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Erzählungen einer jungen Hirtin über ihren Beruf, Sehnsucht, Zweifel, Freiheit, Mut und Leidenschaft. «Wie aus der Zeit gefallen, lebe ich das Leben als Schafhirtin in seinem Ursprung weiter. Aus der Vergangenheit gewonnen, als Kontrast zur heutigen Geschwindigkeit. Dem Rhythmus der Natur folgend, der seit Jahrzehnten unverändert bleibt. Eine Freiheit bewahren, um mir näher zu sein. Inmitten der Bergwelt mit meinen Hunden und den Schafen lasse ich das Bild von einst im Jetzt erwachen.»
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Seitenzahl: 248
Veröffentlichungsjahr: 2023
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EIN ATEMZUG GLÜCKSELIGKEIT
Winterweide I
EILE MIT WEILE
FIIN
DER SONNENUNTERGANG
DIE HUNGERGRUBE
KNÖPFLI
Alp Tsermon
VERFALLENE ERINNERUNG
LETZTER AUFSTIEG
AUSSTEIGERIN
DER SCHÖNHEITSFEHLER
ENDLICH
DAS SCHWARZE LOCH
Alp Tsermon
WANDERNDE SONNENSTRAHLEN
VOM KOMMEN UND GEHEN
DURST NACH KLEINEM LUXUS
EIN AFRIKANISCHES SCHAF
ÄPFEL IM SALAT
FLIEGENDE ZAHNBÜRSTE
WIEDER EINMAL
GÄSTE
ABSCHIEDSGRÜSSE
Alp Gauli
OPTISCHE TÄUSCHUNG
DOPPELT
TRIANGEL
EINE GEGENWARTSKUNST
DER STUMME DIALOG
DER GÜGGEL
NAHTLOS
DER VERWUNDBARE GLAUBE ANS GLÜCK
DAS SCHWARZE SCHAF
SINTFLUT
DER SCHAFRETTER
GETEILTES GLÜCK
IM SCHUTZ DER DUNKELHEIT
IM GLETSCHER
ÄS
HERBSTLAUNEN
Winterweide II
DER ORT ZWEIER LIEBEN
EIGENSINNIG
DAS HIRTENFEST
IM TEICH
EINE ÜBERRASCHUNG
Alp Les Bésines
EIN NEUES ANKOMMEN
IN DER NACHT BEGINNT DER TAG
DER RÄUBER
DIE HIRTENSCHULE
EINE BÄRENGESCHICHTE
EINE ANDERE BÄRENGESCHICHTE
DAS OPFERLAMM
SCHWARZ DER HIMMEL
BEINE
EIN SCHAF VERSCHWINDET
SINGENDE SANFTMUT
DREI WORTE
Alp Gadriola I
IM BUCHUMSCHLAG
LAILO
DES ALPSOMMERS BEGINN
Die Perle des Jetzt
ERINNERUNGSSPUREN
SCHAFE HÜTEN NACH PLAN
DIE NAMENLOSE WIESE
DER VERLORENE SCHUH
UND ZULETZT KOMMT LOTTI
WETTERLAUNEN
QUINOA
WEISS
Alp Gadriola II
BOTE DER VERGÄNGLICHKEIT
SCHÄFLIWOLKEN
VANILLECREME
DIE WASCHMASCHINE
EIN LÄMMLEIN IN DER HÜTTE
EDELWEISS UND TECHNO
HALBZEIT
DAS WARTEN
EIGENTLICH
EIN ABSCHIED OHNE BEGEGNUNG
UNSICHTBARES FINDEN
DIE PREISVERLEIHUNG
Alp Gadriola III
AUF WIEDERSEHEN
EIN BERG IM NEBEL
DER VERGESSENE WASCHLAPPEN
DER SCHNEEMANN
DAS GEMSCHLOCH
SILHOUETTE DER VERÄNDERUNG
HINTEN AM BERG
Die Rose
DAS GLEICHE ANDERS
SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT
DIE BESCHWÖRUNG AUF DAS BEREUEN
BROT UND SENSE
SCHAFE AM HORIZONT
FREIWILD
EIN TAG IM SEPTEMBER
NUR
DER SOMMER IM NIEDERGANG
In der kühlen Morgendämmerung schleichen sich letzte Nebelschleier davon. Vor mir türmt sich die Berglandschaft in ihrer Ruh auf. Mit dem Erklingen der Schafglocken erwacht ein neuer Tag. Die Schafe sanft angeschmiegt am Berg wie eine Perlenkette, die im fahlen Sonnenlicht glänzt. Meine Schritte leicht und beflügelt, mein Herz lacht. Begleitet vom Rauschen des Bergbaches, der ohne Unterbrechung, ohne Anfang und Ende zu sein scheint. Dazu brauche ich nicht mal schönes Wetter, um von solch einem Anblick beeindruckt zu sein.
