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Auf Facebook erscheint im Herbst 2014 plötzlich die Seite "Schlachthaus der Lipizzaner" und erreicht innerhalb weniger Monate über 10'000 Mitglieder. Das, was sich hinter diesem Namen verbirgt, ist so schrecklich, wie es der Name vermuten lässt: Ein Gestüt in Südfrankreich ist in finanzielle Schieflage geraten, die riesige Lipizzaner-Zucht der "weissen Elfen" steht vor dem Aus, alle Pferde befinden sich in ernsthafter Gefahr. Und je öfter wir schauen, umso mehr bekommt das Schlachthaus einen Inhalt, die Lipizzaner und die Lipizzaner-Mixe ein Gesicht, nein, viele Gesichter mit grossen dunklen sorgenvollen Augen, die uns anzuflehen scheinen. "Bitte, helft uns!" Diese Buch erzählt von wunderschönen, zauberhaften Pferden und von mutigen, selbstlosen und auch ein wenig verrückten Menschen. Es ist ein "Mut-mach-Buch" das zeigt, was alles möglich ist, wenn man gemeinsam an etwas Grosses glaubt. Das ist der Weg in ein herrliches, um so viel reicheres Leben - denn haben die Elfen nicht irgendwie auch uns gerettet? LANG LEBEN ALLE ELFEN!
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Seitenzahl: 535
Veröffentlichungsjahr: 2016
Wahre Geschichten über die Reise der„Schlachthaus-Lipizzaner“in ihr neues Leben
herausgegeben von
Antoinette Hitzinger
© 2016 Antoinette Hitzinger, Herzenssache Pferd, www.herzenssachepferd.chKorrektorat: Christiane Gittner, Ursula Lübken-Escherlor, Corinna GagernCovergestaltung: Jacqueline MayerSatz: Sebastian Verboket, severgraphics, www.severgraphics.de, www.facebook.com/SeverGraphicsGestaltung der Bildseiten: Simon Hitzinger, Hitzigraphy, www.facebook.com/Hitzigraphy Coverbilder: Vorderseite: Delphe bei ihrer AnkunftRückseite: links, von oben nach unten: Ucrès (Chaillou), Betty, Blanche, Baya,
Electron, unten in der Mitte: Delphe einige Monate später rechts von oben nach unten: Emma, Bora, Extrait (Eldunari), Velours (Atreju), Mia
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-7345-3422-5 (Paperback)978-3-7345-3423-2 (Hardcover)978-3-7345-3424-9 (E-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Herausgeberin unzulässig. Die AutorInnen haben das Urherberrecht an ihren eigenen Texten und Bildern. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
In vielen Geschichten, die Sie, werte Leserin, werter Leser, in diesem Buch hier finden werden, liegen Leid und Glück sehr nahe beieinander - vom Leben geschrieben.
Wir alle hier haben uns bei der Aktion „Schlachthaus der Lipizzaner“ auf ein Abenteuer mit vielen Ungewissheiten eingelassen: auf ein Zusammenwirken mit bis dato unbekannten Personen; auf das Risiko, Pferde zu kaufen, die eventuell gesundheitliche oder psychische Probleme haben könnten. Wir waren mutig und vielleicht auch ein bisschen verrückt - in einem durchaus positiven Sinne! Doch herausgekommen bei dieser schier unglaublichen Aktion ist, dass sämtliche zum Verkauf stehenden Pferde einen Platz gefunden haben und weiterleben dürfen!
Bei der langen Suche nach einem passenden Titel und Untertitel für dieses Buch gab es unter anderem den Vorschlag: „Eine Rettungsaktion in der heutigen Zeit“. Und in der Tat glaube ich fest daran, dass wir in einer Zeit leben, in der das Einzelkämpfertum weichen und das gemeinschaftliche Schaffen wieder viel mehr erblühen sollte: „Denn was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen“, singt Xavier Naidoo. Anders geht es gar nicht - oder zumindest nicht so gut. Es gilt, die neuen technischen Möglichkeiten des„world wide web“ intelligent, aufbauend positiv und im Sinne aller zu nutzen! Nur dann ist so etwas wie das „Schlachthaus der Lipizzaner“ möglich.
Viele an dieser Aktion Beteiligte haben ihre persönlichen Geschichten für das Ihnen nun vorliegende Buch zu Papier gebracht:
Seelenpferde finden. Von Pferden gefunden werden. Dem Tod geweihten Pferden einen Start in ein neues Leben ermöglichen. Pferde sorgfältig aufbauen. Gemeinsam den Weg gehen… Geschichten, die zusammen gehören. Menschen und Pferde, die zusammen gehören. Und nicht zuletzt Menschen, die sich gefunden haben. So hat sich ein wunderschönes buntes Mosaik ergeben.
Darüber hinaus hat sich in Folge eine einzigartige und wunderbare Gemeinschaft gebildet - eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig ermutigt, hilft, berät und unterstützt, in der viele Fachleute mit dabei sind und in der man sich zum Teil längst nicht mehr nur virtuell kennt.
Auch ich schätze mich glücklich, zu dieser „Elfengemeinschaft“ dazuzugehören. Deswegen hatte ich im Dezember 2015 spontan die Idee, aus und mit den unterschiedlichen Geschichten ein Buch zu machen. Ich danke allen Beteiligten von ganzem Herzen – für die geteilte Begeisterung und für das konstruktive Miteinander.
