World of Nightwalkers - Echo der Unsterblichkeit - Jacquelyn Frank - E-Book

World of Nightwalkers - Echo der Unsterblichkeit E-Book

Jacquelyn Frank

4,4
8,99 €

Beschreibung

Der Polizist Jackson Waverly verliert bei einer Explosion beinahe sein Leben. Doch als er schwer verletzt wieder erwacht, muss er feststellen, dass der Geist eines mächtigen ägyptischen Pharaohs in seinen Körper eingekehrt ist. Dieser sehnt sich danach, mit seiner Königin wiedervereint zu sein, und glaubt, in der hübschen Psychologin Marissa Anderson das passende Gefäß für ihren Geist gefunden zu haben ...

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Seitenzahl: 459

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Inhalt

Titel

Über dieses Buch

Widmung

Prolog

DIE VERLORENE SCHRIFTROLLE DER VÖLKER

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EPILOG

Glossar und Aussprachehinweise

Danksagung

Über die Autorin

Die Romane von Jacquelyn Frank bei LYX

Impressum

Jacquelyn Frank

World of Nightwalkers

Echo der Unsterblichkeit

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Beate Bauer

Über dieses Buch

Jackson Waverly wird bei einer Explosion tödlich verletzt. Während er zwischen Leben und Tod schwebt, erscheint ihm der Geist des Pharaos Menes, der ihn vor eine unglaubliche Wahl stellt: Entweder er stirbt, oder er teilt sich fortan seinen Körper mit der Seele des mächtigen Pharaos. Zwar wäre er nicht mehr derselbe, doch die Vereinigung würde ihm auch eine neue Welt jenseits allen Vorstellbaren öffnen. Entschlossen, dem Tod zu entkommen, willigt Jack ein. Menes ist auf der Suche nach einem neuen Gefäß für den Geist seiner geliebten Königin Hatshepsut – und glaubt dieses in der Polizeipsychologin Marissa Anderson gefunden zu haben, zu der Jack sich schon lange hingezogen fühlt. Bevor der Pharao Marissa für sich gewinnen kann, holt ihn jedoch die Vergangenheit ein: Ein alter Feind sinnt auf Rache für den versuchten Mord an seiner Anführerin. Um diese Schlacht gewinnen zu können, müssen Menes und Hatshepsut gemeinsam kämpfen, doch diese kann nur in den neuen Körper einkehren, wenn Marissa stirbt …

Für meine Schwester Laraine, meine Heldin

Prolog

Agincourt, Freitag, 25. Oktober 1415

»Hier findet ein wirklicher Krieg statt«, sinnierte Menes, als er sich in seinem Sattel vorbeugte und auf das weite Feld hinunterblickte. »Eine kleine Armee, die es mit einer Armee von so vielen aufnimmt.«

»Mich dünkt, Ihr seht Parallelen, mein Freund.«

Menes drehte sich zu Ramses um, einem sommersprossigen, rothaarigen Jüngling. In Wahrheit schon ein junger Mann, doch er hatte noch immer etwas Milchgesichtiges. Dass er die schlaksige Gestalt mit einem der größten Pharaonen aller Zeiten gemeinsam hatte, verlieh ihm ein selbstsicheres Auftreten, das zuvor nicht da gewesen war. Ein Auftreten, das andere dazu brachte, seinen Befehlen zu gehorchen, auch wenn sie manchmal nicht wussten, warum genau sie sich dazu gedrängt fühlten. Die Tatsache, dass er stets zu Menes’ Rechter war, zeigte den anderen Körperwandlern ziemlich deutlich, wer genau er war und warum man ihm gehorchen musste. Ramses hätte den Thron der Körperwandler ohnehin Menes zugestanden, weil er schon vor langer Zeit anerkannt hatte, dass dieser der bessere Herrscher über die Schattenwandlerspezies war, doch Menes stellte sich selbst nicht über Ramses, außer in Fällen, in denen das Gesetz der Körperwandler dies gebot. Sie waren einander ebenbürtig. Das waren sie immer gewesen, und sie würden es immer sein.

»Das sagst du nur, weil unsere politische Gruppe gegenüber den Tempelpriestern in der Unterzahl ist.« Ein ironisches Lächeln umspielte seine Lippen. Ihr Krieg, der Bürgerkrieg zwischen Tempelpriestern und den politischen Kräften, würde anscheinend nie enden. Jahrhundert um Jahrhundert, mit so vielen Toten, immer das gleiche Spiel. Doch zum ersten Mal lief die politische Kaste Gefahr, alles zu verlieren. Wenn das geschähe, würden die Körperwandler unter die Willkürherrschaft von Odjit und deren Anhängern geraten, die die Körperwandler mit eiserner Faust regieren würden.

»Du kennst die Prophezeiung genauso gut wie ich. An dem Tag, an dem die Tempelpriester uns die Macht entreißen, wird Amun sich erheben, um die unterdrückten Tempelpriester zu verteidigen, und ihnen Macht und Einfluss verleihen für ihren ergebenen Dienst an den Göttern.«

Ram schnaubte verächtlich. »Das ist die Prophezeiung ihrer eigenen Orakel … keines davon ist uns bekannt. Wenn etwas Wahres dran wäre, hätten unsere machtvollen Orakel damit übereingestimmt.«

Menes nickte. Er wusste das genauso gut wie Ram. Einer der Gründe, warum er ein guter Pharao war, war, dass er nie etwas pauschal von der Hand wies. Im Laufe seiner Leben, die er mit ganz unterschiedlichen Originalen verbracht hatte, hatte er gelernt, dass es in der Welt nichts Absolutes gab. Nicht einmal der Tod war absolut. Nicht für ihre Spezies jedenfalls. Das galt nur für die Menschen. Was noch etwas bewies. Was für den einen absolut war, war für den anderen ein Vielleicht. Für die Tempelpriester war Amuns Prophezeiung absolut. Für ihresgleichen war sie mit einem großen Fragezeichen versehen. Nach Rams Meinung war sie sogar »verdammt unwahrscheinlich«.

»Der Langbogen«, sagte er und wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Schlacht zwischen den Franzosen und den Engländern zu. Der englische König Henry erwies sich als hervorragender Taktiker. Vielleicht hatte er auch nur ausreichend Stehvermögen. Menes war sich nicht sicher. Doch aus der Ferne dabei zuzuschauen, wie die Engländer mit dem beeindruckenden Einsatz des Langbogens die Franzosen dezimierten, obwohl sie selbst schon eine dezimierte, von der Ruhr und anderen Krankheiten gepeinigte Armee waren, bedeutete vielleicht ein gerüttelt Maß von beidem. »Früher habe ich ihn für eine seltsame Waffe gehalten. Doch in den richtigen Händen kann sie eine Menge leisten.«

»Das Gleiche könnte man über eine Körperwandlerherrschaft sagen«, zog Ram ihn auf.

Menes wollte ihm einen Klaps geben, erstarrte jedoch mitten in der Bewegung. Er sog scharf die Luft ein und lenkte damit augenblicklich Rams Aufmerksamkeit auf sich.

»Sie ist hier«, sagte er atemlos. Es bedurfte keiner weiteren Erklärung. Ram wusste genauso sicher, wen Menes meinte, wie dessen schneller schlagendes Herz es wusste. Menes hatte die letzten Monate geduldig gewartet, während sein Leben sich so leer angefühlt hatte und er nie ganz da gewesen war, selbst wenn er die Zeit damit verbracht hatte, mit seinem neuen Wirt zu verschmelzen und sich nach einem Jahrhundert der Abwesenheit mit dem Stand der Dinge der Körperwandler vertraut zu machen …

Er kannte sie sein Leben lang. Lebensspanne für Lebensspanne fanden sie sich, verbanden sich miteinander, liebten sich auf eine Weise, die wahrscheinlich niemand nachvollziehen konnte, auch wenn er den Neid in den Augen der anderen sah. Es gab nichts Befriedigenderes und Tröstlicheres, als zu wissen, dass man einen Seelenverwandten hatte und ihm nach einem Leben in den Äther und dann wieder in ein neues Leben und zurück in den Äther folgte. Und auch wenn sie sich im Äther nicht berühren konnten, war allein schon die Anwesenheit des anderen mehr als tröstlich. Mehr als vergnüglich. Und sie warteten geduldig auf ihr nächstes Leben, ihren nächsten Körper, den sie wieder gegenseitig berühren konnten.

Er konnte sie jetzt spüren, und ihre Anwesenheit war wie Sonnenschein, der durch seine Rüstung drang, und eine Schweißperle rann ihm den Rücken hinunter. Er fühlte sich wie ein Kind, das sich auf den Geschmack von etwas Süßem freut, mit Zahnlücke und albernem Grinsen und gierig zugreifend. Oh ja, er würde ebenfalls zugreifen, und zwar sehr gierig.

