Schinkengang - Gaby von der Heydt - E-Book

Schinkengang E-Book

Gaby von der Heydt

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Beschreibung

Diagnose Leukämie – Gaby von der Heydt erzählt in dieser sehr persönlichen Geschichte anschaulich vom Alltag im Krankenhaus und dem Kampf gegen ihre schwere Krankheit. Nach einer dramatischen Wende geht es plötzlich um Leben und Tod. Die große Unterstützung von Familie, Freunden und Gospelchor hilft ihr bei diesem schwierigen (Schinken-) Gang. Authentisch beschreibt sie ihre vielfach auch positiven Erfahrungen, ohne dabei ihren Sinn für Humor zu verlieren. Die Klinik wird fast zur Heimat, bevor sie sich Schritt für Schritt und mit großem Enthusiasmus ihr normales Leben zurück erobert. Deutlich wird in dieser Geschichte, dass man die Hoffnung niemals aufgeben sollte. Die Autorin erlebt in dieser für sie schwierigen Zeit eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle. Wichtig ist für sie, dass ihr Arzt ihr immer wieder Mut macht und an die Regenerationskraft des Körpers glaubt. Die kleinsten Fortschritte haben eine essentielle Bedeutung, und plötzlich nimmt sie das Leben völlig anders wahr. Nur der Moment zählt. Auch für Klinikpersonal ein durchaus erhellender Einblick in die Perspektive einer zeitweise komplett hilflosen Patientin. Insbesondere die Bedeutung des einfühlsamen Umgangs des Pflegepersonals mit den Patienten wird in dieser Geschichte offensichtlich.

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Seitenzahl: 516

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Impressum:

Schinkengang – Eine Spur im Sand

Oktober 2015

5. Kapitel (1. Teil): Beate von der Heydt

Coverdesign: Swantje Roersch

Porträtfoto: Janosch Wanschura

Vertrieb durch www.epubli.de

ISBN 978-3-7375-6728-2

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Jede Form der Vervielfältigung, in gedruckter oder digitaler Form, sowie das Verbreiten – auch in Ausschnitten - bedürfen der Genehmigung der Autorin. Die Namen der beteiligten Personen sind überwiegend geändert.

Inhalt des Buches:

Diagnose Leukämie – Gaby von der Heydt erzählt in dieser sehr persönlichen Geschichte anschaulich vom Alltag im Krankenhaus und dem Kampf gegen ihre schwere Krankheit. Nach einer dramatischen Wende geht es plötzlich um Leben und Tod. Die große Unterstützung von Familie, Freunden und Gospelchor hilft ihr bei diesem schwierigen (Schinken-) Gang. Authentisch beschreibt sie ihre vielfach auch positiven Erfahrungen, ohne dabei ihren Sinn für Humor zu verlieren. Die Klinik wird fast zur Heimat, bevor sie sich Schritt für Schritt und mit großem Enthusiasmus ihr normales Leben zurück erobert.

Besonders für Klinikpersonal ein durchaus erhellender Einblick in die Perspektive einer zeitweise komplett hilflosen Patientin.

Zur Autorin:

1969 in Kiel geboren, absolvierte Gaby von der Heydt nach dem Abi eine Bankausbildung und arbeitete acht Jahre in einer Kieler Bank. Seit dem Jahr 2000 ist sie in der Schuldnerberatung tätig. Nach einer schweren Erkrankung entschloss sie sich, ihre Erfahrungen während dieser dramatischen und am Ende auch euphorischen Zeit zu veröffentlichen.

06.04.2011:

Es ist 21.00. Die Tür öffnet sich, die Ärztin kommt herein. „Es geht los“, sagt sie. Mitgebracht hat sie einen großen Blutbeutel, den sie jetzt an den Infusionsständer hängt. 880 ml seien es, erzählt sie.

Jetzt ist es also so weit. Auf die Knochenmarktransplantation bereite ich mich seit Monaten mental und praktisch vor. Nach ca. drei Monaten Aufenthalt im Städtischen Krankenhaus und vier Chemotherapien soll nun hier in der Spezialklinik der letzte Schritt zur Heilung erfolgen.

Es ist still im Zimmer, draußen nächtliches Dunkel.

Dunkelrot ist auch das Blut, ich muss spontan an Ochsenblut denken. Vor Jahren kaufte ich bei einem Antiquitätenhändler eine alte Holztruhe. Er erzählte mir begeistert, dass diese Truhe damals in Ochsenblut getaucht und somit bombenfest versiegelt worden sei. Seine Begeisterung sprang auf mich über und seither habe ich eine positive Assoziation, was Ochsenblut angeht.

Ich stelle mir intensiv vor, dass dieses „Ochsenblut“, nämlich Knochenmark, in mir ein kräftiges Immunsystem aufbaut und die Krankheit wirksam bekämpft. Kraftvoll sieht die Infusion aus und genauso soll sie auch wirken, bitte!

„Haben Sie einen Glücksbringer?“, fragt die Ärztin und blickt auf meine Hände, in denen ich das Geschenk meines Onkels halte. Ich erzähle, dass mein Onkel, der in Singapur lebt, mir bei seinem letzten Besuch diesen Talisman mitgebracht hat. Darauf zu sehen ist ein Drache, der mich beschützen soll. Ich finde, das passt doch gerade in diesem Moment.

Einige Tage später: Mir machen immer noch die Nachwirkungen der Chemo zu schaffen, sprich mir ist oft übel. Die Schwestern sagen, das sei normal. Meine Schwester hat mir gesalzene Chips mitgebracht, die ich essen darf, ein Lichtblick.

Von einem Bekannten bekomme ich heute eine Mail. Er schreibt, im letzten halben Jahr sei viel passiert. Da kann ich mithalten, denke ich.

1. Kapitel:

„Leben ist, was uns zustößt, während wir uns etwas ganz Anderes vorgenommen haben.“ Henry Miller

25. November 2010:

Ich komme ins Krankenhaus, es ist abends gegen acht, im Aufnahmezimmer stehen diverse Ärzte um mich herum und schauen besorgt. Ich bekomme Angst. Nach längerem Warten auf Blutwerte kommt eine junge Ärztin zu mir. Sie sagt: „Sie machen sich jetzt bestimmt ganz viele Sorgen“ und legt tröstend ihre Hand auf meinen Arm. Ich gucke sie fragend an. Sie meint: „Irgendwas stimmt nicht, und das müssen wir morgen genauer abklären.“ Mir wird das Herz noch schwerer. Die Ärztin redet noch eine Weile mit mir, dann gehe ich zu meinen Eltern und meiner Schwester, um sie zu informieren. Alle gemeinsam gehen wir zur Station, auf der ich in dieser ersten Nacht übernachten soll. Ein übereifriger Pfleger empfängt mich. Er will mir den kompletten organisatorischen Ablauf erklären. Ich bin nur müde und möchte meine Ruhe. In meinem Zimmer sind noch zwei weitere Frauen untergebracht. Es ist schon dunkel, alles wirkt sehr bedrückend. Ich nehme eine Schlaftablette, bin aber trotzdem morgens um vier Uhr wach.

Am Vormittag erscheint ein Arzt, Dr. Graf, und lehnt sich an den Tisch gegenüber von meinem Bett. Er fragt: „Sie wissen, warum Sie hier sind?“ Ich nicke. Er fragt weiter: „Das Wort Leukämie ist sicher schon mal gefallen?“ Ich sage ja und denke, nein, bitte nicht. Dann erzählt er, dass der Oberarzt sich das Blut angesehen hat, und dass es sich bei meiner Krankheit zu 70% um Leukämie handelt. Ich sage stur: „70%, dann kann es ja auch noch etwas Anderes sein.“

Dann sagt er plötzlich: „Also, ganz ehrlich, ich glaube, es IST eine Leukämie.“

Ich bin sprachlos. Gucke ihn hilflos an. Er erklärt mir, es seien schon relativ viele kaputte Zellen im Blut, 30%. Ich weiß nicht, was ich sagen soll und frage schließlich: „Und woher kommt so etwas?“ „Tja“, meint er, „wenn man nicht gerade in der Nähe eines Atomkraftwerkes wohnt, dann ist das einfach ein Schicksalsschlag!“ Der Arzt klärt mich dann über den weiteren Verlauf auf. Er sagt, dass ich mindestens die nächsten acht Wochen hier bleiben muss und zwei Chemoblöcke bekommen werde. Ich frage, ob ich nicht mal Weihnachten nach Hause darf. Er antwortet, wahrscheinlich nein. Nach den acht Wochen wird es eine Pause von zwei Wochen zu Hause geben, anschließend folgen noch so genannte Erhaltungs-Chemotherapien. Ich habe Mühe, das alles zu erfassen.

„Das war immer mein größter Horror“, sage ich nachdenklich, „eine Chemotherapie machen zu müssen.“ „Das ist für jeden der größte Horror“, antwortet Dr. Graf.

Meine Bettnachbarin erzählt, dass sie sich über jedes Jahr freut, welches sie noch erlebt (Inzwischen habe ich erfahren, dass sie ein relativ großes inoperables Geschwür im Bauch hat). Mir wird ganz anders. Dr. Graf sagt daraufhin sehr bestimmt, dass es in meinem Alter für die Ärzte nur ein Ziel gibt: Heilung! Das beruhigt mich ein wenig.

