieten lassen wollte ich definitiv nicht. Einmal, in der dritten Klasse, musste ich mich zur Strafe in die Ecke stellen, nur weil ich in der Pause lieber im Regen stand als mich unterzustellen. Wieso, blieb mir ebenfalls ein Rätsel. Warum verstand hier keiner, wie schön es war, in der Mitte des Hofes zu stehen und vom Regen pitschnass zu werden?

Was Gerald anging, hatte Mama sich zu früh gefreut, denn als er beschlossen hatte, Mama zu heiraten, funkte seine Mutter kräftig dazwischen. »Du wirst doch wohl nicht eine Frau heiraten wollen, die ein uneheliches Kind hat von einem Ami!«, rief sie. Und der brave Gerald gehorchte. Damit war die Beziehung beendet und Mama wieder ohne Mann.

Mit immenser Lust auf Neues und intelligent schrieb ich gute Noten, auch wenn es mir schwerfiel, mich über eine längere Zeitspanne nur einer Sache zu widmen. Da ständig Fragen aus mir heraussprudelten, empfanden die Lehrer mich bald als Störenfried. Sie wollten lieber in Ruhe ihren Stoff durchziehen als sich mit so neugierigen Kindern wie mir auseinandersetzen. Trotzdem fragte ich weiter. Das führte zu dem wunderbaren Nebeneffekt, dass ich endlich wahrgenommen wurde. Ob das den Lehrern gefiel oder nicht, war mir egal.