Aber sachte jetzt …

Er flüsterte sich die Ermahnung zu und benutzte kraftvollere Methoden, um seine Libido zu besänftigen. Sie war wiedergeboren, und die Verschmelzung mit ihrem neuen, unwissenden Wirt hatte noch gar nicht begonnen. Und das war vielleicht das Beste daran. Eine neue Frau mit einer alten Seele in sich dazu zu bringen, ihn zu lieben. Er musste ihr den Hof machen und sie umwerben, sie davon überzeugen, ihn zu lieben, während die Seele, die er liebte, in ihr wiedergeboren wurde.

»Das ist der Teil, der mir am besten gefällt«, sagte er leise.

»Das habe ich gemerkt«, sagte sein Freund belustigt. »Eines Tages wird sie in einer Frau wiedergeboren, die deinem Charme nicht so leicht erliegt«, sagte Ram.

»Oh, für diesen Tag lebe ich!« Mit einem Schlachtruf setzte er sein Ross in Bewegung. Über die Schulter hinweg rief er: »Wo bliebe denn der Spaß, wenn eine Eroberung einfach wäre?«

Ram blickte hinab auf das Schlachtengetümmel.

Zweifellos wäre König Henry ein leichter Sieg recht gewesen. So wie es stand, würde er bei Einbruch der Dunkelheit wahrscheinlich tot sein … zusammen mit seiner ganzen Streitmacht. Doch er würde nicht leicht zu besiegen sein, eine Eigenschaft, die er sowohl an dem englischen König bewunderte …

… als auch daran.

DIE VERLORENE SCHRIFTROLLE DER VÖLKER

… Und so wird es in künftigen Zeiten geschehen, dass die Nationen der Schattenwandler auseinandergerissen werden und einander fremd werden. Durch Ungemach und Vorsatz werden diese zwölf Nationen zu unterschiedlichen Zielen kommen und füreinander mit der Zeit in Vergessenheit geraten. In der Zukunft werden diese Nationen Mühen und Kämpfe zu bestehen haben wie noch nie zuvor, und nur indem sie wieder zusammenfinden, können sie darauf hoffen, dem Bösen entgegenzutreten, das sie heimgesucht hatte. Doch sie sind füreinander verloren und werden das auch bleiben, bis ein großer Feind besiegt wird … und ein neuer wiederaufersteht …

1

Mit einer für sie ganz untypischen Fahrigkeit klopfte Dr. Marissa Anderson mit einem Bleistift an die Kante ihres Schreibtischs, was einen heftigen Gedankenaufruhr verriet. Sie versuchte herauszufinden, was sie so aufwühlte. In ihrem Leben lief ansonsten alles glatt. Sie hatte sich in ihre Stelle als Chefpsychiaterin des Reviers sehr gut eingearbeitet. Sie hatte sogar gelernt, wo sie die schwierige Grenze zwischen der beruflichen Beziehung mit ihren Kollegen und einem zwanglosen privaten Umgang ziehen musste. Freundschaften zu schließen in einem männlich dominierten Revier voller Alphatypen, die es überhaupt nicht mochten, wenn man sie daran erinnerte, dass sie Gefühle hatten … oh ja, das war nicht einfach. Vor allem wenn sie zwischen ihnen und ihrer Rückkehr in den Dienst stand. Doch so langsam begriffen sie, dass sie kein sadistisches Vergnügen daran hatte, diese Art von Macht über sie auszuüben. Ganz im Gegenteil. Solange sie sich ihren Problemen stellten und damit umgingen, setzte sie sich leidenschaftlich dafür ein, dass sie ihren Beruf weiter ausüben konnten.

So viel zur Karriere.

Ihre Schwester, die dafür bekannt war, dass sie hin und wieder in Schwierigkeiten geriet, war zum Glück brav gewesen und hatte es geschafft, zumindest einen Teilzeitjob zu bekommen.

So viel zur Familie.

Und dass sie im Augenblick keine Beziehung hatte, war für Marissa ganz in Ordnung. Sie hatte noch nie das Bedürfnis gehabt, sich über die Aufmerksamkeit eines Mannes zu definieren, wie es bei ein paar ihrer Freundinnen und Verwandten der Fall war. Sie fühlte sich wohl mit sich, ihrem Zuhause, ihrem Lebensstil und hatte nicht das Gefühl, dass sie irgendwie versagt hatte, weil es keinen anderen wichtigen Menschen in ihrem Leben gab.

So viel zum Privatleb…

Sie wischte den Gedanken weg, und das Klopfen ihres Bleistifts erreichte eine kritische Geschwindigkeit.

Drei Wochen …

Der Gedanke tauchte mit einem spöttischen Unterton in ihrem Hinterkopf auf. Ihre Haut begann zu prickeln, und sie errötete. Sie stöhnte frustriert auf, und in einer seltenen Anwandlung von Gereiztheit schleuderte sie den Bleistift durch den Raum und sah zu, wie er vom Fenster abprallte und in der Topfpflanze darunter landete.

Seufzend stand sie auf und ging durch den Raum, um sich hinunterzubeugen und in das Blättergewirr des Ficus zu blicken. Sie kam jedoch nicht so weit. Durch das Fenster fiel ihr Blick auf einen schwarzbraunen Fleck, der über das nicht allzu weit entfernte Feld schoss und dabei erstaunlich hoch sprang, bevor er in einen Mann hineinlief, der ihm im Weg war, und ihm die Zähne in den nächstbesten Körperteil schlug.

»Loslassen! Loslassen, sofort!«

Bei dem Befehl erstarrte sie, und die tiefe, autoritäre Stimme löste ein Gefühl zwischen Furcht und Bewunderung in ihr aus. Sie verspürte ein Kribbeln an den Brüsten, während ihr an anderen Körperstellen ganz warm wurde.

Ihre Augen schauten weg von dem Hund und dessen Opfer und richteten sich auf den Sprecher. Das Opfer trug einen gepolsterten Anzug, der speziell dafür gemacht war, einem Hundebiss standzuhalten. Allerdings war der Mann, der dem Hund Befehle erteilte, der Mann, der ihn trainierte, in Uniform.

Jackson. Sergeant Jackson Waverly war einer der beiden Polizeihundeführer vom Revier von Saugerties, New York. Der Hund, den er früher gehabt hatte, Chico, war vor sechs Monaten im Dienst getötet worden. Sergeant Waverly hatte das nicht sehr gut verkraftet. Für ihn war es genauso gewesen, als wenn er einen menschlichen Partner verloren hätte. Und wenn man bedachte, dass Chico sein Leben geopfert hatte, um seinem Partner das Leben zu retten, hatte er diesen Respekt ihrer Meinung nach auch verdient.

Eine Zeit lang war sie sich ziemlich sicher gewesen, dass Jackson nicht in der Lage sein würde, wieder als Hundeführer zu arbeiten. Er hatte das Training mit seinem neuen Hund aufgeschoben und wenig Interesse an dem hübschen deutschen Schäferhund namens Sargent gezeigt. Doch vor drei Wochen …

Vor drei Wochen …

Vor drei Wochen hatte sich etwas an Jackson dramatisch verändert. Wenn jemand sie gebeten hätte, es zu erklären, wäre ihr das wahrscheinlich nicht wirklich gelungen … sie hätte sich nur angehört wie ein dummes Schulmädchen mit einer Schwäche für einen Jungen.

Nun, sie musste zugeben, dass sie den Mann schon immer anziehend gefunden hatte. Wie denn auch nicht? Er war verdammt schön für einen Mann, und jede Frau mit einem Funken Verstand und einer halbwegs funktionierenden Libido würde dem zustimmen. Er war groß, aber nicht übermäßig groß. Aber immerhin so groß, dass er sie mit ihren eins vierundsiebzig und mit den sieben bis zehn Zentimeter hohen Stilettos, die sie immer trug, um mehrere Zentimeter überragte. Es kam wirklich selten vor, dass jemand ihr das Gefühl gab, sie sei kleiner und zarter, als sie in Wahrheit war. Doch er gab ihr auch das Gefühl …

Überrumpelt war das einzige Wort, mit dem sie es beschreiben konnte. Genau so hatte sie sich an jenem Tag vor drei Wochen gefühlt, als er sich von diesem manchmal anziehenden/manchmal nervtötenden Mann in …

»Ich wollte Ihnen sagen, Marissa … mir ist klar geworden, dass es im Augenblick niemanden auf diesem Planeten gibt, den ich so reizvoll finde wie Sie. Sie sind ein Rätsel, und noch dazu ein hübsches. Ich glaube, es wäre wirklich furchtbar schade, wenn ich Sie entwischen ließe.«

Wer zum Teufel sagt so etwas zu einer Frau? Eigentlich war es widerlich. Oder zumindest abgeschmackt. Es war beleidigend und unangenehm, wenn man bedachte, dass er im Grunde ein Patient von ihr war und es eine schwerwiegende Verletzung moralischer Grundsätze war, dass er es wagte, sie anzumachen.

