Samuel Widmer - Karin Engelkamp - E-Book

Samuel Widmer E-Book

Karin Engelkamp

0,0

Beschreibung

Samuel Widmer (1948-2017) begegnete in seinem Leben allen Facetten, mit denen sich ein Krieger auf seinem Weg zum Wissen auseinanderzusetzen hat. Im Schweizerischen Mittelland aufgewachsen als zweites von neun Kindern erlebte er nicht nur Armut, sondern war auch strengen Glaubensregeln ausgesetzt, da seine Familie dem Brüderverein, einer christlichen Freikirche, nahestand. Im Laufe seines Lebens befreite er sich durch sein unbeirrbares Streben nach Wahrhaftigkeit von allen Konventionen. Stets folgte er seinem Herzen. Als erfolgreicher Psychiater und Bewusstseinsforscher stiess er mit seinen Entdeckungen menschlicher Tabus und gesellschaftlicher Zusammenhänge auf enorme Gegenkräfte, denen er sich würdevoll zu erwehren verstand. Als spiritueller Lehrer erreichte er weltweit Tausende von Menschen. Die Geschichte Samuel Widmer zeigt einen Menschen, der Berge erklommen und Täler durchschritten hat, um am Ende etwas in die Welt gesetzt zu haben, das die Menschheit dem irdischen Paradies ein Stück näher bringt. »Samuel Widmer ist der Meister der Liebe. Und er ist eine ständige Erinnerung, eine ständige Hoffnung für mich, dass nicht alles auf der Welt schlecht ist.« Duhita Ganguly in dem Film »REvolution des Herzens«

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 434

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Die Autorin

Karin Engelkamp, geboren im Dezember 1967, lebt seit August 2005 in der Kirschblütengemeinschaft. Sie ist verheiratet und hat drei eigene sowie drei weitere Kinder aus anderen Beziehungen ihres Mannes. Sie ist als freie Lektorin, Korrektorin und Coach tätig. www.textengel.ch

Bis 2021 veröffentlichte sie mehrere Bücher als Herausgeberin, diese sind im Literaturverzeichnis zu finden.

Meine Grundbotschaft ist:

Sein mit dem, was ist. Ehrlich sein.

Nicht mit irgendwelchen Illusionen, Vorstellungen,

Traditionen, Bildern leben,

sondern mit der Wahrheit, der Wirklichkeit.

Wenn wir das tun, gibt es eine andere Welt.

Samuel Widmer

Inhaltsverzeichnis

Prolog–Was ist ein Krieger?

Vorwort

Kindheit und Jugend

Mutter und Vater

Das Leben in der Familie

Der Evangelische Brüderverein

Die Schulzeit

Der junge Erwachsene

Prägende Lehrjahre

Die eigenen Lehrer

Manuel Schoch

Krishnamurti

Don Juan

Vergleich Krishnamurti – Don Juan

Der Bewusstseinsforscher

Selbsterkenntnis

Psycholyse

Das Inzesttabu

Echte Psychotherapie

Diemittleren Jahre

Danièle

Tantra

Abschiede

Marianne

Leben in der Dreiecksbeziehung

Vater sein

Die Kirschblütengemeinschaft

Guru oder Scharlatan?

Der ausgewachsene Krieger

Ausbreitung in die Welt

Ein magischer Sommer

Wachheit, Wahrheit, Wirklichkeit

Das Wesentliche

Alter, Sterben und Tod

Dank

Literaturverzeichnis

Anhang

Die vier Feinde eines Kriegers/einer Kriegerin

Brief an die Familie

Brief an den Staatsanwalt

Unschuld und Reinheit © Samuel Widmer

Prolog–Was ist ein Krieger?

In den Siebzigerjahren erschien eine Reihe von Büchern des US-amerikanischen Anthropologen Carlos Castaneda, in der er von seinen Begegnungen mit dem Yaqui-Indianer Don Juan Matus berichtete und dessen Weltenlehre erklärte. Er beschrieb in seinem Werk anhand von Don Juans Erzählungen ausführlich, was dieser unter einem „Leben als Krieger“ verstand.

Samuel setzte sich bereits als junger Mann intensiv mit Castanedas Büchern und dem Kriegerweg auseinander. Schon der Titel dieses Buches drückt aus, wie bedeutend dieses Lebenskonzept für ihn war, deshalb nimmt es auch in dieser Biografie einen herausragenden Platz ein. In seinem Buch „Die Wahrheit“ (30) liefert er eine exquisite Zusammenfassung:

Krieg bedeutet für den Krieger nicht die Beteiligung an Akten kollektiver Dummheit oder kollektiver Gewalt. Krieg ist für den Krieger der Kampf gegen das individuelle Ich, das er zu überwinden trachtet, um völlige Freiheit zu finden. Der grundlegende Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Menschen und einem Krieger ist, dass der Krieger jede Situation seines Lebens als Herausforderung annimmt, während der normale Mensch alles entweder als Segen oder als Fluch auffasst. Im Gegensatz zu diesem stellt sich der Krieger allem und sieht darin keinen Grund, sich zu beklagen oder etwas zu bereuen. Ein Krieger begegnet allen Herausforderungen seines Lebens mit höchster Achtsamkeit, mit Ehrfurcht, mit Respekt und absoluter Zuversicht.

Der Krieger strebt die vollkommene Freiheit an, er will eine freie Energie sein. Die Freiheit vom Selbst, die Liebe ist, versteht er als die einzige wirkliche Freiheit. Seine Werkzeuge auf diesem Weg sind vollkommene Ehrlichkeit mit sich selbst und Beharrlichkeit im Ringen um seine unverbrüchliche Absicht. Seine Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit sowie seine Beharrlichkeit bilden seine Makellosigkeit. Die Tat des Kriegers ist es, seine persönliche Kraft von Gewohnheit und Schwäche abzuziehen und stattdessen in seiner Absicht als Krieger zu sammeln.

Makellosigkeit ist nichts anderes als das richtige Benutzen von Energie. Er versteht darunter das Umdirigieren der Energie, die der Durchschnittsmensch für seine eigene Wichtigkeit verbraucht. Makellosigkeit, das heisst, befreite Energie, ist letztlich das Einzige, auf das es auf dem Pfad des Wissens ankommt.

Man kann ohne jegliche Überheblichkeit sagen, dass die Lebensform des Kriegers die ultimative Möglichkeit des Menschen ist. Sie zu verwirklichen ist ein lebenslanger Kampf und dieser verbraucht genau gleich viel Energie wie der Kampf des gewöhnlichen Menschen im Ringen um seine Anpassung, nämlich alle, die wir haben.

Die einzige Möglichkeit des Kriegers, Energie zu sparen, ist das Tilgen von unnötigen Gewohnheiten. Makellosigkeit ist letztlich alles, was dem Krieger bleibt. Das Wissen um seine Makellosigkeit ist seine Freude. Sie zu verfehlen, wäre sein definitives Scheitern.

Die Kunst des Kriegers ist die Kunst der Wahrnehmung, die die Kunst des Träumens ist. Er sieht, dass der Kern unseres Wesens Wahrnehmung und die Magie unseres Seins Bewusstheit ist. Er hört auf damit, sich an Dinge zu klammern und zu besitzen. Jeder, der ein Krieger werden will, muss sich von dieser Fixierung befreien.

Krieger handeln nicht, um einen Vorteil zu erringen wie der Durchschnittsmensch. Sie handeln, weil der Geist sie ruft. Der Krieger handelt, ohne eine Belohnung zu erwarten, für nichts und wieder nichts. Er liebt – für nichts und wieder nichts.

Der Krieger hat aufgehört, Verständnis bei anderen zu suchen. Anerkennung und Hilfe sucht er nicht länger. Während der gewöhnliche Mensch von der Beurteilung anderer abhängig ist, baut der Krieger nur auf sich selbst und damit auf die Unendlichkeit, von der er abhängt. Krieger haben nur einen Bezugspunkt, die Unendlichkeit.

