Schattenwandler - Gideon - Jacquelyn Frank - E-Book

Schattenwandler - Gideon E-Book

Jacquelyn Frank

4,4
8,99 €

Beschreibung

Seit über tausend Jahren dient der unsterbliche Gideon seinem Volk als Heiler. Als ältester männlicher Schattenwandler ist er für seine Weisheit und Besonnenheit bekannt. Doch selbst er ist empfänglich für die alles verzehrende Begierde, welche die Schattenwandler bei Vollmond erfasst - wie er vor neun Jahren erfahren musste, als er sich in Magdalegna verliebte, die schöne Tochter des Dämonenkönigs. Entsetzt über seinen Mangel an Selbstbeherrschung versteckte sich Gideon vor seiner Geliebten. Doch nun bedrohen Nekromanten Magdalegnas Leben, und Gideon muss ihr Vertrauen zurückgewinnen, um sie und sein Volk zu retten.

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Seitenzahl: 477

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Inhalt

Titel

Danksagung

Prolog

1

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Epilog

Impressum

JACQUELYN FRANK

SCHATTENWANDLER

Roman

Ins Deutsche übertragen von Karina Schwarz

Danksagung

Dieses Mal richtet sich mein ganzer Dank an

Kensington Publishing

Für alles, was ihr getan habt, jede Abteilung, jede Gruppe, jeder Einzelne, alle, die irgendetwas mit der Entwicklung der Serie Schattenwandler zu tun hatten, wie sie heute und in Zukunft in den Regalen stehen wird.

Mein besonderer Dank gilt den Vertretern, die einer neuen Autorin mit Jacob zu einer verblüffenden Auflage verholfen haben. Leute, ihr seid wirklich unglaublich. Dieses Buch, seine Schönheit und sein Erfolg seien euch gewidmet. Jedes Mal, wenn ihr es oder Jacob in einem Buchgeschäft stehen seht, solltet ihr unglaublich stolz darauf sein, was ihr erreicht habt.

Und Kate, du bist eine Göttin, meine unübertroffene Cheerleaderin und die treibende Kraft hinter allem, was mit dieser Serie zu tun hat. Du umsorgst mich, verwöhnst mich und weist mich zurecht, wenn es nötig ist, aber du hast niemals, nicht ein einziges Mal, das Vertrauen in mich oder in diese Serie verloren.

Nur damit du weißt, dass mir bewusst ist, dass ich die glücklichste Frau auf der Welt bin.

Ich danke euch allen.

Prolog

Wir müssen uns stärken für das, was kommen wird. Im Zeitalter des Aufstandes von Erde und Himmel, wenn Feuer und Wasser alles Land ins Chaos stürzen, wird der Älteste der Alten zurückkehren, sich seine Gattin zu nehmen. Dann wird das erste Kind des Raums geboren, als Spielgefährte für das erste Kind der Zeit. Von den Vollstreckern.

Aus der verschollenen Prophezeiung der Dämonen

Der Vampir musterte den Dämon vor ihm mit einem langen nachdenklichen Blick aus mitternachtsblauen Augen. Die schwarzen Pupillen waren leicht oval, gerade so ungewöhnlich, dass sie Neugier weckten und dass man sich etwas vorbeugte, um sie sich ein wenig genauer anzusehen. Dabei verfingen sich die meisten darin wie in einem gut gewebten Netz. Der Dämon aber war auf diese Weise nicht zu verlocken, daher bestand die einzige Absicht des Vampirs darin, herauszufinden, was der schweigsame Besucher vorhatte.

Mit für ihn ganz untypischer Geduld und Großzügigkeit lehnte sich der Vampir in seinem Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. Wie gewöhnlich wartete der Dämon den richtigen Moment ab, bevor er darüber zu sprechen begann, was er auf dem Herzen hatte, was ihn in den Schlupfwinkel des Vampirs geführt hatte. Es war gut, dass der Urälteste sich stets so genau überlegte, was er zu sagen hatte, dachte der Vampir, denn wenn dieser Dämon den Mund aufmachte, überfiel er sein Gegenüber oft mit der nackten Wahrheit. So bewundernswert dieser Charakterzug auch sein mochte, er war nicht so erquicklich, wie man vielleicht hätte vermuten können. Besonders dann nicht, wenn es bei dieser Wahrheit um grundlegende Veränderungen im Leben aller Schattenwandler ging.

Schon ewig lange bevor die Sterblichen sich wie eine ausufernde Pandemie über die Erde verbreitet hatten, waren die Schattenwandler auf der Welt gewesen. Die Wesen, die sich im Mondlicht wärmten und die im Mondlicht schliefen und die sich vor der sengenden Sonne versteckten, damit die ätzenden Strahlen ihre empfindliche Haut nicht versengten. Und obwohl die Sterblichen heute in erdrückender Überzahl waren, lebten die Schattenwandler noch immer. Die dunklen Kulturen hatten überlebt, jede einzelne mit anderen Bräuchen und Traditionen, und fast jede hatte sich an einem ganz abgeschiedenen und für Menschen zu unwirtlichen Ort eine Nische gesucht. Einige allerdings hatten sich angepasst und lebten jetzt am Rande der menschlichen Gesellschaft, wobei sie den Lebensstil der Sterblichen nachahmten oder sogar genossen … zumindest ein Abbild davon. Fast jeder Clan hatte Gesetze erlassen, und es gab genaue Vorstellungen davon, wie weit seine Mitglieder gehen durften, wenn sie auf menschliche Wesen trafen.

Auch im Laufe der Zeit war die enge Verbindung der Schattenwandler zum Mond oder auch zur Sonne nicht unterbrochen worden. Durch eigene Fehler, aber auch durch Feinde hatten sich bei allen Clans die Reihen gelichtet, und doch hatten sie überlebt – ruhig, meistens unbemerkt von den Sterblichen und immer darum bestrebt, im Einklang mit einer sich ständig verändernden Welt zu leben. Schattenwandler, die im Mondlicht tanzten und die schliefen, wenn die Sonne am Himmel stand, würde es immer geben.

„Du bist lange nicht mehr hier gewesen, Gideon“, stellte der Vampir in der für seine Art typischen gezierten Art fest, da er keine Lust mehr hatte, darauf zu warten, dass der Dämon das Gespräch eröffnete. „Ich hatte nicht mit dir gerechnet.“

Gideon hob seinen kühlen silbernen Blick von der seltenen Zebramilch, die er in seinem Glas kreisen ließ. Die exotische Milch und ähnliche Getränke waren der Alkohol der Dämonen. Es war der Beweis dafür, dass die Schattenwandler den Menschen sehr ähnlich waren, vor allem den gut aussehenden, auch wenn es eindeutige Unterschiede gab in ihrem Stoffwechsel und in ihrer Physiologie. Diese eindeutigen Unterschiede machten sie für den gewöhnlichen Betrachter zu übernatürlichen Wesen, wenn sie mit ihren Fähigkeiten protzten.

Aber die Schattenwandler waren sehr vorsichtig. Menschen konnten übereifrig werden, wenn sie ein Geheimnis witterten. Sie fürchteten von Natur aus alles, was mächtiger war als sie selbst. Eine Schwäche, die sie nicht würden ablegen können, solange ihre Rasse sich nicht weiterentwickelte.

Obwohl der Vampir selbst mit einem ungewöhnlich beeindruckenden Äußeren aufwarten konnte, war er immer wieder gebannt von den durchdringenden Augen des Dämons, die aussahen wie flüssiges Quecksilber. Gideons Gesichtszüge, alterslos und edel, verrieten nichts darüber, dass er schon seit einem Jahrtausend auf der Welt war. Bei seinen Augen war das anders. Und da Dämonen einen eher dunklen Hautton hatten, wirkten Gideons Augen noch intensiver.

Der uralte Dämon hatte außerdem Haare, die von einem unglaublich makellosen Silber waren und die ihm bis zu den Schultern reichten. Er hatte sie mit einem dünnen braunen Lederband zurückgebunden. Bei Menschen wäre diese Haarfarbe ein Zeichen des Alters gewesen, aber der Vampir wusste, das Gideon bereits damit geboren worden war und dass er für den Rest seines Lebens kaum älter aussehen würde als fünfunddreißig. Vielleicht ein bisschen mehr Richtung vierzig, wenn man den Blick seiner wissenden Augen in Betracht zog.

„Falls du dich in irgendeiner Weise beleidigt gefühlt hast, Damien, entschuldige ich mich in aller Form“, erklärte der Dämon höflich, und seine tiefe Stimme erfüllte den großen Raum bis in den letzten Winkel.

Mit einem Schnalzen seiner Zunge und einer wegwerfenden Handbewegung überging Damien diesen Gedanken.