Also nein. Sie hatte sich dagegen verwahrt. Hatte so getan, als hätte er einen fiesen kleinen Scherz gemacht, als er männliche Autorität gegenüber einer Frau einsetzte, die er mit seinem charmanten Lächeln und seinen überaus hübschen grünen Augen nicht hatte erobern können. Diese glasklaren, wie ein türkisfarbener Ozean schimmernden Augen, Augen, so klar, dass sie aus seinem Gesicht mit den edlen Zügen hervorstachen. Wie es schien, vor allem in den letzten drei Wochen.

Unsinn, dachte sie streng. Er rüttelte an ihrem Käfig und lenkte die Aufmerksamkeit auf sich, und jetzt verlor sie sich ständig in Tagträumen … ganz zu schweigen von ein paar feuchten Träumen mit Jackson als Hauptdarsteller.

Ein Teil des Problems war, dass er immer da war. Jedes Mal, wenn sie sich umdrehte, sah sie ihn oder hörte seine tiefe, klangvolle Stimme. Wie jetzt, als er seinen Hund mit einem scharfen Befehl zurückpfiff, woraufhin das kräftige Tier über das Feld zurück an seine Seite sprang und Jackson sich hinkniete, es lobte und ihm den Hals kraulte und ihm als Belohnung das Lieblingsspielzeug gab.

Es war auch nicht besonders günstig, dass die Übungswiese direkt vor ihrem Fenster lag. Es war eine verdammte Ablenkung, ihm dabei zuzuschauen, wie er abwechselnd mal autoritär und dann wieder albern und verspielt sein konnte, wenn er mit Sargent zwischen den strengen Trainingseinheiten spielte.

Doch im Nu wäre das intensive Training vorbei und damit auch ihr ebenso intensives Eintauchen in die Welt des verführerischen Jackson Waverly.

Juhu.

So ein Mist.

»Verdammt noch mal«, murmelte sie und ließ die Jalousien mit einem Ruck herunter, was einen Teil des Sonnenlichts aus ihrem Büro verbannte. »Es war nur ein dummer kleiner Flirt«, sagte sie sich.

Nun, ganz so war es auch nicht gewesen.

Sie zwang sich wieder an ihren Schreibtisch zurück und beschloss, keine weiteren Gedanken daran zu verschwenden.

Zwanzig Minuten später kritzelte Marissa abwesend Männchen auf ein Blatt Papier. Der Stift fuhr so wild darüber wie die Gedanken, die ihr durch den Kopf schossen …

Das Handy bei ihrem Ellbogen klingelte, und durch die Vibration wanderte es über den Tisch. Sie nahm es und blickte auf das Display. Ein strahlend schönes Bild ihrer Schwester war zu sehen, und das helle Sonnenlicht auf ihrem Haar ließ das Rot schimmern, als stünde es in Flammen. Doch dieser Schimmer war nichts im Vergleich zu dem strahlenden Lächeln, das auf dem Foto eingefangen war. Und dieses Lächeln sagte alles darüber, was für ein Mensch ihre Schwester war.

Sie lächelte ebenfalls und nahm den Anruf an.

»Waswillstedenn?«, fragte sie in gedehntem Brooklyn-Slang.

Angelina lachte los, und bei dem fröhlichen Geräusch verspürte Marissa ein Prickeln im Nacken und an den Schultern, sodass sie sich augenblicklich entspannte.

»Wasmachst’ndu?«, entgegnete Angelina mit dem gleichen übertriebenen Akzent. Das Lustige daran war, dass keine von beiden in New York geboren war, doch Lina behauptete immer wieder, dass Marissa allmählich klang wie eine Einheimische, also …

»Ich arbeite, was sonst«, antwortete sie mit normaler Stimme. Eine Stimme, die darin geübt war, kultiviert und akzentfrei zu klingen.

»Nein, das stimmt nicht. Du wärst nicht ans Telefon gegangen, wenn du gerade versuchen würdest, jemanden von seinem Wahnsinn zu befreien.«

»Ich hab noch andere Dinge zu tun, als Polizisten von ihrem Wahnsinn zu befreien. Schon allein der ganze Papierkram …«

»Aber sicher doch«, sagte Lina gedehnt. »Wahrscheinlich sitzt du einfach nur da und starrst hinaus auf Mr Groß Dunkel und Gefährlich.«

Die Bemerkung überraschte Marissa so, dass sie einen Moment lang kein Wort herausbrachte. »Ich starre ganz bestimmt nicht auf jemanden!«, protestierte sie.

»Du lügst«, warf ihr Lina wissend vor.

»Halt den Mund«, maulte Marissa. Sie fand es furchtbar, dass Lina sie so gut kannte … und zugleich war sie überaus dankbar dafür. Sie hatten beide Freunde und Gefährten in ihrem Leben, doch niemand stand Marissa so nah, und sie wusste, dass das umgekehrt auch für ihre Schwester galt. »Dann erzähl mir mal, was dich veranlasst, mich mitten in der Arbeit zu stören.«

»Du meinst, abgesehen davon, dass es Spaß macht?« Doch Marissa konnte hören, wie mit dem nächsten Satz das Lächeln aus der Stimme ihrer Schwester verschwand. »Ich habe tatsächlich ein ganz kleines Problem«, gestand sie.

Marissa verdrehte die Augen. Angelina hatte nie ein ganz kleines Problem. Und je mehr Adjektive diese verwendete, um es kleinzureden, desto sicherer wusste Marissa, das ihr der Gefallen, den sie ihr erweisen sollte, nicht behagen würde.

»Was ist los, mein Schatz?«, fragte sie ihre Schwester, während sie innerlich seufzte.

»Darf ich bei dir vorbeikommen? Ich bin ganz in der Nähe.«

Marissa warf einen Blick auf die Uhr.

»Ich habe in einer Stunde einen Termin …«

Ein Klopfen an der Tür unterbrach sie. Sie stand auf und eilte hin.

»Einen Moment, Lina, ich muss …«

Sie verstummte, als sie die Tür öffnete und ihre Schwester vor ihr stand. Angelina hob eine Hand, lächelte ihr verlegen zu und winkte mit den Fingern zur Begrüßung.

»Um Himmels willen«, schnaubte Marissa und drückte mit einem Klick das Telefongespräch weg. »Warum bist du nicht einfach …«

Da bemerkte sie den großen, genervt dreinblickenden Officer, der hinter ihrer Schwester stand. Officer Weiss, meinte sie sich zu erinnern. Marissa stockte einen Moment, als sie begriff, was sie da vor sich sah.

»Oh nein, zum Teufel«, rief sie aus.

»Oh ja. Ich bin irgendwie verhaftet worden.«

»Wie wird man bitte irgendwie verhaftet?«, fragte Marissa und musste den letzten Rest an Professionalität und Geduld aufbieten, um nicht vor dem gesamten Großraumbüro ihre Coolness zu verlieren. Nur ein paar Meter von ihr entfernt schwirrten die anderen herum, und wahrscheinlich beobachteten alle, wie sich dieses Debakel entwickelte.

»Sie hat einem Cop irgendwie aufs Auge gehauen!«, knurrte Weiss mürrisch.

Marissas Blick fuhr zurück zu dem Officer, dessen linkes Auge dabei war, sich dunkel zu verfärben.

»Angelina!«

»Ich hab ihn nicht geschlagen!«, rief sie aus. »Ich habe … um mich geschlagen. Es war ein Unfall!«

»Sie war bei der MaxCon-Kundgebung.«

So langsam ergab das Ganze einen Sinn. MaxCon war eine berüchtigte Textilfabrik am Hudson River nördlich von Saugerties. Vor Kurzem waren sie dabei erwischt worden, wie sie illegal Chemikalien in den Hudson River abgelassen hatten. In einer Presseerklärung behauptete MaxCon, dass es ein Unfall gewesen sei, eine Fehlfunktion der Anlage oder so etwas. Es gab eine Menge Leute, die das keine Sekunde lang glaubten. Ihre Schwester gehörte auf jeden Fall dazu.

