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Autobiografie. Ein nicht selbstbestimmtes Leben: Schicksalsjahre im Schwarzwald. Erika Ebner wuchs im Nachkriegsdeutschland des Markgräflerlands auf. Ihre von einer hartherzigen, herrischen Großmutter geprägte Kindheit wurde von Arbeit, Prügel und Elend bestimmt, zudem erlebte sie als Jugendliche die undenkbare Steigerung ihres Schicksals durch unfassbare Grausamkeiten, die sie als Geheimnis mit ins Grab nehmen wollte. Damit nicht genug, sagte sie aus der Not des Martyriums heraus Ja zu einem Ehe-Arrangement, das sie mitten in den Schwarzwald führte, wo nicht nur der Wald düster und unheimlich war. Evangelisch getauft heiratete Erika mit 21 Jahren in eine katholische Bäckerfamilie hinein, wo sie abgesehen vom Ehemann unerwünscht war. Zu allem Unglück erlebte sie dort das Schrecklichste, was einer Mutter widerfahren kann. In ihrer Autobiografie erzählt die 70-jährige Unternehmerin fesselnd und authen-tisch die ungesühnten Verbrechen und schrecklichen Ereignisse ihres Leidensweges, den sie nur ihrer Kinder zuliebe mit großem Lebenswillen durchstand.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Stille in der Bäckerei
Geboren in großer Not
Tratsch und Klatsch
Schreckliches Verbrechen
Ein unmoralisches Angebot
Ja-Wort mit fatalen Folgen
Tödlicher Fluch einer Minute
Auf den Tod folgt neues Leben
Den Sorgen davonfahren
Stolz und Elend
Umbauphase besonderer Art
Junge Karrieren und der Tribut des Alters
Epilog
Grafik Familienstammbaum
Gesetzliche Fakten 1950-2020
„Am Ende des Tages können wir viel mehr ertragen, als wir vorher glaubten“
Frida Kahlo
Das Aroma von frisch gebackenem Brot und die Düfte verschiedenster Zutaten zum Kuchenbacken begleiten mich nun schon 55 Jahre. Seit meinem 15. Lebensjahr bin ich im Bäckereigewerbe tätig. Es war jedoch keine Berufung, zumal ich nicht Bäckerin, sondern Einzelhandelskauffrau lernte.
Meinen Berufs- und Lebensweg habe ich mir nicht ausgesucht. Es ergab sich ein Weg ohne Kreuzung, um eine andere Richtung einschlagen zu können.
Geboren im Markgräflerland, wo ich meine Kindheit verbrachte, heiratete ich „mitten hinein“ in den benachbarten Schwarzwald. Durch die Heirat wohne und arbeite ich seit meinem 22. Lebensjahr bei meinem Ehemann in Münstertal, der mir seinerzeit eine außergewöhnliche Partnerschaft in Form eines ebenso ungewöhnlichen Antrags offerierte. In der damals ohnehin schwierigen Epoche erlebte ich keine sorglosen Kinderjahre und eine flotte Zeit als Teenager schon gar nicht. Das genaue Gegenteil war der Fall. In meiner Heimat widerfuhr mir als junges Mädchen das Widerwärtigste, was man(n) Menschen antun kann und als junge Frau das Grausamste, was einer Mutter passieren kann.
Dabei handelte es sich aber nur um die schlimmen Höhepunkte meines Lebens, das mir selten lebenswert erschien.
Seit meiner Kindheit wurde ich immer wieder auf Pfade gelenkt, die ich mir selbst nicht ausgesucht habe. 70 Jahre geht das schon so. Es verwundert mich im Rückblick, dass ich nicht nur immer noch im Backgewerbe arbeite, sondern vor 48 Jahren sogar einen Bäcker heiratete und den sicheren Hafen einer Angestellten verließ, um fortan als Unternehmerin an der Seite meines Mannes tätig zu werden.
