Sara - Stephen King - E-Book

Sara E-Book

Stephen King

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Beschreibung

Seit dem Tod seiner Frau bringt der Bestsellerautor Michael Noonan keine Zeile mehr aufs Papier. Da er in seinen Träumen immer wieder sein Sommerhaus in Maine sieht, zieht er sich dorthin zurück, um die Schreibblockade endlich zu überwinden. Doch auf dem Haus liegt ein Fluch. Wird auch Michael in den Bann des Bösen geraten?
«King ... wie seine Fans ihn lieben.» DER SPIEGEL

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Seitenzahl: 1062

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Inhaltsverzeichnis
Das Buch
Der Autor
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Copyright
Das Buch
Seit dem Unfalltod seiner Frau Johanna leidet der Bestsellerautor Michael Noonan an einer vollständigen Schreibblockade. Mehrere Jahre lang füttert er sein Publikum mit Werken aus der Schublade, dann geht ihm das Material aus. Um seine Schreibhemmung endlich zu überwinden, zieht er sich auf sein Sommerhaus ›Sara Lacht‹ in Maine zurück. Dort, wo er mit Jo so viele glückliche Tage verbracht hat, hofft er, die Erinnerungen bewältigen zu können, die ihn in letzter Zeit in immer lebhafteren Träumen und Alpträumen plagen, und endlich über den schrecklichen Verlust hinwegzukommen. Doch in dem Haus geschehen seltsame, unheimliche Dinge, und Noonans Träume bewahrheiten sich auf beängstigende Weise. Ein Fluch scheint auf dem Sommerhaus zu liegen. Oder hängen diese mysteriösen Vorfälle in irgendeiner Weise mit dem Verschwinden der schwarzen Jazzsängerin Sara Tidwell zusammen, von der das Haus seinen Namen hat?
»Nichts in dem über 600 Seiten starken Werk wirkt montiert oder mechanisch erzählt; vielmehr entsteht der Eindruck, daß King bei allem Kalkül ein obsessiver, nachgerade von Gesichten bedrängter Schriftsteller ist...≪
DIE ZEIT
Der Autor
Stephen King ist der populärste Schriftsteller der Vereinigten Staaten und der meistgelesene Horrorautor der Welt. Von seinen Romanen wurden über 100 Millionen Exemplare verkauft, viele der Bücher wurden erfolgreich verfilmt. Geboren wurde er 1947 im US-Bundesstaat Maine, er studierte Englische Literatur, war Lehrer und arbeitet seit seinen ersten Erfolgen mit Carrie und Brennen muß Salem 1974 ausschließlich als Schriftsteller. Er lebt mit seiner Frau Tabitha, einer ebenfalls erfolgreichen Autorin, und seinen drei Kindern in Bangor/Maine. Die meisten seiner Bücher sind im Heyne Verlag erschienen.
Dieses Buch ist für Naomi. Immer noch.
Ja, Bartleby, sagte ich mir, bleibe du hinter deinem Wandschirm. Ich werde dich nicht länger verfolgen. Du bist harmlos und still wie einer dieser alten Stühle hier. Kurz, ich fühle mich nie so zu Hause, wie wenn ich weiß, daß du hier bist.
»Bartleby« HERMAN MELVILLE
Gestern nacht träumte ich, ich sei wieder in Manderley. (…) Wie ich da still, mit verhaltenem Atem stand, hätte ich schwören können, das Haus sei nicht bloß eine leere Schale, sondern belebt und beseelt, wie es früher gelebt hatte.
RebeccaDAPHNE DU MAURIER
Der Mars ist der Himmel.
RAY BRADBURY
Kapitel 1
An einem sehr heißen Tag im August 1994 sagte mir meine Frau, daß sie zur Rite-Aid-Drogerie von Derry runtergehen und sich das Mittel gegen ihre Nebenhöhlenentzündung auf ihr Wiederholungsrezept holen würde - ich glaube, mittlerweile kann man das Zeug im freien Verkauf bekommen. Ich hatte mein Schreibpensum für diesen Tag erfüllt und bot ihr an, es für sie zu besorgen. Sie sagte danke, aber sie wolle sowieso noch Fisch im Supermarkt nebenan kaufen; zwei Fliegen mit einer Klappe und so weiter. Sie blies mir einen Kuß von der Handfläche zu und ging hinaus. Das nächste Mal sah ich sie im Fernsehen. So identifiziert man die Toten hier in Derry - keine Spaziergänge durch einen unterirdischen Flur mit grünen Fliesen an den Wänden und langen Neonröhren an der Decke, kein nackter Leichnam, der auf einer kalten Rollbahre herausgezogen wird; man betritt einfach ein Büro mit der Aufschrift PRIVAT, betrachtet einen Bildschirm und sagt jawoll oder nee.
Rite Aid und Shopwell sind keine Meile von unserem Haus entfernt in einem kleinen Einkaufszentrum, wo sich auch eine Videothek, ein Antiquariat mit Namen Spread It Around (wo sie mit meinen alten Taschenbüchern gute Umsätze machen), ein Radio Shack und ein Fast Foto befinden. Sie liegt auf dem Up-Mile Hill an der Kreuzung Witcham und Jackson.
Sie parkte vor dem Blockbuster Video, ging in den Drugstore und verhandelte mit Mr. Joe Wyzer, der zu jener Zeit den Laden führte; inzwischen hat er das Rite Aid in Bangor übernommen. Am Tresen nahm sie eine dieser kleinen, mit Marshmallow gefüllten Schokopralinen mit, diese in Form einer Maus. Ich fand sie später in ihrer Handtasche. Ich wickelte sie aus und aß sie vor dem auf dem Küchentisch ausgebreiteten Inhalt ihrer roten Handtasche, und es war, als empfinge man die Kommunion. Als die Maus verschwunden war, vom Schokoladengeschmack auf meiner Zunge und im Hals abgesehen, brach ich in Tränen aus. Ich saß im Durcheinander ihrer Kleenex und Schminkutensilien und Schlüssel und halbleeren Cert-Röllchen und weinte mit den Händen vor den Augen, wie Kinder weinen.
Der Inhalator war in einer Tüte von Rite Aid. Er hatte zwölf Dollar und achtzehn Cent gekostet. Es war noch etwas in der Tüte, etwas, das zweiundzwanzig fünfzig gekostet hatte. Diesen anderen Gegenstand betrachtete ich lange Zeit, sah ihn, aber verstand ihn nicht. Ich war überrascht, vielleicht sogar fassungslos, aber der Gedanke, daß Johanna Arlen Noonan ein anderes Leben geführt haben könnte, von dem ich nichts wußte, kam mir nicht in den Sinn. Noch nicht.
Jo wandte sich von der Registrierkasse ab, ging wieder in die grelle, knallige Sonne hinaus und tauschte unterwegs wie gewöhnlich die normale Brille gegen die vom Arzt verschriebene Sonnenbrille aus, und in dem Augenblick, als sie unter dem schmalen Vordach des Drugstore hervortrat (ich nehme an, hier lasse ich ein bißchen meine Fantasie spielen, betrete ein bißchen das Land des Romanciers, aber nicht weit; nur Zentimeter, das können Sie mir glauben), ertönte das zänkische Heulen blockierender Reifen auf Asphalt, das bedeutet, daß es entweder gleich einen Unfall gibt oder um Haaresbreite keinen.
Diesmal gab es einen - die Art von Unfall, wie sie anscheinend mindestens einmal wöchentlich an dieser dämlichen X-förmigen Kreuzung passierte. Ein 1989er Toyota fuhr vom Parkplatz des Einkaufszentrums und bog nach links in die Jackson Street ab. Am Steuer saß Mrs. Esther Easterling aus Barrett’s Orchards. Sie wurde von ihrer Freundin Mrs. Irene Deorsey begleitet, ebenfalls aus Barrett’s Orchards, die sich in der Videothek umgesehen hatte, ohne etwas zu finden, das sie ausleihen wollte. Zuviel Gewalt, sagte Irene. Beide Frauen waren Zigarettenwitwen.
Esther konnte den orangeroten Kipplader der Stadtwerke, der den Hügel herunterkam, kaum übersehen haben; obwohl sie es der Polizei, der Zeitung und mir selbst gegenüber abstritt, als ich rund zwei Monate später mit ihr redete, erscheint es mir wahrscheinlich, daß sie einfach vergessen hat nachzusehen, ob die Straße frei war. Wie meine Mutter (ebenfalls eine Zigarettenwitwe) zu sagen pflegte: »Die beiden häufigsten Gebrechen der Alten sind Arthritis und Vergeßlichkeit. Man kann sie für keins von beiden verantwortlich machen.«
Den Lastwagen der Stadtwerke fuhr William Fraker aus Old Cape. Mr. Fraker war am Todestag meiner Frau achtunddreißig Jahre alt, fuhr ohne Hemd und dachte nur daran, wie sehr er sich nach einer erfrischenden Dusche und einem kalten Bier sehnte, nicht notwendig in dieser Reihenfolge. Er und drei weitere Männer hatten acht Stunden damit verbracht, die Harris Avenue Extension in der Nähe des Flughafens zu asphaltieren, ein heißer Job an einem heißen Tag, und Bill Fraker sagte ja, vielleicht sei er ein wenig zu schnell gefahren - vielleicht vierzig Meilen in einer Tempo-dreißig-Zone. Er hatte es eilig, ins Depot zu kommen, den Lastwagen abzuliefern und sich ans Steuer seines F-150 mit Klimaanlage zu setzen. Und die Bremsen des Lastwagens waren zwar noch gut genug für eine Inspektion, aber längst nicht tipptopp. Fraker trat darauf, sobald er sah, wie der Toyota vor ihm von dem Parkplatz herunterfuhr (er drückte auch auf die Hupe), aber es war zu spät. Er hörte quietschende Reifen - seine eigenen und die von Esther, als sie die Gefahr, zu spät, erkannte - und sah einen Augenblick lang ihr Gesicht.
