Sardor 3: Der Bote des Gehörnten - Thomas Ziegler - E-Book

Sardor 3: Der Bote des Gehörnten E-Book

Thomas Ziegler

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Beschreibung

"Längst schon hatte Dietrich von Warnstein jedes Zeitgefühl verloren. Der Kampf mit der Mutter der Mahre schien eine Ewigkeit her zu sein, verloren und vergessen im Abgrund der Zeit wie seine alte Heimat Deutschland, nach der er sich voll Sehnsucht verzehrte." Die Geschichte des deutschen Jagdfliegers, den es aus den Wirren des Ersten Weltkriegs in eine fremdartige Welt verschlagen hat, findet endlich zu ihrem krönenden Abschluss. Bereits 1986 angekündigt, wurde der halbfertige Roman im Nachlass von Thomas Ziegler geborgen und von Markolf Hoffmann, der u.a. mit seinem Fantasy-Epos Das Zeitalter der Wandlung Furore machte, kongenial zu Ende geschrieben. Wird es Dietrich von Warnstein gelingen, in seine Realität zurückzukehren? Oder ist es ihm beschieden, auf immer in einem Reich zu darben, wo Wahnsinn und Unglaube herrschen?

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Seitenzahl: 225

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Thomas Ziegler & Markolf Hoffmann •Der Bote des Gehörnten

Editorische Anmerkung: Die erste Hälfte dieses Romans wurde im Nachlass von Rainer Zubeil alias Thomas Ziegler gefunden. Bereits vorhandene Überschriften der weiteren Kapitel boten Hinweise auf die von ihm geplante Weiterführung. Auf Grundlage dieser Aufzeichnungen hat Markolf Hoffmann den Roman zu Ende geschrieben.

© des Urtextes 1986 by Rainer Zubeil

Mit freundlicher Genehmigung von Verena Zubeil,

vermittelt durch Ronald M. Hahn

© der Fortsetzung 2013 by Markolf Hoffmann

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

© dieser Ausgabe 2013 by Golkonda Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Redaktion: Hannes Riffel

Korrektorat: Hellfrid Niesche

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.de]

Satz und E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

Golkonda Verlag

Charlottenstraße 36

12683 Berlin

Kontakt: [email protected]

www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-942396-53-0 (Buchausgabe)

ISBN: 978-3-942396-73-8 (E-Book)

Inhalt

Titel

Impressum

Vorbemerkung

1. Kapitel: Die Säulen des Himmels

2. Kapitel: Das Scheusal von Oomp Aamp

3. Kapitel: In den Kerkern von Cryptastan

4. Kapitel: Der Triumph des Boslings

5. Kapitel: Der Bote der Gehörnten

6. Kapitel: Die Glocke von Gorm

7. Kapitel: Götzendämmerung

8. Kapitel: Eine Schlacht am Ende der Zeit

9. Kapitel: Der Fluch der Archen

10. Kapitel: Heimkehr

Über die Autoren

Weitere Bücher

Phantastik im Golkonda Verlag

Vorbemerkung

Das Buch eines anderen, viel zu früh aus dem Leben gerissenen Autors fertigzuschreiben – den Ab­­­schlussband einer Trilogie sogar –, ist kein leichtes Brot. Immerhin gilt es, den Ton und Stil des ursprünglichen Schöpfers zu treffen, sich in seine Figuren hineinzudenken und die Handlung in seinem Sinne weiterzuführen. Immer wieder stellt man sich die Frage: Würde der Verstorbene es überhaupt wollen, dass man sich an seinem Werk vergreift? Rotiert er nicht in seinem Grab, wenn man seinen Geschöpfen Sardor und Churm eigene Worte in den Mund legt, neue Figuren hinzudichtet und an seiner Statt den zweiten kosmischen Krieg in all seiner grausigen Schönheit schildert?

Ich kannte Thomas Ziegler nicht, hörte den Namen zum ersten Mal, als mich aus dem Lektorat des Golkonda Verlags die Frage erreichte, ob ich nicht den Boten des Gehörnten zu Ende führen wollte. Ich habe lange gezögert; zu vermessen erschien mir diese Aufgabe, zu gewichtig die obigen Befürchtungen. Aber spätestens nachdem ich den Dialog zwischen dem Schwarzen Mirn und dem Bosling im ersten Sardor-Band gelesen hatte, ließ mich das wild-wuchtige Fantasy-Epos nicht mehr los. Und ich verstand es als Herausforderung, dem halbfertigen Roman im Sinne Thomas Zieglers zu einem würdigen Ende zu verhelfen … zumal genügend Freiraum für eigene Ideen blieb, da als Vorgaben im Nachlass des Autors nur die Titel der fünf unvollendeten Kapitel gefunden worden waren, von der »Glocke von Gorm« bis zur verheißungsvoll-bedrohlichen »Heimkehr«. Diesen Freiraum habe ich weidlich genutzt, ohne je zu vergessen, auf welch mächtigen Schultern diese kirschrote Welt ruht, die ich nun mit blutiger Feder zunichtemachen durfte.