Der Krieger hat aufgehört, durch eine Brille von Geboten und Verboten auf die Wirklichkeit zu schauen. Er schaut und sieht unmittelbar Wirklichkeit. Allem wendet er sich zu, als sei es das erste und einzige Mal. Darum erkennt er unschuldig wie ein Kind, was wahr, was falsch und was wahr am Falschen ist. Unbeirrt durch die Verirrungen des menschlichen Geistes durchbricht er alle Illusionen, alle Unwahrheit und alle Heuchelei. Er hat gelernt, wenn nötig, auch ganz allein zu stehen mit dem, was wirklich ist. Ein tiefer Frieden beherrscht sein Leben. Er weiss, dass sein Schicksal unabänderlich ist. Er braucht alle Zeit und Energie, die er hat, um die menschliche Dummheit in sich zu besiegen. Die Suche eines Kriegers gilt einzig der letztlichen Befreiung, die kommt, wenn er völlige Bewusstheit erlangt.

Vor allem übernimmt der Krieger für alles, was er tut und was mit ihm ist, für sein ganzes Leben die Verantwortung. Das heisst, dass er kein Selbstmitleid hat, sich nie als Opfer fühlt und seine Entscheidungen, einmal getroffen, weder anzweifelt noch bereut. Der Krieger schafft sich seine eigene Stimmung. Es ist nicht einfach, die Stimmung eines Kriegers in sich zu errichten. Es ist eine Revolution; es ist die grossartige Tat eines Kriegergeistes.

Was macht dich zum Krieger, was baut deine persönliche Kraft auf, damit du schliesslich die Welt anhalten kannst? Die persönliche Geschichte aufgeben, die eigene Wichtigkeit verlieren, den Tod als Ratgeber benutzen, Verantwortung übernehmen, unerreichbar sein, die Gewohnheiten des Lebens unterbrechen, sich der Kraft zugänglich machen und die Stimmung eines Kriegers finden. Das, was anhält in ihm, wenn der Krieger die Welt anhält, ist das, was die Leute ihm und uns allen ständig über die Welt sagen.

Der Krieger täuscht sich nie. Alles begleitet er mit Gleichmut und Stille. Im Leben eines Kriegers gibt es nur eine offene Frage: Wie weit kann er auf dem Weg des Wissens und der Kraft gehen? Die Welt des Kriegers ist eine Welt des Alleinseins, aber Liebe ist darin für immer.

Der Krieger ist allein, weil dies unser natürlicher Zustand ist. Der Krieger hat gelernt, die Welt zu würdigen, indem er sich selbst nicht mehr als das Wichtigste darin erlebt.

Der Krieger repräsentiert die Freiheit. Um ein Krieger zu sein, ist ein endloser Kampf zu führen, der bis zum letzten Augenblick des Lebens währt. Das, was den Krieger jung erhält, ist, dass er seinen Verstand überwindet. Krieger trachten ihr Leben lang danach, die dünne Hülle menschlicher Annahmen zu zerreissen, um Wirklichkeit zu sehen.

Der Krieger weiss, dass es in der Welt nur ganz wenige Dinge gibt, die wirklich erklärt werden können. Aber zum Wissen haben Krieger, in welcher Form auch immer, eine Liebesbeziehung. Philosophen sind an der Klarheit gescheiterte Krieger.

Ein Krieger hat begriffen, dass all sein Tun nutzlos ist. Trotzdem fährt er damit fort.

Der Krieger kennt Liebe als die einzige Antriebskraft für die Fortsetzung seiner physischen Existenz.

Der schwierigste Teil auf dem Weg eines Kriegers ist zu erkennen, dass die Welt ein Gefühl ist. Er fasst alles, was ihn umgibt, als unergründliches Rätsel auf. Die Herausforderungen, dieses Rätsel zu entschlüsseln, nimmt er an. Damit nimmt er seinen Platz in aller Demut ein: nämlich inmitten aller Geheimnisse selbst eines zu sein.

Was der gewöhnliche Mensch als Wille bezeichnet, ist Charakter und Veranlagung. Der Krieger meint mit Wille oder Absicht eine Kraft, die aus dem Innern kommt und sich an die Welt anhaftet. Wille oder Absicht ist Beziehung zwischen ihm und der von ihm wahrgenommenen Welt. Zum gewöhnlichen Menschen macht einen die Tatsache, ein Spielball seiner eigenen Gedanken, Ängste, Wünsche und Illusionen zu sein. Die Alternative dazu ist es, ein „Wissender“ zu werden, den Weg des Kriegers zu gehen. „Wissen“ meint darin die direkte Erfahrung der Welt.

Der Krieger ist kein Konzept, sondern eine Lebensweise. Am Weg des Kriegers gibt es nichts hinzuzufügen oder auszusetzen; er ist vollkommen. Wer ihm folgt, ist von energetischen Fakten umgeben, die keine Einwände und Spekulationen über ihre Funktion und ihren Wert erlauben. Die Struktur des Weges des Kriegers bezieht alle lebendigen Möglichkeiten ein, die einem Krieger zustossen können. Der Weg des Kriegers ist das Ein und Alles. Er ist der Inbegriff geistiger und körperlicher Gesundheit.

Der Krieger gewinnt die Energie, um ins Unbekannte und die totale Freiheit vorzudringen, aus der Überwindung der eigenen Wichtigkeit, in der sie beim Durchschnittsmenschen gebunden ist. Das heisst, er gibt es auf, Anerkennung zu suchen, sich um Lieben und Geliebtwerden Sorgen zu machen und ständig damit beschäftigt zu sein, wie er auf andere wirkt oder was diese von ihm denken. Er liebt einfach, das ist genug.

Das Gefühl der eigenen Wichtigkeit ist der grösste Feind des Menschen. Es ist das Gefühl, durch das Tun und Lassen seiner Mitmenschen verletzt zu werden. Der Eigendünkel bewirkt, dass wir uns die meiste Zeit unseres Lebens von irgendjemandem gekränkt fühlen. Ohne das Gefühl der eigenen Wichtigkeit sind wir unverletzlich. Ohne Selbstbild zu sein, macht uns daher frei.

Ein Krieger wählt immer den Weg mit Herz. Bei jedem Weg, den er geht, fragt er sich, ob er Herz hat. Wenn dem nicht so ist, gibt er ihn wieder auf. Er weiss, dass beide Wege nirgendwohin führen, aber er erkennt auch, dass der eine, der Weg mit Herz, ein Weg voller Freude ist, den er mit Leichtigkeit gehen kann, und dass der andere, der kein Herz hat, ihn zerstören wird, ihn unglücklich zurücklassen wird. Darum wählt er immer den Weg mit Herz und niemand muss es ihm sagen, welcher der richtige ist und welcher der falsche. Er probiert es aus, bis er es herausgefunden hat. Und weil er hinschaut, weil er sich die Frage überhaupt stellt, weiss er es schliesslich immer. Sollte er einmal erkennen, dass er gerade nicht den Weg des Herzens geht, gibt der Krieger diesen verkehrten Weg ohne Zögern auf.

Ein Krieger muss ein Muster an Disziplin sein, um die beinahe unüberwindliche Nachlässigkeit unserer menschlichen Kondition zu überwinden. Sobald ein Krieger eine Entscheidung getroffen hat, setzt er diese sofort in die Tat um.

Die grösste Tat des Kriegers ist es, die Beschäftigung mit dem Selbst in sich schliesslich zu beenden. Damit findet er seine Ganzheit. Das Schwierigste, worum er gerungen hat, die Stimmung des Kriegers in sich definitiv zu etablieren, ist ihm gelungen. Er ist frei. Er sieht alles, und doch kann ihn nichts mehr von dieser inneren Freiheit abbringen. Alles begleitet er nun mit seiner inneren Stille, mit seiner schweigenden Wahrnehmung, ohne je wieder da rauszufallen. Gelassen und friedvoll, voller Mitgefühl und Nüchternheit folgt er fortan den Wegen seines Schicksals.

Freiheit ist für den Krieger die vollkommene Abwesenheit der Sorge um sich selbst.

Der Krieger weiss, dass wir etwas haben müssen, wofür wir bereit sind zu sterben. Erst danach können wir daran denken, etwas zu haben, wofür wir leben.

Der Krieger weiss, dass der wirkliche Grund für unsere Existenz darin besteht, das Bewusstsein zu erweitern. Krieger bereiten sich darauf vor, volle Bewusstheit zu erlangen. Dies ist nur möglich, wenn kein Eigendünkel, kein Gefühl eigener Wichtigkeit in ihnen übrig ist. Nur wenn sie nichts sind, werden sie alles sein.

