Sagen was ist - Julia Bonk - E-Book

Sagen was ist E-Book

Julia Bonk

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Beschreibung

Die Biografie versammelt Ansichten und Haltungen, die die Autorin in sechzehn Jahren gesellschaftlicher Tätigkeit gewonnen hat. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Zustand des politischen Systems: für Julia Bonk gibt es eine Legitimitätslücke, die sich aus dem Stellenwert der Parteien ergibt. Auch gibt sie Antwort auf die Frage, wie es ist, als ganz junger Mensch Politik zu machen. Zudem ist in der vorliegenden Schrift Platz gefunden für einige persönliche Worte zum Geschehen.

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Seitenzahl: 65

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

„Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit“

Going with the stars

„Auf einem Wahlplakat würde Julia sich gut machen“

„10.000 Schüler/innen auf der Straße gegen Krieg“

„Rot ist sinnlich“

„Schöner leben ohne Nazis“

„Das schöne Gesicht des Sozialismus“

„Rausch ohne Reue“

How would you find it to keep it in a permanent state

„Seinen Faden ins Gewebe schlagen“

„Balla-Balla-Bonk“

„Sie blutet immer noch“

„They call me mellow yellow“

100 Jahre Schlaf

Once more

„Should I stay or should I go“

Wo die Seele blühen kann

Queen of my castle

„What else is there?“

Otherness is beauty

„Wo ist Julia Bonk?“

„Where the wild roses grow“

Eine Wahl treffen ist immer wachsen

Sotopia

Vorwort

Das Leben besteht aus der Spannung zwischen jetzt und dem nächsten Moment. In der Kindheit sind wir ganz eins mit dem Moment; jemand anders hat den nächsten Moment für uns im Blick. Im Erwachsenwerden übernehmen wir diese einzige Dualität, die es gibt, selbst und verfügen über Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart. Jeder Blick nach vorn und in die Vergangenheit ist immer in der Gegenwart geworfen. Wir sind reine, wandelnde Gegenwart. Und so hole ich im folgenden einige der Erlebnisse meines Lebens zurück in den Moment und spreche von ihnen, wie sie jetzt gerade sind. Es ist, als potenziell in der Öffentlichkeit Aufgewachsene, Teil meines Lebens, immer den anderen, die Kollektivität mit im Blick gehabt zu haben. Für mich war immer ein Thema, wie ich mich zur Kollektivität stelle. Einiges von dem, was ich mir überlegt habe, gebe ich nun weiter, ans Licht.

„Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit“

(Jugend und Institutionenaufbau)

Alles hat seine Lebensspanne, das entnahm ich dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse. Es war ein Frühsommerabend, ich war noch blond, also etwa zwölf Jahre alt und es war kurz bevor alles beginnen würde. Das fühlte ich damals schon. Ich lernte das Gedicht bei einem Ausflug mit der Familie in die Dresdner Altstadt, den wir auf diese Weise auch nur einmal gemacht haben, auf der Brühlschen Terrasse bei untergehender Sonne mit Blick auf die Elbe. Ich traf die Wahl, es zum Kompassgedicht meines Lebens zu machen; ich hatte schon viele Gedichte gelernt, die ich liebte; dieses sollte das erste unter ihnen sein und ist es bis heute. So hat jedes die Zeit seiner Blüte. Für mich begann eine wunderbare. Es fing an, dass ich die Verantwortung für den nächsten Moment selbst übernahm.

Ich habe gesehen, wie sich Menschen einer Gegenwart als einzige Möglichkeit überantworten. Doch es haben auch die Institutionen eine Zeit, in der sie lebendig sind: nach meiner Auffassung eine Generation von Akteur*innen, und so hat es auch Hannah Arendt unter Bezug auf Thomas Jefferson formuliert; dass jede Generation sich ihre Institutionen neu gründet. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist das anhand der Trias 1945-1968-1989 nachvollziehbar. Jede dieser Gründungen läuft in ihren eigenen Besonderheiten, Rationalitäten ab und ist als solche historisch zu verorten, wozu noch manches zu sagen sein wird. Vor allem steht die Frage, wo wir heute stehen, wenn die Neugründung seit einigen Jahren auf sich warten lässt. Mindestens Stagnation ist das Ergebnis. Denn nach der Dauer einer Generation setzt aus meiner Sicht ein interessanter Effekt ein: nicht die Personen prägen mehr die Institutionen, vielmehr fangen die Institutionen an, die Personen zu prägen. Das geschieht, indem die Menschen sich den Strukturen anpassen, als gäbe es keine Alternative zu ihnen – die es immer gibt. Das ist korrumptiv. Damit geht Souveränität verloren.