»Das war irgendwie das Schlimmste daran«, sagte er zu mir, als wir auf seiner Veranda saßen und Bier tranken - da war es Oktober, und obwohl uns die Sonne warm ins Gesicht schien, trugen wir beide Pullover. »Wissen Sie, wie hoch man in diesen Kippladern sitzt?«
Ich nickte.
»Nun, sie schaute hoch, um mich zu sehen - reckte regelrecht den Hals, könnte man sagen -, und die Sonne schien ihr ins Gesicht. Ich konnte sehen, wie alt sie war. Ich entsinne mich, daß ich dachte: ›Heilige Scheiße, sie wird zerbrechen wie Glas, wenn ich nicht anhalten kann.‹ Aber alte Leute sind oft ganz schön zäh. Sie können einen überraschen. Ich meine, sehen Sie, wie es gekommen ist, die beiden alten Tanten leben noch, und Ihre Frau …«
Da brach er ab, und ein grelles Rot schoß ihm in die Wangen, wodurch er aussah wie ein Junge, der auf dem Schulhof von Mädchen ausgelacht wird, die festgestellt haben, daß sein Hosenschlitz offensteht. Es war komisch, aber wenn ich gelächelt hätte, hätte ihn das nur verwirrt.
»Mr. Noonan, es tut mir leid. Mein Mundwerk ist einfach mit mir durchgegangen.«
»Schon gut«, sagte ich. »Ich habe das Schlimmste sowieso überstanden.« Das war gelogen, brachte uns aber wieder zum Thema.
»Jedenfalls«, sagte er, »sind wir zusammengestoßen. Es gab einen lauten Knall und ein Knirschen, als die Fahrerseite des Autos eingedrückt wurde. Und das Klirren von Glas. Ich wurde so fest gegen das Lenkrad geschleudert, daß ich noch mindestens eine Woche später Schmerzen beim Einatmen hatte, und ich hatte einen großen Bluterguß genau hier.« Er zeichnete unterhalb der Schlüsselbeine einen Bogen auf seine Brust. »Ich bin mit dem Kopf so hart gegen die Windschutzscheibe geprallt, daß das Glas zersprungen ist, aber ich hatte nur eine winzige purpurne Prellung da oben … kein Blut, nicht mal Kopfschmerzen. Meine Frau sagt, ich habe von Natur aus einen Dickschädel. Ich hab’ gesehen, wie Mrs. Easterling, die Frau, die den Toyota fuhr, über die Konsole zwischen den Vordersitzen geschleudert wurde. Dann kamen wir endlich, ineinander verkeilt, mitten auf der Straße zum Stillstand, und ich stieg aus, um zu sehen, wie schlimm sie dran waren. Ich sage Ihnen, ich habe erwartet, daß sie beide tot sind.«
Keine von beiden war tot, nicht einmal bewußtlos, obwohl Mrs. Easterling drei gebrochene Rippen und eine ausgerenkte Hüfte hatte. Mrs. Deorsey, die einen Sitz von der Stelle des Aufpralls entfernt gesessen hatte, erlitt eine Gehirnerschütterung, nachdem ihr Kopf gegen das Fenster der Beifahrertür gestoßen war. Das war alles; sie wurde ›im Home Hospital behandelt und entlassen‹, wie es in solchen Fällen in den Derry News immer heißt.
Meine Frau, die frühere Johanna Arlen aus Malden, stand mit der Tasche über der Schulter und dem Rezept in der anderen Hand vor dem Drugstore und sah alles. Genau wie Bill Fraker muß sie gedacht haben, daß die Insassen des Toyota tot oder schwer verletzt waren. Das Geräusch der Kollision war ein hohler, machtvoller Knall gewesen, der durch den heißen Nachmittag rollte wie eine Bowlingkugel auf der Bahn. Das Geräusch von berstendem Glas umgab ihn wie zerrissene Spitze. Die beiden Fahrzeuge standen ineinander verkeilt auf der Jackson Street, der schmutzige orangerote Lkw ragte über dem hellblauen Importwagen auf wie ein bedrohlicher Vater über einem kauernden Kind.
Johanna sprintete über den Parkplatz zur Straße. Um sie herum folgten andere ihrem Beispiel. Eine, Miss Jill Dunbarry, hatte einen Schaufensterbummel bei Radio Shack gemacht, als der Unfall passierte. Sie glaubt sich zu erinnern, daß sie an Johanna vorbeilief - wenigstens war sie ziemlich sicher, daß sie sich an jemanden mit gelben Hosen erinnerte -, aber ganz sicher war sie nicht. Mittlerweile schrie Mrs. Easterling, daß sie verletzt wäre, daß sie beide verletzt wären, ob nicht bitte jemand kommen und ihr und ihrer Freundin Irene helfen könnte.
Auf halbem Weg über den Parkplatz stürzte meine Frau in der Nähe einer kleinen Gruppe von Zeitungsboxen. Die Tasche blieb über ihrer Schulter, aber die Tüte der Apotheke fiel ihr aus der Hand, der Inhalator rutschte halb heraus. Der andere Gegenstand blieb drinnen.
Niemand bemerkte, daß sie bei den Zeitungsboxen lag; alle konzentrierten sich auf die verkeilten Fahrzeuge, die schreienden Frauen, die wachsende Lache Wasser und Frostschutz aus dem eingedrückten Kühler des Lastwagens der Stadtwerke. (»Das ist Benzin!« rief der Verkäufer des Fast Foto jedem zu, der es hören wollte. »Das ist Benzin, paßt auf, daß es nicht hochgeht, Leute!«) Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß der eine oder andere der Möchtegernretter über sie gesprungen ist und möglicherweise dachte, daß sie ohnmächtig geworden war. Es wäre nicht außergewöhnlich gewesen, so etwas an einem Tag zu denken, an dem die Temperatur bei fünfunddreißig Grad lag.
Etwa zwei Dutzend Menschen aus dem Einkaufszentrum drängten sich um die Unfallstelle; rund weitere vier Dutzend kamen vom Strawford Park herübergelaufen, wo ein Baseballspiel stattgefunden hatte. Ich könnte mir vorstellen, daß alles gesagt wurde, was in so einer Situation zu erwarten ist, manches mehr als einmal. Bill Fraker versuchte, zu dem eingedrückten Toyota vorzudringen; er könnte gesagt haben: Sind sie verletzt? Sind sie verletzt? Jemand (möglicherweise mehrere Jemande) hat wahrscheinlich versucht, ihn begütigend festzuhalten und wegzuführen. Sie setzen sich besser, Mister, hätte in den Drehbüchern dieser Leute gestanden, natürlich zusammen mit: Sie sehen aber gar nicht gut aus. Jemand hätte zu Esther Easterling und/oder Irene Deorsey gesagt: Sie bewegen sich besser nicht; ein anderer hätte den Rat gegeben: Atmen Sie tief durch. Der Bursche (oder das Mädchen) mit dem unerschütterlichsten Glauben an die Kraft positiven Denkens könnte in einem bärbeißig beruhigenden Tonfall gesagt haben: Alles wird gut, alles wird gut, und mehrere andere Jemande könnten gerufen haben: Jemand muß einen Krankenwagen rufen!
Allgemeines Gedränge. Jemand greift durch das unregelmäßige Loch, das einmal das Fahrerfenster gewesen war, und tätschelt die zitternde alte Hand von Esther. Die Leute machen augenblicklich Platz für Joe Wyzer, weil Leute im weißen Kittel in so einer Situation immer zur Ballkönigin werden. In der Ferne ertönt das wabernde Heulen einer Krankenwagensirene wie flimmernde Luft über einer Feuerstelle, und der griechische Chor sagt erneut, was der griechische Chor stets in solchen Situationen zu sagen pflegt: Gott sei Dank und Da kommen sie und Ich kann sie hören und Endlich.
Derweil lag meine Frau die ganze Zeit unbemerkt auf dem Parkplatz, die Tasche noch über der Schulter (in der sich noch die in Stanniolpapier eingewickelte Schokolade-Marshmallow-Maus befand), die weiße Apothekentüte neben der ausgestreckten Hand. Joe Wyzer, der zur Apotheke zurücklief, um eine Kompresse für Irene Deorseys Kopf zu holen, entdeckte sie. Er erkannte sie, obwohl sie auf dem Bauch lag. Er erkannte sie am roten Haar, der weißen Bluse und der gelben Hose. Er erkannte sie, weil er sie keine fünfzehn Minuten vorher bedient hatte.
»Mrs. Noonan?« fragte er und vergaß die Kompresse für die benommene, aber offensichtlich nicht ernsthaft verletzte Irene Deorsey. »Mrs. Noonan, alles in Ordnung?« Obwohl er bereits wußte (vermute ich jedenfalls; vielleicht irre ich mich), daß nicht alles in Ordnung war.
