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Ein mysteriöser Geheimbund, eine verbotene Liebe und ein erbarmungsloser Mörder. Um ihre Schwester zu retten, muss es Detektivin Laura Peters mit einem geheimen Zirkel aufnehmen, dem berüchtigten Veneris Quadrigis. Sie stößt auf eine schreckliche Spur: Seit Jahren verschwinden Menschen, die von niemandem vermisst werden. Je näher Laura der Wahrheit kommt, desto tödlicher wird die Gefahr. In einem gnadenlosen Wettlauf mit der Zeit muss Laura eine Entscheidung treffen. Doch wie hoch ist der Preis, den sie dafür zahlt? Salomés Kuss bietet auch im siebten Fall für Detektivin Laura Peters wieder alles auf, was Krimi-Fans lieben: gefährliche Rätsel, persönliche Verstrickungen und atemlose Spannung. Weitere dunkle Geheimnisse und spannende Mordfälle warten auf Detektivin Laura Peters – lesen Sie auch Das Lager, Böse Obhut, Zweiundsiebzig, Moloch Unsterblich, Monströse Moral und Verlassene Seelen! Alle Bücher können unabhängig voneinander gelesen werden.
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Seitenzahl: 432
Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum neobooks
Salomés Kuss
Der siebte Fall für Laura Peters
Patricia Weiss
Kriminalroman
Salomés Kuss
Ein mysteriöser Geheimbund, eine verbotene Liebe und ein erbarmungsloser Mörder.
Um ihre Schwester zu retten, muss es Detektivin Laura Peters mit einem geheimen Zirkel aufnehmen, dem berüchtigten Veneris Quadrigis. Sie stößt auf eine schreckliche Spur: Seit Jahren verschwinden Menschen, die von niemandem vermisst werden.
Je näher Laura der Wahrheit kommt, desto tödlicher wird die Gefahr. In einem gnadenlosen Wettlauf mit der Zeit muss Laura eine Entscheidung treffen.
Doch wie hoch ist der Preis, den sie dafür zahlt?
Die Bücher von Patricia Weiss
Salomés Kuss bietet auch im siebten Fall für Detektivin Laura Peters wieder alles auf, was Krimi-Fans lieben: gefährliche Rätsel, persönliche Verstrickungen und atemlose Spannung.
Weitere dunkle Geheimnisse und spannende Mordfälle warten auf Detektivin Laura Peters – lesen Sie auch Das Lager, Böse Obhut, Zweiundsiebzig, Moloch Unsterblich, Monströse Moral und Verlassene Seelen!
Noch mehr fesselnde Geheimnisse und ein Hauch von Grusel erwarten Sie in den Halloween-Novellen Cäcilie und Escape If You Can.
Alle Bücher können unabhängig voneinander gelesen werden.
https://www.patriciaweiss.de
Salomés Kuss und auch alle anderen Bücher sind als Taschenbuch und als E-Book erhältlich.
Impressum
Texte: © Copyright 2025 by Patricia Weiss
c/o
Relindis Second Hand
Gotenstr. 1
53175 Bonn
Covergestaltung: Patricia Weiss
Foto: Erstellt mit Grok
Lektorat: Katharina Abel
Alle Rechte vorbehalten.
Veröffentlichung: 2025
Kontakt
Alle Informationen über die Krimis, die Halloween-Novellen und die neuen Projekte gibt es auf der Webseite
www.patriciaweiss.de
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Für meine lieben Schwestern!
Love life, stay weird!
15 Jahre zuvor
Ein letzter Kuss.
Die Stimme, die durch den Nebel in ihr Bewusstsein drang, war schrill und panisch. Wer sprach da? Sie war so müde, dass sie sich nicht rühren konnte. Vielleicht träumte sie?
„Beruhige dich. Ich habe alles im Griff.“
Mühsam öffnete sie die Augen, konnte aber nichts erkennen. Lag sie in ihrem Bett? Hatte sie sich die Decke über den Kopf gezogen? Und warum war ihr so unglaublich kalt? Ihr ganzer Körper schien aus Eis zu bestehen.
Außerdem war sie nackt.
Und das beunruhigte sie am meisten.
Selbst wenn sie allein war, zog sie sich etwas an. Immer.
Hier stimmte etwas nicht.
„Wir können doch nicht einfach weitermachen!“
„Was du da siehst, ist nur ein Reflex. Eine supravitale Reaktion. Du hättest in der Vorlesung besser aufpassen sollen. Los jetzt! Die Zeit läuft, unser Kunde ist schon unter Narkose!“
Wo war sie? Hatte sie einen Unfall gehabt?
Verzweifelt versuchte sie, sich zu erinnern. In ihrem Kopf blitzten Sequenzen auf von einem dunklen Kellergewölbe und einer im zuckenden Schwarzlicht tanzenden Menge. Aber was war dann passiert?
„Sie lebt!“
„Reiß dich zusammen!“
Sprachen sie über sie? War sie verletzt und im Krankenhaus gelandet? Was war nach der Party passiert? Sie zermarterte sich das Gehirn. Dunkel erinnerte sie sich, dass sie noch woanders hingefahren war. Zu dieser unbewohnten Villa. An der Haustür hatte sich ein altmodischer Klopfer befunden, eine Frauenhand aus goldschimmerndem Messing.
„Das Tuch hat sich bewegt! Sie atmet! Das können wir nicht bringen! Lass mich ihre Pupillen überprüfen.“
„Wir haben keine Wahl. Konzentrier dich!“
Wollten sie sie umbringen? Sie versuchte, ihr Gesicht von dem Tuch zu befreien, sich zu bewegen, sie musste fliehen! Aber ihre Glieder waren wie festgefroren und weigerten sich, ihr zu gehorchen.
„Ich mache da nicht mit!“
„Ach, wirklich? Ein bisschen spät, findest du nicht?“
„Das ist doch Irrsinn!“
„Du hängst mit drin. Also halt deinen Mund und konzentrier dich. Ich fange jetzt an.“
Womit wollte er anfangen?
Wollte er sie wirklich töten? Das konnte doch nicht wahr sein!
Alles in ihr schrie nach Flucht! Nach Rettung! Aber ihr Körper blieb regungslos und ihr Mund stumm.
Mit einem Ruck wurde das Tuch von ihrem Gesicht gezogen.
Endlich!
Das grelle Licht einer Operationslampe, die direkt über ihr hing, wollte sie zwingen, ihre Augen zu schließen. Doch sie musste sehen!
Unbedingt!
Ein Kopf mit hellblauer OP-Haube und Maske schob sich in ihr Blickfeld. Beugte sich über sie. Eine runde, silberne Brille und dahinter graue Augen, die sie betrachteten. Forschend. Interessiert. Und mit dem unverkennbaren Funkeln des Vergnügens. Er genoss die Situation. Kostete es aus, dass sie ihm ausgeliefert war.
Ihr Leben lag in seinen Händen.
Jetzt war ihr klar, was passiert sein musste und warum sie hier lag.
Sie hatte ihn unterschätzt. Niemals hätte sie gedacht, dass er diesen teuflischen Plan aushecken würde, um sich blutig an ihr zu rächen.
Sie war so naiv gewesen. Und jetzt bekam sie die Quittung dafür. Niemand konnte ihr helfen.
Sie war verloren.
Die Verzweiflung flutete über sie hinweg und ließ nackte Panik und schieres Entsetzen zurück.
In seinen Augen las sie, wie sehr er es genoss, ihr dabei zuzusehen, wie der Strudel der Emotionen sie unbarmherzig in den Abgrund zog.
Auf einmal beugte er sich noch weiter zu ihr hinunter.
Kam ihr so nah, dass sein Gesicht fast das ihre berührte.
Als wollte er ihr einen letzten Kuss geben.
„Ich habe dir gesagt, du wirst es bereuen.“
Er flüsterte es. So leise, dass nur sie ihn verstehen konnte. Und der Glanz in seinen Augen schien sich noch zu verstärken.