Vieles habe ich von jeher verdrängt, darüber zu sprechen fiel mir stets so schwer, dass ich es bisher niemals aussprach. Und genau das war die Motivation meines Sohnes Jürgen, mir das Schreiben mit der Veröffentlichung meines Buches zu raten und als Geschenk zu ermöglichen. Es war ein guter Plan, denn aufschreiben geht leichter und dabei kann ich die Geschehnisse zu Papier bringen, die bislang noch niemand erfuhr. Vielleicht hilft es mir, endlich damit abzuschließen.
Andererseits kann meine Lebensgeschichte auch all jene unterstützen, die Ähnliches erlebten und ihnen mitteilen:
Du bist nicht alleine. Anderen Menschen sollen die Zeilen eine Botschaft vermitteln: Dir geht es gut und besser als vielen Leuten, obwohl es dir nicht so erscheint. Es ist immer eine Frage des Vergleichs.
Um alle Gedanken einzufangen und relevante Ereignisse aufzuschreiben, habe ich mir den passenden Platz in unserem Betrieb ausgesucht. Seitlich hinten in der Backstube, etwas versteckt, lädt ein kleiner Raum unsere Mitarbeitenden zur Pause ein und wird von mir nicht selten als improvisiertes Büro genutzt. Dort begann ich meine Lebensjahre Revue passieren zu lassen und betrachtete manche Ereignisse genauer als zuvor. Dabei entstand ein Berg von Notizen.
Sonntags ist der Arbeitstag in der Bäckerei vormittags um 9 Uhr vorbei und von angenehmen Gerüchen begleitet wurde es ein idealer Ort, um mich in der wöchentlich wiederkehrenden Stille so detailliert wie möglich zu erinnern und meine Erlebnisse zu notieren. Werktags ist stets arg viel zu tun und zu bedenken, dass mir keine freie Minute bleibt, was jedoch für mein Seelenheil gut ist.
Ablenkung mit Verdrängung aller bösen Gedanken an früher ist für mich überlebenswichtig. Überhaupt hatte ich in all den Jahrzehnten nie Zeit für Rückblicke oder um Ereignisse zu verarbeiten, was auch immer das genau bedeutet.
Dieses Buch soll mir nicht nur dabei helfen, endlich ein abscheuliches Verbrechen an mir zu erzählen, sondern endlich einmal alle grausamen Schicksalsschläge mitzuteilen, um sie dann für immer wegzuschließen. Ob das so einfach ist, wird sich zeigen.
Die Bedeutung des oft im Zusammenhang mit dramatischen Ereignissen verwendeten Verbs „verarbeiten“ ist mir jedoch noch nicht klar. Bedeutet „verarbeiten“ etwas zu akzeptieren oder zu lernen, es hinzunehmen?
Vielleicht ist damit auch gemeint, etwas vergessen zu können, die böse Erinnerung also weit und fern der täglichen Gedanken abzulegen und bestenfalls niemals wieder hervorzuholen? Weder das eine noch das andere gelang mir bisher. Die Umstände und Ereignisse waren und sind unabänderlich. Was geschehen ist, ist geschehen.
Wir alle müssen nicht umkehrbare Ereignisse hinnehmen, aber die Ausmaße bleiben für mich unvergesslich und werden lediglich kurzzeitig von anderen Gedanken verschüttet. Um das zu erreichen, häufe ich zu erledigende Arbeiten an.
Zwangsläufig tauchen sie aber immer wieder aus ihrer Deckung auf. Ich weiß nicht, was „verarbeiten“ beinhaltet.
Die Ereignisse lassen sich nicht ungeschehen machen. Mir wurde mehrmals geraten eine Therapie zu machen und Fachleute zu konsultieren. Aber was sollte das Resultat sein? Endlich all das Schlimme mit der Erkenntnis zu „verarbeiten“, dass es passiert ist und mich trotzdem immerdar quält? Die Ereignisse werden mich immer malträtieren und bleiben unvergesslich.
