Saint Zoo - Chihiro Hamano - E-Book

Saint Zoo E-Book

Chihiro Hamano

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Beschreibung

Liebe, Erotik und Sex: Diese Begriffe sind Chihiro Hamano unverständlich geworden. Nachdem sie über zehn Jahre körperliche und seelische Gewalt in der Beziehung mit ihrem Partner erleben musste, hat sie nur noch Verachtung dafür übrig. Um das Erlebte verarbeiten zu können, begibt sie sich auf eine Recherchereise zu den Themen, die von nun an ihr Leben bestimmen: Gewalt, Macht und Sexualität. Ihre Recherche führt sie bald zu einer tabuisierten Spielart der Sexualität: Zoophilie. Die verblüffende Reise, auf die sie ihre Leserinnen und Leser in diesem mitreißend geschriebenen und von rückhaltloser Offenheit geprägten Buch mitnimmt, führt sie von Tokyo nach Berlin. Sie lernt Zoophilie und Zoophile kennen und versucht neue Antworten auf Fragen nach dem Zusammenhang von Sexualität und freiem Willen, nach »Beziehungen auf Augenhöhe«, nach Legalität und Pathologisierung, nach Begehren und Unterdrückung, nach Formen des Coming-out und der Toleranz zu finden. Im Zentrum steht die Frage nach dem Verzicht: Als »heilig« werden unter Zoophilen diejenigen bezeichnet, die besonders empathisch und gleichberechtigt mit Tieren umgehen und keine sexuelle Beziehung zu ihnen eingehen. Hamanos faszinierende Recherche, die mit einer beeindruckenden Reflexion über sexuelle Gewalt endet, wird zu einer Form der Selbstheilung.

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Seitenzahl: 305

Veröffentlichungsjahr: 2022

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SAINT ZOO

CHIHIRO HAMANO

Saint Zoo

Aus dem Japanischenvon Daniel Yamada

INHALT

Prolog

KAPITEL IUnmoral bei Menschen und Tieren

Das ist Tiervergewaltigung!

Der unheimliche Regenwurm-Mann

Die Chance – endlich!

Der Mann mit der Hundefrau

ZETA – Die Schutzvereinigung für Zoophilie

Erste Erfahrungen

Sex, der sich natürlich einstellt

Große Sorgsamkeit im Umgang mit den Tieren

KAPITEL IIDer Alltag der Zoophilen

Die Persönlichkeit des Tiers

Wenn Hund und Pferd geliebt werden

Der Mann, der mit den Ratten lebt

Kann man mit einem Hund auf Augenhöhe sein?

Hunde in Deutschland

Die namenlosen Katzen

Ein Hund betrügt dich nicht

Begehren und Versorgen

Tierliebe und Säuglingsliebe

KAPITEL IIIVon Tieren angemacht

Das sind Heilige!

Der Hund macht mich an

Festbinden oder nicht

Begegnung mit einem jungen Mann in Japan

Lesbische Zoophilie

Geruch und Versuchung

Ein Pferd lieben

Wortkarge Männer

Unsagbarkeiten und Zweideutigkeiten

KAPITEL IVVerbotene Lust

Begehrens-Training

Sexuelle-Gewalt-Gedächtnis

Der Dschungel des Vergnügens

Reaktion auf Nazis

Sexuelle Unterdrückung

Ist Zoophilie legal?

Verdrehte Tabus

KAPITEL VGeteilte Geheimnisse

Die Wahl, ein/e Zoo zu werden

Schaden davontragen

Den Körper anvertrauen

Vertrauliche Gespräche unter Verliebten

Die beiden und das Tier

Entscheidung mit neunzehn

Coming-out

KAPITEL VIDie romantischen Zoophilen

Auf die Tiere achten

Als krank betrachtet werden

Vom Wesen sexueller Gewalt

Liebe, die keinen Widerspruch erträgt

Epilog

Nachwort

Literaturverzeichnis

PROLOG

Ich verstehe die Liebe nicht.

Es gibt wohl viele Facetten von Liebe, auch wenn es nur ein kurzes Wort ist. Menschenliebe, Nächstenliebe, die Liebe zur Familie, die Liebe allem Leben gegenüber, Heimatliebe. Partnerschaftliche Liebe. Zuneigung, sexuelle Liebe. Würde man sie alle niederschreiben, ergäben sich gewiss unzählbare Lieben.

Was ich nicht verstehe, ist die Liebe zu einem Partner und die damit oft einhergehende sexuelle Liebe.

Ich verstehe den Sex nicht.

Sex ist für zahlreiche Lebewesen ein universeller Akt, und würde dieser nicht ausgeführt, könnten sich Gene nicht übertragen. Beim Säugetier Mensch ist es wohl Schicksal, dass keine Nachkommen erzeugt werden können, wenn Sex nicht zwischen Mann und Frau vollzogen wird. Wenn ich mit einem Mann Sex habe, in meinem Körper ein Kind austrage und dieses gebäre, erfülle ich dann eine Pflicht, die mir als Frau aufgetragen wird? Wenn behauptet wird, dass Sex darüber hinaus keine weitere Bedeutung habe, dann wäre hiermit genug gesagt, doch ich glaube ganz und gar nicht, dass Sex sich nur auf Fortpflanzung beschränkt.

Liebe und Sex sind Dinge, die ich schon seit mehr als zwanzig Jahren nicht zu begreifen imstande bin. Denke ich darüber nach, taucht ein bestimmtes Szenario auf:

Zwischen meinem neunzehnten und zweiundzwanzigsten Lebensjahr wohnte ich als Studentin in Tokyo. Kam ich nach Hause, wurde ich von meinem damaligen Partner körperlich und seelisch brutal misshandelt sowie sexuell missbraucht.

