Schattenwandler - Adam - Jacquelyn Frank - E-Book

Schattenwandler - Adam E-Book

Jacquelyn Frank

4,9
8,99 €

oder
Beschreibung

Der Dämon Adam wird vierhundert Jahre in die Zukunft versetzt, um ein tragisches Ereignis zu verhindern. Vieles hat sich verändert, und Adam erkennt die Welt der Schattenwandler kaum wieder. Doch dann begegnet er der Vampirin Jasmine, die mit ihrer Berührung eine unbezwingbare Leidenschaft in ihm weckt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 432




JACQUELYN FRANK

SCHATTENWANDLER

ADAM

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Beate Bauer

Inhalt

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

Epilog

Impressum

Prolog

Samhain 2008

»Es sind zu viele!«, schrie Isabella, nachdem sie einen Moment lang Luft geholt hatte. Die dunkle Ebenholzwolke ihres Haars schwang in einem weiten Bogen herum, als sie den Kopf drehte, um ihren Begleiter anzuschauen: ihren Gefährten und Ehemann, den Vater ihrer Tochter und nicht zuletzt ihres Sohns, von dessen zukünftiger Existenz sie erst vor einer Woche erfahren hatten. Sie schützten einander im Kampf, und gemeinsam schützten sie das, was für sie am kostbarsten war. »Jacob!«

Die Druidin war gezwungen, ihren Angreifern den Rücken zuzudrehen, als sie sah, dass ihre Chancen im Vergleich zu seinen gering waren. Egal, wie stark und geübt sie über die Jahre als Kämpferin an seiner Seite geworden war, egal, wie unangreifbar er als Erddämon war, gegen eine solche Übermacht würden sie niemals bestehen. Nicht allein.

Und Jacob wollte nicht nachgeben.

Er konnte nicht nachgeben.

Nicht nur, weil sie die Hüter des Gesetzes waren und es ihre Pflicht war, bis zum letzten Atemzug gegen die schändlichen Angreifer zu kämpfen. Sondern auch, weil ihre Tochter nur wenige Meter entfernt von dem Grund und Boden versteckt war, den sie gerade verteidigten. Jacob würde bis zum letzten Atemzug dafür kämpfen, dass seiner Familie kein Leid geschah. Und Isabella würde das Gleiche tun.

»Bella!«

Zwischen zwei geschmeidigen Schlägen gegen den Feind fasste Jacob nach ihr. Er hakte sich mit den Armen bei ihr ein, und wie zwei perfekt ineinandergreifende Zahnrädchen eines Uhrwerks drehte er sich, mit ihr auf dem Rücken, während sie die Beine bewegte wie Windmühlenflügel, was ihre Gegner überraschte und sie ins Taumeln brachte. Als ihre Füße den Boden berührten, machte sie einen Schritt zurück, sodass die Ferse ihres linken Fußes die seines rechten Fußes berührte. Rücken an Rücken stemmten sie sich mit den Beinen in den Boden, während die Gegner sie umkreisten wie Aasgeier. Zum Glück wussten beide Kämpfer, dass die niederen Instinkte diese transformierten Dämonen daran hinderten, sich strategisch zu organisieren. Die Situation war ziemlich brenzlig, so wie sie in ihrem Blutdurst wüteten; wenn sie beide als Gespann auftraten, waren sie im Vorteil.

Als Bella ein Ziel mit ihrem zierlichen Arm traf, der eine viel größere Schlagkraft hatte, als man es bei so einer kleinen Person vermuten würde, streckte Jacob die Hände vor und ließ die Finger kreisen, als wollten sie sich in die Erde bohren, die in Wahrheit gut zehn Zentimeter unter einer dicken Steinschicht verborgen war. Gesplitterter Quarz und fester Lehm schossen an einer Stelle zu seinen Händen hinauf und explodierten schließlich in einem Kreis um ihn und seine Frau herum, bis sie von einem perfekten Zylinder aus Erde, Felsen und Schutt verschlungen wurden.

