Sammlung einiger Kurzgeschichten - Conrad Zuse - E-Book

Sammlung einiger Kurzgeschichten E-Book

Conrad Zuse

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Beschreibung

Diese Sammlung an Kurzgeschichten soll euch zeigen, ob Ihr bereit seid andere Werke zu lesen. Dabei beschreiben die Kurzgeschichten auf unterschiedliche Weise, wie man das Leben genießen kann, wenn man sich nur traut aufzuhören, seinen Ängsten den größten Erfolg zu geben.

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Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Conrad Zuse

Sammlung einiger Kurzgeschichten

Wenn das Herz brennt

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Sammlung ausgewählter Kurzprosa

Be an asshole

Impressum neobooks

Sammlung ausgewählter Kurzprosa

Das Zusammenspiel

Will man ein Märchen über die Liebe erzählen, muss man auch die Mitprotagonisten Zeit, Reichtum und Glück auftreten lassen. Beschäftigt man sich ein wenig mit der Liebe wird es einem schnell klar sein, dass man niemals etwas über die Liebe schreiben kann, ohne endlos zu diskutieren. Auch wenn die Liebe in Zeiten schneller Scheidungen sehr schnell ein Ende finden kann, ist der theoretische Hintergrund ewig.

Es war einmal die Liebe. Sie war ein glückliches Wesen, weil sie jeder aufsuchte, um eine Verbindung zwischen den Geschlechtern aufzubauen. Jeder liebte die Liebe. Sie wurde umworben, sie wurde aufgesucht, verehrt und allzeit wurde an sie gedacht. Ihr ging es wirklich gut. Manchmal wurde sie auch verflucht. Nicht einmal die Liebe schafft es, von jedem gemocht zu werden. Traurig macht sie dieser Tatbestand nicht. Viel zu sehr verspürt sie das Glück. Das Glück ist ihr bester Freund. Sie gehen oftmals Hand in Hand und wollen nur das Beste. In ihrer Welt scheint ewig die Sonne, selbst wenn der Tag grau ist. Sie scheint in ihren Herzen und das macht sie froh. Beide erfreuen sich an der Welt, wie sie ist, meckern nicht, was sein könnte, sondern akzeptieren bedingungslos den Zustand der Gegenwart. Gerne blicken sie auch mal zurück oder nach vorne, da sie sich nur zu gerne mit der Zeit zum Spielen treffen. Die Liebe, das Glück und die Zeit sind einfach die besten Freunde und nichts hält sie auf. Sie leben zufrieden miteinander und selten gibt es Streit. Manchmal zickt die Zeit ein wenig herum, weil sie trödelt oder an der Liebe und dem Glück vorbei saust, so dass diese zu spät kommen und man sich einfach verpasst. Stören tut es der Liebe und dem Glück nicht, dass die Zeit mit ihnen spielt, weil sie sich einander haben und das ausreichend ist. „Zusammen ist man weniger alleine“ – schönes Buch – heißt es. Ein weiter Freund ist der Reichtum. Der Reichtum ist ein schwieriger Fall. Er ist nicht bedingungslos und will gerne akzeptiert werden, wie er ist. Die Liebe und das Glück streiten sich ab und an über den Reichtum. Das Glück behauptet, dass der Reichtum etwas Materielles sei, während die Liebe glaubt, dass der vollkommene Reichtum ein Gefühl innerer Zufriedenheit wäre. Sie bringt dann das Argument: „Manch einer ist so arm, alles was er hat ist Geld!“. Daraufhin meint das Glück, dass man Freiheit dadurch erhalte, dass man einem Job nachgehe, der einen erfüllt und glücklich mache, der daraufhin Wohlstand und somit Reichtum brächte und von diesem Reichtum könne man sich dann das Glück kaufen. Damit ist die Liebe nicht einverstanden. Sie glaubt, dass man sich vom Geld nichts kaufen kann und wer dem Geld hinterher jage, auch die Peitsche auf dem Rücken spüre. Das Geld ist ein Phänomen, was nur sehr wenige Menschen verstehen und dennoch jeder nutzen darf. Politik, Fußball und Religion sind ebenso Streitthemen, dürfe allerdings nicht von jedem ausgeführt werden. Man kann viele Worte verlieren, solange man nicht handelt, sind sie wertlos.