„Sie wirken auf mich gar nicht wie eine Leukämie-Patientin“, bemerkt er dann noch und erzählt, dass diese Art von Patienten oft mit Lungenentzündungen oder ähnlichen Krankheiten eingeliefert werden. „Und Sie wirken so fit auf mich“. Meine Hausärztin hatte vor einigen Tagen noch zu mir gesagt: „Sie sehen aus wie der Tod auf Latschen!“ Alles ist relativ.

Jedoch führt seine Aussage dazu, dass ich ihm die Diagnose nicht glaube. In der letzten Zeit hatte ich häufig Probleme mit Durchfall und Magenkrämpfen, woraufhin ich schließlich zu meinem Internisten gegangen bin. Er plante eine Magen- und Darmspiegelung. Vorher wurde noch ein Blutbild gemacht. Das Medikament für die Darmspiegelung stand bei mir schon im Kühlschrank, aber einen Tag vor der geplanten Einnahme rief der Arzt mich an und sagte, dass das Blutbild so schlecht sei, dass auf keinen Fall eine Darmspiegelung gemacht werden könnte. Nach einigem Überlegen kamen wir darauf, dass dies mit einem Medikament zu tun haben könnte, das ich über längere Zeit eingenommen hatte.

Es war ein Antidepressivum, und als Nebenwirkung war angegeben: „Akut gesenkte Knochenmarkfunktion“. Das passte also. Nur leider hatte sich das Blutbild in drei Wochen ohne das Medikament nicht wesentlich verbessert, und mir ging es immer schlechter. Ich konnte fast nichts mehr essen und trinken und fühlte mich nur noch schlapp und war ziemlich verzweifelt! Es befanden sich aber noch keine kaputten Zellen im Blut. Als es mir nachfolgend immer schlechter ging, schlug meine Hausärztin vor, mich im Krankenhaus durchchecken zu lassen.

Und jetzt: Leukämie? Ich kann das nicht glauben.

Dr. Graf äußert dann noch so etwas wie: „Sie werden heute nicht sterben:“ Und ich antworte: „Na, heute vielleicht nicht…“, und er sagt: „Das wusste ich, dass Sie das jetzt sagen.“

Er verlässt schließlich das Zimmer, und ich bemerke erstaunt: „Ich kann nicht mal heulen.“ Tatsächlich, ich bin im Schockzustand, keine Träne fließt. Ich gehe dann zu meinen Eltern, die draußen warten, und überbringe ihnen diese schreckliche Nachricht. Sie sind natürlich auch völlig geschockt und entsetzt.

Wenig später wird eine Knochenmarkpunktion durchgeführt, die ich gar nicht so schlimm finde, aber meine Bettnachbarin wird schon beim Zuschauen bleich. Noch am selben Vormittag werde ich auf die Leukämiestation (M24) verlegt.

Dort bittet mich die Schwester, zunächst im Aufenthaltsraum Platz zu nehmen, da mein Zimmer noch nicht hergerichtet ist. Ich sitze hier mit meiner Tasche, und plötzlich kommen mir dann doch die Tränen. Es ist alles so entsetzlich!

Die Schwester holt mich schließlich und bringt mich in mein Zimmer. Ich bin positiv überrascht. Es ist ein großes Einzelzimmer mit zwei großen Fenstern und hohen Fensterbänken. Nebenan befindet sich ein Badezimmer. Ich packe langsam meine Sachen aus und setze mich aufs Bett. Am ersten Tag passiert noch nicht viel. Es wird eine Braunüle gelegt, denn ab sofort wird mehrfach täglich Blut abgenommen.

Die Schwestern und Pfleger sind sehr nett. Ich sehe auch andere Patienten, die auf dem Flur spazieren gehen. Die meisten haben keine Haare mehr. Die Frauen tragen im Gegensatz zu den Männern meist Tücher.

Am nächsten Tag scheint die Sonne, auf der Station ist es hell. Ich habe Glück, in mein Zimmer scheint die Sonne, und das ist sehr angenehm. Als ich mein Handy aufladen will, finde ich mein Aufladegerät nicht. Da ich sicher bin, dass ich es dabei hatte, muss es auf der letzten Station liegen geblieben sein. Daher mache ich mich auf den Weg. Da ich noch keine Chemotherapie bekomme, darf ich die Station verlassen. Ich steige in den Fahrstuhl, und dort steht schon Dr. Graf Er fragt: „Na, wo wollen Sie denn hin?“, und ich erzähle ihm, dass ich auf der Station M21 was vergessen habe. Ich sage nachdenklich: „Das war gestern alles ein bisschen viel für mich.“ Er blickt mich an, als wenn er sagen will: „Und heute nicht mehr?“, aber er sagt nichts. Ich steige schließlich aus, gehe auf die Station und entdecke tatsächlich, dass in der Schublade in meinem Nachtisch noch einige Dinge von mir liegen geblieben sind, u. a. auch mein Aufladegerät. Das ist sehr gut, denn ich darf mit meinem Handy auf der Station telefonieren. Das Telefonieren ist ansonsten auch übers Festnetz möglich, aber dazu muss man zuerst eine Karte an einem Automaten aufladen, und dieser Automat befindet sich am anderen Ende der Klinik. Ich gehe trotzdem in den nächsten Tagen zu dem Automaten und richte das entsprechend ein. Es ist allerdings erschreckend, wie schnell diese Karte wieder leer ist! Ich beschließe daher, mich nur noch anrufen zu lassen oder vom Handy aus zu telefonieren.

In den ersten Tagen warte ich darauf, dass ein Arzt erscheint und mir mitteilt, dass sie sich geirrt haben. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass das Antidepressivum diese schlechten Blutwerte verursacht. Ja, ich bete darum, dass es so sein möge! Schließlich besucht mich der Oberarzt. Er erklärt mir ganz klar, dass es sich eindeutig um eine Leukämie handeln würde, und zwar um eine so genannte AML. Er weiß nur zu diesem Zeitpunkt noch nicht, um welche Unterart es geht. Offensichtlich gibt es bei dieser Krankheit viele mögliche Varianten. Einige sind aggressiv, andere sind es weniger.

Diese endgültige Aussage ist wiederum ein Schock! Jetzt gibt es kein Entrinnen mehr. Ich frage den Oberarzt, ob mir bei der Chemo zwingend die Haare ausfallen. Er antwortet: „Ja, die Haare werden Sie bei uns auch los, aber ich verspreche Ihnen, die kommen alle wieder!“ Das tröstet mich im Moment nicht so richtig! Der größte Horror war für mich immer, dass meine Haare nach einer Chemo ausfallen. Vor einigen Jahren wollte mir eine Friseurin weismachen, dass ich kreisrunden Haarausfall hätte. Ich habe einige sehr unruhige Nächte verbracht, bis eine Hautärztin mich schließlich beruhigte und sagte, es sei alles ok!

Viel schlimmer ist aber jetzt, dass ich nicht weiß, wie gefährlich diese Krankheit für mich werden wird. Diese innere Unruhe macht mich ganz krank bzw. noch kränker als ich eh schon bin! Ich maile einer Mitsängerin aus meinem Gospelchor:

30.11.2010:

Hallo Maria… mir geht´s schlecht. Bei mir wurde Leukämie diagnostiziert. Bitte sprich noch nicht darüber, Heiko wird es am Samstag bei der Probe bekannt geben. Ich bin im Städtischen Krankenhaus und werde die nächsten acht Wochen hier bleiben. LG, Gaby

Am nächsten Tag bringt meine Schwester Beate mir meinen Laptop mit. Ich habe gehört, dass man in der Klinik W-LAN nutzen kann. Ich frage die Schwestern danach, aber keiner kennt sich so richtig aus. Schließlich rät mir eine Schwester, zu einem anderen Patienten, nämlich zu Herrn K. zu gehen. Dieser nutzt bereits das Internet. Er hat sich bereit erklärt, mir das Prozedere zu erklären. Ich gehe also zu seinem Zimmer und klopfe an. „Herein“, ertönt es von drinnen. Ich öffne die Tür und sehe einen sympathisch aussehenden ca. 60 Jahre alten Mann auf seinem Bett liegen. Er lächelt mich freundlich an und bittet mich, mich zu setzen. Wir unterhalten uns. Er meint, wir könnten ruhig „Du" sagen, da wir doch in einem Boot säßen. Er heißt Achim. Ich frage ihn, wie das mit dem Internet funktioniert, und dabei stellt sich heraus, dass ich mit Windows Vista W-LAN hier nicht nutzen kann. Er hatte das gleiche Problem und hat sich daraufhin einen Internet-Stick gekauft. Das klappt inzwischen problemlos. Ich beschließe, meine Schwester zu bitten, mir einen solchen Stick zu besorgen.

Achim und ich sprechen auch über die Leukämie. Ich erzähle ihm, dass sich in meinem Blut 30% kaputte Zellen befinden, dass ich aber noch auf das endgültige Ergebnis der Untersuchung warten muss. „30%?“ fragt er, und meint, das wäre ja nix, er hätte 85%. Viel später stellt sich heraus, dass wir von zwei verschiedenen Werten reden. Ich rede von den kaputten Zellen im Blut, er redet über die kaputten Zellen im Knochenmark. In meinem Knochenmark befinden sich zu diesem Zeitpunkt 80% unreife Zellen, aber das erfahre ich erst später.