Ich hoffe, dem Schöpfer der Sardor-Saga mit dem Abschluss seines Romans gerecht zu werden. ­Rainer Zubeil, unter welchem Heldenhain du auch schlummerst: Möge dein »Sardor« wahrlich unsterblich sein.

Markolf Hoffmann im Mai 2013

1. Kapitel: Die Säulen des Himmels

Ihr wild zerrissenen, grauen Himmelsräume,

Ihr seid wie ich, von Trotz und Stolz erfüllt!

Und eure Wolken trauerflorumhüllt,

Es sind die Leichenwagen meiner Träume,

Von eurem Schein geht fremdes Leuchten aus,

Ein Glanz der Hölle, wo mein Herz zu Haus.

– Baudelaire

»Anziehender Schauder«, 1862

Seit Wochen marschierten sie schon über die rollenden, endlosen Hügel, die sich am Rand der Wüste Tod erstreckten und fern am Horizont mit dem blutigen Himmelszelt verschmolzen, als wären Erde und Weltenall eins und ihre Trennung nur die Schöpfung einer überreizten Phantasie. Endlos war das Hügelland, schier endlos schien ihre Wanderung. Tagein, tagaus strich aus der Wüste trockener Wind heran und dörrte ihre Kehlen aus, und bis auf sein stetiges Rauschen war es totenstill.

Längst schon hatte Dietrich von Warnstein jedes Zeitgefühl verloren. Der Kampf mit der Mutter der Mahre schien eine Ewigkeit her zu sein, verloren und vergessen im Abgrund der Zeit wie seine alte Heimat Deutschland, nach der er sich voll Sehnsucht verzehrte. Er dachte oft an Ostpreußen und den Gutshof seiner Eltern, während er sich die Hügel hinauf und hinunter schleppte, an das blaue, von flauschigen Wolken gefleckte Firmament, das so ganz anders war als diese grenzenlose rote Wunde, die hier als Himmel galt, beherrscht vom riesigen Rund der Titanensonne. Er vermisste die unbeschwerten Tage seiner Jugend, die Feste im Kreis der Familie, deutsche Weihnacht im Pulverschnee, Ostern und Erntedank, den Geruch von Heu und welkem Laub im Herbst und den vertrauten Anblick der Wiesen und Weiden im Frühlingskleid, mit ihrem satten Grün und den Farbtupfern, die Tausende und Abertausende von Blumen setzten. Das kurze Stummelgras, das hier die Hügel wie Bartstoppeln bedeckte, war fast schwarz im Kirschlicht der Sonne und von keiner bunten Blüte gefleckt, eintönig und öde wie die Wüste, die sich in ihrer mörderischen Trockenheit im Osten erstreckte. Und des Nachts, wenn sie in einer Mulde lagerten und in der Kälte froren, die nach Einbruch der Dunkelheit aus der Wüste herankroch, und er vor Einsamkeit und Sehnsucht verzagte, verfolgten ihn die Bilder des großen Krieges, den das Reich an allen Fronten führte, die Blutbäche, die vergossen wurden, und die Leichenberge, die sich in den Schützengräben türmten. Er sah die Gesichter seiner Kameraden von der Jagdstaffel 11 vor seinem geistigen Auge, den kühnen Richthofen, den tolldreisten Udet und all die anderen tapferen Flieger, und er fragte sich, wie dieses gewaltige Ringen wohl ausgegangen war. Hatte das Deutsche Reich seine Feinde bezwungen und über die Franzosen und Engländer triumphiert? War der Kaiser in Paris eingezogen, um dem gallischen Erbfeind seine erneute Niederlage vor Augen zu führen, oder war gar das Undenkbare geschehen und Deutschland von den Armeen der Feinde besiegt und überrannt worden?