„Wir leben schon viele Jahrhunderte lang, Gideon. Wir haben längst gelernt, nicht beleidigt zu sein, wenn einer von uns sich aus irgendeinem Grund in die Einsamkeit zurückzieht.“ Damien sah den Dämon, der ihm gegenübersaß, aus schmalen Augen an. „Aber ich muss gestehen, dass ich neugierig bin, den Grund zu erfahren.“

„Ich fürchte, der Anlass ist nicht so angenehm, wie ich es mir gewünscht hätte“, erwiderte Gideon. „Ich bin hier, um dich zu warnen.“

„Um mich zu warnen?“ Damien hob eine elegant geschwungene Braue.

„Ja. Eine Warnung vom Urältesten meiner Rasse an den Urältesten deiner Rasse.“

Damien beantwortete Gideons Hinweis mit einem graziösen Nicken.

„Trotz der enormen Unterschiede zwischen unseren beiden Rassen, Gideon, haben du und ich immer sehr viel gemeinsam gehabt.“

„Und es sind die Gemeinsamkeiten, die mich heute zu dir führen. Es ist ein gemeinsamer Feind.“

Bei dieser Enthüllung straffte sich der Vampir plötzlich angespannt.

„Nekromanten!“ Es war keine Frage. Die beiden lebten schon viel zu lange, als dass sie nicht gewusst hätten, was für den anderen von Wichtigkeit war. „Verdammt“, zischte Damien, sprang auf und ging unruhig in seiner palastartigen Höhle auf und ab. „Ich hätte es wissen müssen. Ich hätte spüren müssen, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist!“

„Wie kommst du darauf?“, erkundigte sich Gideon mit fragend gehobenen Brauen.

„Gerard ist verschwunden. Ich hatte gedacht, er sei vielleicht nur abgetaucht, wie meine Leute es von Zeit zu Zeit tun, aber Gerard war gerade aus einem jahrhundertelangen Schlaf aufgewacht, deswegen kam es mir seltsam vor.“

„Es kann immer noch sein, dass genau das passiert ist.“

„Möglich“, stimmte der Vampir ihm zu, „aber er ist nicht der Einzige, der vermisst wird. Und du weißt genauso gut wie ich, dass das wahrscheinlich kein Zufall ist. Hast du eine Ahnung, mit wie vielen wir es diesmal zu tun haben?“ Der uralte Vampir blieb stehen, ballte die Fäuste, und in seinen Augen flackerte Wut auf über diese abscheulichen menschlichen Magier, die seit Jahrhunderten die Schattenwandler heimsuchten. „Wie dumm von mir zu hoffen, dass die Nekromanten für immer verschwunden sind, nur weil wir im vergangenen Jahrhundert keine Probleme mit ihnen gehabt haben. Es ist mir auch jetzt noch peinlich, darüber zu sprechen.“

„Du bist auch nicht dümmer gewesen als wir alle“, erklärte Gideon düster. „Ich bin am lächerlichsten von allen.“

Der Dämon schwieg einen ganze Weile, und Damiens übernatürliche Sinne brummten geradezu, als er unterbewusst die verstörten Emotionen des Dämons auffing. Aus Respekt würde Damien allerdings niemals versuchen, Gideons Gedanken zu lesen.

„Und gleichzeitig“, fuhr Gideon mit so unbewegter und emotionsloser Stimme fort wie immer, „haben wir entdeckt, dass es doch noch immer Druiden gibt.“

„Druiden?“

Das überraschte Damien nun wirklich. Seit einem ganzen Jahrtausend hatte niemand mehr einen Druiden gesehen. Ihr erneutes Auftauchen war noch viel unwahrscheinlicher als die beunruhigende Nachricht über die Nekromanten. Damien wusste sehr wohl, dass Dämonen und Druiden vor langer Zeit in einen fürchterlichen Krieg verwickelt gewesen waren, in dessen Verlauf die Dämonen alle Druiden ausgelöscht hatten.

„Woher weißt du das?“, fragte Damien.

„Ich habe sie gesehen. Es sind Hybriden, halb Druide, halb Mensch. Offenbar haben sich die Druiden damals bei den Menschen versteckt, um den Dämonen, von denen sie verfolgt wurden, zu entkommen.“

„Und sich mit ihnen gepaart“, fügte Damien hinzu, der mit einem Mal begriff. „Und die Erbanlagen sind nach all diesen Jahrhunderten immer noch so rein, dass die Hybriden noch Fähigkeiten der Druiden besitzen.“

„Reinheit …“ Gideon verzog ironisch den Mund. „Offensichtlich ist Reinheit weniger mächtig als die Verschmelzung dieser beiden Rassen. Zurzeit gibt es nur zwei aktive Druiden, und beide stehen unter dem Schutz der Dämonen, und sie sind sehr begehrt.“ Der Dämon neigte leicht den Kopf. „Größtenteils.“

„Ich habe bis jetzt noch keine Kultur gefunden, die ganz perfekt ist. Das war zu erwarten. Zumindest bringt man ihnen keine Feindseligkeit entgegen.“

„Der Krieg ist längst vergessen. Die Ältesten von uns, die vielleicht noch Groll gegen sie hegen, sind tot. Bis auf mich, und ich bin über so ein kindisches Verhalten hinaus.“

„Ohne Zweifel“, erwiderte Damien trocken.

„Die eine Druidin ist die Lebenspartnerin unseres Vollstreckers, die andere ist die Gefährtin vom jüngsten Bruder des Vollstreckers. Die erste Druidin besitzt ganz verblüffende Fähigkeiten. Kräfte, über die ich noch nicht sprechen kann. Bei ihrer Schwester erwachen sie sehr viel langsamer, aber ich habe Grund zu der Annahme, dass sie genauso einzigartig wird. Natürlich sind die beiden nur der Anfang einer neuen Entwicklung.“

Damien ging zu seinem Platz zurück, setzte sich langsam hin und strich in aller Ruhe seine dunkle modische Kleidung glatt, während er über das nachdachte, was Gideon ihm gesagt hatte. Er hörte immer sehr aufmerksam zu, was andere ihm erzählten und wie sie ihre Worte wählten. Gideon hatte bereits zugegeben, dass er noch einige Informationen zurückhielt, aber der Vampirprinz spürte, dass sich hinter dieser Geschichte noch weitere faszinierende und gefährliche Details verbargen.

„Ich gehe davon aus, dass du diese … Hybriden unter deine Fittiche genommen hast. Der Gedanke, dass Wesen mit einer solchen Macht völlig unkontrolliert in unserer Welt herumlaufen, gefällt mir nicht. Es ist schon schlimm genug, wie die Nekromanten sich verhalten, ganz zu schweigen von den weniger anständigen Schattenwandlern unter uns.“

„Ich finde es seltsam, dass du so eine unnötige Frage stellst“, bemerkte Gideon gelassen, nippte an seinem Getränk und badete einen Moment seine Zunge darin.

„Manchmal spreche ich eine Sorge gern aus, um mich beruhigen zu lassen. Ich weiß, du wirst tun, was du kannst und was du tun musst. Besonders in Anbetracht deiner gemeinsamen Geschichte mit den Druiden.“ Damien hob sein eigenes Glas und warf einen nachdenklichen Blick in die rubinrote Flüssigkeit. „Ich war schon immer überzeugt, dass die Ausrottung der Druiden ein Fehler war, Gideon. Aber das war, soweit ich mich erinnere, zu einer Zeit, als wir Vampire uns an dem Gedanken ergötzten, dass Dämonen und Druiden sich gegenseitig vernichteten und wir dadurch immer mächtiger wurden. Obwohl ich damals noch sehr jung war, erinnere ich mich daran, dass man damals allgemein der Ansicht war, wir sollten uns nicht mehr in das einmischen, was eure Rasse tut, so wie ihr euch auch nicht bei uns einmischen solltet.“

„Wenn ihr und wir uns damals eingemischt hätten, wäre es uns vielleicht gelungen, vielen Wesen unglaublich viel Kummer zu ersparen“, bemerkte Gideon.

Der mächtige Dämon klang sehr sachlich, aber Damien war zu alt und zu weise, um nicht zu wissen, wie sehr diese Vorstellung Gideon zu schaffen machte.