Er drehte sie um. Er brauchte beide Hände dazu, und selbst da mußte er sich anstrengen, kniete sich auf dem Parkplatz hin und drückte und mühte sich in der brütenden Hitze ab, die herunterstrahlte und vom Asphalt zurückgeworfen wurde. Tote Menschen nehmen zu, scheint mir; leibhaftig und in unserem Denken nehmen sie zu.
Sie hatte rote Flecken im Gesicht. Als ich sie identifizierte, konnte ich sie deutlich via Bildschirm erkennen. Ich wollte den Gerichtsmediziner fragen, worum es sich dabei handelte, aber dann fiel es mir ein. Ende Juli, heißer Asphalt, elementar, mein guter Watson. Meine Frau starb mit einem Sonnenbrand.
Wyzer richtete sich auf, sah den Krankenwagen, der eingetroffen war, und rannte hin. Er drängte sich durch die Menge und schnappte sich einen der Sanitäter, als er aus dem Wagen ausstieg. »Da drüben ist eine Frau«, sagte Wyzer und zeigte auf den Parkplatz.
»Mann, wir haben hier zwei Frauen und außerdem noch einen Mann«, sagte der Sanitäter. Er versuchte, sich loszureißen, aber Wyzer hielt ihn fest.
»Vergessen Sie die vorerst«, sagte er. »Die sind im Grunde genommen okay. Die Frau da drüben nicht.«
Die Frau da drüben war tot, und ich bin ziemlich sicher, daß Joe Wyzer es wußte … aber er kannte seine Prioritäten. Das muß man ihm lassen. Und er war überzeugend genug, daß die beiden Sanitäter trotz Esther Easterlings Schmerzensschreien und dem empörten Murmeln des griechischen Chors sich von dem aus Lastwagen und Toyota gebildeten Blechhaufen entfernten.
Als sie bei meiner Frau angekommen waren, bestätigte einer der Sanitäter rasch, was Joe Wyzer schon vermutet hatte. »Ach du Scheiße«, sagte der andere. »Was ist mit ihr passiert?«
»Wahrscheinlich das Herz«, sagte der erste. »Sie hat sich aufgeregt, und es ist ihr einfach explodiert.«
Aber es war nicht das Herz. Die Autopsie ergab ein Aneurysma im Gehirn, mit dem sie, ohne es zu wissen, vielleicht schon fünf Jahre gelebt hatte. Als sie über den Parkplatz zu der Unfallstelle sprintete, war das schwache Gefäß in ihrer Gehirnrinde geplatzt wie ein defekter Reifen, hatte ihr Kontrollzentrum in Blut ertränkt und sie getötet. Sie war wahrscheinlich nicht direkt gestorben, sagte mir der Gerichtsmediziner, aber schnell genug … und gelitten hatte sie nicht. Nur eine große schwarze Nova, Empfindungen und Denken dahin, noch ehe sie auf dem Asphalt aufschlug.
»Kann ich Ihnen irgendwie helfen, Mr. Noonan?« fragte der Gerichtsmediziner und drehte mich behutsam von dem reglosen Gesicht und den geschlossenen Augen auf dem Videomonitor weg. »Haben Sie Fragen? Ich beantworte sie, wenn ich kann.«
»Nur eine«, sagte ich. Ich sagte ihm, was sie unmittelbar vor ihrem Tod in der Apotheke gekauft hatte. Dann stellte ich meine Frage.
Die Tage bis zur Beerdigung und die Beerdigung selbst sind in meiner Erinnerung wie ein Traum - am deutlichsten entsinne ich mich, wie ich Jos Schokoladenmaus gegessen und geweint habe … hauptsächlich geweint, glaube ich, weil ich wußte, wie schnell der Geschmack vergangen sein würde. Ein paar Tage nach ihrem Begräbnis hatte ich einen zweiten Weinkrampf, von dem ich Ihnen bald erzählen werde.
Ich war froh, als Jos Familie eintraf, besonders Jos älterer Bruder Frank. Es war Frank Arlen - fünfzig, rote Wangen, untersetzt und mit einem erstaunlich dichten, fast theatralisch weißen Haarschopf -, der die Trauerfeier organisierte … der zuletzt buchstäblich mit dem Bestattungsunternehmer feilschte.
»Ich kann nicht glauben, daß du das gemacht hast«, sagte ich später, als wir beide in Jack’s Pub saßen und Bier tranken.
»Er hat versucht, dich über den Tisch zu ziehen, Mikey«, sagte er. »Ich hasse solche Typen.« Er zog ein Taschentuch aus der Gesäßtasche und wischte sich geistesabwesend die Wangen damit ab. Er war nicht zusammengebrochen - niemand von den Arlens brach zusammen, jedenfalls nicht in meiner Gegenwart -, hatte aber den ganzen Tag mit den Tränen zu kämpfen; er sah aus wie ein Mann, der an einer schlimmen Bindehautentzündung leidet.
Alles in allem waren die Arlens sechs Geschwister gewesen, Jo die jüngste und das einzige Mädchen. Sie war der absolute Liebling ihrer älteren Brüder gewesen. Ich habe den Verdacht, wenn ich etwas mit ihrem Tod zu tun gehabt hätte, hätten die fünf mich mit bloßen Händen in Stücke gerissen. So aber bildeten sie statt dessen einen Schutzschirm um mich, und das war gut. Ich nehme an, ich wäre auch ohne sie zurechtgekommen, aber ich weiß nicht, wie. Ich war sechsunddreißig, vergessen Sie das nicht. Man geht nicht davon aus, daß man seine Frau beerdigen muß, wenn man sechsunddreißig ist und sie selbst zwei Jahre jünger. Der Tod war das letzte, woran wir dachten.
»Wenn ein Kerl dabei erwischt wird, wie er die Stereoanlage aus deinem Auto nimmt, nennen sie es Diebstahl und stecken ihn ins Gefängnis«, sagte Frank. Die Arlens stammten aus Massachusetts, und ich konnte immer noch die gedehnten Vokale in Franks Stimme hören. »Wenn derselbe Kerl versucht, einem trauernden Ehemann einen Dreitausend-Dollar-Sarg für viereinhalbtausend zu verkaufen, nennen sie es Geschäft und bitten ihn, beim Galadiner der Rotarier zu sprechen. Habgieriges Arschloch, aber ich hab’s ihm gezeigt, was?«
»Ja. Das hast du.«
»Alles klar, Mikey?«
»Klar.«
»Wirklich?«
»Woher zum Teufel soll ich das wissen?« fragte ich ihn so laut, daß ein paar Köpfe in einer benachbarten Nische gedreht wurden. Und dann: »Sie war schwanger.«
Sein Gesicht wurde vollkommen ausdruckslos. »Was?«
Ich bemühte mich, mit gedämpfter Stimme zu sprechen. »Schwanger. Sechste oder siebte Woche, laut der … du weißt schon, der Autopsie. Wußtest du es? Hat sie es dir gesagt?«
»Nein! Herrgott, nein!« Aber er hatte einen merkwürdigen Gesichtsausdruck, als hätte sie ihm etwas gesagt. »Ich wußte natürlich, daß ihr es versucht habt … sie hat gesagt, deine Spermienzahl sei niedrig, daher könnte es eine Weile dauern, aber der Arzt hat gesagt, wahrscheinlich würdet ihr … früher oder später würdet ihr wahrscheinlich …« Er verstummte und betrachtete seine Hände. »Sie können das feststellen, hm? Sie überprüfen es?«
»Sie können es feststellen. Was das Überprüfen angeht, ich weiß nicht, ob sie es automatisch machen oder nicht. Ich habe darum gebeten.«
»Warum?«
»Sie hat nicht nur ihr Nebenhöhlenmittel gekauft, bevor sie gestorben ist. Auch einen dieser Schwangerschaftstests.«
»Du hattest keine Ahnung? Keinen Schimmer?«
Ich schüttelte den Kopf.
Er streckte die Hand über den Tisch und drückte mir die Schulter. »Sie wollte sicher sein, das ist alles. Das weißt du, oder?«
Meine Nebenhöhlenmedizin und einen Fisch, hatte sie gesagt. Und wie immer ausgesehen. Eine Frau, die ein paar Besorgungen macht. Wir hatten acht Jahre versucht, ein Kind zu bekommen, aber sie hatte wie immer ausgesehen.
»Klar«, sagte ich und tätschelte Franks Hand. »Klar, Großer. Ich weiß.«
Es waren die Arlens - unter Führung von Frank - die Johannas letztes Geleit organisierten. Als Schriftsteller der Familie fiel mir der Nachruf zu. Mein Bruder kam mit meiner Mom und meiner Tante von Virginia und durfte während der Aufbahrung die Kondolenzliste betreuen. Meine Mutter - mit sechsundsechzig fast vollkommen gaga, obwohl die Ärzte sich weigerten, von Alzheimer zu sprechen - lebte mit ihrer Schwester, die zwei Jahre jünger und nur unwesentlich weniger plemplem war, in Memphis. Sie hatten die Aufgabe, Kuchen und Torten beim Leichenschmaus zu schneiden.
Alles andere arrangierten die Arlens, von der Aufbahrung bis zu den Einzelheiten der Trauerfeier. Frank und Victor, der zweitjüngste Bruder, hielten kurze Ansprachen. Jos Dad sprach ein Gebet für die Seele seiner Tochter. Und am Ende rührte Pete Breedlove, der Junge, der im Sommer unseren Rasen mähte und im Herbst den Garten rechte, uns alle zu Tränen, als er ›Blessed Assurance‹ sang, das in ihrer Kinderzeit Frank zufolge Jos liebstes Kirchenlied gewesen war. Wie Frank Pete gefunden und überredet hat, bei der Beerdigung zu singen, habe ich nie herausgefunden.