Isabella hatte keine Angst, als der Boden unter ihr nachgab, die Erde sie verschlang und sich über ihr wieder schloss. Sie fiel direkt auf die Tunnelrutsche und grub sich durch die Erde, während ihr Mann gleich darauf neben ihr abwärtsglitt. Obwohl sie sehen und hören konnte, wie über ihren Köpfen die Erde beinahe so schnell nachrutschte, wie sie abwärtsglitten, hatte sie keine Angst. Nein, sie war erleichtert. Die Monster über ihnen würden sie jetzt nicht mehr erwischen. Das war alles Jacob; jedes Körnchen und jeder Kiesel um sie herum stand unter dem Kommando ihres Mannes. Er war der mächtigste lebende Erddämon. Der älteste seiner Art. Keiner der transformierten Erddämonen über ihnen konnte es mit ihm aufnehmen, so schnell und präzise, wie er die Erde um sie herum manipulierte, oder damit, wie die Erde über ihnen wieder fester zusammengestampft wurde, als sie es von Natur aus gewesen war.

Jetzt müssten sich ihre Feinde überlegen, wie sie sich einen Weg durch das Erdreich gruben, um sie zu finden.

Schließlich drangen sie durch das hindurch, was einst fester Kalkstein gewesen war, bevor sie aus dem von einem Dämonen geschaffenen Tunnel in eine Naturhöhle stürzten. Jacob manipulierte die Schwerkraft, damit sie sanft auf den Füßen landeten, und er ließ Isabella noch einen kleinen federnden Hüpfer machen, sodass sie trotz ihrer brenzligen Lage kurz lachen musste. Dann drehte sie sich hastig zu ihrem Mann um.

»Das Baby!«

»Ganz ruhig«, sagte ihr Mann. »Sie ist gerade durch die Höhlen durch. Ich habe sie mit uns heruntergezogen. Was glaubst du denn?« Er gab ihr einen Klaps auf den Hintern, während sie in die Richtung rannte, die er ihr wies. Trotz dieser spielerischen Geste und dem raschen Blick über die Schulter war ihnen beiden wohl bewusst, dass sie noch nicht in Sicherheit waren. Zugegeben, die meisten von denen, die oben waren, konnten ihnen nicht folgen, aber ein paar …

Ein paar konnten es.

»Ich habe auch Jasmine in die Höhlen gezogen, doch sie ist verdammt weit weg von hier«, warnte er seine Frau. »Es wird eine Weile dauern, bis sie bei uns ist.«

Bella hob eine Hand zum Zeichen, dass sie verstanden hatte, obwohl er das bereits wusste. Isabella war noch immer überrascht, wie schnell sie durch die verschlungenen Gänge laufen konnte. Es war jetzt sechs Jahre her, seit sie sich von einem Menschen in eine Druidin verwandelt hatte, oder besser gesagt, in einen Hybriden aus Mensch und Druidin. Die Kräfte, die sie mit den Veränderungen in ihrer genetischen Struktur entwickelt hatte, einschließlich der Fähigkeit, unglaublich schnell zu rennen, waren seitdem eine der Segnungen in ihrem Leben. Als sie um eine Biegung kam, sah sie, wie eine weitere Segnung ungehalten den Schmutz vom Kleid klopfte, den die andere Segnung in Bellas Leben verursacht hatte.

»Daddy, ich bin ganz dreckig«, beschwerte sich die Fünfjährige, die Hände in die kleinen Hüften gestemmt und mit zu einem Schmollmund verzogenen Lippen, der unverkennbar an die berüchtigte Mimik ihrer Mutter erinnerte. Sie schenkte der Tatsache, dass sie in Gefahr gewesen war, überhaupt keine Beachtung.

»Tut mir leid, mein Engel«, entschuldigte sich Jacob, während er zur Höhlendecke blickte und die Gefahr ahnte, die ihnen drohte. »Wir müssen uns beeilen«, flüsterte er Bella ins Ohr.

Isabella war schon dabei, ihre Tochter hochzuheben, als ihr Mann ihr die Hand auf den schmalen Rücken legte, um sie zu führen und zur Eile anzuhalten.

»Ich kann selber gehen, Mami«, brachte Leah ihr auf ihre typische eigensinnige Art in Erinnerung, wie sie es immer tat, wenn Isabella sie tragen wollte. Ihrem Vater erlaubte sie dagegen klaglos, sie von morgens bis abends herumzutragen, wenn ihm danach war, dachte Isabella.

»Mami ist schneller als du, Schätzchen, und wir müssen rennen«, erklärte Bella, während sie genau das tat.

