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Ergänzend zu Samuel Taylor Coleridges Gedichtband In Xanadu, der ein gewichtiges Kapitel der europäischen Literaturgeschichte endlich verfügbar macht, hat der Übersetzer und Herausgeber Florian Bissig eine Biografie über den bedeutenden Lyriker verfasst, die den Zusammenhang zwischen Leben und Werk erhellt.
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2022
Florian Bissig
Samuel Taylor Coleridge
Biografie
DÖRLEMANN
Der Autor dankt der UBS Kulturstiftung, der Goethe-Stiftung für Kunst und Wissenschaft in Zürich und der C. und A. Kupper-Stiftung für die großzügigen Projektbeiträge. Der Fondation Jan Michalski pour l’écriture et la littérature dankt er für die Residenz. Der Verlag bedankt sich bei der Stadt Zürich für die großzügige Unterstützung dieser Publikation.
Alle Übersetzungen in diesem Buch, sofern nicht anders vermerkt, stammen von Florian Bissig. Alle Rechte vorbehalten © 2022 Dörlemann Verlag AG, Zürich Umschlaggestaltung: Mike Bierwolf Umschlagabbildung: Coleridge in Germany, 1799. Artist unknown. Porträt von Samuel Taylor Coleridge: Lithografie von Sir Emery Walker Satz und eBook-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-03820-912-6www.doerlemann.com
Samuel Taylor Coleridge
Für jeden Anthologen, der einen bündigen Überblick über die Geschichte der britischen, europäischen oder gar globalen Lyrik geben will, ist Samuel Taylor Coleridge (1772–1834) ein dankbarer Autor. Der Teil seines Werks, der zu allen Zeiten und aus allen berufenen Mündern als der Lektüre und der Vermittlung würdig erachtet wurde, ist höchst überschaubar und handlich. Zunächst ist das diamantene Gedicht »Kubla Khan« gesetzt. Glänzender, verdichteter, musikalischer, erhabener und vieldeutiger kann es kaum werden in gerade einmal vierundfünfzig Zeilen. »Die Ballade vom alten Seemann« erstreckt sich zwar über rund zwanzig Buchseiten. Doch der vorantreibende Balladenrhythmus, der Klangreichtum und die hypnotisierende Erzählstimme entwickeln einen Sog, der den Leser nur so durch die unheimliche Geschichte rasen lässt. Und die zwanzig Seiten transportieren eine Odyssee von existenzieller Sinnfülle, die so mancher dickleibige Roman nicht aufbringt. Wenn es die Platzverhältnisse schließlich zulassen, gibt der Anthologe noch ein Stück wie »Frost um Mitternacht« dazu und anerkennt damit Coleridges Leistung als Dichter von Blankversen, in denen sich in einem vertraulichen Gesprächston Naturbeschreibung mit Gedankenlyrik verbindet.
Mit einer solchen Auswahl kann auch der Coleridge-Spezialist gut leben, in ästhetischer wie in literaturwissenschaftlicher Hinsicht. Anhand dieser drei Gedichte lassen sich nicht nur viele wesentliche Motive und Anliegen von Coleridges literarischem Werk inklusive seiner literaturtheoretischen Reflexionen aufzeigen, sondern auch die seines privaten Lebens und seiner Persönlichkeit. Überhaupt könnte man die wesentlichen Elemente der englischen Romantik an ihrem Beispiel vorstellen – und es wäre ein Leichtes, im Ausgang des Blankvers-Gedichts auf die Abkehr von der klassizistischen Poetik, im Ausgang der Schauerballade auf die gesamteuropäischen Gemeinsamkeiten der literarischen Romantik oder im Ausgang des Traumgedichts auf den Kreativitätsdiskurs bis in die Moderne zu sprechen zu kommen.
Indessen ist, zumal nach dem heutigen Stand der Literaturwissenschaft und Editionsphilologie, zugleich auch etwas falsch daran, Coleridge auf den Verfasser eines brillanten, aber schmalen lyrischen Werks zu reduzieren und gleichsam bloß in Gestalt eines schmalen Gedichtbändchens weiterzureichen. Der Name Coleridge steht – und stand zu Beginn seiner Wirkungsgeschichte sogar in erster Linie – für einen Giganten, nicht nur der Poesie und Dichtungskritik, sondern auch der Philosophie, der Theologie sowie der politischen Analyse und Kulturkritik.
Als einer der »big six«, der sechs großen Dichter der englischen Romantik (denen auch Blake, Wordsworth, Byron, Shelley und Keats angehören), ist Coleridges Stellung in der britischen Literaturgeschichte seit jeher gefestigt. Doch Optiken – oder wie manche sagen: Ideologien – die solche Hierarchien schaffen, sind schon länger unter Druck geraten. Dem Kanon der Lyrik, der auf ästhetischen Gesichtspunkten errichtet zu sein beansprucht, schmelzen die Fundamente. Genau besehen ist viel davon gar nicht richtig verständlich ohne die entsprechenden außerliterarischen Kontexte. Einige der scheinbar höchst exemplarischen Dokumente von literarischem Genie sind in Wahrheit als ziemlich bodenständige Einmischungen etwa in Zeitungen, Zeitschriften oder Pamphleten erstmals abgedruckt worden und sind gespickt mit Angriffen, Anspielungen, Selbstdarstellungen, Rechtfertigungen auf allerlei politischen, sozialen und persönlichen Ebenen.