Im Zimmer lag ein kalter, harter Knüppel aus Aluminium. Es war ein Gegenstand, den man zum Zuziehen von Fensterläden benutzt. Eines Abends wurde ich mit diesem Knüppel endlos lange geschlagen. Es begann damit, dass der nachts stets plötzlich in üble Stimmung geratene Mann mir zunächst schwere Vorwürfe machte und mich fünf, sechs Stunden lang ohne Unterbrechung ins Kreuzverhör nahm. Es ging um Fragen wie: Welche Männer ich in der Vergangenheit geliebt hatte. Was für Kerle dies gewesen waren. Mit wem ich ausgegangen war. Auf welche Weise ich mit ihnen Sex hatte. Ich weiß nicht, wie oft er sich wiederholte, doch gab er sich mit keiner meiner Antworten zufrieden. Wie sehr ich auch auf seine Fragen einging, was immer ich auch hervorbrachte, die Intensität des Verhörs sowie die inhaltlichen Haltlosigkeiten steigerten sich umso mehr. Der Verlauf jenes Abends brachte eine besondere Brutalität des Mannes zum Vorschein. Nachdem er die Telefonleitung gekappt hatte und ich mein Handy hatte abgeben müssen, nötigte er mich, schlug und trat nach Belieben auf mich ein und lachte mich dabei höhnisch aus, während ich mich vor ihm zusammenduckte. An jenem Abend schlug er auch mit diesem Knüppel aufs Heftigste auf mich ein. Auf meinen Rücken, auf meine Hüfte, auf die Seite meiner angezogenen Beine, auf meinen Hals. Völlig der Möglichkeit beraubt, meine Stimme gegen ihn zu erheben, ohne irgendwie davon berührt zu sein, warf er mich, das Häufchen Elend, irgendwann einfach zur Seite. Schweigend liefen mir die Tränen hinunter. Des Öfteren hatte ich versucht, gegen seine Gewalttätigkeit zu protestieren, weinte und schrie unzählige Male, doch an diesem Abend gab ich es auf.

Zur Morgendämmerung lag ich von den Schlägen und Tritten völlig erschöpft und benommen im Bett und vernahm ein zweimaliges »Hey!« seiner tiefen Stimme. »Du brennst ja!«, rief er mir zu. Als ich aufblickte, schlug Feuer aus der Bettdecke hervor. Die Flammen drangen bis auf wenige Zentimeter an die Stelle, wo ich eingehüllt dalag, dennoch brachte ich keinen Ton heraus. Dann nahm er aufs Geratewohl ein paar Zeitschriften in die Hand, die in der Nähe lagen, und prügelte damit wild auf mich ein. Obwohl das Feuer zunächst größer zu werden schien, erlosch es irgendwann. »Oh, ich bin noch nicht tot«, dachte ich. In größter Erschöpfung und immer noch stumm, drehte ich mich auf die Seite und versuchte, irgendwie einzuschlafen. Dann kam er plötzlich lachend auf mich zu und sagte: »Wahnsinn, wie wenig dich das beeindruckt!«, zog mir die Decke weg, riss mir die Kleider vom Leib und vergewaltigte mich. Völlig unfähig, dem irgendwas entgegenzusetzen, trieb er mit meinem Körper sein übles Spiel, klatschte Gleitgel auf meine Vagina und rammte seinen Penis in mich hinein. Irgendwann fand dies alles ein Ende.

Dies ging unendlich lange vier Jahre so weiter und wiederholte sich beinahe täglich. Natürlich hatte ich mehrmals versucht, zu entkommen. Aber vor solcher Brutalität zu fliehen, aus dem Fenster des zweiten Stockwerks nackt hinunterzuspringen und nachts mitten in der Stadt herumzuirren, hätte sich wohl genauso angefühlt wie das, was mir zuvor widerfahren war. Mehr als dreimal meldete ich mich bei der Polizei, zu der jedoch damals noch keinerlei Verständnis von »häuslicher Gewalt« durchgedrungen war. Die Polizeibeamten versuchten auch nicht zu verbergen, wie lästig ihnen die Angelegenheit war. Nachts im Eingangsbereich sprachen sie nicht mit mir, sondern führten untereinander Gespräche und kamen zum bitteren Schluss: »Machen wir daraus einen aus Tändelei entstandenen Zwist«.

Ich konnte vor diesem Mann nicht fliehen.

Es folgten weitere sechs Jahre, in denen ich meine Beziehung zu ihm aufrechterhielt. Als wir beide anfingen zu arbeiten und wohl auch, weil wir physisch nicht mehr so viel Zeit miteinander verbrachten, nahm die körperliche Gewalt etwas ab. Doch die psychische Gewalt und das dominante Verhalten setzten sich weiter fort.

Zu dieser Zeit wünschte ich mir nichts mehr, als irgendwohin fliehen zu können, aber daraus wurde nichts. Obwohl ich kein einziges Mal dachte, dass ich diesen Mann wirklich liebe, gab ich mich der Beziehung mit ihm hin und konnte mir diesen Widerspruch selbst gar nicht so recht erklären. Wenn ich mich nicht lächelnd zeigte, wurde ich hinterher geschlagen, und allein aus diesem Grund spielte ich nach außen hin die Rolle der verständnisvollen Geliebten. Keiner wusste davon, dass ich nach außen hin zwar lächelte, innerlich jedoch zutiefst gespalten war.

Als ich 28 Jahre alt war, heiratete ich diesen Mann. Ich war einfach völlig blockiert und kaputtgeschlagen, anders kann ich es mir nicht erklären. Viele Jahre lang versuchte ich, weder Außenstehende noch meine Familie Einblick in meine Beziehung zu diesem Mann gewinnen zu lassen. Wenn man verheiratet ist, ist das jedoch nur schwer möglich. Wir bekamen es mit den Verwandten unserer Familien zu tun, und auch die Justiz wurde eingeschaltet.

Ich nahm eine letzte Wette an: Was, wenn dieser Mann sich so gewitzt gäbe und es schaffen würde, mich ohne Gewalt weiter zu dominieren? Ich würde ihm wohl niemals entkommen können. Würde er jedoch während unserer Ehe einmal mehr Gewalt anwenden, könnten wir vom Gesetz her getrennt werden. Die Chancen standen fünfzig zu fünfzig.

Verlöre ich die Wette, würde ich wohl dauerhaft mit diesem Mann zusammenleben müssen, und ich fragte mich, ob dies überhaupt im Bereich des Möglichen läge. So wie während seiner brutalen Attacken vergoss ich Tränen und fand mich mit meinem Schicksal ab. Ich hatte eine Ehe gewählt, die so völlig anders war als die, die ich mir in meinen Kindheitstagen vorgestellt hatte.