Ohne sonderliche Hast zog er sich aus ihrem Blickfeld zurück. Und plötzlich jagte ein mörderischer Schmerz durch sie hindurch. Wie ein sengender Blitz brannte er eine Schneise der Zerstörung durch ihren Körper und löschte alles aus, was sie als Mensch, als Person, als Individuum ausgemacht hatte.
Und auf einmal fühlte sie sich ganz leicht, ganz sorglos.
Unendlich frei.
Nichts war mehr von Bedeutung. Nicht, was er ihr angetan hatte und auch nicht die Worte, die irgendwo unter ihr, weit entfernt, durch den Raum waberten, als sie schon längst dem verheißungsvollen, gleißenden Licht entgegenschwebte.
„Sie ist tot.“
I Freitag
1 Detektei Peters, Rüngsdorf
Sie ist ein unsteter Geist.
Es war ein herrlicher Sommermorgen, kein Wölkchen am Himmel und die Vögel zwitscherten. Es würde ein ruhiger Tag in der Agentur werden und Detektivin Laura Peters freute sich schon auf ein entspanntes Wochenende ohne Arbeit oder sonstige Verpflichtungen. Sie drückte mit dem Ellenbogen die Klinke hinunter und stemmte mit der Schulter das schmiedeeiserne Gartentor auf, das quietschend protestierte. Mit der linken Hand trug sie ihre Tasche und eine Tüte mit Einkäufen für die Agentur (Milch, Zucker und Kaffee – sehr viel Kaffee!), mit der rechten hielt sie eine Brötchentüte und die Leine ihres Dackels, der sich zeitgleich mit ihr durch den schmalen Spalt in den Vorgarten drängte.
„Friedi, warte, ich muss das Tor schließen.“
Der Dackel sah zu ihr hoch und blieb folgsam stehen. Laura lächelte ihm zu – es war nicht selbstverständlich, dass er tat, was sie von ihm verlangte – und versuchte, das Tor mit dem Fuß zuzuschieben.
Plötzlich raschelte es im Gebüsch, dann schoss der schwarze Nachbarskater hervor und starrte sie beide an. Doch anstatt zu flüchten, setzte er sich direkt vor sie auf den Weg und leckte gemächlich seine Pfote. Diese respektlose Aktion war zu viel für Friedi. Mit lautem Gebell raste er los und riss Laura, die nur auf einem Bein balancierte, mit sich. Sie landete hart auf dem Kiesweg und konnte die Leine nicht mehr festhalten. Die Brötchentüte wurde noch ein Stück mitgeschleift und die knusprigen, frischen Croissants für das Frühstück kullerten über den Boden.
„Friedi! Komm her!“
Doch der Dackel hörte nicht, sondern sprang bellend an der Mauer hoch, von der aus ihm der Kater gelassen zusah.
Laura rappelte sich hoch und wischte sich die schmerzenden Handflächen an der Jeans ab. „Das Frühstück können wir vergessen“, murmelte sie und sammelte die Brötchen in die Einkaufstasche mit dem Kaffee. Die zerrissene Papiertüte knüllte sie mit mehr Kraft als nötig zusammen und stopfte sie dazu.
„Friedi, komm her! Lass den Kater in Ruhe, den kriegst du sowieso nicht!“
Doch Friedi beendete den Feldzug gegen seinen Lieblingsfeind erst, als sie die vermackte, mit Jugendstilschnitzereien verzierte Haustür öffnete. Mit wehenden Ohren preschte er an ihr vorbei und stürmte die fünf Stufen zum Hochparterre hinauf. Vor der Tür wartete er wedelnd und schaute sie so unschuldig an, dass Laura fast den Heiligenschein über seinem Kopf sehen konnte.
Sie musste schmunzeln. „Du Bot! Guck mal meine Bluse an.“
Im Vorraum wurde sie von Gilda Lambi, ihrer Assistentin, begrüßt. „Ciao, Laura, ciao, Friedi. Na, hast du wieder den Kater gejagt? Ich konnte dich bis hierher hören. Hast du gut gemacht!“
Der Dackel rollte sich begeistert auf den Rücken. Sie kniete sich neben ihn auf den Boden, strich sich die langen Haare zurück und streichelte sein rötlich-braunes Fellbäuchlein.
„Dass du ihn belohnst, hat er nicht verdient.“ Laura verdrehte in gespieltem Ärger die Augen. „Er hat sich losgerissen und ich bin hingefallen. Guck mal, wie ich aussehe. Meine schöne weiße Bluse.“
„Ich habe alles gesehen.“ Gilda grinste breit. „Die Kameras, die Justin gestern Abend installiert hat, funktionieren einwandfrei. Auf unserem Grundstück wird nichts mehr passieren, ohne dass wir es mitbekommen. Der nächste Einbrecher wird es nicht so leicht haben, unbemerkt zu entkommen.“
„Wie genial. Ich weiß ja, dass Justin ein Händchen für Technik hat, sonst hätte ich mich nicht von ihm überreden lassen. Aber ich muss zugeben, ich bin heilfroh, dass er es gut hinbekommen hat.“
Justin war erst dreizehn gewesen, als er für den ersten großen Fall von Lauras Mitarbeiter, Detektiv Marek Liebermann, gebeten worden war, für ihn einen Verdächtigen im Auge zu behalten. Danach hatte der Junge wie selbstverständlich seine Zelte in der Detektei aufgeschlagen und kam nach der Schule, um seine Hausaufgaben zu machen und Counterstrike in Mareks Büro zu spielen. Laura wusste, dass seine Eltern an guten Tagen Bier bis zum Abwinken auf dem Sofa tranken, und von den schlechten Tagen erzählte er nichts. Deshalb hatte sie ihn durchgefüttert, den Computer mit einer leistungsfähigen Grafikkarte und einem hochwertigen Monitor aufgerüstet (damit CS2 darauf laufen konnte) und ihm ein zweites Zuhause gegeben. Mittlerweile stand sein sechzehnter Geburtstag bevor, doch er tauchte immer noch pünktlich jeden Nachmittag bei ihnen auf. Sie waren für ihn zu seiner Familie geworden.
Gilda schwenkte ihr Smartphone. „Du musst dir die App runterladen, dann kannst du die Kamerabilder sehen.“
„Klasse! Werden wir benachrichtigt, wenn jemand den Garten betritt?“
„Ja, es gibt einen Bewegungsmelder, der nachts, wenn wir nicht im Büro sind, auf unseren Handys einen Alarm auslöst. Allerdings sollten wir eine Lösung für den Nachbarskater finden, sonst machen wir kein Auge zu. Wie sieht es aus: Kaffee und Croissants?“
Laura sah skeptisch in den Beutel, in den sie die Gebäckstücke gesammelt hatte. „Friedi hat leider unser Frühstück auf dem Boden verteilt. Ich bin nicht sicher, ob wir das noch essen können.“
„So schlimm wird es schon nicht sein.“ Gilda nahm ihr die Tasche ab und ging vor in die kleine Küche. „Heute ist übrigens der große Tag!“
„Ich weiß. Drakes Thriller. Ich drücke ihm die Daumen, dass es wieder ein Erfolg wird. Er schien in der letzten Zeit ein bisschen nervös, obwohl er das nicht zugeben wollte.“
„Gestern meinte er, die Vorbestellungen sähen ganz erfreulich aus. Es kommt wohl auf die ersten paar Tage an. Wenn es da nicht abgeht wie eine Rakete, dann wird das Buch angeblich ein Flop. Na ja, wird schon schiefgehen.“ Gilda stellte zwei Keramikbecher auf ein Tablett und füllte sie mit Kaffee.
Sie wechselten rüber in Lauras Büro, in dem es, obwohl die Flügeltüren zur Terrasse sperrangelweit offenstanden, bereits ziemlich heiß und stickig war.