Und so ist auch dieses Buch wieder ein Gemeinschaftswerk – von vielen AutorInnen, die alle aus ihrem persönlichen Blickwinkel und in ihrem ureigenen Stil geschrieben haben. Das Schreiben, das Korrekturlesen, die Cover- und Bildgestaltung – alles wurde unentgeltlich von Menschen aus dem Umkreis der Elfen gemacht.
Alle Einkünfte aus dem Verkauf dieses Buches werden Pferden in einer Notlage zu kommen.
Und nun, liebe Leserinnen und Leser, legen Sie vorsorglich ein paar Taschentücher bereit! Wir alle, die wir in die Ereignisse rund um die „Schlachthaus – Lipizzaner“ unmittelbar involviert waren, bekommen auch heute noch regelmäßig Tränen in die Augen – und das, obwohl wir die Geschichten bereits kennen. Und obwohl es fast überall ein Happy End gibt.
Herzlichst
Ihre Antoinette Hitzinger
April, 2016
„Wer einen Lipizzaner zum Freund hat, hat einen wahren Freund.“
Von Christiane Gittner und Antoinette Hitzinger
Die Geschichte der Lipizzaner im Überblick
Bekannt sind die Lipizzaner in erster Linie durch die Spanische Hofreitschule in Wien, 1572 gegründet als Spanischer Reitersaal.
Auf der Internetseite der „Spanischen“ ist zu lesen: „Willkommen in der Spanischen Hofreitschule Wien, wo gelebte Tradition und die Werte der Vergangenheit mit der Leidenschaft der Gegenwart verschmelzen! Die Spanische Hofreitschule Wien ist die älteste Reitschule und die einzige Institution der Welt, an der die klassische Reitkunst in der Renaissancetradition der „Hohen Schule“ seit mehr als 450 Jahren lebt und unverändert weiter gepflegt wird - was auch zum immateriellen UNESCO Kulturerbe der Menschheit zählt.“
Vermutlich liegt es an dieser direkten Verbindung zu einer traditionsreichen Geschichte, die einen jeden in ihren Bann ziehen, gepaart mit dem besonderen Zauber und Charme der weißen Hengste in ihrem tänzerischen Pferde-Ballett …
Beginnen wir jedoch mit der Entstehungsgeschichte der majestätischen Schönheiten:
Im Jahre 1580 gründete Erzherzog Karl II. von Innerösterreich das Hofgestüt am Karst (400 m üNN) in der Nähe des Dorfes Lipica. Lipica heißt übersetzt „kleine Linde“. Das Dorf gehörte damals zu Österreich, heute zu Slowenien.
Dorthin ließ Karl II. aus Spanien importierte Pferde (neun Hengste und 24 Stuten) bringen. Er wollte so die kaiserlich-königliche Pferdezucht selbst bestimmen. Außerdem wurden die Importe für den kaiserlichen Bestand zu teuer, weil zu unsicher und verlustreich. Solche Pferde sollten es sein, die den Anforderungen der klassischen Reitkunst entsprachen. Die besten Hengste der Zucht wurden jeweils für den Wiener Hof ausgewählt. Kam die besondere Rittigkeit und Wendigkeit im Kriege zunächst den Soldaten auf dem Schlachtfeld zugute, erfreuten sich später die adeligen Herrschaften an diesen Eigenschaften in ihrem Einsatz als barockes Prunkpferd.
In der Regierungszeit der Kaiserin Maria Theresia (1740-1780) entwickelten sich die Lipizzaner, wie wir sie heute kennen. Für die Pferdezucht interessierte sich vor allem ihr Gatte Herzog Franz Stephan von Lothringen. So wurden im 18. Jahrhundert die Neapolitaner der Zucht zugeführt, später auch arabische Pferde.
1 Wenn der verletzte Jährling über die 1,20 m hohe Wand klettert, die seinen Paddock begrenzt und es sich auf dem Mist gemütlich macht - obwohl er in der Box auch bequem im Stroh hätte liegen können – Zwerg Eskimo
2 Dualaktivierung kann ich auch allein - Gioia
3 Blanche in Aktion – Übername „Fräulein Dynamit”
1 Viele Stuten machen auch “Hengstspiele” – hier Chloe
2 Voll in die Kurve – und dennoch alles im Griff
1 Astra kommt daher gesprungen
2 Ein knapp 2-jähriger beglückt seine Elfenmama mit Ansätzen einer Piaffe - Eldunari
Sechs der ursprünglichen Hengstlinien haben sich bis heute erhalten: der Frederiksborger Pluto (Dänemark, geb. 1765, Schimmel), die Neapolitaner Conversano (Italien, geb. 1767, Rappe) und Neapolitano (Italien, geb. 1790, Brauner), die Kladruber Maestoso (Österreich, geb. 1773, Schimmel) und Favory (Österreich, geb. 1779, Falbe) und schliesslich der Original-Araber Hengst Siglavy (geb. 1810, Schimmel).
In bestimmten Gestüten kamen später noch die Hengstlinien Tulipan und Incitato dazu. Für die Lipizzaner wechselten sich über die Jahrhunderte Zeiten relativer Stabilität mit vor allem durch Kriege sehr bewegten Zeiten ab. In diesen schwierigen Phasen war das Schicksal der Pferde von zähen Verhandlungen mit staatlichen, militärischen und privaten Stellen und von so manchen Rettungsaktionen abhängig. Immer wieder waren es einzelne Menschen, denen die Rasse so sehr am Herzen lag, dass sie mit hohem persönlichen Risiko und Einsatz die Kaiserschimmel und deren Zuchtbasis erhalten wollten und dies auch schafften.