Neun Monate später gewann ich die Wette. Abermals wurde ich von ihm körperlich übel zugerichtet, und endlich ergab sich die Gelegenheit, den Eltern beider Familien davon zu erzählen. Schon am Tag unserer Hochzeit hatte sich mein Körper innerlich völlig zerstört angefühlt. Bald darauf fand ich mich allein und ausgebrannt in einem neuen Apartment wieder.

Bis dahin waren etwa zehn Jahre vergangen. Nachdem die Scheidung in Kraft getreten war, ging es mir nicht sofort besser. Weitere zehn Jahre litt ich in anderem Sinne als in den Jahren zuvor. Es plagten mich Fragen wie: Warum hatte ich nicht einfach fliehen können, und warum war gerade ich Gegenstand brutalster Misshandlungen geworden? Lange Zeit war ich auch sehr wütend deswegen.

Zu jener Zeit verachtete ich Liebe und Sex und all das, was mir abverlangt wurde. Ich konnte nur verächtlich darüber lachen, was letztendlich ein Versuch war, diesem Leid zu entrinnen. Als dermaßen Verängstigte tat ich fast so, als ginge mich das alles nichts an. So stand es damals um mich. Unter Aufbringung all meiner Kräfte existierte ich zwar noch, und nur um des Überlebens willen lebte ich weiter. Spielräume hatte ich überhaupt keine mehr.

Doch konnten offensichtlich meine Wunden durch die Verachtung, die ich Liebe und Sex gegenüber hegte, nicht geheilt werden. Im Grunde hatte ich ein starkes Bedürfnis danach, Liebe und Sex zu verstehen, und wollte herausfinden, was mich weiterhin leiden ließ.

Obwohl ich mir dieser Gedanken bewusst war, wich ich ihnen notgedrungen aus. Erst allmählich, als ich mein 32. Lebensjahr überschritten hatte, konnte ich mich ernsthaft diesem Thema zuwenden.

Die Gewalttätigkeiten hatten vor über zwölf Jahren begonnen, und es verstrichen nach meiner Flucht noch weitere drei Jahre. Gereizt von der Langsamkeit meiner Genesung, begann ich mich allmählich damit auseinanderzusetzen. Ich fing an, Bücher über häusliche Gewalt zu lesen, überwand mich, nach Leuten zu suchen, mit denen ich darüber sprechen konnte, und versuchte, meine Erfahrungen anderen anzuvertrauen. Erst Jahre später nahm ich an einer Demonstration gegen häusliche Gewalt teil. Ich hatte das Gefühl, das Laufen wiederzuerlernen.

Die Demonstranten hatten zum Teil Masken übergezogen und liefen von der Station Harajuku ausgehend an der Omotesando-Straße entlang. Ich hatte mich spontan zur Teilnahme entschlossen und dachte, ich könnte mich nun mit etwas mehr Gelassenheit diesem Thema stellen. Hier machte ich Bekanntschaft mit anderen Betroffenen, und auf Grundlage des Austausches mit diesen Frauen und Männern nahm ich mir vor, irgendwann einmal einen Aufsatz über diese Begegnungen zu verfassen. Als wir die Straßen so entlangliefen, konnte ich, warum auch immer, meine Tränen nicht zurückhalten. Es war ein prächtiger und sonniger Tag in Tokyo. Harajuku sowie die Omotesando waren voll von Kauflustigen. Ganz im Gegensatz zu uns, die Masken trugen und während des Marschierens Slogans wie »Gegen sexuelle und häusliche Gewalt!« ausriefen und Plakate hochhielten. Obwohl wir nicht darauf aus waren, ein trauriges Bild abzugeben, kam zwischen dem Sonnenschein und den vorbeiziehenden Passanten doch etwas von dem Schmerz zum Vorschein, den wir in uns trugen. Mitten in diesem fröhlichen Treiben und dem Autolärm trat unsere offensichtliche Schwermut zutage.

Ich hatte damals zum ersten Mal an einer Demonstration teilgenommen. Die Blicke der vorbeiziehenden Passanten, die gelegentliche Nervosität während des Mitlaufens, das Unbehagen, mit dieser Personengruppe Schritt halten zu müssen, den Blick hochzuhalten, wenn man gerade abgelenkt wurde, auf den Fußgängerübergängen angegafft zu werden, mit Handykameras konfrontiert und fotografiert zu werden, all dies hatte ich zum ersten Mal erlebt.

Der gemeinsame Gang an diesem Tage war für mich nichts als eine Qual. Ich war von dieser direkten Auseinandersetzung stark berührt.

Aber noch stärker bewegte mich, dass ich begriff, wie sehr Liebe und Sex die Menschen verändern, wie sehr sie ihnen Schaden zufügen können, wie sehr diese Themen am Menschen haften. Ich wollte davon etwas an die Öffentlichkeit tragen. Gerade deshalb musste ich mich dieser Thematik stellen.

Was mir in der Folge bewusst wurde, war, dass ich mich wohl einige Jahre damit würde beschäftigen müssen. Ich wählte ein Graduiertenstudium an der Universität, bei dem ich zu Liebe und Sex forschen konnte. Zunächst fand ich es bedauerlich, mich von meiner bisherigen Karriere als Schriftstellerin zu verabschieden, und die Frage, ob ich ein Studium aufnehmen sollte oder nicht, bereitete mir einiges Kopfzerbrechen. Die Wissenschaft erschien mir jedoch als geeignetes Rüstzeug, das ich mir im Kampf gegen mein zwanzigjähriges Leid würde aneignen können. So kam ich zum Entschluss, mich mit Ende dreißig an der Graduiertenabteilung der Universität Kyoto einzuschreiben. Ich entschied mich für Geschlechter- und Sexualstudien im Bereich der Kulturanthropologie. Geschlechterstudien ist ein Forschungszweig, der sich methodisch auf vielfältige Weise mit dem Geschlechtsleben des Menschen und den damit zusammenhängenden Phänomenen, den gesellschaftlichen Verhältnissen in Bezug auf Sexualität sowie mit ihrer Geschichte auseinandersetzt.