Er wusste es nicht, und Churm Horn schien es gleich zu sein. Seit dem Tod des Weißhorns Fé war er wortkarg, fast stumm geworden. Stoisch marschierte er voran ins endlose Hügelland, mit Silberaugen so stumpf wie alte Münzen und steinernem Gesicht. Nicht einmal zu seinen frechen und lästerlichen Bemerkungen verstieg er sich mehr, die Warnstein stets aufs Neue erzürnt hatten, und trafen sie in den Hügeln auf Menschen, einfache Bauern, die von ihren Ruhmestaten gehört hatten und ihnen Speis und Trank und Unterkunft anboten, so überließ er das Reden dem Flieger und hielt sich düster zurück. Vielleicht war sein Schweigen ein Zeichen der Trauer um das geliebte Weißhorn, aber vielleicht wollte er damit auch nur seinen Unwillen darüber ausdrücken, dass sie den Rat des Soldatenkönigs missachteten und zum Säulenland tief im Süden zogen. Vielleicht fürchtete er sich vor den Raubmenschen, die dort hausen sollten, auch wenn er immer behauptete, dass ihm nur die Gehörnten und ihre bevorstehende Wiederkehr Schrecken einflößten.

Warnstein kümmerte es nicht. Er tat, was getan werden musste, weil die Pflicht es befahl, und nicht, weil es ihm gefiel. Zu gerne hätte er die Warnung der Majestät des Ostens beherzigt und auf einen Besuch im unheiligen Südland verzichtet, doch davor stand der Götze Sardor, der am Grund seiner Seele wohnte. Der zweite und letzte kosmische Krieg gegen die Stern- und Eisenmacht rückte unerbittlich näher, und noch hatten sie nicht genug Verbündete für die schicksalhafte Schlacht gefunden, die über Wohl und Wehe der Menschheit entscheiden würde. Gut möglich, dass sie unter den Raubmenschen des Südens Kämpfer gewannen, die bereit waren, mit ihnen in die Schlacht zu ziehen. Aber vielleicht holten sie sich auch nur blutige Köpfe bei diesem verzweifelten Versuch, ein Heer zu schmieden, stark genug, um sowohl gegen die Gehörnten und ihre Mahrenschwärme als auch gegen die Eisenmänner zu bestehen.

Der einzige Trost war, dass sie seit Wochen nichts mehr von dem Bosling gesehen und gehört hatten. Warnstein schauderte bei der Erinnerung an den grausigen Wicht, der allein mit seiner Aura des Todes die mächtige Mutter der Mahre in die Knie gezwungen hatte. Sein furchtbares »Meister! Meister!«-Geschrei klang ihm noch immer schrill in den Ohren, und der Anblick der ranzigen, missgestalteten Kreatur war fast schwerer zu ertragen gewesen als all das Grauen, das diese satanische Welt bereithielt. Warnstein kniff die Lippen zusammen. Nun, der Bosling war zusammen mit dem Kadaver der Mahrenmutter im See der Finsternis versunken und hatte dort wohl für immer sein nasses Grab gefunden. Ein Unhold weniger auf dieser an Unholden und Schreckgespenstern reichen Welt, auch wenn er dem Bosling zugutehalten musste, dass er ihnen mehr als einmal aus der Bredouille geholfen hatte. Ohne ihn hätten sie vermutlich weder die Mahrenmutter bezwungen noch im denkenden Schlachthaus das Lichtzepter des garstigen Trötzefürsten Gratz erbeutet und sich so der Unterstützung der Trötzeheere versichert. Im Schaumwald wartete nun die hässliche Brut auf die Rückkehr ihres neuen Fürsten Sardor, um mit ihm und der schönen Ma Lyn in den zweiten und letzten kosmischen Krieg zu ziehen.

Bei dem Gedanken an die Herrin der Schmerzen musste er lächeln. In mancher Hinsicht war diese verderbte Welt doch erträglich, und auch wenn Äonen zwischen ihm und seiner alten Heimat Deutschland klafften, so hatte die Liebe doch all die Zeitalter überdauert und schenkte den Menschen noch immer unerhörtes Glück. Er seufzte und verdrängte die Sehnsucht, die in ihm aufstieg, wusste er doch, dass seine ruhelose Wanderung noch längst nicht zu Ende war und die Rückkehr nach Gorm in weiter Ferne lag.

Wenn die alte Wehrglocke schlägt, flüsterte der Heidengötze tief am Grund seiner Seele, und die Menschheit zu den Waffen ruft ...