So konnte der geneigte Leser in eine Perspektive geraten, in der die unsterblichen genialen Gedichte nicht mehr kategorial von dem gigantischen Torso der Prosa geschieden werden können. Dann ist man bei Coleridge angekommen, bei dem die politische Anspielung noch in der unschuldigsten Naturmetapher lauert und bei dem noch die verworrenste Prosa mit poetischen Qualitäten schillert. Coleridge war ein interdisziplinärer Denker, dessen lebenslanger Lesehunger vor wirklich gar nichts haltmachte. Keine historische Epoche war ihm fremd, keine akademische Disziplin, kein Genre – und sein unbezähmbarer intellektueller Antrieb war beseelt von der Idee, dass alles Wissen seinen relevanten Platz im großen Plan eines umfassenden Denkgebäudes hat.
Doch im Innern von Coleridges Werk wird man nicht immer nur glücklich, denn nicht alle Mühen des Studiums und der Beharrlichkeit erweisen sich als lohnend. Seine Prosa ist, selbst da, wo grundsätzlich abgeschlossen und publikationsreif, ausufernd und ermüdend und zuweilen frustrierend. Die Werke fransen aus und bilden so ein Kontinuum mit den Fragmenten aus den Notizbüchern, aus Vorlesungsmitschriften, aus Briefen und aus Randnotizen. Und bei der Suche nach Coleridges Anziehungskraft kommt man schließlich immer wieder auf die Beobachtung zurück, dass Coleridge seine Zeitgenossen als Redner viel mehr überzeugt hat denn als Schriftsteller. Die verschiedensten Leute haben Zeugnis abgelegt von seiner verblüffenden, richtiggehend verzaubernden Kraft als Prediger, als Vortragsredner oder als Tischredner im privaten Rahmen.
Die Fülle und Unförmigkeit von Coleridges Werk mag, wenn nicht entschuldigen, so doch erklären, warum sein Name im deutschsprachigen Raum fast nur noch den Anglisten und den Germanisten mit komparatistischem Gehör etwas sagt. Doch die Vernachlässigung ist nicht nur für den Lyriker von weltliterarischem Rang sträflich. Sie ist es insbesondere mit Blick auf Coleridges eigene Rolle als Vermittler zwischen der deutschen literarischen und philosophischen Tradition und der britischen. Nach seinem Aufenthalt in Deutschland 1798/99 wurde er zum wichtigsten Importeur der Philosophie von Kant, Fichte und Schelling in England, und er hörte sein Lebtag nicht auf, das Geistesleben auf dem Kontinent mitzuverfolgen und in seinen Schriften und Vorträgen für sich und für sein Publikum fruchtbar zu machen.
Coleridges mäßige Bekanntheit im deutschsprachigen Raum steht im Missverhältnis zu seinem Ansehen im englischen Sprachraum. Sein Einfluss in der Lyrikgeschichte erfasst sämtliche seiner namhaften Zeitgenossen, führt über Tennyson, Poe, Whitman, Arnold, Swinburne, Wilde und Hopkins ins 20. Jahrhundert zu Yeats, Stevens, Auden und Eliot, um nur einige der wichtigsten und nur die englischsprachigen zu nennen. In den literaturwissenschaftlichen Grundsatzdebatten des vergangenen Jahrhunderts spielte zudem seine Dichtungstheorie eine zentrale Rolle. Während Coleridges Einfluss auf die englische Theologie und die angloamerikanische Philosophie, der in den Jahrzehnten nach seinem Tod weitreichend war, immer mehr in den Hintergrund trat, ist seine Lyrik und Theorie ungebrochen präsent.
Naturgemäß lockt man heute in seiner Heimat mit den immer gleichen Klischees und Anekdoten vom opiumbetäubten Traumdichter, vom endlos und abstrus dozierenden spekulativen Philosophen niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Die Monografien verästeln sich vielmehr immer weiter in die Subtilitäten auch seiner abseitigeren Denkwege und Lektüren hinein. Auf dem europäischen Festland scheint es dagegen – zweihundertfünfzig Jahre nach der Geburt dieser zentralen Figur der literarischen Tradition des Westens – angezeigt, in einer etwas grundlegenderen Weise auszuholen und Coleridge beim Lesepublikum mit einer Einführung erst eigentlich bekannt zu machen.
Das Studium von Coleridges Werk kann man sich problemlos zur Lebensaufgabe machen, heute mehr denn je, denn Stoff dafür ist reichlich da. Nach dem Abschluss der editorischen Großprojekte rund um Coleridges gesammelte Werke, Notizbücher und Briefe, die ein halbes Jahrhundert in Anspruch nahmen und vor zwanzig Jahren zu einem vorläufigen Ende kamen, umfassen seine Schriften gegen fünfzig dicke und ausführlich kommentierte Teilbände. Natürlich will nicht jeder selbst nachvollziehen, wie Coleridge die Begrifflichkeit von Kants Transzendentalphilosophie über die Jahrzehnte gehandhabt und für seine Zwecke zurechtgebogen hat oder wie viel Fichte oder Schelling nun in seiner eigenen Poetik steckt. Und es mag sich nicht jeder so weit in seine Bücher, Vorträge und Notizen einlesen, um selbst beurteilen zu können, ob nicht doch einige Kontinuität hinter der Wandlung vom Unitarier zum orthodoxen Anglikaner oder vom radikalen Demokraten zum konservativen Nationalisten auszumachen ist.