Achim erzählt jetzt, dass er auch unter AML leidet und dass er bereits die zweite Chemo durchläuft. Die erste hat perfekt angeschlagen, und die unreifen Zellen sind jetzt unter 5%, und das ist normal. Weiter berichtet er, dass er die Chemo bislang gut überstanden hat. Und er macht mir Mut. „Na klar schaffen wir das!“, sagt er so entschlossen, dass sogar ich das einen Moment lang fest glaube. Er erzählt auch, dass es bei den anderen Patienten gut läuft. Als ich sein Zimmer verlasse, fühle ich mich besser.

In den nächsten Tagen lerne ich Dr. Jost kennen. Meine Familie und Freunde halten ihn zunächst für einen Pfleger, weil er einen Zopf trägt, aber er ist der Stationsarzt. Und ein sehr netter noch dazu. Wie sich herausstellen wird, ist er äußerst einfühlsam und motivierend. Rückblickend muss ich sagen, dass die erste Zeit ohne ihn sehr viel schwieriger hätte sein können. Diese Diagnose muss man erst einmal verarbeiten, und das ist ein längerer Prozess.

Dr. Jost kommt zu mir, um Blut abzunehmen, und ich sage „Hallo, Dr. Jost!“. Er meint, das „Doktor“ sei zu viel, da er keinen Doktortitel hätte. Das wäre ihm nie wichtig gewesen. Und dann fragt er mich: „Haben Sie noch Nerven für eine gute Nachricht?“ Und ich antworte: „Immer!“ Und er erzählt mir, dass meine Variante der Leukämie eine günstige sei! Ich habe eine gute Mutation, wie er es ausdrückt. Eine, die man mit Vitamin A bekämpfen kann. Das Vitamin A zwingt diese mutierten Zellen zu reifen. Dr. Jost. sagt: „Es gibt Fälle, da fragt man sich, wie soll man das nur in den Griff kriegen? Und in Ihrem Fall denkt man, wenn nicht das, was dann?“ Und dann sagt er noch: „Es klingt zwar makaber, aber Sie sind die ideale Patientin.“ Das klingt wirklich makaber unter diesen Umständen. Er erklärt mir, dass ich insofern gute Voraussetzungen habe als dass ich jung bin (Danke! Immerhin bin ich 41) und keine Vorerkrankungen habe. Dadurch besteht eine gute Chance, die Chemo möglichst unbeschadet zu überstehen. Ich bin erleichtert und rufe sofort meine Eltern an, um ihnen diese gute Nachricht zu übermitteln. Auch sie sind froh, dies zu hören!

Nachmittags kommt meine Freundin Simone vorbei. Sie leidet unter MS und ist gehbehindert. Für längere Strecken nutzt sie einen Rollstuhl, und in diesem rollt sie in mein Zimmer. Ich freue mich, sie zu sehen! Kurz darauf kommt auch Herr Jost und möchte die Aufklärung bezüglich der anstehenden Chemotherapie durchführen. Ich möchte, dass Simone bleibt, und sie ist einverstanden. Herr Jost erklärt mir genau, was in den nächsten Tagen passieren wird. Vorrangig redet er darüber, mit welchen Risiken die Therapie verbunden ist. „Sie bekommen alles, was wir haben“, sagt er und meint damit, dass alles versucht wird, die Krankheit zu heilen. In diesem Zusammenhang erwähnt er auch, dass ich von jetzt an durchgängig die Antibabypille nehmen sollte. Ich frage erstaunt: „Warum das denn?“, und er antwortet tatsächlich: „Wir wollen verhindern, dass in dieser Zeit ein Kind entsteht.“ Ich bin sprachlos. Sehe mich hier in dieser Atmosphäre in meinem Krankenbett liegen. Der Arzt spürt meine Verwunderung und sagt: „Wir haben hier schon die dollsten Dinge erlebt!“, worüber ich trotz allem doch grinsen muss. Als Single sehe ich da keine „Gefahr“. Die Pille dient aber wohl hauptsächlich dazu, dass in der Zeit der Therapie keine Blutung entsteht, wie mir Herr Jost weiter erklärt.

Dann erzählt er, was in der Chemo alles auftreten KANN, und die Liste ist so lang und unerfreulich, dass mir ganz anders wird! Simone sitzt die ganze Zeit ruhig neben mir und hört aufmerksam zu. Ich bin so froh, dass ich mir das nicht allein anhören muss. Als Herr Jost fertig ist, fragt er, ob ich noch Fragen habe. Ich sage leise: „Lassen Sie mich hier raus.“

Er sagt, dass er mich nicht gegen meinen Willen hier festhalten kann und dass ich natürlich jederzeit gehen könnte. Ich weiß es ja auch, aber die Alternative wäre eben, mein Testament zu machen, und das ist für mich keine Alternative. Insofern ist da die Wahl zwischen Pest und Cholera, und ich entscheide mich für Pest.

Als der Arzt das Zimmer verlassen hat, atmen Simone und ich hörbar durch. Ich muss erst einmal verdauen, was ich gerade gehört habe. Ich frage mich, wie ich das alles schaffen soll. Vieles habe ich schon über Chemotherapien gehört, vor allem, dass einem davon enorm übel wird. Ich bin sowieso sehr dünn und habe immer Mühe, mein Gewicht zu halten. Wie soll ich bloß eine solche Therapie überleben? Und dann die Sache mit den Haaren…meine Haare sind mir so wichtig, sie sind sehr dick, schulterlang und leicht kraus. Ich kann und möchte mir meinen Anblick ohne Haare einfach nicht vorstellen.

Den Schock der Diagnose habe ich noch nicht verdaut. Wie auch, in den paar Tagen? An einem Tag bin ich besonders unruhig und deprimiert. Ich bekomme daraufhin ein Medikament zur Beruhigung, Tavor heißt es. Nie gehört, denke ich. Aber diesbezüglich kenne ich mich auch nicht aus. Ich nehme die Tablette und nach einer halben Stunde bin ich total entspannt und gut drauf! Meine Eltern, die mich gerade mal wieder besuchen, sind völlig irritiert. Aber ich habe das Gefühl: Es ist alles gar nicht so schlimm. In den folgenden Tagen bitte ich öfter um eine solche Pille, aber beim allerersten Mal hat sie am besten gewirkt. Wahrscheinlich hätte man bei mir schon beim zweiten Mal die Dosis erhöhen müssen, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Merkwürdig.

In diesen Tagen telefoniere ich mit Hajo, einem Bekannten, der in der Suchtbetreuung arbeitet und erzähle ihm davon. Er fragt: „Wie heißt denn das Zeug?“ und ich sage: „Tavor oder so ähnlich.“

„Was?“, ruft er entsetzt, „Du nimmst Tavor?“ „Ja“, antworte ich, „das ist die reinste Glückspille!“ „Naa“, sagt er gedehnt, dann kannst Du ja nachher bei mir von Tavor entgiften.“ Bei diesem Gedanken muss ich lachen, warum auch immer! Aber natürlich werde ich auch nachdenklich. Es scheint ein Teufelszeug zu sein. Auch die Ärzte wollen mir das Medikament nach ein paar Tagen nicht mehr geben. Die Schwester erzählt mir, dass man das höchstens zwei Wochen nehmen soll, bevor man abhängig wird. Es wird also Zeit, dass ich damit wieder aufhöre. Ich frage, ob ich nicht wieder mein Antidepressivum nehmen könnte. Schließlich war dies offensichtlich nicht der Grund für meine Beschwerden. Aber die Ärzte zögern.

Ich telefoniere auch mit Dwight, einem Freund in Berlin. Er sagt: „Gaby, iss auf keinen Fall das Essen dort! Das Essen im Krankenhaus ist extrem geringwertig, davon wird kein Mensch gesund. Iss auf keinen Fall das Brot!“ Ich frage: „Sag mal, geht’s noch? Was soll ich denn Deiner Meinung nach machen? Ich bin hier eingesperrt!!“ Er schlägt vor, dass ich mir von meinen Besuchern reihum etwas mitbringen lassen soll. Nachdem Dwight und ich früher häufiger bei Mc Donalds essen waren, ist er inzwischen zum Ernährungs-Apostel mutiert.

In den nächsten Tagen merke ich aber, dass er recht hat. Gerade das Brot schmeckt hier überhaupt nicht. Ich bitte daraufhin doch meine Familie, mir regelmäßig Brot mitzubringen, was sie auch umgehend tut.

Eine meiner besten Freundinnen lebt in Neuseeland. Von ihr erhalte ich am 30.11.2010 folgende Email:

Liebe Gaby, es ist kurz vor Mitternacht und ich hab' einen Flug gebucht!! Am 13. Januar lande ich in Hamburg! Und spätestens am 14. Januar bin ich bei dir!

Bis heute Abend deiner Zeit am Telefon! Take good care xxx Inga

Hey, was für eine tolle Aussicht! Ich schreibe ihr sofort begeistert zurück und kann es nicht fassen, dass sie extra wegen mir aus Neuseeland angereist kommt. Da ich selbst vor einigen Jahren dort war, weiß ich, wie anstrengend und lang die Reise ist.