Beharrlich wie ein Krieger zu handeln, ist die einzige Möglichkeit, unseren Zwang, uns mittels unserer Gewohnheiten, mittels unserer Beschreibung der Welt mit allem in Beziehung zu setzen, zu durchbrechen. Der Rest kommt von selbst. Der Rest, das ist Wissen und Kraft. Wissende haben beides. Und doch könnte keiner von ihnen sagen, wie er dahin gelangt ist, es zu besitzen, ausser dass er stets wie ein Krieger gehandelt hat, und dass sich in einem bestimmten Augenblick alles änderte. Die beiden Haupteigenschaften des Kriegers sind Beharrlichkeit und unbeugsame Absicht.

Der Krieger denkt an seinen Tod, das verleiht ihm den letzten Schliff.

Der Krieger ist auf der Welt, um sich zu einem vorurteilslosen Zeugen herauszubilden. Er will das Mysterium unseres Daseins verstehen und herausfinden, wer wir wirklich sind.

Der Weg des Kriegers bringt innere Stärke. Der Krieger ist ein nüchterner Geist. Der vollendete Krieger schliesslich ist keine Person mehr. Er ist nur Leere, Leere, die die Unendlichkeit spiegelt. Nichts Übertriebenes ist an ihm und nichts Anmassendes. Er kennt kein Bedürfnis mehr, sich zu beklagen oder etwas zu bereuen. Er verkörpert die Leere des Kriegers, der nichts mehr als selbstverständlich betrachtet, der nichts über- oder unterschätzt, ein stiller disziplinierter Kämpfer von vollkommener Schönheit, bei dem niemand, so sehr er sich auch bemüht, die Nahtstelle findet, an der die Vielschichtigkeit seines Lebens zusammenläuft.

Die Haltung des Kriegers umschreibt die grundlegende Qualität, aus der echte Gemeinschaft hervorwachsen kann: Er lässt sich nicht gehen, er übernimmt die Verantwortung für alles, was er tut; er ist nie Opfer seiner Situationen und vor allem stellt er sich der Wirklichkeit, dem, was immer ist.

Krieger glauben, dass der Tod ihnen ihre Bewusstheit lassen wird, die der Durchschnittsmensch beim Sterben wieder verliert. Sie sind überzeugt, dass jeder Mensch in seinem Leben die einmalige Chance hat, in den Raum der Freiheit zu erwachen, der keinen Tod kennt, sofern er sich in Selbsterkenntnis übt, um dem Tod schliesslich als Ersatz für sein Bewusstsein eine vollständige Rekapitulation seines Lebens anzubieten. Wir wissen nicht, ob das stimmt. Niemand weiss wirklich, was nach dem Tod kommt. Aber es ist eine schöne Geschichte, die anregt zum Wachsen, zum Lernen, zum Reifen. Und wer weiss ...

Alle sind ganz von selbst

gleich wichtig,

wenn die Liebe da ist.

Die Lichte © Samuel Widmer

Vorwort

Wieder einmal sitze ich Samuel gegenüber und wir sprechen über uns. Was haben wir zusammen? Worin drückt sich unsere persönliche Beziehung aus? Hin und wieder habe ich von der Idee gesprochen, ein Buch über ihn zu schreiben. Vielleicht könnte das ein Projekt sein, in dem unsere Beziehung zum Ausdruck kommt, meinte Samuel. Genau – das ist es!

In erster Linie ist dieses Buch als Geschenk an Samuel gedacht, mit dem ich ihm über seinen Tod hinaus meine Dankbarkeit ausdrücken möchte für seine Liebe und seine Freundschaft. Es ist eine Würdigung seines Lebenswerks, das vollkommen im Dienste eines Mythos stand, den die Welt so dringend braucht – des Mythos eines Paradieses auf Erden. Niemand sonst, den ich kenne, hat je so klar, unbeirrbar und authentisch auf den Weg und das Ziel hingewiesen, das der Menschheit jederzeit offensteht.

Überdies gehe ich davon aus, dass es auch andere interessiert: Wie verläuft das Leben eines Kriegers konkret? Dieses Buch soll ein Anschauungsobjekt sein am Beispiel Samuels, wie man faktisch als Krieger im Leben steht, mit Widrigkeiten und Herausforderungen umgeht. Ich erhoffe für mich selbst und für dich, liebe Leserin, lieber Leser, daran zu lernen, wie man das Leben einer guten Kriegerin, eines guten Kriegers führt, auch wenn natürlich jeder Mensch seine eigenen Herausforderungen vom Leben gestellt bekommt und jeder seine eigene Persönlichkeit mitbringt. Man kann schauen, wie jemand anders es gemacht hat. Einiges ist schon geschrieben worden darüber, aber ein konkretes Beispiel mit detaillierter Beschreibung eines Kriegerlebens, bei der das Kriegertum überhaupt im Fokus steht, gibt es meines Wissens nicht. Das auf meine ganz persönliche Weise in die Welt zu bringen, habe ich beim Schreiben dieses Buches als eine Aufgabe empfunden, die ich im Ganzen habe.

Ein Ansporn für dieses Buch war auch, dass ich es genau wissen wollte. Ich erlebte Samuel in den fünfzehn Jahren – seit Mai 2002, als ich ihn kennenlernte – als den integersten Menschen, den ich bisher getroffen hatte. Ist das wahr? War er echt? Ich prüfte ihn mit dem Schreiben dieses Buches auf Herz und Nieren, konnte ihm all die Fragen stellen, die mich beschäftigten, um – ja, um zu prüfen, ob er vertrauenswürdig war, ob das, was er sagte und ausdrückte, der Wahrheit entsprach. Ob er selbst das lebte.

Eine Schwierigkeit, die mich beim Schreiben dieses Buches immer wieder beschäftigte, war das Wissen darum, dass eigentlich nur eine grössere Bewusstheit eine kleinere fassen kann und das umgekehrt nicht geht. Wie soll ich einen Menschen vollumfänglich begreifen, der mir bewusstseinsmässig weit voraus ist? Deshalb drückt diese Biografie einerseits aus, was ich an Fakten zusammentragen konnte und andererseits selbst verstanden, beobachtet und erlebt habe. Der Bereich des Träumens zum Beispiel ist mir selbst nur begrenzt zugänglich. In seinem Buch „Wer heilt, hat Recht“ (29) schreibt Samuel: Im tiefsten Grund beschäftigt sich mein Lebenswerk mit dem Träumen. (…) Das Träumen oder das astrale Reisen, wie es auch genannt wird, bringt auch den Traum hervor, die Vision. Aus ihm entsteht das Ringen, die Wirklichkeit des Einsseins, der Grenzenlosigkeit und Allverbundenheit, die Liebe heruntertransformieren zu wollen in die Welt des Materiellen. Das ist die Aufgabe des Kriegers, der er sich verschreibt, die er annimmt. Ich selbst bin noch eine Anfängerin in dieser Art des Träumens und kann daher diesen grossen Bereich seines Lebens nicht wirklich fassen. Aber eine Wahrnehmung dafür, wie sehr es ihn ausgemacht hat, seinen Traum in die Welt zu bringen, habe ich schon. Deshalb verfasse ich diese Biografie in dem Wissen, dass sie meiner eigenen Wahrnehmung entspringt und weitere Bücher über ihn, die sich vielleicht mehr diesem Bereich widmen, in der Aufgabe anderer liegen. Oder dann vielleicht wieder in meiner, wenn ich selbst einmal so weit komme, das Träumen in seiner unendlichen Ausdehnung genügend zu erfassen.

Samuel stand für die Selbsterkenntnis. Sie ist und bleibt der erste, der nächste und der letzte Schritt auf dem fortwährenden Weg bis zum Tod. Er stand auch für die psycholytische Psychotherapie, obwohl man den Wert seines Wirkens auf nur einen Teil – noch dazu einen nicht sehr grossen angesichts seines ganzen Schaffens – beschränkt, wenn man ihn darauf reduzieren will. Vor allem stand er für dieses Wunderbare und Unfassbare, letztlich nicht Benennbare, das macht, dass das Gras wächst und die Vögel singen, für das Leben selbst, für diese mysteriöse, nicht einzufangende Kraft (19).