Das Problem wird immer zwischen dem Glück und der Liebe stehen. Sie arrangieren sich damit, dass sie einander aufbauen und aneinander wachsen, wenn sie lernen die Meinung des anderen zu akzeptieren, jedoch auch erkennen, dass sie für sich das Recht behalten. Die Liebe glaubt, dass man einander nur liebt, wenn man die Fehler des anderen annimmt, wie man auch sich annimmt, da man als einzige Person seiner Fehler bewusst wird. Das Glück stimmt diesem überein und so finden sie immer wieder zusammen, auch wenn sie über den Reichtum streiten. Dabei streiten sie nicht über ihren Freund, sondern einfach nur darüber, wer den Reichtum von welcher Seite in den Arm nehmen darf. Immerhin spielt es keine Rolle, welchen Weg man wählt, solange alle ihr Ziel erreichen. Deswegen fanden die Liebe und das Glück, dass sie am besten im Kreis angeordnet einander begegnen und jeder mal links oder rechts des Anderen sein. Man kann die Welt nicht ändern, man kann nur seine Sichtweise ändern. Dort sind sich das Glück und die Liebe ebenfalls einig. Eine innere Anspannung zu besitzen, weil etwas nicht ist, wie man meint, dass es zu sein hat, führt nur dazu, dass man weniger von ihnen in sich teilt. Wozu streiten? Jeder Moment, wo man streitet, wartet oder innerlich unausgeglichen ist, ist ein verlorener Moment. Das findet die Zeit auch. Sie glaubt, dass man sich an sie bindet, weil man meint, dass man dadurch ein Teil von etwas wird. Als Kind ist Zeit unbedeutend. Betrachten wir heute unsere Kindheit, erfahren wir die endlose Zeit. Immer haben die Eltern Vorschriften gemacht. Eltern scheinen in der Gegenwart zu leben, weil sie ständig von der Zeit getrieben werden. Als wollten sie sich davon ausruhen, dass das Kind endlos ist und sie diese Endlosigkeit nicht ertragen, da alles ein Ende haben kann. In der Zukunft stehen dann die Großeltern, die ewig leben. Es scheint, als wollten sie nicht verstehen, dass man getrieben wird, obwohl sie doch längst getrieben wurden. Wieso erinnern sie sich nur nicht mehr daran, dass man in der Jugend keine Zeit hat, weil man zu viel vor hat und zu wenig Zeit findet alles auszuprobieren? Als Kind ist es leicht. Man kennt nichts und fordert nichts. Man erwartet wenig vom Leben, weil man mit wenig zufrieden ist. Kinder sind entspannt. Welch ein Glück es doch wäre ein Kind zu sein. Puh. Das Leben ist anstrengend. „Ja!“, ruft die Zeit. „Wenn man es sich anstrengend gestaltet, dann ist es anstrengend. Pflichten sind wie Ausreden – eine Aussprache der eigentlichen Unlust.“, trägt sie weite vor. Genauso sieht es aus. Als Kind wird einem eingeredet, dass man einmal arbeiten müsse, weil man sich viel wünsche, um glücklich zu sein. Und am Ende führen die Wünsche nur dazu, dass man seine Freunde weniger oft sieht und mit ihnen in einem Wettkampf steht, wer das schönere Leben führt.

Dabei ist es doch eindeutig. Die Liebe liegt entspannt in der Badewanne, da kommt das Glück von der Arbeit und ist vollkommen erschöpft. Die Liebe springt aus der Wanne, begrüßt das Glück und erwartet, dass es bespaßt wird. Das Glück klappt müde zusammen: „Heute nicht!“. Die Liebe ist enttäuscht und wird mürrisch: „All die Zeit habe ich gewartet, dass du nach Hause kommst, weil du glaubst, dass du den Reichtum brauchst, um zu dir selbst zu finden und jetzt lässt du mich hängen.“. Da antwortet das Glück, „wenigstens warst du nicht alleine! Ich hingegen hetzte ständig unserem Freund hinterher, ohne ihn zu erreichen, nur um dir einen Teil von mir geben zu können.“ „Liebes Glück. Ich liebe dich vom ganzen Herzen und wenn du mir einen Teil von dir geben willst, solltest du weniger Zeit damit verbringen dem Reichtum hinterher zu jagen, sondern mit mir den Sonnenschein genießen.“. Das Glück sprang auf, sammelte seine letzte Kraft. Noch war die Sonne am Himmel. Sie gingen Hand in Hand vor die Tür und genossen die letzte Zeit des Tages. „Liebe Liebe, wenn wir nicht genug Zeit am Tag haben, so haben wir genug Zeit in der Nacht!“. Verliebt schritten sie im Mondschein nach Hause und fielen erschöpft ins Bett.

Am nächsten Tag klingelte das Glück beim Reichtum und gestand ihm etwas.

Du, Reichtum. Ich kann dir nicht ewig hinterher hetzen, weil ich niemals werde, wie du. Ich bin das Glück und als solches möchte ich auch von dir akzeptiert werden. Meine Frau die Liebe hat mir die Erleuchtung gebracht, dass ich dich nicht vollkommen besitzen muss, um dich zu verstehen, sondern wir einfach als gute Freunde die Zeit unseres Daseins verbringen können und einander bereichern.

Du, Glück. Ich muss dir etwas sagen. Ich fühle mich von dir ständig gehetzt. Andauernd muss ich vor dir flüchten, damit du mich nicht vollkommen vereinnahmst. Ich will mir selber treu bleiben, doch je mehr du meinst, dass du mehr sein müsstest, wie ich, desto weniger darf ich sein, wer ich bin. Immer mehr meiner selbst ziehst du in dich auf, ohne zu erkennen, dass ich lieber ein Stück von dir sein wollte.

Mensch Reichtum. Hätten wir früher mal offen miteinander geredet, hätte ich nicht die ganze Zeit verloren, wo ich dir hinterher gejagt bin, nur um meiner Frau zu geben, was du bist. Wenn die Liebe dich liebte, würde sie deine Frau sein und nicht meine.