Sie überließ es ihrer Schwester, sich ins Kampfgetümmel zu stürzen. Angelina war ein geradliniger, forscher und selbstsicherer Mensch. Sie suchte keine Ausflüchte. Sie hielt mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg und kämpfte wirklich immer für das, woran sie glaubte.

Überflüssig zu sagen, dass das nicht der erste Zusammenstoß mit dem Saugerties Police Department war.

Immerhin trug sie keine Handschellen. Sie hatte ihr Mobiltelefon in der Hand, also war es nicht konfisziert worden. Und Officer Weiss hatte Lina direkt zu ihr gebracht. Marissa zuckte innerlich zusammen bei dem Gedanken, dass er Linas Telefonat wahrscheinlich mitbekommen hatte, einschließlich des Teils über sie, wo sie aus dem Fenster zu Jackson Waverly starrte. Sie hatte seinen Namen nicht genannt, doch man brauchte kein Genie zu sein …

Oh Mann, sie würde gleich einen Schwestermord begehen!

»Was hat sie sonst noch getan?«, fragte Marissa erschöpft und beschloss, keine Energie darauf zu verschwenden, sich wegen der Sache mit dem Telefonat Sorgen zu machen. Ihre Schwester machte ihr im Moment viel mehr Sorgen.

»Unbefugtes Betreten.«

»Ich bin über den Zaun geklettert und habe mich oben auf die Mauer gesetzt! Ich habe den Boden des Grundstücks gar nicht berührt!«, wehrte sie sich entschieden und stemmte die Hände in die Hüften, als sie sich zu Officer Weiss umdrehte. »Jedenfalls bis sie mich gepackt und heruntergezogen haben! Und da habe ich um mich geschlagen.« Sie ruderte wild mit den Armen. »Ich habe versucht, mich loszureißen und gleichzeitig aufzustehen!«

»Lina!«, beschwichtigte Marissa sie mit zusammengebissenen Zähnen und starrem Mund. Angelina war dabei, sie vor dem ganzen Revier in Verlegenheit zu bringen, und natürlich hatte sie sich dafür den Schichtwechsel ausgesucht, wo alle im Gebäude waren, um Feierabend zu machen oder sich vor der nächsten Schicht auf den neuesten Stand bringen zu lassen. Hinter Weiss und Lina wurde das Publikum jedenfalls größer.

»Ist sie verhaftet?«, fragte Marissa ungerührt.

»Na ja … noch nicht.«

»Warum nicht?«, wollte Marissa wissen.

»He!«, protestierte Lina.

»Sei still!«, befahl sie ihrer Schwester. Dann blickte sie den verletzten Officer an. »Warum ist sie nicht verhaftet?«

»Weil sie nichts Falsches getan hat«, brummte Lina, die es nicht schaffte, sich zurückzuhalten. Das war vielleicht ihr ärgerlichster Charakterzug.

»Na ja … äh … der Vorfall selbst … der liegt wohl in einer Grauzone.«

Lina drehte sich wieder zu ihrer Schwester um und blickte sie selbstgefällig an. Das Mädchen hatte keinen blassen Schimmer, wie man sich schützte. Doch es schien so, als wäre ihre Schwester in dieser Sache im Recht. Wenn Weiss überzeugt gewesen wäre, dass sie etwas Böses im Schilde führte, hätte er sie nicht zu Marissa gebracht. Das Revier war sehr streng, wenn es darum ging, Freunde und Verwandte nicht bevorzugt zu behandeln. Dafür war die Stadt zu klein, und jeder kannte jeden. Sie mussten so professionell und unparteiisch sein wie nur möglich.

»Sie meinen, Sie glauben nicht, dass sie Sie absichtlich geschlagen hat.«

Weiss zögerte und kämpfte sichtlich mit seinem gekränkten Ego, doch Marissa glaubte, dass er sich fair verhalten würde, wenn es geboten war. Sie kannte ihn ein bisschen und hatte noch nie von ihm gehört, dass er kompromisslos sei.

»Ich bin gewillt zu glauben, dass es ein Unfall war«, brummte er schließlich.

Angelinas Gesicht verzog sich augenblicklich zu einem strahlenden Lächeln, und anstatt über ihren Sieg schadenfroh zu sein, sprang sie hoch und umarmte den Officer so fest, dass der grunzte.

»Danke!«, rief sie aus. Sie trat zurück und tätschelte ihm die Wange, als wäre er ein Kind. »Sie sind ein guter Mensch, Officer Weiss.«

Der kräftige Officer lief rot an, und seine ganze Haltung verwandelte sich in ein »Ach, was soll’s!«, während er die Lippen zu einem Lächeln verzog.

»Halten Sie sich aber in Zukunft aus solchem Ärger raus, kleines Fräulein«, mahnte er sie und kniff sie ins Kinn. Dann drehte er sich um und ging grinsend und kopfschüttelnd davon.

Lina hatte mal wieder gewonnen.

Wie immer. Es waren das unschuldige Gesicht und das entwaffnende Lächeln, dachte Marissa. Ganz zu schweigen von ihrer überschwänglichen Art. Sie machte Officer Weiss keinen Vorwurf wegen seiner Reaktion auf ihre Schwester. Er war nicht der Erste, der ihrem Charme erlag.

Mit einem strahlenden Lächeln wandte sie sich wieder zu ihrer Schwester um.

»Na dann? Zeig mir mal den knackigen Kerl!«

Marissa packte ihre Schwester am Arm, zog sie in ihr Büro und schlug die Tür hinter ihnen zu.

»Ich wünschte, ich hätte dir nie von ihm erzählt«, fauchte Marissa sie an. Doch sie sprach mit Linas Rücken. Lina eilte bereits zu den geschlossenen Jalousien, die den Blick auf Jack Waverly versperrten. Zumindest war Lina besonnen genug, zwischen den Lamellen hindurchzuspähen und sich nicht die Nase am Fenster platt zu drücken. Marissa musste selbst für einen kleinen Gefallen dankbar sein.

»Ach du liebe Güte!«, rief Angelina aus.

»Sprich bitte leise«, fauchte Marissa und lief unerklärlicherweise rot an vor Scham … doch im Grunde war es nicht Scham, die sie erröten ließ … Sie wusste genau, was Angelina sah. Sie hatte in den letzten Wochen fortwährend aus diesem Fenster gespäht. Und in diesem Augenblick wäre es auch nicht anders. Sie trat neben ihre Schwester und betrachtete Jackson gemeinsam mit ihr.

»Himmel, Mari, der ist ja spitze! Schau dir nur diesen Hintern an! Da würde ja eine Münze abprallen.«

»Lina!« Doch die Ermahnung verlor ihre Wirkung, weil sie lachen musste. »Er ist wirklich hübsch«, sagte sie und zwang sich, vom Fenster wegzutreten, und nahm ihren lauwarmen Kaffee. »Das gebe ich zu.«

»Hübsch? Er ist göttlich. Das ist der Typ Mann, bei dem man sich wünscht, man wäre ein Stück Seife in seiner Dusche.«

Kaffee spritzte über Marissas Schreibtisch, als sie die Bemerkung hörte, während sie gerade einen Schluck trank. Marissa bekam einen Hustenanfall, als sie Kaffee in die Luftröhre bekam. »Oh mein Gott!«

»Du sagst es, Schwester«, sagte Angelina kichernd und wandte sich vom Fenster ab. »Was willst du also tun?«

Angelina wartete geduldig, bis ihre Schwester wieder normal atmen konnte.

»Ich werde natürlich gar nichts tun!«, krächzte sie. »Jackson ist ein Patient. Ärzte verabreden sich nicht mit ihren Patienten. Das ist eine Frage des Anstands.«

»Oh bitte«, sagte Lina und verdrehte die Augen. »Für den würde ich kündigen.« Sie nickte in Richtung Fenster.

»Ich bin nicht du. Und das ist auch gut so, denn einer muss ja die Miete zahlen.«

»Oh. Aua. Unter die Gürtellinie, Schwesterchen.«

Marissa runzelte die Stirn. Ja, das ging unter die Gürtellinie. Die Zeiten waren hart in ganz Amerika, und Angelinas Persönlichkeit passte zu keiner Art von Job. Oh, ihre strahlenden Augen und ihr sonniges Rotblond machten es ihr leicht, einen Job zu finden, doch die rechthaberische Kämpferin für Unterdrückte und aussichtslose Fälle ging den Chefs schließlich auf die Nerven oder brachte sie sogar auf. Dass Lina einfach hinreißend und unwiderstehlich war … das machte es wirklich schwer, sie zu feuern. Doch am Ende strapazierte sie die anderen einfach zu sehr oder überschritt eine Grenze, und der Job löste sich in Wohlgefallen auf.