„Krieg lastet immer schwer auf der Erinnerung, Gideon“, sagte der Vampir leise. „Ich selbst bin damals in meinem jugendlichen Leichtsinn gegen deine Leute ins Feld gezogen.“

„Ich weiß deine Versuche, mir die Absolution zu erteilen, zu schätzen, Damien. Aber du solltest deine Energie auf etwas anderes richten.“ Der Dämon stellte das Glas auf den kleinen Tisch neben ihm. „Ich bin mir sehr wohl im Klaren darüber, welche Rolle ich bei den Gräueltaten in unserem Krieg gegen die Druiden gespielt habe, und auch darüber, welchen Preis die Dämonen bezahlt haben. Vielleicht liegt es bei denen, die nach unseren beiden weiblichen Druiden kommen, mir zumindest teilweise Absolution zu erteilen. Aber meine Sünden sind so groß, dass man sie nicht einfach vergeben kann.“

„Keine Sünde, die eine Seele tausend Jahre mit sich herumgetragen hat, ist so groß, dass man sie nicht vergeben könnte, Gideon.“ Seine blauen Augen wurden noch ein wenig dunkler. „Zumindest ist das meine persönliche Hoffnung.“

Gideon wies den Vampir nicht noch einmal zurecht. Sie beide hatten genug Schuld auf sich geladen, und keiner von ihnen brachte es über sich, jeden noch so kleinen Hoffnungsschimmer beim anderen zu zerstören. Es war ohnehin recht seltsam, dass sie nach so langer Zeit überhaupt noch einen Funken Hoffnung hegten. Gideon hatte immer vermutet, dass es sich dabei um eine Art Selbstschutz handelte. Er war ein durch und durch zynisches Wesen, und niemand, der ihn auch nur ein wenig kannte, hätte das bestritten. Aber alle wären sicherlich schockiert gewesen zu erfahren, dass es in dem Dämon etwas gab, das auf Vergebung wartete. Gideon war nicht daran gewöhnt zu erklären, was er tat, oder sich dafür zu entschuldigen. Er war der Älteste und Mächtigste seiner Art. Diese Stellung gab ihm das Vorrecht, immer tun und lassen zu können, was er wollte. Man ging davon aus, er sei in seinem hohen Alter so weise, das Richtige zu tun.

Das beste Beispiel dafür war seine Anwesenheit im Versteck des Vampirs, der ihm gegenübersaß. In seiner eigenen Gattung entsprach seine Position und seine Macht der von Gideon. Auch wenn Vampire und Dämonen keine Feinde waren, so waren sie doch auch keine besonderen Freunde. In beiden Gattungen gab es Leute, die der jeweils anderen wenig Toleranz entgegenbrachten oder die sie sogar bekämpften. Aber das war zwischen unterschiedlichen Gesellschaften schon immer so gewesen. Solange es auf der Welt den freien Willen gab und starrköpfige Ignoranz, würde es nie einen wirklichen Frieden geben, auch nicht zwischen Rassen, die schon so lange lebten, die so mächtig waren und so bekannt für ihre Intelligenz und ihre Vernunft.

Das waren Schwächen, die die beiden trocken als ihre „eher menschlichen“ Züge bezeichneten.

„Und was deine andere Frage angeht, Damien … es ist bis jetzt noch nicht ganz klar, mit wie vielen Nekromanten wir es dieses Mal zu tun haben. Doch die Erfahrungen der Vergangenheit und einige Befragungen zeigen mir, dass es in letzter Zeit erheblich mehr geworden sind. Nur durch ihre letzten Aktionen sind wir überhaupt auf sie aufmerksam geworden.“

„Hat es Abberufungen gegeben?“, fragte Damien unruhig. Eine Abberufung, wenn ein Nekromant einen Dämon entführte und ihn gefangen hielt, war das schrecklichste Schicksal, das es für einen Dämon gab. Wenn ein Dämon in die Gewalt eines Nekromanten geriet, wurde er mit einem abscheulichen schwarzen Zauber belegt und verwandelte sich, egal, wie intelligent, gebildet oder mächtig er war, in ein widerwärtiges hirnloses Monster – das genaue Abbild eines Dämons, wie die Menschen ihn sich gemeinhin vorstellten. Das Ergebnis dieser Verwandlung durch die Nekromanten hat zweifellos das Bild der Menschen von den Dämonen im Laufe der Jahrhunderte geprägt. Jeder Mythos enthielt stets auch ein Körnchen Wahrheit.

Die Schattenwandler waren der lebende Beweis dafür.

„Ein paar“, erwiderte Gideon grimmig. „Ich kann dir gar nicht sagen, was für Folgen das für meine Rasse gehabt hat.“

„Das brauchst du mir auch nicht zu sagen. Nekromanten beschränken sich in der Regel ja nicht nur auf Dämonen, wie du weißt. Zweifellos werden wir bald auch die Asche von meinesgleichen finden, die man in der Sonne festgebunden hat. Ganz zu schweigen von blutigen Überresten von Lykanthropen und anderen Schattenwandlern.“

„Der einzige Trost, den ich im Moment für dich habe, ist die Tatsache, dass seit der Entführung der Schwester unseres Königs keine weiteren Abberufungen mehr stattgefunden haben“, sagte Gideon. „Seitdem haben die Nekromanten geschwiegen.“

„Schweigen kann genauso bedrohlich sein wie die Tat“, bemerkte Damien. Die Ringe an seinen Fingern schlugen mit einem hellen Ton gegen den Rand des Kristallglases.

„Da gebe ich dir recht. Sie sind eine arrogante Spezies, diese schwarzen Magier. Sie werde nicht lange schweigen. Höchstens so lange, bis sie sich neu formiert haben. Deswegen bin ich gekommen, um dich zu warnen, Damien. Ich weiß, dass sie zurückkehren werden, und wir müssen alle darauf vorbereitet sein.“

„Ich weiß das sehr zu schätzen. Ich werde meine Leute alarmieren.“

1

„Siddah! Siddah Legna!“

Magdelegna wandte sich um, als sie die hohe Stimme vernahm, die nach ihr rief. Da umklammerte auch schon eine kleine Gestalt ihre Beine und warf sie fast um. Lachend sah sie hinunter auf den kleinen Kerl, der sich an ihren dünnen Rock schmiegte.

„Daniel! Du ziehst deine Tante an den Haaren“, schimpfte sie ihn und löste ihre langen Strähnen vorsichtig aus seinem Griff. Sie nahm die kaffeebraunen Strähnen zusammen und strich sie über ihre Schultern, um sie vor der begeisterten Begrüßung ihres Neffen zu schützen.

„Mammi ist schrecklich böse auf mich. Bitte lass nicht zu, dass sie mich verhaut!“

Legna seufzte, zog ihren Neffen von ihren Beinen weg und bückte sich zu ihm hinunter.

„Deine Mutter ist zwar meine Schwester, aber das gibt mir nicht das Recht, mich in ihre Erziehung einzumischen, wenn du ungezogen gewesen bist. Als ich noch ein kleines Mädchen war, hat mich deine Mutter, weil sie meine ältere Schwester ist, auch immer bestraft, wenn ich unartig war.“ Legna versuchte, ein Lächeln zu unterdrücken, als sich das kleine Gesicht vor ihr voller Entsetzen und enttäuschter Hoffnung verzog. Voller Mitgefühl dachte sie daran, wie streng ihre Schwester sein konnte. „Außerdem hast du doch erst vor zwei Tagen bei mir Asyl gesucht. Hast du dir so schnell schon wieder Ärger eingehandelt?“

„Aber Tante Legna, du bist meine Siddah. Du kannst ihr sagen, dass sie mich nicht hauen darf.“

„Daniel, eben weil ich deine Siddah bin, muss ich deine Mutter dazu anhalten, dich zu bestrafen. Wenn ich als Siddah an der Reihe bin, deine Erziehung zu übernehmen, werde ich auch sehr streng sein mit dir. Ich verspreche dir, mein Herzblatt, dass ich eine strenge Lehrerin sein werde, und meine erste Lektion lautet, dass du dich den Folgen deiner Taten stellen musst. Wie alle guten Männer es tun.“

„Aber ich bin kein Mann. Ich bin erst sechs Jahre alt.“

„Das ist wahr“, erwiderte Legna, „du bist noch ein Junge. Aber wie oft hast du mir schon gesagt, dass du gern ein Mann sein möchtest, genauso tapfer und stark wie dein Onkel? Du sagst, eines Tages wirst du der König aller Dämonen sein, so wie dein Onkel Noah. Richtig?“ Sie wartete, bis er widerstrebend nickte. „Was wärst du dann für ein König, wenn du dich feige vor der Verantwortung für deine Fehler drücken würdest?“

„Wahrscheinlich kein besonders guter“, meinte Daniel und senkte den Blick, damit seine Tante die Tränen in seinen tiefblauen Augen nicht sehen konnte, die zu seiner zitternden Stimme passten. „Aber ich wollte nicht absichtlich böse sein.“

Legna seufzte noch einmal. Ihr geliebter Neffe tat ihr leid.

„Das weiß ich. Ich glaube auch, dass du in deinem Herzen ein braver Junge sein willst.“

„Es bleibt nur zu hoffen, dass mein Sohn eines Tages seinem Herzen folgen wird“, ertönte eine trockene Bemerkung am Eingang zum Gewächshaus.

Legna richtete sich zu voller Größe auf und lächelte ihrer Schwester Hannah zu, die gerade hereinkam und ihren missratenen Sohn hochhob und ihn sich auf die Schultern setzte.

„Solange er aber so weitermacht und sich irgendwelche Dreistigkeiten herausnimmt, wie zum Beispiel, sich während der Versammlung des Großen Rates unter dem Tisch zu verstecken, muss er seine Strafe bekommen.“

„Oh Daniel, das hast du doch nicht etwa getan?“ Legna schüttelte den Kopf, und die Wangen des pausbäckigen kleinen Jungen färbten sich tiefrot.