Doch durch solche Themen – und die Liste ließe sich beliebig verlängern – ist Coleridge auf vielfältige Weise mit dem Geistesleben der europäischen Romantik verbunden. Durch seine omnivore Neugier, durch sein »katholisches« Denken, durch seine allumfassende Umarmung aller Wissensbereiche ist er, so könnte man argumentieren, ein geradezu exemplarischer Romantiker. Coleridges Leben als Erwachsener und als intellektuell und literarisch aktiver Mensch ist ziemlich genau deckungsgleich mit der Epoche der britischen Romantik, die üblicherweise als der Zeitabschnitt von 1789 bis 1832 gefasst wird. Er spielte zu Beginn eine führende Rolle als innovativer Dichter und Dichtungstheoretiker und als Anhänger der Revolution. Und am Ende der Epoche war er eine Figur, die mit ihren moralischen und politischen Essays und Büchern weit ins viktorianische Zeitalter hinein wirken sollte.
Nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Widersprüchlichkeit, wegen seiner vielgeschmähten Palinodien und endlosen Rechtfertigungen ist Coleridge ein typischer Vertreter seiner Epoche. Denn jedes noch so grundlegend scheinende Merkmal der Romantik ist auch als sein Gegenteil ein Merkmal der Romantik: das Engagement ebenso wie die Zurückgezogenheit, der Radikalismus ebenso wie der Konservatismus, und so weiter. Und so ist eine Begegnung mit Coleridges Leben und Werk auch für alle lohnend, die ein allgemeines Interesse an der europäischen Romantik und an den Diskursen und Kunstwerken dieser bedeutsamen Zeitenwende haben. Für sie soll auf den folgenden Seiten versucht werden, Coleridges literarischer Biografie ein Maß an Sinn abzugewinnen und sie in eine gestraffte, lesbare Form zu bringen. Mancher Einzelaspekt und dessen akademische Aufarbeitung werden dabei notgedrungen hintanstehen müssen. Doch es ist nicht der Wunsch nach dem Beifall der Gesellschaft der eingefleischten Coleridgeaner, der hier Antrieb ist, sondern der Wunsch, Interesse und Neugier für Coleridges Werk zu wecken.
Ein paar Grundmotive scheinen bei dieser Begleitung von Coleridge durch knapp zweiundsechzig Lebensjahre immer wieder auf und durchdringen die verschiedensten Bereiche seines Schaffens. Das eine betrifft die rätselhafte Gabe des Redens, mit der Coleridge seine Mitmenschen seit der Kindheit bis in seine letzten Tage für sich eingenommen hat. Eloquenz, Rhetorik, Charisma und anderes mehr haben eine Rolle gespielt, aber sie alle vermögen die regelrechte Verzauberung nicht gänzlich zu erklären, die so viele verschiedene Zeitgenossen andeuten, die Coleridge erlebt haben. Außerdem ist die »Sprachkraft sonderbar« auch eines der zentralen Motive, die sich durch Coleridges Gedichte ziehen. Ob der schuldgetriebene Erzählzwang des alten Seemanns, ob der Bannspruch der grässlich-schönen Dämonin Geraldine, ob die Angst und Abwehr auslösende Performance des genialisch-begeisterten Dichter-Propheten in »Kubla Khan«: Fantasien des Sprechens mit gewinnender, magischer Wirkung umhüllen die Knackpunkte in Coleridges Lyrik, und sie sind auch wiederkehrendes Thema in seiner oft so selbstreflexiven Prosa.
Ein weiteres Motiv könnte man zusammenfassen als die Notlage, in der das wirkungsvolle Sprechen abbricht. Es ist die Kehrseite von Coleridges überehrgeiziger Genieästhetik, deren Ansprüchen er nur während einer kurzen, intensiven Phase genügen konnte. Die Stimme des poetischen Verzauberers, der die bereits genannten Gedichte und einige mehr hervorbrachte, versagte, und ihr Besitzer irrte auf der Suche nach einer neuen Stimme durch den Kontinent, durch die Gebiete des Wissens und durch die Formen des Redens und Schreibens. Als Opfer der romantischen Ideologie, wenn man so will, die er maßgeblich mitaufgerichtet hatte, arbeitete er sich schuldbewusst am Verlust seiner kreativen Kräfte ab und erfand sich allmählich als Denker, Moralist und Vortragsredner neu.