Am nächsten Tag erscheint Frau Dr. Berger, um den zentralen Venen-Katheter (ZVK) zu legen. Das scheint eine größere Aktion zu sein und wird entsprechend vorbereitet. Es wird eine sterile Fläche geschaffen, und alle notwendigen Instrumente werden darauf angeordnet. Mir ist leicht mulmig zumute. Frau Dr. Berger erklärt mir, dass sie versuchen wird, den ZVK im Arm zu legen. Sollte dies nicht funktionieren, bleibt nur der Hals. Hilfe!

Schließlich beginnt sie und es fängt mit einem schmerzhaften Einstich im rechten Arm an. „So, das war das Schlimmste“, meint sie. Dann versucht sie, diesen dünnen Schlauch durch die Vene in Richtung Herz zu schieben. Eine Weile klappt es auch, aber dann bleibt sie stecken. Trotz aller Bemühungen geht es nicht weiter. „Oh nein“, denke ich. Irgendwann gibt sie auf und sagt, dass wir es am linken Arm probieren werden. Mein Herz schlägt ein bisschen schneller, als sie es kurz darauf links probiert. Wieder der Schmerz beim Einstich. Ich halte den Atem an, und sie schiebt den Schlauch hoch. Es funktioniert. Hurra! Der Gedanke, dieses Ding am Hals zu haben, ist furchtbar. Da ist der Arm doch die wesentlich angenehmere Alternative.

„So, das muss jetzt erst einmal geröntgt werden“, sagt sie. „Ich bestelle einen Transport und Sie sollten den Arm möglichst nicht bewegen.“ Sie verbindet ihn notdürftig. Der „Transport-Mensch“ erscheint und ich werde in einem Rollstuhl quer durch die Klinik zur Röntgenabteilung gefahren. Er stellt mich mitten im Warteraum ab, wo bereits andere Patienten warten und sagt, dass ich dann aufgerufen werde. Da sitze ich, rechts neben mir liegt eine alte Dame röchelnd in ihrem Bett, links neben mir sitzt ein Mann im Rollstuhl. „Wie bin ich hier nur gelandet?“, frage ich mich verzweifelt. Plötzlich bin ich in einer komplett anderen eigenen Welt, nachdem ich wenige Wochen zuvor noch ganz normal in meinem Job gearbeitet habe. Es fühlt sich nicht gut an. Die Zivis oder sonstigen Mitarbeiter, die für den Transport zuständig sind, stehen in einer Gruppe zusammen an ihrer Station und unterhalten sich. Ich beneide sie. Sie sind gesund und jung und gehen wahrscheinlich noch davon aus, dass ihnen so etwas niemals passieren wird.

Schließlich erscheint die Röntgenschwester und sagt meinen Namen. Ich melde mich, und sie fragt, ob ich ein paar Schritte laufen kann. „Ja, klar“, antworte ich und stehe aus meinem Rollstuhl auf und gehe zu ihr. Als ich Pullover und T-Shirt ausziehe, merke ich, dass der Arm völlig durchgeblutet ist. Die Schwester ist entsetzt. Sie sagt mitfühlend: “Mann, was man manchmal so mitmacht! Unglaublich.“ Sie reinigt den Arm und ich werde geröntgt.

Danach sitze ich wieder in meinem Stuhl, bis schließlich jemand kommt und mich wieder auf die Station bringt. Als ich am Tresen vorbei geschoben werde, wo Ärzte und Schwestern sich aufhalten, ruft Frau Dr. Berger: „Der ZVK sitzt super!“, was mich freut, denn ansonsten hätten wir die ganze Aktion nochmals durchführen müssen bzw. der ZVK hätte korrigiert werden müssen. Kurz darauf wird der Arm richtig verbunden. Und somit bin ich startklar für die erste Chemotherapie.

Abends bekomme ich Angst: Am nächsten Tag soll es losgehen, und ich fürchte mich vor dem Moment, an dem die Flüssigkeit in mich hineinlaufen wird! Ich warte auf die Nachtschwester. Es handelt sich um die sehr sympathische Schwester Katrin. Schließlich halte ich es nicht mehr aus und suche sie. Ich finde sie einige Zimmer weiter vor der Tür. Und ich frage sie, ob sie noch mal zu mir kommen kann. Ich bin nicht sicher, ob sie normalerweise kommen würde, denn ich bekomme noch keine Therapie, und eigentlich liegt bei mir medizinisch nichts an. Sie verspricht, noch bei mir reinzuschauen, was sie einige Zeit später auch tut. „Ich habe Angst vor der Chemo“, sage ich, und sie meint: „Ja, das ist doch ganz klar!“ Ich fühle mich etwas besser. Sie redet mit mir und sagt, dass es normal sei, dass man davor Angst hat und dass viele gar nicht darüber reden würden, dass es aber besser sei, man tue es! Sie ist wirklich sehr nett und genau im richtigen Job, denke ich. Fragt mich, ob ich noch etwas brauche. Ich nehme eine Schlaftablette, da ich fürchte, in dieser Nacht nicht zu schlafen.

Ich schlafe dann erstaunlich gut, und schon ist der nächste Tag da. Herr Jost kommt und leitet die erste Infusion ein. Er macht mir Mut: „Diese Infusion ist noch wie Wasser, davon merken die meisten Patienten nicht viel.“ Na, ich bin gespannt.

01.12.2010:

„Liebe Inga, der 14. Januar ist ein echtes Ziel! Ich hoffe, dass bis dahin alles gut läuft. Vor einigen Minuten wurde der Schlauch angesetzt, und jetzt kämpft das Medikament gegen die kaputten Zellen, juchuu. Vorher haben sie noch eine Flüssigkeit gegen Übelkeit durchlaufen lassen.

Ich habe jetzt fast Hunger. Nachher kommt Berit, meine Kindergartenfreundin aus Lübeck. Ich muss sagen, dass ist der einzig positive Aspekt an dieser Krankheit, dass alle Leute von nah und fern kommen und mich unterstützen. In den letzten Wochen fühlte ich mich doch manchmal eher allein, viele Leute hatten keine Zeit, und mir ging´s ja auch nicht gut. Im Moment denken alle an mich, ständig ruft jemand an, meine Mutter ruft jeden Morgen an, Beate zwischendurch auch, Du, und noch so einige andere. Das ist ein gutes Gefühl. Die letzten Tage waren der Hammer, weil so viel auf mich einstürmte. Ich war sehr froh, dass gestern Nachmittag Simone hier war und mir beistand. Und wenn Du erst hier sitzt! Oh, da kommt Berit! LG, Gaby“

In diesem Moment klopft es an der Tür, und meine Freundin Berit erscheint. Sie ist trotz der Schneekatastrophe aus Lübeck mit dem Zug angereist. Wir kennen uns bereits seit Kindertagen. Im Kindergarten schlossen wir Freundschaft und das ist bis heute so. Während ich allein lebe, hat Berit früh geheiratet und drei Kinder bekommen. Ich bin froh, sie zu sehen. Sie hat eine große Tüte dabei und fängt sofort an, diese auszupacken. Als erstes baut sie einen monströsen Überraschungsei - Adventskalender auf meiner Fensterbank auf! Sie weiß, dass ich vorerst nur noch Kinderschokolade essen darf. Normale Schokolade ist aufgrund des Nussanteils und eventueller Keime nicht erlaubt. Dann schenkt sie mir ein großes Poster, auf dem folgender Text steht:

„Spuren im Sand

Eines Nachts hatte ich einen Traum:

Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.

Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten, Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.

Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand,

meine eigene und die meines Herrn.

Als das letzte Bild an meinen Augen vorüber gezogen war,

blickte ich zurück.

Ich erschrak, als ich entdeckte, dass an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur zu sehen war.

Und das waren gerade die schwersten Zeiten meines Lebens.

Besorgt fragte ich den Herrn: „Herr, als ich anfing, Dir nachzufolgen, da hast Du mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein.

Aber jetzt entdecke ich, dass in den schwersten Zeiten meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist.

Warum hast Du mich alleingelassen, als ich Dich am meisten brauchte?“

Da antwortete er: „Mein liebes Kind, ich liebe Dich und werde Dich nie allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort, wo Du nur eine Spur gesehen hast,

da habe ich Dich getragen.“

Margaret Fishback Powers

Was für ein schöner Text! Ich werde ihn wochenlang täglich mehrfach lesen, und er wird mir helfen. Es wird noch eine Zeit kommen, in der nur eine Fußspur zu sehen ist, aber das weiß ich in diesem Moment zum Glück noch nicht. Im Moment gibt es mir ein gutes Gefühl, dass da jemand sein könnte, der Einfluss auf mein Leben hat und mich in dieser Situation begleitet.

In unserer Familie sind alle Christen, aber es ist nicht so, dass ich häufig zum Gottesdienst in die Kirche gehe. Vor Jahren fragten mich zwei junge Männer einer Glaubensgemeinschaft, wie ich meinen Glauben lebe, und ich antwortete: „Ich singe!“ Denn das tue ich mit Begeisterung, und zwar seit fast 20 Jahren in einem Kieler Gospelchor. Wir gestalten häufig Gospelkonzerte in Kirchen. Die gesungenen Gospels stehen dabei im Vordergrund, aber es ist immer schön, wenn in den Ansagen der Text kurz erläutert bzw. interpretiert wird.