Sie verlor nie die Geduld mit den verqueren Wünschen ihrer Tochter. Es war nicht so, dass Leah nicht verstanden hätte, dass um sie herum Gefahr drohte. Denn das verstand sie sehr gut. Doch sie war es gewohnt, dass ihre Eltern sich bei der kleinsten Bedrohung ihres Zuhauses und ihres Heimatlandes, ihrer Freunde und ihrer Familie oder der Gefolgschaft des Königs in den Kampf stürzten. Sie redete wie ein Kind, das nicht im Geringsten um seine Sicherheit besorgt war, weil sie wusste, dass ihre Eltern ein schlagkräftiges Team waren, eine unbesiegbare Zwei-Personen-Armee, die sie, solange sie lebte, stets beschützen würde.

Der Luftdruck in der Höhle veränderte sich schlagartig, wie alle drei spürten; nach Leahs Erfahrung war der nachfolgende Druckabfall stets sanft.

Doch diesmal war es nicht so.

Isabella kam schlitternd zum Stehen und schob ihre Tochter so plötzlich hinter sich, dass Leahs Kleid erneut schmutzig wurde. Bella und Jacob gingen gegenüber der abtrünnigen Dämonin Ruth in Angriffsposition; diese war zu einer mächtigen Gegnerin geworden, seit sie als ältere Geistdämonin die nekromantische Magie in ihr ohnehin schon umfangreiches Repertoire an Fähigkeiten aufgenommen hatte.

Sie war es gewesen, die die transformierten Dämonen herbeigerufen hatte, vor denen Jacob und Isabella geflohen waren.

Doch die Anwesenheit des Vampirs Nicodemous, der sowohl ihr Können als auch ihre Kenntnisse in schwarzer Magie zu teilen schien, war viel schlimmer. Ruth hatte Tod und Zerstörung gebracht, als sie abtrünnig geworden war, zuerst gemeinsam mit ihrer Tochter und dann, nach deren Tod, allein. Jetzt, wo sie einen machthungrigen Vampir als Bindungspartner hatte, war sie eine unermessliche Macht des Bösen.

Sie beide waren es.

Das Einzige, was günstig war für die Vollstrecker, war, dass Ruths transformierte Lakaien ihr nicht unmittelbar zu Hilfe eilen konnten. Doch es würde nicht mehr lange dauern. Ruth brauchte nur einen Augenblick der Konzentration, dann konnte sie damit beginnen, einen Trupp zu sich zu teleportieren.

Isabella war nicht gewillt, ihr diesen Vorteil zu lassen. Die Druidin lockerte die straffen Zügel, mit denen sie ihre Fähigkeit im Zaum hielt, die Kräfte jedes beliebigen Schattenbewohners lahmzulegen. Das war ihre stärkste Eigenschaft, und es war auch die gefährlichste und unberechenbarste für sie selbst. Sie musste sich außerdem eingestehen, dass sie nicht wusste, welchen Schaden der empfindliche Fötus nehmen konnte, den sie in sich trug. Doch sie hatte keine Wahl, da das Leben ihrer ganzen übrigen Familie auf dem Spiel stand. Selbst wenn Jasmine ihnen zu Hilfe kam, war sie doch nur eine einzelne Vampirin, und es bräuchte eine Armee, um die beiden finsteren Wesen auszuschalten, wenn deren Fähigkeiten nicht beeinträchtigt waren. In den vergangenen Jahren hatten sie viel Übung darin bekommen, sie einzusetzen. Und es würde noch schlimmer werden. Bella und Jacob mussten jetzt zuschlagen, wo sie eine Chance hatten.

Außerdem war das hinterhältige Miststück hinter ihrer Tochter her. Bella würde dafür sorgen, dass Ruth dafür bezahlte, dass sie es wagte, auch nur daran zu denken, Leah ein Haar zu krümmen. Ganz zu schweigen von den schmerzhaften Folgen, die sie womöglich erleiden würde. Wenn Bella nichts unternahm, würden sie sowieso alle sterben.

Jacob musste das Gleiche gedacht haben, oder er hätte lautstark Protest gegen ihren Plan erhoben, über den er durch ihre telepathische Verbindung im Bilde war. Er wusste, was seiner Frau widerfahren konnte, doch während er sich früher oft dagegen gesträubt hatte, war jetzt keine Zeit dafür.