So ist es prophezeit, dachte Warnstein. Und jetzt sei still, Götze. Ich will kein Wort mehr von dir hören!

Er lauschte, aber das Gespenst, das in ihm wohnte, seit er die uralte Gruft in den Heldenhügeln betreten hatte, rührte sich nicht mehr. Sardor hatte in den letzten Wochen auch keinen Versuch mehr gewagt, ihm die Herrschaft über seinen Körper streitig zu machen, und er sah darin einen kleinen Hoffnungsschimmer. Vielleicht hatte der untote Kerl endlich erkannt, dass ein deutscher Flieger und treuer Offizier Seiner Majestät Kaiser Wilhelm II. keine Marionette war, an deren Fäden er nach Belieben ziehen konnte. Sollte er sich aber dennoch ein weiteres Mal dazu versteigen, sein Fleisch zu übernehmen, so würde er ihn hinunter in den tiefsten Pfuhl der Hölle schicken, wo alle Heiden schmorten – neben den verfluchten Engländern und Franzosen.

Warnstein straffte sich und marschierte weiter. Der Schwarzbart war ihm weit voraus und erklomm soeben den nächsten Hügel, und er drehte sich nicht einmal um, als wäre es ihm gleich, ob sein unfreiwilliger Reisegefährte ihm nun folgte oder nicht. Der Flieger schritt schneller aus und verwünschte seine schmerzenden Füße und den Umstand, dass der Schwarze Mirn über dem Geborstenen Berg seinen Doppeldecker vom Typ Albatros D-III abgeschossen hatte. Mit der guten alten Kiste hätten sie das sagenumwobene Südland in wenigen Stunden erreicht; selbst das getreue Weißhorn hätte den wochenlangen Marsch auf einige Tage verkürzt ... mürrisch schüttelte er den Kopf. Der Albatros war zerschellt und Fé von der Mahrenmutter getötet worden. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als zu Fuß zu ihrem Ziel zu marschieren, zumal die Bauern, die hier und dort in diesem Hügelland lebten, keine Tiere hielten, die ihnen als Gäule dienen konnten.

Nach einer Weile holte er den Schwarzbart ein, der auf der Hügelkuppe verharrte und nach Süden spähte. Das ungeheure Rund der roten Sonne stand jetzt hoch am Himmel, und mit jedem Tag, den sie tiefer in den Süden vordrangen, war es heißer geworden. Der staubtrockene Wüstenwind tat sein Übriges, um ihn auszudörren, und er sehnte sich nach einem Schluck Wasser. Aber die Schläuche, die er und Churm auf dem Rücken trugen, waren nur noch zu einem Viertel gefüllt, und sie mussten sparsam mit dem Vorrat umgehen. Nur Gott allein wusste, wann sie wieder auf einen Fluss, einen Bach oder eine Quelle stießen, um die Wasserschläuche aufzufüllen und ihren Durst zu stillen.

»Es ist nicht mehr weit«, sagte Churm, als er Warnsteins nahende Schritte hinter sich hörte. Er streckte den Arm aus und wies zum Horizont. »Dort ist es, Sardor, das Säulenland.«

Warnstein kniff die Augen zusammen und folgte mit dem Blick seiner ausgestreckten Hand. Tatsächlich hatte sich das Panorama am fernen Horizont verändert. Wo vorher noch das Rot des Himmels und das Schwarz der Hügel zu dunklem Schorf geronnen waren, reckten sich die kalkigen Felsmassen eines Hochplateaus empor, das im Osten tief in die Wüste Tod hineinragte und im Westen, am äußersten Rand des Sichtfelds, im Tagesdunst verschwamm. Der Himmel über dem Plateau schien in Brand zu stehen; loderndes Orange mischte sich in das ewige Kirschrot des Sonnenlichts und versengte die tief hängenden Wolken, die wie eine vielfach geflickte Decke auf der steinernen Hochebene lagen.