Berit ist ein positiver und energischer Mensch. Sie sagt: „Gaby, Du schaffst das, und dann kommst Du wieder nach Lübeck, und wir machen alles, was wir uns vorgenommen haben.“ Sie ist selbst Krankenschwester. Plötzlich entdeckt sie einen Blutfleck auf meinem Bettzeug. „Na, ich glaube, ich werde erst einmal Dein Bett beziehen“, beschließt sie. Ich bin leicht entsetzt, weil ich nicht weiß, wie die Schwestern auf diese Einmischung reagieren. Aber Berit lässt sich wie gewohnt nicht irritieren und verlässt den Raum. Kurz darauf kommt sie mit Wäsche zurück. Die Schwestern hatten wohl nichts dagegen. Schnell bezieht sie meine Bettdecke neu und alles ist wieder sauber.

Dann kommt das Mittagessen. Es gibt gefüllte Paprikaschote. Nachdem ich in den letzten Tagen kaum etwas gegessen habe, habe ich jetzt erstaunlicherweise Appetit. Den Infusionsständer muss ich von jetzt an mitnehmen, denn die Infusion läuft sieben Tage fast durchgängig. Sie wird einmal täglich ausgetauscht, dann kann man eine Pause von etwa 30 min machen, wenn man möchte.

Ich sitze also neben dem Infusionsständer beim Essen und es erscheint die Oberarztvisite. Das heißt, der Oberarzt kommt mit den weiteren Ärzten und mindestens einer Schwester. Er ist wieder sehr freundlich und sagt u. a.: „Im Moment kann man wohl noch nicht sagen, ob Sie die Chemo vertragen, sie läuft erst seit zwei Stunden.“

Die Oberarztvisite findet einmal wöchentlich statt, und später merke ich, dass die Atmosphäre ganz anders als in einer normalen Visite ist. Alle sind angespannter, auch ich als Patientin bin es.

Kurz nach der Visite verlässt mich auch Berit, denn sie muss sich wieder durch den Schnee zum Bahnhof kämpfen und dann nach Lübeck zurückfahren. Sie deutet noch mal auf den Kalender und trägt mir auf, um Gottes Willen jeden Tag ein Überraschungsei zu essen. „Ja, ja“, sage ich und grinse.

In den nächsten Tagen und Wochen bekomme ich reichlich Besuch. In den ersten Tagen kommt auch Wiebke und schenkt mir einen Schutzengel, dem noch viele folgen werden. Er heißt „Angel of healing“. Na, wenn das nicht passend ist! Auch Berit schenkt mir einen Engel, er gehört zu den „Himmlischen Schwestern“. Dann besuchen mich Freunde meiner Eltern und schenken mir einen weiteren Engel. Es ist eine sehr schlanke Frau mit ganz dünnen langen Beinen und einer Marienkäfertasche. Dieser Engel trägt ein hellgrünes Kleid und wirkt so fröhlich! Von der Figur her erinnert er mich an mich selbst. Er überragt die anderen Engel um einiges. Ich überrage auch viele mit meiner Größe von ca. 1,80. Ja, ich muss sagen, dieser Engel ist sofort mein Lieblingsengel und wird es auch bleiben, auch wenn noch diverse sehr schöne Engel zu meiner Sammlung hinzukommen.

Helli besucht mich und bringt mir eine Postkarte mit einem Amrum-Motiv mit. Darauf lese ich u.a.: „A time to laugh, a time to weep...ich bin für Dich da, um mit Dir gemeinsam zu lachen und auch zu weinen“ in Anspielung auf ein Lied, was wir früher in unserem Gospelchor Gospelboat gesungen haben, nämlich „Turn, turn, turn“. Ja, wir haben oft zusammen gelacht und singen schon seit fast 20 Jahren gemeinsam in diesem wirklich tollen Chor. Jetzt ist uns nicht zum Lachen, aber Helli erinnert mich an unseren Plan, demnächst mit meiner Schwester ein Wochenende auf Amrum zu verbringen. Ja, das ist ein gutes Ziel! Die Karte stelle ich so hin, dass ich sie immer sehen kann.

Von Gudrun bekomme ich einen Duft, und zwar „Jil Sander Sun“. Das ist eine gute Idee, denn ansonsten riecht es hier natürlich überall und immer nach Sterillium. Jeder, der in mein Zimmer kommt, muss sich vorher mit Hilfe dieses kleinen Kastens, der vor der Zimmertür hängt, die Hände desinfizieren. Beim Oberarzt ist das immer am intensivsten. Wenn er das Zimmer betritt, dann tropft das Zeug von seiner Hand, die er mir dann prompt entgegenstreckt. Sofort steigt mir der Geruch heftig in die Nase, wovon mir fast zusätzlich zu meiner normalen Übelkeit schlecht wird. Aber natürlich ist das Sterillium unerlässlich. Alle Patienten hier sind extrem infektanfällig. Auch ich muss meine Hände desinfizieren, wenn ich das Zimmer verlasse.

Abends telefoniere ich häufig. Fast jeden Tag ruft Simone an, um zu fragen, wie es mir geht. Einmal erzählt sie: „Gaby, ich bin gerade nach Hause gekommen und sitze in der Küche. Es ist ziemlich kalt hier, denn ich habe noch nicht mal die Heizung angemacht, sondern wollte Dich erst anrufen.“ Das erscheint mir dann doch etwas übertrieben und ich sage: „Simone, um Himmels Willen, mach die Heizung an!“. Dann fragt sie mich noch nach Herrn Jost. Sie möchte wissen, ob er Ronny mit Vornamen heißt. „Warum?“, frage ich. Sie antwortet: „Ach, ich hatte da einmal so ein Kindergartenkind namens Ronny Jost, und das mochte ich immer so gern.“ Ich habe keine blasse Ahnung, wie der Vorname von Herrn Jost ist, verspreche aber, eine Schwester danach zu fragen. Sie erzählt dann noch ein bisschen aus der Zeit, als sie im Kindergarten gearbeitet hat. Das ist lange her.

Natürlich mache ich mir in dieser Zeit viele Gedanken und bin sehr unruhig. Es ist ein seltsames Gefühl, dass das Leben eventuell plötzlich sehr begrenzt ist. Ich denke darüber nach, dass ich es nie geschafft habe, zu einem Konzert von meiner Lieblingsband „Keane“ zu gehen. Ich liebe ihre Musik, habe alle CDs und hatte schon lange vor, sie live zu erleben. Meistens finden die deutschen Konzerte in Berlin statt, und bislang habe ich die Kurve nicht gekriegt. Warum, frage ich mich jetzt. Bislang bin ich immer davon ausgegangen, mindestens 80 Jahre alt zu werden und noch jede Menge Zeit zu haben. Und jetzt? Möglicherweise werde ich nicht mal 42, obwohl ich mir das nicht wirklich vorstellen kann und auch nicht will. Zumindest wird mir erschreckend klar, wie wertvoll Zeit ist und dass man viele Dinge nicht aufschieben sollte.

2. Kapitel:

„Wird´s besser, wird’s schlimmer? fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.“ Erich Kästner

Der Alltag in der Klinik spielt sich für mich langsam ein. Vormittags treffen sich nach dem Frühstück in der Regel die Patienten auf dem Flur. Alle, die dazu in der Lage sind, bringen ihr Essenstablett selbstständig zurück und stellen es in den dafür vorgesehenen Wagen.

Der Flur ist über 60 m lang und eignet sich somit ganz gut für Spaziergänge. Bewegung ist wichtig, denn ansonsten erschlaffen die Muskeln sofort. Es gibt auch ein Ergometer auf dem Flur, das von den Patienten gut genutzt wird. Andere Möglichkeiten gibt es darüber hinaus kaum, denn nach der Chemo dürfen die Patienten die Station eine ganze Weile nicht verlassen. Das Knochenmark wird zerstört, die Anzahl der Leukozyten, Thrombozyten und die der roten Blutkörperchen sinkt. Die Infektgefahr ist in dieser Zeit immens. Man bezeichnet diese Phase auch als Zelltief. Ist die Anzahl der Thrombozyten gering, funktioniert die Blutgerinnung nicht richtig. Das kann zu inneren Blutungen führen. Ist die Anzahl der roten Blutkörperchen gering, fühlt man sich schlapp und müde. Thrombozyten und rote Blutkörperchen werden durch Transfusionen wieder aufgefüllt, wenn es notwendig ist. Die Leukozyten dagegen kann man nicht auffüllen. Sie sind für die Abwehr zuständig und müssen sich selbstständig wieder aufbauen. In der Zeit des Zelltiefs muss man sehr vorsichtig sein und darf das Zimmer nur mit Mundschutz verlassen. So weit ist es bei mir aber noch nicht.

Im Gespräch mit Herrn Jost an einem Morgen sage ich: „Wenn ich hier raus bin, kann ich wohl auch als Ärztin arbeiten.“ Er versteht, was ich meine, kann mir aber doch nicht ganz zustimmen und meint, es wäre schade um sein Studium…

Als meine Freundin Sonja mich besucht, ist es so weit. Eine Schwester erscheint und sagt, dass meine Leukozyten unter 1000 seien. Somit muss Sonja sofort einen Mundschutz umbinden. Ab jetzt müssen alle Besucher ihre Hände desinfizieren und einen Mundschutz anlegen, bevor sie mein Zimmer betreten. Ich selbst darf das Zimmer nur mit Mundschutz verlassen.