Während ich auf dem schmalen, sich hochschlängelnden Weg gehe, präsentiert sich mir eine sorgfältig eingebettete Landschaft – ein nahezu perfektes Bild. Ein Gefühl von Entspanntheit umhüllt mich, zwischen mir und den Tieren finde ich unmittelbare Harmonie. Wie ein Loslassen im Festhalten einmaliger Kostbarkeit, als liesse ich die Schafe wie an einem Fadenspiel tanzen. Solch einen Moment zu spüren, in dem ich den Einklang mit mir und dem Jetzt finde, ist wie eine Überraschung im Alltag, in der Routine, in der ganzen Mühsal. Ein Wundermittel gegen all meine Sorgen und Ängste. Weil sich der Augenblick mit dem nächsten Atemzug verflüchtigen kann, möchte ich mich reichlich beschenken lassen – stehe schweissgebadet am Berg, mit rasendem Puls, meine Beine fühlen sich schwer an, um diesen Anblick nicht zu verpassen.
Bald habe ich die Anhöhe erreicht. Vor mir breitet sich eine blumenverspielte Wiese aus, die sich weiter oben in dem Übergang zu steinigen, unbezwingbaren Felswänden verliert. In hoch hinaufragende prachtvolle Bergspitzen, die für mich den Himmel berühren. Der Wind singt besonnen ein Lied, kleine Liebesgrüsse von den ungezähmten Wetterlaunen rauer Bergwelt. Durch meinen Feldstecher sehe ich den Schafen nach, beobachte sie, erhalte den Anschein, es sei alles gut.
Wie aus der Zeit gefallen lebe ich das Leben als Schafhirtin in seinem Ursprung weiter. Aus der Vergangenheit gewonnen, als Kontrast zur heutigen Geschwindigkeit. Dem Rhythmus der Natur folgend, der seit Jahrzehnten unverändert bleibt. Eine Freiheit bewahren, um mir näher zu sein. Inmitten der Bergwelt mit meinen Hunden und den Schafen lasse ich das Bild von einst im Jetzt erwachen.
Unbeschwert setze ich mich auf einen Felsenvorsprung. Geniesse den Ausblick, schweife mit meinem Blick über die Weite, hinab ins Tal, zum grossen See, der türkisblau leuchtet, gleite über schwungvolle grüne Wiesen mit ihren angegliederten Häusern und Scheunen. Sehe die kleinen Autos, wie sie auf den in die Landschaft eingravierten Strassen umherfahren. Wie sie die Natur durchschneiden, sich unbemerkt in ihrer Schnelligkeit bewegen, ich unbemerkt von ihnen in einer Langsamkeit. Wende meinen Blick ab von den Dörfern und der Eile, gleite zur gegenüberliegenden Talseite, streife hinauf der schweigenden Bergkette entlang. Lasse meine Gedanken weit über den malerischen Horizont hinausfliegen, reise mit ihnen zurück an den Anfang einer Geschichte, meiner längst begonnenen Geschichte als Schafhirtin.
Wenn in nebelverhangener Herbststimmung ein Hahn kräht, erinnert es mich an Frankreich.
An Neuanfang, an meine ersten Hütetage auf der Winterweide. Es bringt mir ein Gefühl zurück, das mir ewig bleibt. Als sei ich nie fort gewesen von dem chaotischen Bauernhof Leyssart im Südwesten Frankreichs, im Departement Gironde. Es bringt mich zurück in das alte, längst renovationsbedürftige Wohnhaus, in die lottrigen zusammengebastelten Stallungen, in das ganze Drumherum. In das wilde und lebendige Zusammenleben von Menschen und Tieren.
Jeder Tag begann mit dem Krähen der Hähne, die auf den Bäumen schliefen. Hinzu gesellten sich stürmisches Hundegebell, Schafgeblöke und Ziegengemecker.
Thérèse, eine erfahrene Schafhirtin, begleitete mich am ersten Tag mit der Schafherde vom Stall auf die Tagesweide. Sie gab mir Tipps und zeigte mir Tricks, wie sich die Schafherde lenken und hüten liess. Es erschien mir nicht allzu schwierig. Begleitet wurde ich vom ausgebildeten Hütehund Marille. Ich nahm auch den jungen Hütehund Fiin, ohne zu wissen warum, an einer Leine, mit. Thérèse erklärte mir, welche Kommandos für die Hunde, welche Rufe und Pfiffe den Schafen galten. Nach einem kurzen Fussmarsch kamen wir auf einer der Weiden an. Bald darauf liess sie mich alleine mit der Schafherde, die ich zum ersten Mal hütete. Und ich merkte, es stellte sich schwieriger heraus, als anfangs gedacht.
Schnell wurde mir heiss, vom ständigen Hin- und Herlaufen, mitten im November. Ich umkreiste im T-Shirt pausenlos die Herde, im Glauben, mir könnten die Schafe stets und überall entwischen. Mein Unwissen, meine unreife und zugleich stürmische Art, alles richtig machen zu wollen und die fehlende Hütetechnik liessen mich den ganzen Tag laufen. Die Schafe weideten dennoch ruhig. Mir schien das Bild vom gelassenen Schafhirten, der neben seiner Herde weilt, noch sehr rätselhaft. Wie machen die das nur?