»Es wurde auch Zeit«, knurrte der Flieger und trat von einem schmerzenden Fuß auf dem anderen. »Hoffentlich wird der Aufstieg nicht allzu beschwerlich.«

»Der Aufstieg ist es nicht, der mir Sorgen macht«, erwiderte der Schwarzbart, plötzlich überraschend redselig. »Sondern das, was uns an unserem Ziel erwartet. Wenn die Legenden stimmen und dort die Nachkommen des Rudels von Zwarn hausen ...« Er ließ das Ende des Satzes bedeutungsschwanger in der Luft hängen, als erwartete er, dass Warnstein seinen Befürchtungen zustimmen würde. Als der Flieger es nicht tat, schloss er: »Es könnte unseren Tod bedeuten.«

Warnstein lachte rau. »Seit wann schreckt dich der Tod, Freund Churm?«

»Nicht der Tod schreckt mich, nur die Möglichkeit unseres Versagens. Mit allen Folgen, die dies für die Menschheit hätte.«

Der Flieger konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Hornmann ein wenig aufzuziehen. »Hast du schon vergessen, dass du mich für einen Gott hältst? Wie kann ein Gott versagen?«

»Fé ist tot«, murmelte Churm. Er wandte sich abrupt ab und ging mit großen Schritten weiter.

Warnstein sah ihm nach, und ihm dämmerte nun, warum der Schwarzbart in den letzten Wochen so schweigsam gewesen war. Der Tod des Weißhorns musste sein Vertrauen in Sardor erschüttert haben. Offenbar war ihm bewusst geworden, dass manchmal auch Sardor, in seinen Augen ein wiederauferstandener Gott, machtlos war gegen die Schreckgestalten dieser Zeit. Der Flieger schnaubte. Sei’s drum. Das lästerliche Gefasel des Heiden hatte ihn ohnehin oft genug erbost. Ein wenig Nachdenklichkeit würde Churm nicht schaden. Vielleicht begriff er endlich, dass Warnstein genauso sterblich war wie jede andere Kreatur auf dieser Welt.

Schweigend wanderten sie weiter, dem brennenden Horizont entgegen, bis der Tag im rostroten Licht verdämmerte und sie auf einem Hügelkamm ihr Lager aufschlugen. In dieser Nacht ließen die Feuer, die auf dem Hochplateau zu lodern schienen, den grünen Schimmer des Eisenrings und das Funkeln der wenigen Sterne am Himmel verblassen. Am nächsten Tag zogen sie weiter, ohne noch einmal auf Menschen zu stoßen, und Warnstein hoffte nur, dass dies kein schlechtes Omen war. Schließlich erreichten sie den Fuß des riesigen Kalksteinmassivs und fanden nach einiger Suche einen Pfad, der in steilen Windungen hinaufführte. Je höher sie kamen, desto kühler wurde es, als würden die heißen Wüstenwinde davor zurückschrecken, in dieser Höhe ihr Unwesen zu treiben, und gegen Mittag gelangten sie schließlich auf die eigentliche Hochebene.

Und Warnstein staunte.

Was er bisher für Feuer gehalten hatte, waren ungeheure leuchtende Säulen, die in weitem Abstand am Rand der Hochebene in den Himmel ragten, als würden sie das Firmament selbst stützen und verhindern, dass das Weltenall auf das Erdenrund stürzte. Die Säulen bestanden aus dem gleichen weißen Metall wie der Ahnenweg in den Krograniten, nur dass es diesmal von innen her erstrahlte, als würde es das Tageslicht einfangen und tausendfach verstärkt wieder abgeben. Das also war das Feuer gewesen, das die Nacht im Hügelland erhellt hatte. Das Metall war glatt und makellos, frei von Rost und sonstigen Spuren der Zeit, und jede Säule war so dick wie der Glockenturm von Gorm, aber himmelhoch, die Wolken durchbohrend. Zwischen diesen gewaltigen Pfeilern wucherte dichter Wald, der Warnstein seltsam vertraut vorkam, obwohl er aus knorrigen, tausendfach verästelten purpurnen und burgunderroten Bäumen bestand, mit Blättern groß wie Markisen, sechseckig geformt und fingerdick. Sie knarrten im auffrischenden Wind wie alte Dielen unter der Last schwerer Stiefel, und unter ihren dichten Wipfeln herrschte ewige Dämmerung.

Warnstein lauschte, aber bis auf das unentwegte Knarren des Geästs und das leise Rauschen des Windes war es still in diesem verwunschen wirkenden Forst. Er blickte wieder an der nächsten Säule empor, die nur zwanzig Meter weiter in den Himmel ragte, und das Gefühl des Vertrautseins, das Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein, wurde stärker. Er spürte, wie der Heidengötze am Grund seiner Seele rumorte, und ein innerer Drang trieb ihn dazu, sich der Säule zu nähern und vorsichtig die Hand an das brennende Metall zu legen. Es war sonderbarerweise kühl und versetzte ihm eine Art schwachen elektrischen Schlag, und ehe er wusste, wie ihm geschah, tauchten Bilder vor seinen Augen auf. Bilder einer anderen Zeit, Bilder von gewaltigen Schwärmen schwarzer, entsetzlicher Kreaturen, die am Himmel kreisten, über einer Glocke aus purem Licht, das die Säulen verströmten und das die Kreaturen davon abhielt, über das Säulenland herzufallen. Kosmische Nachtmahre, dachte Warnstein benommen. Und er begriff, dass ihm das Metall Szenen aus dem ersten kosmischen Krieg zeigte. Erschrocken zog er die Hand zurück, und der Bildersturm verblasste.