„Aber das wollte ich ja gar nicht. Ich habe bloß mit Onkel Noah verstecken gespielt.“

„Ja, nur solltest du das nächste Mal deinem Onkel auch sagen, dass du mit ihm spielen willst, damit er es nicht auf diesem Wege herausfindet. Und jetzt erst mal heim und ab ins Bett; da kannst du dann über dein Benehmen nachdenken, bis dein Vater nach Hause kommt. Dann kannst du die Sache noch einmal mit ihm besprechen, denn mir hörst du ja offenbar nicht zu.“ Hannah stellte ihren Sohn wieder auf den Boden und gab ihm einen leichten Klaps auf den Po, um ihn in die richtige Richtung zu schicken. „Ab mit dir. Such deine Li-Li-Ni und auf nach Hause.“ Hannah suchte mit Hilfe ihrer mächtigen Sinne kurz nach dem Kindermädchen. „Sie ist bei deiner Schwester im Kinderzimmer. Wenn du im Bett bist und schläfst, wenn ich nach Hause komme, überlege ich es mir vielleicht noch einmal anders und erzähle deinem Vater doch nicht, wie ungezogen du gewesen bist.“

„Ja, Mammi“, versprach Daniel mit gesenktem Kopf. Er schlurfte aus dem Gewächshaus, während er seiner Tante einen letzten flehenden Blick zuwarf, bevor er kreuz und quer durch die Große Halle ging. Offenbar wollte er seinen Stubenarrest so lange wie möglich hinausschieben.

„Daniel, ich habe schon Schnecken schneller laufen sehen“, schimpfte Hannah, ohne sich umzudrehen. Sie wusste auch so, was ihr Nachwuchs tat.

Hannahs Mutterinstinkt war für Legna etwas ganz Erstaunliches. Und fast noch wundersamer war die unerschöpfliche Geduld ihrer Schwester, vor allem wenn man bedachte, dass Daniel das zweitjüngste von sechs Geschwistern war. Hannah und Legna warteten, bis Daniel die Große Haupttreppe zur Burg ihres Bruders hinaufgegangen war, um seine Li-Li-Ni zu finden, bevor sie sich einen amüsierten Blick zuwarfen.

„Er ist schon ein kleiner Racker, Schwester“, bemerkte Legna mit leisem Lachen, während sie sich wieder dem kleinen Bonsaibaum zuwandte, den sie so geduldig gestutzt hatte. „Ich hoffe, du willst noch ein bisschen warten, bis du deine Brut vergrößerst. Ich glaube nicht, dass ich noch für noch ein Kind von dir die Siddah sein könnte.“

„Das würde ich nie tun, Schwester.“ Hannah lachte. „Ich fürchte, mit Daniel und Eve hast du im kommenden Jahrhundert mehr als genug zu tun. Tröste dich damit, dass sie gut ein Jahr auseinander sind. Außerdem ist Noah ebenfalls ihr Siddah. Du musst sie also nicht allein erziehen. Keiner von euch beiden.“

„Das macht die Sache leichter, vorausgesetzt, ich wohne immer noch unter dem Dach unseres Bruders, wenn es so weit ist und du sie in unsere Obhut gibst.“

Hannah sah ihre Schwester aufmerksam an und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Legna, willst du damit sagen, dass du mit dem Gedanken spielst, das Haus deines Bruders zu verlassen? Fühlst du dich hier nicht mehr wohl?“

„Nicht wohl? Noah ist der König, der meist geachtete Dämon und einer der mächtigsten Feuerdämonen unserer Geschichte. Du weißt genau, dass er trotz der Flüchtigkeit seines Elements sehr aufmerksam und liebevoll ist und seine Macht und sein Verantwortungsbewusstsein ihn unglaublich sensibel machen für die Bedürfnisse der anderen in seiner Umgebung. Ich habe viel zu tun hier, als seine Burgherrin und auch als Diplomatin seines Hofes. Unter dem Dach meines Bruders könnte ich niemals unglücklich sein.“

„Na gut, vielleicht nicht gerade unglücklich. Aber vielleicht … sehnsüchtig“, fragte Hannah und berührte sie unter dem Kinn, damit sie ihr in die Augen sah. „Legna, ich bin zwar keine Geistdämonin oder eine große Empathin so wie du, aber ich kenne meine Schwester gut genug, um zu wissen, wenn sie aufgewühlt ist.“

„Du irrst dich wirklich, Hannah“, widersprach Legna. „Mir fehlt es hier an nichts, und ich habe auch nicht den Wunsch, von hier fortzugehen. Aber es dauert noch gut und gerne fünf Jahre, bis Eve so alt ist, dass sie in meine Obhut gegeben wird, und noch länger, bis Daniel an der Reihe ist. Auch in so kurzer Zeit kann eine Menge passieren. Ich habe nur laut nachgedacht. Du brauchst deswegen keinen Wirbel zu machen.“

Der unfeine Laut, den Hannah von sich gab, machte deutlich, was sie von den Behauptungen ihrer kleinen Schwester hielt, aber in dem Moment betrat Noah das Gewächshaus.

„Hannah, ich schwöre dir, wenn du den kleinen Bengel nicht an die Kandare nimmst, dann tu ich es selbst.“

„Noah, bitte, du weißt doch, dass Daniel es nicht böse meint. Er ist halt ein kleiner Junge“, verteidigte die Mutter ihr Kind und machte eine wegwerfende Handbewegung, als wenn sein Verhalten ohne jede Bedeutung sei, wobei sie offenbar vergaß, dass sie gerade eben noch genauso verärgert über ihn gewesen war.

„Hannah …“, warnte Noah, und der Tadel in seiner Stimme war nicht zu überhören. Doch er wollte auch nicht zu weit gehen, denn als Feuerdämonin war seine Schwester genauso temperamentvoll wie er.

Legna wandte sich um und blickte von einem zum anderen. Wie immer fragte sie sich, welcher von den beiden Dämonen, die mit einem so hitzigen Element verbunden waren, als Erster die Beherrschung verlieren würde, wie es so oft geschah, wenn sie aufeinandertrafen. Zum Glück waren Feuerdämonen eher selten. Gleich zwei davon in der Familie zu haben war allerdings nicht ganz einfach.

Es war oft Legnas Aufgabe als Empathin, zu spüren, wem gerade der sprichwörtliche Kragen platzte, um die Situation schnell genug zu entschärfen. Hannah und Noah liebten einander von Herzen, doch oft war diese Liebe dann am größten, wenn sie nicht zu nah beieinander waren, und auf jeden Fall war sie größer, wenn sie nicht in einem Streit unterschiedliche Standpunkte vertraten.

„Hannah, der Junge hat vielleicht Dinge gehört, die ihn durcheinanderbringen“, erklärte Noah und änderte seine Taktik, indem er an Hannahs stärksten Instinkt appellierte – an ihren Mutterinstinkt.

„Was denn, Noah?“, fragte Hannah schnell und zupfte nervös an dem hübschen Rubinhalsband, das ihr Mann ihr in der Hochzeitsnacht geschenkt hatte. Sie war nicht leicht aus der Ruhe zu bringen, aber das gewohnheitsmäßige Nesteln an der Edelsteinkette war ein sicheres Zeichen dafür, dass sie sich Sorgen machte.

Alle drei Dämonen, die in dem blühenden Gewächshaus zusammenstanden, waren sich sehr wohl der Probleme bewusst, unter denen die Schattenwandler litten. Legna selbst war ein Opfer davon geworden, als sie von vier Nekromanten abberufen worden war, die sich ihre Kräfte und die der anderen Dämonen hatten zunutze machen wollen. Ohne das Eingreifen der göttlichen Vorsehung und ohne die gerade erst zum Leben erwachten Fähigkeiten einer befreundeten Druidin wäre Legna jetzt tot. Oder Schlimmeres. Unter diesen Umständen waren Hannahs Ängste absolut begründet.