Und immer wieder in ihrer Geschichte mussten die Lipizzaner fliehen – meistens im Zusammenhang mit Kriegsgeschehen und Verwüstungen, Bränden und Erdbeben. Sie kehrten bis heute jedoch immer wieder auch nach Lipica zurück. Zumindest diejenigen, die übrig geblieben waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es zum Beispiel zuerst lediglich 11 der ursprünglich militärisch konfiszierten Pferde, die Lipica zurückgegeben wurden. Die Lipizzaner verteilten sich im Zuge der Wirren vor allem in Osteuropa, wo es heute in fast jedem Land Gestüte gibt. Es gibt heute Lipizzaner sogar in den USA und in Südafrika.
Während des Ersten Weltkrieges mussten die Lipizzaner erneut aus Lipica ausziehen. Der Bestand wurde aufgeteilt: das Gestüt mit den wertvollen Zuchthengsten wurde 1915 nach Laxenburg bei Wien verlegt, einige Fohlenjahrgänge gingen ins böhmische Kladruby. 1921 zogen die Laxenburger Lipizzaner in die Gestüte um, die uns heute bekannt sind als die Zuchtstätten der Kaiserschimmel: ein Teil kam nach Lipica, der andere Teil nach Piber bei Graz in der Steiermark.
Zu einer spektakulären Rettungsaktion von rund 300 Lipizzanern kam es am Ende des Zweiten Weltkrieges: Die einstigen Kaiserschimmel wurden durch eine waghalsige Aktion unter dem amerikanischen Oberst Reed aus der Gefahrenzone über die Tschechoslowakai nach Bayern gebracht. Im Film von Walt Disney (1963) »The Miracle of the White Stallions« geht es um diese Geschichte.
Auch in den Napoleonischen Kriegen, in denen das ursprüngliche Gestüt von Karl II. fast völlig zerstört wurde, ist übrigens die Rede von 300 Pferden, die glücklich rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden konnten.
Heute wird der weltweite Bestand der Lipizzaner auf nur ein paar tausend Pferde geschätzt. Neben ihrer Rolle als kulturelles Symbol und gelebter Barock als älteste Kulturpferderasse Europas, gehört die Rasse zu den vom Aussterben bedrohten Haustierrassen und wurde im Jahre 1995 auf die entsprechende Rote Liste gesetzt.
Die Auflösung des Gestüts der weißen Elfen scheint sich in dieser bewegten Rassengeschichte also in bester Gesellschaft zu befinden. Es handelte sich hier abermals um eine Zuchtherde mit rund 300 Lipizzanern. Zusammen mit den Lipizzaner-Rasse-Mix-Pferden, die in den „Écuries des Elfes Blancs“ gezüchtet wurden, waren es sogar noch mehr Pferde.
Was aber an dieser, unserer Geschichte, um die es in diesem Buch geht, zum ersten Mal völlig anders ist: Es handelt sich hier um eine riesige Gemeinschaftsaktion von Menschen, die sich vorher persönlich gar nicht kannten. Möglich wurde dieses großartige Unterfangen nur durch das Internet.
Zauber und Faszination, Rassemerkmale und Talente
Was fasziniert uns aber so sehr an den Lipizzanern? Was macht den ganz besonderen Zauber dieser Rasse aus?
Eine Elfenbesitzerin schreibt über ihre Stute:
„Sie hat alles, was ich mir von meinem Traumpferd wünsche:
Sie ist wunderschön, hat fliegende, schwebende Gänge und ein kaum zu überbietendes Balancegefühl, sie ist intelligent, sensibel, neugierig, verspielt, überaus mitteilsam und sie hat wirklich Humor – wenn SIE den Platz betritt, nimmt sie ihn mit ihrer majestätischen Präsenz mit einer von Leichtigkeit geprägten Selbstverständlichkeit ganz für sich ein und jeder, der sie sieht, ist gleichermaßen beeindruckt und verzaubert von ihr.
Ich danke allen, die es möglich gemacht haben, dass diese zauberhafte Elfe zu uns kommen konnte!“
Viele Menschen werden von der adeligen, feinen und verständigen Ausstrahlung, von der majestätischen Grazie der Lipizzaner gefangen genommen. Diese ihre würdevolle Haltung macht klar, warum sie „Kaiserschimmel“ genannt werden. Man hat fast den Eindruck, dass den Pferden selbst das irgendwie bewusst ist – so, als wüssten sie um ihre Geschichte, um ihre Vorfahren, die damaligen Kaiserschimmel der Habsburger Monarchie, um ihre Bedeutung als älteste Kulturpferderasse Europas.
Diesem Umstand ist es wohl geschuldet, dass der Lipizzaner ein überaus anspruchsvolles stolzes Pferd ist - wer mit ihnen umgeht, der weiß, wie sehr man sich um ihre Achtung, ihre Freundschaft und ihr Vertrauen bemühen muss, mehr noch als bei vielen anderen Rassen. Diese Pferde-Persönlichkeiten wollen wirklich überzeugt werden – sie prüfen genau, ob sich eine Kooperation für sie lohnt, mit wem sie eine Bindung eingehen wollen und mit wem nicht. Denn die edlen Schimmel sind nicht besonders tolerant, was Fehlverhalten des Menschen aus ihrer Sicht angeht. Sie haben nämlich ein recht stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden: Wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen, dann reicht das Spektrum ihrer Antworten darauf von einer harmlosen Ignoranz bis hin zum aggressiven Angriff.