Wir haben es überstanden - am Dienstag die Aufbahrung nachmittags und abends, am Mittwoch morgen die Totenfeier, danach die Beisetzung im Familienkreis auf dem Fairlawn Cemetery. Ich erinnere mich vor allem daran, daß ich dachte, wie heiß es war, wie verloren ich mich fühlte ohne Jo, mit der ich reden konnte, und daß ich wünschte, ich hätte mir ein neues Paar Schuhe gekauft. Wäre Jo dagewesen, hätte sie mir die Hölle heiß gemacht wegen derjenigen, die ich trug.
Später unterhielt ich mich mit meinem Bruder Sid und sagte ihm, wir müßten etwas wegen unserer Mutter und Tante Francine unternehmen, bevor die beiden endgültig in der Twilight Zone verschwänden. Sie wären zu jung für ein Pflegeheim; was habe er für einen Vorschlag?
Er hatte einen Vorschlag, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich noch weiß, was es war. Ich war einverstanden, daran erinnere ich mich, aber nicht mehr, worum es ging. Später stiegen Siddy, unsere Mom und unsere Tante in Siddys Mietwagen, um nach Boston zu fahren, wo sie die Nacht verbringen und am folgenden Tag den Southern Crescent nehmen würden. Meinem Bruder macht es Spaß, sich um die alten Damen zu kümmern, aber er fliegt nicht, selbst wenn ich die Tickets bezahle. Er sagt immer, daß es keine Standspur am Himmel gibt, wenn der Motor den Geist aufgibt.
Der Großteil der Arlens reiste am nächsten Tag ab. Wieder war es brütend heiß, die Sonne gleißte von einem dunstigen weißen Himmel und ergoß sich über alles wie geschmolzenes Messing. Sie standen vor unserem Haus - das mittlerweile allein mein Haus geworden war -, während drei Taxis am Bordstein warteten, machten einen Riesenaufstand, umarmten einander in dem Durcheinander von Reisetaschen und verabschiedeten sich mit diesem nuscheligen Massachusettsakzent.
Frank blieb noch einen Tag. Wir pflückten einen großen Blumenstrauß hinter dem Haus - nicht diese gräßlich riechenden Treibhausblumen, deren Duft ich stets mit Tod und Orgelmusik in Verbindung bringe, sondern richtige Blumen, wie Jo sie am liebsten mochte - und steckten sie in Kaffeedosen, die ich in der Vorratskammer fand. Wir fuhren zum Friedhof und stellten sie auf das frische Grab. Dann saßen wir eine Zeitlang unter der sengenden Sonne.
»Sie war immer das Allersüßeste in meinem Leben«, sagte Frank schließlich mit erstickter Stimme. »Als Kinder haben wir uns um Jo gekümmert. Wir Jungs. Niemand hat Jo verarscht, das kann ich dir sagen. Wenn es jemand versucht hat, haben wir ihm die Meinung gegeigt.«
»Sie hat mir eine Menge Geschichten erzählt.«
»Gute?«
»Ja, echt gute.«
»Ich werde sie schrecklich vermissen.«
»Ich auch«, sagte ich. »Frank … hör mal … ich weiß, du warst ihr Lieblingsbruder. Sie hat dich nicht angerufen, um dir vielleicht zu sagen, daß ihre Periode ausgeblieben ist oder sie sich morgens elend fühlt? Du kannst es mir sagen. Ich bin nicht sauer.«
»Aber das hat sie nicht. Großes Ehrenwort. War ihr denn morgens elend?«
»Falls ja, hab’ ich nichts davon gemerkt.« Und so war es. Ich hatte absolut nichts bemerkt. Natürlich hatte ich geschrieben, und wenn ich schreibe, bin ich wie in Trance. Aber sie wußte, wohin ich in diesem Zustand ging. Sie hätte mich finden und wachrütteln können. Warum hatte sie das nicht getan? Warum sollte sie mir die gute Nachricht vorenthalten? Daß sie es mir erst sagen wollte, wenn sie ganz sicher war, klang plausibel … aber irgendwie paßte es nicht zu Jo.
»War es ein Junge oder ein Mädchen?« fragte er.
»Ein Mädchen.«
Wir hatten während unserer gesamten Ehe Namen ausgesucht und parat. Ein Junge hätte Andrew geheißen. Unsere Tochter wäre Kia gewesen. Kia Jane Noonan.
Frank, seit sechs Jahren geschieden und alleinstehend, war bei mir geblieben. Auf dem Rückweg zum Haus sagte er: »Ich mache mir Sorgen um dich, Mikey. Du hast nicht viel Familie, auf die du in einer Zeit wie dieser zurückgreifen kannst, und was du hast, ist weit weg.«
»Ich komme zurecht«, sagte ich.
Er nickte. »Sagen wir jedenfalls, wenn wir gefragt werden, richtig?«
»Wir?«
»Wir Männer. ›Ich komme zurecht.‹ Und wenn nicht, achten wir darauf, daß es niemand merkt.« Er sah mich mit nach wie vor tränenden Augen an und hielt sein Taschentuch in einer großen, sonnenverbrannten Hand. »Wenn du nicht zurechtkommst, Mikey, und du deinen Bruder nicht anrufen willst - mir ist nicht entgangen, wie du ihn angesehen hast -, laß mich dein Bruder sein. Jos wegen, wenn schon nicht deinetwegen.«
»Okay«, sagte ich, respektierte das Angebot und wußte es zu schätzen, obwohl ich genau wußte, daß ich nichts dergleichen tun würde. Ich rufe nicht andere Leute zu Hilfe. Das liegt nicht daran, wie ich erzogen wurde, wenigstens glaube ich es nicht; ich bin einfach nicht dazu geschaffen. Johanna hat mal gesagt, wenn ich dabei wäre, im Dark Score Lake, wo wir unser Sommerhaus haben, zu ertrinken, würde ich lieber fünfzehn Meter vom öffentlichen Strand entfernt lautlos sterben, als um Hilfe zu rufen. Das ist keine Frage von Liebe oder Zuneigung. Die kann ich geben und empfangen. Ich empfinde Schmerz wie jeder andere auch. Ich habe das Bedürfnis, andere zu berühren und von ihnen berührt zu werden. Aber wenn mich jemand fragt: ›Geht es dir gut?‹, kann ich nicht mit nein antworten. Ich kann nicht sagen: Hilf mir.
Zwei Stunden später brach Frank in den Süden des Staats auf. Als er die Fahrertür öffnete, sah ich gerührt, daß die Audiokassette, die er hörte, von einem meiner Bücher war. Er umarmte mich, dann überraschte er mich mit einem Kuß auf den Mund, einem festen Schmatz. »Wenn du reden mußt, ruf an«, sagte er. »Und wenn du Gesellschaft brauchst, komm einfach.«
Ich nickte.
»Und sei vorsichtig.«
Das überraschte mich. Die Kombination von Hitze und Trauer hatte mir in den vergangenen Tagen den Eindruck vermittelt, als lebte ich in einem Traum, aber das drang durch.
»Wieso vorsichtig?«
»Ich weiß nicht«, sagte er. »Ich weiß nicht, Mikey.« Dann stieg er in sein Auto ein - er war so groß und das Auto so klein, daß es wie ein Kleidungsstück an ihm wirkte - und fuhr weg. Mittlerweile ging die Sonne unter. Wissen Sie, wie die Sonne am Ende eines heißen Tages im August aussieht? Rötlich gelb und irgendwie gequetscht, als würde sie von einer unsichtbaren Hand niedergedrückt und könnte jeden Moment platzen wie ein übersatter Moskito und den gesamten Horizont vollspritzen. Genauso war es. Im Osten, wo es bereits dunkel war, grollte Donner. Aber es gab keinen Regen in dieser Nacht, nur eine Dunkelheit, die sich dicht und erstickend wie eine Decke herabsenkte. Trotzdem setzte ich mich vor den Computer und schrieb etwa eine Stunde lang. Soweit ich mich erinnern kann, lief es ziemlich gut. Und wissen Sie, selbst wenn es nicht gut läuft, vertreibt es einem die Zeit.
Den zweiten Weinkrampf hatte ich vier Tage nach der Beerdigung. Das Gefühl, in einem Traum zu leben, blieb bestehen - ich lief, redete, ging ans Telefon, arbeitete an meinem Buch, das zu achtzig Prozent fertig gewesen war, als Jo starb -, aber die ganze Zeit hatte ich dieses eindeutige Gefühl von Distanz, ein Gefühl, als würde alles in einer gewissen Entfernung von meinem wahren Ich stattfinden, als würde ich alles mehr oder weniger fernmündlich in Erfahrung bringen.
Denise Breedlove, Petes Mutter, rief an und fragte, ob sie nicht an einem Tag in der kommenden Woche mit zwei Freundinnen vorbeikommen und in dem riesigen alten Edwardianischen Kasten, in dem ich jetzt allein wohnte - in dem ich herumrollte wie die letzte Erbse in einer Dose von der Größe eines Restaurants -, vom Bug bis zum Heck eine gründliche Reinigung veranstalten sollte. Sie würden es, sagte sie, für hundert Dollar tun, die sie unter sich aufteilen würden, und vor allem, weil es nicht gut für mich wäre, ohne Hausputz weiterzumachen. Nach einem Todesfall müßte alles gründlich abgeschrubbt werden, sagte sie, auch wenn der Tod nicht im Haus selbst stattgefunden hatte.