„Es gibt nichts Neues, worüber du dir Sorgen machen musst, Hannah, also quäl dich nicht. Trotzdem …“, fuhr Noah fort, „… haben wir unterschiedliche Möglichkeiten durchgesprochen, wie wir mit Nekromanten umgehen sollten, wenn wir ihnen in Zukunft begegnen. Ich brauche dir nicht zu sagen, dass so eine Diskussion zwischen dem Vollstrecker und den Kriegern darüber, was die beste Taktik wäre, um uns dieser Bedrohung zu entledigen, nicht das Richtige ist für die Ohren eines Sechsjährigen.“

„Ja, du hast recht, mein Bruder. Es tut mir leid. Ich gehe sofort zu Daniel.“

„Hannah.“ Noah packte seine Schwester am Arm, als sie an ihm vorbeieilen wollte, und drehte sie zu sich herum. Dann strich er ihr mit den Fingerspitzen zärtlich über die Wange und küsste sie herzlich auf die Stirn. „Ich liebe meinen Neffen, das weißt du. Ich mache mir Sorgen um ihn. Ich wollte nicht grob sein.“

„Du bist der König, Noah. Es ist deine Pflicht, dich um uns alle zu sorgen. Und ich weiß, dass es in diesem Fall eine schwere Last für dich ist. Ich werde mich um Daniel kümmern.“

„Und ich werde in Zukunft einen Blick unter den Tisch werfen, bevor ich eine Ratssitzung eröffne“, versprach Noah und zwinkerte ihr zu. Hannah musste lachen und küsste ihren Bruder auf die Wange. Dann verschwamm ihre schlanke Gestalt und löste sie sich vor seinen Augen in eine Rauchsäule auf, die gleich darauf durch eine offene Luke in einem der hohen Bleiglasfenster der Großen Halle aus der Burg abzog.

Noah wandte sich seiner jüngeren Schwester zu und hob eine Braue. Legna erwiderte den Blick, indem sie ebenfalls eine Braue hob.

„Und ich hatte schon befürchtet, du würdest die Kunst der Diplomatie nie lernen“, bemerkte sie, und ein Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. „Du hast fast die ganzen zweieinhalb Jahrhunderte meines Lebens dafür gebraucht. Eigentlich sogar noch länger. Du hattest ein paar Jahrhunderte Vorsprung.“

„Es ist schon komisch, dass du dich immer nur dann daran erinnerst, dass ich viel älter bin als du, wenn es dir in den Kram passt, liebe Schwester“, sagte er zum Spaß und zog sie an den Haaren, so wie er es immer gemacht hatte, als sie noch Kinder waren.

„Jetzt habe ich es tatsächlich zum ersten Mal erlebt, dass du auf einen schönen Streit mit Hannah verzichtest und dich für den friedlichen Weg entscheidest. Ich habe mich allmählich schon gefragt, ob du überhaupt mein Bruder bist. Vielleicht bist du nur irgendein Blender …“

„Legna, sei vorsichtig. Das sind Worte des Hochverrats“, witzelte er und zog sie wieder an den Haaren, bis sie sich herumdrehte und ihm auf die Finger schlug.

„Ich habe keine Ahnung, wie du es geschafft hast, den gesamten Rat davon zu überzeugen, dass du reif genug bist, um König zu werden, Noah! Du bist wie ein Kind!“ Sie entwand sich ihm, damit er ihre Haare loslassen musste. „Und das sage ich dir, wenn du mich noch einmal an den Haaren ziehst, versetze ich dich in Tiefschlaf und rasiere dir eine Glatze!“

Noah hob sofort ergeben die Hände und grinste Legna an, die vor Ärger rot angelaufen war. Trotz ihrer Anmut und ihrer damenhaften Art war Noahs kleine Schwester ohne Weiteres in der Lage, ihre Drohungen wahr zu machen.

„Jetzt mal ehrlich, Noah. Du bist ungefähr siebenhundert Jahre alt. Man sollte doch meinen, dass du dich auch entsprechend verhältst.“

„Legna, in den letzten Monaten habe ich nichts anderes getan, als mich meinem Alter entsprechend zu verhalten. Du bist die Einzige, bei der ich das nicht muss. Ich glaube fest, dass wir das Kind in uns nie ganz aufgeben sollten. Und …“, sagte er, machte einen Schritt auf sie zu und strich ihr eine Strähne, die er in Unordnung gebracht hatte, mit einem warmen Blick wieder zurück, „… solange du mich im Herzen so jung erhältst, sorge ich dafür, dass du es auch bleibst, kleine Schwester.“

Legna lächelte ihn sanft an und küsste ihn ebenfalls zärtlich auf die Wange. Sie hatte ihn aufgezogen, aber jetzt bedauerte sie es plötzlich, denn sie wusste, dass er schwer unter der drückenden Last der Verantwortung für ihre Rasse zu tragen hatte. Sie würde es zulassen, dass er ihr jedes Haar einzeln ausriss, wenn es ihn glücklich machte und wenn er sich damit von seinen Belastungen und von seinen Verpflichtungen ablenken konnte.

„Das erzählst du mir jeden Tag, mein lieber Bruder.“ Sie hielt inne und nahm seine Hand in ihre Hände. „Du bist in den letzten fünf Monaten sogar ausgesprochen aufmerksam gewesen.“

„Es kann nicht schaden, wenn ein Bruder seiner geliebten Schwester ein gewisses Maß an Zuneigung zeigt“, entgegnete er und folgte ihr, als sie ihn an der Hand aus dem feuchtheißen Gewächshaus führte.

„Das stimmt. Und du bist immer sehr aufmerksam gewesen“, stimmte sie zu. „Trotzdem, Noah, seit der Abberufung …“

Noah blieb wie angewurzelt stehen und entzog ihr abrupt seine Hand.

„Darüber will ich nicht sprechen.“ Seine Stimme war mit einem Mal dunkel und tief, und unterdrückte Wut klang hindurch. „Es ist vorbei. Die Monster, die es gewagt haben, dich mir wegzunehmen, sind tot. Du bist in Sicherheit, und damit ist die Sache erledigt.“

„Wen willst du eigentlich schützen, indem du dich weigerst, darüber zu sprechen?“ Diesmal wich sie ihm nicht aus, sie hatte das Gefühl, dieses Thema lange genug gemieden zu haben. „Mich? Wie du schon gesagt hast, ich bin jetzt in Sicherheit, also was soll’s? Willst du dich immer noch hinter Isabella verstecken, weil sie mich davor bewahrt hat, transformiert zu werden? Wir müssen Isabella schützen. Sie ist äußerst wertvoll für uns. Isabella, die Vollstreckerin mit ihren besonderen druidisch-menschlichen Kräften! Wir wollen nicht verraten, wie sie mich gerettet hat, denn das könnte anderen falsche Hoffnungen machen, und es würde Bella in Gefahr bringen.“ Legnas Ton war ausgesprochen sarkastisch geworden, und ihre graugrünen Augen blitzten. „Noah, außer dir und mir ist niemand hier. Niemand! Ich will, dass du mir in die Augen siehst und mir sagst, warum du diesem Thema ausweichst, obwohl niemand hier ist außer mir.“

„Legna.“ Noah hielt kurz inne, und sie sah in seinen graugrünen Augen, die den ihren so ähnlich waren, wie er mit sich kämpfte. „Ich kann nicht beschreiben, was ich damals empfunden habe, als du dich vor meinen Augen einfach in nichts aufgelöst hast. Da habe ich mir geschworen, wenn ich dich durch irgendein Wunder zurückholen könnte, würde ich nie mehr zulassen, dass dein Leben aufs Spiel gesetzt wird. Wenn ich über diese Dinge nicht mit dir spreche, dann deswegen, weil ich den Schmerz nicht noch einmal durchleben kann. Und ich halte auch die Vorstellung nicht aus, dass es wieder passieren könnte.“ Er hob den Blick und sah ihr in die großen Augen. „Diese Familie und auch dieses Königreich können nicht funktionieren unter einem König, der wie gelähmt ist vor Angst und Schmerz. Ich bitte dich, lass dieses Thema jetzt ruhen, Magdelegna. Wenn schon nicht für deine Sicherheit und für die Sicherheit von anderen, dann zumindest für meinen Seelenfrieden.“

Legna schwieg einen Moment und spürte Noahs heftige Qual. Der Schlag ihres Herzens nahm die panischen Schläge seines Herzens auf. Seine Furcht war mit Händen zu greifen, und sie war so fremd. Er war der standhafteste und tapferste Mann, den sie kannte, und es erschütterte sie, seine lähmenden Gefühle zu empfangen. Aber noch mehr belastete sie die Erkenntnis, dass er etwas vor ihr verbarg. Es war im Grunde so, als würde er sie anlügen. Selbst wenn sie seine Gefühle nicht gespürt hätte – seine leicht geweiteten Augen, der schnellere Puls und der erhöhte Blutdruck hätten ihn verraten. Und sie spürte große Sorge hinter seiner Furcht, da war sich Legna ganz sicher.

Sie empfand es nicht als Beleidigung, dass Noah sie anlog oder dass er etwas vor ihr verbarg, denn als ihr Bruder hatte er immer das Bedürfnis gehabt, sie zu beschützen, egal, wie alt oder wie mächtig sie geworden war. Es war ihm vollkommen klar, dass sie seine beeindruckenden Versuche, seine Gefühle vor ihr abzuschirmen, mühelos umgehen konnte. Er hoffte einfach, dass sie aus Liebe zu ihm über die leichte Verdrehung der Wahrheit hinwegsehen würde.

„Noah“, sagte sie leise mit dieser wunderbaren und so besänftigenden Stimme.