Beim Durcharbeiten von Samuels umfangreichem literarischem Werk stiess ich immer wieder auf viele grosse Themen, die ich gern als Kapitel in diesem Buch genauer angeschaut hätte, die Freiheit zum Beispiel, die Erleuchtung oder den Verzicht. Da gibt es noch viele Aspekte, anhand derer der Reichtum in Samuels Leben und Wirken beschrieben werden kann. Doch irgendwo musste ich wählen und die Vertiefung weiterer Bereiche anderen in die Hand geben, die sich dazu berufen fühlen, ihre Sicht und Recherche aufzuschreiben und anderen Menschen zugänglich zu machen.

Wie schreibt man eigentlich eine Biografie? Ich besass kein Vorwissen darüber und so bin ich einfach meinen Impulsen gefolgt, was die Arbeit für mich sehr leichtfüssig machte. Zwar habe ich viele Biografien gelesen, weil mich Geschichten und Lebenswege anderer Menschen immer interessierten, aber bis auf meine autodidaktischen Erfahrungen habe ich keine „offizielle“ literarische Ausbildung genossen. Mir stand kein Wissen darüber, wie man so etwas macht, im Weg für ein völlig freies Gestalten dieses Werks. Das hinderte mich früher im Deutschunterricht, zum Beispiel einen Aufsatz ganz aus dem Bauch heraus zu schreiben, die Interpretation eines Textes, eine so genannte Erörterung, Textanalyse, Erzählung oder Ähnliches. Dauernd hatte ich die vorher im Unterricht besprochenen Regeln im Kopf, die mich einengten und nicht aus dem Bauch heraus fliessen liessen, was zu den Texten in mir war. Ich brauche Freiheit beim Schreiben, diese habe ich mir bei diesem Buch gegönnt.

Im Frühling 2012 begannen Samuel und ich mit unseren anderthalbstündigen Gesprächen über mehrere Monate und bis zu seinem Tod trafen wir uns sporadisch immer wieder. Auch mit seiner Familie, mit Verwandten, Freunden und Kollegen sprach ich. Eine grosse Arbeit war die Integration von Samuels insgesamt dreiundvierzig Büchern, die ich sämtlich las, viele zum zweiten Mal. Darin ist alles offengelegt – sein persönliches Leben, seine Arbeit, sein Wirken, seine Absicht.

Mit der Zeit entstand immer mehr ein Rundes, ein Ganzes und es machte mir viel Freude, dies ganz aus mir selbst heraus zu entwickeln. Soweit möglich, hielt ich mich an einen chronologischen Faden, der allerdings bisweilen ein wenig verheddert. Meinem Gefühl nach tut dies jedoch der Wahrhaftigkeit keinen Abbruch, denn worum es mir geht, ist ein lebendiges Abbild eines runden, ganzen Lebens, bei dem es in erster Linie auf den inneren Gehalt ankommt. Auf die ausgewiesenen Fakten ist jedenfalls so weit Verlass, wie es meine gewissenhaften Recherchen und die Aussagen der Befragten möglich machten.

Viel habe ich Samuel zu verdanken. Er ist mir immer ein Gegenüber gewesen, hat sich mir zur Verfügung gestellt als Freund, als Therapeut, als Vater, als Lehrer, als liebender Mensch, so wie er es allen gegenüber tat. Ich bin sehr froh, mit diesem Buch etwas gefunden zu haben, mit dem ich meiner Dankbarkeit Ausdruck verleihen kann.

Nun ist es aber nicht so, dass ich nur Bewunderung für ihn habe und dadurch mein Blick für die Wahrheit vernebelt ist. Das ist es ja, wofür ich ihm besonders dankbar bin: Durch ihn habe ich gelernt, dass es darum geht, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen nach der Wahrheit. Er hat mich gelehrt, dass ich sie nur selbst entdecken kann, so dass ich mich auf diesen Weg gemacht habe zur Selbstverantwortung in allen Dingen.

Wenn ich auf die Rose zeige, schau nicht auf mich, schau auf die Rose.

Bis zu seinem Tod fand ich darin Unterstützung bei ihm. Unermüdlich erwies er mir diesen Liebesdienst. Was kann man da anderes, als dankbar sein…

Ich habe es immer als eine wertvolle Aufgabe, meine ganz persönliche Kriegeraufgabe angesehen, dieses Buch zu schreiben. Für mich, aber vor allem auch für dich, liebe Leserin, lieber Leser. Damit auch du etwas mitnehmen kannst für dich, für dein eigenes konkretes Kriegerleben.

Die Liebe

kann alles halten,

das haben wir zu lernen.

Verwundbarkeit © Samuel Widmer

Meine Kindheit

scheint eine Schulung gewesen zu sein für das,

was ich später zu tun hatte.

Ohne diese Schulung

wäre ich nicht richtig vorbereitet gewesen.

Den Einfluss der Kindheit auf ein Leben kann man auf zweierlei Weise anschauen: Ein Mensch entwickelt sich als Folge der Gegebenheiten und Erlebnisse als Kind. Er wächst daraus hervor und sein Leben ist fortwährend davon bestimmt. Oder er bekommt von Anfang an entsprechende Lebenssituationen, um eine Aufgabe zu erfüllen. Dann geht es mehr um die Aufgabe als um die Vergangenheit und der Mensch kommt mit einer bestimmten Absicht auf die Welt.

Vieles spricht dafür, dass es Inkarnation tatsächlich gibt. Ein Wesen hat in früheren Leben ein Karma angehäuft und wird unzählige Male wiedergeboren, um es abzutragen. Die Aufgabe ist dann zu begreifen, was es abzutragen gibt, und dies zu korrigieren. Hierbei bestimmt die Vergangenheit die Zukunft. Wenn das Wesen irgendeinmal alles abgetragen hat, kommt es aus freien Stücken auf die Welt, um hier etwas zu bewirken. Es kehrt sich um. Nicht mehr die Vergangenheit bestimmt über das Leben, sondern die eigene Absicht. Dann ist die Kindheit einfach eine Vorbereitung auf das, was später im Laufe des Lebens zur Blüte kommt. Wissen kann man diese Dinge definitiv nicht. Man trägt solche Fragen in sich, ohne eine Antwort zu erwarten. Das gehört zum Geheimnis des Lebens.

Wenn man Kindern zuschaut, sieht man, dass sie nicht als unbeschriebene Blätter auf die Welt kommen. Einige erscheinen wie junge Seelen, die noch nicht lange unterwegs sind, andere wirken schon zu Beginn sehr reif, bringen bereits eine gewisse Weisheit mit und scheinen schon viele Leben gelebt zu haben. Doch eine Aufgabe trägt wohl jeder mit sich, zum Beispiel Familienaufgaben, also generationenlange Konditionierungen und Verhaltensmuster, die im Laufe eines Lebens aufgelöst werden sollen. Das Leben bietet dann bestimmte Lebensumstände und -konstellationen, die den Menschen genau mit dem konfrontieren, was es für ihn aufzulösen gilt.

Samuel begriff seine Kindheit im Laufe der Jahre immer mehr als eine Lehrzeit, insofern spielte sie für ihn immer weniger eine Rolle. Er lernte als Kind und junger Erwachsener, wie er umzugehen hatte mit dem, was ihm später widerfuhr. Er erkannte, dass sich das Vergangene auflöst, wenn er ihm ganz Platz gibt in sich.

Als guter Krieger rekapitulierte er seine Kinderzeit gründlich, so dass sie nur noch eine vage Erinnerung war, die keine Spuren mehr hinterliess in Form nicht aufgearbeiteter Gefühle. Emotionslos konnte er auf diese Zeit schauen. Wenn Samuel über seine Eltern, seine Kindheit sprach, fiel mir auf, dass es immer die schönen Dinge, die Lichtblicke waren, die ihm als Erstes einfielen.