»Es tut mir leid. Ich weiß, dass du dich bemühst.«

Das war ein Teil des Problems. Lina bemühte sich zu sehr darum, die Welt zu retten. Sie kam an letzter Stelle auf ihrer Liste der Dinge, um die es sich zu kümmern galt. Alles andere kam vorher, ob es der Hudson River war, die Obdachlosen oder die Ausrottung des sibirischen Tigers … um nur ein paar Dinge zu nennen.

»Angelina, du musst wirklich etwas vorsichtiger sein«, sagte Marissa seufzend und rieb sich mit den Fingerspitzen die pochende Schläfe. Sie wusste, dass es Zeitverschwendung war, und in gewisser Weise war sie deswegen sogar stolz auf ihre Schwester. Die stand für etwas ein. Nie hatte sie Angst vor irgendetwas.

Marissa konnte das von sich nicht behaupten. Tatsächlich war sie die Übervorsichtige, Brave und Ernsthafte in der Familie. Ja, genau so würde sie sich selbst beschreiben.

»Sei mal ein bisschen locker«, sagte Lina zum tausendsten Mal. »Bevor du es merkst, ist deine Jugend vorbei, und peng!«, sie klatschte in die Hände, »bist du alt und gebrechlich, und deine Vagina setzt Spinnweben an und du fragst dich, wieso du dein Leben eigentlich nicht gelebt hast. Ich hoffe die ganze Zeit, dass du deine Vorsicht endlich sausen lässt und dich ins Leben stürzt.«

»Und ich wünsche mir die ganze Zeit, dass du ein bisschen vorsichtiger bist«, seufzte Marissa. »Seien wir ehrlich, wir werden nie das sein, was wir uns voneinander wünschen.«

»Sag niemals nie«, bemerkte Lina mit einem schelmischen Zwinkern. »Wenn du am Fenster stehst und den da anschmachtest, habe ich noch Hoffnung für dich!«

»Das da«, sie zeigte zum Fenster, »wird nie passieren. Nicht in einer Million Jahre. Also gib es auf.«

»Hmpf. Vielleicht, vielleicht auch nicht.« Lina ging in Richtung Tür. »Man kann nie wissen, was die Zukunft für einen bereithält.«

»Niemals, Lina. Also rede nicht mehr davon«, sagte Marissa bestimmt, als Lina die Bürotür öffnete.

»Ich muss los. Bis später, Mari«, sagte sie winkend und flitzte durch die Tür davon. »Hey, Weiss!«, rief sie durch das Großraumbüro. »Kaffee und Donuts auf meine Rechnung!«

Die Bürotür fiel zu.

Marissa ließ sich auf ihren Stuhl fallen, wie üblich erschöpft von diesem Wirbelwind von Schwester. Mit einem tiefen Seufzer lehnte sie sich zurück.

Sie konnte nicht anders und blickte zu den heruntergelassenen Jalousien.

»Das wird niemals passieren«, murmelte sie mahnend vor sich hin.

2

Jackson blickte nach links, als eine rasche Bewegung seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und lächelte, als er sah, wie die Jalousien an Marissas Fenster heruntergingen. Auf ein Fingerschnippen war Sargent an seiner Seite. Der Hund setzte sich und blickte zu ihm auf, wobei ihm von der Anstrengung und der Aufregung die Zunge aus dem Maul hing.

»Wow, Jack, das ist vielleicht ein Biest«, keuchte Officer Carl Manheim, als er heranwatschelte und heranhüpfte, denn der Beißanzug, den er trug, war zu unförmig, als dass er auch nur ein bisschen Geschmeidigkeit an den Tag legen konnte, gar nicht zu reden von Würde. Heutzutage gab es bessere Anzüge, doch ihr kleines Revier mit nur zwei Hundetrainern bekam keine so teure Ausrüstung. Sie mussten mit den alten Dingern vorliebnehmen, die man ihnen vom Polizeirevier in Albany überlassen hatte.

Jackson zog die Kappe tiefer ins Gesicht, und eine Sonnenbrille schützte seine brennenden Augen vor dem Sonnenlicht. Er fühlte sich so bleiern und müde, als würde er durch einen Sumpf mit zähem, klebrigem Schlamm waten. Wenn das Training nur endlich vorbei wäre. Diese Unverträglichkeit von Sonnenlicht, die er gemeinsam mit einem gewissen ägyptischen Herrscher geerbt hatte, machte ihn völlig fertig. Und wenn er das richtig verstanden hatte, konnte er froh sein, dass er sich überhaupt bewegen konnte. Laut Ram und Menes selbst war der einzige Grund für seine Bewegungsfähigkeit die Tatsache, dass Menes den Verschmelzungsvorgang auf eine minimale Stufe verlangsamt hatte und Menes selbst so unglaublich widerstandsfähig war und die nötige Kraft hatte, um eine Schwäche auszugleichen, die an einem Körperwandler klebte.

Vielleicht war das der Grund dafür, dass Menes Pharao über alle anderen Körperwandler war. Sogar über so starke, dominante Männer wie Menes’ besten Freund Ramses.

Ramses II.

Verdammt noch mal. Es war drei Wochen her, dass Jackson beinahe gestorben wäre und es eines seltsamen Deals bedurft hatte, um sein Leben zu retten. Er erinnerte sich bis in die kleinste Einzelheit daran, was geschehen war. Er erinnerte sich an die Qualen, als ein vernichtender Schlag ihn getroffen hatte, der als »Fluch von Ra« bekannt war. Er erinnerte sich an dessen Kraft, die ihn mehrere Meter durch die Luft geschleudert hatte, und er konnte sich genau daran erinnern, wie es sich angefühlt hatte, heftig gegen die Windschutzscheibe eines Wagens zu krachen.

Dann war da nichts mehr gewesen. Nur ein körperloses, schwebendes Nichts. Der »Äther«, wie sie es nannten. Eine Dimension aus Nebelschwaden und kaum existierenden Wesen, die man eher spürte, als dass man sie sah. Doch dann hatte er Menes gesehen, einen großen, dunkelhäutigen Kämpfer, ein riesiges Kraftpaket, das nur spärlich bekleidet war.

Dann fiel ihm das Angebot wieder ein.

Stirb jetzt … oder sei mein Original. Wir werden uns deinen Körper teilen, und unsere Seelen werden verschmelzen. Ein Mensch, der aus zwei Seelen besteht. Ich bin ein König, eine starke, zentrale Figur in einer Welt, wie du sie bisher nicht gekannt hast. Mit dieser Position geht nicht nur große Verantwortung einher, sondern sie bringt auch erbitterte Feinde mit sich. Feinde, die uns tot sehen wollen.

Es war kein geschöntes Angebot, es war nicht verbrämt worden, und Menes hatte ihm nur eine einzige Sache versprochen …

Lass dich auf mich ein, und ich werde dir viele Dinge zeigen, die du sonst nie verstanden hättest … Doch vor allem möchte ich dir eine Liebe zeigen, wie du sie noch nie erlebt hast. Ich werde dich der vollkommensten Frau vorstellen, die es in der Geschichte je gegeben hat. Du wirst eine Liebe kennenlernen, die alles übertrifft, was du dir in Gedanken vorstellst.

Es hatte eine Menge Faktoren gegeben, die ihn dazu gebracht hatten, zuzustimmen, doch insgeheim gestand er sich ein, dass dieser eine Faktor ihn ganz besonders neugierig gemacht hatte.

»Danke, Manheim«, sagte er abwesend, als er sich hinunterbeugte, um Sargent den Nacken zu kraulen. Der Hund grunzte und knurrte glücklich.

Das sollte der letzte Tag für Jackson sein, an dem er vor der Sonne sicher war. Es war drei Wochen her, dass sie die Abmachung getroffen hatten. Heute Abend würde laut Menes die Verschmelzung vollzogen sein, und er würde für den Rest seines Lebens kein Tageslicht mehr vertragen. Landon, sein Vorgesetzter, war überrascht gewesen, als er sich freiwillig für die dritte Schicht gemeldet hatte. Normalerweise war die Nachtschicht für Neulinge, die noch nicht lang genug im Dienst waren, um eine Tagschicht zu bekommen. Doch es war die einzige Möglichkeit für Jackson, wenn er seinen Job behalten wollte.

Oh, ihm war schon klar, dass er seine Position im Polizeirevier von Saugerties, New York, irgendwann aufgeben musste. Vielleicht sogar eher früher als später. Der Regierungssitz der Körperwandler war irgendwo in New Mexico; anscheinend gab ihnen die Wüste wie den alten Ägyptern ein Gefühl von Heimat.