Bei Wikipedia findet sich im Artikel „Lipizzaner“ eine sehr schöne Beschreibung über das Interieur dieser intelligenten, sensiblen, ehrgeizigen, eleganten, ausdrucksstarken, humorvollen und stolzen Pferde, bei denen Genie und Wahnsinn so dicht beieinander liegen können:
„Der Lipizzaner ist ein spätreifes Pferd mit einem lebhaften Temperament. Er ist überdurchschnittlich langlebig und bis ins hohe Alter zur Zucht und zur Arbeit unter dem Sattel geeignet. Der Lipizzanerhengst des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Josip Broz Tito, Maestoso Mara, starb mit 41 Jahren im serbischen Staatsgestüt Karadordevo. Neben einschlägigen Merkmalen seines Exterieurs eignet sich der Lipizzaner besonders aufgrund seiner Kontaktfreudigkeit zum Menschen, seiner hohen Lerndisposition und schnellen Auffassungsgabe für die anspruchsvollen Lektionen der Hohen Schule.Lipizzaner verfügen in der Regel über ein hohes Maß an körperlicher und mentaler Stärke. Besonders die mentale Stärke der Rasse kann als Fluch und Segen zugleich betrachtet werden. Während ein Ausbilder, der Erfahrung mit dieser Rasse hat, spektakuläre und schnelle Ausbildungserfolge erzielen kann, verzweifeln unentschlossene Reiter möglicherweise an dieser mentalen Stärke, der man durch physische Härte nur wenig entgegensetzen kann. Die schnelle Auffassungsgabe des Lipizzaners zeigt sich auch bei unerwünschten Verhaltensweisen, die das Pferd unbemerkt lernt und gegebenenfalls eifrig umsetzt. Neben seinem gutmütigen Wesen hat der Lipizzaner – besonders unter dem Sattel – eine auffällig elegante Ausstrahlung und eine gehörige Portion Mut. All diese Interieureigenschaften resultieren aus einer systematischen jahrhundertelangen leistungsorientierten (und nicht nur morphologischen) Selektion.“
Neben seinen charakterlichen Stärken verfügt der Lipizzaner über herausragende körperliche Talente wie z.B. ein ausgezeichnetes Balancegefühl. Einzelne Vertreter dieser Rasse bringen es fertig, als unausgebildetes Jungpferd in einer Box normaler Größe mehrere Runden zu galoppieren – ruhig, als wäre es das Normalste von der Welt, und ohne gegen eine Boxwand zu schwanken. Dies ist möglich durch eine unglaubliche Fähigkeit der Hankenbeugung gepaart mit einer leichten Vorhand. Wenn ein Lipizzaner zum Galopp ansetzt, sieht es manchmal so aus, als stünde er mit der Vorhand für Momente in der Luft, ganz leicht, als wäre es nichts, um dann ruhig und gesetzt oder nach Belieben stürmisch davon zu galoppieren!
Dieses Balancegefühl lässt die Bewegungen der weißen Schönheiten besonders tänzerisch erscheinen, sie schweben mit einer Leichtigkeit dahin, dass dem Betrachter manchmal der Atem stockt vor lauter Begeisterung.
Der hochaufgesetzte Hals und der stolze wache Blick lassen den Lipizzaner weit größer erscheinen, als er es vom Stockmaß her ist. Oft hat er nur eine Größe von 1,50-1,60m, aber man verschätzt sich gern um ein paar Zentimeter und ist dann verwundert wie klein das Pferd nach der Messung doch ist.
Je nach Linienführung gibt es sehr barocke bis eher sportliche Lipizzaner-Typen, mit einem Ramskopf bis hin zu einem eher geraden Profil, mit großen Augen, einem mittellangen geschwungenen Rücken, einer kräftigen Hinterhand, klaren trockenen Beinen, solidem Fundament, nicht allzu üppigem Langhaar und tiefem Schweifansatz, ein Hinweis auf seine überdurchschnittliche Versammlungsfähigkeit. Sie sind hart im Nehmen, gelten gesundheitlich als sehr robust und können bei sachgemäßer pferdegerechter Ausbildung, die seiner Spätreife unbedingt Rechnung tragen sollte, bis ins hohe Alter sehr leistungsfähig bleiben. Es ist keine Seltenheit, dass Lipizzaner jenseits eines Alters von 25 Jahren noch geritten werden und beeindruckende Leistungen zeigen, als ihre Blütezeit gilt: jenseits der 15 Jahre.
Sowohl wegen seiner hohen Intelligenz und Neugierde als auch wegen seiner Robustheit sollte der Lipizzaner in Gesellschaft möglichst in Offenställen gehalten werden, der soziale Kontakt ist wie für jedes Pferd hier besonders wichtig.
Der Einsatzbereich von Lipizzanern ist ausgesprochen vielseitig. Gezüchtet vor allem für die klassisch-barocke Dressur, die Hohe Schule und als Kutschpferd, eignen sie sich jedoch ebenfall s hervorragend für die Vielseitigkeit als überaus eifrige, mitdenkende, beherzte und zuverlässige Partner.
Vor allem die Lektionen über der Erde führen sie mit einer verblüffenden Leichtigkeit aus, was neben ihrer körperlichen Eignung dafür auch ihrem überschäumenden Temperament zu verdanken ist. So temperamentvoll sie auf der einen Seite sind, so gelassen können sie im nächsten Moment nach einem rasanten Galopp sein – das zeigt ihre Nervenstärke und wie klar im Kopf unsere Lipizzaner doch sind! Liebe Leser, glauben Sie uns: Wer einmal in seinem Leben einen Lipizzaner auf seiner Seite hatte, kommt aus dem Schwärmen nicht mehr heraus – ein wahrer Freund eben, der mit „seinem“ Menschen durch Dick und Dünn geht!