Mensch Glück, du bist ja ein Fuchs. Das dir das nach all der Zeit erst klar wird. Was soll ich dir sagen, rühmen tue ich mich damit nicht, doch mit Geld kann man sich nichts kaufen. Weder kannst du dir mit meinem Reichtum die liebe deiner Frau kaufen, noch kannst du dir dich kaufen. Mit mir kann man nur vor sich selbst davon laufen. Ich weiß, dass Viele gerne wären, wer ich bin und genau da liegt doch das Problem. Wollen wir nicht alle ein Stück wie der Andere sein?

Das Glück umarmte den Reichtum und entdeckte, dass es ihn nun erreicht hat und immer noch es selbst geblieben ist. Zufrieden geht das Glück nach Hause und berichtet der Liebe von dem Vorfall. Besorgt schaut die Liebe das Glück an: „Was machen wir denn nun? Von Luft und Liebe kann man nicht leben!“. So beschloss die Zeit, dass sie einander bereichern könnten. Würde die Liebe ein Stück von sich an den Reichtum geben, wie auch das Glück dem Reichtum den Handel nicht verwehren, könnten sie einander austauschen, was sie nicht haben und immer nur so viel tauschen, dass jeder genug bleibe, wer er sei.

Dadurch lebten sie alle zufrieden miteinander und kein Streit hat sich mehr entflammt.

Der unergonomische Läufer

Nicht jeder mag diesen fleißigen Gesellen kennen. Bewegt man sich unter sengender Mittagshitze, mag er manchmal etwas fremd wirken. Diejenigen, die sich bei Sonnenaufgang oder -untergang auf die Straße trauen und die Schuhe den Asphalt küssen lassen, werden ihn sicherlich kennen. Als ständiger Begleiter, ist er auf Schritt und Tritt an uns dran. Dabei ist sein Laufverhalten gerade nachts unsportlich. Anstatt sich auf einer Höhe zu bewegen, schleicht er sich von hinten an uns heran. Wir passieren die Laterne und dieser freche Typ überholt uns. Alle fünfzehn Meter spielt dieser Geselle mit uns. Wir freuen uns gerade darüber wieder überholt zu haben, da kommt er an uns vorbei gesprintet. Lässt sich auch gleich wieder zurückfallen. Als wollte er uns nur einholen und etwas sagen und wenn wir an ihm unbeachtet vorüber laufen, verfolgt er sein Ziel auf ein Neues. Dunkel. Schwarz, wie die Ortschaft, an denen die Pünktchen glitzern, ist er. Stets modisch gekleidet und ganz gleich, ob wir uns vornehmen, dass wir langsam laufen, schnell sprinten oder die Distanz kurzer Hand auf eine weitere Runde erhöhen. Er begleitet uns; treuer als ein Hund. Wie oft erkennen wir uns in diesem Schatten nur zu gerne wieder? So schlank und elegant, wie er sich fort bewegt. Grazil. So würden wir ihn beschreiben. Er ist der Traum; den wir erreichen wollen.

Laufen wir am Morgen, wo das Wasser auf den Grashalmen, wie zauberhafte Perlen, glänzen, ist er weniger sprunghaft. Geht der Lauf gegen die Sonne, so ziehen wir unseren Freund. Er will doch eigentlich nicht. Nur muss er. Niemand zwingt ihn diese wunderbare Morgenluft in sich hinein strömen zu lassen. Die weiten Felder zur Seite liegend. Die Natur ist noch frisch; der Tag noch jung. Die Sonne ein Begleiter des Horizontes. Das ist doch die Zeit, in der wir die Energie für den nächsten Lauf erhalten. Erquickend spült die Atmosphäre über unsere Motivation. Sie umschmeichelt sie mit einem Hauch von Liebe. Wenig Leben ist auf den Straßen. Alles ist ruhig. Nichts kann einem mehr von der Freiheit vermitteln, wie das Gefühl, wenn man unterwegs ist und nur mit sich im reinen zu sein scheint, während an der Seite stehende Passanten, die einem im Wettkampf bejubeln würden, diesen Läufer betrachten, während sie auf den Bus zur Schicht warten. Gelegentlich stört ein Auto die Ruhe, die einem bleibt.

Die Nacht zum Tag macht derjenige, der es liebt in die Dunkelheit hinein zu stolpern. Wie ein Schatten legt sich die Dunkelheit über die Laufstrecke. Alles was um uns herum passiert, ist die Fiktion der Gedanken. Die Wirklichkeit ist stark eingeschränkt. Das Augenlicht folgt der Realität niemals so weit, wie sie es noch am Morgen tat. Nur wir sind unterwegs. Alles schläft. Diese ungemeine Ruhe berührt das Herz. Die Lichter gegenüber der düsteren Weite, sind das Ziel, welches zu erreichen gilt. Man erforscht sein tiefstes Unterbewusstsein. Formt die Kraft für den Tag. Und verpasst man einmal einen Lichtkegel, weiß man bestimmt, dass der sture Begleiter auf einen am Nächsten wartet.

Sein Training ist unausgeglichen und trotzdem ist mir dieser unergonomische Läufer mein liebster Begleiter. Er unterhält sich nur so viel, wie er will, hat immer Puste und folgt mir bis ans Ende des Lichtes.