Laura stellte die schwere Ledertasche ab, ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen und krempelte die Ärmel ihrer Bluse hoch. „Was steht für heute an? Irgendetwas Besonderes?“
„Nein, nur das Übliche. Ein paar Anfragen über unsere Webseite, alle zu Love-Scammern oder Fake-Profilen, das kann ich vom Schreibtisch aus erledigen. Und bei dir?“
„Same. Vermute ich. Warte, ich sehe mal nach.“ Laura beugte sich vor und schaltete den Computer an. Während er hochfuhr, nippte sie an ihrem Kaffee und biss von ihrem Croissant ab. Dann rief sie das Mailprogramm auf und überflog die Nachrichten.
„Oh!“ Sie fuhr hoch und stellte die Tasse so schwungvoll auf dem Tisch ab, dass sie überschwappte.
„Was?“
„Meine Schwester hat mir geschrieben. Gestern Abend.“ Laura tupfte die Spritzer mit einem Taschentuch von der Tischplatte. „Sie kommt heute vorbei. Hier. In der Detektei.“
„Wie schön!“
„Ja.“ Laura starrte mit gerunzelter Stirn auf den Monitor.
„Freust du dich nicht?“
„Doch, natürlich. Es kommt nur so überraschend. Wir haben uns ewig nicht gesehen. Da war ja das Problem mit Friedi und irgendjemandes Hundeallergie. Deshalb bin ich in letzter Zeit den Familientreffen ferngeblieben.“
Gilda nahm sich ein Schokoladencroissant und wartete ab.
„Warum schreibt sie mir so spät am Abend in die Agentur? Sie kann sich doch denken, dass ich die Nachricht erst heute lese. Sonst hätte ich ...“, Laura zuckte die Schultern, „keine Ahnung ... etwas vorbereiten können.“
„Entspann dich. Das ist deine Schwester, die zu Besuch kommt, nicht der Papst. Kaffee haben wir genug und alles andere kannst du schnell besorgen.“ Da Laura nicht überzeugt wirkte, ging ihr süditalienisches Temperament mit ihr durch: „Mamma mia, sie ist Familie, wo ist das Problem?“
„Schon gut. Es gibt kein Problem. Ich bin nur kein Freund von Überraschungen. Selbst wenn ich mich freue.“
„Wer hätte das gedacht?“
„Doch, wirklich.“
„Das war sarkastisch gemeint. Jeder weiß, dass du keine Überraschungen magst.“ Gilda zwinkerte ihr zu.
Laura schmunzelte. „Ihr kennt mich fast schon zu gut. Aber im Ernst: Ich freue mich auf Kim. Du glaubst gar nicht, wie lustig sie ist und wie viel Spaß man mit ihr hat. Nur ... sie ist so perfekt. Guter Job, toller Mann, wunderbare Kinder, Architektenhaus im Grünen. Sie kriegt alles auf die Reihe. Im Vergleich zu ihr bin ich für unsere Eltern eher eine Enttäuschung. Ich sei ‚ein unsteter Geist‘, sagte meine Mutter mal. Da passt es ins Bild, dass seit Monaten die letzten zwei Umzugskisten noch in meinem Wohnzimmer stehen. Du verstehst das nicht, du hast keine Geschwister, mit denen du verglichen wirst.“
Gilda lachte. „Das funktioniert auch als Einzelkind. Ich liebe meine Eltern über alles, aber ich habe oft ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht in die Gastronomie gegangen bin, um unser Familienrestaurant zu übernehmen. Sie haben da manchmal diesen Blick drauf, der spricht Bände. Ich werfe es ihnen nicht vor, an ihrer Stelle wäre ich wohl auch enttäuscht.“
„Ja, okay, das zählt“, lenkte Laura ein. „Es sollte einem egal sein, was andere von einem erwarten. Ist es mir auch. Aber muss Kim ausgerechnet jetzt unangekündigt in meine Wohnung kommen?“
„Ausgerechnet jetzt?“ Gilda lachte. „Du tust so, als wärst du ein Messi. Ein paar Kisten sind kein Drama. Aber wenn es dir so wichtig ist, könntest du nach Hause fahren und sie in den Keller räumen.“
„Besser wäre es.“ Laura sah unschlüssig auf ihre Armbanduhr. Die Türklingel nahm ihr die Entscheidung ab.
„Hast du nicht gesagt, wir werden gewarnt, wenn jemand den Garten betritt?“
„Ich habe ‚nachts‘ gesagt. Soll ich gehen?“
„Ja, bitte.“
Laura hörte, wie ihre Assistentin die Wohnungstür öffnete, Schritte hallten durch das Treppenhaus, ein paar Floskeln wurden zur Begrüßung gewechselt, dann erschienen sie in der Bürotür.
„Deine Schwester.“
Laura sprang auf. „Kim, so eine Überraschung, ich habe gerade erst deine Mail gelesen.“
Die beiden umarmten sich.
Friedi, der hinter dem Schreibtisch sein Morgenschläfchen gehalten hatte, kam leicht zerzaust angewackelt, beschnüffelte die Sneakers der Besucherin, deutete ein Wedeln an und verzog sich wieder.
„Endlich lerne ich deinen Hund kennen! Ein süßer Kerl. Er ist schon etwas älter, oder?“
„Ja, aber ich habe keine Ahnung, wie alt. Ich habe ihn von einer Nachbarin übernommen, als die ins Krankenhaus musste. Der Sanitäter hat mir einfach die Leine in die Hand gedrückt. Die arme Frau ist kurz darauf gestorben, seitdem lebt Friedi bei mir.“ Laura trat einen Schritt zurück und musterte ihre Schwester. „Du siehst toll aus wie immer! Ehrlich gesagt, so früh hätte ich nicht mit dir gerechnet. Du musst ja bei Sonnenaufgang losgefahren sein.“
„Ich bin seit gestern hier.“
„Was? Warum hast du nicht ...?“
Kim warf einen Seitenblick auf Gilda, die die Botschaft verstand. „Entschuldigt ihr mich? Ich habe eine Menge zu tun. Aber vielleicht können wir später einen Kaffee zusammen trinken.“
Als sie allein waren, zog Laura ihre Schwester auf einen Sessel und setzte sich ihr gegenüber. „Raus mit der Sprache, ist etwas passiert?“
„Mein Leben liegt in Trümmern.“
Laura starrte sie überrascht an. Kims Haare waren wie immer zu einem perfekten Knoten frisiert, die Bluse frisch und blütenweiß, doch unter dem dezenten Make-up wirkte sie blass und sehr müde. „Willst du es mir erzählen?“
„Warum bin ich wohl sonst hier?“ Kim lachte hart auf. „Sorry. Es ist nur alles so schrecklich, ich bin völlig am Ende.“
„Das tut mir so leid.“
Der Anblick ihrer verzweifelten Schwester, die sonst kaum etwas aus der Ruhe bringen konnte, war so ungewohnt für Laura, dass ihr die furchtbarsten Horrorszenarien durch den Kopf schossen. Womöglich ging es den Eltern nicht gut? Oder Kims kleinen Mädchen? Sie kämpfte die aufsteigende Panik nieder. „Sag schon! Was ist los?“
„Jakob betrügt mich.“
„Oh, Gott sei Dank!“
„Spinnst du?“
„Entschuldige! Ich hatte nur so eine Angst, es wäre etwas Katastrophales. Halt, nein, das mit deinem Mann ist natürlich auch schlimm ...“ Laura verstummte. Alles, was sie sagte, machte ihren Fauxpas nicht besser.
„Ich wusste es! Du hast ihn nie gemocht. Das hier ist ein Fehler, du kannst mir nicht helfen. Was habe ich mir bloß dabei gedacht? Ich hätte nicht kommen sollen.“ Kim machte eine wegwerfende Handbewegung (wie ihr Dad, wenn eine Diskussion für ihn beendet war) und stand auf.
„Halt, nein! Bitte bleib. Ich habe es nicht so gemeint. Jakob ist toll! Du bist glücklich mit ihm, er ist der beste Vater für eure Töchter und er ist immer so gastfreundlich. Ich mag ihn. Wirklich!“
„Ich bin überhaupt nicht glücklich mit ihm. Jedenfalls nicht mehr. Und du hasst ihn, sonst hättest du uns ja mal besucht. Frankfurt ist nicht aus der Welt.“ Kims Worte klangen nicht versöhnlich, trotzdem sank sie langsam wieder auf ihren Sessel.