Schließlich führt die Betrachtung der Dokumente dieses Lebens zum Einblick in eine gesundheitliche und seelische Leidensgeschichte. Zu gern möchte man das Leiden und Scheitern als Kollateralschaden sehen, der bei großen Geistern halt vorkommt. Doch wenn Coleridge auf sein eigenes Leben blickte, empfand er Unglück, Reue und Verzweiflung. Er litt an einer schweren Suchterkrankung, für die er sich schämte und quälte. Dieses Leiden verquickte und verstärkte sich mit einer abhängigen Persönlichkeit. Gesprägt vom frühen Verlust des Vaters und von fehlendem Rapport mit der Mutter, blieb für Coleridge eine tiefe Sehnsucht nach Familie, Geborgenheit und Geliebtsein stets unerfüllt. Die Symptome schwerer Depression beschrieb er in großer Klarheit – und ebenso Suizidabsichten. Coleridge war Genie, Weiser und Sprachmagier, aber auch ein unzuverlässiger Zeitgenosse, Sorgenkind und Dauerpatient, und er verschmolz diese disparaten Rollen oft im selben Auftritt. Es gab und gibt viele Gründe, mit Coleridge nicht einverstanden zu sein. Doch fast alle Menschen, die in seine Nähe kamen, erlagen seinem Charme trotz aller Vorbehalte und gingen danach bereichert ihres Wegs. Dies hier ist ein Versuch, Coleridge nun wieder ein wenig näherzukommen.
In der Familiengeschichte der Coleridges aus der englischen Grafschaft Devon hat Samuel Taylor seinen Platz mitten in einer Phase gesellschaftlichen Aufstiegs. Sein Großvater, der den Geschlechtsnamen vermutlich als uneheliches Kind von seiner Mutter bekommen hatte, war als Wollhändler bankrottgegangen und musste seinen Sohn ohne Schulbildung und mit leeren Taschen in die Welt hinausschicken. Vier Generationen später waren unter den Coleridges zwei Bischöfe, ein Richter und sogar ein Baron und Lordoberrichter von England. Samuel Taylor Coleridge jedoch, der Enkel des Wollhändlers und Großonkel des Barons, trug selbst nicht viel zu dieser Aufstiegsgeschichte bei.
Sein Vater John, geboren 1719, war es, der mit fünfzehn Jahren auf der Straße stand und sich vom Hilfslehrer zum Rektor der königlichen Schule von Ottery St. Mary und zugleich Pfarrer der Kirchgemeinde emporarbeitete. John Coleridge hatte Kinder unterrichtet und dabei selbst fleißig studiert und im reifen Alter von achtundzwanzig Jahren die Aufnahme in ein College der Universität Cambridge geschafft. Mit seinen Leistungen als Altphilologe und Hebraist hätte er dort das Zeug zu einer Hochschulkarriere gehabt, die ihm als verheiratetem Mann und Vater von drei Töchtern jedoch verwehrt blieb. So kehrte er als Lehrer aufs Land zurück.
Nachdem seine erste Frau gestorben war, heiratete John Coleridge im Jahr 1753 Ann Bowden, mit der er eine Tochter und neun Söhne hatte, von denen acht die Kindheit überlebten. Der Jüngste war Samuel Taylor Coleridge, benannt nach seinem Patenonkel Samuel Taylor. Er wurde am 21. Oktober 1772 geboren. Zu diesem Zeitpunkt war sein Vater dreiundfünfzig Jahre alt und als Rektor und Pfarrer zwar nicht wohlhabend, jedoch eine angesehene Persönlichkeit in Ottery St. Mary und mit seinem adligen Nachbarn, dem Baronet Sir Stafford Northcote, freundschaftlich verbunden.
Über seinen Vater hat Coleridge zeit seines Lebens gern Auskunft gegeben. Seine Erinnerungen sind von Zuneigung und Bewunderung geprägt und nicht zuletzt von der rückblickenden Überzeugung, selbst viel von ihm übernommen oder geerbt zu haben. Zu einer gewissen Verklärung dürfte der Umstand beigetragen haben, dass der Vater starb, als Coleridge knapp neun Jahre alt war. Damit endete die »schöne Kindheitswelt« und waren die Tage als »unbeschwertes Kind« gezählt, über die er als Einundzwanzigjähriger in seinem »Sonett an den Fluss Otter« frohlockte.1
John Coleridge war ein überqualifizierter Landpfarrer. Er publizierte theologische Abhandlungen über das Buch der Richter, eine Sentenzensammlung und laut Coleridge »sein bestes Werk«, eine Lateingrammatik, in der er offenbar neue didaktische Wege beschritt. So schlug er eine Umbenennung der Kasus vor und nannte beispielsweise den Ablativ den »Quippe-quare-quale-quia-quidditiv-Kasus«. Was Coleridge in einem der fünf autobiografischen Briefe, die er im Alter von fünfundzwanzig Jahren an seinen Freund und Vermieter Thomas Poole richtet, über die Publikationen seines Vaters sagt, wird er auch über manche seiner eigenen sagen können: »Mein Vater machte die Welt zur Mitwisserin über seine Gelehrsamkeit und Findigkeit: Und die Welt scheint das Geheimnis sehr gewissenhaft gehütet zu haben.«2
Als Prediger soll er die bäuerlichen Kirchgänger damit beeindruckt haben, dass er die hebräische Bibel im Original zitierte. Er gab den Leuten »die tatsächlichen Worte, in denen der Geist sprach«,3 und weckte so die Aufmerksamkeit für seine Botschaft. Mag sein, dass dies weniger aus pädagogischem Kalkül denn aus verstiegener Begeisterung geschah. Denn sein Sohn charakterisierte ihn konsequent als einen »abwesenden Mann«, der von seinem Umfeld nur das Nötigste erfasste und keinerlei Sinn für die Pflege seiner Erscheinung besaß. Die Anekdoten, die dies illustrieren sollen, sind wohl mit einem Körnchen Salz zu nehmen. So soll er einst ohne Perücke vom Frisierstuhl aufgesprungen und kahlköpfig zur Visite beim Bischof geeilt sein, um seinen Fehler erst auf die gutmütige Aufforderung des belustigten Bischofs hin zu bemerken, sich im Nebenzimmer einmal den neuen Spiegel anzuschauen. Ein andermal soll er sich bei einer Einladung, absorbiert von einem Tischgespräch, die Schürze seiner Sitznachbarin in seinen Anzug gewurstelt haben, in der Annahme, das Tuch sei sein eigenes hervorlugendes Hemd.