Aufgeregt und unermüdlich in Bewegung knabberte ich an meinem Sandwich, verspürte jedoch kaum Appetit. Überprüfte abermals jedes noch so kleine und erdenkliche Schlupfloch, welches den Schafen zum Abhauen hätte dienen können. Hatte kein Gefühl für die Herdengrösse, ob mir eines oder mehrere Schafe fehlen würden. Wusste nicht, wie schnell Schafe sein können und dass sie sich selten unbemerkt davon machen. Meistens verraten sie sich mit einem ganz bestimmten Blökruf, der in mir erst später die Alarmglocke erklingen liess. Doch von all dem wusste ich an diesem Tag noch nichts.
Über mir hing eine dicke Schicht Hochnebel, die Temperatur war angenehm mild, wobei ich mir nicht ganz sicher war, ob es vielleicht nur am Anblick auf die friedlich weidende Schafherde lag, der mein Gemüt erwärmen liess.
Die Wiesen im matten Grün in einer tauberieselten Herbstlandschaft. Der Duft von nassem Laub, von feucht herunterhängenden Herbsttagen. Die Bäume verloren ihre letzten Blätter. Laub raschelte wegen den Schafen, die darin nach heruntergefallenen Eicheln suchten. Zwischendurch zwitscherte ein Vöglein, leise zu hören das anhaltende Knabbern der Schafe auf den Grasbüscheln, die ihren Hunger stillten.
Zögerlich und unsicher versuchte ich mich im Hüten der Schafe und war überrascht, wie fein ihre Wahrnehmung ist.
Gegen Abend kehrte ich mit der Herde auf den Hof zurück. Mit der Frage, ob es wohl jeden Tag so sein würde und froh darüber, dass mir kein Schaf entwischt war, fiel ich müde ins Bett.
Tagtäglich zog ich vom Hof mit der kleinen Herde von rund sechshundert Schafen los auf die Weiden. Die Schafe zogen hin und her auf den Wiesen, die von mir begrenzt wurden. Ich hütete sie entlang den Strassen, hielt sie von Ackerfeldern fern, aber meistens waren es die Weinreben, vor denen ich sie abhielt, darin zu fressen. Dabei war ein Hund – mein Hund – unerlässlich, der geradlinig den Grenzen entlangging. Der mir die Schafe zurückholte, waren sie mir doch mal entwischt.
Wenn sich die Mehrheit der Schafe auf eine Weidehälfte begeben hatte, trieb ich die restlichen nach, um zu verhindern, dass sie mir davonliefen, wenn ich am anderen Ende der Weide war. Ich musste selber entscheiden, wann ich wo stand oder wo ich entlangging. Wann ich den Hund losschickte, wann ich ihn wieder zurückpfeifen musste, um an das Ziel zu kommen, die Schafe möglichst ruhig und ohne sie in zu grosse Aufregung zu versetzen, zu hüten.
Mit der Zeit begann ich zu denken wie ein Hirt. In Gedanken den Schafen schon einen Schritt voraus zu sein. Mehr und mehr wusste ich, bei welchem Handeln, mit welchen Reaktionen der Tiere zu rechnen war. Mit der Zeit gesellten sich mehr Gelassenheit und Sicherheit zu mir. Ich wurde ruhiger, lief weniger, lief gezielter, wagte mich auch hinzusetzen. Doch die Schafe nutzten diese Gelegenheit meistens zu ihren Gunsten, versuchten mir zu entwischen. Obwohl ich anfänglich noch dachte, die Schafe würden nicht alles merken, kannten sie mich und meine Gewohnheiten schneller und besser als ich ihre.
Die Schafe verlangten von mir meine ganze Präsenz, meine vollste Aufmerksamkeit, immer und überall. Den ganzen Tag lang. Das ständige Beobachten, das Dasein und die stete Achtsamkeit liessen mich abends müde sein.
Wie wird es mir gelingen, ein langanhaltendes Bild einer ruhig weidenden Schafherde in spannende Worte zu fassen?
Schafe hüten ist nur durch Erfahrung, durch Erlebtes zu erlernen. Die ersten Tipps und Tricks von Thérèse halfen mir nur bedingt beim Hüten. Ich musste meine eigene Hütetechnik entwickeln, denn ein jeder Hirt besitzt eine individuelle. Das Zusammenspiel mit den Hunden verbesserte sich zunehmend. Was mir am Anfang als rätselhaft erschien, wie ruhig andere Hirten ihre Schafe hüteten, konnte ich bald auch für mich entdecken. Das Wichtigste ist, die Schafe immer gut und genau zu beobachten. Unterschiede zwischen den Schafen, ihren Charakteren und Eigenschaften zu kennen. Wissen, wie ihre unterschiedlichen Blökrufe zu deuten sind. Mit jedem Tag gelang es mir, die Herde geschickter durch die zahlreich bewirtschaftete Weinrebengegend zu lenken. Mit einigen Ausnahmen.