Laura atmete erleichtert auf. Sie lehnte sie sich vor und legte die Hand auf den Arm ihrer Schwester. „Lass uns bitte noch mal von vorne anfangen. Ich werde auch nichts Dummes mehr sagen, okay? Versprochen! Also: Was ist passiert?“
Kim wischte sich fahrig über die Stirn. Dadurch löste sich eine Haarsträhne, und als dann noch eine Träne ihre Wange hinunterkullerte, stürzte die Fassade der perfekten Frau, die zuvor schon gebröckelt hatte, komplett in sich zusammen.
„Vielleicht hat er mir schon immer etwas vorgemacht und unsere ganze Beziehung war eine Lüge. Bestimmt ist er nur wegen dieser Frau nach Bonn gezogen, denn seitdem ist alles den Bach runtergegangen.“
„Er wohnt hier in Bonn?“
„Seit einem halben Jahr. Hat Ma dir das nicht erzählt?“
„Ich weiß es nicht mehr. Es tut mir leid, ich hatte wirklich viel um die Ohren in den letzten Monaten.“ Laura hörte selbst, wie dürftig ihre Ausflüchte klangen.
Doch diesmal schien Kim es nicht zu bemerken, jedenfalls nahm sie ihre Worte mit Gleichmut auf. „Während der Woche wohnt er hier und kommt an den Wochenenden nach Hause, wenn er es einrichten kann. Man hat ihm den Posten des Chefarztes an der Frauenklinik angeboten, das war eine Chance, die er nicht ablehnen konnte. Aber er wollte sowieso immer nach Bonn zurück. Hier hat er studiert und alle seine Freunde sind hier. Und sie auch.“
„Aber er ist doch nicht der Typ, der einfach wegen eines Jobs seine Familie verlässt?“
„Wie oft soll ich es noch sagen? Er hat eine andere! Deswegen ist er hier! Ursprünglich sollte ich mit den Kindern nach den Sommerferien, wenn das neue Schuljahr beginnt, nachkommen. Er hat sogar ein Haus für uns alle gefunden. Aber das kann er jetzt vergessen. Wir bleiben in Fischbach!“
Es klopfte sachte und Gilda streckte ihren Kopf durch den Türspalt. „Möchtest du einen Kaffee, Kim?“
„Dafür würde ich morden!“
„Das dachte ich mir, deshalb habe ich ihn gleich mitgebracht.“ Schmunzelnd schob sich die Assistentin mit einem Tablett durch die Tür, auf dem nicht nur ein gefüllter Kaffeebecher stand, sondern auch ein Teller mit zwei Croissants und einer Noisette-Schokolade.
„Nervennahrung.“ Kim lächelte tapfer und wischte sich die Tränenspuren von der Wange. „Süßes verkneife ich mir sonst immer, aber jetzt mache ich eine Ausnahme.“ Sie griff zur Schokolade, riss rabiat die Verpackung auf und brach sich gleich ein ganzes Rippchen ab.
„Ich lasse euch dann wieder allein.“ Gilda winkte den beiden zu und verzog sich diskret zurück in den Vorraum, in dem ihr Schreibtisch stand.
„Du hast eine sehr nette Mitarbeiterin.“
„Ich weiß, da habe ich wirklich Glück. Das ganze Team ist toll.“
„Hier arbeiten noch mehr? Das kann sich doch nie und nimmer rechnen!“ Kims Erstaunen war echt.
Und verletzend.
Laura musste einen Anflug von Ärger verscheuchen, bevor sie antworten konnte. „Wir gehören zwar nicht zu den ganz Großen in der Branche, aber wir sind auch keine kleine Klitsche. Ein paar unserer Fälle haben sogar deutschlandweit für Schlagzeilen gesorgt.“ Sie machte eine Pause, um das Gesagte wirken zu lassen, dann lächelte sie. „Wir haben ein sehr kompetentes Team. Neben Gilda und mir gibt es noch zwei weitere Detektive. Zum einen Drake Tomlin, der in seinem anderen Leben Liebesroman-Bestseller-Autor ist. Er schreibt unter dem Pseudonym Connor D. Love und seine Bücher wurden auch verfilmt. Kennst du ihn?“ Erwartungsvoll sah sie Kim an, doch die schüttelte den Kopf. „Achte mal drauf, wenn du nächstes Mal in einen Buchladen gehst. Seine Bücher liegen immer in hohen Stapeln gleich neben der Kasse. Er hat bei uns angeheuert, weil er von Romance in das Thriller-Genre wechseln und den Alltag als Detektiv kennenlernen wollte. Und dann gibt es Marek, den polnischen James Bond. Wir nennen ihn so, weil er früher bei den Streitkräften und wohl auch beim polnischen Geheimdienst war. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er immer noch Aufträge für die übernimmt.“ Sie merkte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg, und hoffte, dass es Kim nicht auffiel.
Vergeblich.
„Aha. Er ist dein Crush. Oder seid ihr zusammen? Ma hat mir nicht erzählt, dass du einen Neuen hast.“
Laura schüttelte vehement den Kopf. Und dachte an das, was vor ein paar Monaten passiert war. Oder vielmehr fast passiert wäre. Jetzt und hier. Er hatte sie angerufen und sie hatte alles stehen- und liegengelassen und war zum Auto gerannt. Um zu ihm zu fahren. Um nicht länger zu warten. Um endlich ... Doch dann hatte Gilda mit einem superdringenden Anliegen Schicksal gespielt. Laura hatte sofort umgedreht und war zurück ins Büro gefahren. Und noch am selben Tag war Marek nach Polen abgereist, um ein familiäres Thema zu klären. Oder um die Welt zu retten. Wer wusste das schon so genau?
Als er zurückkehrte, war alles wie immer gewesen. Kein Jetzt-und-hier mehr. Über das Beinahe-Treffen, das vielleicht ihr beider ganzes Leben geändert hätte, hatten sie nie mehr geredet. Ihr war das schwergefallen, aber er schien kein Problem damit zu haben. Und wahrscheinlich war es besser so.
„Er ist mein Mitarbeiter. Ein sehr fähiger Detektiv. Und ein enger Freund. Mehr nicht.“
„Alles klar.“ Kim verdrehte leicht die Augen, wie sie es schon als Kind getan hatte, wenn sie ihrer Schwester nicht glaubte, und brach sich das nächste Rippchen Schokolade ab.
„Außerdem gibt es noch Justin. Den wirst du auch gleich kennenlernen. Er ist fast sechzehn und geht hier ein- und aus“, überspielte Laura hastig den peinlichen Moment. „Marek hat ihn bei unserem ersten großen Fall gebeten, uns zu helfen, und seitdem verbringt er die Nachmittage bei uns.“
„Hat er kein Zuhause?“
„Doch. Aber da hat er es nicht leicht. Du weißt schon ...“
„Wie schrecklich! Armer Kerl! Dann hast du also, seit du den Laden hier aufgemacht hast, einen Dackel und einen jungen Streuner aufgenommen. Hört sich eher an, als hättest du ein Asyl für Heimatlose eröffnet.“
„Wir sind eine renommierte Detektei!“, schoss Laura zurück und wunderte sich im gleichen Augenblick selbst über ihren Ton. Warum war es ihr so wichtig, ihre Schwester mit ihren beruflichen Erfolgen zu beeindrucken? In gemäßigterem Ton fuhr sie fort: „Bärbel ist übrigens auch oft mit von der Partie. Sie kennt ja Gott und die Welt und das hat uns schon oft sehr geholfen.“
Kim sah überrascht auf. „Deine Bärbel? Die Pianistin? Barbara Hellmann?“
„Ja.“
„Ihr seid noch befreundet?“
„Natürlich. Was denkst du denn?“
„Keine Ahnung.“ Kim zuckte die Schultern. „Ist Barbara immer noch so ein Party-Animal?“
„Aber so was von!“
„Klar. Sie war immer der Mittelpunkt aller Partys.“
„Das hat sich nicht geändert.“ Laura beugte sich vor und legte die Handflächen gegeneinander. „Aber du möchtest mir doch von dir erzählen.“
Kim stopfte sich die restlichen zwei Stückchen Schokolade in den Mund und bückte sich nach ihrer Bowling-Bag. „Ich habe einen Brief bekommen.“ Sie zog ein Papier aus der Handtasche und reichte es Laura.