Wir freuen uns sehr und es ist uns eine große Ehre, dass wir Teil der Geschichte der Lipizzaner sein dürfen dadurch, dass wir es gemeinsam geschafft haben, den vielen wunderbaren Pferden des Gestüts der weißen Elfen ein neues Zuhause zu geben.
Damit konnten wir nicht nur dazu beitragen, dass dieser Rasse so viele Pferde erhalten blieben, sondern auch, dass der Lipizzaner in der Pferdwelt wieder mehr wahrgenommen wird, mehr in den Focus gerückt ist – für den einen oder anderen wird sicherlich als nächstes Pferd ein Lipizzaner in die engste Wahl kommen, so dass das Schicksal als Rasse auszusterben in ganz weite Ferne gerückt wird …
LANG LEBEN ALLE LIPIZZANER!
Quellen:
http://www.haustier-anzeiger.de/magazin/0806/artikelid_3123.html - Autor: Christian Gehwolf
http://www.pferde-welt.info/das-eigene-pferd/pferderassen/159-elegant-und-ausdrucksstark-lipizzaner - Autor: Sylke Schulte
http://www.lipizzanernetz.de/geschichte/entstehung.htm
http://universal_lexikon.deacademic.com/267040/Lipizzaner_und_Spanische_Reitschulen
Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Lipizzaner
Von Klaudia Brommund
Ein lauer Wind weht, die Sonne scheint und ein wundervolles Herbstlicht liegt über den Bergen der Verdonschlucht. Während mein Hund sich gemütlich im Gras rekelt, folgt mein Blick den Geiern, die mühelos und majestätisch im Aufwind tanzen. Urlaub in Südfrankreich, ein Traum!
Auf dem Display meines Handys erscheint eine Einladung.
Heidi schreibt: komm mich besuchen – ich wohne jetzt in Montauban… warum nicht?
Ja, so fing es an, ganz harmlos eigentlich. Ich ahnte damals nicht, auf was für ein Abenteuer ich mich einließ: die aufregendste, mühsamste und unglaublichste Zeit meines Lebens! Und auch heute noch könnte ich die Anfänge nicht besser schildern, als damals in den ersten Posts auf der Seite „Schlachthaus der Lipizzaner“:
Post 1
Folgendes passierte mir in meinem Urlaub in Frankreich vor drei Wochen: ich besuchte meine Freundin Heidi, die vor kurzem auf ein Lipizzanergestüt in der Nähe von Toulouse gezogen ist. Als ich beim Kaffee auf ihrer Terrasse die wunderschönen Pferde um uns herum bewunderte, sagte sie wortwörtlich: diese Tiere gehen in zwei Wochen alle zum Schlachter, das Gestüt ist pleite und die Pferde sind so gut wie tot, ca. 250 Lipizzaner und 50 andere. Mein Urlaub war schlagartig beendet! Lipizzaner stehen auf der Roten Liste, gibt es weltweit mehr als 4.000 Stück davon? Ich war mir nicht sicher. Bilder gingen mir durch den Kopf von den Auftritten mit unserer Horus-Falknerei auf dem Gestüt Lipica, von den Besuchen der Wiener Hofreitschule und, und, und.
Ein gekörter Piberhengst schaute zu uns herüber – wir kennen so viele Leute, da musste es doch einen Weg geben! Der Abend unseres Wiedersehens endete am Computer und am Telefon …
Post 2
Tragende Stuten, gekörte Hengste, spielende Fohlen – alle ins Schlachthaus? NEIN!
Drei Tage später hatte ich einen Interessenten für 80 Lipizzaner und ein langes Gespräch mit dem Inhaber der Anlage, immer begleitet und gedolmetscht von Heidi, denn mein Französisch steckt noch in den Anfängen. Folgendes ließ sich aushandeln: mit dem Verkauf der ersten 80 Lipizzaner wäre es möglich, alle Pferde bis April durchzufüttern, statt sie sofort zum Schlachter zu bringen. Damit ergibt sich die Chance, innerhalb der nächsten fünf Monate Käufer für die restlichen Tiere zu finden …
1 Zwei die sich gefunden haben: Klaudia und Uggy
2 Stuten mit Fohlen
2 Stuten mit Fohlen
4 Das Zentrum der Anlage mit Reithalle, Stallungen, Büro
Post 3
HEUTE (12. November 2014) wurde der Verkauf bestätigt. PUH, die ersten 80 Pferde sind in Sicherheit! Ein guter Beginn. Damit es gut weitergeht, brauchen wir so viel Unterstützung wie möglich. Bitte teilt diese Seite so oft wie möglich und helft uns, bis April möglichst alle Lipizzaner vor dem Schlachthaus zu bewahren.
Post 4
Wie geht es jetzt weiter?
Bis Dezember kommen alle Pferde rein. Die perfekte Gelegenheit, jedes Tier zu fotografieren, die Chipnummer einzulesen und den dazugehörigen Pass abzulichten, sowie zu impfen, zu entwurmen usw. Nach und nach werden wir dann alle Pferde hier einzeln vorstellen und wenn möglich vermitteln. Ja, das ist viel Arbeit und auch ja, ich habe tatsächlich die Hoffnung, dass nicht eins dieser weißen Geschöpfe sinnlos sterben muss …
Rückblickend darf ich sagen, das war blanker Größenwahn und die Diagnose: Klaudia, Du spinnst! wurde ein geflügeltes Wort unter meinen Freunden und Bekannten … Schlachthaus der Lipizzaner – wie kommt man bloß auf so einen Titel?