Ich dachte gerade deshalb daran, da man sich auch mit sexueller Gewalt beschäftigte. Doch aufgrund der Erfahrungen während der Demo und der Erwartung, dass sich mein Schmerz nur noch vertiefen würde, zweifelte ich zunächst, ob dies für mich das klügste Vorgehen war. Es wurde mir insbesondere wichtig, Distanz zu meinen eigenen, persönlichen Problemen zu schaffen. Irgendwie schien es mir nicht möglich, einen anderen Weg zu finden, über Liebe und Sex nachzudenken. Ich hatte mir viele Gedanken gemacht, und was ich letztlich ausfindig machen konnte, waren kulturanthropologische Betrachtungen zur Sexualität.

Genau genommen handelte es sich um »sexuelle Liebe zu Tieren«.

Wen auch immer ich anfangs zu diesem Forschungsthema ansprach, die Reaktion darauf war zwangsläufig die folgende: »Wie bitte?«

Fast ausnahmslos alle rissen die Augen auf, neigten ihre Körper nach vorne, zuckten mit den Achseln, kamen mit einem Ohr näher heran und baten, es noch einmal zu wiederholen: »Menschen, die Sex mit Tieren haben?«

Nach kurzem Auflachen oder schlichter Verwunderung machten sie ein angeekeltes Gesicht und es kam zu weiteren unterschiedlichen Reaktionen. Neun von zehn Personen attackierten mich mit der Frage: »Warum um Himmels willen studierst du so etwas?«

Meine Antwort darauf war nicht immer dieselbe. Meine eigenen Gewalterfahrungen brachte ich zunächst nicht zur Sprache. Je nach Reaktion meines Gegenübers beendete ich mitunter das Gespräch wie folgt: »Weil ich glaube, dass es interessant sein könnte, und fast niemand dazu forscht«, was nicht gelogen war. Tatsächlich wurde ich allmählich überaus neugierig darauf, mich mit einem solch unbekannten Thema auseinanderzusetzen. Doch das war nicht alles. Mitunter erklärte ich auch den wissenschaftlichen Nutzen: »Die Kulturanthropologie vereint traditionell auch Studien, beginnend mit Viehzucht und Jägerei, die das Verhältnis von Tier und Mensch ergründen. Und warum es zu einer Vermeidung des geschlechtlichen Aspekts kam.« Dies alles war zwar nicht irrelevant, genau genommen aber nicht der wahre Grund. In Wahrheit hatte es mir mein damaliger Mentor empfohlen. Ich hatte zwar großes Interesse am Thema sexueller wie häuslicher Gewalt, dachte mir aber, dass ich dies wohl eher nicht als Forschungsgegenstand wählen sollte. Ich hielt Rücksprache mit meinem Mentor, welches Thema für mich denn passend sei, worauf er meinte: »Warum machen Sie nichts zu Zoophilie?« Ich war mir etwas unsicher. »Zu Tier … gärten … ? Daran habe ich eigentlich kein großes Interesse.« »Nein, nein, Sex mit Tieren, Sex mit Tieren …«

Ich riss ohne Übertreibung oder eine Metapher zu verwenden meine Augen weit auf. Über Zoophilie oder dergleichen hatte ich noch nie nachgedacht. Ich wusste zwar, dass es zu solchen Handlungen kommt, aber zu Zoophilie forschen? Wie sollte das denn aussehen? Meine damalige Reaktion war genau dieselbe wie die, die viele Menschen zeigten, als ich mit den entsprechenden Forschungen begann. Zunächst hatte ich kaum Lust darauf, den Vorschlag meines Mentors anzunehmen. Doch seltsamerweise blieb tatsächlich etwas davon hängen. Warum hatte mich das Thema »Sex zwischen Mensch und Tier« zunächst eigentlich so beunruhigt?

Nun, es schien nicht ganz mit meinen Fragen zu Liebe und Sex zusammenzufallen. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass hier der Kontext des Themas, das Unfassbare im menschlichen sexuellen Verlangen, stellenweise offenkundig wurde. Auch wenn sich meine Erlebnisse ganz anders darstellten, begriff ich intuitiv, dass es irgendwo Zusammenhänge gab.

Im Stillen begann ich also über Zoophilie zu recherchieren. Lange Zeit brütete ich über den Begriffen »Zoophilie« und »Bestialität«. Ich sah mir unheimliche Filme und Bilder dazu an, was mich regelrecht paralysierte. Zunächst hielt ich mich für außerstande, über diese Dinge zu forschen. Doch mit der Zeit hatte ich zumindest den Begriff »Zoophilie«, was so viel wie »Sex mit Tieren« bedeutet, etwas kennengelernt.

»Sexuelle Tierliebe« deutet die Anhänglichkeit und Zuneigung des Menschen zum Tier an und zuweilen auch eine Seinsart von Liebe, die sexuelles Begehren einschließt. Ich begann zu verstehen, dass der Standpunkt der Psychiatrie, sexuelle Liebe zu Tieren sei eine Perversion, sowie die psychologisch-sexualwissenschaftliche Auffassung, Zoophilie sei der gleichgeschlechtlichen Liebe ähnlich und stelle – analog dazu – eine sexuelle Orientierung dar, heutzutage irgendwie differenzierter behandelt wurden.

Der entscheidende Impuls dafür, ein gesteigertes Interesse am Thema »sexuelle Tierliebe« zu entwickeln, war jedoch meine Konfrontation mit einem kurzen Dokumentarfilm. Es handelte sich um ein 17-minütiges Video mit dem Titel Animal Fuckers, das auf der Internetseite des digitalen Mediums Vice veröffentlicht worden war und Interviews mit Anhängern von sexueller Tierliebe zeigte. Ich erfuhr, dass es Mitglieder von »ZETA – Zoophiles Engagement für Toleranz und Aufklärung« waren, einer in Deutschland ansässigen und weltweit einzigartigen Gruppierung von Menschen, die sexuelle Verhältnisse zu Tieren pflegten. »Zoophilie« und »sexuelle Liebe zu Tieren« wird fälschlicherweise gleichgesetzt. Zoophilie, und was dieser Begriff andeutet, ist Sex mit Tieren, wobei mitunter gewaltsame Handlungen impliziert werden. Unabhängig davon, ob nun Liebe im Spiel ist oder nicht. Hingegen liegt bei »sexueller Liebe zu Tieren« der Fokus auf einer seelischen Zuneigung zu Tieren. Sexuelle Handlungen mit Tieren also, weil man sie liebt. Ich dachte an eine grobe Verzerrung und an einen Irrtum, die im Wesen der Anhänger von sexueller Liebe zu Tieren vorliegen müssten.