Die entfaltete es und las vor:
„Wenn Sie Ihre Familie nicht zerstören wollen, sorgen Sie dafür, dass Ihr Mann umgehend nach Frankfurt zurückkehrt. Und zwar für immer!
Kommen Sie aber auf keinen Fall selbst nach Bonn!
Sollte Jakob Goldberg bis Donnerstagabend, 20 Uhr, nicht zurück in Frankfurt sein, lasse ich ihn auffliegen und er wird den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen. Genauso werde ich verfahren, wenn Sie sich nicht an die Anweisung halten.
PS: Ihr Mann betrügt Sie.“
Laura schüttelte irritiert den Kopf. „Ein Erpresser-Brief! Aber total absurd. Donnerstagabend, 20 Uhr ... soll das ein Scherz sein? An die Anweisung, hier nicht aufzutauchen, hast du dich jedenfalls schon mal nicht gehalten. Typisch Kim!“
„Ich lasse mir doch nicht vorschreiben ...“
Laura winkte ab. „Ich kenne dich. Aber der Schreiber dieses Briefs weiß offensichtlich noch nicht, mit wem er sich angelegt hat. Was soll denn das mit dem ‚auffliegen‘ und ‚Rest des Lebens hinter Gittern‘ bedeuten? Wenn das stimmt, ist das mit dem Fremdgehen dein kleinstes Problem. Und natürlich keine Unterschrift. Ich nehme an, auf dem Briefumschlag war auch kein Absender, richtig?“
„Es gab kein Kuvert. Das Papier lag so im Briefkasten, wie du es in den Händen hältst. Es kam nicht mit der Post. Er muss es selbst eingeworfen haben.“
„Bei euch in Frankfurt?“
„Ja.“
„Wenn der Kerl dafür eine Fahrt von anderthalb bis zwei Stunden für eine Strecke auf sich nimmt, muss ihm die Angelegenheit verdammt wichtig sein. Oder ist er vielleicht auch aus Frankfurt? Oder sie. Es kann ja auch eine Frau sein. Ist da irgendwas dran an dem, was in dem Brief steht?“
„Ich weiß es nicht. Noch vor ein paar Wochen hätte ich es nicht eine Sekunde geglaubt und den Schrieb einfach in den Müll geworfen. Aber jetzt? Ich habe das Gefühl, ich kenne Jakob gar nicht. Er ist mir so fremd geworden.“ Bei Kim liefen wieder die Tränen und sie machte keine Anstalten mehr, dagegen anzukämpfen.
„Ganz ruhig. Man neigt dazu, Schlechtes sofort zu glauben. Vielleicht sind das alles Lügen, um Jakob zu vertreiben, weil derjenige scharf auf seinen Job ist? Wenn es um die Karriere geht, schrecken manche vor nichts zurück.“
„Das mit der Affäre stimmt aber. Jakob hat sich verändert, seit er in Bonn ist. Und seit längerer Zeit kommt er an den Wochenenden auch nicht mehr nach Hause. Angeblich zu viel Arbeit. Für wie blöd hält er mich? Aber ich will einfach nicht glauben, dass er etwas getan haben soll, wofür er im Gefängnis landet.“
„Das ist bestimmt ein Bluff. Und das mit dem Fremdgehen auch. Es gibt so kranke Geister, die finden es spaßig, Menschen zu verleumden und ihnen das Leben zu ruinieren.“
Kim schüttelte den Kopf. „Dass es eine andere gibt, weiß ich ganz sicher.“
„Sag schon.“
„Jakob hat sich von mir zurückgezogen. Mit den Kindern ist er lieb, aber zu mir total distanziert. Er behandelt mich wie eine Fremde. Wenn er zu Hause war, lag er zwar neben mir im Bett, doch jemand anderes war in seinem Kopf.“
„Das ist deine Vermutung.“
Kim seufzte. „Schön wärs! Aber ich weiß es sicher. Er spricht nämlich im Schlaf.
Sie heißt Salomé.“
2 Uniklinikum Venusberg
Wer zu viele Geheimnisse miteinander teilt, kann keine Ansprüche stellen.
Er stellte den Motor aus, schloss die Augen und lehnte den Kopf an die Rückenlehne. Im Radio sangen Whitney Houston und Enrique Iglesias davon, sich ein ganzes Leben lang festhalten zu wollen, und die Klänge der Gitarre riefen in ihm Bilder von warmen Sommernächten in südlichen Gefilden und Gefühle von Unbeschwertheit und Freiheit hervor.
Und er dachte an sie.
Er konnte sie riechen, sie fühlen. In seinen Armen. Sie tanzten langsam zur Musik. Kosteten jede Bewegung aus. Versenkten ihre Blicke ineinander und konnten sie nicht mehr voneinander lösen. Der Kuss, den er für immer behalten, für immer in sich tragen wollte, war nur noch Bruchteile von Sekunden von ihm entfernt ...
Es klopfte hart an die Scheibe.
Direkt neben seinem Kopf.
„He, Goldberg, bist du eingepennt? Gleich ist Termin!“
Wie ein Ikarus, dem die wächsernen Flügel in der Sonne geschmolzen waren, stürzte er aus dem Himmel seiner Sehnsüchte und prallte hart auf dem Boden der Realität auf.
Er schaltete das Radio aus, schnallte sich ab, griff sich seine Tasche vom Beifahrersitz und stieg aus.
„Nette Karre! Aber bist du von deinem neuen Job so überfordert, dass du schon vor Beginn der Schicht wegpennst? Bei uns würdest du gleich am ersten Tag untergehen. Oder wurdest du letzte Nacht zu hart rangenommen?“ Peter Jameson stieß ihm jovial den Ellenbogen in die Seite. Er war Oberarzt in der Chirurgischen, und wenn er den Mund aufmachte, kamen nur Beleidigungen heraus, die er als kumpelhafte Frotzelei tarnte.
Jakob setzte müde ein Grinsen auf.
Er hatte mit Peter zusammen studiert und wusste, dass Gegenwehr nur dazu führte, als humorloser Spießer verunglimpft zu werden, deshalb sparte er sich das. Sie hatten zur selben Truppe gehört, die gemeinsam gelernt und gefeiert und sich danach durch die harten Zeiten als Assistenzarzt geschlagen hatte, und sie bezeichneten sich als Freunde. Auch wenn Jakob sich von einem Freund mehr Respekt gewünscht hätte. Aber wer zu viele Geheimnisse miteinander teilte, konnte keine Ansprüche stellen.
„Mit wem kommst du heute Abend zur Gala?“ Jameson zog die Sonnenbrille aus seinen struppigen, rotblonden Haaren und setzte sie auf die Nase.
„Ich gehe allein. Meine Frau ist ja bei den Kindern in Frankfurt.“
„Und natürlich gibt es da weit und breit keine Babysitter, ist klar! Aber das ist dir bestimmt ganz recht. Wer will schon mit seinem alten Transporter rumgurken, wenn man sich einen Ferrari mieten kann? Was ist mit der süßen Maus auf deiner Station? Frag die doch. Wie heißt sie noch? Die mit dem Wahnsinnsarsch.“
Jakob schüttelte nur den Kopf.
„Jetzt sei nicht so ein Langweiler. Ich weiß, dass du auf die stehst. Hast du nicht mal mit der ...“ Peter deutete mit angewinkelten Armen rhythmische Beckenbewegungen an, die nicht misszuverstehen waren.
„Mit wem kommst du?“, lenkte Jakob hastig ab und sah sich um, ob sie womöglich jemand beobachtet hatte.