Doch es gab noch eine unerledigte Sache, um die er sich kümmern musste, und Menes war geneigt, dem zuzustimmen. Gemeinsam blickten sie zu den beiden Fenstern, die ihm einen direkten Blick in Marissas Büro gewährt hätten, wenn sie nicht die Jalousien heruntergelassen hätte in dem Bemühen, wie er annahm, ihn auszusperren.

Er wusste nicht genau, weshalb die Psychiaterin ein Grund war, dass sich die Sache verzögerte. Immerhin war sie beinahe zwei Jahre in der Nähe gewesen, und abgesehen davon, dass er ihren Hintern und andere heiße Kurven ihres Körpers angestarrt hatte, wenn sie an seinem Schreibtisch vorbeigegangen war, hatte er sich nie gedrängt gefühlt, etwas zu unternehmen.

Doch dann war seine Schwester verschwunden – jedenfalls hatte er das gedacht –, und sein ganzer Blick auf die Welt, und auch seine Sicht auf Marissa »Hotbody« Anderson, hatte sich verändert. Welchen Anteil sie daran hatte oder er oder die Tatsache, dass Menes seinen Körper, seinen Geist und seine Seele gekapert hatte, konnte er wirklich nicht sagen. Er wusste nur, dass er sie wollte. Sehr. Wirklich sehr.

Menes blickte durch die Augen seines neuen Originals und betrachtete die heruntergelassenen Jalousien an den Fenstern der Ärztin. Als seine und Jacksons Verschmelzung fast vollzogen war, wurde sich Menes der starken Anziehung mehr und mehr bewusst, die sein Wirt für die Rothaarige hinter dem Fenster empfand. Jackson verstand vielleicht den plötzlichen Drang nicht, hinter der angestellten Seelenklempnerin herzuschnüffeln, doch Menes schon. Menes verstand es, weil er den Drang beförderte. Er entfachte die Flamme.

Als er in Jackson wiedergeboren worden war, war er zu schnell an die Oberfläche gezogen worden, und eine unerwartete und gefährliche Kraft hatte sich in ihm Bahn gebrochen. Er hatte sein Original sublimiert, um zu sprechen und gehört zu werden. Etwas, was er nicht gewohnt war. Er war es gewohnt, sich mit seinem Original zu vereinigen und die Welt, die sie von da an gemeinsam hatten, auf symbiotische Weise zu teilen. Er verlieh Jackson mehr Energie, verlangsamtes Altern, die Führung eines großen Volkes und eine Macht, wie niemand unter den politisch Herrschenden sie erlangen konnte. Jackson gab ihm die Luft zum Atmen und einen Körper, die Sehkraft und einen Geruchssinn und die Rückkehr ins Leben, sodass sein Herz vielleicht ebenfalls wieder zum Leben erwachte … Also ja, es war eine perfekte Symbiose. Beide brachten sie etwas mit ein. Es wäre falsch, Jacksons Einladung dadurch zu belohnen, dass er ihn seinem Willen unterwarf.

Doch Menes wusste, dass er in den ersten Jahren in Versuchung kommen würde. Es war so schwer zu Beginn, wenn zwei starke Persönlichkeiten den richtigen Rhythmus für eine Koexistenz als ein Wesen finden mussten. Ähnlich wie in einer Ehe oder bei einer großen Liebe. Der erste Teil – die Verliebtheit und die Faszination – war einfach. Der zweite Teil bestand aus Arbeit. Wie es in vielen Ehegelübden über die Jahrhunderte hinweg, in denen er gelebt hatte, verkündet wurde … in guten wie in schlechten Zeiten, in Gesundheit und Krankheit, im täglichen Überlebenskampf und in Seelennöten, da tauchten die Schwierigkeiten auf und da winkte der größte Lohn.

Und er würde es finden. Doch zuerst … doch zuerst musste er ein passendes Original für seine geliebte Königin finden.

Er hatte seine Rückkehr ins sterbliche Leben nach den hundert Jahren, die er zwischen zwei Wiederauferstehungen gewartet hatte, verschoben, weil seine Liebe, Hatschepsut, diesmal mit der Rückkehr gezögert hatte. Nicht aus eigener Schwäche, sondern seinetwegen. In ihrem letzten Leben hatte er … nun, das war weder hier noch dort. Es lief darauf hinaus, dass sie schließlich gesagt hatte, sie sei bereit, und er hatte das Gefühl gehabt, dass er in aller Eile ein passendes Original finden musste, bevor sie ins Wanken geriet und ihre Meinung wieder änderte. Er konnte sich den Luxus nicht leisten, darauf zu warten, dass Hatschepsut sich irgendwann entschied, denn die Zeit war jetzt sein Feind. Und wer sollte außerdem besser wissen, welche Wirtin genau zu Hatschepsut passen würde, als er?

Und, überlegte er, wäre es nicht am besten, jemanden zu finden, zu dem sich sein neuer Wirt stark hingezogen fühlte? Es war nichts falsch daran, die Dinge zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Das zeichnete einen großen Führer aus, die Fähigkeit, alles daranzusetzen, um Harmonie in zwei ungleiche Welten zu bringen und daraus gezielt eine einzige zu machen.

»Es ist Zeit, dem Welpen hier ein Abendessen zu geben und ihm die wohlverdiente Ruhe zu gönnen«, sagte Jackson zu Manheim, nachdem er sich geräuspert hatte, als ihn bei dem Gedanken an Marissa plötzlich ein starkes Verlangen überkam.

»Wem sagst du das. Wie wär’s mit einem Bier im Pauly’s?«

Jackson schüttelte den Kopf, obwohl ein Teil von ihm sich fragte, warum er nicht mehr mit den Jungs einen trinken ging. Das hatte er immer gern gemacht. Sehr gern sogar. Und angesichts des Ausdrucks, der über Manheims Gesicht huschte, fragte der sich, was mit ihm los war. Das war nicht gut. Er sollte unauffällig bleiben, damit niemand ihn auf Veränderungen in seinem Charakter ansprach. Natürlich verstand er, warum. Während der Verschmelzung waren er und Menes extrem schwach und verletzlich, sogar trotz Menes’ außergewöhnlicher Kräfte. Also war es das Beste, sich unauffällig zu verhalten, bis dieser Prozess vollzogen war. Wie man ihm zu verstehen gegeben hatte, hatte die ungeheure Kraft, die er kurz nach dem Aufwachen mit Menes in seinem Innern gezeigt hatte, den Verschmelzungsprozess unterbrochen und erheblich verlangsamt. Seine Schwester Docia hatte nur eine, vielleicht zwei Wochen gebraucht, um mit ihrem Körperwandler vollkommen zu verschmelzen. Bei ihm war das nicht der Fall. Auch wenn das zum Teil von Menes beabsichtigt war, damit Jackson sein Leben in der Sonne noch eine Weile weiterführen konnte. So dachte er jedenfalls. Der frühere und gegenwärtige Pharao war nicht gerade ein Wortkünstler. Was gut war, schätzte Jackson. Es wäre schrecklich, den Rest seines Lebens an eine Quasselstrippe gefesselt zu sein.

Er verließ die Wiese, nachdem er Manheim und ein paar Kollegen, die vom Rand aus zugesehen hatten, zugewinkt hatte. Wie üblich hatte er beim Training eine Uniform getragen. Es half dem Hund, den Unterschied zwischen friedlichen und feindlichen Personen zu erkennen.

Es war wirklich sonderbar, dachte Jackson bereits zum hundertsten Mal, wenn er verwundert zu seinem Hund hinabblickte. Bis vor Kurzem wollte Sargent ihm ungefähr so gehorchen, wie ein Kaninchen freiwillig in eine Bratpfanne springen wollte. Doch dann war es, als hätte jemand einen Schalter in dem kleinen Lümmel umgelegt, und jetzt tat er alles, was Jackson ihm befahl. Doch letztlich musste Jackson einräumen, dass Sargent vielleicht nicht das Problem war. Tiere waren sehr intuitive Wesen. Höchstwahrscheinlich hatte Sargent gleich gespürt, dass Jackson nichts mit ihm zu tun haben wollte. Dabei lag das gar nicht an ihm, sondern weil Jackson noch nicht über Chico hinweg war.