Wie betrachten die Anhänger sexueller Liebe zu Tieren wohl selbst ihre Handlungen? Ginge man ernsthaft daran, würden sie ihre Gedanken zu Liebe und Sex preisgeben? Ob ich für sie je Sympathie würde aufbringen können, blieb zunächst dahingestellt. Jedoch schien es Gemeinsamkeiten zwischen ihnen und dem zu geben, was ich mit mir herumtrug. Was würde ich wohl empfinden, wenn ich diesen Menschen begegnete?

Das Problem, das ich mit Liebe und Sex und deren Verwicklungen hatte, beschäftigte mich nun seit mehr als 20 Jahren. Ich begann zu ahnen, dass es ein Schlüssel zur Auflösung meines in mir erstarrten und in Verwirrung geratenen Konflikts sein könnte, würde ich von ihnen etwas über Liebe und Sex erfahren. Würde die Kombination Mensch und Tier mir helfen, die Abstraktheit der Beziehungen zwischen Mensch und Mensch und die damit verbundenen sexuellen Handlungen etwas zu beleuchten? Könnten mithilfe solcher Extrembeispiele Fragen dazu, was Liebe und was Sex eigentlich bedeuten, in größerem Umfang definiert werden?

Vielleicht lag ich mit meiner Hoffnung völlig daneben. Aber einen Versuch war es bestimmt wert. Wenn es mir gelänge, neue Fragen zu sexueller Tierliebe meiner eigenen Problematik hinzuzufügen, würde es vielleicht zu völlig überraschenden Antworten kommen. Sex zwischen Mensch und Tier überwindet Spezies. Dies ist wiederum verbunden mit der grundsätzlichen Bedeutung der Liebe und der Sexualität, welche vom Menschen ausgehen. Wenig Hoffnung in meinen waghalsigen Entschluss legend, kontaktierte ich die Leute von ZETA.

KAPITEL I

Unmoral bei Menschen und Tieren

Das ist Tiervergewaltigung!

»Welch ungeheuerliche Frage. Wie abnormal!«

Die Frau riss ihre Augen auf, in einer Mischung aus Erregung und Sprachlosigkeit glotzte sie mich an. Bisher schien sie milde gelächelt zu haben, doch das hatte sich schlagartig geändert. Sie tauschte Blicke mit der Frau neben sich aus, die das gleiche T-Shirt wie sie trug. Sich von mir abwendend ließ sie Folgendes auf mich los:

»Dass Menschen Sex haben, okay! Aber mit Tieren! Nein!«

»Welches Problem stellt sich denn bei Sex mit Tieren?«, erwiderte ich.

Die Frauen kreischten beinahe hysterisch und starrten mich an.

Es war ein strahlend sonniger Sonntag in Bremen. Am 18. Juni 2017 herrschte in der Nähe des Hauptbahnhofes bereits am Vormittag reger Verkehr. Von den Menschenmassen angeregt spazierte ich durch die Stadt, in der ich zum ersten Mal zu Besuch war. Vor den Läden schwebte der Duft von Würstchen, Passanten zogen vorüber. Ich vertrieb mir meine Zeit, wandelte umher und begab mich in Richtung der Sehenswürdigkeiten, zunächst zum berühmten Marktplatz. Die Stadt ist durch Grimms Märchen »Die Bremer Stadtmusikanten« bekannt, und dieser sehr touristische Ort erhielt sich noch immer eine mittelalterliche Atmosphäre. Unterwegs traf man vielerorts auf die im Märchen vorkommenden Tiere Esel, Katze, Hund und Hahn, die als Motiv für Kunstgegenstände und andere Objekte herhielten. Neben dem Rathaus, einem aus Backstein errichteten Barockgebäude, stand die berühmte Bronzestatue der »Stadtmusikanten«, bei der es von Familien und Touristen nur so wimmelte. Es heißt, wenn man den Vorderfuß des Esels berühre, der zuunterst stehend alle anderen Tiere auf sich schultert, gehe ein Wunsch in Erfüllung. So drängten sich Scharen darum, den Eselhuf zu berühren, und schossen zum Beweis ein paar Fotos.

Die Tiere des Märchens strahlten gütige Milde aus und damit wohl alles andere als meine »abnormale« Frage an die Frauen der Tierschutzgruppe »Action Fair Play«, die sich mit verachtendem Blick von mir abwandten. Ihr Kernanliegen war die »Ausrottung von Triebtaten gegenüber Tieren«, insbesondere richtete sich ihre Klage gegen »Tiere vergewaltigende Männer«.

Die Gruppe veranstaltete an diesem Tag eine Unterschriftenaktion, wofür sie am Platz vor dem Bremer Hauptbahnhof ein rotes Zelt aufgespannt hatte. Man errichtete Infostände in den größeren Innenstädten des Landes und führte dort Kampagnen durch. Am Tag zuvor hatte ich, auf die Anliegen der Gruppe aufmerksam geworden, davon erfahren, dass sie in Bremen sein würden, und so stattete ich ihnen einen Besuch ab.

Ich gab mich als Touristin aus, schlenderte durch die Stadt, kehrte einige Male zum Platz vor dem Bahnhof zurück und beobachtete »Action Fair Play« bei ihren Standvorbereitungen.

Dort befanden sich fünf oder sechs Frauen. Rechts vom Zelt war ein Schild angebracht: Neben Fotos von Hunden mit angeschwollenen Vaginen und Aftern waren Formulierungen zu lesen wie »Von Männern sexuell missbrauchte Tiere, in die Penisse hineingesteckt wurden!«. Auf der linken Seite befanden sich einige rote Kerzen, künstliche Blumen sowie etwas in die Jahre gekommene, nebeneinander aufgereihte Plüschtiere: ein Hund, ein Hase und eine Ziege. Dahinter standen ein handgemaltes, schwarzes Kruzifix sowie eine weitere Tafel, auf der »Für alle Tiere, die Opfer sexuellen Missbrauchs wurden!« zu lesen war. Es hatte etwas von einem sonderbar arrangierten Altar.