„Ich habe mich noch nicht entschieden. Entweder Olga, du weißt schon, dieser kleine Hottie von der Station mit den Brüsten, oder Jenni. Die sieht zwar scheiße aus, aber Augen zu und durch! Vielleicht gehe ich mit beiden, mir wär mal wieder nach einem Dreier.“ Er lachte dröhnend.
Jakob presste die Lippen zusammen. Jameson sah sich als Frauenheld. Dabei entsprach er mit dem Rettungsring, dem käsigen Teint und seinem cholerischen Temperament nicht gerade den üblichen Schönheitskriterien der Frauen. Zu Studienzeiten war er auch regelmäßig abgeblitzt. Doch seit seiner Beförderung schien es besser für ihn zu laufen. Unter den Krankenschwestern gab es genügend, die zu einigem bereit waren, um sich einen Oberarzt zu schnappen. Aber Jameson ging so verächtlich und respektlos mit ihnen um, dass Jakob den Eindruck hatte, er rächte sich an ihnen stellvertretend für alle Frauen, die ihn früher abgewiesen hatten.
„Jetzt tu nicht so moralisch. Ich weiß, dass du nichts anbrennen lässt. Es hat längst die Runde gemacht, dass du was am Laufen hast.“
Jakob blieb wie angewurzelt stehen und starrte ihn an. „Wovon redest du?“
„Komm schon, wir sind Freunde, ich kenne dich. Mir machst du nichts vor. Wer ist sie?“
„Was meinst du damit? Was hat die Runde gemacht? Verdammte Scheiße, Mann!“
„Na, deine Affäre. Ist ja auch nichts Schlimmes. Du bist ein Mann, deine Alte ist weit weg und hat bloß die Kinder im Kopf, was sollst du denn machen? Aber es gibt unterschiedliche Namen, die in den Ring geworfen werden. Oder hast du mit mehreren was? Du Hengst!“
Jameson grinste anerkennend und wollte ihn wieder in die Seite stoßen, doch diesmal wehrte Jakob die Attacke unwirsch ab. „Hör auf damit! Ich habe keine Affäre!“
„Hahaha, erzähl das deiner Frau, die glaubt dir das vielleicht, aber ich nicht. Ich kenne dich, Bruder. Also, wer ist es?“
„Hör doch auf!“
„Leugnen ist zwecklos. Jeder weiß es. Lustige Geschichte: Über den Flurfunk heißt es, dass es Salomé ist, mit der du wieder rumvögelst.“
Sein dreckiges Lachen hallte auch noch in Jakobs Kopf nach, nachdem sich ihre Wege schon lange getrennt hatten.
3 Detektei Peters, Rüngsdorf
Es steht zu viel auf dem Spiel.
„Und? Weißt du, wer Salomé ist?“
Um sie nicht zu sehr zu bedrängen, sah Laura ihre Schwester absichtlich nicht an, sondern starrte auf den anonymen Brief mit dem recht kurzen Text, als könnte sie darin weitere Hinweise finden.
Doch bevor Kim antworten konnte, klopfte es an der Tür. Gilda trat in das Büro und hinter ihr schob sich Drake Tomlin in den Raum, bewaffnet mit einem großen Karton.
„Sorry, Leute“, Gilda lächelte entschuldigend und strich sich über die dunklen Haare, „Drake wollte euch unbedingt sofort die guten Neuigkeiten erzählen.“
Der stellte die Kiste neben dem Besuchertischchen ab, setzte ein treuherziges Grinsen auf und streckte Kim die Hand entgegen. „Drake Tomlin, Detektiv der Detektei Peters.“
Sie sprang auf und wischte sich hastig über die Wangen. „Kim Goldberg, ich bin Lauras Schwester.“
„Man sieht die Ähnlichkeit nicht auf den ersten Blick, die eine brünett, die andere blond, aber ihr habt die gleichen grünen Katzenaugen und bestimmt auch den gleichen, messerscharfen Verstand.“
Laura war beeindruckt, wie er es schaffte, so zu tun, als sähe er Kims verweintes Gesicht nicht. Dass er es tatsächlich nicht bemerkt hatte, schloss sie aus. Er hatte Psychologie studiert und ein so ausgeprägtes Gespür für Stimmungen, dass sie manchmal das Gefühl hatte, er könnte Gedanken lesen. „Wir sind auch vom Typ her sehr unterschiedlich“, warf sie ein. „Sie ist der Spaßvogel.“
„Und du der Kindskopf“, konterte Kim.
„Also beide auch schlagfertig. Ich freue mich sehr, dich kennenzulernen.“ Drake deutete launig eine Verbeugung an. „Es gibt übrigens etwas zu feiern: Mein Thriller, Infernum Satanicum, steht auf Platz 1 der Bestsellerlisten. Und als Dankeschön für die Unterstützung habe ich für jeden von euch ein Exemplar mitgebracht.“
Er öffnete den Karton und drückte Laura und Gilda ein Buch in die Hand. Und auch Kim.
Die sah ihn überrascht an. „Vielen Dank, das ist aber nett! Ich liebe Krimis und Thriller.“
„Es ist mir ein Vergnügen! Wenn es dir gefällt, schreib gerne eine Rezension, nichts macht uns Autoren glücklicher! Sofern sie positiv ist, natürlich.“ Dann wandte er sich an Laura. „Für Champagner ist es zu früh, aber heute Abend würde ich euch gerne einladen und den Erfolg feiern.“
„Ich gratuliere! Das freut mich wirklich sehr für dich! Aber meine Schwester ist ja gerade erst angekommen und wir haben noch keine Pläne gemacht. Bleibst du über Nacht, Kim? Oder fährst du wieder zurück nach Frankfurt?“
„Ich werde ein paar Tage bleiben. Und heute Abend hatte ich gehofft ...“
„Du möchtest ihn lieber mit mir allein verbringen? Alles klar! Dann machen wir das!“
„Nein. Heute ist ein Jubiläums-Galadinner des Universitätsklinikums Bonn. Ganz elegant, mit einer Einladung auf dickem Büttenpapier und nur für ausgewählte Gäste. Du weißt schon: Professoren, Honoratioren, die Bürgermeisterin, die lokale Prominenz. Irgendwie hatte ich gehofft, du könntest uns da reinbringen. Jakob wird auch da sein. Dann können wir gleich sehen, was Sache ist!“
„Ich? So berühmt bin ich nicht, dass ich zu so etwas eingeladen werde. Aber Barbara vielleicht. Die treibt sich ständig auf solch exklusiven Events herum. Möchtest du ...?“
Kim verstand die Frage, die sich hinter dem angefangenen Satz verbarg, und nickte. „Du kannst es den anderen erzählen. Ich bin ja extra hierhergekommen, um euch zu engagieren.“
„Ach, wirklich?“
„Ja. So richtig offiziell mit Auftrag und Rechnung. Wäre das okay? Habt ihr Kapazitäten frei?“
„Aber natürlich!“, platzte es begeistert aus Gilda heraus.
Doch Laura zögerte. „Hast du dir das gut überlegt? Bei so einem Job geht es um sehr persönliche und intime Angelegenheiten. Es könnte sein, dass wir tief graben müssen, um die Wahrheit aufzudecken. Alle Geheimnisse, alle heimlichen Laster, alle Abgründe können ans Licht kommen. Schonungslos. Ich könnte mir vorstellen, dass du lieber einen anderen Detektiv beauftragst, den du danach nie wiedersiehst. Wir beide wollen uns ja beim Weihnachtsessen noch in die Augen gucken können, ohne rot zu werden.“
„Sagtest du nicht, du bist ein Profi?“, stichelte Kim und schmunzelte. Dann wurde sie wieder ernst. „Lieb, dass du mich warnst, aber ich habe schon darüber nachgedacht und möchte es so. Du bist meine Schwester, ich vertraue keinem mehr als dir. Übrigens solltest du nicht zu viel erwarten, ich fürchte, Jakob und ich sind viel weniger geheimnisvoll und abgründig, als du denkst.“
Gilda klatschte in die Hände. „Dann ist das abgemacht! Oder Laura?“ Und als die nickte, fuhr sie fort: „Ich hole meinen Notizblock und wir legen direkt los.“
„Bringst du mir einen Kaffee mit? Und ich könnte auch ein Croissant vertragen“, rief Drake ihr hinterher und stieg wie ein Flamingo über Lauras Füße, um sich auf den freien Sessel in der Ecke zu setzen. „Ich kann uns Einladungen besorgen, falls es weiterhin euer Plan ist, zu dem Galadinner zu gehen.“
„Echt? Wie?“ Kim lehnte sich interessiert vor.