Aus der Not heraus, aus Verzweiflung, aus Taktik oder einfach, weil es der Realität am nächsten kam? Wohl von allem etwas. Viel Zeit zum Nachdenken blieb tatsächlich nicht, denn bald rief meine Arbeit und diesmal ging es für einen Auftrag zwei Monate in die Emirate. Dank Wlan und freier Zeiteinteilung hatte ich die Möglichkeit, von dort aus die Seite zu betreuen, gefühlte 100.000 Fotos auszuwerten, Hengstlinien zu posten und den Verkauf der ersten 80 Pferde in trockene Tücher zu bringen. Ohne diesen Kauf hätten wir keine Chance zur Vermittlung der restlichen Tiere erhalten. Ein Anfang war gemacht und mit Heidi auf dem Gestüt und mir am PC gelangten die ersten Lipizzaner von den weißen Elfen in eine neue Heimat. Mein Gott, aber so viele Pferde waren noch dort!
Bald schon war Weihnachten vorbei. Zurück auf dem Gestüt erwartete mich der komplizierteste Teil der Aktion, die Katalogisierung der Pferde. Stapelweise Papiere mussten den richtigen Tieren zu sortiert werden, jedes Pferd erhielt online ein eigenes Album, Reservierungen und Vermittlungen mussten täglich aktualisiert werden – ein Fass ohne Boden. Und die Zeit zerrann uns unter den Fingern wie Sand …
Ohne eine social media Seite hätte diese Aktion keine Chance gehabt: 1.000 likes – 3.000 – 5.000 … die Elfengemeinde, wie wir uns aufgrund des Gestütsnamens bezeichneten, wurde größer und größer.
Unglaublich, was diese Gemeinschaft für einen Sog entwickelte. 200-300 Nachrichten pro Tag erreichten uns auf allen möglichen und unmöglichen Kommunikationswegen.
Ein vermitteltes Pferd pro Tag – der Tages-Elf – war das erklärte Ziel und wurde über Monate realisiert.
Mehr als 10.000 Menschen verfolgten, teilten und unterstützten schließlich unsere Aktion LANG LEBEN ALLE ELFEN. Und das tun sie jetzt! Alle Pferde haben ein neues zu Hause gefunden. Für mich ist und bleibt es ein Wunder, was damals geschehen ist, nicht mehr und nicht weniger.
Mein aufrichtiger Dank, mein Respekt und meine Hochachtung gehen an diejenigen, von denen dieses Buch erzählt, an die Käufer, Besitzer und Liebhaber der Lipizzaner von den weißen Elfen aus Réalville.
LANG LEBEN ALLE ELFEN!
BanzaÏ Favory Ode
von Anna Laura H aus Schleswig-Holstein
Seitdem ich denken kann, verbrachte ich jede freie Minute mit Pferden. Mit fünfzehn Jahren bekam ich ein erstes eigenes Pony geschenkt. Sein Name war „Edina“ und eine Versicherung auf vier Beinen - nie böswillig und immer auf den Reiter, mich, bedacht. Unsere gemeinsame Zeit währte jedoch nicht lange. Nach nicht mal einem Jahr verunglückte sie bei einem Ausritt mit meiner Reitbeteiligung, die sich an ihrem Geburtstag einen Ausritt so sehr wünschte, dass ich ihr diesen zusagte. „Edina“, meinem Pony, ging es an diesem Tag nicht so gut, es war stickig, denn an den Tagen zuvor hatte es stark geregnet. Mit ihren zweiundzwanzig Jahren litt sie an Atemproblemen, die sich auf das Wetter zurückführen ließen. Meine damals ältere Reitbeteiligung versprach, sie nur im Schritt auszureiten und ich dachte - Bewegung täte meiner Kleinen gut. Nur hätte ich auf mein Gefühl hören sollen – es sagte mir, dass etwas Schlimmes an genau diesem Tag passieren würde.
Insofern ließ ich mein Handy nicht aus den Augen und sprach mit meiner Mutter über das eigenartige Gefühl. Damals dachte ich, mich eigentlich nur „anzustellen“... Doch wie sollte es anders sein, das Handy klingelte und mir wurde mitgeteilt, dass „Edina“, meine Stute, einen Unfall gehabt habe. Es sei nicht schlimm, sagte man mir, sie würde nur nicht mehr weiter gehen wollen. Sofort machte ich mich auf den Weg und fand sie wie aus Geisterhand in dem großen, mir unbekannten Wald. Als ich dort ankam, lag sie schon auf dem Boden und ich konnte nichts anderes tun, als sie in den letzten Minuten zu beruhigen und bei ihr zu sein. Nach kurzer Zeit zeigte sie keine Reflexe mehr. Für mich ging eine Welt unter.
Später stellte sich heraus, dass meine Reitbeteiligung ein Wettrennen mit anderen Mädchen verabredet hatte und „Edina“ beim Überholen im Gebüsch mit der Brust gegen einen Baumstamm prallte. Ihre Hauptschlagader war geplatzt und sie verblutete innerlich. Bei einem späteren Telefonat mit dem Vater meiner Reitbeteiligung erzählte der, seine Tochter habe aber zum Glück noch ein bisschen Geburtstag weiter feiern können an dem Tag... Das genau war für mich der Punkt, an dem ich das Vertrauen in die Welt der Reiter verloren hatte: Ich wollte nie wieder aufs Pferd. Ich brauchte lange, um dieses Unglück zu verstehen. Oft dachte ich, was ich hätte anders machen können. Warum hatte ich nicht auf meine innere Stimme gehört?