Aber der Götze in der Tiefe seines Kopfes rumorte jetzt lauter, als hätten ihn die Bilder aus seinem Dämmerschlaf geschreckt. Azahel, raunte Sardor. Geliebte Azahel ... hier habe ich dich zu Grabe getragen. Und ich weine noch immer um dich, meine Azahel.

Warnstein wartete, aber der Heidengötze blieb stumm. Nur eine vage Traurigkeit stieg aus der Tiefe zu ihm empor, wie eine Erinnerung an Dinge, die nie geschehen waren. Aber vielleicht war der Götze einst tatsächlich hier gewesen, vor seinem Jahrtausende währenden Schlaf unter dem Moos der Heldenhügel. Wenn es so war, so würde dies auch seinen Drang nach Süden erklären, seinen gebieterischen Wunsch, die mythischen Raubmenschen aufzusuchen und sie zu bitten, ins Heer des Sardor einzutreten. Er hörte knirschende Schritte auf dem steinigen Untergrund am Waldrand nahen und drehte sich um.

»Es riecht nach Blut und Mord«, raunte Churm, während er besorgt zum rötlich schimmernden Forst hinüberblickte. »Das Säulenland ist kein guter Ort für Menschen.«

»Diese ganze Welt ist kein guter Ort für Menschen«, gab Warnstein barsch zurück. Die Besorgnis des Hornmanns wirkte ansteckend, und erneut lauschte er in sich hinein, auf einen Fingerzeig des Götzen hoffend, eine beruhigende Versicherung, dass sie richtig handelten und ihren Weg fortsetzen sollten. Doch Sardor murmelte in seinem Gespensterschlaf nur Unverständliches, und mit einem gezwungenen Lächeln fügte der Flieger zu Churm gewandt hinzu: »Wir werden sehen, was uns im Wald erwartet. Teufel auch, wir haben schon ganz andere Gefahren gemeistert!«

Der Schwarzbart brummte seine widerwillige Zustimmung, zog aber, als er zum Wald marschierte, sein blaues Schwert Gly. Warnstein zögerte, folgte dann seinem Beispiel und trat mit gezückter Klinge in das Halbdunkel zwischen den kolossalen Bäumen. Der Boden war von einer weichen Decke aus verrottetem Laub überzogen, das ihre Schritte dämpfte. Es roch nach faulender Vegetation und noch nach etwas anderem, das Warnstein nicht einordnen konnte, scharf und aufdringlich und seltsam verstörend.

»Blut und Mord«, murmelte Churm wieder, »Mord und Blut.«

Der Flieger warf ihm einen verärgerten Blick zu. »Dein Optimismus ist kaum zu ertragen«, knurrte er sarkastisch.

»Es war ein Fehler hierherzukommen«, erwiderte der Schwarzbart. »Ich spüre es.«

Warnstein sagte nichts, und sie marschierten schweigend weiter. Bald lag der Waldrand weit hinter ihnen. Der Forst hatte sie verschluckt, die Dämmerung sie verschlungen, und nur das Licht der Säulen, das vom purpurnen Blätterdach rot gefiltert wurde, wies ihnen den Weg. Plötzlich verharrte Churm und reckte lauschend den Kopf. Warnstein blieb ebenfalls stehen und horchte, aber da war nichts, nur das ewige Rauschen des Windes und das Knarren der Äste.

»Was ist?«, fragte er gepresst.