„Ich stehe auf der Gästeliste und man darf in Begleitung kommen. Ich habe zwar abgesagt, aber das lässt sich bestimmt rückgängig machen.“
„Und was hast du mit dem Universitätsklinikum zu tun?“
„Nichts. Ich vermute, sie haben mich eingeladen, weil ich seit letztem Jahr einen Thinktank finanziere, der Projekte durchführt, bei denen Dozenten und Studierende von der psychologischen und medizinischen Fakultät mitarbeiten. Oder es liegt daran, dass ich der berühmteste Schriftsteller in Bonn bin.“ Er grinste und streckte unbekümmert die langen Beine aus.
„Das ist perfekt!“
„Nicht so schnell“, dämpfte Laura die Begeisterung. „Lasst uns erst die Fakten sammeln. Dann legen wir die weiteren Schritte fest.“
Gilda kam mit zwei Kaffeebechern zurück, im Schlepptau einen großen, dunkelhaarigen, erkennbar athletisch gebauten Mann in Lederjacke, Jeans und Biker-Boots. Sein Blick streifte amüsiert über die Anwesenden und blieb an Kim hängen.
Laura nickte ihm zur Begrüßung zu. „Das ist Marek“, erklärte sie ihrer Schwester. „Marek: Das ist Kim, meine Schwester. Sie ist heute überraschend zu Besuch gekommen.“
„Ah, der polnische James Bond. Jetzt verstehe ich!“ Kim zwinkerte Laura zu, dann streckte sie ihm die Hand hin. „Ich dachte es mir schon. Laura hat viel von dir erzählt.“
„Von euch anderen natürlich auch“, warf Laura hastig dazwischen. „Aber lasst uns keine Zeit mit Höflichkeiten vergeuden, konzentrieren wir uns auf den Fall.“
Marek zog sich einen Stuhl in die Runde, setzte sich rittlings darauf und stützte die muskulösen Unterarme auf die Rückenlehne. „Wir haben einen neuen Auftrag? Worum geht es?“
„Mein Mann betrügt mich“ und „Kims Mann hat eine Leiche im Keller“, kam es zeitgleich von den Schwestern.
Marek hob die Hände. „Okay, okay, das hört sich nicht nach derselben Sache an. Hoffe ich wenigstens!“ Er grinste und ein Grübchen tauchte in seiner linken Wange auf.
Laura nickte. „Offensichtlich setzen wir die Prioritäten unterschiedlich. Am besten erzählt uns Kim selbst, worum es geht und was wir für sie tun können.“
Die nahm einen schnellen Schluck aus ihrer Tasse, räusperte sich und beschrieb dann in kurzen Worten, was sie Laura bereits erzählt hatte.
„Darf ich den anonymen Brief mal sehen?“, fragte Drake und Laura reichte ihm das Papier. Nachdem er den Text überflogen hatte, sah er auf. „Es war nicht gerade ein Poet, der das geschrieben hat. Klingt fast ein bisschen unbeholfen formell, aber vielleicht ist das Absicht. Es geht jedenfalls deutlich über einen harmlosen Scherz hinaus. Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache. Was meinst du, Marek?“ Er reichte den Zettel an seinen Kollegen weiter.
Der warf einen kurzen Blick darauf und wandte sich dann Kim zu. „Sehe ich auch so. Und was die Dringlichkeit angeht, bin ich bei Laura. Wir müssen herausfinden, was man gegen deinen Mann in der Hand hat. Und zwar schnell! Die andere Sache scheint mir doch eher“, er räusperte sich, „persönlicher Natur zu sein.“
„Das entscheidet Kim. Schließlich bezahlt sie uns.“ Laura lächelte ihrer Schwester zu. „Aber du kannst davon ausgehen, dass wenn wir in Jakobs Vergangenheit nach einer Leiche im Keller graben, wir auch alles über die Gegenwart herausfinden. Das lässt sich nicht vermeiden.“
„Ich weiß. Macht es so, wie ihr es für richtig haltet.“
„Gut“, schaltete sich Drake wieder ein. „Die erste Frage ist natürlich, ob du eine Idee hast, worauf der Erpresser anspielt.“
„Nicht die allergeringste. Und ihr könnt mir glauben, ich habe mir darüber schon den Kopf zermartert.“
„So was wie Plagiat bei der Doktorarbeit kann es ja nicht sein“, überlegte Gilda. „Dafür könnte er zwar seinen Job verlieren, aber wohl kaum lebenslänglich hinter Gittern landen.“
Drake nickte. „Lebenslang wird nur bei Mord, bei Totschlag in besonders schwerem Fall oder schwerem Raub mit Todesfolge verhängt. Und bei Völkermord.“
„Völkermord scheint mir jetzt doch ein bisschen sehr weit hergeholt“, warf Laura hastig ein, als sie sah, dass ihre Schwester blass wurde. „Der Erpresser ist bestimmt kein Jurist und hat das mit dem lebenslänglich nur geschrieben, weil es dramatisch klingt.“
„Möglich wäre Völkermord schon. Wenn er zum Beispiel im Auftrag einer Regierung ein tödliches Virus ausgesetzt hat. Als Mediziner könnte er Zugang zu Mikroorganismen haben, die zur Massenvernichtung genutzt werden können. Hat er im Ausland gearbeitet, Kim? Vielleicht in irgendwelchen Krisengebieten?“
„Er war ein paar Monate für Ärzte ohne Grenzen unterwegs“, begann die zögernd, doch Laura fuhr dazwischen: „Jetzt hört endlich auf mit diesem Völkermord! Das ist Schwachsinn! Mit Drake geht der Thriller-Autor durch. Beachte ihn nicht!“
„Was sein kann, ist, dass er im Rahmen seines Jobs, zum Beispiel bei einer Operation, etwas getan oder gelassen hat, was zum Tod eines Patienten geführt hat.“ Marek sah Kim fragend an, doch die schüttelte den Kopf.
„Nein. Jedenfalls nicht, bevor er die Position in der Frauenklinik übernommen hat. Natürlich ist mal ein Patient gestorben, das gehört leider zum Alltag eines Arztes dazu. Aber nicht durch seine Schuld, sondern nur, weil dem dann nicht mehr zu helfen war.“
„Möglicherweise sieht das aber jemand ganz anders als er? Ein Angehöriger des Patienten? Oder ein Kollege von Jakob?“
„Das weiß ich natürlich nicht. Aber Jakob ist unglaublich sorgfältig. Einen solchen Fehler könnte er sich kaum verzeihen, er hätte es mir mit Sicherheit erzählt. Jedenfalls früher.“ Sie senkte den Kopf.
„Wenn irgendetwas vorgefallen ist, ist es bestimmt in Bonn passiert. Bevor Jakob mit dir nach Frankfurt gezogen ist.“ Drake tat wieder, als bemerkte er nicht, dass Kim mit den Tränen kämpfte. „Der Erpresser ist jedenfalls von hier, darüber sind wir uns einig, oder?“
Die anderen nickten.