Sonja hängt ein Bild auf, das ihre Tochter für mich gemalt hat. Es sind darauf bunte Blumen zu sehen, es ist ein sehr fröhliches Bild. Etwas später bringt Gudrun ein Bild ihres Sohnes mit, welches einen Weihnachtsmann und einen Elch darstellt. Auch das finde ich richtig gelungen. Jetzt ist zumindest meine Wand schön dekoriert.

Auch die Fensterbänke füllen sich in den nächsten Wochen mit zahlreichen Geschenken. Schutzengel, Adventslichter, Bücher, CDs, Kekse, Schmuck und noch einiges mehr ist vertreten. Alle meinen es sehr gut mit mir, aber manchmal glaube ich, unter all dem zu ersticken. Es ist mir zu viel! Aber die Leute bringen es oft nicht fertig, ohne ein Geschenk in der Hand zu kommen. Vielleicht haben sie das Gefühl, ansonsten nicht viel tun zu können. Dabei helfen sie mir am meisten mit ihrer Anwesenheit und Gesprächen. Manchmal ist mir auch das zu viel, obwohl ich mich über die Besuche schon sehr freue. An einigen Tagen geben sich meine Familie und Freunde jedoch die Klinke in die Hand und gerade kurz nach der Chemo ist das einfach anstrengend. Außerdem ist mir ständig übel, und ich bekomme diverse Medikamente gegen Übelkeit, aber oft hilft alles nicht wirklich.

Letztlich läuft eben Gift durch meinen Körper und das ist auch zu spüren! Meine Haare halten sich anfangs noch ganz gut, aber nach etwa zwei Wochen liegen dann doch die ersten Haare auf dem Kopfkissen, und mir wird ganz anders.

Manchmal tritt auch Fieber auf und dann wird immer meine Lunge geröntgt. Da ich die Station eigentlich nicht verlassen darf, muss ich zu diesem Zweck eine besondere Maske tragen. Der Träger macht mich darauf aufmerksam. Er holt auch gleich eine. Ich gucke das Teil an und denke „oh nein“, binde es dann aber gehorsam um. In der Röntgenabteilung blicke ich in einen Spiegel und sehe…. einen Außerirdischen! Ab sofort heißt die Maske bei mir nur noch Alien-Maske. Ich werde sie noch öfter tragen müssen.

In der Röntgenabteilung fühle ich mich nach wie vor etwas verlassen. Der Träger „stellt“ mich dort ab, und dann warte ich. Eines Tages aber mailt mir Tina aus meinem Chor. Sie schreibt, dass sie von meiner Krankheit gehört hätte und dass sie in der Röntgenabteilung arbeiten würde. Und ich sollte mich doch melden, wenn ich da bin. Das ist wirklich eine schöne Nachricht. Als ich das nächste Mal in der Abteilung bin, frage ich auch nach Tina, aber sie hat leider gerade Urlaub. Später treffe ich sie dann, und es ist einfach schön, denn sie setzt sich einen Moment zu mir und erzählt mir das Neueste vom Chor. Ich fühle mich da unten gleich viel wohler. Auch wenn ich sie nicht treffe, weiß ich, dass da jemand „von uns“ ist. Das ist ein gutes Gefühl.

Meine Freundin Gabi kommt oft zu Besuch und stellt immer ihre Schuhe vor meiner Zimmertür ab, worüber sich die Reinigungskraft amüsiert. Täglich wird das Zimmer gründlich gereinigt und gewischt. Die Reinigungskraft heißt Marina und gehört auch zu dieser Station. So ein Krankenhaus ist wirklich eine eigene Welt und viele Menschen tragen zum täglichen Ablauf bei. Die Ärztinnen und Ärzte, die Schwestern und Pfleger, die Küchenkräfte, die Reinigungskräfte, die Zivis, die Verwaltungskräfte und noch viele andere sind am Geschehen beteiligt. Und dann gibt es noch die „Grünen Damen“. Sie arbeiten ehrenamtlich im Krankenhaus und machen für die Patienten, die dazu nicht selbst in der Lage sind, kleine Besorgungen. Ich mag die grünen Damen. Eine ist besonders lebhaft und aufgeschlossen. Sie kommt zweimal in der Woche und ich unterhalte mich sehr gern mit ihr.

02.12.2010:

Liebe Beate, körperlich geht’s mir soweit ganz gut, toi toi toi. Trotzdem habe ich heute Morgen das Gefühl durchzudrehen. Achim meinte vorhin, ich sollte mich mal zusammenreißen! Wir sind zusammen über den Flur getapert, hin und her. Dann kam eine der grünen Damen. Mit ihr habe ich mich noch in meinem Zimmer sehr nett unterhalten. Sie hat versucht, mich ein bisschen aufzubauen. Gestern Abend sagte die Schwester: „Wenn sie mehr als 1,5 kg zunehmen...." und ich dachte, na, was kriege ich dafür und war ganz gespannt, und sie sagte mit ihrem ukrainischen Akzent: „Dann krriegen Sie eine Entwässerungsspritze!" Na super. :-) Die grüne Dame meinte, man gewöhnt sich daran, hier eingesperrt zu sein. Na hoffentlich! Vor der Tür steht die Visite. Es sind schon wieder Studenten dabei. Dann dauert´s länger. Erstmal liebe Grüße...gleich kommen die Ärzte. Na, jetzt klingt es so, als wenn sie erst ins Nebenzimmer gehen. Gaby

Eines Morgens gehe ich in die Küche, es ist Dezember und draußen tobt immer noch der Schnee. Ich stehe am Kühlschrank, um mir noch einen Becher Milch (leider nur H-Milch) zu holen. Schwester Sandra befindet sich ebenfalls in der Küche. Plötzlich erscheint eine vermummte Gestalt in der Tür. Schwester Sandra fragt locker: „Na, schneit´s schon, Ronny?“

Ich bin kurz vorm Losprusten, belasse es aber bei einem Grinsen und schweige ansonsten. Als Herr Jost einige Tage später allein zum Blutabnehmen kommt, sage ich: „Sie heißen ja tatsächlich Ronny mit Vornamen“ und er fragt erstaunt: „Ja, wieso?“ Und ich erzähle ihm von meiner Freundin Simone, die er im Aufklärungsgespräch kennen gelernt hatte. Er ist ganz begeistert und kann sich noch gut an seine Kindergärtnerin erinnern! „Die fuhr doch immer so einen Käfer“, sagte er. Wir stellen fest, dass die Welt klein und Kiel sowieso ein Dorf sei.

Abends rufe ich Simone an, und sie findet das Ganze auch sehr witzig. Sie möchte auf jeden Fall noch mal mit ihm sprechen, vielleicht ergibt es sich bei einem ihrer nächsten Besuche. Vorerst kann sie mich jedoch nicht besuchen, weil der Schneefall für sie noch mehr Probleme bedeutet als für die Gesunden. Mit dem Rollstuhl ist es bei dieser Wetterlage extrem schwierig, zudem ist auch die Parkplatzsituation nicht optimal.

Auch meine Eltern klagen häufig darüber, dass die Straßenverhältnisse ungünstig seien. Und auf den Parkplätzen fahren sich die Autos fest. Ich sehe diesen verschneiten Winter nur aus dem Fenster und wünsche mir oft, ich könnte draußen sein.

Ich bekomme häufiger Post und eines Tages bringt mir eine Schwester ein kleines Päckchen. Neugierig öffne ich es sofort und finde – einen Ipod! Mein Onkel aus Singapur hat ihn mir geschickt. Ich freue mich total darüber, da ich sehr gern Musik höre und mein MP3-Player nur eine geringe Kapazität hat. Und jetzt ein Ipod! Achim ist auch ganz beeindruckt von diesem Geschenk. Meine Cousine hat die Musik meines Onkels auf seinen Wunsch hin vorher auf dieses Gerät überspielt. Und ich versuche jetzt, meine Musik aufzuspielen. Irgendwann begreife ich, dass ich die Musik meines Onkels wieder „runterschmeißen“ muss, bevor das funktioniert. Aber dann klappt es, meine ganze Musik vom Laptop wird auf den Ipod übertragen, und somit kann ich Musik in bester Qualität hören! Ein Trost in dieser Zeit.

Überhaupt, mein Onkel…seit vielen Jahren hatte ich kaum Kontakt zu ihm und seiner Familie. Jetzt, da ich krank bin, ruft er öfter aus Singapur an und auch meine Cousinen und mein Cousin melden sich nach und nach bei mir. Die Familie rückt wieder näher zusammen und das ist wirklich ein tröstliches Gefühl!

An diesem Samstag kommt meine irische Freundin Laura abends zu mir. Wir wollen zusammen im Fernsehen „Wetten, dass…“ anschauen. Ich freue mich darauf. Ich bin Wetten, dass…- und Gottschalk-Fan. Nach kurzer Zeit stürzt ein Wettkandidat schwer, und die Sendung wird unterbrochen! So etwas ist bislang zum Glück noch nie passiert. Nach einiger Zeit wird die Sendung endgültig abgebrochen, was ich sehr vernünftig finde. Offenbar geht es dem Kandidaten sehr schlecht. Einige Tage später erfahren wir, dass er gelähmt ist und sich kaum noch bewegen kann. Schockierend.