Letztendlich haben sie mein gesamtes Leben entscheidend beeinflusst. Jahrein und jahraus, Monat für Monat, an jedem Tag einer jeden Woche kommt die eine oder andere böse Erinnerung zurück, manchmal auch erbarmungslos alle zusammen. Und was dann? Wenn all die Akzeptanz mit dem „Verarbeiten“ nichts nutzt, was macht man in solchen Fällen? Ich habe mich dem Rat meines Sohnes folgend dafür entschieden, dieses Buch zu schreiben.
Jedes Leben hat einen Anfang und ein Ende, das ist mit Büchern nicht anders und am besten beginne ich mit meinen ersten Lebensjahren.
Im Arm meiner Mutter Luise
Die Zeiten haben sich seit meiner Kindheit in vielen Bereichen gewandelt, besonders technisch und medizinisch. Zwischenmenschlich und gesellschaftlich erscheint mir jedoch heute manches noch so wie damals, als ich am 9. Januar 1952 nicht nur mitten hinein in das zerbombte Deutschland geboren wurde, sondern in die dörfliche, religiös geprägte Gesellschaft des Markgräflerlands, wo nicht nur der Wald schwarz und düster war.
Mein Geburtsort Auggen liegt im Markgräflerland am Rande des Schwarzwalds. Die Region grenzt im Westen an Frankreich und im Süden an die Schweiz. Doch Kontakte zu den Nachbarn gab es kaum und bis heute hat sich kein französischer oder Schweizer Lebensstil über die Grenzen eingeschlichen. Man blieb und bleibt lieber unter sich. In Auggen, Müllheim, Schliengen oder später auch im Münstertal wurden sogar Leute aus den naheliegenden Städten Lörrach, Weil am Rhein oder aus dem Breisgau als zugereiste Fremde argwöhnisch betrachtet.
Selbst die Höhenunterschiede machten aus Einheimischen kurzerhand „die von oben“ oder umgekehrt „welche von unten.“ Eine goldene Mitte ist schwer zu bestimmen.
Die Abgeschiedenheit meiner Heimat, ohne nennenswerte Industrie, trug dazu bei, dass die Region nicht im Bombenhagel des Weltkriegs verdampfte, wie so viele andere Städte und Gebiete. Hitler hatte zwar auch im Hochschwarzwald eine Basis, die „Tannenberg“ hieß, doch glücklicherweise kam er nur einmal zur Einweihung im Jahr 1940 und dann nie wieder.
Meine Eltern erlebten die Auswirkungen des verheerenden zweiten Weltkriegs und ich habe den Eindruck, noch immer lernten die Leute nichts aus der Vergangenheit. Wieder ist ein Krieg in Europa entbrannt und erneut sterben Menschen, Kinder verlieren ihre Väter und Frauen müssen alleine für das Überleben der Familie sorgen. Heute werden alleinstehende Mütter zwar nicht mehr derart im Stich gelassen, wie zu Zeiten meiner Eltern, aber noch immer sind sie nicht uneingeschränkt gesellschaftlich angesehen.
Das Kriegsende machte trotz enormer Lebensleistungen nichts wirklich besser. Frauen hatten keine Rechte, sondern nur Pflichten.
In der Ehe waren wir der männlichen Willkür ausgesetzt, aber ohne Trauschein durfte unsereins froh sein, von der Gesellschaft geduldet zu werden, was als alleinerziehende Mutter noch weniger der Fall war. Trotz ihrer schwierigen Lebenssituation packten insbesondere Frauen an. Sie wuselten sich und ihre verbliebenen Angehörigen aus manchem Schlamassel und sorgten für ein bemerkenswertes Vorankommen der jungen Republik.