„Dann sollten wir uns in Jakobs Umfeld umhören. Bei Freunden und Arbeitskollegen. Natürlich absolut diskret, keine Sorge!“
Gilda sah von ihren Notizen auf. „Du hast bestimmt schon mit deinem Mann gesprochen. Oder, Kim? Also über diese andere Frau?“
„Nein. Er weiß nicht, dass ich es weiß. Ich wollte ihn natürlich zur Rede stellen, aber nachdem ich den Brief gefunden habe, habe ich es mir anders überlegt.“
„Warum?“
Kim zuckte die Schultern. „Kann ich nicht so genau sagen. Irgendwie war es, nachdem sich ein Fremder eingemischt hat, keine Angelegenheit mehr, die nur zwischen Jakob und mir besteht. Wer weiß, wer noch alles Briefe erhalten hat? Das hat mich total verunsichert. Ich kann die Situation nicht einschätzen und möchte nichts falsch machen. Es steht zu viel auf dem Spiel.“
„Wir müssen mehr über den Absender herausfinden.“ Marek kniff die Augen zusammen. „Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wer es sein könnte. Zum Beispiel jemand, der es auf Jakobs Job abgesehen hat und ihn mit falschen Beschuldigungen vertreiben möchte. Oder seine Affäre war es selbst, um die Entwicklungen zu beschleunigen, damit sie ihn für sich allein haben kann. Manche Frauen warten nicht gern und ihnen ist jedes Mittel recht.“
„Oder sie ist verheiratet“, spann Gilda den Faden weiter, „und ihr Mann versucht, sie zurückzukriegen, indem er Jakob dazu bringt, sich von ihr zu trennen und zu dir zurückzukehren.“
„Wenn ich ihn denn zurücknehmen würde“, murmelte Kim düster.
„Jakob könnte es sogar selbst gewesen sein“, gab Drake zu bedenken. „Es ist eine echt feige Methode, aber mit dem Brief könnte er dich dazu bringen, dass du dich von ihm trennst und ihm so diesen unangenehmen Schritt erspart. Er leugnet dann seine Affäre, spielt das arme, verlassene Opfer und niemand kann ihm Vorwürfe machen. Total ehrenlos, aber tatsächlich kommt das gar nicht so selten vor. Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, dass ich so offen rede.“
„Schon gut“, winkte Kim ab. „Ich bin für alles gewappnet und habe mich auf ein Ende mit Schrecken eingestellt.“
„Wir sollten uns an Jakobs Fersen heften, um den Erpresser zu finden. Er wird ihn im Auge behalten wollen, um zu sehen, ob seine Drohungen fruchten. Es sollte natürlich einer von uns sein, den Jakob nicht kennt, sonst fällt es schnell auf“, schlug Marek vor. Dann sah er Kim direkt an. „Nun zu dem Elefanten im Raum. In dem Brief steht, du sollst auf keinen Fall nach Bonn kommen. Du wirst deine Gründe haben, warum du trotzdem hier bist. Aber du solltest dich wenigstens vom Klinikgelände fernhalten. Und auch von der Detektei. Wenn der Erpresser mitbekommt, dass du in Bonn bist und uns eingeschaltet hast, wird er sonst vielleicht schon vor Donnerstag seine Drohung wahr machen. Dann können wir nichts mehr für dich tun.“
„Guter Punkt“, stimmte Laura zu. „Ich weiß, wie schwer es dir fällt, dich zurückhalten zu müssen, aber es ist notwendig. Ab jetzt telefonieren wir oder wir besprechen uns mit dir in meiner Wohnung. Das Umhören unter Jakobs Kollegen kann ich mit Barbara übernehmen, wenn sie nachher kommt. Und wir sollten uns – das schlage ich allerdings nur sehr ungern vor – in Jakobs Wohnung umsehen, während er nicht da ist. Hast du einen Schlüssel, Kim?“
Die schüttelte den Kopf. „Angeblich hat er nur ein Exemplar von seinem Vermieter bekommen. Wer es glaubt ...? Ja, ich weiß, ich war blind.“
„Nicht schlimm, wir finden einen Weg.“ Laura sah zu Marek hinüber und der nickte ihr zu.
„Ich übernehme das. Eine meiner leichteren Übungen.“
„Okay. Dann heftet sich Marek an Jakobs Fersen. Und Gilda: Do your magic und durchkämme das Internet nach der Leiche in Jakobs Keller.“
„Wird erledigt! Wenn es sie gibt, finde ich sie. Ist denn alles erlaubt?“
Laura zögerte mit der Antwort. Gilda war eine talentierte Hackerin und sie hatte ihr ausdrücklich verboten, ihre Methoden bei den Fällen der Detektei anzuwenden. Außer in äußersten Notfällen. Dann fiel ihr Blick auf Kim, die wie ein Häufchen Elend dasaß, und sie gab sich einen Ruck. Dies war so ein Notfall!
„Alles ist erlaubt“, sagte sie fest. „Ich nehme es auf meine Kappe.“
„Cool! Ich habe da schon ein paar Ideen ...“
Ihre junge Assistentin war für Lauras Geschmack ein bisschen zu begeistert, doch sie schob den Gedanken beiseite. „Kommen wir zu Jakobs Affäre. Kim, was kannst du uns über diese Frau erzählen?“
„Nichts. Ich weiß nur, wie sie mit Vornamen heißt: Salomé.“
„Ein schöner Name, erinnert mich an alte Schwarz-Weiß-Monumentalfilme.“ Drake beugte sich vor und brach sich ein Stück von der Schokolade ab, die vor Kim auf dem Tablett lag. „Auf jeden Fall ist er nicht sonderlich häufig. Gilda sollte sie rasch finden können.“
„Mache ich.“
„Eine merkwürdige Sache gibt es noch.“ Kim schien zu zögern, ob sie weitersprechen sollte, dann gab sie sich einen Ruck. „Jakob hatte schon mal eine Beziehung vor mir, die ihm wichtig war. Er hat nie von ihr erzählt, aber das sagt ja eigentlich alles. Sie hieß auch Salomé.“
„Dann ist sie es bestimmt!“ Gilda beugte sich auf geregt vor. „Sie muss es sein! Es wäre ja wohl ein Monsterzufall, wenn beide den gleichen, seltenen Namen tragen.“
Doch Kim schüttelte den Kopf. „Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, Jakobs frühere Salomé ist tot.“
4 Verwaltungsgebäude, Venusberg
Er hatte die Regeln nicht gemacht.
Professor Dr. Dr. h.c. Alban von Berkovicz, Leiter des Universitätsklinikums und Professor an der medizinischen Fakultät der Universität Bonn, stand mit hinter dem Rücken verschränkten Armen vor dem Panoramafenster seines Büros, das die gesamte obere Etage des Verwaltungsturms einnahm, und ließ den Blick schweifen über die weitläufige Anlage des Uniklinikums bis hin zum Siebengebirge, das als Silhouette am Horizont sichtbar war.
Dies war sein Königreich, hier herrschte er.
Wenn es ihm gefiel, konnte er Entscheidungen treffen über jede noch so kleine Kleinigkeit. Über jedes einzelne Schicksal, sei es das eines Mitarbeiters, eines Patienten oder das einer Maus. Und über die ganz großen Dinge sowieso.
Keiner seiner Vorgänger war auch nur annähernd so jung gewesen wie er, als er dieses Amt angetreten hatte. Und keiner von ihnen hatte gleichzeitig den Lehrstuhl für Anatomie an der Universität innegehabt. Und definitiv überhaupt keiner von ihnen hatte auch nur ansatzweise so viel Macht gehabt wie er. Noch nicht einmal sein Vorgänger zu Zeiten der NSDAP, der den Zirkel Veneris Quadrigis gegründet hatte. Dessen Vorsitz er ebenfalls – natürlich – bekleidete. Ein besonders forscher Mitarbeiter, der äußerst interessiert an einer Mitgliedschaft gewesen war, hatte den traditionsreichen Zirkel aufreizenderweise immer Freitagsklub genannt. Das war zwar nicht falsch übersetzt, aber es hörte sich so profan an, als handelte es sich nur um ein Teekränzchen für ältere Damen. Diese Respektlosigkeit hatte ihn nicht nur sofort als Aspirant für den Veneris Quadrigis disqualifiziert, sondern ihn auch seine Position gekostet. Er musste schmunzeln, als er daran dachte, wie überrascht derjenige gewesen war, als er seine Kündigung erhalten hatte. Der Spaßvogel hatte ihn unterschätzt und nicht mit dem gerechnet, was passieren konnte, wenn man ihn reizte.