Also öffnete sie sich für das gefährliche Unbekannte und sog es in ihren verwundbaren Geist und Körper auf. Bella hatte schon einmal die Kräfte einer Geistdämonin in sich aufgenommen, allerdings nur das Dunkle von deren Seele; es drang in sie ein wie ätzendes Ammoniak. Sie hatte schon einmal die Kräfte eines bösen Vampirs in sich aufgesaugt. Dieser hatte anderen Schattenwandlern das Leben geraubt und sich ihre Fähigkeiten zunutze gemacht, indem er ihr Blut getrunken hatte. Doch sie wusste augenblicklich, dass dieser Vampir noch viel vergifteter war und dass seine Seele den Makel der Hexerei trug. Es war, als würde man eine doppelte Dosis von reinem, flüssigem Bösen in sich aufnehmen. Sie spürte die süßliche Schwärze aus dieser zweifachen Quelle; es sickerte in sie hinein wie zähflüssiges Teeröl. Das Böse verband sich in ihr und erstickte sie von innen heraus. Ihre Augen, die normalerweise von einem wunderschönen Violett waren, verfärbten sich schwarz, und als sie an sich hinunterblickte, sah sie eine dunkle Flüssigkeit aus ihrer Haut hervorquellen. Ihr war nicht klar, dass dieses Bild nur in ihrer eigenen Vorstellung existierte.

Jacob spürte, wie seine Frau laut aufschrie vor Entsetzen, lange bevor sie überhaupt ihre Stimme fand. Er sah, was sie sah, genauso wie er jeden ihrer Gedanken in jedem Augenblick des Tages kannte. Er wusste, dass sie eine Halluzination hatte, und er konnte nichts tun gegen den Drang, in ihren Geist einzudringen, um ihr klarzumachen, was real war und was nicht. Er fuhr herum, um sie mit seinem starken Arm aufzufangen, als sie sich in Krämpfen wand.

Leah sah mit vor Entsetzen geweiteten Augen, wie ihre Mutter von einer unsichtbaren Kraft zurückgerissen wurde. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als sie beobachtete, wie ihr Vater herumfuhr, um ihre Mutter aufzufangen, wobei sein braunschwarzer Pferdeschwanz peitschte wie bei einem aufgeregten Pferd. Sie spürte, wie ihr Herz sich zusammenzog, während sie sah, wie er seine geliebte Frau, die von heftigen Zuckungen geschüttelt wurde, so sanft wie möglich zu Boden gleiten ließ.

Das verschaffte dem Gegner hinter ihm Zeit, zuzuschlagen.

Es war der Vampir, der sich bewegte. Wie gelähmt vor Angst sah Leah, wie er mit blitzartiger Geschwindigkeit in seinem langen dunklen Mantel nach etwas griff, das scharf und gefährlich aussah. Selbst Leahs noch unausgereifte Dämonensinne konnten den Hauch von rostigem Eisen wahrnehmen, giftiges Metall, das tödlich war für Dämonen. Sekunden später stürzte sich der Vampir auf ihren Vater, der ihm den Rücken zugewandt hatte, und stieß ihm die eiserne Spitze unter das Schulterblatt.

Wie mit den Augen eines anderen sah Leah, wie die Spitze durch die Brust ihres Vaters fuhr und ihm das Herz durchbohrte. Der unfassbare Anblick des Blutes, das ihrem Vater aus der Brust quoll, war bei Weitem nicht so schlimm, wie zu sehen, dass er schockiert auf die Knie sank, Zorn und Entsetzen im Gesicht. Jacob blickte in die violetten Augen seines kleinen Mädchens und empfand sein Versagen, die Familie zu beschützen, mit solcher Heftigkeit, dass sein letzter Laut ein reuevoller Aufschrei war.

Dann fiel er nach vorn auf ihre Mutter, und sein letzter Atemzug hallte in der so plötzlich still gewordenen Höhle wider.

»Daddy!«

Leah rief nach ihrem Vater, als der Vampir ihn mit seinen Fangzähnen von ihrer Mutter herunterriss. Er fauchte und schleuderte Jacob so heftig weg, dass Leah hören konnte, wie er mit einem grässlichen Geräusch gegen die nächste Wand schlug.

»Tot.« Ein toter Dämon, der keinen Herzschlag hatte, um das Blut durch seinen Körper zu pumpen, war nutzlos für einen machthungrigen Vampir; dieser konnte sich dessen Fähigkeiten nun nicht mehr einverleiben. Nicodemous war wütend, weil Jacob ein Dämon mit so vielen Fähigkeiten gewesen war. Doch er wandte sich rasch zu Leahs Mutter um.