Darüber hinaus besucht mich zweimal in der Woche die Klinikpastorin. Die Ärzte haben mir ihre psychologische Begleitung angeboten, was ich gerne annehme. Ich kann mit ihr ganz offen über meine Ängste und Sorgen sprechen, denn meine Familie und Freunde möchte ich damit nicht immer belasten. Sie machen sich schon selbst genug Sorgen.

07.12.2010:

Liebe Inga, heute bin ich total frustriert, mir ist dauernd übel, ich kann nichts essen. Jeden Tag brauche ich eine Beruhigungstablette. Ab heute Abend bekomme ich wieder mein Antidepressivum. Vielleicht geht es mir dann ein bisschen besser. Die Ärzte sind sehr zufrieden mit mir. Die Blutwerte entwickeln sich wohl sehr gut. Ein genaues Ergebnis bekommt man aber erst mit der Punktion, die wohl um den 21. Dezember gemacht wird. Vorhin bin ich in Tränen ausgebrochen. Heute Morgen hatten sie einen Herpes im Mund entdeckt. Heute Mittag kam der Pfleger und brachte fünf Riesentabletten, von denen ich wusste, dass ich sie niemals schlucken kann. Er nahm sie dann auch wieder mit. Wie geht´s Dir, meine Liebe? Hier sind die Tage recht lang. Heute kommt noch Beate vorbei. Sie wechselt sich mit meinen Eltern jetzt ab. Ich denke, meine Eltern brauchen auch mal eine Pause. Und zu viel Besuch ist auch anstrengend. Ich frage mich, ob mein Leben noch mal glücklich werden wird. Ich hoffe es einfach sehr! Erstmal...liebe Grüße! Gaby

Und so wechselt die Stimmung von Tag zu Tag. Die Chemo ist sehr anstrengend, und manchmal liege ich nur völlig erschöpft im Bett, wenn meine Familie oder Freunde kommen. Ständig bekomme ich Medikamente gegen Übelkeit, die bei mir aber selten gut wirken. Insofern ist mir fast immer übel.

Aber eines Tages schmeckt mir das Essen wieder, wie man an folgendem Text vom 13.12.2010 erkennen kann:

Liebe Inga, wie viel Inga ich abkann? 100%! Die Frage ist eher, wie viel Gaby Du in diesem Zustand abkannst. Ich habe gerade festgestellt, dass ich nur ein Knäckebrot bestellt habe...in der Annahme, dass meine Eltern mir heute Brot mitbringen. Das Haferbrot, was ich gern mag, gibt’s aber nur dienstags beim Bäcker. Insofern bekomme ich das erst morgen. Aber Gott sei Dank hatte ich meine Eltern gebeten, mir zwei hart gekochte Eier mitzubringen, außerdem haben sie Käse mitgebracht. Insofern werde ich nicht verhungern. Das Essen hier kann man nicht wirklich essen. Die Pizza, die ich heute Mittag bestellt hatte, schmeckte allerdings. Für morgen warten Rouladen, Kartoffeln und Rotkohl im Kühlschrank, das mache ich mir morgen Mittag warm. Ich freue mich schon drauf! Und morgen macht meine Mutter für mich Gemüselasagne und bringt sie mit. Davon werde ich auch ein/zwei Tage essen können. Meine Schwester kocht bestimmt mal Nudeln für mich. Ich beneide Dich, dass Du einfach so schwimmen gehen kannst. Und dass bei Euch Sommer ist. Obwohl ich froh bin, dass hier gerade kein Sommer ist, denn dann wäre alles noch viel schwerer zu ertragen. Ich beneide im Moment alle Leute, die gesund sind und frei. Und Du erscheinst immer noch ein Stück freier, als alle anderen, die ich kenne. Also, meine Liebe, mach´s gut, und vielleicht schnacken wir morgen. LG,, Gaby

Dann beginnt das, wovor mir eigentlich am meisten graute: Erste Haare fallen aus! Wenn ich an meinen Haaren ziehe, dann habe ich einzelne Haare in der Hand. Ich traue mich kaum noch, die Haare zu waschen. Eines Morgens tue ich es, und es ist absolut furchtbar, ganze Haarbüschel habe ich in der Hand! Ich beschließe, die Haare jetzt nicht mehr zu waschen. Eine Schwester schneidet mir die Haare auf Kinnlänge. Das gefällt mir gut!

Bekannte von meinen Eltern schicken mir ein Buch:

12.12.2010:

Vielen Dank für das Buch! Es klingt sehr interessant, gerade das Thema Schneekatastrophe finde ich spannend! Ich habe mir auch vor zwei Jahren im Kino den Film „Schnee von gestern" angesehen, den Privatleute zusammen geschnitten hatten. Es ist wirklich lieb, dass Sie an mich denken. Mir geht´s momentan so lala, die erste Chemo liegt hinter mir, und ich kämpfe mit den Nebenwirkungen, z.B. mit sehr angegriffenen Schleimhäuten im Mund/ Darm/ Magen. Langsam fallen die ersten Haare aus, was ich auch ganz furchtbar finde...naja, bislang nur vereinzelt, aber das wird wohl bald mehr. Die Nachtschwester hat mir gerade angeboten, mir morgen Abend die Haare kürzer zu schneiden, was ich gut finde. Sie kommt glaube ich aus dem Osten und wirkt sehr pragmatisch. :-) Momentan lese ich gar nicht, ich kann mich ganz schlecht konzentrieren. Aber ich hoffe, die Zeit wird kommen, da ich wieder ruhiger bin, und dann lese ich alle Bücher, die hier mittlerweile liegen. Da ich normalerweise extrem gern lese, ist das super. Also, nochmals danke und viele Grüße!

13.12.2010:

Hi Wiebke, ich musste gerade lachen. Eine etwas verwirrte Frau aus dem Chor hatte mir eine sehr nette Karte geschrieben. Und ich schrieb ihr eine Mail und bedankte mich und erzählte ein bisschen. Unter anderem, dass wir übernächstes Jahr nach Singapur wollen. Sie schrieb eben zurück und meinte am Ende „...und später viel Spaß in Singapur". Es klang so, als wenn wir uns vorher nicht mehr sehen. Meine Eltern sind inzwischen weg, sie sind wieder mit dem Zug gekommen. Mann, das ist auch immer ein Aufwand, meinem Vater war auch ein bisschen schwindlig, als sie hier ankamen. Er hatte heute Morgen schon länger Schnee geschippt. Ich hoffe nur, meine Eltern übernehmen sich nicht. Heute ist mir klar geworden, dass schon nächste Woche die Punktion ist. Und kurze Zeit später wird schon wieder die Chemo anfangen. Naja, sofern alles gut ist, nehme ich das gern in Kauf. Eben habe ich mich mit Achim und einem anderen Patienten auf dem Flur ganz nett unterhalten, mein Zimmernachbar. Das war der, der sich einen neuen Fahrradschlauch gekauft hatte und sich über den Preis von 25 Euro beschwert hatte. Es stellte sich heraus, dass der Mann privat versichert ist! Man fasst es nicht. Achim ist auch privat versichert, und beide bekommen jeden Tag Besuch von „höchster Stelle", nämlich vom Chefarzt.

Der Typ von nebenan meinte doch tatsächlich, das Essen sei so gut. Da konnte ich nicht zustimmen! Ich sprach heute mit der Ärztin über den drohenden Haarausfall und sie meinte, davor hätte sie auch am meisten Angst. Und sie sagte, dass bei Leuten mit kräftigem Haarwuchs die Haare manchmal auch erstmal nur dünner werden. Vielleicht habe ich ja Glück und es ist so. Naja, wir telefonieren heute Abend nochmals? Finde ich echt lieb, dass Du jeden Tag anrufst! Liebe Grüße, Gaby

15.12.2010:

Hi Gabixli, ich bin heute etwas depri, die Zeit ist einfach lang, die noch vor mir liegt. Ich hatte heute viel Unterhaltung, daran liegt es nicht. Aber heute Morgen hat Herr Jost mir den zeitlichen Ablauf erklärt und das heißt, dass mit aller Wahrscheinlichkeit die nächste Chemo noch vor Weihnachten beginnt. Und dann muss man den Zellenaufbau abwarten, bevor die nächste Punktion gemacht wird. Und bevor ich das erste Mal wieder nach Hause darf... Naja, wenn am Ende alles gut wird, dann ist alles ok...und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, ich halte das nicht aus. Seufz. LG, Gaby

17.12.2010:

Liebe Inga, Hajo war heute am Telefon sehr beeindruckt, dass Du wegen mir nach Deutschland kommst! Es verschlug ihm fast die Sprache. Ich war heute Morgen total frustriert. Als der Pfleger und die Schwester mein Bett bezogen, fing ich schon an zu heulen, einfach aus allgemeinem Frust. Später kam die Ärztin zur Visite und ich sagte, dass ich allmählich einen Lagerkoller bekommen würde. Sie sagte, dass sie das gut verstehen könnte und dass sie immer froh sei, wenn sie die Station abends verlassen könnte. Sie war wirklich nett und versuchte mich zu trösten. Kaum war sie raus, fing ich richtig an zu heulen, und schon wieder klopfte es an der Tür. Es erschien: die Pastorin! Sozusagen genau im richtigen Moment. Sie blieb für ihre Verhältnisse ziemlich lang und redete mit mir. Ich beruhigte mich wieder. Heute Nachmittag kam Gabi und später am Abend Gudruns Mutter. Das war alles sehr nett, aber meine Stimmung ist eben momentan eher düster. Meine Haare gehen immer mehr aus, aber momentan habe ich noch genug. Meine Mutter meinte eben, ich soll keinen düsteren Gedanken nachhängen und wahrscheinlich hat sie recht. Es nützt eh nichts. Ich muss vor allem morgens früher aus dem Tief rauskommen. Der Morgen ist ätzend, es ist dunkel und jeder Tag läuft gleich ab. Alle zwei Tage wird das Bett bezogen und ansonsten kommt die erste Schwester, misst die Temperatur, den Blutdruck und den Puls. Und dann sagt sie, dass ich auf die Waage gehen soll. Wenn ich mich dazu in der Lage fühle, ziehe ich meinen Bademantel an und schlurfe über den Flur zur Waage. Später kommt dann das Frühstück und kurz danach der Arzt, um Blut abzunehmen. Danach ziehe ich mich an und schmeiße meinen Laptop an. Dann erscheinen irgendwann die grüne Dame, die Reinigungskraft und die Visite. Das ist der Vormittag. Nachmittags habe ich dann eher Besuch. Naja, so sind die Tage hier. So, meine Liebe, ich hör jetzt auf...gucke gerade „Pretty Woman". Was machst Du so? Wie läuft´s mit dem Besuch? LG, Gaby

19.12.2010:

Hallo...na, was machen der Rücken und der vierte Advent? Ich gucke gerade „Vom Winde verweht". Die Reinigungskraft sagte gerade, sie hätte das noch nie gesehen. Manchmal wundert man sich. Naja, es gibt ja auch Leute, die Aretha Franklin nicht kennen. :-) Dieses Knastleben ist oft trostlos. Die Ärztin sagte gerade, ich hätte doch wirklich gute Heilungschancen und es gäbe auch Leute, denen müssten sie ganz andere Dinge erzählen. Ich frage mich, wie hält man so etwas aus? Mir reicht´s auch so. Ich versuche, die positiven Sachen zu sehen. Das ist oft schwer, angesichts des Haarausfalls usw. Der Patient, zu dem ich wirklich einen guten Draht hatte, Achim heißt er, ist gestern für ein paar Tage nach Hause entlassen worden. Nach Weihnachten kommt er wieder. Weihnachten...ich wünschte, es wäre schon vorbei. Ich kann dem dieses Jahr logischerweise nicht viel abgewinnen. Naja, das nächste Weihnachten kommt bestimmt. Und wie sieht´s bei Euch aus? Geht´s Dir besser?

Tja, ansonsten gibt´s hier nichts Neues. Wiebke, eine meiner besten Freundinnen, hat heute Geburtstag. Sie feiert in einem Restaurant...ja, schade, ich kann leider nicht dabei sein, aber es gibt eben Wichtigeres. Also, viele Grüße an alle... Gaby

21.12.2010:

Hi Inga, ich weiß, wir sehen uns heute Abend noch (in skype), aber ich habe gerade das Bedürfnis, Dir zu schreiben. Die Punktion hat verdammt wehgetan!!! Sie bekamen nicht das heraus, was sie wollten, dreimal musste sie stechen. Frau Dr. Egerland hat es gemacht, und Frau Dr. Berger kam netterweise, um meine Hand zu halten, Gott sei Dank! Hinterher musste ich heulen, meine Güte, man ist auch immer so ausgeliefert und muss alles über sich ergehen lassen. Es war nur ein schwacher Trost, dass die Ärztin meinte, ich hätte es sehr gut gemacht, und es gäbe auch Leute, die das schlecht machen. Ich frage mich, was machen die? Springen die aus dem Bett? Gerade habe ich einen neuen "Freund" gefunden. Achim ist ja nicht mehr da...ich brauch jemanden zum Schnacken. Es gibt da einen 2 m-Mann, der ist ungefähr so alt wie ich, Jörg heißt er, wie ich heute erfuhr. Er winkte mir in den letzten Tagen schon immer zu, wenn er mich sah. Eben trafen wir uns in der Küche und quatschten eine Weile. Er kommt aus dieser Gegend, ist verheiratet und Sportler (hatte Achim mir schon erzählt). Jörg ist wirklich nett und auch über Weihnachten und Silvester hier, ein kleiner Trost irgendwie. Gleich kommt Gabi und später Beate. Und gleich gibt’s Rote Rosen, aber das kann ich irgendwie nur selten sehen, meistens ist dann jemand hier. Na egal. Wird morgens wiederholt. :-) Und so spannend ist das auf Dauer auch nicht, seufz. Oh Mann, ich bin doch etwas unruhig wegen des Ergebnisses der Punktion...aber ich glaube schon, dass alles gut ist. Meine Liebe, bis später! LG, Gaby

Die Punktion ist wirklich schlimm. Zuerst erscheint die Ärztin bzw. der Arzt und fängt an, die Sache vorzubereiten, indem eine sterile Fläche geschaffen wird. Auf dieser werden alle benötigten Gegenstände gelagert. Dann kommt eine MTA dazu. Die Ärztin, in diesem Fall Frau Dr. Egerland, betäubt zunächst eine Stelle am Beckenknochen. Das zieht richtig durch und ist nicht sehr angenehm. Bevor dann die eigentliche Punktion startet, muss die Betäubung einige Minuten wirken. Dann wird die Nadel angesetzt, und an einem gewissen Punkt hat man das Gefühl, einen Tritt gegen das Schienbein zu bekommen, ganz merkwürdig. Die Ärztin zieht die Nadel wieder heraus, und die MTA guckt sich das Ergebnis sofort vor dem Hintergrund an, ob so genannte Bröckchen vorliegen. Keine da! Die Sache wird wiederholt. Frau Dr. Berger steht neben mir und hält meine Hand und tröstet mich, wofür ich ihr wirklich dankbar bin! Auch der zweite Versuch bleibt ohne Erfolg. Ich kann nicht mehr! Aber es nützt nichts, zum dritten Mal wird die Nadel zum Knochen geführt. Dann endlich tauchen die Bröckchen auf. Die Ärztin sagt entsetzt: „Also, mehr hätte ich jetzt auch nicht gemacht!“

Am nächsten Tag erhalte ich das Ergebnis der Punktion. Mit Herzklopfen warte ich auf die Oberarztvisite:

22.12.2010:

Hi Inga, heute kam der Oberarzt mit dem Ergebnis der Punktion. Ergebnis: Die Chemo hat angeschlagen, die Anzahl der kaputten Zellen hat sich von 80% auf 12% reduziert. Bei unter 5% geht man davon aus, dass die Leukämie weg ist, da diese Anzahl von unreifen Zellen normal ist. Irgendwie hatte ich gehofft, dass die Zellen schon unter 5% gerutscht wären. Der Oberarzt ist ein sehr nüchterner Mensch. Er sagte: „Die Therapie hat angeschlagen, aber da sind noch Restbestände und insofern beginnt morgen die zweite Chemo." Ich war total beunruhigt und fragte nach und er sagte, wenn die Zahl nach dem zweiten Mal nicht bei unter 5% liegt, dann müsste man die Verfahrensart wechseln, das wäre dann eine Knochenmarkspende. Sie fragten noch nach Nebenwirkungen und ich erzählte das eher abwesend, weil ich völlig unruhig war. Kaum war er draußen, rief ich meine Eltern an. Ich erzählte das, na ja, was sollten sie sagen. Dann kam die Assistenzärztin und sagte, sie war noch nicht mal ganz drin: „Mensch, das ist doch ein super Ergebnis!". Ich fragte: „Ist es das wirklich?", und sie antwortete: „Von 80 auf 12!" und ich sagte, dass ich einen totalen Schrecken bekommen hatte. Sie war völlig baff und fragte, was die mir denn erzählt hatten und meinte dann, mehr hätte man doch nicht erwarten können. Ich konnte mich aber den ganzen Tag nicht von diesem Schock erholen. Frau Dr. Berger legte dann den zentralen Venen-Katheter und ich musste wieder zum Röntgen. Christine war gerade da und kam mit, was echt gut war. Heute war da allerdings nichts los und ich musste fast gar nicht warten. Oh Mann Inga, es ist echt nicht einfach, den langen Atem zu behalten. Ich hätte auch so gern meinen Eltern eine tolle Nachricht überbracht, damit sie beruhigter sind. Und der Oberarzt hat mir das halt nicht als gute Nachricht verkauft, sondern hat das nur nüchtern erzählt. Ich fragte, „aber die Therapie hat doch angeschlagen?" und er sagte, „klar, die Zellen haben sich ja schon um den Faktor 6 reduziert". Anne kam nach meinen Eltern heute noch und eben waren noch Gabi und Wiebke da. Die haben auch versucht, mich aufzubauen, mir ging´s danach auch schon besser. Wie geht´s Dir denn heute??? Liebe Grüße, Gaby

Ja, das ist wirklich ein harter Tag. Natürlich sind die Ärzte rational und sagen die Dinge so, wie sie sind. Das verstehe ich. Aber für mich hängt von dieser Nachricht einfach zu viel ab! Mein Leben.