Als hochgelehrt, geistesabwesend und weltunkundig also, und überdies als herzensgut hat Coleridge seinen Vater in Erinnerung. Bis in die kulinarischen Neigungen hinein ist ihm die Vaterliebe gleichsam in Fleisch und Blut übergegangen. Sein Lebtag habe er Bohnen und Speck gemocht. Seine Begründung: »Diese Vorliebe führe ich darauf zurück, dass mir mein Vater eines Samstags einen Penny dafür gab, dass ich eine große Menge Bohnen gegessen hatte.«4 Der Vater wollte seine Vorliebe für ökonomische Nahrungsmittel verstärken. Es war ihm nachhaltig gelungen.
Gewiss entscheidender, für Coleridge wie für die Nachwelt, war indessen, dass sein Vater seine Faszination für kosmologische und metaphysische Fragen geweckt hatte. Er beabsichtigte, ihn zum Pastor zu erziehen, und nahm den Achtjährigen für lange Gespräche auf den Schoß. Auf einem nächtlichen Spaziergang benannte er ihm die Sterne und erklärte ihm, wie jeder ein eigenes Sonnensystem bildete. »Ich hörte ihm mit tiefer Freude und Bewunderung zu, doch ohne die geringste Mischung von Erstaunen oder Ungläubigkeit. Denn durch meine ersten Lektüren von Märchen, Geistergeschichten etc. hatte sich mein Denken an das Unermessliche gewöhnt – und niemals betrachtete ich in irgendeiner Weise meine Sinne als die Maßstäbe meines Glaubens.«5 Schon in jenem zarten Alter habe er sich sein Glaubenssystem nicht über die Wahrnehmung, sondern über Vorstellungen zusammengereimt.
Die Liebe zum Großen und zum Ganzen und den Sinn dafür, der den »Rationalisten« und »Experimentalisten« abgehe, die nur eine Masse von kleinen Teilen wahrnehmen könnten, meint Coleridge bereits in diesen Jahren entwickelt zu haben. »Imagination« – oder Einbildungskraft – und »Verzückung« sind die Schlüsselwörter dieser romantischen Geisteshaltung, die er in diesem Brief gleichsam im Vorbeigehen fallen lässt. Und wie ebenfalls angedeutet, spielen die kindlichen Lektüren dabei eine große Rolle.
Märchen, Geister- und Abenteuergeschichten ziehen den Buben, der schon mit drei Jahren ein Kapitel aus der Bibel gelesen haben will, bald in den Bann. Doch der Grund für den Rückzug in die Welt der Fiktion und Einbildungskraft ist ein äußerer. Weil die Kinderfrau und sein zwei Jahre älterer Bruder Francis ihn aus Eifersucht (»Ich war Mutters Liebling.«) schlecht behandelt hätten, sei er zum Außenseiter und schließlich Leser geworden. »So wurde ich quengelig und ängstlich und eine Petze – und die Schulkameraden verjagten mich aus dem Spiel und plagten mich ständig – und daher hatte ich kein Vergnügen an Bubenspielen – und las immerzu.«6
Mit sechs Jahren las Coleridge Abenteuerromane wie Robinson Crusoe und Philip Quarll. Die Geschichte des Engländers Philip Quarll, der sich allein auf einer Südseeinsel durchschlägt, ist eine von unzähligen Adaptionen von Defoes populärem Roman. Der Einsiedler schießt mit seinem selbst gebastelten Bogen einen großen Seevogel. Doch die Freude über seinen Jagderfolg vergeht ihm, sobald er die »unaussprechliche Schönheit« des Tiers realisiert und seine Tat bereut. Seiner »Ballade vom alten Seemann« sollte Coleridge genau dieses Motiv zugrunde legen.