An einigen Tagen waren die Schafe ruhiger, mal nervöser, abhängig davon, wie das Futterangebot und die Witterung waren. Schafe sind wählerische Feinschmecker – Grasfresser. Auch besass jede Weide ihre Herausforderung für das Hüten. Mal war es einfacher, mal schwieriger, mal gelang es gut, mal lief ich ununterbrochen von einer Seite zur nächsten.
Kein Tag glich dem nächsten. Konnte mehr und mehr von der Eile zur Weile leben, ohne dass sich die Angst vor Langweile hinzugesellte. Von einer tiefen Zufriedenheit begleitet auf meinem neu gewagten Weg ins Schafhirtenleben.
Aus dem Ziegenstall jagten zwei Hunde mit lautem Gebell aufgeschreckten Hühnern nach. Der eine hinkte, hielt sein hinteres Bein hoch in die Luft, warf mir einen wunderlichen Blick zu und verschwand ebenso schnell, wie er zum Vorschein gekommen war. Meine ganze Aufmerksamkeit wurde von ihm in Beschlag genommen. Sofort erkundigte ich mich bei den Besitzern nach seinem Namen und nach der Ursache seines verletzten Beines. Die Verletzung an der Wolfskralle sei schon lange verheilt, es sei vielleicht nur noch eine Simulation, weil sie nicht «arbeiten» müsse.
Oder es gab mir einen Grund, ihr meine Aufmerksamkeit zu schenken. Es war der Hund, den ich an meinem ersten Hütetag an der Leine mitgenommen hatte.
Mir wurde erzählt, sie sei unfolgsam, zu schnell im Umgang mit den Schafen, kein Hirte habe genügend Geduld mit ihr zu arbeiten. Ich sollte sie haben? Ich hatte weder Ahnung vom Schafe hüten und noch weniger, wie man einen Hund ausbildete. Ich handelte instinktiv, ahnungslos, mit dem Herzen. Der kleine Hund zupfte und zerrte an der Leine, unerzogen und mit grosser Lebhaftigkeit.
Ihr Name ist Fiin.
Die ersten Hütetage waren hektisch, teils chaotisch, da ich weder die Landschaft noch die Schafe kannte, dazu diese wilde Fiin. Ich liess sie mit dem anderen Hütehund Marille mitlaufen, nicht selten kam es dabei zum Wetteifern. Wie sollte sie dabei langsames Arbeiten an der Schafherde erlernen? Oft überhörte sie meine Kommandos, stellte mich auf harte Nervenproben und strapazierte meine Stimmbänder. Der einzige Vorteil war, dass Fiin dadurch die Kommandos für links und rechts lernte, was mir das Mitrennen ersparte.
Da sich die Weiden oft neben Weinreben befanden und ich die Schafe abhalten musste, dass sie nicht in die Pflanzen gingen, liess ich Fiin hineinrennen. Rasch trieb sie mir so alle Schafe aus den Reben auf die Weide zurück. Die Reben mit den niedrigen Stützdrähten erschwerten mir ein Durchkommen, ohne Hund wäre ich gänzlich verloren gewesen.
Fiin mit ihrer Geschwindigkeit und Flinkheit lernte schnell und war mir bald eine grosse Hilfe. Auch wenn es anfänglich mit dem «Stoppen» noch etwas haperte. Mit ihrem Fleiss und ihrer Ausdauer liess sie die Schafe zügig vorankommen. Manchmal wurde die Herde etwas zu fest aufgewühlt und die Schafe erhielten etwas mehr an Bewegung als nötig. Es war an mir, Fiin rechtzeitig zu stoppen, ihr die Kommandos zum richtigen Zeitpunkt zuzurufen, um nicht zu riskieren, dass plötzlich keine Schafe mehr auf der Wiese waren. Wann aber war der richtige Zeitpunkt dazu? Ich fand es nach und nach heraus und konnte schon bald mit Stolz den anderen Hirten von meinen ersten Erfolgsgeschichten mit Fiin berichten. Sie wandten mir erstaunte, teils neidische und skeptische Blicke zu. Bald war allen klar, dass ich und Fiin zusammengehörten. Nur ich nahm es noch nicht ernsthaft wahr, zu stark hielt ich noch an meiner Vorstellung eines Border Collies fest, dem klassischen schwarz-weissen Hütehund. Fiin war jedoch ein Mischling mit der Rasse Berger des Pyrénées.
Als ich zu Weihnachten und Neujahr zurück in die Schweiz reiste, bemerkte ich, dass mir etwas fehlte, mein Begleiter. Durch den regen E-Mail-Kontakt mit Thérèse vergewisserte ich mich, dass es Fiin gut ging. Erst als ich nach einer zwölfstündigen Zugfahrt wieder auf der Weide mit den Schafen, in Begleitung meiner aufgeweckten und lebensfrohen Fiin war, war die Welt wieder in Ordnung.