Seltsam, wie weit weg das alles inzwischen war. Als wäre es in einem anderen Leben geschehen. Er war so beschäftigt gewesen mit der seltsamen Erfahrung, dass er sein Bewusstsein mit jemand anderem teilen musste … mit jemandem, der sehr bestimmend und mächtig war. Er hatte sein Leben weitergelebt. Besser gesagt, sein Leben, nachdem er beinahe gestorben war. Er fand, dass dies das Ernüchterndste von allem war. Wenn Menes nicht eingegriffen und ihn als Wirt auserwählt hätte, wäre er jetzt tot. Er hätte seine Schwester mutterseelenallein zurückgelassen. Keine Eltern. Keine Geschwister. Kein …

Nun, es gab Ram, räumte er zögernd ein. Und weil Docia das Original einer anderen Körperwandlerin namens Tameri war, ging er davon aus, dass sie den Rest ihres Lebens nicht mehr allein sein würde. Doch Fremde waren das eine, aber Familie war etwas ganz anderes. Er für seinen Teil hätte nicht gewusst, was er ohne Docia hätte machen sollen. Sie war das einzige Familienmitglied, das er noch hatte … außer Leo. Doch der hartgesottene Söldner war nicht blutsverwandt. Er war mehr ein Seelenverwandter. Die beiden hatten Docia gemeinsam großgezogen, und Leo war in den schwierigen Zeiten für ihn da gewesen.

Er hatte seinen Freund gemieden seit der Szene mit seinem »Tod«. Er wusste nicht, welchen Reim sich Leo auf das machte, was er gesehen hatte, und er hatte eine Menge gesehen. Er hatte auch Odjit getötet, die grausame Anführerin der Tempelpriester, einer Sekte der Körperwandler, die einen Bürgerkrieg gegen die politischen Kräfte, den gesetzestreuen Teil der Körperwandler, führte, deren Anführer Menes war. Doch man hatte dafür gesorgt, dass Leo und auch Marissa alles, was sie in diesem Augenblick erlebt hatten, für einen Traum hielten. Also hatte keiner von ihnen überhaupt eine Ahnung davon, dass Jackson gestorben und Odjit getötet worden waren.

Doch Menes hatte Jackson versichert, dass den Tempelpriestern wie bei einer Hydra sehr bald ein neuer Kopf wachsen würde. Das überraschte ihn nicht. Er wusste, was für ein endloser Kampf das war, und er beneidete Menes nicht um dessen Position.

Ihre Position.

Du wirst bald kündigen müssen, sagte Menes nicht sehr vornehm. Das ist dir doch klar? Die Politik erwartet, dass wir in New Mexico die Führung übernehmen. Sogar deine Schwester ist mit Ram dorthin gezogen, da er sich während unserer Verschmelzung um den Regierungssitz kümmert. Was hat es für einen Sinn, dieses Tier zu trainieren, wenn du weißt, dass du dich sowieso von ihm trennen musst? Menes kraulte den Hund mit Jacksons Hand hinter den Ohren. Er ist ein gutes Tier, und du machst es ihm nur schwerer, seine Aufgabe zu erfüllen, wenn du ihn nicht so bald wie möglich einem neuen Besitzer übergibst.

Jackson antwortete nicht. Er wusste, dass er sich dagegen sträubte, und er wusste auch, dass jedes Wort stimmte. Doch das machte es nicht leichter. Alles zurücklassen, was er kannte? Die lebenslange Arbeit hinter sich lassen und sich neue, unwägbare Ziele setzen? Der Gedanke widerstrebte ihm mit jeder Faser seines Seins. Er war gerne Cop. Er kannte sich aus mit dem Gesetz und setzte sich dafür ein. Und die Hundestaffel … er wäre gern bis zu seiner Pensionierung dabeigeblieben.

Doch er hatte mit Menes eine Vereinbarung getroffen, und jetzt musste er sie erfüllen. Menes hatte ihn vor seinem Ende bewahrt. Er hatte ihn ins Leben zurückgeholt. Jetzt …

Er kniete sich neben Sargent, kraulte ihn kräftig und tätschelte dessen muskulösen Körper, bis der Hund vor Wohlbefinden brummte. Da erst merkte er, wie sehr der Hund trotz Jacksons monatelangem Sträuben an ihm hing. Jackson wäre nicht der Einzige, dem es etwas ausmachte, wenn er kündigte und den Hund zurückließ, der sich wieder an einen neuen Hundeführer gewöhnen müsste. Vielleicht war es tatsächlich egoistisch, Sargent jetzt zu trainieren und sein Partner zu sein, als würden sie ein Einsatzteam werden, wo er doch wusste, dass es keine Zukunft für sie gab. Bei dem Gedanken machte er ein finsteres Gesicht, und sein Herz fühlte sich schwer an, als er mit Sargent an seiner Seite das Gebäude betrat.

Sargents Training zeigte auf beeindruckende Weise Wirkung, denn der Hund widerstand sämtlichen Essensgerüchen, die von der Mahlzeit der Abendschicht aufstiegen. Jacksons Hund liebte vor allem Hotdogs, und Detective Wells hatte zwei davon in einer Pappschachtel auf seinem Schreibtisch liegen. Doch Sargent ging einfach daran vorbei, und nur seine Nüstern blähten sich bei dem verführerischen Geruch.

Dann wurde Jackson plötzlich unerwartet von Sargents Leine gebremst. Der Hund saß still da, das Hinterteil auf dem Boden, und sein schwerer Körper zeigte plötzlich keine Regung mehr. »Komm, Junge«, befahl er ihm und schnipste mit den Fingern, damit sich der Hund wieder in Bewegung setzte.

Doch Sargent rührte sich nicht.

Die Tür, in deren Nähe er war, ging auf, und Marissa Anderson kam heraus. Sie erschrak beim Anblick des Hundes und zuckte auf ihren extrem hohen Absätzen ein wenig zurück. Also wirklich. Wieso trug sie bei ihrer Körpergröße auch noch diese Killerabsätze? Außer um ihre schönen langen Beine und den eng sitzenden Rock, der sich an ihren Hintern schmiegte, zu betonen.

Jackson sah, wie sie abwehrend die Hände hob, als hätte sie Angst, dass Sargent sie beißen könnte.

»Er tut Ihnen nichts«, sagte er, obwohl sie es nach der langen Zeit eigentlich hätte wissen müssen, die sie mit Cops verbrachte und die sie vor allem mit ihm verbracht hatte, um über Chicos Tod zu sprechen.

»Ich weiß. Ich bin sicher, er ist ein netter Hund«, sagte sie, doch trotz der ungerührten Haltung, die sie an den Tag legte, war ein leichtes Zittern in ihrer Stimme zu hören. Und sie konnte die Anspannung in ihrem Körper nicht verbergen, als sie sich zurückbeugte.

»Haben Sie Angst vor Hunden?«, fragte er sie unverblümt und suchte in ihrem Gesicht nach Anzeichen dafür. Der verzweifelte Ausdruck in ihren Augen verriet ihm, dass er recht hatte.

»Überhaupt nicht«, log sie. »Könnten Sie ihn bitte da wegnehmen? Ich muss ein paar Dinge erledigen.«

Verdammt. Verdammt und zugenäht. Warum hatte er ausgerechnet dann, wenn sie sich so zugeknöpft verhielt, Lust, diese Fassade zu zerstören und ihr zu zeigen, dass ein knurriger Cop dieser hochgebildeten, selbstsicheren und überaus professionellen Ärztin eine wirkungsvolle Körpertherapie zu bieten hätte.

»Chico, komm«, befahl Jackson seinem Hund.

Der ganze Flur schien zu erstarren. Marissa. Jackson. Die beiden Cops, die sich in ein paar Metern Entfernung unterhalten hatten. Jackson merkte, wie ein Frösteln ihm den Rücken hinaufkroch, und er verspürte ein übelkeiterregendes Gefühl von Reue und Schmerz im Bauch. Es war ein Befehl, den er jahrelang immer wieder erteilt hatte. Es war noch immer eine vertraute Gewohnheit.

Und zum Glück stand Sargent auf und kam augenblicklich bei Fuß, denn er wusste genau, was Jackson hatte sagen wollen, und achtete nicht auf den Versprecher. Er war nicht gekränkt. Das verstärkte nur Jacksons Bewunderung für und seine Bindung an den Polizeihund.

Doch die Leute um sie herum waren etwas anderes. Sie musterten ihn auf einmal mit beinahe erwartungsvoller Skepsis, als starrten sie auf eine tickende Zeitbombe.

»Es ist ganz natürlich, dass man Opfer von alten Gewohnheiten wird«, sagte Marissa leise und beruhigend und legte ihm sanft eine Hand auf den Bizeps, sodass die Wärme ihrer Finger durch den Stoff seines Uniformhemds drang. Er konnte sie jetzt riechen, und fast sofort waren die unangenehmen Empfindungen vergessen und wurden von ganz anderen Gefühlen abgelöst. Sie roch nach Süße, wie frisch gebackene Cookies, die mit warmer, klebriger Schokolade gebacken wurden. Er hätte am liebsten an ihr geknabbert und geleckt …

Er verscheuchte die Gedanken, als er merkte, dass er hart wurde. Er drehte sich um, schottete sich so gegen ihr Mitgefühl ab und ignorierte ihre Nähe, so gut er konnte.