Noch im fortgeschrittenen Alter erinnert sich Coleridge lebhaft an seine Lektüre der Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht, die ihn gleichermaßen anzogen und verängstigten. »Eine der Erzählungen (die von dem Mann, der eine reine Jungfrau suchen muss) hinterließ einen so tiefen Eindruck in mir, dass ich von Gespenstern verfolgt wurde, sobald ich im Dunkeln war.«7 Er hatte sie eines Abends gelesen und traute sich fortan nur noch bei Tageslicht, das Buch aufzuschlagen. Die Vermischung der Figur der schönen, reinen Jungfrau mit gespenstischen Heimsuchungen, von Erotik und Unheimlichem, sollte ein wesentliches Merkmal seiner Schauerballade »Christabel« werden.
Coleridges frühreife und unersättliche Lektüren haben eine Tag- und eine Nachtseite. Sie sind nicht nur der erste Nährboden für seine spätere dichterische Kreativität und für seine Sensibilität für das Schöne und Erhabene, sondern beschleunigen auch eine erstaunliche Entwicklung seiner geistigen und sprachlichen Fähigkeiten. »Und weil ich lesen und schreiben konnte und wahrlich ein Gedächtnis und einen Verstand hatte, die zu fast unnatürlicher Reife getrieben waren, wurde ich von allen alten Frauen umschmeichelt und bewundert.«8 So sei er eitel geworden und unter den Gleichaltrigen verhasst. Noch keine acht Jahre alt, empfand er sich schon als eine »Persönlichkeit«.
Umschmeichelt und bewundert zu werden für seine Eloquenz und Wissensfülle, das ist ein Segen, in dessen Genuss Coleridge sein Leben lang kommen würde und der trotz aller Zeugnisse und Erklärungsversuche immer ein wenig ein Mysterium bleibt. Von den »alten Frauen« über Internatskameraden, Dichterkollegen und Vorlesungshörern bis hin zu allerlei illustren Besuchern in seiner Altersresidenz in Highgate wurde immer wieder festgehalten, was für ein einnehmender Redner Coleridge war. Verblüffung, Verzauberung, Fesselung, Überwältigung: Das sind einige der Versuche, die persönliche Begegnung mit dem redenden Coleridge auf einen Begriff zu bringen. Das Rätsel der charismatischen Redekraft sollte Coleridge auch als literarisches Motiv beschäftigen, etwa in der Rahmenerzählung der »Ballade vom alten Seemann«, welche eine »Sprachkraft sonderbar« besitzt, oder in »Kubla Khan«, wo die Figur eines inspirierten Dichters Angst und Abwehr auslöst.
Eine Nachtseite von Coleridges frühem Eintauchen in die archaische Welt von Geistern und allerlei Versuchungen bildeten einerseits konkret seine Albträume, die im Alter von etwa sieben Jahren einsetzten und ihn sein Leben lang quälen sollten. »Armeen von hässlichen Dingen, die auf mich einstürzen«,9 so oder ähnlich wird er noch dreißig Jahre später träumen, wenn er im Schlaf schreit und den ganzen Haushalt aufweckt. Dass er seine Gelehrsamkeit, Eloquenz und imaginative Verstiegenheit auch als Kehrseite einer charakterlichen Schwäche sah, deutete Coleridge selbst an, indem er von der »fast unnatürlichen Reife« seines Verstandes sprach. Diese ging einher mit einer emotionalen Unreife und sozialen Inkompetenz. Aus der Rolle des Außenseiters heraus stürzte er sich in seine Lektürewelten und entfernte sich dadurch noch weiter von seinen Altersgenossen.
Es spricht einiges dafür, Coleridges Beziehung zu seiner Mutter auf die Gründe von Defiziten in seinem Beziehungsverhalten und in seiner Selbstsicherheit hin zu befragen. Er lobte sie in knappen Worten als »bewundernswerte Ökonomin«, also als gute oder auch übersparsame Haushälterin. Sie war gewiss ein dringend nötiges Korrektiv zu ihrem in Alltagsdingen unbrauchbaren Ehemann – bei dem es nicht reichte zu sagen, er solle jeden Tag ein sauberes Hemd anziehen, weil er es sonst über das dreckige Hemd anzog. Viel mehr als schmallippige, pflichtschuldige Phrasen zu seiner Mutter waren Coleridge nie zu entlocken.
Umso vielsagender ist eine Anekdote, auf die Coleridge zeit seines Lebens immer wieder zu sprechen kam. Sie handelt auch vom Konflikt mit seinem Bruder Frank, der zwei Jahre älter und damit als einziges der vielen Geschwister noch ein kindlicher Spielkamerad war, als Draufgänger und Bücherhasser allerdings ein gegenteiliger Charakter. Als Siebenjähriger habe Coleridge seine Mutter eines Abends gebeten, ihm seinen Käse in einem ganzen Stück zu schneiden, damit er ihn rösten könnte. Als er dann kurz im Garten war, zerhackte ihm Frank das Käsestück, »um dem Liebling eine Enttäuschung zu bereiten«. Als dieser zurückkam, war er nicht bloß enttäuscht, sondern stürzte sich grimmig auf den Täter. Frank ließ sich zu Boden fallen und mimte den Verletzten, und als sich Sam erschrocken über ihn beugte, sprang er lachend auf und schlug ihn ins Gesicht. Sam griff nach einem Messer und rannte auf Frank los – in dem Moment trat die Mutter in den Raum und packte ihn beim Arm.