Die einsame Tulpe

Es war ein regnerischer Tag, als ich meine Reise gen Berlin machte. Mein Rennrad habe ich Egon getauft. Der Name kam im Flug. Anfänglich habe ich Egon gehasst. Als ich ihn frisch bekam, wollte er mich nur ärgern. Die Überführung hatte bereits Tücken. Vom Geschäft bis in die Garage holten wir uns einen Platten. Vor dem ersten Wettkampf überdehnte ich mein Knie und hatte irre Schmerzen beim Laufen, weil es sich anfühlte, als hätte jemand das Knie verdreht und würde von da an mit tausend Nadeln ins Knie stechen. Egon und ich konnten uns allerdings anfreunden. Bei der Durchquerung Deutschlands hatte er nicht ein Wehwehchen. Dieses Mal fuhren wir leichtfüßig nach Berlin. Am Hügel fühlt es sich immer mal wieder an, als hätte er Bleischlappen an. Die verfliegen dann, wenn die Muskeln hart werden und die Kraft haben, um wirklich die Leistung in Egon wach zu rufen, die auch in ihm steckt. Gerne schreie ich Gott an, wenn er mich mit dem Wetter ärgert. Es macht mir nichts aus, wenn es regnet. Es macht mir nur etwas aus, wenn man plant mehrere Stunden etwas zu unternehmen und in der ersten Minute wird man ertränkt und muss dann den Rest in der Nässe schweben. Deswegen haben Gott und ich ein Abkommen. Ich sage ihm, dass er mich nicht abhalten kann und er schickt sein Wetter weiter. Natürlich weiß ich, dass es keine größere Instanz gibt, die das Wetter beeinflusst und es einfach ist, wie es ist. Dennoch ist es manchmal lustig, dass ein kleines Wort aus meinem Mund ausreicht, um das Wetter zu bekommen, welches ich mir wünsche. Egon hilft mir dabei. Ganz schnell fliegen wir über die Wolken und sind dann im blauen Himmel, der nur durch blau und Sonne gemalt ist. Dabei ist Egon – ein schwarzes Transition von Specilaized – mehr als nur ein Rennrad. Es ist mein Begleiter. Ich bin nicht schizophren und rede mit einem toten Gegenstand. In meinen Gedanken ist mein schwarzer Drahtesel allerdings ein Drachen und da ist er ein lebendiges Wesen. Ich möchte nicht wissen, was in anderen Köpfen abgeht. Nur ist man nicht gerade in geselliger Gesellschaft, wenn man Touren macht, die kaum jemand teilt. Manchmal muss man etwas ausprobieren und in einem Versuch ist man meist einsam. Wer will schon wissen, was ein Chemiker, Alchimist alleine und einsam vor sich köcheln lässt, um zu der Weisheit zu gelangen, dass ein Mensch in Gesellschaft besser aufgehoben ist? Wie viele Physiker, Mathematiker oder Astronomen haben sich mit der Unendlichkeit gequält, während der Gedanke manchmal dahin schweifte, dass man auch gerne ein einfacher Mensch sei, der es für eine wichtige Entscheidung hält, ob man ein blaues oder ein rotes Hemd tragen sollte? Wenn man sechs Stunden auf dem Rad sitzt, wäre es also unvorteilhaft, zu denken, dass man in dieser Zeit alleine ist. Das macht einen Menschen verrückt. Wir wollen uns teilen und bevor ich zu den schlimmen Menschen gehöre, die glauben, dass ihre Leistung herausragend war, weil sie sich mit denen vergleichen, die weniger machen, spiele ich in meinen Gedanken eine Reise auf dem Rücken eines Drachen. Wie viele Menschen vor mir sind schon heftigere Touren gefahren? Soll ich nun sagen, dass ich etwas erlebe, was einzigartig ist? Es ist doch nur für mich einzigartig. Wen kümmert es schon, was ich erlebe? Wachsen sie daran, wenn ich mich sechs Stunden auf einen harten Sattel schwinge? Es ist mein Leben und ich kann es nur mit jemanden teilen, der den Schmerz kennt, wenn man mal einen Hügel hinauf radelt. Landstraßen sind unsere liebste Spielwiese. Sie führen weit, sind meist gerade und von Bäumen umgeben. Straightline sind sie nicht gerade, dafür idiotensicher. Manchmal fährt man einen riesigen Bogen, um noch ein größeres Dorf mitzunehmen. Gesehen hat man dadurch ein wenig mehr, gemerkt hat man gigantisch viel mehr. Die Oberschenkel explodieren bei jedem Umweg. Doch das Beste ist, wenn Egon und ich auf einer Welle gleiten. Für mein rechtes Bein ist es ein Tritt und für das linke Bein ein Zug. Maximale Traktion und optimale Kraftübertragung. Genau dann schaffen wir es auch auf etwas über vierzig km pro Stunde zu kommen. Für Egon und mich ist das ein Kraftakt. Für ein windschnittiges Modell mit optimaler Technik wäre das ein kleiner Schritt, was für uns beide ein großer ist. Zufrieden sind wir beide schon. Es kommt nicht darauf an, wer was leisten kann, sondern wer was mit welcher Technik leistet. Das macht aus dem Rennradsport ein Wettlauf um die beste Technik und nicht mehr ein Rennen um den besten Mann oder gerne auch die beste Frau. Wie ehrlich ist da dann schon der Sport? Daher vergleichen Egon und ich uns auch nur mit uns selber. Identische Strecke und identische Bedingungen und wir glauben manchmal, dass wir mit der Zeit besser werden. Die Fahrt nach Berlin war eine Überraschung. 101. 