Leah war starr vor Angst, doch als sie sah, wie sich die blassen, knochigen Finger nach ihrer Mutter ausstreckten, wurde sie wachgerüttelt. Schützend warf sie ihren kleinen Körper vor den sich windenden und zuckenden Körper ihrer Mutter, nicht wissend, dass die symbiotische Beziehung ihrer Eltern bedeutete, dass der Moment, als ihr Vater gestorben war, auch den Todesstoß für ihre Mutter bedeutete.

Der Vampir packte sie am Kragen und riss sie von ihrer Mutter weg, an deren Kleidern sie sich festgeklammert hatte. Er zupfte sie ab wie eine zarte kleine Blume und betrachtete sie mit gierigem Blick.

»Sie ist zu klein, als dass sie schon irgendeine Macht hätte. Ich halte mich lieber an die Druidin.« Er warf sie auf die Brust ihres toten Vaters, und die eiserne Spitze, die aus der Brust ragte, drang in einen ihrer entblößten Oberschenkel, weil ihr Kleid nach oben gerutscht war. Das Eisen verbrannte ihre Haut und ihr Blut, die zur Hälfte dämonenhaft waren, unter furchtbaren Schmerzen. Das und der rasch kälter werdende Leichnam ihres Vaters brachten Leah dazu, laut zu schreien.

»Du Idiot! Wir sind wegen des Mädchens hier! So etwas wie sie gibt es nicht mehr auf der Welt!«, fauchte Ruth und streckte die Hand nach dem schreienden Kind aus, das augenblicklich verstummte und sein Bein in einer ungeheuren Kraftanstrengung von der Eisenspitze löste, die sich in es hineingebohrt hatte, und von der Dämonin fortkroch.

»Es gibt auch nichts auf der Welt, was so ist wie die Druidin!«, fauchte der Vampir zurück. »Und ihre Kräfte sind wenigstens schon entwickelt! Ich kann nur eine auf ein Mal aussaugen! Und das hier sind kaum mehr als ein oder zwei Schluck!«, bemerkte er verächtlich bei der Vorstellung, sich an dem dünnen kleinen Mädchen gütlich zu tun.

»Dann nehmen wir es mit«, dachte Ruth laut, während sie zusah, wie sich das Kind zwischen zwei Felsen zwängte, die von einem Vorsprung überdacht wurden. »Wir warten, bis es größer ist und seine Kräfte entwickelt hat. Dann kannst du es verspeisen, und niemand sonst wird die Möglichkeit haben, sich seiner Fähigkeiten zu bemächtigen.«

Nicodemous grunzte verhalten, während er Bella am Arm hochriss und die zuckende Frau an seine Brust presste. Er riss das Maul weit auf, und seine grausamen Fangzähne blitzten, woraufhin sich Leah noch tiefer in ihr Versteck quetschte. Sie war so verstört, dass sie kaum mehr als ein Wimmern hervorbrachte, als er die schrecklich aussehenden Zähne in ihre Mutter stieß und an ihrem Fleisch riss, sodass das Blut nur so in seinen Mund lief.

Ruth tat dem Kind unbeabsichtigt einen Gefallen, als sie sich vor Leahs Versteck hinunterbeugte und ihr so die Sicht auf das grausame Schauspiel versperrte. Ruth fasste zwischen die Felsen und versuchte Leah herauszuziehen, doch das Kind entkam ihr, indem es so tief wie möglich in den dunklen Zwischenraum hineinkroch.

»Komm her, Mädchen. Zwing mich nicht, Zauberei auf dich anwenden zu müssen. Ich verwandle dich in eine Eidechse, du kleines Gör.«

Doch Leah wusste, dass die Angreifer völlig machtlos waren, solange ihre Mutter noch am Leben war. Sie wusste, was ihre Mutter alles konnte. Der Vampir konnte so viel Blut trinken, wie er wollte, doch er würde dadurch nur eine der Kräfte ihrer Mutter erlangen. Er würde nur ihre vollkommen harmlose Fähigkeit erwerben, jede beliebige Sprache lesen zu können.

Dem Kind war allerdings nicht bewusst, wie gefährlich das sein konnte in einer Welt voller Bücher mit Schwarzer Magie in uralten und manchmal schon toten Sprachen. Zaubersprüche und Magie, die zusammen mit der Sprache verschwunden waren, in der sie geschrieben wurden. Machtvolle Zauberkünste, die vor langer Zeit als biblische Ereignisse angesehen worden waren.