»Das kommt vor«, sagte er mit einem Schulterzucken. Er hielt inne, um den beiden Kollegen auf dem Flur einen strengen Blick zuzuwerfen, sodass die augenblicklich weitergingen und ihr Gespräch wieder aufnahmen.

»Wollen Sie …?«, begann Marissa, wie vorherzusehen war.

»Herrje, Doc«, fauchte er abwehrend, »man muss doch nicht über jede Kleinigkeit reden. Das ist ja wirklich die Hölle. Wenn ich jedes seltsame Gefühl und jeden negativen Gedanken drehen und wenden würde, würde ich nie zu etwas kommen.«

Sie reagierte gereizt, wie sie es immer tat, wenn er den Sinn ihrer Arbeit infrage stellte.

»Ich wollte nur …«

»Lassen Sie das«, unterbrach er sie. »Man muss mich nicht bemuttern, und es muss auch nicht so ein Wirbel um mich gemacht werden.« Dann, ohne zu wissen, warum er das tat, drehte er sich wieder zu ihr um und trat dicht vor sie hin. Sofort wich sie einen Schritt zurück, doch die Wand war gleich hinter ihr, und sie merkte, wie sie dagegengedrückt wurde. Oh, er wusste, dass er mit dem Feuer spielte, dass sein Verhalten an Insubordination grenzte und nahe an einer sexuellen Belästigung war, doch er konnte sich offenbar nicht zurückhalten. »Außer Sie hätten andere Wege, ein bisschen Wirbel um mich zu machen«, sagte er mit so leiser Stimme, dass nur sie es hören konnte und die Bemerkung damit eindeutig war.

Erschrocken sog sie die Luft ein und hielt sie an, während sie zu ihm aufblickte und nach einer Antwort suchte, doch ihr fiel nicht sofort eine ein. Als er ihr in die Augen schaute, gestand er sich, dass er deren grünblaue Farbe schon immer unwiderstehlich und wunderschön gefunden hatte.

Erweiterte Pupillen. Beschleunigter Pulsschlag an ihrem schönen langen Hals, hörte er in Gedanken. Egal, was sie sagt, sie ist erregt von unserem Vorschlag.

Unserem.

Das Wort in seinem Kopf brachte ihn dazu, zu zögern, und er trat ungeschickt einen Schritt zurück. Unserem. Er war kein »Mein« oder »Ich« mehr. Er war ein »Wir« und ein »Uns«. Er sprach nicht mehr allein für sich, und er hatte seinen Verstand nicht mehr für sich allein und hatte nicht mehr nur seine eigenen Impulse unter Kontrolle zu halten.

Er suchte nach einem Weg, sich elegant aus der Affäre zu ziehen, in die er sich selbst gebracht hatte, da kam jemand außer Atem und überanstrengt zu ihm gerannt. Doch Tim McMullen war immer kurzatmig und überanstrengt. Er hatte mit den Jahren ganz schön zugelegt und ein Fitnessstudio wahrscheinlich seit den Zeiten auf der Akademie nicht mehr von innen gesehen.

»Jacks! Jacks, ein Kind wird vermisst. Und Riley ist mit der Familie im Urlaub in Albany«, schnaufte er, obwohl Jackson wusste, dass der andere Hundeführer nicht da war. »Der Captain will wissen, ob du denkst, dass Sargent einspringen kann.«

»Ob er das nun kann oder nicht«, sagte Jackson, »es ist jedenfalls besser als nichts.«

»Ich komme auch mit«, sagte Marissa. »Die Familie wird jemanden brauchen.«

»Sie nehmen mir das Wort aus dem Mund, Doktor«, sagte Tim mit einem breiten Grinsen.

Es war Marissa nicht klar gewesen, dass sie, um zu dem Ort zu gelangen, wo das Kind zum letzten Mal gesehen worden war, die Beifahrerin genau des Polizisten sein würde, dem sie seit Wochen aus dem Weg zu gehen versuchte. Sie nahm an, sie hätte ihren eigenen Wagen nehmen können, doch dann hätte er gewusst, wie sehr er sie beschäftigte, und sie war nicht gewillt, ihm diese Genugtuung zu geben. Soll er sich doch den Kopf zerbrechen, der Mistkerl. Sie hatte genug von dem Ganzen. Genug davon, dass es ihr jede Nacht den Schlaf raubte, dass er sich einen Weg in ihr Unterbewusstsein gebahnt hatte. Und weil sie deswegen ziemlich müde war.

Sargent drehte sich auf dem Rücksitz hin und her und ging ihr mit seinem Winseln auf die Nerven. Jackson musste ihre Anspannung bemerkt haben, denn er sagte: »Er spürt, dass irgendetwas los ist.«

»Ich nehme an, die Sirene ist ein verräterisches Zeichen«, bemerkte sie trocken.

»Das stimmt, auch wenn er noch nicht viel Erfahrung damit hat. Wir haben ihn ein paar Mal damit konfrontiert, damit er sich an das Geräusch gewöhnt, und er verbindet es mit Training, was aufregend und angenehm für ihn ist.«

Marissa warf ihm einen verstohlenen Blick zu. Obwohl er versuchte, sich locker zu geben, hielt er das Lenkrad fest umklammert. Sie wünschte, sie könnte seine Gedanken lesen und herausfinden, warum. War es Angst, weil er zum ersten Mal seit Chicos Tod mit einem neuen Hund im Einsatz war? War es Anspannung wegen des unterbrochenen sinnlichen Augenblicks zwischen ihnen, der ihr Herz noch immer heftig schlagen ließ?

Eigentlich hätte sie ihm das übel nehmen müssen. Sie hätte ihm eine Ohrfeige verpassen sollen. Doch sie hatte es nicht getan. Sie war wie gelähmt gewesen, als sie von seinem erregenden Vorschlag innerhalb von Sekunden schwach und feucht geworden war. Und sie hatte Angst gehabt, dass er es merken würde. Er schien in letzter Zeit eine Menge Dinge mitzubekommen. Seit …

Sie rief sich in Gedanken zur Ordnung und zwang sich zu einer Unterhaltung mit ihm, womit sie sich zu beweisen versuchte, dass er sie kein bisschen aus der Fassung bringen konnte.

»Ich habe gehört, Ihre Schwester will heiraten«, platzte sie heraus – ein plumper Versuch, ein Gesprächsthema zu finden.

Er lächelte mit einem Mundwinkel, und sein Gesichtsausdruck veränderte sich von wachsam zu gefühlvoll, sodass er um Jahre jünger aussah.

»Ja. Vincent Marzak.«

Der Mann, der seine Schwester vor drei Wochen »gekidnappt« hatte. Was sich schließlich als großes Missverständnis herausgestellt hatte. Sie kannte keine Einzelheiten … sie erinnerte sich nur daran, wie sich Jackson bei allen für sein Verhalten entschuldigt und dann eine Menge Kreide gefressen hatte und sich von seinen Brüdern beim Polizeirevier von Saugerties allerhand hatte anhören müssen. Es gab wenig Raum für Irrtümer in dem Umfeld, in dem sie arbeiteten. Wenn man einen Fehler machte, bezahlte man dafür. Doch Jackson hatte die Wochen voller Hänseleien und Streiche viel besser überstanden, als sie erwartet hatte, wenn man bedachte, wie schnell er während des Zwischenfalls in die Luft gegangen war.

Aber es war … es war, als hätte sie es mit einer völlig anderen Person zu tun. Als hätte der Zwischenfall mit seiner Schwester einen Schalter in ihm umgelegt, sodass er erkennen konnte, wo seine Unzulänglichkeiten lagen, oder vielleicht hatte dieses Ereignis auch bewirkt, dass er sich mit dem Verlust abfand, den er vor Kurzem erlitten hatte.

Das hatte sie jedenfalls gedacht. Doch der Versuch vor ein paar Minuten, sie aus der Fassung zu bringen und sie von ihrer Besorgnis abzulenken darüber, dass er Sargent mit Chico gerufen hatte, war eine klare Vermeidungsstrategie gewesen. Er schuf eine Nebelwand aus Sex und unangemessenem Verhalten, um ihre Aufmerksamkeit von der einen Sache abzulenken, über die er nicht sprechen wollte.

Ahhh … das war es also, dachte sie. Das Ultimatum, das er ihr gestellt hatte, war seine Art, sie von seinen Gedanken und Gefühlen auszuschließen! Warum hatte sie das nicht früher erkannt?

Weil ein kleiner Teil von dir wollte, dass es echt war …