Es gibt heute einen massiven Vertrauensverlust in die Politik: es gibt einen Mangel an Bezug. Ausdruck von Lebendigkeit ist Rückmeldung. Die kommt zwischen Bürger*innen und Politiker*innen nicht zustande, was maßgeblich an den Einrichtungen des Parteiensystems liegt. Es ist nicht verwunderlich, dass die erste Loyalität des politischen Personals den Parteien gilt, wenn diese es doch rekrutieren, statt den Bürger*innen. Hier liegt eine Schieflage, die ich als Loyalitäts-Legitimitätslücke bezeichne. Es handelt sich hier um eine Kritik auf mehreren Ebenen: zum einen sind die Institutionen zu kritisieren, weil sie sich überlebt haben und, in ihrer vermeintlichen Alternativlosigkeit, korrumpierend aufs politische Personal wirken. Je länger die Institutionen bestehen, desto mehr haben sie einen Prägeeffekt auf die, die in ihnen wirksam sind. Die wachsen mit ihnen auf, orientieren sich an ihnen. Sie stehen für sie nie mehr mit einem grundlegend anderen in Abgleich, das heißt sie haben ihre Daseinsberechtigung nur aus sich selbst heraus, nie weil ein Grund für sie gesprochen hat. Das engt die Akteur*innen ein. Sie shapen sich auf die Institution hin, begegnen ihr nicht in der Unabhängigkeit von jemandem, der die Wahl hat. Anders gesagt, auch Institutionen haben ein Alter und irgendwann ist es für sie Zeit, einiges von dem, was ihnen eigen war, weiter und anderem in der Welt Raum zu geben. In den ersten Jahren wird die Gründung einer Generation politischer Akteur*innen von den Bürger*innen affirmativ getragen. Wenn die Erneuerung ausbleibt, fehlt es auch an Bezug. Zum anderen ist es eine inhaltliche, programmatische Kritik an der Vorrangstellung der Parteien.

Bürger*innen, wenn man mit ihnen spricht, sagen dass Politiker*innen nicht ihre Interessen vertreten würden, sondern, so geht die Unterstellung exakt, nur ihre eigenen. Gefragt danach, welche Ursachen das Verhalten von Politiker*innen aus Sicht der Bürger*innen hat, sagen die, es wäre der Wunsch nach persönlicher Bereicherung der Politiker*innen. Gier. In der Tat ist es nicht akzeptabel, dass Übergänge aus verantwortlichen politischen Positionen in Unternehmen sich unmittelbar vollziehen. Sperrfristen von mindestens einem Jahr, wie sie transparency fordern, sind das Mindeste, das zu verwirklichen keine Schwierigkeit darstellt.

Aus meiner Sicht gibt es noch einen anderen Effekt: es läuft so ab, dass die Rationalitäten der Institutionen wirksamer sind als die Rationalitäten, die die Menschen in die Institutionen bringen, weil die Institutionen so lange ohne grundlegende Transformation bestehen. Zur Zeit gibt es die Idee, dass persönlicher Erfolg sich in persönlichem Wohlstand ausdrückt. Es ist das im Imaginären Hinterlegte, das ausmacht, wie wir uns auf die Gemeinschaft, also auf die Emergenz, die Ganzheit hin, stellen. Warum hat Wladimir Putin so viel Vermögen? Es liegt daran, dass er sich in einer Welt bewegt, in der das Ansammeln von Vermögen als Ausdruck des Erfolgs angesehen wird. Es ist Ausdruck einer zutiefst liberalen Ordnung der Welt. Der Liberalismus bringt die Idee, dass Verwirklichung von Glück mit dem Erlangen materiellen Wohlstands zu tun hat, in die Welt, weil er die Grundfreiheiten ans Eigentum bindet. Das können wir heute sehen: Grundrechte derer werden heute – im globalen Maßstab - aktiver geschützt, die Wohlstand haben. Der Liberalismus mit der Grundidee der Würde der Person, also ihrer unaufhebbaren Irreduzibilität, hat wichtige Aspekte für den Aufbau unseres Gemeinwesens beigetragen, von denen einige aus meiner Sicht der Emergenz, also der Ausbildung einer gemeinsamen Ordnung, in der das Ganze mehr ist als die Summe der Teile, förderlich sind. Es geht darum, Aspekte des Liberalismus beizubehalten und zu einer Bürger*innendemokratie zu kommen.

Die Idee von Grundrechten formuliert den Status der Person als grundsätzlich unverfügbare aus. Aber das alles ans Privateigentum zu binden, nimmt eine Menschenbildannahme zur Grundlage, in der Menschen zum einen materiell und zum anderen raffgierig sind. Beides ist nicht unbedingt wahr und die Frage ist, was es uns bringt die Welt so zu sehen und ob es nicht Alternativen gibt, deren Folien uns eine wünschenswertere Wirklichkeit ermöglichen. Das findet alles im Imaginären, wie Castoriadis es beschreibt, statt, ein wichtiger Punkt meiner Doktorarbeit. Das Grundgesetz schützt das Eigentum. Doch es liegt an uns, auch das Grundgesetz zu ergänzen indem wir etwa definieren, welches Eigentum geschützt ist – und so die Multivermögen ausschließen.