Plötzlich bekam Ruth den Saum von Leahs Kleid zu fassen, krallte sich mit den Fingern an dem Stoff fest und zog sie auf die schmale Stelle zu, durch die sie entschlüpft war. Verzweifelt und in Panik packte Leah Ruths Unterarm und biss zu. Sie biss so heftig und so wild zu, wie sie es bei dem Vampir gesehen hatte, und war höchst zufrieden, als Ruth aufschrie und den Arm zurückzog. Leah kroch wieder in ihre dunkle Ecke und sorgte diesmal dafür, dass ihr Rock außer Reichweite war.

»Du kleines Miststück! Na warte, wenn ich dich kriege! Ich werde mit dir deine Mutter totschlagen!«

»Wie reizend. Das lockt sie bestimmt da heraus«, bemerkte Nico trocken und erntete einen bösen Blick von seiner besseren Hälfte. Ruth war eine schöne Frau, groß und schlank und hellblond, doch in ihren blauen Augen flackerte der Wahnsinn, und wenn sie ihn so anstarrte, sah sie ziemlich hässlich aus. Damit kam er ganz gut klar. Mit der Zeit hatte er sich an ihre schnellen Stimmungsschwankungen gewöhnt. Und ihre Unberechenbarkeit verhinderte, dass er sich langweilte, etwas, was bei so langlebigen Vampiren wie ihm leicht passieren konnte. »Beleg sie mit einem Zauberspruch, um zu ihr zu kommen«, schlug er vor. »Unsere angeborenen Fähigkeiten sind vielleicht verschwunden, aber ein Zauberspruch funktioniert bestimmt.«

»Und an was für einen hast du gedacht? Es gibt keinen ›Schnapp dir ein kleines Scheusal‹-Spruch.«

»Sei einfach ein bisschen kreativ. Bestimmt fällt dir …«

Plötzlich verstummten die beiden und legten den Kopf schräg, als sie spürten, dass sich jemand näherte.

»Verschwinden wir lieber«, sagte der Vampir, während er sich den Mund mit dem Ärmel abwischte. Doch es half nicht viel. Er hatte sich im Blut von Leahs Mutter gesuhlt, und Gesicht, Arme und Hemd waren verschmiert. »Dank ihr haben wir keinerlei Fähigkeiten, die wir einsetzen könnten.« Er schnippte herablassend in Bellas Richtung. »Und wie du gesehen hast, ist es keine gute Idee, nur mit unseren Zaubersprüchen zu kämpfen.«

Ruth konnte nichts dagegen einwenden. Der Instinkt sagte ihr, dass derjenige, der da kam, sehr mächtig war und nicht vom Kampf geschwächt. Ruth und ihr Vampir waren erschöpft von der handgreiflichen Auseinandersetzung mit den Vollstreckern und davon, dass sie die transformierten Lakaien manipulieren mussten, die sie gegen Bella und Jacob losgeschickt hatten.

Und so verließen sie Leah und die Höhle.

Durch seine eigenen sensorischen Fähigkeiten war sich das Kind bewusst, dass sie sich entfernten. Leah zwängte sich aus ihrem Versteck heraus, rannte zu ihrer Mutter, und mit ihren kleinen Händen und mit ihren schwachen Kräften drehte sie Bella auf den Rücken. Doch weiter konnte sie sie nicht bewegen. Weiter traute sie sich nicht, sie zu bewegen. Bei jeder Bewegung quoll Blut aus dem aufgerissenen Fleisch am Hals ihrer Mutter.

Leahs Augen füllten sich mit Tränen. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie wusste nicht, wie sie helfen sollte. Sie war die Tochter der Vollstrecker, einem unzerstörbaren Team aus Stärke, Macht und Intelligenz, das immer wusste, was zu tun war. Und nun lag es vernichtet neben ihr. Sie hätte eigentlich in der Lage sein sollen, etwas zu tun. Obwohl sie erst fünf war, spürte sie, dass sie zu etwas Großem ausersehen war, dass sie eines Tages eine sehr mächtige Dämonin sein würde.

Doch jetzt war sie einfach nur fünf, hilflos und verletzlich. Jetzt gab es nichts, was sie tun konnte.