Das Zelt war bescheiden und schlicht, doch es zog Aufmerksamkeit auf sich. Etwa alle fünf Minuten kam eine Besucherin oder ein Besucher vorbei. Ihr Aufenthalt belief sich auf vielleicht drei bis fünf Minuten. Nachdem ich die Szenerie etwa eine Stunde lang beobachtet hatte, näherte ich mich dem Stand. Dort lagen auf einem Bürotisch die Liste, auf der sich bereits Unterschriften von etwa 15 Personen angesammelt hatten, Visitenkarten, Flugblätter sowie eine Zeitschrift. Darin fand sich ein Interview mit einem Mann namens Michael, der sich, was auch in Deutschland selten ist, als Anhänger sexueller Tierliebe geoutet hatte. Ich sah mir das Magazin eine Weile an, nahm einige der Flugblätter in die Hand und stellte die oben erwähnte Frage. Die mir sanft Auskunft gebende Dame, die zunächst geglaubt hatte, ich sei eine harmlose Touristin, änderte ihre Einstellung schlagartig und fühlte sich auf einmal von mir sogar bedroht. Ihr Ausdruck hatte etwas Irrationales und war voller Ekel.

Da es sich um die Gruppe »Action Fair Play« handelte, ging ich davon aus, dass man mir wohl zur Antwort geben würde: »Die Tiere können einem leidtun, denn Sex mit Tieren, so etwas macht man doch nicht«. Doch wie aus der Pistole geschossen erklang nur das eine Wort: »abnormal!«. Hier kam wohl ihr wahres Gesicht zum Vorschein. Was die Frauen an den Tag legten, war nicht mehr als ihre Einstellung, Körperlichkeit in jeder Hinsicht zu vermeiden und als »Abnormalität« zu verurteilen.

Um den Frauen keinen Grund mehr zu geben, sich mit überflüssigen Warnungen an mir abzuarbeiten, verließ ich den Platz vor dem Hauptbahnhof und ging abermals Richtung Marktplatz. Neben dem Rathaus ragten die beiden Spitzen des St. Petri-Doms in den blauen Himmel.

Noch die Warnung der Frauen (»abnormal!«) im Ohr, wurde mir der Einfluss religiöser Vorschriften bewusst, der – im christlichen Kulturkreis stark verwurzelt – fortzuexistieren schien. Sex darf nur zwischen Mensch und Mensch vollzogen werden, ekelerregende sexuelle Handlungen dürfen nicht vorkommen, wie bereits im Alten Testament, Levitikus Kapitel 18, geschrieben steht. Kein Sex mit nahen Verwandten, kein Sex mit menstruierenden Frauen, kein Ehebruch, kein Sex zwischen Männern, kein Sex mit Tieren; so legte die Bibel aufs Strikteste ihre sexuellen Vorschriften fest. Darüber hinaus ist im Kapitel 20 zu lesen, dass ein Mensch, der sexuelle Handlungen mit einem Tier verübt, sterben und der tierische Partner ebenso hingerichtet werden müsse. Für Christen erlangten diese Tabus immense Bedeutung. Vom Standpunkt christlicher Wertvorstellung ausgehend und je konservativer diese ausgeprägt ist, desto eher gilt Sex mit Tieren als etwas Unverzeihliches. Dieser sei vom »gottgefälligen Sex«, wie er von der katholischen Kirche bestimmt wird, sehr weit entfernt.

Auch ich bin Katholikin. Jedoch bin ich es nicht aus eigenen Beweggründen geworden, sondern es war die Absicht meiner Eltern gewesen, mich als Kleinkind taufen zu lassen. Es hatte auch mit der Arbeit meines Vaters zu tun, dass ich damals in der Nähe zu Deutschland, in Belgien, lebte und dort in eine katholische Schule ging. Nach unserer Rückkehr in die Heimat besuchte ich folglich eine katholische Mittelschule sowie eine katholische Oberschule für Mädchen. Ich mag von mir zwar nicht behaupten, eine fromme Gläubige geworden zu sein, dennoch hatte die katholische Erziehung, die Einwirkung dieses Umfelds in der Pubertät, starken Einfluss auf meine Gedankenwelt.

Als ich das erste Lebensjahrzehnt überschritt und mir zum ersten Mal Gewalt widerfuhr, floh ich nicht etwa davor, sondern machte, im Gegenteil, mir selbst schwere Vorwürfe, wofür ich heute den Grund im katholischen Einfluss sehe. Nun stand ich vor dem hoch emporragenden St. Petri-Dom, wo die heilige Muttergottes voller Barmherzigkeit auf ihre Jünger blickt. Maria, die ohne Sex gehabt zu haben Jesus empfing, ist eine jeglicher Geschlechtlichkeit entronnene Heilige. Der Mann, der mich stets misshandelt hatte und nur wenig von Religion verstand, warf mir, die keine Jungfrau mehr war, des Öfteren vor: »Du als Katholikin hattest ja nichts für Keuschheit übrig, nicht wahr?« Ich konnte dem nicht widersprechen, da ich wohl zu jung dafür war, und diese meine Jugend, gebunden an ein katholisches Werteverständnis in Bezug auf Sexualität, war eine recht traurige gewesen. Obwohl das gar nicht weiter wichtig war, sah ich mich selbst als eine vom Weg des christlich »korrekten« Sex Abgekommene, so wie der Mann es mir suggerierte.

Ich erinnere mich, immer schwerer geatmet zu haben, während ich den St. Petri-Dom betrachtete.

Mehr als zehn Minuten verweilte ich bereits an dem Ort, als ich meine Aufmerksamkeit auf ein Bild des gekreuzigten Jesus richtete, welches oberhalb des Hauptportals hing. Berührt von der dargestellten Tugendhaftigkeit und den Betrübnissen des Lebens, wurde mir bei dem Anblick schwer ums Herz.

Für die Frauen von »Action Fair Play« war Sex mit Tieren in erster Linie eine nach christlichen Wertvorstellungen verabscheuungswürdige Tat. Die Denkweise, Sex mit Tieren zu haben sei abnormal, wird jedoch nicht nur von diesen Frauen geteilt. Im Allgemeinen gilt so etwas schlicht als regelwidrig. Es lässt sich historisch belegen, dass nicht nur unter Christen, sondern in vielen Ländern und Regionen der Welt sexuelle Handlungen mit Tieren als etwas Abscheuliches und Verabscheuungswürdiges gesehen wurden. Es gibt unzählige Länder, in ganz Amerika, in Indien, in großen Teilen Afrikas, wo gegenwärtig Gesetze in Kraft sind, die dies verbieten.