Eines Tages, es schien der passende Augenblick gekommen, wagte ich endlich, Thérèse und Dominique zu fragen, wie es wäre, wenn ich Fiin behalten würde, sie mit in Schweiz nähme, da ich den kommenden Sommer z’Alp wollte und noch einen Hund brauchte. Meine Kehle fühlte sich trocken an, mein Herz schlug wie wild, zu sehr fürchtete ich mich vor einem Nein. Ich staggelte in wenigen Brocken Französisch etwas zusammen, war mir nicht sicher, ob ich es in der richtigen Reihenfolge gesagt hatte. Sie antworteten, dass sie schon Angst hatten, ich würde nie fragen und sie müssten mich am Ende noch darauf aufmerksam machen, dass Fiin und ich zusammengehörten. Für sie sei es schon lange klar, und es wäre ein Verbrechen, wenn dies verhindert werden würde. Ich atmete erleichtert aus und endlich konnte ich mich von meiner Border-Collie-Vorstellung entfernen und Fiin gänzlich in mein Herz schliessen.
Da Fiin nun mein Hund war, beschloss ich, sie am Abend nach dem Hüten mit in meinen Wohnwagen zu nehmen, dass sie nicht draussen irgendwo schlafen musste. Ich betrachtete sie nun als meinen Besitz und sie zeigte mir klar und deutlich, wie unwohl ihr dabei war. Sobald ich sie einsperrte, kratzte sie wie wild an der Tür, wollte wieder nach draussen. Ich war gezwungen, sie wieder hinauszulassen. Ich untersagte mir jeden weiteren Versuch, sie einzusperren. Widerwillig akzeptierte ich ihre freiheitsliebende, ungebundene Art. Hatten wir uns den ganzen Tag über beim Hüten, reichte ihr dies anscheinend. Ich konnte von ihr hingegen nicht genug bekommen. Ihre aufgeweckte, quirlige Art und ihre Originalität versetzten mich doch immer wieder in pure Zufriedenheit. Sie beschenkte mich oft und stets von Neuem mit ihrer Leichtigkeit. In den Hütepausen spielte sie mit Schafkotbällchen, die sie hoch in die Luft warf und geschickt auffing. Ihre wunderlichen, aufgesetzten Blicke brachten mich oftmals zum Lachen. Mit ihrem Charme konnte sie meine schlechte Laune augenblicklich in gute verwandeln. Allein ihre Erscheinung machte sie einzigartig. Ihr Fell war braun-beige-grau-weiss, das im Sonnenlicht fast in einem Goldblond schimmerte. Ihre spitz aufgestellten Ohren mit ihren fein umrandeten Haarsträhnen lenkten nur wenig ab von ihrem auffällig halb braun, halb blau-weiss gefärbten Auge. Sie verrieten ihre Aussergewöhnlichkeit.
Mitten im Februar stand der Tag meiner Abreise vor der Tür. Jonas, mein Freund aus der Schweiz, reiste zu mir nach Frankreich, anschliessend wollten wir an die Westküste weiterreisen. Es war bereits dunkel, als ich noch schnell nach draussen ging und die Tür hinter mir nicht schloss. Ich kam zurück und wer lag da auf meinem Bett?
Fiin.
Sie blieb die ganze Nacht über auf dem Bett, ausgestreckt im Tiefschlaf. Es war, als wäre dies ein deutliches Zeichen dafür, dass sie zu mir gehörte und dies auch wollte. Am nächsten Morgen reisten wir zu dritt ab.
Friedlich weideten die Schafe, bevor ich zum Nachhauseweg aufbrach.
Ich pfiff, die Schafe hoben die Köpfe und sprangen blökend zu einer dichtgedrängten Herde zusammen.
Einige Stunden zuvor waren zwei Lämmer zur Welt gekommen, die nun auf wackligen Beinen ihre ersten Gehversuche machten. Neugeborene Lämmer bedeuteten für mich immer, dass ich sie auf dem Weg zum Hof tragen musste, da sie noch zu schwach waren, um der Herde zu folgen.
Frohen Mutes zog ich mit der Herde los. Hinter mir lag ein ruhiger und geglückter Hütetag. Mit je einem Lamm unter dem Arm ging es in Richtung Hof. Dabei musste ich mit den Schafen einen kleinen Weiler passieren. Was zuvor nie ein Problem gewesen war, verlief heute ganz anders. Gerade wollte ich an den Häusern vorbei, sprangen alle Schafe los und verteilten sich in Windeseile in die umliegenden Gärten und Rabatten. Sie zupften an den Rosen, zertrampelten Blumen und Kräuter, verteilten sich unaufhaltsam um die Häuser. Erste empörte Blicke spähten hinter gezogenen Gardinen hervor. Ich brüllte, setzte die beiden Lämmer auf den Boden und rannte los. Fluchend und hysterisch fuchtelnd rannte ich zigmal durch die Schafe, um sie auf die Strasse zu treiben. Mittlerweile war kein einziges Schaf mehr auf der Strasse. Mir schien, als bewegte sich alles in Zeitlupe. Endlos kam mir dieses Szenario vor. Wütig auf die Schafe und in meiner Ohnmacht sah ich keinem Ende entgegnen. Irgendwo kläffte der zweite Hund, Marille, und ging mit eingezogenem Schwanz auf schnellen Pfoten nach Hause. Heute bleibt mir aber auch gar nichts erspart, dachte ich.