Eine Tracht Prügel befürchtend, riss sich Coleridge von seiner Mutter los und rannte weg, aus dem Dorf hinaus und bis zu einem Hügel, an dessen Fuß der Otter fließt. »Dort blieb ich; mein Zorn verrauchte; doch meine Sturheit überwand meine Ängste.« So harrte er am Flussufer aus und las mit Hingebung in seinem Gebetbüchlein – »und dachte gleichzeitig mit innerer, düsterer Befriedigung daran, wie elend meiner Mutter zumute sein musste!«10 Nachdem sich der leidenschaftliche Ausbruch in der Küche gegen die Störung der mütterlichen Umsorgung gerichtet hatte, labt er sich nun an der Vorstellung, dass seine Mutter mit Sorgen und Vorwürfen für ihre Parteinahme gegen ihn gestraft ist.
Coleridges Verhalten kann vielleicht bloß als theatralischer Trotzanfall eines verwöhnten jüngsten Sohns gedeutet werden. Dennoch scheint die Episode etwas zu symbolisieren, was Coleridge sein Leben lang bedrückt und umgetrieben hat, persönlich wie literarisch. Und die Gefahr, in die er sich gebracht hatte, war ernsthaft. Es war eine kalte und stürmische Herbstnacht. Coleridge schlief ein, und als er aufwachte, war er den Hügel hinuntergerollt und lag am ungesicherten Ufer des Flusses, so steif und schwach, dass er sich weder rühren noch durch Rufe bemerkbar machen konnte. In der Zwischenzeit war er vom halben Dorf verzweifelt gesucht und der Fluss und ein Teich waren durchkämmt worden.
»Und dort hätte ich liegen bleiben und sterben können – denn ich war nun schon fast aufgegeben worden«, doch der Baron persönlich, Sir Stafford Northcote, ließ bis fünf Uhr morgens nicht locker und kam so nahe an Coleridge vorbei, dass er ihn weinen hören konnte. Der Baron trug das Kind fast eine Viertelmeile in seinen Armen, bis sie auf sein Personal und auf Samuels Vater trafen. »Ich erinnere mich und werde nie vergessen, mit welchem Gesicht mein Vater auf mich sah, als ich in den Armen des Knechts lag – so still und mit verstohlenen Tränen im Gesicht: denn ich war das Kind seiner Alten Tage.«11 Der von der strafenden Mutter Weggerannte wird vom gerührten, liebenden Vater wieder in Empfang genommen.
Es ist ein törichtes, gefährliches kleines Exil, in das Sam gegangen ist, um die Zuneigung der Eltern zu erpressen und auf seinen Wunsch nach Geborgenheit aufmerksam zu machen. Doch die Situation des Kinds, das in Kälte, Nacht und Ängsten hilflos der Gefahr ausgesetzt ist, entsprach auch seiner seelischen Verfassung, wenigstens in der Erinnerung und ebenso im erneuten Aufkommen der Gefühle in späteren Jahren. So notierte Coleridge noch Jahrzehnte später im Lake District, wie ihm nachts ein nach der Mutter schreiendes Kalb jene Nacht am Ufer des Otter wieder nahebrachte. Das Motiv des verloren gegangenen Kinds ist auch in Coleridges Lyrik verschiedener Phasen präsent, etwa in der Ode »Schwermut«, wenn der brüllende Sturm zu einer Brise abflaut, um als »zarterer Bericht« zu erzählen:
Von einem Mädchen klein
Im Freien ganz allein,
Nicht weit, doch es verlor den Weg nach Haus:
Nun stöhnt es leis mit bittrem Schmerz, verschreckt,
Nun schreit es laut und hofft, dass Mutter es entdeckt.12
Coleridge verlor seinen Vater kurz vor seinem neunten Geburtstag. John Coleridge wurde zweiundsechzig Jahre alt, so alt, wie auch sein jüngster Sohn werden sollte. Er war Ende September 1781 mit dem elfjährigen Frank nach Plymouth gereist, um ihn als Seekadett in der Kriegsmarine einzuschreiben. Auf dem Rückweg machte er abends Halt bei Freunden, die ihn drängten, über Nacht zu bleiben. Er hatte in der Nacht zuvor die Todesvision, »dass ihm der Tod erscheine, wie er üblicherweise dargestellt wird, und ihn mit seinem Pfeil berühre«.13 Er reiste nach Hause, wo er spätnachts ankam, als Sam schon schlief. Er trank eine Schale Punsch, erzählte seine Erlebnisse und ging zu Bett. Nach einer Minute hörte die Frau ein Geräusch in seinem Hals, und er gab keine Antwort mehr. »Ihr Schrei weckte mich – und ich sagte, ›Papa ist tot‹. […] Wie ich darauf kam, an seinen Tod zu denken, kann ich nicht sagen; aber so war es.«14
Nachdem der Vater gestorben und Frank bei der Marine war, verblieb Samuel als letzter Sohn im Haus, gemeinsam mit der Mutter und der einzigen Schwester. Seinen ältesten Bruder John (1754–1787), der in Indien als Armeeoffizier diente und sich aus der Ferne um die Familienangelegenheiten kümmerte, hat er nie getroffen. William (1755–1780) wurde Lehrer und starb am Vorabend seiner Hochzeit an Typhus. James (1759–1836) war mit sechzehn Jahren zur Armee gegangen. Edward (1760–1843) hatte laut Samuel eine Frau geheiratet, die zwanzig Jahre älter als seine Mutter war, und wurde später Pfarrer in Ottery St. Mary. George (1764–1828) studierte in Oxford und kehrte später als Rektor nach Ottery St. Mary zurück. Luke (1765–1790) wurde in London zum Arzt ausgebildet. Die Schwester Anne (1767–1791), genannt Nancy, blieb unverheiratet und starb früh, kurz nach Luke. Frank (1770–1792) erschoss sich im Jahr darauf in Indien, in einem Fieberwahn, wie es berichtet wurde.