96. Das waren die Zahlen. Elsterwerda war schneller abgehakt, als gedacht. Einmal haben wir die Tour bereits hinter uns gebracht. Es ist schneller zu fahren, wenn man die Strecke kennt. Neues muss man entdecken, Altbekanntes kann man abhaken. Luckau war dann die Rast. Wir gönnten uns eine Pause. Wasser wurde aufgefüllt und Verpflegung gab es auch ein wenig. Die Muskeln waren warm, das Wetter war perfekt. Ein Mix aus nicht zu warm und nicht zu kalt. Hohenleipisch und Finsterwalde waren schneller hinter uns, als wir glaubten. Berlin war da und das nur mit fünfundvierzig Minuten Rast. In unter sechs Stunden bis nach Berlin war Rekord. Das Gefühl etwas Großartiges zu sein, war wieder im Körper. Dabei darf es doch niemand wissen, was wir machen. Es ist geheim. Würde jemand wissen, dass wir Leistung bringen, würden wir doch nur wieder verstoßen. Niemand will jemand kennen, der etwas Herausragendes leisten kann. Viel zu einfältig ist der normale Mensch, der darüber erfreulich schmunzelt, wenn er mal zehn km läuft oder ab und an schafft seine müden Knochen aufzuraffen. Neben einem Baum, in einer grünen Öde, erwuchs eine Tulpe. Sie stand einsam am Wegesrand. Um sie herum gab es keine ähnliche Pflanze. Wie kommt die Natur dazu eine einzelne Tulpe wachsen zu lassen? Welches Insekt verirrt sich zu ihr, um ihr den nötigen Respekt zu zollen? Trotz all der Mühe, erstrahlt sie alleine für sich mit ihrem Antlitz, um nicht im Wettbewerb zu stehen, sondern ganz alleine für sich das Leben zu genießen, welches ihr geschenkt wurde. Kein Neid entsteht, wenn man in einem Land umgegeben von vielen Artgenossen, trotz alledem regional ein Einzelstück ist. Egon und ich rasten weiter, vergessen haben wir die Tulpe nicht. Sie zeigte uns, dass es natürlich ist, dass man manchmal Einzigartig ist, obwohl es irgendwo Unmengen der eigenen Art gibt. Ist man ein Unikat, so kümmert es die Natur nicht, dass man zerstört wird. Man steht an einem geschützten Stück Erde, wo einem die Vollkommenheit nachträglich ist. Dagegen ist man in der Konkurrenz geneigt, sich in ein Feld zu begeben, was einen zerstört und die Kraft verliert, auch wenn man ein Stück Erde teilen muss. Diese einzelne Tulpe war makellos, während die fünfzehn Tulpen zwei km weiter durchwuselt und zerfallen waren. Der kalte Stahl von Egon war mittlerweile durch die Sonne erwärmt und die Mechanik besorgte den Rest. Das System hatte sich eingespielt. In meiner Phantasie flogen Egon und ich schon lange nicht mehr mit der Kraft, die wir zu Beginn hatten. Berlin war erreicht und das Ziel somit auch. Obwohl es noch ein weitentfernter Ort war, konnten wir es in unserem Herzen nicht mehr ertragen durch diese Stadt zu fliegen. Das Leben wurde Real. Tulpen gibt es hier nicht. In Berlin gibt es nur graue Straßen und der Kampf zwischen Stein und Wurzel. Jeder Schlag rüttelte mich ins Leben zurück. Egon war kein Drachen, Egon war nicht einmal mehr Egon. Mein Rennrad übertrug die Schläge des Asphalts, als wollte mir jemand eine runter hauen. Damit ein Rennrad gut ist, muss es steif sein. Optimale Kraftübertragung ist gewünscht, wenn man in die Pedale tritt. Umgekehrt ist es hart, wenn die Straße ihr Feedback gibt. Um einen herum war nur Lärm. Hippster blickten mich an, als wäre ich ein Alien, obwohl sie für mich Selbiges waren. Kein Vergleich. Lass sie sein und lass mich sein. Wenn kümmert es schon, wer wer ist? Glück ist ein Empfinden, was niemanden mehr interessiert, als einen selbst. Sogar wenn man mit Glück Geld verdient. Geld ist immer nur ein eigener Vorteil. In einer egoistischen Gesellschaft also das Ideale Maß der Dinge. Mit Geld kann man Straßen bauen. Ideal also, wenn einem in der Universität erklärt wird, dass eine egoistische Lebensführung dafür sorgt, dass die Gesamtallokation zur Verbesserung des eigenen Lebens beiträgt, da ein einzelner Mensch Geld als wertvoller erachtet, als das Gefühl. Wir können Häuser und Straßen bauen, die mit Geld geschaffen wurden. Niemanden interessiert es, dass die Straße unmittelbar nach der Fertigstellung bereits stark angegriffen ist und man mit Geld keine Kontinuität schaffen kann, wenn man es in Immobilien steckt. Eine ungenutzte und ungepflegte Infrastruktur ist genauso tot, wie der Stahl von Egon, der nur in meinem Kopf in kühle Drachenschuppen umgewandelt wird. Geld ist ebenso sinn frei, wie zu behaupten, dass die Fahrt nach Berlin langfristig zur Fitness beiträgt. Mit dem Moment ist sie verflogen. Der menschliche Körper ist bequem. Deswegen ist es auch hart ihn zu trainieren. Der Geist kann nur die Peitsche schwingen. Wer seinen Schweinehund nicht ausführt, hat nur ein längeres Leben, weil die Urbanität dazu beiträgt. Alles macht einen Sinn. Nur nicht, dass der Schlag der Straße entsteht, weil Laubbäume in der Stadt gepflanzt werden, anstatt unansehnliche tiefwurzelnde Tannen. Wenn kümmert es? Es hat einfach keinen Sinn sich aufzuregen. Die rote Tulpe am Wegesrand meckert auch nicht darüber, dass sie alleine neben einem Baum steht und sie nur von denen beachtet wird, die ein Auge für sie hat. Lass Geld sein und lass alles sein. Lebe wie die Tulpe. Ich habe mein Ziel erreicht.