Ich glaubte nicht mehr daran, mich alleine aus dieser Situation retten zu können. Hilflos schrie ich umher.
Nach und nach gelang es mir, die Schafe wieder auf die Strasse zu lenken. Und ich wollte nur möglichst schnell weiter, weg von hier. Der Anblick der hinterlassenen Gärten war beschämend. Meine Kehle brannte vor Schmerzen, ich rannte zurück zu den Lämmern, packte sie unter die Arme und folgte rennend der weiterziehenden Herde. Die zwei Muttertiere waren im ganzen Durcheinander schwer zu motivieren, mir zu folgen. Sie suchten verwirrt nach ihren Lämmern, die ich ihnen immer wieder aufs Neue zeigen musste. Sie zögerten, sie kehrten um, dann wieder folgten sie mir ein Stück.
Ich rang nach Atem, vor mir die wieder zusammengefundene Herde. Einmal mehr wurde mir bewusst, wie schwierig es sein konnte, eine Herde zu führen. Verliere ich den Herdenfluss, den Rhythmus, entreisst es mir die Kontrolle, wohin und wie schnell die Schafherde geht. Wie wenn feiner Sand durch die Finger rieselt, entgleitet mir die Kontrolle über die Herde. Es wird mir dann nicht mehr möglich sein, den Zusammenhalt der Herde zu sichern. Ich verliere als machtloser Zuschauer. Eine Schafherde von sechshundert Tieren zu führen, ist nicht sonderlich schwierig, doch es wird mir niemals gelingen, sechshundert einzelne Schafe zu führen.
Durcheinandergewühlte Emotionen erfassten mich. Vor mir die weitergehende Schafherde, in meinen Armen zwei Lämmer, die kläglich ihren Müttern riefen. Soeben befreit aus dem Desaster von verwüsteten Gärten lief meine Schafherde der am Himmel rot brennenden Sonne entgegen. Feuerrotes Glimmen. Überraschtes Innehalten. Die Sonne im atemberaubenden Abendkleid nahm den ganzen Himmel für sich in Anspruch. Über meine Wangen kullerten weiche Tränen der Verzweiflung und Dankbarkeit. Ein Zauber eines tiefen Atemzuges, sodass ich glaubte, die Wahrhaftigkeit streifte sanft meine Seele. Ich konnte dem leuchtenden roten Sonnenball nicht widerstehen, ihn nicht übersehen, wollte ihn als unvergesslichen Moment in meinem Herzen versiegeln. Meine Schafherde lief in den Sonnenuntergang und es war mir, als würde sie darin verschwinden.
Dominique war für mich der Inbegriff eines typisch französischen Bauern, doch nur, weil ich bis anhin keinen Vergleich hatte.
Immer trug er ein schwarzes Béret, ging leicht vorgebeugt, in schnellen Schritten. Meistens mehr rennend, als gehend. Nie sah ich ihn mit langsamen Schritten über den Hof gehen, auch dann nicht, wenn es keinen sonderlichen Anlass zur Eile gab. Im karierten Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, in Jeans mit dreckigen Hosenbeinen bis zum Stiefelrand. Immer trug er diese Stiefel. In Windeseile marschierte er und so wie er lief, sprach, so ass er, meistens stehend, hastig im Vorbeigehen, rastlos im Gehen zum Nächsten. Er erledigte zehn Dinge gleichzeitig. Er war von spindeldürrer Gestalt und unter seinem Béret wippten pechschwarze Haarsträhnen auf und ab, seinen stechend blauen Augen entging nichts. Sein schwarzer Gurt um die Hüften wappnete ihn wie einen Samuraikämpfer vor jeglicher Herausforderung auf dem Hof mit all seinen vielen verschiedenen Tieren. Er war stets der Letzte am Abend, der zu Bette ging und morgens einer der Ersten, der aufstand. Ob er wohl zum Schlafen kam? Er versorgte und sorgte sich um alle Tiere. Die Schafherde zu hüten, so nahm ich an, war für ihn eher eine Geduldsprobe – oder bereitete dies ihm wohltuende Momente in seiner gelebten Hektik? Nur selten sah ich ihn die Schafe hüten. Es waren vorwiegend die anderen Hirten, die hüteten. Er konnte sich derweilen um alles andere kümmern. Fast mit Hochachtung sah ich, wie schnell er dachte und hantierte, und ich war wie gelähmt in meiner Langsamkeit.