»Hörst du es nicht? Sie kommen ...«

Der Flieger fuhr zusammen. Nun hörte er es auch. Einen heiseren Ruf aus animalischer Kehle, ein hohes, schrilles Jaulen in weiter Ferne, wie das Heulen eines tollwütigen Kojoten, doch lauter und mächtiger, furchteinflößend. Und dann wurde diesem gespenstischen Ruf von anderer Stelle geantwortet, und bald war es ein ganzer Chor aus diesem grausigen Geheul, das wie ein Sturmwind durch den Wald brauste und näher kam. Langsam, aber unerbittlich pirschte es sich an die Männer heran, wurde wilder und wütender, hungriger und bedrohlicher. Bald war es überall um sie herum, in den unergründlichen Tiefen des purpurnen Waldes, im Zwielicht, das den Sinnen Streiche spielte, sodass der Flieger einen Moment lang glaubte, Augen zu sehen, die ihn aus der ewigen Dämmerung anfunkelten, groß wie Untertassen und kalt wie gestoßenes Eis.

»Blut und Mord«, sagte Churm zum dritten Mal, »Mord und Blut.«

Mit gezückten Schwertern stellten sich die beiden Männer Rücken an Rücken, bereit, gegen die Wesen zu kämpfen, die sich ihnen unerbittlich näherten, die Nachkommen des Rudels von Zwarn, wenn man den Legenden glauben wollte und es nicht noch weit schrecklichere Kreaturen waren. Der Mund des Fliegers wurde trocken vor Furcht und bangem Grauen, und zum ersten Mal, seit es ihn in diese satanische Welt verschlagen hatte, hoffte er, dass der Götze tief in ihm das Wort ergreifen würde, um Trost zu spenden oder zu erklären, welchem Feind sie hier gegenüberstanden. Dann sah er Schatten in den Schatten, mächtige schuppige Leiber auf vier Beinen, rötlich gefleckt und fast eins mit dem Rot des verwunschenen Waldes, kantige Köpfe mit zähnestarrenden Mäulern und lauernden Augen, wie eine Mischung aus Reptil und Großkatze. Es waren Tiere, keine Menschen. Doch die Erkenntnis brachte keine Beruhigung, nur neues Entsetzen, denn das Rudel der geschuppten Bestien zog den Kreis um die Männer enger, und ihr hungriges, gieriges Geheul marterte die Ohren.

Dann griff das erste Untier an, sprang wie ein Blitz aus des Waldes düsterer Tiefe und schlug mit einer klauenbewehrten Pranke nach Churm, während es weit das Maul aufriss und mit spitzen, unterarmlangen Fängen drohte. Der Hornmann trennte mit einem schnellen Streich seines blauen Schwertes den Vorderlauf der Bestie ab, sodass ihr wahnsinniges Geheul zu einem schmerzerfüllten Kreischen anschwoll. Schwarzes Blut verströmend zog sie sich zurück und verschwand humpelnd zwischen den knorrigen Bäumen, aber schon war das nächste Untier heran und das übernächste. Die Schwerter pfiffen durch die Luft und schlugen klaffende Wunden, trieben die Reptilienkatzen zurück, doch für jede Bestie, die verletzt oder getötet wurde, sprangen zwei neue heran. Der Hornmann und der Flieger kämpften schweigend, keuchend weiter, während Blut und Schweiß in Strömen flossen und die Kadaver sich um sie türmten. Sie wussten nicht, wie lange sie schon fochten. Sie spürten nur, wie ihre Kräfte nachließen und die Klauen ihnen bedrohlich nahe kamen, ohne dass der Ansturm der rasenden Geschöpfe nachließ.

So sieht er aus, der Tod, dachte der Flieger benommen. Von wilden Tieren zerrissen, in der Tiefe eines Zauberwalds ... Er knirschte mit den Zähnen und kämpfte weiter, Schmerz und Erschöpfung ignorierend, Rücken an Rücken mit dem Schwarzbart, dessen wütendes Geschrei nun durch das rasende Geheul der Bestien schnitt, als glaubte er, mit der Kraft seiner Stimme die Untiere vertreiben zu können.

»Für die Menschen!«, brüllte Churm Horn, und Warnstein nahm den trotzigen Ruf auf: »Für die Menschen!«