Sie fuhr ihrem Bruder durch die Locken über seiner Stirn. Die Berührung half ihr, Verbindung mit seinen Synapsen aufzunehmen und seine durcheinanderwirbelnden Gedanken zu lesen. Sie schlüpfte in ihn hinein, ihr Geist und ihre Macht umhüllten ihn beruhigend, linderten seine Angst um sie und stärkten das Vertrauen in seine Fähigkeiten, dass er diejenigen, denen er diente, beschützen konnte, so wie es noch vor fünf Monaten ganz selbstverständlich gewesen war für ihn.

Diesmal ließ Noah ihren Trost zu, ließ sich besänftigen. Bisher hatte er sich immer dagegen gewehrt, er hatte sich so schuldig gefühlt, dass sie in diese Gefahr geraten war, dass er es sich nicht erlaubte, sich besser zu fühlen. Er wollte seine Furcht und seine Schuldgefühle als Antrieb nutzen, damit sie den Abberufungen nicht mehr wehrlos ausgeliefert waren. Eine Suche, die schon fast so lange dauerte, wie die Welt bestand. Aber er hatte sich nur aufgerieben. Jetzt tat es ihm gut, getröstet zu werden und Vergebung zu erfahren. Er war bereit für Legnas Sündenerlass.

„Du bist Vater so ähnlich“, murmelte sie leise, und ihre Stimme glitt über seine Seele wie Balsam. „Ich war so jung, aber ich habe nie vergessen, wie … übermenschlich groß er mir immer vorgekommen ist. So stark, so beschützend. Wenn er in der Nähe war, hatte ich nie Angst. Ich weiß, du sagst, ich sei noch zu klein gewesen, aber ich habe es immer mit meiner ganzen Seele gespürt.“

Noah war so überwältigt von den Gefühlen, die sie in ihm weckte, dass er die Hand nach ihr ausstreckte und sie fest in seine Arme zog, um ihr zu zeigen, wie dankbar er ihr war. Sie hatte genau die richtigen Worte gewählt, und auch wenn er wusste, dass das zu ihren besonderen Fähigkeiten als Dämonin gehörte, war er doch glücklich darüber.

„Legna“, seufzte er, „ich wünschte so sehr, Mutter könnte sehen, wie schön du geworden bist … und wie stark.“

Legnas Augen wurden feucht, und auch sie drückte Noah fest an sich. Sie war damals viel zu jung gewesen, um sich noch genau an ihre Eltern erinnern zu können, aber ihren Vater hatte sie immer mächtiger empfunden als ihre Mutter, die nur eine geisterhafte Erscheinung gewesen war. Noah hatte sie jahrhundertelang gekannt, und er hatte Legna viele Geschichten von ihr erzählt. Und das hatte er bei ihrem Vater getan, als er seine Schwester allein großzog, nachdem ihr Vater innerhalb eines Jahres nach dem Tod der Mutter abberufen worden war. Der Vollstrecker war gezwungen gewesen, ihn in seiner transformierten Gestalt zu töten, aber Noah hatte Jacob das nie zum Vorwurf gemacht. Wie über vieles, was einfach zu schmerzlich war, wollte er auch über den Tod ihrer Eltern niemals sprechen.

Dämonen waren unsterblich, aber eigentlich bedeutete es eher, dass sie sehr lange lebten. Sie waren einfach schwierig umzubringen, und das trug dazu bei, dass sie eine lange Lebensspanne hatten. Wenn Dämonen also ihre Geschwister oder ihre Eltern oder andere Mitglieder der Familie verloren, dann gewöhnlich durch Gewalt. Und ein solches Ereignis hinterließ Spuren in den empfindsamen Seelen der Hinterbliebenen. Noah hatte sich immer geweigert, Legna zu erzählen, wie ihre Mutter damals gestorben war. Und alle anderen in ihrer Umgebung wussten um seinen Wunsch und schwiegen ebenfalls beharrlich.

Dagegen konnte sie sich noch genau an den Tag erinnern, als ihr Vater von einem verfluchten menschlichen Nekromanten abberufen worden war. Sie wusste, dass Noah sich auch daran erinnern konnte. Und es war klar, warum das Trauma des letzten Samhain ihn so schwer getroffen hatte. Sie brauchte nicht in seiner Erinnerung zu lesen, wie er hatte zusehen müssen, als sich ihr Körper in nichts auflöste, um zu wissen, welche Wunden dieser Augenblick bei ihm hinterlassen hatte. Ihr erging es nicht anders. Niemals in ihrem Leben würde sie den Schmerz und die Angst dieses Augenblicks vergessen.

Aber als sie ihn dazu drängte, ihre Gefühle darüber auf empathischem Weg auszutauschen – Legna sollte erzählen, was sie von ihrem Vater noch wusste, und er sollte besondere und ausgewählte Erinnerungen an ihre Mutter schildern –, da erkannten sie, wie ähnlich sie inzwischen ihren Eltern geworden waren. Es war beruhigend, heilsam und aufbauend, das zu wissen.

„Du warst Vaters kleiner Engel“, sagte er.

„Und du Mutters. Ich spüre in deinem Herzen, wie sehr sie dir das Gefühl gegeben hat, dass du etwas Besonderes bist.“

„Schon an dem Tag, als ich geboren wurde, hat sie geschworen, dass ich eines Tages König sein würde. Vater hat sie immer ausgelacht. Welche Mutter hat nicht hochfliegende Träume, wenn es um ihr Kind geht?“ Noah blickte in das schöne Gesicht seiner Schwester. „Aber ich glaube, sie hat es wirklich gewusst. Ich glaube, sie hat auch gewusst, dass sie nicht lange genug leben würde, um dich großzuziehen. Sie hat mich schwören lassen, dass ich dich unter allen Umständen beschützen würde. Mindestens einmal in der Woche hat sie mich an dieses Versprechen erinnert.“

„Und das hast du auch getan“, erklärte Legna. „Ich sage das nicht nur, um dich zu trösten, also hör auf, darüber nachzugrübeln. Du warst es schließlich, der die Verbindung zwischen Jacob und Isabella erkannt hat, als sie zu uns kam, obwohl sie anscheinend einfach eine Menschenfrau war, die uns nur helfen wollte. Du hast ihr Zutritt zur Bibliothek gewährt und die Verärgerung des Rates darüber zurückgewiesen. Und weil sie ihre Nachforschungen anstellen durfte, hat sie die verschollene Prophezeiung der Dämonen entdeckt. So haben wir herausgefunden, dass es tatsächlich druidisch-menschliche Mischwesen gibt und dass wir auf sie angewiesen sind, wenn wir als Gattung überleben wollen. Du warst der Grund, dass Jacob es sich erlaubt hat, sich in sie zu verlieben und sie heiraten zu wollen.

Und weil du, mein geliebter Bruder, ihnen angeboten hast, bei der feierlichen Zeremonie dabei zu sein, habe ich mich an ihr festgehalten, vor fünf Monaten bei Vollmond, als ich abberufen wurde. Wenn es diese Verbindung nicht gegeben hätte, wäre Isabella niemals mit mir in das Gefängnis des Pentagramms gesogen worden, wo ihre Anwesenheit seine Kräfte geschwächt und meine Umwandlung in ein Monster verhindert hat, das Jacob hätte jagen und töten müssen.“

„Nicht“, murmelte er, nahm ihren Kopf in beide Hände und küsste sie auf die Stirn, und sie spürte, wie seine Verzweiflung durch seine Hände strömte, die ihren Kopf umschlossen. „Sprich nicht davon. Es zerreißt mich, wenn ich nur daran denke.“

Er wäre daran zugrunde gegangen.

Legna, seine anmutige, über alles geliebte Schwester, gefangen in dem dunklen verschlungenen Zauber eines Pentagramms, das ihre Schönheit und ihre Seele zerstört und sie in einen Dämon verwandelt hätte, wie die Menschen ihn sich vorstellen. Sie wäre ein Monster geworden, das man gejagt und vernichtet hätte, um die zerbrechlichen Menschen und auch die Dämonen vor ihm zu schützen. Das hätte ihn für den Rest seines Lebens verbittert, und das war eine beängstigende Aussicht für einen Mann, der über eine ganze Spezies herrschte. Er wusste, es gab einen riesigen Unterschied zwischen normalen Menschen und den Sterblichen dieser Gattung, die sich in schwarzer Magie versuchten und zu Nekromanten wurden. Aber wenn er Magdelegna verloren hätte, wäre er sich nicht sicher gewesen, ob er diesen Unterschied auch weiterhin hätte machen können.

„Aber es hat sich doch alles zum Guten gewendet“, sagte Legna eindringlich und drückte seine Hände, um ihn zu trösten. „Du musst aufhören, dir solche düsteren Gedanken zu machen, Noah, und du solltest den Augenblick genießen. Mir geht es gut“, wiederholte sie und drückte noch einmal seine Hände, um ihre Worte zu bekräftigen.