Am nächsten Tag ging es zum eigentlichen Zweck. Wir begannen unseren Lauf am Olympia Stadion, um vor ihm davon zu laufen. Die Nacht war kurz. Die Reise mit Egon hat mich geschafft und trotzdem konnte ich nicht schlafen. Schlaf ist mein Luxusgut. Ich bekomme Schlaf nur, wenn ich im Einklang bin. Lieber lässt mich die Rotation im Kopf wach, als einmal Ruhe zu geben. Der Körper – das Tier – holt sich seinen Schlaf, wenn es glaubt ihn zu verdienen, wenn er also schläft und nicht erwachen will. Der Tod ist es nicht. Vielmehr ist es der Moment Ruhe, den man hat, wenn man keine Pflicht hat. Nach der Strecke des halben Marathons erreichten wir das Stadion wieder. Fürstlich entlohnt, ging es zurück. Egon und ich mussten schnell machen. Es war mitten am Tag und die Dunkelheit verfolgte uns in Gedanken. Müde von der Reise und zerstört von dem Umstand bereits den Körper geschunden zu haben, verbrauchten wir unsere letzte Kraft. Die Beine brachen zusammen, zuckten und krampften. Muskeln wurden sichtbar, die Haut war dünn. Die biologische Maschine war vollkommen und heiß. Die Kühlung war kaum noch gewährleistet. Der Vortag hat bereits viel Wasser aus dem Körper gepumpt, um Blut zu den Baustellen zu schicken. Dass er nun die Baustellen einreißen muss, um neue Baustellen aufzubauen, erfreute ihn gar nicht. Gestern reichten noch zweieinhalb Liter Wasser. Heute hat nicht einmal gereicht, dass bereits vor dem Rennen gegen die Dunkelheit mehr Wasser getankt wurde, als bei der gestrigen Fahrt. Wen kümmert es? Niemand bekommt von der Reise etwas mit, außer Egon und ich. Niemand kann fühlen, was wir fühlen, was in uns vorgeht. Es passiert einfach, wie in China Kinder ausgebeutet werden, oder irgendwo in der Nähe ein Kind totgeschlagen wird. Niemand sieht es, also kümmert es niemanden. Mich kümmert es, weil das Bein an mir hängt. Es will Ruhe. Elsterwerda. Noch fünfundzwanzig km bis zum Bahnhof Großenhain und weniger als eine Stunde Zeit. Der Schnitt hat sich verschlechtert. Gestern waren es noch hundertneunzig km in unter sechs Stunden und heute waren es zu Beginn schon wieder neunzig Minuten, die ich in der Stadt vergeudet habe, anstatt die S-Bahn zu nehmen oder eine andere Bahn, die mich an den Rand bringt. Dickschädel muss man haben, um den Geiz zu ertragen. Elsterwerda machte mich fertig. Die Dunkelheit brach herein. Man stelle sich vor. Man sieht eine große orangene Scheibe vor sich und blinzelt nur einmal kurz, so dass sie schon nur noch halb vorhanden ist. Ich überlegte, wo ich hätte fünf Minuten einsparen können. Es gab viele Fünf-Minuten-Momente. Keiner war unnötig und keinen musste ich verzeihen, dass er vorhanden war. Die Beine hätten brennen sollen. Gebrannt hat nicht viel. Stattdessen habe ich neue Freunde bekommen. Pectineus. Adductor longus. Adductor magnus. Gracilis Adductor brevis. Semitendinosus. Semimembranosus. Allgemein bekannt unter Oberschenkelinnenseite. Dagegen half es in den Wippschritt zu gehen. Sofort meldeten sich andere Freunde. Das gesamte Bein krampfte abwechselnd, der Rücken brannte wieder von Beginn an. Der Rucksack war keine Last. Dennoch merkte man ihn in der gesamten Rückenmuskulatur. Gemeckert wird nicht. Erreiche ich den Zug nicht, muss ich sowieso noch fünfunddreißig km durch die Dunkelheit fahren und ich kenne diese Dunkelheit, die nicht nur von oben herab kommt. Die Dunkelheit der Wälder war viel schlimmer. Wie oft hat es in den vergangenen Minuten im Strauch geraschelt? Egon flitzte und ich wusste, dass das Material müde ist. Die Reifen wollten eine Pause, die Luft war raus. „NEIN!“, schrie ich. Der Zug ist die Erlösung. Ich kneife nicht, ich mache weiter. Schmerz ist etwas für Anfänger. Der Schmerz entsteht immer. Schmerz ist ein ständiger Begleiter. Kein Mensch hat keinen Schmerz, wenn er sich traut zu leben. Sich vor Schmerzen zu drücken, bedeutet einfach nur bequem auf den Tod zu warten. Ein Wettlauf mit der Zeit. Drei km neben mir war die Zugstrecke. Mein Handy durchtönte die Nacht. Will es mir mitteilen, dass alles zu spät ist? Ich wollte aufgeben. Wer gibt schon auf? Man gibt auf, wenn der Kampf sinnlos erscheint. Der Kampf ist vorbei, wenn die Bahnhofsuhr sagt, dass es vorbei ist. Das Ende dieses Kampfes wäre nur der Anfang eines neuen Kampfes gewesen. Den Zug musste ich bereits erwischen, deswegen wusste ich, dass es einen Geisterbahnhof in der Stadt gibt. Wir rasten wie wild und die Erlösung war nahe. Geschlossene Schranken. Kein gutes Zeichen. Es waren noch ein paar Meter. Sollten das die Augenblicke gewesen sein, als ich bremsen musste, weil in Elsterwerda beinahe ein Spast in mich gefahren wäre? Soll es das gewesen sein? So kurz vor dem Ziel zu versagen? Meine Uhr hat gesagt, dass ich Zeit habe. Wer ist schon meine Uhr? Meine Uhr hat nichts mit der Uhr am Bahnhof zu tun und schon gar nicht mit der Uhr des Lokführers. Zeit ist imaginär. Wir fühlen sie nicht, obwohl sie vorhanden ist. Sie ist eine Naturkonstante. Auf der Erde herrscht Zeit und egal wo sie nicht existiert. Sie ist hier und sie ist gegen mich. Ich gab meinen Rest und der Rest war unzureichend. Ich sah die Rücklichter des Zuges. Zum Glück war es nicht der Zug in meine Richtung. Ich hatte noch fünf Minuten und der Zug gab mir einen aus – einen Fünf-Minuten-Moment.