Ich sagte ihr, das wäre eine prima Idee, aber ich würde ihr und den Frauen, die sie mitbrachte, jeweils einhundert Dollar für sechs Stunden Arbeit bezahlen. Nach sechs Stunden mußte der Job erledigt sein. Und wenn nicht, sagte ich, wäre er trotzdem erledigt.
»Mr. Noonan, das ist viel zuviel«, sagte sie.
»Vielleicht, vielleicht auch nicht, aber das bezahle ich«, sagte ich. »Machen Sie es?«
Sie sagte, sie würde es machen, natürlich würde sie es machen.
Es ist vielleicht nicht überraschend, daß ich mich am Abend, bevor sie kamen, dabei ertappte, wie ich durch das Haus ging und eine Inspektion durchführte. Ich glaube, ich wollte nicht, daß die Frauen (von denen mir zwei vollkommen fremd wären) etwas fanden, das sie oder mich in Verlegenheit brachte: vielleicht ein Paar von Johannas Seidenschlüpfern hinter einem Sofakissen (»Es überkommt uns oft auf dem Sofa, Michael«, hatte sie einmal zu mir gesagt, »ist dir das auch aufgefallen?«) oder Bierdosen unter der Zweiercouch auf der Sonnenveranda, womöglich sogar eine nicht gespülte Toilette. In Wahrheit kann ich Ihnen überhaupt nicht sagen, wonach ich suchte; dieses Gefühl, in einem Traum zu agieren, beherrschte meinen Verstand nach wie vor. In jenen Tagen dachte ich am klarsten an das Ende des Romans, den ich schrieb (der psychopathische Killer hatte meine Heldin in ein Hochhaus gelockt und wollte sie vom Dach stoßen), oder an den Schwangerschaftstest Marke Norco, den Jo am Tag, als sie starb, gekauft hatte, Nebenhöhlenmedizin, hatte sie gesagt. Fisch zum Abendessen, hatte sie gesagt. Und ihre Augen hatten mir nichts gezeigt, das eines zweiten Blicks bedurft hätte.
Gegen Ende meiner ›Vor-Hausputz‹-Inspektion sah ich unter das Bett und fand ein aufgeschlagenes Taschenbuch auf Jos Seite. Sie war noch nicht lange tot, aber wenige Länder eines Haushalts sind so staubig wie das Königreich unter dem Bett, und der hellgraue Überzug, den ich auf dem Buch sah, als ich es hervorzog, ließ mich an Johannas Gesicht und Hände in ihrem Sarg denken - Jo im Königreich unter der Erde. Wurde es in einem Sarg staubig? Sicher nicht, aber -
Ich verdrängte den Gedanken. Der Gedanke tat so, als ginge er, kam aber den ganzen Tag über zurückgekrochen wie Tolstois weißer Bär.
Johanna und ich hatten beide Englisch als Hauptfach an der University of Maine studiert und uns wie viele andere, schätze ich, zu dem Klang von Shakespeare und dem Tilbury-Town-Zynismus von Edward Arlington Robinson ineinander verliebt. Aber der Schriftsteller, der uns am engsten miteinander verbunden hatte, war kein collegekompatibler Dichter oder Essayist, sondern W. Somerset Maugham, jener ältliche, weltreisende Romancier und Dramatiker mit dem Reptiliengesicht (auf Fotos stets von Zigarettenrauch verhüllt, scheint es) und dem Herzen eines Romantikers. Daher überraschte mich kaum, daß es sich bei dem Buch unter dem Bett um Silbermond und Kupfermünze handelte. Ich hatte es als Teenager nicht einmal, sondern zweimal gelesen und mich leidenschaftlich mit der Figur des Charles Strickland identifiziert. (Natürlich wollte ich schreiben in der Südsee, nicht malen.)
Sie hatte eine Spielkarte aus einem unvollständigen Blatt als Lesezeichen benutzt, und als ich das Buch aufschlug, fiel mir etwas ein, das sie gesagt hatte, als ich sie kennenlernte. In ›Britische Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts‹ war das gewesen, wahrscheinlich 1980. Johanna Arlen war eine begeisterte kleine Studentin im zweiten Studienjahr gewesen. Ich war ein alter Hase und hatte mich nur für die Briten des zwanzigsten Jahrhunderts entschieden, weil ich im letzten Semester Zeit übrig hatte. »In einhundert Jahren«, hatte sie gesagt, »wird es den Literaturkritikern Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zur Schande gereichen, daß sie Lawrence bejubelt und Maugham ignoriert haben.« Das wurde mit verächtlich gutmütigem Gelächter quittiert (alle wußten, daß Liebende Frauen eines der verdammt besten Bücher war, die je geschrieben wurden), aber ich lachte nicht. Ich verliebte mich.
Die Spielkarte steckte zwischen den Seiten 102 und 103 - Dirk Stroeve hat gerade herausgefunden, daß seine Frau ihn wegen Strickland verlassen hat, Maughams Version von Paul Gauguin. Der Erzähler versucht, Stroeve aufzumuntern. Mein Bester, seien Sie doch nicht unglücklich. Sie wird zurückkommen …
»Du hast gut reden«, murmelte ich in dem Zimmer, das nun mir allein gehörte.
Ich blätterte die Seite um und las folgendes: Stricklands beleidigende Ruhe beraubte Stroeve seiner Selbstbeherrschung. Von blinder Raserei erfaßt, stürzte er sich, ohne zu wissen, was er tat, auf Strickland. Dieser, keines Angriffs gewärtig, taumelte, aber trotz der überstandenen Krankheit war er noch ein sehr kräftiger Mann, und einen Augenblick später lag Stroeve, ohne daß er recht wußte, wie ihm geschah, der Länge nach auf dem Fußboden.
»Sie komischer kleiner Mann«, sagte Strickland.
Da wurde mir klar, daß Jo nie wieder diese Seite umblättern und hören würde, wie Strickland den bemitleidenswerten Stroeve einen komischen kleinen Mann nannte. In einem Augenblick strahlender Epiphanie, den ich nie wieder vergessen habe - wie könnte ich? Es war einer der schlimmsten Augenblicke meines Lebens -, begriff ich, daß es kein Fehler war, der korrigiert werden, oder ein Traum, aus dem ich erwachen würde. Johanna war tot.
Die Trauer raubte mir jede Kraft. Wäre das Bett nicht gewesen, ich wäre auf den Boden gefallen. Wir weinen mit den Augen, mehr können wir nicht tun, aber an jenem Abend war mir zumute, als würde jede Pore meines Körpers weinen, jede Runzel und Falte. Ich saß auf ihrer Seite des Betts, hielt die staubige Ausgabe von Silbermond und Kupfermünze in der Hand und heulte. Ich glaube, so sehr aus Überraschung wie aus Schmerz; trotz der Leiche, die ich über einen hochauflösenden Videomonitor gesehen und identifiziert hatte, trotz der Beerdigung und der Tatsache, daß Pete Breedlove mit seiner hohen, klaren Tenorstimme ›Blessed Assurance‹ gesungen hatte, trotz der Bestattungszeremonie mit ihrem Asche zu Asche, Staub zu Staub, hatte ich es nicht wirklich geglaubt. Das Penguin-Taschenbuch schaffte, was der große graue Sarg nicht geschafft hatte: Es bestand darauf, daß sie tot war.
»Sie komischer kleiner Mann«, sagte Strickland.
Ich legte mich auf unser Bett zurück, verschränkte die Unterarme über dem Gesicht und weinte mich in den Schlaf wie ein Kind, das unglücklich ist. Ich hatte einen schrecklichen Traum. Darin erwachte ich, sah die Taschenbuchausgabe von Silbermond und Kupfermünze noch auf der Decke neben mir liegen und beschloß, es wieder unter das Bett zu legen, wo ich es gefunden hatte. Sie wissen ja, wie wirr Träume sind - Logik wie Uhren von Dalí, die so weich geworden sind, daß sie wie Teppiche über den Ästen von Bäumen hängen.
Ich steckte die Spielkarte zwischen Seite 102 und 103 - eine Drehung des Zeigefingers weg von »Sie komischer kleiner Mann«, sagte Strickland, jetzt und immerdar -, rollte mich auf meine Seite, ließ den Kopf über die Bettkante hängen, um das Buch exakt dorthin zu legen, wo ich es gefunden hatte.
Jo lag da unten zwischen den Staubflusen. Eine Spinnwebe hing von den Sprungfedern herab und liebkoste ihr Gesicht wie eine Feder. Ihr rotes Haar sah stumpf aus, aber die Augen in dem weißen Gesicht waren dunkel und wach und haßerfüllt. Als sie den Mund aufmachte, wußte ich, daß der Tod sie in den Wahnsinn getrieben hatte.