Samuels Lieblingsbeschäftigung als Kind war die Betrachtung von Blumen, Bäumen und Insekten. Jedes Jahr vor dem Frühling wartete er brennend auf das Erwachen der Natur. Er genoss die schier unendliche Vielfalt an Formen und Farben. Als zwei uralte Bäume vor dem Elternhaus zugunsten eines Parkplatzes gefällt wurden, erfüllte ihn das mit grossem Schmerz und Mitgefühl für diese gesunden, starken Pflanzenriesen. Erst als Erwachsener begriff er, dass es nicht allen Menschen so geht wie ihm. Für ihn war diese starke Verbindung zur Natur zeitlebens eine Möglichkeit, die Grobheit der Menschen und der Welt um sich herum zu ertragen.

Einsamkeit auf dem Weg © Samuel Widmer

Freiheit kommt aus der Losgelöstheit,

alles benutzen zu können,

alle Dinge, die Welt,

ohne davon abhängig zu werden,

ohne sich daran binden zu müssen.

Samuels Familie stammt von den Hugenotten ab, also den französischen Protestanten, wie mir sein Vater erzählte. Samuels Urgrossvater betrieb Mitte des neunzehnten Jahrhunderts im schweizerischen Kanton Thurgau ein eigenes Malergeschäft. Die Farbenherstellung war eine gefährliche Arbeit, weil dabei giftige Stoffe wie Blei verwendet wurden und der Arbeiter unweigerlich damit in Kontakt kam. Die Sicherheitsmassnahmen waren damals gewiss nicht mit heute zu vergleichen. Der Urgrossvater starb 1886 an einer Bleivergiftung und hinterliess eine Frau und fünf Kinder. Der Witwe blieb nichts anderes übrig, als einen Teil der Kinder wegzugeben.

Johann, Samuels Grossvater, war sechs Jahre alt und wuchs fortan als Verdingbub auf einem Bauernhof auf. Verdingkinder wurden in der Schweiz im neunzehnten bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hinein Kinder genannt, die aus bitterarmen Familien stammten und von Amtswegen auf einem „Verdingmarkt“ meistbietend versteigert wurden. Sie mussten dann, grösstenteils auf Bauernhöfen, hart arbeiten, wurden häufig misshandelt, ausgenutzt und missbraucht. Oft handelte es sich um Waisen- oder Scheidungskinder.

Der kleine Johann musste tagaus, tagein hart arbeiten, hatte immer Hunger und fror im Winter erbärmlich, weil ihm nur alte, zerlumpte, viel zu kleine Kleider gegeben wurden. Von den Leckereien, die die Bauernfamilie sich gönnte, bekam er nichts ab.

Was war das für ein Leben, eine Kindheit für diesen Jungen? Wie fühlt sich das an für ein sechsjähriges Kind? Der Vater ist tot, die Mutter gibt ihn weg. Da ist niemand, der ihm Wärme, Liebe, Geborgenheit gibt. Bodenlose Einsamkeit. Nicht einmal die grundlegenden körperlichen Bedürfnisse werden gestillt.

Es brauchte wohl eine starke Natur, um diese Lebensbedingungen zu überstehen. Ihm ging es schlechter als dem Vieh auf dem Hof. Härteste körperliche Arbeit und Misshandlungen waren an der Tagesordnung.

Im Alter von zwanzig Jahren kam er endlich frei, natürlich ohne anerkannte berufliche Ausbildung. Es verschlug ihn in den kleinen Ort Derendingen im schweizerischen Mittelland, wo er in einer Teigwarenfabrik Arbeit fand. Seine erste Frau schenkte ihm sechs Kinder. 1916 ging die Tuberkulose epidemieartig über das Land und raffte Johanns Frau und zwei seiner Kinder dahin. Wer sollte nun die restlichen Söhne und Töchter versorgen? Johann musste arbeiten und hatte keine Familie, die ihm helfen konnte. So schaltete er kurzerhand in der Zeitung ein Stelleninserat. Er suchte eine Frau, die bereit war, für Kost und Logis den Haushalt zu führen und die Kinder zu versorgen. Es meldete sich tatsächlich eine junge Frau namens Lina aus Eggiwil im Emmental, die bei ihm einzog und Mutterstelle einnahm. Praktischerweise – das war sicher auch Johanns Absicht gewesen – heirateten die beiden kurze Zeit später und bekamen noch fünf weitere Kinder. Samuels Vater Paul war das erste Kind und erblickte 1921 das Licht der Welt.

Als er zwölf Jahre alt war, passierte erneut ein grosses Unglück: Mutter Lina starb an ihrem vierzigsten Geburtstag 1933 bei der Geburt ihres fünften Kindes. Sie war an Kindbettfieber erkrankt und wurde von einem Stellvertreter ihres Hausarztes mit Penicillin behandelt, wogegen sie allergisch reagierte und starb. Paul wurde zusammen mit einer seiner Schwestern in die Hände seiner Grosseltern, den Eltern der Mutter, gegeben. So lebte er in seinen Jugendjahren in Hermiswil im Kanton Bern, schloss dort seine Schulzeit ab und erlernte wie sein Grossvater den Beruf des Malers.

Samuels Mutter Maria entstammte einer Bauernfamilie aus Delsberg im schweizerischen Jura. Auch sie wuchs in extrem armen Verhältnissen auf. Sie war die älteste von elf Kindern, zwei Brüder und neun Schwestern. Die Lebensbedingungen waren hart und rau und so waren auch die Menschen. Zärtlichkeit, liebevolle Zuwendung gab es kaum. Körperlichkeit war auf eine Art reinen sexuellen Akt reduziert. Marias Mutter hatte elf Kinder, aber ihrer eigenen Aussage nach den Körper ihres Mannes nie gesehen. Ein solches Leben prägt die Menschen jedoch nicht nur auf ungute Art und Weise, sondern auch hinsichtlich positiver Eigenschaften wie Bodenständigkeit und Pragmatismus – wichtige Attribute, um unter diesen Umständen zu überleben.

Maria war sehr intelligent und hätte gern studiert. Um mitzuhelfen, die Familie zu versorgen, wurde sie jedoch früh aus der Schule entlassen, damit sie arbeiten konnte. Ihre beiden Brüder studierten später, aber sie durfte das als Mädchen nicht, was sie ihr Leben lang beklagte. Sie bekam eine Anstellung als Köchin in einer Gärtnerei in Niederbipp. Sechs Jahre lang arbeitete sie dort und schickte den grössten Teil des verdienten Geldes nach Hause.

Paul und Maria lernten sich auf Versammlungen des Brüdervereins, einer protestantischen Freikirche, kennen. Beide Familien waren Mitglieder dieser christlichen Vereinigung. Sie stammten aus einer langen protestantischen Tradition, in welcher der christliche Glaube das Leben vollkommen durchdrang. 1946 heirateten sie und zogen ins väterliche Elternhaus nach Derendingen.

Paul war gesund und stark und arbeitete hart in seinem Beruf als Maler, doch im Alter von vierundzwanzig Jahren erkrankte er schwer an einer Brustfellentzündung und konnte nach seiner Genesung seinen Beruf nicht mehr ausüben. Zum Glück fand er eine Anstellung in einer Schraubenfabrik in Solothurn. Er war handwerklich sehr geschickt und übernahm dort verschiedene Arbeiten und Reparaturen, erledigte Schreinerarbeiten und vieles mehr. Doch er bekam wenig Lohn, von dem ein Zehntel an den Brüderverein abgegeben wurde. Das Haus, sein Elternhaus, musste abbezahlt werden und er war für den Lebensunterhalt seiner rasch wachsenden Familie verantwortlich.

Die Fünfziger- und beginnenden Sechzigerjahre waren eine harte Zeit für Paul und Maria Widmer. Er arbeitete von früh bis spät. Sie putzte, kochte, wusch, bestellte den Garten, versorgte die Kinder und nähte Abend für Abend Kittel für Krankenschwestern und Ärzte, um ein wenig Geld dazuzuverdienen. Zwar hatte Maria sich eine grosse Familie gewünscht, liebte Kinder und auch ihren Mann, aber sie war doch immer unglücklich darüber, dass sie nicht hatte studieren können wie ihre Brüder, weil sie kein Mann war. In der Schule war sie herausragend und die Beste ihrer Klasse gewesen, doch sie musste mithelfen, ihre Familie finanziell zu unterstützen, da war es undenkbar, dass sie länger in Ausbildung blieb als unbedingt nötig. In späteren Jahren befasste sie sich mit Literatur, wenn sie Zeit und Musse dazu fand, was selten der Fall war. Sie tauschte sich mit einem Nachbarn hin und wieder über Bücher aus, zum Beispiel über die Werke Theodor Fontanes. In ihr war eine grosse Sehnsucht nach geistiger Nahrung, doch sie blieb eine Arbeiterin, die im Praktischen funktionieren musste.