1 Die Beziehung die man zueinander hat, kann man oft nicht beschreiben, man muss sie fühlen. Ich habe ihn mir nicht ausgesucht, wir haben uns gefunden.
3 Ein Quatschkopf ist er auch
Es brauchte einige Zeit und einen Reitstallwechsel, bis ich dann doch wieder Vertrauen aufbauen konnte. Durch meine damalige Reitlehrerin, die einfach nicht locker ließ, traute ich mich wieder aufs Pferd: „Abasco“ sein Name. Ich sagte immer, er sei zu langsam für das „T“ vorweg und zu meinem Vater meinte ich damals, „Abasco“ sei ein Pferd, das ich niemals kaufen würde. Und - was soll ich sagen: Nicht einmal ein Jahr später haben wir ihn gekauft. Von nun an wurde er nur noch „Bobby“ gerufen. „Bobby“ war ein Familienpferd durch und durch. Er war ein Pferd mit einem Herz aus Gold, immer gut gelaunt und gutmütig. Man musste ihn einfach lieben.
Im Januar 2013 verlor ich auch ihn durch ein Unglück. Die Pferde standen auf dem Paddock und machten sich schon bereit für die abendliche Boxenruhe. Ich war gerade mit meinem Freund und unserem Hund in der Nähe des Stalls spazieren, als Böller gezündet wurden. Die Pferde erschraken daraufhin und „Bobby“ bekam ein Tritt an der rechten Schulter ab. Innerhalb von zehn Minuten lief die Schulter basketballgroß voll mit Blut und sein rechtes Vorderbein war nicht mehr kontrollierbar. Nach einem zweistündigen Kampf - er durfte sich nicht hinlegen - kam endlich der Tierarzt und erlöste meinen tapferen Helden, der schon triefend nass geschwitzt war. Ja es war eine Erlösung für ihn und für mich.
Nun, ich verstand die Welt nicht mehr. Jeder, der dieses Hobby betreibt weiß, dass man seinen Freund irgendwann gehen lassen muss, aber ich verspürte nur noch Ungerechtigkeit. Hatte ich nicht immer alles getan, dass es meinen Pferden an nichts fehlte? Warum nur mussten sie auf diese unnatürliche Art von mir gehen.
In der Zeit danach tauchte oft die Frage auf, ob ich gern wieder ein neues Pferd haben würde. „Eigentlich ja“, antwortete ich. Doch tief in meinem Inneren musste ich das Erlebte erst mal verarbeiten. Wie könnte ich mir noch ein Pferd anschaffen, wo doch scheinbar das Pech an mir haftete? Und wer sagt mir, dass nicht das dritte Pferd auch wieder genauso von mir gehen würde?
Mit der Zeit wurde ich mehr und mehr unzufrieden. Ich kümmerte mich zwar um andere Pferde aus dem Stall, aber das erfüllte mich nicht. Deshalb schaute ich hin und wieder in den Pferdeanzeigen nach, ob etwas Passendes dabei wäre. Doch auch zeitlich hatte sich mein Leben verändert. Meinen Oldenburger „Bobby“ musste ich zwölfjährig in Rente schicken und auch ein Rentner kostet viel Geld. Was wäre, wenn ich wieder ein Pferd kaufte und es auch so früh in die Rente ginge? Ich konnte mich nicht durchringen. Ich habe mir auch ein paar Pferde angeschaut, doch keines konnte meine Zweifel beheben.
Doch an einem Abend, ich lag gerade auf dem Sofa, entdeckte ich zufällig das „Schlachthaus der Lipizzaner“. Ich war ziemlich aufgeregt und sprach mit meinem Freund darüber. Da wir einige Zeit in Südfrankreich gelebt haben, sagte er mir, ich solle doch dorthin fliegen und wenn alles nicht meinen Vorstellungen entspräche, dann hätte ich wenigstens ein schönes Wochenende in unserer alten Heimat gehabt. Das reichte mir an Motivation, um sofort anzurufen. Am nächsten Tag buchte ich die Flüge für das nächste Wochenende.
Zu dem Zeitpunkt gab es noch keine Erfahrungsberichte und – ich gebe zu, ich hatte schon ein mulmiges Gefühl. Aber - Augen zu und durch. Als ich am Freitag ankam war es schon dunkel. Am nächsten Tag besichtigte ich die Stallungen. Ich sah Pferde, von denen man sagen kann, dass eines schöner als das andere war. Wie sollte ich mich entscheiden können, welchem Pferd ich ein neues Zuhause geben würde, zumal die Frage mich immer noch beschäftigte, ob ich es nach all dem Erlebten überhaupt wieder könne. Mein Wunsch war es, wieder einen Wallach zu haben. Und natürlich müsste er auch groß genug sein, da ich selbst mit 1,79 m sehr groß bin. Zwei Wallache hatte ich nun zur Auswahl, wobei ich mir den einen auf Grund der Größe nicht mal ansehen wollte. Der erste den ich sah war „Beguin“. „Beguin“ war von der Größe her in Ordnung. Das reichte erst mal, so dass er in die Auswahl kam. Doch den zweiten, den kleineren sollte ich mir auch noch unbedingt ansehen... Ich schaute drei Boxen weiter und was mich dann dort ansah verschlug mir glatt den Atem: Ein freches Gesicht mit rosa Näschen, aufgeweckten Augen und neugierigen Stülplippen. Ich gebe zu, in diesem Moment war es um mich geschehen. Beide Pferde wurden mir vorgeritten, aber eigentlich war die Entscheidung im ersten Moment schon gefallen. Wenn einer mit dürfe, dann Banzaï. Er schien zu spüren, dass er mir gefiel und gab auch alles dafür, dass es so blieb. Wir gingen spazieren, ich bürstete ihn und er biss zum Dank ein Loch in meine Handtasche. Am Abend schickte ich meinem Freund die Bilder von Banzaï und mir selbst per E-Mail. Alles was er sagte, war: „Wenn du so glücklich bist, wie du auf den Bildern wirkst, dann müssen wir ihn mitnehmen! Vergiss die Zeit, vergiss das Geld, wenn er dich glücklich macht, dann nehmen wir ihn in unsere Familie auf !“
Am Sonntagabend flog ich zurück, aber ohne für Banzaï zugesagt zu haben. Ich hatte ihn reserviert und ich glaube, ich brauchte einfach noch eine kurz Zeit für mich, um für ihn wirklich bereit zu sein. Eigentlich hätte ich sofort zusagen können, aber manchmal fehlt einem irgendwie der letzte Ruck...