»Gib das her«, zischte sie. »Es ist mein Staubfänger.« Sie riß mir das Buch aus der Hand, bevor ich es ihr geben konnte. Einen Augenblick berührten sich unsere Finger, und ihre waren so kalt wie Zweige nach einem Frost. Sie schlug das Buch an ihrer Stelle auf, so daß die Spielkarte herausflatterte, und legte sich Somerset Maugham über das Gesicht - ein Leichentuch aus Worten. Als sie die Hände auf dem Busen übereinanderlegte und reglos liegenblieb, fiel mir auf, daß sie das blaue Kleid trug, in dem ich sie bestattet hatte. Sie war aus dem Grab zurückgekommen, um sich unter dem Bett zu verstecken.
Ich erwachte mit einem gedämpften Schrei und einem schmerzhaften Zusammenzucken, durch das ich beinahe vom Bett gefallen wäre. Ich hatte nicht lange geschlafen - die Tränen auf meinen Wangen waren noch feucht, und meine Lider fühlten sich so merkwürdig straff an, wie es nach anhaltendem Weinen nicht unüblich ist. Der Traum war so lebhaft gewesen, daß ich mich auf die Seite drehen und unter dem Bett nachsehen mußte, weil ich sicher war, sie würde mit dem Buch auf dem Gesicht da sein und mit ihren kalten Fingern nach mir greifen.
Natürlich war nichts da - Träume sind nur Träume. Dennoch verbrachte ich den Rest der Nacht auf der Couch in meinem Arbeitszimmer. Ich schätze, es war die richtige Entscheidung, denn in dieser Nacht kamen keine Träume mehr. Nur das Nichts guten Schlafes.
Kapitel 2
Ich litt in den zehn Jahren meiner Ehe nie an einer Schreibblockade und litt auch unmittelbar nach Johannas Tod nicht daran. Tatsächlich war mir der Zustand so wenig vertraut, daß er es sich längst ziemlich bequem gemacht hatte, bis mir klar wurde, daß irgend etwas faul war. Ich glaube, das lag daran, daß ich im Grunde meines Herzens glaubte, ein derartiger Zustand befiele nur ›literarische‹ Typen der Art, wie sie in der New York Review of Books diskutiert, demontiert und manchmal verworfen wurden.
Meine schriftstellerische Laufbahn und meine Ehe erstreckten sich über fast genau dieselbe Zeitspanne. Die erste Fassung meines ersten Romans, Zweisamkeit, beendete ich nicht lange nachdem Jo und ich uns offiziell verlobt hatten (ich steckte ihr einen Opalring an den dritten Finger der linken Hand, hundertzehn Dollar bei Day’s Jewellers und eine ganze Ecke mehr, als ich mir damals leisten konnte … aber Johanna schien völlig von ihm begeistert zu sein), und ich beendete meinen letzten Roman, Von ganz oben, etwa einen Monat nachdem ihr Totenschein ausgestellt worden war. Das war der über den psychopathischen Killer, der Hochhäuser liebt. Er wurde im Herbst 1995 veröffentlicht. Ich habe seitdem andere Romane veröffentlicht - ein Paradoxon, das ich erklären kann -, aber ich glaube nicht, daß in irgendeiner Verlagsvorschau der absehbaren Zukunft ein Roman von Michael Noonan auftauchen wird. Jetzt weiß ich, was eine Schreibblockade ist. Ich weiß mehr darüber, als ich je wissen wollte.
Als ich Jo zögernd die erste Fassung von Zweisamkeit zeigte, las sie es an einem Abend, in ihrem Lieblingssessel zusammengerollt; sie trug nichts als ein Höschen und ein T-Shirt mit dem Schwarzbären von Maine auf der Vorderseite und trank ein Glas Eistee nach dem anderen. Ich ging in die Garage (wir hatten zusammen mit einem anderen Paar, das finanziell auf ebenso unsicherem Boden stand wie wir, ein Haus in Bangor gemietet … und, nein, da waren Jo und ich noch nicht verheiratet, obwohl der Opalring, soweit ich weiß, nie von ihrem Finger verschwand) werkelte ziellos herum und kam mir vor wie eine Figur in einem Cartoon des New Yorker - einer von diesen komischen Typen im Vorzimmer der Entbindungsstation. Soweit ich mich erinnere, habe ich einen Vogelhausbausatz Marke ›So einfach, daß es ein Kind zusammenbauen kann‹ versaut und mir fast den Zeigefinger der linken Hand abgeschnitten. Alle zwanzig Minuten ging ich rein und warf einen Blick auf Jo. Sie ließ nicht erkennen, ob sie es bemerkte. Das wertete ich als hoffnungsvolles Zeichen.
Ich saß auf der hinteren Außentreppe, sah zu den Sternen hinauf und rauchte, als sie herauskam, sich zu mir setzte und mir die Hand auf den Nacken legte.
»Und?« sagte ich.
»Es ist gut«, sagte sie. »Warum kommst du nicht mit rein und besorgst es mir?« Und bevor ich antworten konnte, flatterte mir das Höschen, das sie getragen hatte, mit einem leisen Flüstern von Nylon in den Schoß.
Als wir hinterher im Bett lagen und Orangen aßen (ein Laster, aus dem wir später rausgewachsen sind), fragte ich sie: »Gut genug für einen Verleger?«
»Nun«, sagte sie, »ich weiß nichts über die Glamour-Welt der Verlagsbranche, aber ich lese mein ganzes Leben lang zum Vergnügen - Curious George war meine erste Liebe, falls es dich interessiert -«
»Das tut es nicht.«
Sie beugte sich zu mir und steckte mir einen Orangenschnitz in den Mund, wobei ihre Brust warm und aufreizend meinen Arm berührte, »- und ich habe das hier mit großem Vergnügen gelesen. Ich wage die Vorhersage, daß deine Laufbahn als Reporter der Daily News nicht über das Anfangsstadium hinauskommen wird. Ich glaube, ich werde die Frau eines Schriftstellers.«
Bei ihren Worten durchrieselte es mich heiß und kalt - ich bekam sogar eine Gänsehaut auf den Armen. Nein, sie wußte nichts über die Glamour-Welt der Verlagsbranche, aber wenn sie daran glaubte, glaubte ich auch daran … und dieser Glaube erwies sich als der richtige Kurs. Über meinen alten Dozenten für kreatives Schreiben (der meinen Roman las und mit zurückhaltendem Lob verdammte, weil er seine kommerziellen Qualitäten, glaube ich, als eine Art Häresie betrachtete) bekam ich einen Agenten, und der Agent verkaufte Zweisamkeit an Random House, den ersten Verlag, der ihn zu sehen bekam.
Auch was meine Laufbahn als Reporter betraf, hatte Jo recht. Ich verbrachte vier Monate damit, für rund hundert Dollar die Woche über Blumenausstellungen, Dragsterrennen und Bohnenwettessen zu berichten, bevor ich meinen ersten Scheck von Random House bekam - 27 000 Dollar nach Abzug der Provision des Agenten. Ich war nicht lange genug in der Redaktion, um auch nur die erste bescheidene Gehaltserhöhung zu bekommen, aber sie gaben trotzdem eine Abschiedsparty für mich. In Jack’s Pub war das - jetzt, wo ich drüber nachdenke. Über den Tischen im Hinterzimmer hing ein Transparent mit der Aufschrift VIEL GLÜCK, MIKE - SCHREIB WEITER! Später, als wir zu Hause waren, sagte Johanna, wenn Neid Säure wäre, wäre nichts außer einer Gürtelschnalle und drei Zähnen von mir übriggeblieben.
Später, im Bett, als die Lichter gelöscht waren - die letzte Orange gegessen, die letzte gemeinsame Zigarette geraucht -, sagte ich: »Niemand wird es je mit Schau heimwärts, Engel verwechseln, oder?« Ich meinte mein Buch. Sie wußte es, wie sie auch wußte, daß die Reaktion meines alten Professors auf Zweisamkeit mich ziemlich deprimiert hatte.
»Du wirst mir doch jetzt nicht mit einer Menge Mist von wegen frustrierter Künstler kommen, oder?« fragte sie und stützte sich auf einen Ellbogen. »Falls doch, solltest du es mir gleich sagen, damit ich morgen früh als erstes eine dieser Do-It-Yourself-Scheidungsanleitungen kaufen kann.«
Ich war amüsiert, aber auch ein wenig gekränkt. »Hast du die erste Pressemitteilung von Random House gesehen?« Ich wußte, sie hatte. »Sie schrecken knapp davor zurück, mich eine V. C. Andrews mit Pimmel zu nennen, Herrgott noch mal.«
»Nun«, sagte sie und nahm den fraglichen Gegenstand behutsam in die Hand. »Du hast einen Pimmel. Und was das angeht, wie sie dich nennen … Mike, in der dritten Klasse hat mich Patty Banning immer eine Rotzschnalle genannt. Aber ich war keine.«
»Alles eine Frage der Wahrnehmung.«
»Quatsch.« Sie hielt immer noch meinen Schwanz und drückte ihn nun kräftig, was ein bißchen weh tat und sich gleichzeitig absolut wunderbar anfühlte. Damals kümmerte den alten Lustbolzen nicht, was er bekam, Hauptsache, es war jede Menge davon. »Glück ist alles. Bist du glücklich, wenn du schreibst, Mike?«
»Klar.« Das wußte sie ohnehin.
»Und plagt dich dein Gewissen beim Schreiben?«
»Wenn ich schreibe, gibt es nichts, das ich lieber mache, außer dem hier«, sagte ich und rollte mich auf sie.