Samuel kam 1948 als erster Sohn und zweites von insgesamt neun Geschwistern zu Welt. Es war Heiligabend, was die Geburt für die christlich strenggläubige Familie in besonderem Masse zu einem Ereignis machte. Das Kind wurde auf den Namen „Paul Samuel“ getauft. Für sein Umfeld war er immer „Päuli“, bis er sich mit zwanzig entschied, seinen zweiten Vornamen „Samuel“ zu seinem Rufnamen zu erklären.

Ein Jahr zuvor, 1947, war Marianne, die Älteste, auf die Welt gekommen. Dann folgten drei Buben: Paul Samuel, Markus und Hans-Peter. Danach brachte Maria noch drei Mädchen, Kathrin, Magdalena und Rebekka, zur Welt. Im Alter von achtundvierzig Jahren wurde die Mutter ein letztes Mal schwanger und bekam Zwillinge, Sara und Dagmar. Als sie heranwuchsen, wurde es leichter. Der Vater arbeitete nun an anderer Stelle, wo er mehr Geld verdiente. Die Grossen waren langsam selbstständig und konnten immer mehr in die täglichen Arbeiten miteingebunden werden.

Vor allem waren es zwei Dinge, die das Leben als Kind mit ihr schwierig machten: Sie konnte nicht herzlich sein über den Körper, was Paul Samuel sehr vermisste und gebraucht hätte. Sie hatte diese Art der Zuwendung jedoch nie gelernt und war selbst in einem rauen Klima aufgewachsen, wo es das nicht gegeben hatte. So konnte sie es auch nicht weitergeben, hatte gar kein Repertoire dafür. Was fehlte, war ein inniges, heimatliches Klima. Es war nicht warm bei ihr. Sie war keine Schmusemama. Ich kann mich nicht erinnern, je auf ihrem Schoss gesessen zu haben.

Das zweite Schwierige war ihre immense Überforderung und die Folgen davon. Als Kind hielt Paul Samuel sie deshalb zuweilen für einen „bösen Menschen“ und betete für sie, damit sie trotzdem in den Himmel kommt. Sie war völlig überfordert und viel krank, hatte aufgrund einer Diabetes-Erkrankung offene Wunden an den Beinen, die sehr schmerzten. Eigentlich hätte sie Hilfe gebraucht, doch daran war finanziell nicht zu denken. Sie hatte keine Nerven für die vielen Kinder, weil sie unter zu grossem Druck stand, zu viel tun musste. Ihre permanente Überforderung war ein schwieriger Punkt, mit dem die Kinder lernen mussten umzugehen. Sie schimpfte viel, schrie ständig herum und verteilte Ohrfeigen. Sie war eine richtige Ohrfeigenmaschine. Doch es gab auch schöne Momente mit ihr. Samuels Schwester Marianne erzählt: »Im Winter morgens früh, es waren noch nicht alle wach, sass ich mit ihr bei Lampenlicht am warmen Ofen in der Stube. Das waren Momente der Ruhe und Wärme.«

Mit der Familie der Mutter bestand eine enge, schöne Verbindung. Als Marianne, Paul Samuel und Markus Jugendliche waren, fuhren sie manchmal mit dem Velo durch das Juragebirge bis nach Moutier zu ihren Grosseltern. Damit verbinden alle Geschwister die schönsten Erinnerungen.

Sein Vater nahm Paul Samuel oft auf dem Motorrad mit, einer 250er BMW. Als der Junge zehn Jahre alt war, fuhren sie zusammen bis zur Quelle eines Flusses, der Emme. Wir brausten, ich festgeklammert an seinen breiten Rücken, über die Strassen in Richtung Flussquelle am Hohgant, bis wir absteigen mussten und das letzte Stück Weg zu Fuss gingen. In meiner Erinnerung kam dort ein kleiner Sprutz aus der Erde und wurde im Verlauf zu „meinem“ Fluss. So stand der kleine Päuli gebannt neben seinem Vater und war von Herzen berührt von diesem Wunder. Es war für ihn ganz wesentlich zu sehen, wie da ein Fluss entsteht. Die vielleicht eindrücklichste Geografielektion, die ich in meinem Leben je erhalten habe. Dieser Fluss führt durch Derendingen, das Dorf, in dem sie wohnten. Dort spielten die Kinder viel in den Sandsteinhöhlen am Ufer. Am Emmenspitz, wo die Emme in die Aare mündet, spielte Päuli so manches Mal, dort am Bleichenberg mit seinen Wurzelhöhlen, während sein Vater malte. Als er etwa vier Jahre alt war, fand er dort ein totes Fischlein, das keinen Kopf mehr hatte. Diese Erlebnisse sind im Nachhinein banal, aber als Kind nimmt man die Welt viel mehr als Wunder wahr, so dass aus solchen Banalitäten, als die man sie dann als Erwachsener abtut, Schlüsselerlebnisse werden, die einen prägen.

Viele glückliche Momente aus der Kindheit hängen mit dem Motorradfahren am Rücken des Vaters zusammen. Das war ein wesentlicher, ein schöner Bereich mit ihm. Wenn es bereits dunkel war, es regnete und Päuli, geschmiegt an den Rücken des Vaters, das Wasser den Nacken hinablief – das waren für Samuel schöne Erinnerungen von Geborgenheit. Sein Vater gab ihm Stabilität und dadurch einen Raum, in dem er wachsen konnte.

Trotz solcher Lichtblicke war die Hauptstimmung zu Hause trostlos, heimatlos. Samstagmorgen. Die Mutter ist gestresst, schlecht gelaunt. Sie macht zum Lüften alle Fenster auf und es ist kalt. Der Staubsauger macht grossen Lärm. Die Mutter schnauzt uns Kinder an, dass wir ihr aus im Weg gehen sollen. Da es nur die Stube gab, wussten wir nicht, wohin. Wo soll ich hin? Wo soll ich sein? Heimatlosigkeit. Der Vater war sehr streng. Schläge waren an der Tagesordnung, aber nicht, weil er sich gehenliess, sondern glaubte, dass sie zu einer guten Erziehung gehören. Zur damaligen Zeit war es die allgemeine Überzeugung, dass körperliche Züchtigung der eigenen Kinder Ausdruck von Liebe sei, weil man sie damit am besten auf das Leben vorbereite. Er vertrat wie die meisten eine Art Zuchtideologie.

Später war vor allem die Beschränkung der Eltern und auch der Geschwister schwierig für Samuel, ihre Anpassung. Die Mutter war eine intelligente Frau, aber sie gehörte ihr Leben lang zum Brüderverein und vertrat dessen Werte, obwohl sie eigentlich intelligent genug gewesen wäre, die Wahrheit dahinter zu erkennen. Die Anpassung war jedoch offenbar stärker. Es enttäuschte Paul Samuel sehr, dass ihre Angst hinzustehen grösser war als ihre Wahrheitsliebe und Integrität. Die Mutter war eigentlich nicht fromm, aber sie hatte grosse Furcht vor dem „Herrn“, vor dem Gottesgericht, die ihr eingepflanzt worden war. Zwar lehnte sie sich immer auf, aber nur bis zu einem gewissen Grad, dann entschied sie sich doch wieder für die Anpassung. Später kam Samuel an einen Punkt, an dem er merkte, dass er über seinen Vater und seine Mutter hinauswächst. Das fühlte sich an wie ein Verrat an den Eltern, aber die Begrenzung lag bei ihnen und dort wollte Samuel nicht stehenbleiben. Wer den Weg des Kriegers ernsthaft beschreitet, für den bleibt es nicht aus, dass er mit der Zeit unweigerlich alles Bisherige hinter sich lässt. Dazu gehören auch Familie, Freunde und Verwandte, wenn diese nicht ebenfalls diesen Weg gehen.