Noah nickte und lächelte schließlich. Seine graugrünen Augen leuchteten heller, als er ihre tröstenden Worte aufnahm.

„Ja. Es geht dir gut. Und du bist gesund.“ Er nahm ihre Hände in die seinen, spreizte ihre Arme ab und betrachtete sie. „Es wundert mich manchmal, dass bis jetzt noch niemand zu mir gekommen ist und um deine Hand angehalten hat. Vielleicht weil es, wie bei Bella und Jacob, ein Druide sein muss, der dein Herz und deine Seele für sich gewinnt. Die Chance, jemanden zu finden, auf den du geprägt bist, ist auf einmal gar nicht mehr so unwahrscheinlich. Es ist etwas Wunderbares. Das siehst du jetzt selbst, so wie ich es gesehen habe, als Mutter und Vater noch gelebt haben. Niemand, der einmal Zeit mit Bella und Jacob verbracht hat, kann übersehen, was für ein Wunder eine solche Liebe ist, eine solche geistige Verbundenheit. Jacob ist ein anderer geworden. Ich habe ihn nie zuvor so glücklich und zufrieden gesehen, und Bella strahlt vor Liebe und vor Glück über ihre Schwangerschaft. Ich muss sagen, ich bin neidisch.“

„Ich weiß.“ Legna lächelte sanft, als er den Namen ihrer neuen Freundin nannte und als er über das Glück sprach, das Bella in der Liebe zu Jacob, dem Vollstrecker, gefunden hatte. „Es hat in unserer Gesellschaft keine Prägung mehr gegeben, seit fast … ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass ich mich an das letzte Mal überhaupt erinnern kann. Ich habe auch immer gedacht, es sei ein Märchen, das kleinen Mädchen erzählt wird. Bis ich dann gehört habe, dass Mutter und Vater aufeinander geprägt waren. Ich wünschte, ich hätte … ich wünschte, ich hätte das alles erlebt, woran du dich erinnerst. Ich wünschte, ich könnte fühlen, wie innig sich die beiden geliebt haben. Wenn du davon erzählst, klingt es so wunderbar, und jetzt, wenn ich sehe, wie leidenschaftlich Jacob und Isabella sich lieben, wünsche ich es mir noch mehr.“

„Nun ja“, lachte Noah, „kleinen Jungs wird dieses Märchen auch erzählt, aber ich glaube, wir haben uns mehr auf den Teil konzentriert, in dem es hieß, dass der Sex zwischen geprägten Partnern das unglaublichste Erlebnis sei, was es auf dieser Erde gibt.“

„Noah!“ Legna versetzte ihm einen kleinen Stoß. Aber dann musste auch sie kichern. „Ich glaube, darüber habe ich auch ein oder zwei Mal nachgedacht. Nur Mut! Nach zwei Prägungen in einer einzigen Woche letzten Oktober stehen die Vorzeichen auch für dich nicht schlecht, mein Bruder.“

„Das will ich hoffen“, erwiderte Noah mit einem lüsternen Zwinkern, und seine Schwester verdrehte die Augen. „Du bist unverbesserlich! Und du wunderst dich, wo deine Nichten und Neffen das herhaben?“

Noah lachte und schüttelte den Kopf. Er bemerkte, dass es Legna wieder einmal gelungen war, das Gespräch von sich selbst weg auf etwas ganz anderes zu bringen. Solange er sich erinnern konnte, war das immer ihre Art gewesen. Legna sprach nie über sich selbst; ihr empathisches Wesen trieb sie stets dazu, ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühle außer Acht zu lassen, um anderen zu helfen.

„Ich verstehe sehr gut, was du meinst, Süße. Mir ist nicht mehr zu helfen, und es ist kein Wunder, dass mich niemand will. Jedenfalls habe ich viel zu viel zu tun, als dass ich herumlaufen und eine Dämonin oder eine Druidin suchen könnte, die zu mir passt, auch wenn der Gedanke noch so verlockend wäre. Außerdem sollten wir die ganze Minne und die damit einhergehenden Gefühle und Empfindsamkeiten und diesen ganzen Blödsinn den Vollstreckern überlassen. Dieser alberne Kram passt viel besser zu denen als zu mir.“

Legna stieß ihrem Bruder den Ellbogen in die Seite, um ihn für seine respektlose Bemerkung gegenüber Jacob und Isabella zu strafen. Vor Isabella war Jacob ein einsamer Mann gewesen, dessen Seele danach gelechzt hatte, angenommen und gemocht zu werden, um den Makel seiner Position auszugleichen, denn es war seine Pflicht, das Gesetz gegen seine eigenen Leute durchzusetzen. Für ihn war es ein notwendiges Übel gewesen, dass er verachtet wurde, und so hatte er wahres Glück erst an dem Tag erfahren, als er Isabella nach ihrem Sturz aus dem Fenster zum ersten Mal in den Armen gehalten hatte. Noah zog Jacob gern damit auf, er sei „am Ende“ und „liebestrunken“, aber Legna wusste, dass ihr Bruder sich für den Vollstecker freute. Umso mehr, als die beiden schon innerhalb des nächsten Jahres das erste Kind seit einem Jahrtausend bekommen würden, das von einer Druidin und einem Dämon abstammte.

Manchmal allerdings wurde Legna das Gefühl nicht los, dass Noah etwas zu verzweifelt versuchte, sich über die Prägung lustig zu machen. Sie war Empathin, sie war seine Schwester, und sie hatte Augen im Kopf. Legna sah Dinge, von denen er nicht ahnte, dass sie ihr auffielen. Er war vielmehr überzeugt, dass er es geschickt verbarg vor ihr. Sie hatte es oft erlebt, wenn die beiden Vollstrecker Gäste in ihrem Haus gewesen waren und Bella und Jacob ihre dunklen Köpfe zusammengesteckt hatten voller Liebe und offensichtlichem Begehren, wie seine graugrünen Augen, die ihren eigenen Augen so ähnlich sahen, die beiden genau gemustert hatten.

„Ich würde es gern sehen, wenn du dich so ‚quälen‘ würdest wie Jacob“, zog sie ihn mit einem warmen Lächeln auf. „Aber jetzt hast du mich an eine Verabredung erinnert, zu der ich wohl schon zu spät komme.“ Legna stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihrem Bruder einen Kuss auf die Wange zu geben. „Du siehst müde aus, du solltest dich ein bisschen hinlegen.“

„Ich bin kein alter Mann, der sich mitten in der Nacht hinlegen muss“, erwiderte Noah empört. „Der Mond ist gerade erst aufgegangen.“

„Wie du willst, Noah, es war nur ein Vorschlag. Tut mir leid, wenn ich deinem zarten Ego zu nahe getreten bin.“ Spöttisch wich sie ein paar Schritte zurück und breitete die Arme weit aus, während sie sich vor ihm verneigte. Und im nächsten Moment explodierte sie in einer Wolke aus Rauch und Schwefel und war verschwunden, noch bevor Noah etwas sagen konnte.

„Luder!“, rief er ihr nach, obwohl er sich ziemlich sicher war, dass sie es nicht hören konnte.

Er ging zum Kamin und entzündete mit dem Funken eines Gedankens ein prasselndes Feuer. Dann ließ er sich in seinem Lieblingssessel nieder.

„Ein Nickerchen wäre nicht schlecht“, murmelte er vor sich hin. „Mit einem Fingerschnippen kann ich Energie geben oder sie nehmen!“, verkündete er stolz in den leeren Raum hinein. „Ich brauche mitten in der Nacht keinen Schlaf wie ein Baby. Ich werde dem Mädchen wohl mal eine kleine Lektion erteilen müssen.“ Dann musste er gähnen – und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Er sah sich kurz um und verschloss sein Haus mit einigen kurzen Gedanken. Dann ließ er sich tiefer in den Sessel sinken und gönnte sich den Luxus, ein wenig die Augen zu schließen.

2

Isabella spürte, wie der Luftdruck im Raum sich veränderte, und warf einen Blick über die Schulter. Sie wusste sofort, wer ihr Gast war, noch bevor der Rauch sich verzogen hatte. Bella stieß einen Freudenschrei aus, stellte die Gießkanne aufs Fensterbrett und eilte ihrer Freundin entgegen.

„Legna!“

„Bella, es ist so schön, dich zu sehen“, begrüßte Legna sie strahlend und umarmte die kleine Druidin vorsichtig, um ihren gewölbten Bauch nicht zu sehr zu drücken. Die beiden benahmen sich, als hätten sie sich Jahre lang nicht gesehen, und nicht nur eine Woche. Wahrscheinlich kam es daher, dass Bella unglaublich glücklich war, eine andere Frau zu sehen, und das auch ausstrahlte. Manchmal wurde Legna vom Überschwang anderer geradezu überrollt, und sie hatte nichts dagegen. Ein solches Gefühl zu empfangen gehörte zu den schöneren Erlebnissen.