»Ach du meine Güte«, sagte sie mit dieser zimperlichen dünnen Stimme, die mich stets zu Heiterkeitsstürmen hinriß. »Da ist ein Penis zwischen uns.«
Und als wir uns liebten, wurde mir das eine oder andere Wunderbare klar: daß sie es ernst gemeint hatte, als sie sagte, daß ihr mein Buch gefiele (verdammt, ich hatte gewußt, daß es ihr gefiel, als ich sie beim Lesen im Sessel gesehen hatte, ihr eine Locke in die Stirn fiel und sie die nackten Beine untergeschlagen hatte), und daß ich mich nicht für das schämen mußte, was ich geschrieben hatte … jedenfalls nicht in ihren Augen. Und noch etwas Wunderbares: Ihre Wahrnehmung, die sich mit meiner zu der wahren binokularen Sehweise vereinigte, die nur die Ehe ermöglicht, war die einzige, die zählte.
Gott sei Dank war sie ein Fan von Maugham.
Ich war zehn Jahre V. C. Andrews mit einem Pimmel … vierzehn, wenn man die Jahre nach Johanna dazurechnet. Die ersten fünf bei Random, dann bekam mein Agent ein Superangebot von Putnam, und ich wechselte.
Sie haben meinen Namen auf einer Menge Bestsellerlisten gesehen … das heißt, wenn Ihre Sonntagszeitung eine Liste druckt, die bis fünfzehn geht und nicht nur die Top Ten auflistet. Ich war nie ein Clancy, Ludlum oder Grisham, aber ich verkaufte eine beträchtliche Menge Hardcover (was V. C. Andrews nie geschafft hat, wie mir Harold Oblowski, mein Agent, einmal erzählte: Die Dame war weitgehend ein Taschenbuch-Phänomen) und schaffte es einmal auf Platz fünf der Liste in der Times … das war mit meinem zweiten Buch, Der Mann im roten Hemd. Ironischerweise war eines der Bücher, das mich daran hinderte, noch höher zu steigen, Steel Machine von Thad Beaumont (der als George Stark schrieb). Die Beaumonts besaßen damals ein Sommerhaus in Castle Rock, keine fünfzehn Meilen von unserem am Dark Score Lake entfernt. Thad ist tot. Selbstmord. Ich weiß nicht, ob es etwas mit einer Schreibblockade zu tun hatte oder nicht.
Ich stand knapp außerhalb des magischen Zirkels der Mega-Bestseller, aber das war mir egal. Als ich einunddreißig war, besaßen wir zwei Häuser: die reizende alte Edwardianische Villa in Derry und im Westen von Maine eine Blockhütte am See, die fast groß genug war, um als Ferienhaus bezeichnet zu werden - das war Sara Lacht, wie es die Einheimischen seit fast einem Jahrhundert nannten. Und beide Häuser gehörten uns schuldenfrei zu einer Zeit im Leben, da andere Paare sich schon glücklich schätzen, wenn sie sich eine Hypothek auf ihr erstes Eigenheim erkämpft haben. Wir waren gesund, einander treu, und unsere Amüsierknochen saßen noch an Ort und Stelle. Ich war nicht Thomas Wolfe (nicht einmal Tom Wolfe oder Tobias Wolff), aber ich wurde dafür bezahlt, was ich am liebsten tat, und etwas Besseres gibt es auf der ganzen Welt nicht; es ist wie ein Freibrief zum Stehlen.
Ich war das, was in den vierziger Jahren die Midlist-Literatur war: von der Kritik ignoriert, Genre-orientiert (in meinem Fall das Genre ›Alleinstehende liebenswerte junge Frau begegnet faszinierendem Fremden‹), aber stattlich entlohnt und von der Form schäbigen Wohlwollens begleitet, wie man es staatlich sanktionierten Hurenhäusern in Nevada entgegenbringt, wobei die einhellige Meinung zu sein scheint, daß ein Ventil für die niederen Instinkte bereitgestellt werden sollte und schließlich irgend jemand ›diese Art Job‹ erledigen mußte. Ich erledigte ›diese Art Job‹ enthusiastisch (und manchmal mit Jos enthusiastischem Beistand, wenn ich an einen besonders problematischen Kreuzweg der Romanhandlung kam), und etwa zu der Zeit, als George Bush gewählt wurde, sagte uns unser Steuerberater, daß wir Millionäre seien.
Wir waren nicht so reich, daß wir einen Privatjet besaßen (Grisham), oder ein Profi-Footballteam (Clancy), aber nach den Maßstäben von Derry, Maine, schwammen wir im Geld. Wir schliefen tausendmal miteinander, sahen uns Tausende Filme an, lasen Tausende Bücher (Jo verstaute ihre abends nicht selten unter dem Bett). Und der größte Segen war wahrscheinlich, daß wir nie wußten, wie knapp die Zeit war.
Mehr als einmal habe ich mich gefragt, ob die Unterbrechung des Rituals zu der Schreibblockade geführt hat. Tagsüber konnte ich das als übersinnliches Geschwätz abtun, aber nachts fiel mir das schon schwerer. Nachts haben die Gedanken die unangenehme Eigenschaft, ihre Halsbänder abzustreifen und frei herumzulaufen. Und wenn man als Erwachsener fast sein ganzes Leben damit verbracht hat, sich Geschichten auszudenken, sind diese Halsbänder, glaube ich, noch lockerer und die Hunde nicht so erpicht darauf, sie zu tragen. War es Shaw oder Wilde, der gesagt hat, daß ein Schriftsteller jemand ist, der seinem Verstand beibringt, sich schlecht zu benehmen?
Und ist der Gedanke wirklich so weit hergeholt, daß die Unterbrechung des Rituals eine Rolle dabei gespielt haben könnte, mein plötzliches und unerwartetes (zumindest von mir unerwartetes) Schweigen herbeizuführen? Wenn man sich sein täglich Brot im Land des Fantasierens verdient, ist die Linie zwischen dem, was ist, und dem, was zu sein scheint, viel dünner. Maler weigern sich manchmal zu malen, wenn sie nicht eine bestimmte Mütze tragen, und Baseballspieler mit einer guten Trefferquote weigern sich, die Socken zu wechseln.
Das Ritual fing mit dem zweiten Buch an, das einzige, bei dem ich nervös war, soweit ich mich erinnern kann - ich nehme an, ich hatte zuviel von diesem Studienanfängeraberglauben verinnerlicht: die Vorstellung, daß ein Treffer lediglich ein Glücksfall sein könnte. Ich entsinne mich, wie ein Literaturdozent einmal sagte, von den modernen amerikanischen Schriftstellern habe lediglich Harper Lee einen narrensicheren Weg gefunden, die mit dem zweiten Buch verbundene Depression zu vermeiden.
Als ich zum Ende von Der Mann im roten Hemd kam, hörte ich unmittelbar vor dem letzten Satz auf. Die Edwardianische Villa in der Benton Street in Derry lag zu dem Zeitpunkt noch zwei Jahre in der Zukunft, aber wir hatten Sara Lacht gekauft, das Haus am Dark Score (längst nicht so ausgestattet wie später, und Jos Atelier noch nicht gebaut, aber hübsch), und da hielten wir uns auf.
Ich rückte von der Schreibmaschine ab - damals klammerte ich mich noch an meine alte IBM Selectric - und ging in die Küche. Es war Mitte September, die meisten Sommergäste waren abgereist, und der Ruf der Eistaucher auf dem See hörte sich unbeschreiblich schön an. Die Sonne ging unter, der See selbst war zu einer stillen und kalten Platte aus Feuer geworden. Das ist eine meiner deutlichsten Erinnerungen, so klar, daß ich manchmal glaube, ich könnte einfach hineintreten und alles noch einmal erleben. Was, wenn überhaupt etwas, würde ich anders machen? Das frage ich mich manchmal.
Am frühen Abend hatte ich eine Flasche Taittinger und zwei Champagnergläser in den Kühlschrank gestellt. Nun holte ich sie heraus und stellte sie auf ein kleines Tablett, das für gewöhnlich dazu diente, Krüge mit Eistee oder Fruchtsaft von der Küche auf die Veranda zu befördern, und trug es vor mir her ins Wohnzimmer.
Johanna saß tief in ihrem fadenscheinigen alten Sessel und las ein Buch (in jener Nacht nicht Maugham, sondern William Denbrough, einer ihrer damaligen Lieblingsschriftsteller). »Oooh«, sagte sie, schaute auf und markierte die Stelle, wo sie war. »Champagner, aus welchem Anlaß?« Als ob sie es nicht wüßte, verstehen Sie?
»Ich bin fertig«, sagte ich. »Mon livre est tout finis.«
»Nun«, sagte sie lächelnd und nahm eins der schlanken Gläser, als ich mich mit dem Tablett hinunterbeugte, »dann geht das ja in Ordnung, richtig?«
Inzwischen ist mir klar, daß die Essenz des Rituals - der Teil, der wahrhaft beseelt und mächtig war, wie das eine wahre Zauberwort in einem Schwall Geschwafel - dieser Ausdruck war. Wir tranken fast immer Champagner, und danach kam sie fast immer zu dieser anderen Sache mit in mein Arbeitszimmer, aber nicht immer.