Samuels Mutter starb im Februar 1996 im Alter von vierundsiebzig Jahren kurz vor ihrer goldenen Hochzeit. Die Einladungen waren schon verschickt, aber dann kam der Tod. Zeitlebens war sie viel krank gewesen, hatte an Asthma und Diabetes gelitten, wurde mehrfach am Herzen operiert und hatte fast immer Schmerzen. Neun Geburten erlebte sie über einen Zeitraum von achtzehn Jahren. Samuel spürte immer eine starke Verbindung zu ihr, viel Respekt für das, was sie geleistet und getragen hat. Viel Dankbarkeit auch.

Erna, eine Nachbarin und Freundin der Mutter, kümmerte sich nach Marias Tod um Samuels Vater; sie wusch, putzte und kochte für ihn. Als Ernas Mann drei Monate nach Marias Tod ebenfalls starb, heirateten Paul und Erna; so hatte Samuels Mutter es vor ihrem Tod selbst vorgeschlagen. Sie verbrachten die letzten Jahre ihres Lebens in trauter Zweisamkeit, bis Paul Widmer im Mai 2017 sechsundneunzigjährig starb. Er hatte Samuel um vier Monate überlebt.

Explosion der Lebensfreude © Samuel Widmer

Ein Krieger nimmt sein Los auf sich,

was immer es auch sei,

und akzeptiert es in äusserster Demut.

Er akzeptiert, was er ist,

und zwar nicht als Anlass, um sich zu bedauern,

sondern als lebendige Herausforderung.

In den Fünfzigerjahren war es in den mehr als heute verbreiteten Grossfamilien selbstverständlich, dass jeder bei den Alltagsarbeiten mithalf, so gut er konnte. Das erlebte Paul Samuel nie als besondere Belastung. Alle waren in den ganzen Prozess der Familie mit eingebunden: abspülen, Tisch decken und wieder abdecken, Holz hacken, Windeln wechseln, Milchfläschchen geben, einkaufen, Unkraut jäten, auch Heftchen austragen, um Geld dazu zu verdienen. In der Gemeinde war es üblich, dass die Armen am Nikolaustag etwas bekamen, Kleider, Schuhe und Ähnliches. Paul Samuel musste zweimal an den Ausgabeort, einmal zum Auslesen und ein zweites Mal, um die Sachen abzuholen. Dafür wurde er aus der Klasse gerufen und ins Lehrerzimmer zitiert. Es gab höchstens zwei oder drei andere Kinder, deren Familien diese besondere Gabe erhielten. Einerseits freute sich Paul Samuel natürlich über diese Zuwendung, aber andererseits empfand er sie auch als Demütigung.

Der Vater stellte alle Möbel im Haus selbst her. Für Paul Samuel was es schwierig, in einer Welt des Handwerks aufzuwachsen, denn dafür brachte er keinerlei Begabung mit. Ein Kind wächst in eine Welt hinein und weiss zunächst nicht, dass es noch andere Möglichkeiten gibt. Paul Samuel konnte schon als Kind gut Cello spielen und zeichnen, aber wenn er einen Nagel einschlagen sollte, versagte er.

Trotz vieler schwieriger Dinge in der Familie gab es einen Hauptaspekt, der enorm wichtig war: Es war solide. Die Beziehungen waren unverbrüchlich. Da war ein unumstösslicher Wille, füreinander zu sorgen, eine Verlässlichkeit, die für Kinder viel wichtiger ist als ein eigenes Zimmer voller Spielzeug und Sommerurlaube am Meer.

Im elterlichen Haus gab es vier Zimmer: Stube, Küche und zwei weitere, nicht allzu grosse Zimmer. Eines davon war zunächst das Elternschlafzimmer, später wurde dieses zum Buben- und das zweite zum Mädchenraum. Die Eltern schliefen in der Stube auf einem ausziehbaren Bett. Auch hatten sie oft Untermieter, einen Bruder des Vaters oder ein Geschwister der Mutter. Nanne (so wurde Marianne, die ältere Schwester, genannt) und Päuli schliefen häufig zusammen in einem Bett. Sie spielten dann herrlich zusammen, bauten Stuben und Zimmer unter der Decke. Heizen konnten sie nur im Wohnzimmer und in der Küche. Wenn Paul Samuel allein sein wollte, ging er auf die Toilette. Dort war es kalt, denn das WC befand sich, wie es damals üblich war, an einem „stillen Örtchen“ neben dem Haus.

Vor allem am Abend waren alle zusammen in der Stube und jeder machte sein Ding: Der eine spielte Cello, die andere Flöte, Vater sass am Klavier und sang, einige unterhielten sich, andere spielten oder stritten. Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie ich das ausgehalten habe. Was zum Beispiel den Lärm anbelangt, kann ich mir heute kaum noch vorstellen, wie das ging. Gelernt hat er dabei, viele Kinder, „Gerummel“ auszuhalten, das Dichte, das bisweilen Bestandteil von Gemeinschaft ist.

Als Paul Samuel etwa dreizehn Jahre alt war, durften Markus und er sich den Holzschuppen neben dem Haus als ihr Zimmer einrichten. In ihrem Séparée gab es keine Heizmöglichkeit, im Winter sassen sie mit Handschuhen am Schreibtisch. Aber sie hatten ihren eigenen Raum!

Für Paul Samuel wurde das Onanieren zu einer schwierigen Auseinandersetzung, weil unausgesprochen klar war, dass man das nicht darf. Er versuchte, mit Markus darüber zu reden, der einfach onanierte und sich dann schuldig fühlte, ohne sich genauer damit auseinanderzusetzen. Für Paul Samuel ging das nicht. Entweder ich onaniere nicht, weil es richtig ist, es nicht zu tun trotz des starken Bedürfnisses danach, oder ich mache es, aber ohne mich permanent schuldig zu fühlen, weil es in Ordnung ist. Das andere war nie eine Option für mich. Ich kann doch nicht einfach etwas ungelöst lassen. Markus lag neben ihm und machte es sich einfach, weil er diesen Drang nicht hatte, das lösen, herausfinden zu müssen.

Oben im Haus wohnte lange Zeit die dritte Frau des Grossvaters, Paul Samuels Stiefgrossmutter Paula, die er nach Linas Tod geheiratet hatte. Sie kam ursprünglich aus Deutschland, aber über ihren Hintergrund wusste eigentlich niemand etwas. Als Paul, Samuels Vater, siebzehn Jahre alt war, hatten die beiden ein Liebesverhältnis, eine klassische Inzestgeschichte also. Nach zwei Jahren gestanden sie es dem Vater und Paul, noch keine zwanzig, wollte weggehen, woanders ein Leben beginnen. Sein Vater hielt ihn jedoch davon ab. Er sagte, es sei ja nun vorbei (ob es tatsächlich vorbei war, sei dahingestellt). Samuel erzählte über Paula: Ich hatte es sehr gut mit der Stiefgrossmutter. »Der Päuli ist ein gescheites Büebi«, sagte sie häufig. Sie ist verantwortlich dafür, dass ich mit zweitem Vornamen Samuel heisse, weil sie in einen Onkel, der diesen Namen trug, verliebt war. Dieser fand mein permanentes Geschrei im ersten Lebensjahr unerträglich und wanderte nach Amerika aus. Über das Liebesverhältnis zwischen meinem Vater und seiner Stiefmutter wurde vor uns Kindern nicht offen gesprochen, aber es war spürbar im Klima. Später erzählte es uns mein Vater.

Johann, Samuels Grossvater, und seine Frau Paula lebten oben im Haus und als dieser 1947 starb, blieb sie bis zu ihrem Tod 1962 dort wohnen. Samuels Mutter wusste um die Geschichte zwischen ihrem Mann und Paula und war sehr eifersüchtig. Wenn die Kinder abends im Bett lagen, wurde viel über diese Dinge gesprochen. Samuels Schwester Marianne hatte ihr Bett in der Stube und wenn die Eltern und Gäste dachten, sie schlafe, wurde über heikle Dinge geredet. Natürlich gab es viele Streitereien um Oberflächlichkeiten, aber darunter lagen sicher oft die Konflikte um diese Situation. Bestimmt trug dies auch zur Überforderung der Mutter bei, denn wer wäre wohl auf die Idee gekommen, der Liebe zwischen Paul und Paula Platz zu geben. Das war undenkbar.