Meine Haut war lustig. Party war angesagt. Ich schaute mich an, war froh, dass ich es geschafft hatte. Der Finger berührte die Haut. Ekstase. Dafür hat es sich gelohnt. Bevor ein Mensch reden kann, kann er fühlen. Die Umarmung der Mutter, die Wärme, ist das erste Gefühl mit der Realität verbunden zu sein. Dieses Gefühl ist gigantisch. Man muss verdammt viel Schmerz ertragen, um diese drei Sekunden erleben zu dürfen. Je fitter man ist, desto länger ist der Schmerz vor diesem Moment. Wie gut, dass der Körper faul ist und nach zwei Wochen schon gar nicht mehr diese Kondition hat, um das Ziel unter gleichen Vorgaben zu erreichen, würde man ihn nicht ständig dazu treiben – den Körper. Gar nach einem halben Jahr man noch kaum schafft einem Bus zu folgen. Merkwürdig ist dies schon. Je mehr wir sind, desto herausragender muss man sein und am Vollkommensten sind wir, wenn wir ein Unikat sind, das alleine in der Welt steht. Wie gut, dass ich keine Tulpe bin. Als Mensch ist man auf die Gesellschaft angewiesen. Sie lässt uns teilen und sie zeigt, dass wir trotz der Fehler noch herausragend sein können. Auch wenn von Milliarden nur Wenige wirklich ein Unikat sind; immerhin sind wir keine Schneeflocken, sondern Menschen. Man sollte sich eben nicht vergleichen, das bringt mehr Frieden.

Die Flaschenpost

An einem regnerischen Tag saß ich am Strand. Die Sonne war längst untergegangen, die Kühle kam übers Meer. Der Regen prasselte auf mich nieder. Mir machte es nichts aus. Ich war alleine. Für wen soll ich mich um mich kümmern? Wem bin ich wichtig? Soll mich der Tod suchen, wie mich schon vor langem die Einsamkeit gesucht hat. Widererwartet gehe ich auf das rauschende Meer zu. Die Wellen umspülen meine Füße, die im flüssigen Sand versinken. Immer schwerer wird es sie zu befreien. Soll der Tod mich holen. Solls er doch! Niemand ist da für den ich lebe und nur für mich leben, wo ist da der Sinn?

Der Regen hört auf, der Mond bricht durch die Wolkendecke. Stille. Das Rauschen ist in den Hintergrund gerückt. Die Magie des Lichtes umfasst mich. Ich starre mit steifem Hals auf die Mondoberfläche. Soll ich schreien? Mir ist kalt? Ich gehe nach Hause. Der Weg ist weit, die Strecke nicht viel kürzer. Durch den Sand, über die Wiesen, direkt ins Örtchen. Urlaub. Ich mache gerade Urlaub. Soll mich ein Fischer finden? Wie ertrinkt man, wenn der Instinkt leben will?