Jeden Abend kam ich mit meiner Schafherde von der Weide zurück zum Stall, wo die Lämmer hungrig warteten.
Eines Abends sagte Dominique: «Heute haben die Schafe gut gefressen.» An was dies zu erkennen sei, fragte ich. «Der Bauch des Schafes linkerseits muss gross, aufgewölbt und rund sein. Dann haben sie genug gefressen. Heute hast du sie gut gehütet», antwortete er.
Die «Hungergrube» wurde zu meinem neuen Massstab meines Könnens und Gelingens des Schafe hütens. Wie ich dies hinbekam, wurde alleine mir überlassen, mitentscheidend waren Futterangebot, Wetter, meine Laune und die der Schafe.
War ich doch ein wenig überrascht wegen seines flüchtigen Komplimentes. Lag doch ein sehr unruhiger Hütetag hinter mir. Vielleicht nährte das Gras die Schafe doch besser als angenommen oder mein unreifes Hirtenauge hatte mich getäuscht.
Ein Hirtenherz lacht sind seine Schafe zufrieden satt.
Ein Hirtenherz weint gehen seine Schafe hungrig über d’Weid.
Knöpfli tat sich heute schwer, der Herde zu folgen. Ich musste es mehrmals wieder auf seine Beine hieven. Es atmete schwer, sein Gesundheitszustand hatte sich sichtlich verschlechtert. Krank und abgemagert, schwach und mit apathischem Blick stand es auf seinen Beinen. Sein Lebenswille schwand von Tag zu Tag. Ich machte mir grosse Sorgen, hoffte auf ein Wunder.
Eines Tages, ich dachte erst, es schliefe, trug ich es am Abend von der Weide tot in meinen Armen zum Stall.
Mit braunschwarz gekraustem Fell, immer zuhinterst der Herde folgend, mochte ich es vom ersten Tag an. Das kleine namenlose Schäfchen, das ich auf den Namen «Knöpfli» taufte, war von meinem ersten Hütetag an nicht kräftig genug für ein langes Leben. Traurig darüber war ich, war es doch das erste Schaf, welches in meinem Hirtenleben starb.
Eine erste Schattenseite des Schafhirten-Daseins erfasste mich und ich hoffte inständig, ich möge damit Umgang finden, denn es würde nicht das erste und letzte Schaf sein, welches verstarb. Das wusste ich, wollte es aber nur widerwillig wahrhaben.
Knöpfli war ein Sonderling in der Herde. Mit seinem dunklen Fellkleid war er keiner Rasse zuzuordnen. Die Herde bestand mehrheitlich aus Schafen einer alten französischen Basco-Béarnaise-Rasse: weisse, gehörnte Schafe mit markantem Rammskopf. Es hatte auch ein paar weissgraue Schafe mit schwarzem Hals und Kopf der Rasse Manech Tête Noire, die schwungvoll geformte Hörner tragen. Hinzu kamen viele Landaise mit ihren braun-schwarz getupften Gesichtern und Beinen, von denen nur die Widder Hörner tragen und ein paar Rouge du Roussillon, die ich an ihrem rotbraunen Kopf erkannte. In der Herde mischten und vermischten sich nach und nach die Rassen. Jede dieser Rassen schwindet und muss bald vor ihrem Aussterben gerettet werden.
Während in der Schweiz die Wanderschäferei nur von Mitte November bis Mitte März dauert, wird die Schafherde vom Hof Leyssart das ganze Jahr über gehütet. Auf Brachland, auf abgemähten Weiden.
Manchmal zog ich an einem Tag bis auf drei verschiedene Weiden. Hütete die Schafe in Pappelalleen, auf Ackerland, wo geerntet worden und noch etwas Futter übriggeblieben war, an Waldrändern und auf Waldlichtungen. Bauern kamen und gaben mir Land, weil sie kostbaren Nutzen darin sahen, ihre Weiden von Schafen abfressen zu lassen.
In Frankreich gibt es noch genügend Platz für die Wanderschäferei. In der Schweiz wird diese jedoch zunehmend verunmöglicht, weil die Landschaft durch die wachsende Besiedlung und Verkehrswege verbarrikadiert wird. Es formiert sich immer mehr Widerstand gegen die Wanderherden, vor allem dort, wo intensiver Ackerbau betrieben wird. Wo die Schafe in den Wintermonaten die Weide nutzen, gibt es jedoch weniger Wurzelfäule, sie trampeln Mäusegänge zusammen, kräftigen die Böden mit ihrem Dünger und fressen das überständige Gras. Danach wächst das frische besser nach.
Eine gelebte Idylle der letzten Nomaden, die von den wenigen Hirten noch am Leben erhalten wird und trotz des rasanten Wandels ihre Daseinsberechtigung einfordern.