Jasmine fand das kleine Mädchen quer über dem Oberkörper seiner Mutter liegend, die kleinen Hände in Bellas Ärmel gekrallt und das Gesicht auf deren Brust gebettet, wo es verzweifelt ihren Tod beklagte. Die Vampirin war nicht gerade bekannt für ihre Sentimentalität und Sanftheit, doch sie hätte aus Stein sein müssen, wenn sie von dem Anblick, der sich ihr bot, nicht schockiert und berührt gewesen wäre. Als Kopf des Schattenwandler-Sensornetzwerks, das auf der ganzen Welt im Einsatz war, um Schattenwandler zu fassen, die gegen das Gesetz verstoßen hatten und die durch die Maschen des Polizeiapparats der einzelnen Spezies geschlüpft waren, war Jasmine Nicodemous und Ruth stets um einen Schritt voraus gewesen. Es hatte ziemlich lange gedauert, bis sie die charakteristische Spur erkannt hatte, die die beiden stets hinterließen, und sie wusste, dass sie genau diese jetzt vor sich hatte.

Sie machte ein paar Schritte, stieg über den Mann, von dem sie wusste, dass sie ihm nicht mehr helfen konnte, und kniete sich neben Isabella hin. Sanft strich sie Leah über den Kopf. Das braunschwarze Haar, das sie von ihrem Vater hatte, war voller Erde und voller Blut, doch die Sanftheit der Vampirin war genau das, was das verstörte Kind brauchte. Mit großen violetten Augen blickte es zu Jasmine auf; ungeweinte Tränen standen in seinen Augen und ein Trauma, das es sein Leben lang nicht mehr vergessen würde.

»Bitte hilf meiner Mama«, bettelte es Jasmine schmerzerfüllt an.

»Komm, Schatz. Es ist am besten, wenn wir deine Mutter gehen lassen«, sagte die so sanft wie möglich, »sonst wird sie auf lange Sicht leiden.« Anders als Leah wusste Jasmine von der symbiotischen Beziehung zwischen dem Dämon und der Druidin. Ohne Jacobs Energie würde Bella langsam dahinsiechen und innerhalb von zwei Wochen tot sein. Es wäre ein langsamer und qualvoller Tod – vor allem für diejenigen, die die Druidin liebten und zuschauen mussten in dem Wissen, dass sie nichts für sie tun konnten.

»Bitte. Bitte!« Leah umfasste Jasmines Gesicht mit den Händen und blickte sie an mit einer erschreckenden Weisheit in den jungen Augen. »Ich war gemein zu ihr heute Abend, ich will nicht, dass Mama mich verlässt und denkt, ich bin ein böses Mädchen.«

»Schätzchen, wir wissen doch beide, dass deine Mutter so etwas nie denken würde. Sie hat dich mehr geliebt als irgendetwas sonst auf der Welt«, versicherte ihr Jasmine, während sie sie auf den Schoß nahm und fest an sich zog.

»Ich weiß schon, aber ich glaube, sie weiß nicht, dass ich sie lieb habe. Ich war gemein zu ihr.«

»Oh, Herzchen. Sie weiß es. Mamas wissen das immer.«

»Bitte. Ich muss es ihr sagen. Bitte …«

Das kleine Mädchen presste die Lippen auf Jasmines Wange, dort, wo ihre Fangzähne verborgen waren. Jasmine wusste, dass sie von dem kleinen Mädchen manipuliert wurde, das alle Register zog, um das Leben seiner Mutter zu retten.

»Verdammt.«

Leah verstand nicht, was es Jasmine für den Rest ihres Lebens kosten konnte, wenn sie Bella für den Moment rettete.

Jasmine hatte noch nie das Blut von jemandem getrunken, der kein Mensch oder Vampir gewesen war. Diese Vorstellung verstieß gegen ihr ganzes Empfinden. Ein Leben lang hatte man ihr eingetrichtert, niemals das Blut eines Schattenwandlers zu trinken. Bis vor Kurzem war es sogar streng verboten gewesen. Doch dann hatte Prinz Damien das Blut einer Lykanthropin getrunken, die später seine Gemahlin geworden war, und man hatte entdeckt, dass die kalten und lieblosen Vampire ihr Leben auf so emotionslose Weise geführt hatten, weil sie dazu bestimmt waren, ihre Gefährten unter anderen Schattenwandlerspezies zu finden … im Blut anderer Schattenwandler.