In jüngster Zeit wurden in der westlichen Welt in Bezug auf Sex mit Tieren die Klagen von Tierschutzgruppen wie »Action Fair Play« zunehmend heftiger. Beispielsweise heißt es in einer Erklärung der amerikanischen Tierrechtsorganisation PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) Leerzeichen einfügen vom 21. Juni 2016: »Auf Grundlage der Übereinstimmung wird Sex zwischen zwei Menschen praktiziert und darf nicht zwischen einem Menschen und einem von ihm unter Kontrolle gebrachten Tier vorkommen. […] Sex mit Tieren ist Tiervergewaltigung. Das Tier hat dabei kein Wahlrecht.«

Der unheimliche Regenwurm-Mann

Das unbehagliche Gefühl gegenüber Menschen, die Sex mit Tieren haben, teilte auch ich. Gewissen Männern gegenüber hatte ich ebenfalls schon die Erfahrung gemacht, körperlich angewidert gewesen zu sein.

Im Winter 2016 war bereits ein Jahr vergangen, seit ich angefangen hatte, über Sex zwischen Menschen und Tieren nachzudenken. Ich hatte das Gefühl, als würde ich Tag für Tag durch Nebel irren. Ich fühlte mich unsicher, ob es richtig gewesen war, mich darauf einzulassen, und bereute es mehrmals. Konnte ich denn gar nichts Inspirierendes dabei finden? Wenn ich schon nicht nach den Sternen greifen konnte, dann vielleicht wenigstens nach etwas Stroh. Ich begab mich auf die Suche nach Japanern, die mir dazu etwas erzählen konnten.

Ich hatte einen Ort gefunden, an dem ich möglicherweise Menschen begegnen konnte, die ein Verlangen nach Sex mit Tieren haben. Es war eine anonyme Internetplattform für Erwachsene. Einige Tage lang las ich sorgfältig die Einträge durch, bis ich mich entschied, einen eigenen Account zu eröffnen. Zu der Zeit war ich bereits in Deutschland gewesen, wo ich erstmalig Anhänger sexueller Tierliebe befragt hatte, und machte mir Sorgen, ob deren Aussagen allein nicht etwas Tendenziöses an sich hätten. Daher hoffte ich, aufschlussreiche Informationen auch von Japanern zu erhalten, und meldete mich bei dieser Plattform an.

Auf meine Registrierung folgten sofort die ersten Reaktionen; ich erhielt eine Mail nach der anderen. Leider wurden meine Fragen ins Lächerliche gezogen und 99 Prozent der Mails enthielten bloß Anstößiges. Alle Männer, die mir schrieben, wollten mit mir und ihren Hunden Sex haben oder mir beim Sex mit Tieren zusehen, wenn nicht, belästigten sie mich mit anderen Geschmacklosigkeiten. Wer auch immer mir schrieb, inhaltlich war es stets indiskret und anstößig. Zu einem gewissen Grad hatte ich es mir genau so vorgestellt, aber mit solchen Mails überflutet zu werden, war kaum auszuhalten. Ich konnte damit nur schwer umgehen und löschte all diese Nachrichten wieder. Ich wollte persönliche Gespräche führen, nicht aber in gefährliche Situationen geraten. Deshalb schien es mir das Beste, diese Zuschriften zu ignorieren, vor denen es mich einfach nur ekelte.

Warum bloß mussten diese Männer so dermaßen übertrieben reagieren? Aus ihren stümperhaften Mails war einzig und allein ihre Lust herauszulesen, sofort ejakulieren zu wollen. Völlig egal, wer der Partner sein möge. Die Tag für Tag wahllos an mich gesendeten Mails hatten alle in etwa denselben Inhalt. Ihre Fixierung aufs Ejakulieren und der damit verbundene Druck waren für mich unerträglich.

Wie dem auch sei, mit einigen von ihnen führte ich dennoch Schriftwechsel. Ein Mann hatte mir enthusiastisch von der »Erforschung« seiner eigenen sexuellen Praxis geschrieben. Er behauptete, es verlockend zu finden, mit nicht-menschlichen Lebewesen und Frauen sexuelle Handlungen durchzuführen, und fügte Bilder hinzu. Der Mann empfand Tieren gegenüber kein wirkliches Verlangen, er kam mit ihnen auch nicht mit seinem Geschlecht in Berührung. Was ihn jedoch erregte, war, sich an der Reaktion von Frauen aufzugeilen, die nicht seinen Penis, sondern Aale oder Regenwürmer in ihre Vagina gesteckt bekamen.

Er meinte, er schätze Frauen sehr. Sie seien edel und schön und die heiligsten Geschöpfe auf Erden.

»Mich befriedigt es sexuell, wenn schöne Frauen von völlig andersartigen, den gruseligsten und schmutzigsten Lebewesen der Welt um ihre Ehre gebracht und befleckt werden. Davon kann ich einfach nicht genug kriegen.«

Ein anderer Mann teilte mir Ähnliches mit. Auch er vollzog selbst keine sexuellen Handlungen mit Tieren. »Mir ist eine besondere Zuneigung oder sexuelles Verlangen nach Tieren nicht gegeben. Meine Spezialität ist es aber, Frauen mit Hunden Sex haben zu lassen und dabei zuzusehen. Ausschlaggebend ist bei dieser Art von Sex für mich, Frauen lächerlich erscheinen zu lassen und an ihnen Rache zu üben. Denn, wird eine Frau von einem Hund geschändet, stößt man sie unterhalb des Menschlichen herab. Aber im Großen und Ganzen schätze ich Frauen natürlich sehr.«

Für sie waren Lebewesen, ob es sich nun um Hunde, Aale, Regenwürmer oder Frauen handelte, bloß Werkzeuge ihrer eigenen Lustbefriedigung. Sie züchteten oder hielten Aale oder Würmer, und selbst wenn diese nach dem Akt starben, war es ihnen egal.

Deren Sex machte mir Angst.