Ein warmer Tee entzündet das Leben in mir. Mir wird warm, die Kälte ist verschwunden und mit ihr die Einsamkeit. Die Gedanken schweifen um meine verstorbene Frau. Wieso nimmt mir Gott all die lieben Menschen? Wieso nimmt er nicht auch mich zu sich? Was habe ich ihm getan? Dabei glaube ich gar nicht an Gott. Es gibt ihn sowieso nicht, wie wir es uns vorstellen, etwas zu geben. Wieso glaube ich also, dass mir etwas genommen wird? Wieso sollte ich glauben, dass ich ein Opfer bin, wenn mir niemand genommen wird und niemand geht? Die Menschen sterben einfach. Sie haben ihr Leben gelebt und können es mit Glück abgeben. Stets wollte ich etwas Besonderes sein. Niemals habe ich mich mit einem einfachen Leben abgegeben. Also habe ich die bittere Pille auch zu schlucken, dass ich der Letzte bin. Meine Frau war mein Ein und Alles. Geliebt habe ich sie nicht nur wegen ihrer selbst. Es war mein größtes Glück sie zu finden. Dabei wollte ich sie gar nicht finden. Mit der Einsamkeit habe ich mich bereits abgefunden gehabt. Nun war sie in mein Leben eingetreten und a priori war alles gut. A posteriori konnte ich nicht mehr ohne sie leben. Wie ein Fisch, der sich eine Lunge wachsen lässt, nicht mehr ohne Sauerstoff aus der Luft auskommt. Wie kann man nur mit etwas leben, wenn man die Erfahrung gemacht hat, dass es verschwunden ist?

Der Morgen startet mit Regen. Hier an der Küste – im Herbst – ist es einfach so. Ich kann es nicht ändern, will es nicht ändern. Lange Zeit habe ich gekämpft. Konnte die Menschen nicht nehmen, musste sie ändern, wollte eine Kopie von mir. Niemand war mir näher, als ich mir selbst. Nichts hat mich erfreut. Dann kam sie. Wie ein Sonnenstrahl durch die dichte Wolkenfront. Sie hauchte mir neues Leben ein. Wie findet man die Liebe? Oftmals rät man jemanden, dass er das Glück in sich finden soll. Einsamkeit kann man nicht alleine bekämpfen. Da hilft auch kein Rat. Hilflos stehen alle Beteiligten an dem einsamen Herzen und bekümmern es. Trostlos scheint es am Strand im Regen zu sitzen. Ertränkt es sich nicht in seinen Tränen, müssen diese ein Meer bilden. Wie kann man die Liebe finden, wenn man sie nicht nur in sich sucht?

Nicht jede Frage kann beantwortet werden. Manchmal hilft es zu warten. Man sitzt am Meer und wartet. Man ist man selbst. Sitzen zwei Menschen am Meer, dreihundert Meter auseinander, sehen sich nie und vermissen einander. Lernen sich nicht kennen, wollen zusammen kommen. Wie trifft man sich, wenn das Schicksal nicht einlenkt? Die Liebe ist ein scheues Tier und es kommt nur, wenn man weiß, wie man es zu zähmen hat. Für jeden trägt das Tier eine andere Gestalt. Manchmal ist es auch ganz wild. Manchmal ist es gewaltvoll. Scheu ist es immer. Es will keine Menschennähe. Braucht sie doch. Manche Menschen sehen dieses Tier nie – wollen auch nicht. Einsame Herzen suchen zu sehr, verscheuchen es nur. Der Mann sitzt jeden Tag am Meer, ich sitze jeden Tag am Meer. An manchen Tagen bin ich mir selbst ganz fremd. Wen ich nicht weiß, wer ich bin, wie soll ich da die Liebe finden?

Sehnsucht habe ich nur nach menschlicher Nähe. Diese will ich haben. Kann mich nicht selbst umarmen. Bin mir manchmal fremd und brauche jemanden, der mir mich erklärt. Alleine kann der Mensch wenig schaffen. Beweise ertönen übers Gebirge, durch die See, durch den Wald und über die Wiese. Einsame Herzen wollen zeigen, dass es der Liebe nicht bedarf. Genauso gut kann man versuchen zu erklären, dass der Mensch fliegen kann, wenn er ein Gerät benutzt. Ein Mensch ist kein Individuum. Alleine zieht der Jäger durch die Steppe, um seiner Frau und Familie etwas zu fangen. Tut er es für sich? Sein Leben ist ihm lieb, das seiner Liebsten noch viel mehr. Im Leben eines Mannes geht es um mehr, als er sich meist vorstellt. Worum geht es mir?

Kann ich mit der Sehnsucht fremder Menschen spielen? Flaschen werden angeschwemmt. Wird mich die Liebe finden, wenn ich mit ihr spiele? Meine Hand zittert über das Papier. Ich bin alt und grau. Meine Haut ist schrumpelig. Meine Dynamik ist längst vergangen.

Liebste Liebe,