Isabella lachte, sie beugte sich etwas zurück, um ihre Freundin zu betrachten, und warf ihr volles schwarzes Haar über die Schulter. Es glänzte wie das Gefieder eines Raben. Isabella reichte der Empathin, die fast einen Meter achtzig groß war, nicht einmal bis zur Schulter. Alle Dämonen waren groß. Bella beschwerte sich oft, dass sie Genickstarre bekäme, wenn sie mit ihnen sprach, aber Legna hatte bemerkt, dass Bella nichts wehzutun schien, wenn sie Jacob küsste.

„Du lügst“, warf Bella ihr nicht sehr eifrig vor. „Ich sehe aus, als würde ich einen kleinen Basketball unter meinem Kleid mit mir herumtragen. Ich bin erst im fünften Monat und habe es jetzt schon satt, so durch die Gegend zu watscheln.“

„Ich brauche dich wohl nicht daran zu erinnern, dass das Baby zur Hälfte ein Dämon ist. Für Dämonen sind fünf Monate gerade mal etwas mehr als ein Drittel.“

„Okay, dabei fällt mir ein, dass du nicht mehr meine Freundin bist. Löse dich bitte sofort in Rauch auf“, befahl Bella gespielt gekränkt, die Hände in die Hüften gestemmt, während sie die andere Frau wütend anfunkelte. Magdelegna lachte, begab sich zu der kleinen Druidin hin und legte ihr beruhigend den Arm um die Schulter. „Und …“, seufzte Bella wehmütig, während sie Legnas Taille umfasste, „… außerdem hast du noch eine perfekte Figur.“

„Na, na“, tadelte Legna sie sanft. „Wie geht es Jacob?“, erkundigte sie sich dann und führte Bella zu einer bequemen Couch in der Nähe eines schönen Fensters mit Glasmalereien, auf denen eine Waldlandschaft mit Tieren abgebildet war. Die Empathin spürte die Sorgfalt, mit der diese Bilder gemalt worden waren, sah all die Details und fand sie atemberaubend. Mondlicht fiel durch das Glas und warf silbrigen Farbenglanz auf die beiden Frauen, während sie sich einander gegenüber auf dem Sofa niederließen.

„Er hat viel zu tun.“ Isabella atmete scharf aus und versuchte, sich ihre Mähne hinters Ohr zu streichen. „Ich müsste ihm eigentlich helfen. Schließlich bin ich seine Partnerin. So steht es schwarz auf weiß geschrieben … oder … eigentlich ist es ein gräuliches Beige mit etwas Rot …“ Bella schnappte nach Luft, dann knurrte sie verärgert, bis sie endlich eine bequeme Stellung gefunden hatte. „Der Punkt ist doch, diese wundersame verschollene Prophezeiung der Dämonen, die ich gefunden habe und die die Zukunft aller Dämonen verändern wird, ist meine Bestimmung. Und ich sollte bei ihm sein. Stattdessen sitze ich hier auf der Couch und spüre alles, was ihm passiert, nur aus der Ferne. Das ist wirklich schwer.“ Bella zog die Beine an und kreuzte sie zum Schneidersitz. „Ich sage dir, wenn er mir noch eine einzige Anweisung mit dem W-Wort gibt, lasse ich mich von ihm scheiden, noch bevor die Hochzeit vorbei ist.“

„Das W … ? Hör mal, Bella, ich kann dir nicht ganz folgen. Das W-Wort?“

„Ja. W wie in Weib. Bäh! Er sagt oder denkt immer irgendwelche Sachen auf so eine überhebliche Art und hängt dann das Wort ‚Weib‘ dran, als wenn es irgendein Passwort wäre, mit dem er mich herumkommandieren kann.“ Bella bemerkte, dass ihre Freundin sie immer noch ziemlich verblüfft anstarrte, und sie verzog das Gesicht und veränderte ihren Tonfall, bis sie von Mimik und Stimme her Jacob erstaunlich ähnlich war. „‚Ich will nicht, dass du in deinem Zustand jagst, Weib. Es ist zu gefährlich für dich und das Baby, mich zu begleiten, Weib. Ich habe Elijah gesagt, dass es vor der Geburt keine Trainingsstunden mehr gibt. Du brauchst darüber nicht mit mir zu diskutieren, Weib, denn mein Entschluss steht fest.‘“ Isabella ließ sich mit einem vielsagenden Seufzer zurücksinken. „Mann! Das ist wirklich unerträglich und so … selbstherrlich! Weißt du, die Flitterwochen sind einfach vorbei, wenn er statt ‚Liebste‘, ‚meine kleine Blume‘ oder ‚mein Herz‘ einfach nur noch Weib sagt.“

Legna unterdrückte ein Lachen. Ihr gefiel der berüchtigte Sarkasmus ihrer Freundin. Bella versteckte sich hinter ihrer Schlagfertigkeit und ihrem Humor. Auf diese Weise nannte sie Dinge beim Namen, die sie störten, aber sie machte sich in einer Art und Weise darüber lustig, dass jeder, der sie nicht kannte, es nur für einen Scherz hielt.

Doch Legna kannte sie besser.

„Aber Bella, du weißt doch, dass Jacob dich vergöttert. Er will dich natürlich beschützen. Er küsst den Boden, über den du gehst.“

„Ha! Ha!“, bemerkte Bella trocken. „Er als Erddämon. Küsst den Boden! Nett. Wirklich nett.“

„Also komm. Mal im Ernst. Als Erddämon hat Jacob eine enge Verbindung zur Natur. Er weiß am meisten von uns allen über das Leben und über den Tod. Sein Respekt davor ist größer als alle seine sonstigen Gefühle, außer vielleicht die Liebe zu dir. Aber er ist auch ein Jäger und mit den hoch entwickelten Sinnen eines Raubtieres geboren. Er weiß einfach, welche Gefahren im hohen Gras lauern.

Ob es dir nun gefällt oder nicht, Bella, im Moment bist du verwundbar. Ich weiß, wie stark du bist und wie schnell sich deine Fähigkeiten entwickeln, aber wie würde Jacob dastehen, wenn du bei deiner Arbeit durch widrige Umstände in Gefahr gerätst, wenn du als Geisel genommen oder vielleicht sogar tödlich verletzt wirst? Ich könnte dir ein paar entsprechende Szenarien beschreiben, und Jacob kann mit seiner vierhundertjährigen Lebenserfahrung noch auf ein viel größeres Arsenal zurückgreifen. Du bist jetzt seit fünf Monaten Vollstreckerin. Er macht das schon seit vierhundert Jahren. Dann tobte ein Jahrhundert lang der Krieg mit den Vampiren; mit den Lykanthropen waren es drei … zurzeit herrscht ein ungewöhnlicher Friede, abgesehen von den Nekromanten. Aber es gibt noch jede Menge Unbekannte, und du bist für ihn sehr kostbar.

Und überhaupt, welcher anständige Mann würde sich nicht um seine geliebte Partnerin sorgen, die sein Kind unter dem Herzen trägt – ein Kind, das auch noch, sobald es geboren ist, das erste seiner Art sein wird? Menschliche und dämonische DNA sind noch nie in irgendeiner Weise vermischt worden. Ja, du bist auch zur Hälfte Druidin, aber trotzdem … Ich kann verstehen, warum Jacob ein bisschen besorgt ist … und ein bisschen übervorsichtig.“

„Na ja.“ Isabella kaute nervös an einem Fingernagel. „Vielleicht würde es mir nicht so viel ausmachen, wenn ich wirklich schon seine Frau wäre.“ Sie lachte auf, denn sie wusste, dass die Prägung bei Weitem tiefer ging als jedes Wort, das man in einer Zeremonie sagen konnte. Und ihr war klar, dass Legna das auch wusste. „Es dauert noch einen Monat, bis wir unsere abrupt unterbrochene Eheschließung zu Ende bringen können. Wenn meine Schwester mich noch ein einziges Mal damit aufzieht, dass ich ein unverheiratetes schwangeres schwarzes Schaf in der Familie bin, dann muss ich sie umbringen und ihre Leiche in irgendeinem Kornfeld entsorgen.“

„Bella!“, sagte Legna tadelnd und musste doch über die Verärgerung ihrer Freundin lachen. „Meine Schwester ist auch nicht gerade ein Ausbund an Tugend, seit Kane und sie aufeinander geprägt worden sind, das kann ich dir sagen. Sie und Kane sind mal für ein Meditationstraining mit mir zu uns nach Hause gekommen, und ich war noch ein paar Minuten anderweitig beschäftigt. Nun ja, als ich dann zum Salon kam, konnte ich spüren …“ Legna senkte den Kopf und errötete sanft. „Sagen wir mal, es wäre ziemlich indiskret von mir gewesen, einfach hineinzugehen.“

„Du machst Witze!“ Bella starrte die Empathin einen Moment lang mit offenem Mund an. „In Noahs Haus? In einem Regierungssitz, wo den ganzen Tag Dämonen ein und aus gehen?“