Doch ich dachte damals, wenn ich über meinen Ekel auch nicht so einfach hinweggehen konnte, so dürfte ich es mir andererseits aber auch nicht erlauben, diese sexuellen Praktiken schlichtweg zu verdammen. Denn hinter diesen von ihnen als erregend empfundenen sexuellen Handlungen lagen sicher unzählige Beweggründe. Aufgrund meiner persönlichen Abscheu ihre sexuellen Vorlieben einfach beiseitezuschieben, ließe keine darüber hinausgehende, tiefere Reflexion zu. Man sollte jedoch darüber nachdenken, dass gewisse Instinkte der Menschen im Kontext ihres Verhältnisses zur Gesellschaft zu sehen sind und wie es zu Konflikten kommt. Darüber hinaus sollte man sich selbst als Teil dieser Gesellschaft fragen, warum man bestimmte sexuelle Praktiken nicht akzeptieren kann.

Warum empfand ich diesen japanischen Männern gegenüber solchen Ekel? Was unterschied mich und die Art, wie ich ihnen gegenüber empfand, von der Art, wie die Frauen ihrem »abnormal!«-Ausruf nach gewisse Sexpraktiken fanden?

Die Chance – endlich!

Im heutigen Japan ist der Begriff der sexuellen Tierliebe nicht sehr verbreitet. Auch in Deutschland wird er nicht wirklich anerkannt. Erzählte ich davon, dass ich mich mit ebenjenem Thema auseinandersetze, zeigte sich auch in Deutschland fast jeder davon überrascht. Diese Reaktion war der in Japan also nicht unähnlich. Doch ein Unterschied bestand darin, dass die allermeisten Deutschen darüber nicht lachten, sofern sie nicht schon zu tief ins Glas geschaut hatten. Einen kurzen Augenblick der Verlegenheit zeigte wohl zunächst natürlich jeder, aber nach einem kurzen Durchatmen legten sie doch eine gewisse Ernsthaftigkeit an den Tag. Dass mich jemand willentlich ins Lächerliche zog, kam nicht vor. Aber unbestritten waren auch für sie »Menschen, die Sex mit Tieren haben«, etwas sehr Ungewöhnliches. »Bei uns gibt es solche Leute? Nicht im Ernst, oder?«, hieß es manchmal.

Tatsächlich aber ist es so, dass in Deutschland, und damit einmalig auf der Welt, eine Gruppierung von Anhängern sexueller Liebe mit Tieren existiert: »ZETA«.

Das wichtigste Anliegen der Aktivitäten von ZETA ist die Förderung des Verständnisses in Bezug auf sexuelle Tierliebe sowie der Kampf gegen Tiermissbrauch. Auf ihrer Homepage gibt es Informationen in deutscher und englischer Sprache, außerdem wird Pressematerial zur Verfügung gestellt. ZETA wirkt auch an wissenschaftlichen Untersuchungen mit. Obschon man den Eindruck haben könnte, dass gerade damit ein Raum für die sexuelle Liebe zu Tieren entstehen könnte, ist es in Deutschland bestimmt auch nicht einfacher als in anderen Ländern, sich als Liebhaber von Sex mit Tieren zu outen. Angriffe seitens Gruppen wie »Action Fair Play« kommen auch vor. Daher gibt es nur sehr wenige Personen bei ZETA, die sich öffentlich outen.

Da ihnen kaum jemand freundlich gesonnen schien, bedurfte es einiger Monate Mühe, bis es zu einem Austausch mit ihnen kam. Von der Existenz ZETAs erfuhr ich Ende des Jahres 2015. Von da an sammelte ich etwa ein halbes Jahr lang Informationen zu Zoophilie und sexueller Liebe mit Tieren. Als ich glaubte, genügend Vorkenntnisse gesammelt zu haben, kontaktierte ich ZETA erstmals Ende Juni 2016 über das Forum ihrer Homepage. Die erste Reaktion erhielt ich von Michael, einem der Gründungsmitglieder von ZETA. Er war derjenige, der von »Action Fair Play« in dem Magazin befragt wurde, das auf dem Infotisch in Bremen zur Ansicht auslag.

Michael war mir gegenüber anfangs recht gleichgültig, was ich irgendwie verstehen konnte. Er war sich unsicher, welche Bedeutung ich überhaupt für ZETA haben könnte, und es lastete ihm wohl auch auf den Schultern, sich keine Blöße geben zu wollen. Wir waren im Umgang miteinander sehr vorsichtig. Seine Mails vermittelten mir das Gefühl, absagen zu wollen, falls ich wegen eines bloß oberflächlichen Interesses in Kontakt treten wollte. Er lud mich dann zu einem Gruppengespräch mit fünf, sechs weiteren Mitgliedern ein.

»Bist du auch ein Anhänger von sexueller Liebe zu Tieren?«, wurde ich von ihnen gefragt. »Nein, das bin ich nicht, doch ich beschäftige mich ernsthaft mit dem Thema«. Anders konnte ich die Frage nicht beantworten. Im ersten Moment zeigten sie sich alle mir gegenüber skeptisch. Damals überwog meine Unsicherheit bei Weitem meine Neugier. Zwar hatte ich die Erläuterungen auf den Seiten von ZETA aufmerksam gelesen: »Wir lieben Tiere und fügen ihnen keinen Schaden zu«, doch das bedeutete ja nicht, dass es nicht möglich wäre, dass dies nur leere Worte waren. Was, wenn sie möglicherweise auf fürchterlich brutale Weise ihren Sexualtrieb an Tieren ausließen? Mit dieser beklemmenden Unsicherheit in mir begann mein Austausch mit den Mitgliedern von ZETA.

Ich bemühte mich Tag für Tag darum, die Kommunikation mit der Gruppe fortzusetzen. Ein Chat erfolgt nicht über die Stimme, sondern schriftlich. Um meine Untersuchungen voranbringen zu können, musste ich zuerst Vertrauen schaffen, weshalb ich versuchte, unseren Austausch in Gang zu halten, was mir zunächst nicht ganz so gut gelang. Ohne auch nur einen einzigen Scherz zu machen, meinte Michael: »Wenn du Fragen hast, frag mich. Wenn ich denke, zu antworten sei wichtig, werde ich schon irgendwie antworten«, und beschränkte sich auf das Nötigste. Nicht ein Hauch von Vertraulichkeit schwang dabei mit. Das war bedauerlich, und so begann ich von mir selbst zu erzählen. Was ich heute gelernt hatte, welches Buch ich gerade las und solche alltäglichen Dinge halt.