Aber seine Kraft schwand immer mehr, sein Schwertarm wurde taub, und mit jeder verstreichenden Sekunde kroch die Schwäche in ihm höher. Bis plötzlich ein Tuten das Heulen der Reptilienwesen übertönte, ohrenbetäubend laut, dumpf und langgezogen, wie aus einem riesigen Kriegshorn, von einem Blasebalg gespielt. Und die Bestien verharrten. Sie spitzten die Ohren, grollten und fauchten furchtsam und wichen vor den Männern zurück. Das Tuten wiederholte sich, noch lauter diesmal, sodass der Flieger das Gefühl hatte, der Kopf würde ihm zerspringen, und im nächsten Moment hetzten die Bestien mit riesigen Sprüngen in den Wald und wurden vom Zwielicht verschluckt. Von einer Sekunde zur anderen war der Spuk vorbei. Nur das Tuten hielt an, und in diesen dumpfen Lärm mischte sich rhythmisches Trommeln und Donnern und ließ den Waldboden erbeben, als ritte ein ganzes Regiment der kaiserlichen Kavallerie heran, um dem Schwarzbart und dem Flieger zu Hilfe zu eilen. Einen aberwitzigen Moment lang hoffte Warnstein, dass dies wirklich der Fall war, dass die unbekannte Macht, die ihn in diese Welt versetzt hatte, ihnen eine Reiterarmee zur Rettung schickte.

Doch was dann aus dem Wald gedonnert kam, waren keine Kavalleristen, sondern Kreaturen, die noch weit entsetzlicher waren als die Reptilienkatzen, die sie so erbittert angegriffen hatten. Es waren Wesen halb Mensch, halb Tier, mit wilden, animalischen Fratzen, in denen gnadenlose Augen leuchteten, mit aufgerissenen Mündern voller spitzer Zähne und kräftigen Körpern mit schwellenden Muskeln unter ledernen Harnischen. Sie schwangen Keulen oder gewaltige Äxte mit rasiermesserscharfen Schneiden, und sie ritten auf mächtigen Tieren, den Reptilienkatzen ähnlich, aber weit größer und stärker, mit stampfenden Beinen und donnernden Hufen. Wie die Wilde Jagd hetzten sie heran und heulten und johlten, dass es einem durch Mark und Bein ging, während einer von ihnen in ein gewaltiges Kriegshorn blies, das mit seinem Tuten alle anderen Laute übertönte. Dann kreisten sie den Hornmann und den Flieger ein und zogen den Kreis enger und enger, nun lauter heulend und die blitzenden Fänge fletschend, während die Hufe ihrer bestialischen Rösser wie Donner grollten. Warnstein sah eine Keule hochfahren und auf ihn niedersausen, und obwohl er im letzten Moment das Schwert hochriss, um den Hieb abzuwehren, traf ihn die Waffe wie ein Blitz am Kopf und schickte ihn zu Boden.

Dunkelheit umfing ihn, bevor er aufschlug.

Hier trug ich dich zu Grabe, geliebte Azahel. Hier stahl der Tod mir das, was mir am liebsten war. Hier brach mein Herz für immer ...

Die leise Stimme des Götzen Sardor weckte Dietrich von Warnstein aus der gnädigen Bewusstlosigkeit. Mit schmerzendem, hämmerndem Schädel kam er wieder zu sich, und in das Geraune aus der Tiefe seines Verstandes mischten sich andere Stimmen, die um ihn herum tanzten, rau und wild, wie entfesselte Geister. Benommen öffnete er die schweren Lider und blinzelte ins rotgelbe Licht prasselnder Feuer, die in steinernen Umfriedungen loderten und Flammen meterhoch in die Nacht schickten. Jenseits des Feuerscheins nahm er schattenhafte Gestalten wahr, Kreaturen mit animalischen Fratzen unter Lederhelmen und wallenden Löwenmähnen, die zu den rhythmischen Schlägen unsichtbarer Trommeln wie irr durch die Nacht hüpften und flackernde Fackeln schwenkten. Die Raubmenschen des Säulenlands, die Brut des Rudels von Zwarn, die offenbar die Gefangennahme der beiden Männer feierte. Hinter ihnen glaubte Warnstein Zelte aus Fellen und Tierhäuten zu erkennen, Schattenrisse vor dem Dunkel des Waldes, das aus weiter Ferne vom Widerschein einer leuchtenden Säule durchbrochen wurde. Zwischen den Zelten und rund um die Feuer standen Pfähle mit aufgespießten Totenschädeln, die weiß und leer in die Nacht grinsten, schaurige Trophäen, ein böses Omen für die Dinge, die doch kommen mochten. Er stöhnte und wollte sich den brennenden Schweiß aus den Augen wischen, doch seine Hände waren hinter seinem Rücken gefesselt, und zwischen den Schulterblättern spürte er das harte Rund eines Pfahles, an den er gebunden war.

Ach, Azahel, seufzte Sardor wieder in der Tiefe seines Geistes. Geliebte Azahel, wie oft habe ich an deinem Grab geweint ...