Die Wanderherde-Kultur in der Schweiz droht ganz zu verschwinden. Eine wertvolle Tradition mehr, die schwindet.
Seltsam, mein erster Alpsommer ist jener, der mir am wenigsten in Erinnerung blieb. Geblieben sind Bilder eines Sommers, die mehr und mehr schwinden. Ich habe immer gemeint, dieser erste Alpsommer bliebe unvergesslich. Würde für immer als Ganzes bleiben, doch er zerbröckelt mehr und mehr. Ich glaubte fest, ich könnte die vielen Erinnerungen für lange Zeit bewahren, tief im Herzen verewigen, weil sie am Anfang einer Geschichte stehen.
Ich kann mir nicht erklären, weshalb dies so ist, denn ich habe Erinnerungen, die weit länger zurückliegen, sich aber in einer Präsenz zeigen, als wären sie nie abwesend gewesen.
Ist Erinnerung zeitlos?
Wie gelingt es mir, dieser Geschichte gerecht zu werden, wenn ich nicht genau weiss, wie viel mir davon übriggeblieben ist? Ist es möglich, mich erneut zu erinnern, oder täusche ich mich dabei selbst? Würde mir der Glaube an die fehlenden Erinnerungen helfen, sie wieder zu finden?
Ist Erinnerung spontan oder gezielt?
Unter der warmen Mittagssonne stand ich da mit meinen Erinnerungsbildern, die auf einen Schlag wachgerüttelt, mir den Weg zeigten. Meine Erinnerungen an die Distanzen stimmten nicht überein mit denen, die ich heute wahrnahm. Wie Lichtblitze durchdrangen die Vorstellungen mein inneres Auge an damals vor zwölf Jahren, als ich vor demselben Aufstieg stand, auf dem Weg, der hoch zur Alp Tsermon führt. Der steil ansteigende Weg, der sich in einer tief eingeritzten Furche über die mattgrüne Wiese hinaufzieht und unter den ersten Tannen des Waldes verschwindet.
Dieser Weg war mir inzwischen fremd geworden und zugleich vertraut geblieben. Mir schwindelte, wie verlässlich ich an die Erinnerung glaubte, wie ich mich daran orientierte und mich darauf verliess. Getäuscht und verwundert darüber, weil es doch nur ein Abbild einer Vergänglichkeit meines Lebens ist. Ich wusste nicht mehr mit Sicherheit, ob die Vergangenheit der einstigen Gegenwart treu geblieben war oder ob ich das Leben, die Geschichten, nur als Illusion in Erinnerungen festhielt.
Erkannte ich Erinnerung als Verzerrung einer Vergangenheit? Blieb die vergangene Gegenwart nur eine Vorstellung des einstig Erlebten, die ich nur noch annähernd und nimmer mehr gänzlich halten konnte?
Wie eine Besinnung an das Vergessene erhellte die Erinnerung an damals auf. Vergewisserte mich mit jedem Atemzug, dort angelangt zu sein, wo ich einst war. Wie aus der Ferne blickte ich mir zu, fühlte mich nicht fassbar und fragte mich, war das wirklich ich, die dastand und staunte?
Im wohltuenden Schatten der Tannen lief ich auf dem holprigen Steinweg hinauf, der sich heute wie damals endlos anfühlte. Der mir das Gefühl verlieh, nie ganz aus der Dämmerung meiner Erinnerungen herauszufinden.
Der Wald lichtete sich vor mir, und ich erreichte bald die SAC-Hütte, die unter dem prächtigen Bergkessel des Vanil Noir steht. Plaudernde Gäste auf der Terrasse und Glockengebimmel der Rinder hinter der Hütte untermalten die friedlich wirkende Landschaft. Zielstrebig ging ich an der Hütte vorbei, das Verlangen nach meiner Alp zog mich wie ein Magnet an. Der Weg zog sich hoch über die Weiden, zwängte mich zwischen den Weidetoren hindurch. Es würde nicht mehr lange dauern, bis ich auf der Alp ankäme. Erhaschte erste Anblicke auf die vertrauten Weiden der Alp Tsermon. Zögernd öffnete ich das rostige Eisentor, schloss es leise hinter mir, als wollte ich ein unbemerkter Gast sein, der hier einst ein Stück Heimat fand und sie sich für kurze Zeit zurückergattern wollte. Zu scheu, zu fremd, zu nah fühlte sich das Ankommen an. Wie leer und zugleich erfüllend, fühlte es sich an, das Tor meiner einstigen Alp hinter mir zu schliessen.
Wildes, aggressives Hundegebell schoss mir entgegen. Schnell flüchtete ich mich ein wenig abseits des am Weg aufgestellten Zaunes. Zum Glück machten die Herdenschutzhunde daraufhin ihren Rückzug.
Erstes Rasten im Schatten der kleinen Tannen. Ich wusste nicht, was mich davon abhielt, weiterzugehen bis zur schon sichtbaren Hütte, die wie eine verlassene Ruine auf ihren Zerfall wartete.