Einmal, rund fünf Jahre vor ihrem Tod, war sie in Irland, wo sie Ferien mit einer Freundin machte, als ich ein Buch beendete. Damals trank ich den Champagner allein und gab auch den letzten Satz allein ein (inzwischen benutzte ich einen Macintosh, der eine Milliarde verschiedener Funktionen hatte, von denen ich nur eine einzige nutzte), und ich hatte deswegen keine schlaflose Minute. Aber ich rief sie in dem Gasthaus an, wo sie und ihre Freundin Bryn wohnten; ich sagte ihr, daß ich fertig war, und hörte, wie sie die Worte sagte, um derentwillen ich angerufen hatte - Worte, die in ein irisches Telefon gesprochen wurden, durch einen Mikrowellensender reisten, wie ein Gebet zu einem Satelliten aufstiegen und dann zu meinem Ohr herunterkamen: »Nun, dann geht das ja in Ordnung, richtig?«
Wie schon gesagt, dieser Brauch begann mit dem zweiten Buch. Wenn wir beide ein Glas Champagner getrunken und nachgefüllt hatten, nahm ich sie mit ins Arbeitszimmer, wo noch ein einziges Blatt Papier in meiner waldgrünen Selectric steckte. Auf dem See rief ein letzter Eistaucher dunkel herab, ein Ruf, der sich für mich stets wie etwas Rostiges anhört, das sich langsam im Wind dreht.
»Ich dachte, du bist fertig«, sagte sie.
»Bis auf die letzte Zeile«, sagte ich. »Das Buch als solches ist dir gewidmet, und ich möchte, daß du diesen letzten Satz schreibst.«
Sie lachte nicht und erhob keine Einwände oder wurde rührselig, sondern sah mich nur an, ob es wirklich mein Ernst war. Ich nickte zustimmend, worauf sie sich auf meinen Stuhl setzte. Sie war vorher schwimmen gewesen, und ihr Haar war nach hinten gekämmt und durch ein weißes elastisches Ding gezogen. Es war naß und zwei Schattierungen dunkler rot als gewöhnlich. Ich legte meine Hand darauf. Es war, als würde ich feuchte Seide berühren.
»Neuer Absatz?« fragte sie so ernst wie eine Stenosekretärin, die ein Diktat vom Big Boss aufnimmt.
»Nein«, sagte ich, »im Anschluß weiter.« Und dann diktierte ich ihr den Satz, den ich im Kopf hatte, seit ich aufgestanden war, um den Champagner einzuschenken: »›Er streifte ihr die Kette über den Kopf, dann gingen die beiden die Treppe hinunter zu dem wartenden Auto.‹«
Sie tippte es, dann sah sie erwartungsvoll zu mir auf. »Das war’s«, sagte ich. »Ich schätze, du kannst ENDE schreiben.«
Jo drückte zweimal die Rückschalttaste, zentrierte den Wagen und tippte »Ende« unter die letzte Textzeile, und der Kugelkopf der IBM - Courier, meine Lieblingstype - druckte die Buchstaben in ihrem gehorsamen Tanz.
»Was ist das für eine Kette, die er ihr über den Kopf streift?« fragte sie mich.
»Du mußt das Buch lesen, um das herauszufinden.«
Da sie an meinem Schreibtisch saß und ich neben ihr stand, war sie in der perfekten Position, das Gesicht dorthin zu bringen, wohin sie es brachte. Als sie sprach, bewegte sie die Lippen an meinem empfindlichsten Teil. Ein Paar Baumwollshorts war zwischen uns, sonst nichts.
»Vir haben Mittel und Vege, dich fum Sprechen fu bringen«, sagte sie.
»Jede Wette«, sagte ich.
Am Tag, als ich Von ganz oben beendete, versuchte ich wenigstens, das Ritual durchzuführen. Es fühlte sich hohl an, eine Form, aus der die magische Substanz verschwunden war, aber damit hatte ich gerechnet. Ich tat es nicht aus Aberglauben, sondern aus Respekt und Liebe. Eine Art Gedächtnisgottesdienst, wenn Sie so wollen. Oder, wenn Sie so wollen, Johannas wahres Begräbnis, das endlich stattfand, einen Monat nachdem sie unter der Erde war.
Es war im letzten Septemberdrittel und immer noch heiß - der heißeste Spätsommer, an den ich mich erinnern kann. Während der ganzen traurigen Abschlußarbeiten an dem Buch dachte ich daran, wie sehr ich sie vermißte … aber das bremste mich kein bißchen. Und da ist noch etwas: So heiß es in Derry war, so heiß, daß ich für gewöhnlich in nichts als Boxershorts arbeitete, ich dachte nicht einmal daran, zu unserer Hütte am See zu fahren. Es war, als wäre die Erinnerung an Sara Lacht gänzlich aus meinem Gedächtnis getilgt worden. Vielleicht lag es daran, daß mir die ganze Wahrheit allmählich bewußt wurde, als ich Von ganz oben beendete. Diesmal war sie nicht nur in Irland.
Mein Arbeitszimmer am See ist winzig, aber mit Aussicht. Das Arbeitszimmer in Derry ist lang, voll mit Büchern und ohne Fenster. An diesem besonderen Abend waren die Deckenventilatoren - es sind drei - eingeschaltet und paddelten durch die stickige Luft. Ich betrat es in Shorts, T-Shirt und Gummisandalen und trug ein Cola-Tablett aus Blech mit der Flasche Champagner und den beiden gekühlten Gläsern darauf. Am anderen Ende des schlauchförmigen Raums leuchteten Worte auf dem Monitor meines Macintosh.
Ich dachte mir, daß ich wahrscheinlich einen neuen Anfall von Trauer heraufbeschwor - möglicherweise den schlimmsten -, aber ich machte trotzdem weiter … und unsere Emotionen überraschen uns immer wieder, nicht wahr? In dieser Nacht weinte und heulte ich nicht; ich schätze, das war alles schon aus meinem Körper draußen. Statt dessen empfand ich ein tiefes und scheußliches Gefühl des Verlusts - der leere Stuhl, wo sie so gern gesessen und gelesen, der leere Tisch, wo sie ihre Gläser immer zu nah an den Rand gestellt hatte.
Ich schenkte ein Glas Champagner ein, ließ den Schaum absitzen und hob es hoch. »Ich bin fertig, Jo«, sagte ich, während ich unter den paddelnden Ventilatoren saß. »Dann geht das ja in Ordnung, richtig?«
Keine Antwort. Im Lichte all dessen, was später kam, finde ich das erwähnenswert - ich bekam keine Antwort. Ich spürte nicht, wie später, daß ich nicht allein in einem Zimmer war, das leer zu sein schien.
Ich trank den Champagner, stellte das Glas auf das Cola-Tablett zurück und füllte das andere. Ich nahm es mit zu dem Mac und setzte mich hin, wo Johanna gesessen hätte, wenn es den allseits beliebten Gott nicht gegeben hätte. Kein Weinen und Heulen, aber Tränen brannten in meinen Augen. Auf dem Monitor leuchteten folgende Worte auf:
heute war nicht so schlecht, nahm sie an. Sie lief durch das Gras zum Auto und lachte, als sie das weiße Blatt Papier unter der Windschutzscheibe sah. Cam Delancey, der sich weder entmutigen ließ, noch ein Nein als Antwort akzeptierte, hatte sie wieder zu einer seiner donnerstagabendlichen Weinproben eingeladen. Sie nahm das Papier und wollte es gerade zerreißen, überlegte es sich aber anders und steckte es statt dessen in die Gesäßtasche ihrer Jeans.
»Kein neuer Absatz«, sagte ich, »im Anschluß weiter.« Dann tippte ich die Zeile ein, die ich im Kopf hatte, seit ich aufgestanden war, um den Champagner zu holen. Da draußen wartete eine ganze Welt; Cam Delanceys Weinprobe war als Startplatz so gut wie jeder andere.
Ich hielt inne und betrachtete den kleinen blinkenden Cursor. Die Tränen brannten noch in meinen Augenwinkeln, aber ich wiederhole, daß ich keinen kalten Luftzug um die Knöchel spürte, keine geisterhaften Finger im Nacken. Ich drückte zweimal RETURN. Ich klickte auf ZENTRIEREN. Ich tippte ›Ende‹ unter die letzte Textzeile, dann prostete ich mit dem Glas Champagner, das Jo gehört hätte, dem Bildschirm zu.
»Auf dich, Baby«, sagte ich. »Ich wünsch’ mir, du wärst hier. Du fehlst mir schrecklich.« Beim letzten Wort bebte meine Stimme ein wenig, brach aber nicht. Ich trank den Taittinger, speicherte meine letzte Zeile, kopierte den ganzen Kram auf Disketten und machte ein Backup davon. Und abgesehen von Notizen, Einkaufslisten und Schecks habe ich danach vier Jahre lang nichts mehr geschrieben.
Kapitel 3
Mein Verleger wußte es nicht, meine Lektorin Debra Weinstock wußte es nicht, mein Agent Harold Oblowski wußte es nicht. Frank Arlen wußte es auch nicht, obwohl ich mehr als einmal versucht war, es ihm zu sagen. Laß mich dein Bruder sein. Jos wegen, wenn schon nicht deinetwegen, hatte er an dem Tag zu mir gesagt, als er zu seiner Druckerei und seinem überwiegend einsamen Leben in der Stadt Sanford im südlichen Maine zurückgekehrt war. Ich hatte nie damit gerechnet, daß ich darauf zurückkommen würde, und ich tat es auch nicht - nicht in der elementaren Form eines Hilferufs, die er wahrscheinlich gemeint hatte -, aber ich rief ihn etwa alle zwei Wochen an. Männergespräche, Sie wissen schon -