Sein acht Jahre älterer Bruder George, der auch beruflich in die Fußstapfen des Vaters trat, hatte für Coleridge ein Stück weit die Rolle des Vaters übernommen. »Er ist Vater, Bruder und alles für mich«, schrieb er im fünfzehnten Lebensjahr an Luke. Die meisten erhaltenen Briefe aus der Schul- und frühen Studienzeit sind an George gerichtet und legen ihm Rechenschaft über die Studienfortschritte und das Budget ab. Ihm widmete Coleridge auch die zweite Ausgabe seiner Gedichte, mit dem Widmungsgedicht »An den Rev. George Coleridge« mit dem Horaz-Motto »Notus in fratres animi paterni« (unter den Brüdern für sein väterliches Gemüt bekannt). »Mein frühster Freund«, ist der Bruder darin angesprochen, »Du wachtest über meine Jugendzeit / Und Irrungen mit väterlichem Blick«.15
Coleridges einzige Schwester, die fünf Jahre ältere Nancy, gab ihm Liebe und mütterliche Fürsorglichkeit und genoss ein intimes Vertrauen des kleinen Bruders. Ihr früher Tod, kurz nach demjenigen Lukes, traf ihn schwer. Im Gedicht »To a Friend«, gerichtet an Charles Lamb, der seiner Schwester Mary ebenfalls innig verbunden war, heißt es:
All meinen Kummer goss ich bei ihr aus
(Patient gleichsam im Arm der Pflegerin),
Und sogar solch geheimes Herzensleid,
Das selbst das Aug der Freundschaft flieht vor Scham.
Ach! weinend wachte ich um Mitternacht,
Weil sie nicht war!16
Die Krankenpflege ist eine Metapher, die nicht zufällig auftaucht. Die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit findet bei Coleridge immer wieder im Bild der Umsorgung des Patienten Ausdruck, und auf diesem Weg sucht er sie sich auch zu erfüllen. Mit seinen medizinischen Problemen sollte er im späteren Leben genügend Gelegenheit dazu bekommen.
1 Complete Poetical Works, hg. von E. H. Coleridge, 1912 (=PW) I 48
2 Collected Letters of Samuel Taylor Coleridge (=CL) I 310
3 James Gillman, The Life of Samuel Taylor Coleridge, 1838 (=Gillman) 8
4 CL I 347
5 CL I 354
6 CL I 347
7 CL I 347
8 CL I 347–348
9 CL I 348
10 CL I 353
11 CL I 353–354
12 PW I 368, Z. 121–125
13 CL I 355
14 CL I 355
15 PW I 175, Z. 43–45
16 PW I 79, Z. 14–19
Nach dem Tod von John Coleridge musste sich die Familie mit einem abrupten sozialen Abstieg abfinden. Das Einkommen fiel weg, und die Witwe Ann musste mit Nancy und Samuel aus dem großen Schulgebäude in das benachbarte Aufseherhäuschen umziehen. Über den Winter durfte Coleridge die Schule noch als Tagesschüler besuchen. Auf Betreiben eines ehemaligen Schülers des Vaters, des Richters Francis Buller, wurde nach ein paar Monaten seine Aufnahme in die Londoner Internatsschule Christ’s Hospital für Söhne aus mittellosen Adelsfamilien beantragt. Seine Mutter unterzeichnete den Antrag, mit dem sie den Schulbehörden auch das Recht einräumte, ihren Sohn in eine Lehre zu geben, falls er die verlangte akademische Leistung nicht erbringen sollte.
Im April 1782 stand fest, dass Coleridge im September in London eingeschult würde. Unmittelbar vorher sollte er während sechs Wochen eine Vorbereitungsschule in Hertford, nahe London, besuchen. Bis dahin verblieben drei Monate, die Mutter und Sohn jedoch nicht gemeinsam verbrachten. Coleridge wurde für die Zeit zum Bruder der Mutter nach London gegeben. Mag sein, dass das Ziel war, den Neunjährigen an die Großstadt zu gewöhnen; mag sein, dass ihn die Mutter rasch aus dem Haus haben wollte. Über die möglichen Motive und über seine Gefühle dazu schweigt sich Coleridge in seinen Erinnerungen aus.