Aber ob Schule, Bildung oder Beruf: Zu meiner Zeit durften Frauen nichts selbst entscheiden, obwohl sie das Land überwiegend allein wieder aufbauten. Sogar ein eigenes Bankkonto war ohne Erlaubnis des Gatten nicht gestattet. Selten suchten sich Mädels den Mann eigenständig aus, noch seltener heirateten sie aus Liebe. Wurden sie dann endlich „unter die Haube“ gebracht, waren damit keine nennenswerten Vorteile verbunden. Sie hatten vier Wände, litten meistens keinen Hunger mehr und das gesellschaftliche Ansehen stieg auf ein erträgliches Maß.
Hinter den Wohnungsfenstern spielten sich jedoch zahlreiche Dramen ab, von denen man „draußen“ nichts wissen wollte.
Gleichberechtigung: Pustekuchen.
Wir „Weiber“ gehörten an den Herd, durften die Kinder gebären und sollten unseren Männern in jedem Lebensbereich und zu jeder Stunde dienen. Davon abgesehen waren die Zeiten in den 50-er bis in die 60-er Jahre hinein armselig und schwierig. Ausreichend bezahlte Arbeit gab es selten. Sozialleistungen im heutigen Stil führte man erst viel später ein. Zudem waren die meisten Häuser größtenteils zerstört, oftmals wohnte man in alten oder heruntergekommenen Bruchbuden und in provisorisch reparierten Wohnungen. Neubauten waren genauso wie manche Lebensmittel Mangelwaren. Das Elend war überall sichtbar.
Die Menschen lebten oft in Großfamilien auf engstem Raum und in ständiger Not.
All das fiel mir als Kind natürlich nicht auf und über vorenthaltene Rechte dachte ich nicht eine Sekunde lang nach. Dafür hatte ich auch keinen Moment Zeit, denn ich durfte und konnte mich nur mit den vielen Aufgaben beschäftigen, die mir meine Großmutter auftrug. Ungnädig und herrisch wie einst Kaiser Wilhelm hatte Wilhelmine das Kommando übernommen.
Meine Eltern Luise und Erich Winkler kamen vor lauter gering bezahlter Arbeit selten dazu, mit ihrer Tochter Zeit zu verbringen. Und auch sie trauten sich lange nicht, Luises Mutter zu widersprechen.
Von Kinderrechten war damals ohnehin keine Rede. Wir „Gören“ hatten zu gehorchen. Das war ein ungeschriebenes Gesetz. Schläge als Strafe oder „Motivation“ waren zu Hause, in der Schule oder beim Lehrherrn üblich. Da mischte sich niemand ein, ganz im Gegenteil, wer körperlich züchtigte, galt als „erziehungskompetent.“
Somit ist es wenig verwunderlich, dass Kinder und Jugendliche damals nicht seltener, sondern häufiger als heute sexuell missbraucht wurden. Darüber wurde nicht gesprochen, geschweige denn Prozesse geführt. Auch den jeweiligen Berufsweg entschied einzig der Mann im Haus oder bei seiner Abwesenheit das „ranghöchste“ Familienmitglied.
Früh begann das, was Erwachsene als den „Ernst des Lebens“ bezeichnen. Eine klassische Kindheit erlebten die wenigsten. Sogar die Lebensjahre vor der Einschulung verliefen zumeist weder fröhlich noch sorglos. Wir mussten schon in jungen Jahren arbeiten, was weit über ein Helfen im Haushalt oder auf dem Bauernhof hinausging. Das Leben in Armut war knochenhart, voller Entbehrungen und ungerecht.
Sicherlich nicht für alle Menschen, denn jedes Leben verläuft anders, aber meine schrecklichen Erlebnisse prägten mich nachhaltig. Manchmal scheinen sie mich zu erdrücken und viel zu selten kann ich sie für kurze Zeit aus dem Kopf verbannen. Meine Kindheit hatte nichts mit glücklichen Jahren zu tun und als junge Frau erging es mir nicht besser.
Wenn man mir als Teenager gesagt hätte, ich würde mal einen Bäcker heiraten und später selbstständig arbeiten, die Läden führen und als Geschäftsführerin Verantwortung übernehmen, nein, was für ein Quatsch. Das war undenkbar.