Paula war nicht mit allen Kindern liebevoll. Markus musste recht unter ihr leiden, weil er der Aufmüpfigste und Wildeste unter den Geschwistern war. Auch eines der Mädchen wurde von Paula ausgeschlossen. Rebekka durfte als Einzige nicht dabei sein, wenn Paula den anderen vorlas, und wurde weggeschickt. Wer weiss, was für Abgründe in dieser Frau wirkten. Sie hatte jedenfalls immer eine Sonderstellung beim Vater und grossen Einfluss auf ihn.

Für Paul Samuel spielte diese inzestuöse Liebesgeschichte lange Zeit überhaupt keine Rolle. Dass sie ihn dennoch stark beeinflusst hatte, wurde ihm erst Jahre später klar. Offenbar braucht es eine gewisse Reife, um sich darüber bewusst zu werden, welche Dinge Einfluss nehmen auf das eigene Leben. Die Auseinandersetzung mit dem Inzesttabu, das er später aufdeckte, war Samuel offenbar in die Wiege gelegt. Er wuchs in einem inzestuösen Klima auf und erforschte das intuitiv. Auch Samuels Kinder wuchsen in einem ungewöhnlichen Beziehungsklima auf: Ihr Vater hatte zwei Frauen, zwei Familien und alles wurde offen gelebt, was sie natürlich massiv beeinflusste. Dies wird ihnen wohl erst später als Erwachsene bewusst werden. Samuels Tochter Rahel zum Beispiel setzte sich bereits im Alter von zwölf Jahren mit dem Thema auseinander und auch seine anderen Kinder begannen zum Teil zu Beginn der Pubertät, sich mit dem Thema zu befassen.

Sehr schwierig für Paul Samuel war die Abschottung durch den Brüderverein, durch die er keinen Anschluss an die Welt bekam. Sein ganzer Lebensweg war von Anfang an nicht im üblichen Gleis, deshalb stand er auf gewisse Art und Weise neben der Welt. Anfangs empfand er das als Problem, doch zunehmend als Geschenk. Es schien so angelegt zu sein für mich, damit ich nicht vereinnahmt werden konnte und dadurch immer eine gewisse Freiheit hatte, mich ausserhalb einzurichten. Er war nie irgendwo wirklich integriert. Zum Beispiel später im Studium gab es Hunderte von Studenten, aber niemand merkte, ob Samuel da war oder nicht. Auch schrieb er über vierzig Bücher, aber niemand ausserhalb seines Kreises nahm je davon Notiz. Die belangloseste Kleinigkeit wird in den Regionalzeitungen erwähnt, aber Samuels Arbeiten werden bis heute totgeschwiegen, ausser es geht darum, ihn zu mobben. Er schickte dem Redakteur der Solothurner Zeitung immer wieder seine Veröffentlichungen, aber dieser nahm nie etwas davon in sein Blatt auf. Einerseits war das zwar kränkend, weil Samuel die Anerkennung versagt blieb, aber mit zunehmendem Alter empfand er es mehr als Vorteil, denn dadurch konnte er sich in aller Stille entfalten.

Unter der groben Atmosphäre zu Hause litt Paul Samuel immer schon sehr. »Er war sehr ruhig, schon als Kind, und hat viel geweint«, sagten sein Vater und seine Schwester Marianne. Als er fünf Jahre alt war, spielten einer seiner Onkel und dessen Freund den „Samichlaus“ und den „Schmutzli“, wie Nikolaus und Knecht Ruprecht in der Schweiz genannt werden. Aus dem Sack des Samichlaus’ ragte die Attrappe eines Kinderbeins heraus, was Samuel geradezu traumatisierte; er war so geschockt, dass er danach über ein Jahr lang stotterte.

Bereits mit drei Jahren schaffte er sich unter seiner Bettdecke ein Zuhause. Er nahm sich etwas zu essen mit ins Bett und machte es sich dort gemütlich. Dazu gehörte auch zu onanieren. Es ging dabei nicht um Sexualität. Er schuf sich dadurch ein Gefühl von Heimat und hatte Fantasien, die er damit verband. Er war dann sozusagen zwei – er selbst und jemand, der ihn liebte.

Ein Kind erlebt alles als phänomenal. Es vergleicht das, was es kennt, nicht. Alles ist eben so, wie es ist. Als Paul Samuel etwa sieben Jahre alt war, durfte seine Schwester Marianne im Bett bei der Grossmutter schlafen, die zu Besuch war. Paul Samuel wollte das auch, aber er durfte zunächst nicht. Natürlich wusste er damals nicht, warum. Schliesslich wurde sein Wunsch doch als unschuldig eingestuft und er durfte eine Nacht im Bett seiner Grossmutter schlafen, doch sie vermied kategorisch jede Berührung mit ihm. Schrecklich war das für den kleinen Jungen, der sich in aller Unschuld Stunden der Geborgenheit mit seiner Oma erhofft hatte, doch wieder blieb davon nichts als eine Stimmung von Heimatlosigkeit. Er nahm zur Kenntnis: Das darf nicht sein. Man darf das nicht. Am Morgen war er heilfroh, dass die Nacht vorüber war. Darüber reflektierte er in dem Alter natürlich nicht oder litt bewusst darunter; es war einfach das Phänomen.

Diese Sicht auf die Dinge hört erst in der Pubertät wirklich auf, wenn man beginnt zu reflektieren. Natürlich spürt man den Schmerz, die Ohnmacht, die Verzweiflung, aber die meisten Dinge werden von einem Kind nicht in dem Sinne reflektiert, wie man es als Erwachsener gewohnt ist. Alles ist eben ein Phänomen – das Phänomen Leben. Kindheitserinnerungen sind per se von besonderem Charakter. Waren sie Wirklichkeit? Ich erinnere mich, wie mein Bruder Markus aus der Lampe über unserem Stubentisch heraus geboren wurde. So erlebst du die Dinge als Kind und so ist es mit anderen Erinnerungen wahrscheinlich auch. Später erzählst du dann, so war es, aber vielleicht war es auch ganz anders. In diesem Fall war es ganz sicher anders.

Die Geschwister waren füreinander sehr wichtig. Vor allem in der Pubertät tauschten sich Paul Samuel und Marianne über alles aus, was in ihnen vorging. Sie sprachen viel miteinander und unterstützten sich. Er las ihr seine Gedichte vor und zeigte ihr seine Zeichnungen. Es ging viel um den Sinn des Lebens und was sie anders sahen als ihre Eltern. Da war viel Nähe zwischen ihnen. »Lange Zeit war er für mich der Wichtigste unter den Geschwistern«, sagte Marianne. Sie beide waren in den Sechzigern Jugendliche und obwohl die neue Bewegung dieses Jahrzehnts in der Welt, in der sie lebten, nicht sehr ausgeprägt war, wurden auch sie dadurch beeinflusst. Mit Markus war Paul Samuel ebenfalls stark verbunden. Als Kinder verbrachten sie viel Zeit zusammen, obwohl sie sehr verschieden waren. Markus war wie der Vater handwerklich sehr begabt, wohingegen Paul Samuel lieber las. Trotzdem waren die beiden oft zusammen im Wald, rauchten die ersten Zigaretten miteinander, sammelten an der Emme Pilze oder holten gemeinsam Holz für den Ofen. Paul Samuel war körperlich immer der Schwächere, doch sie waren keine Konkurrenten, sondern Freunde. Es erfüllte Markus später mit Stolz, einen Arzt in der Familie zu haben. »Wir beeinflussten uns gegenseitig positiv mit unserem Anderssein«, erzählte Markus. Weil die ganze Familie zum Brüderverein gehörte, wurde auch Markus in der Schule gehänselt, bis er einen seiner Peiniger grün und blau schlug; danach liessen sie ihn in Ruhe.

Abgesehen von dem Aussenseitertum durch die Zugehörigkeit zum Brüderverein war Paul Samuel durchaus eingebunden in eine Kinderschar im Dorf. Die Erwachsenenwelt war ihm eigentlich zu grob, zu wenig liebevoll und wenig vertrauenswürdig. In seinem Buch „Stell dir vor, du wärst ein Stück Natur“ (4