Doch hier gab es keine Liebe. Jasmine erwog, von Bellas Blut zu trinken, um das autonome System auszulösen, das mit ihrem zweiten Biss verbunden war und bei dem Gerinnungsstoffe in den Körper ihrer Opfer gelangten, sodass Bellas Blutung gestoppt wurde. Doch Blut von Bella zu saugen bedeutete, dass sie etwas von deren besonderen Fähigkeiten in sich aufnahm, und Jasmine wollte sich nicht auf einer molekularen Ebene für immer verändern. Sie mochte sich so, wie sie war.

Doch sie durfte jetzt nicht an sich selbst denken. Es ging um ein Paar bittende violette Augen, um ein Kind, das zur Waise werden würde, und die Mutter dieses Kindes würde entsetzlich leiden, wenn Jasmine sie lang genug am Leben hielt, damit sie sich von ihrer Tochter verabschieden konnte.

»Es tut mir leid«, flüsterte die Vampirin der Kleinen zu. »Sie ist tot.«

Sie hob das kleine Mädchen hoch und verließ die Höhle, in der Leahs toter Vater und ihre sterbende Mutter lagen.

Eine Woche später

Noah, der Dämonenkönig, raste vor Schmerz und vor Trauer und ließ seinen Gefühlen freien Lauf. Er hatte sich genau in den Höhlengängen versteckt, wo Jacob den Tod gefunden hatte, und mit seinen Feuerkräften verbrannte er alles, was in seiner Nähe war, bis die Felsen vollkommen verrußt und so schwarz waren wie die Wunden in seinem Herzen.

Kestra, seine Königin, trauerte voller Liebe. Leah schmiegte sich an Noahs Frau, die Arme unter Kestras zuckerweißem Haar fest um deren Hals geschlungen. Während ihr Mann raste vor Schmerz, wiegte und tröstete Kes das verwaiste Kind. Sie klammerten sich aneinander, das elternlose Kind und die kinderlose Frau, und stillten damit ein tiefes Bedürfnis.

Leahs Onkel Kane, der Bruder ihres Vaters, konnte es nicht ertragen, bei der Kleinen zu sein. Seiner Frau Corrine, Isabellas Schwester, schien es ebenso zu gehen. Sie sahen so viel von Bella und Jacob in Leahs Zügen und in ihrer Hautfarbe, und sie gingen ihr aus dem Weg. Leah spürte es auf sehr schmerzhafte Weise, und sie wuchs heran, ohne mehr von ihnen zu erfahren, als dass sie es nicht ertragen konnten, sie zu sehen.

Und sie waren nicht die Einzigen, die sich so verhielten.

Sie lernte, ihre Eltern niemals irgendjemandem gegenüber zu erwähnen. Innerhalb weniger Tage begriff sie, dass sie keine Familie mehr hatte. Dass sie allein war.

Und in den darauffolgenden Jahren musste eine bestimmte Vampirin dabei zusehen, wie die einst so verschworene Gemeinschaft der Dämonen nach dem Tod von zwei ihrer großartigsten und am meisten geliebten Mitglieder ihrer Spezies zerfiel, weil Furcht und erdrückende Schuldgefühle ihnen alles genommen hatten. Und sie erkannte sehr schnell, dass sie nichts dagegen tun konnte.

1

Zehn Jahre später

»Adam?«

Leah wandte erschrocken den Kopf und starrte ihren Siddah Elijah mit weit aufgerissenen Augen an. Belustigt blickte er seine Stieftochter an. Er wusste, dass die Fünfzehnjährige in den meisten Unterrichtsstunden bisher nicht zugehört hatte.

»Ja. Adam. Der älteste Bruder deines Vaters war Vollstrecker, bevor dein Vater den Mantel von ihm geerbt hat.«

»Aber … Daddys einziger Bruder ist doch Onkel Kane.«

»Vertrau mir, mein Engel, ich war mit Adam sehr eng befreundet. Vielleicht warst du zu jung, um dich daran zu erinnern, dass dein Vater ihn erwähnt hat.«

»Aber Onkel Kane erwähnt ihn nie«, wandte sie ein.

Zweifellos, dachte Elijah. Kane hatte Adam nicht gekannt, weil er erst nach Adams Tod geboren worden war. Außerdem mied der derzeitige Vollstrecker seine Nichte, soweit es nur ging, weshalb es nie eine Gelegenheit zu einem Gespräch gegeben hatte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!