Doch schließlich überwiesen wir das Geld und der Transport wurde organisiert. Ich fragte mich dann, was man noch tun könne für all diese anderen Pferde, die noch kein Zuhause gefunden hatten. Und so entstand der Elfenhain. Der Elfenhain sollte eine öffentliche Gruppe sein für Fragen und Ängste, denn nicht jeder traut sich so leicht, aufgrund einer Facebook Seite eine Reise auf sich zu nehmen. Also teilten wir Erfahrungsberichte, und ich versuchte alle Fragen zu beantworten, die mir gestellt wurden. Ich berichtete über Pferde, die ich gesehen hatte und teilte meine Einschätzung dazu mit. Nach und nach gesellten sich immer mehr Interessierte dazu, die nur noch, wie ich, den letzten Schubs brauchten. Wie organisiert man den Transport? Wie sieht es mit den Einreisebestimmungen aus? Und je mehr öffentlich erklärt wurde, desto mehr schwand die Angst der anderen Interessierten vor diesem Projekt. Somit entstanden auch erste Bekanntschaften.
Nebenbei wartete ich Tag und Nacht auf den 26.03.2015, an dem „Banzaï“ ankommen sollte. Die Zeit verging einfach nicht. Doch als es endlich soweit war, spürte ich eine große Anspannung. Schließlich hatte ich das Pferd an nur zwei Tagen gesehen und wusste nicht wie es reagieren würde in der neuen Heimat. Vielleicht wäre es krank oder nicht klar im Kopf? Dann stieg „Banzaï“ aus dem Transporter und sah aus wie ein Haufen Elend. Die Wirbelsäule stach heraus und die dürftige Muskulatur vom Anreiten war verschwunden. Man sah in den Gesichtern der Leute große Fragezeichen. Das sollte ein Lipizzaner sein? Für mich war es nicht wichtig, egal! Ich war so glücklich und zufrieden, dass er endlich vor mir stand. Dass es nicht einfach werden würde, wusste ich vorher, aber dass es sich lohne, daran hatte ich nie einen Zweifel!
Wieder einmal wurde in meinem Leben Mut belohnt. Jedes meiner Pferde war anders, doch „Banzaï“ ist ganz anders. Er ist etwas so besonderes, dass ich es nicht mit Worten beschreiben kann. Wer weiß schon, warum er mir geschickt wurde und wer es letztlich war... Aber eines ist ganz sicher, hergeben werde ich ihn niemals mehr. Ich habe das Gefühl, angekommen zu sein und weiß, dass sich der Weg gelohnt hat.
„Banzai“ ist japanisch und bedeutet: Zehntausend Jahre Glück und Freude. Das wünsche ich nicht nur uns, sondern allen Elfen!
LANG LEBEN ALLE ELFEN!
Ezra Favory Perle und Evita (Enclume) Siglavy Allumette
Von Birgit Lübsen aus Norddeutschland
Dieses ist meine Geschichte über die Reise der Lipizzanermädchen Ezra und Evita in ihr neues Leben. Die Geschichte beginnt sehr traurig, aber jede traurige Geschichte hat auch eine schöne Seite. Jedes Ende bedeutet einen Neubeginn. Auch meine Geschichte beweist genau das. Aber seht selber:
Im September 2014 starb meine geliebte Flair mit erst 13 Jahren an den Folgen eines Zwerchfellrisses. Sie war eine kleine Fuchsstute mit westfälischem Brand mit einer Top Abstammung und einem zauberhaften Wesen. 10 Jahre lang war sie Zuchtstute und nun wollte sie endlich mit mir zusammen das Leben kennenlernen. Ich bekam sie nahezu geschenkt, ich ritt sie selber ein, bin so manches Mal unsanft von ihr abgestiegen und habe nie aufgegeben. Sie lernte den Sattel und den Reitplatz zu lieben. Sie liebte mich und ich sie. So manchen Tag stand sie auf ihrer Weide an meinem roten Weidetor und wartete auf mich. Sie wollte für mich arbeiten und sie liebte es, mit mir die Welt zu entdecken. An unserem letzten gemeinsamen Tag fuhr ich mit ihr zum Training, sie brach unter mir zusammen und wurde später in der Klinik not-eingeschläfert. Es war unfassbar. Ich war zwei Wochen krank, schwer traumatisiert und todtraurig. Dass ich nichts verkehrt gemacht hätte, nichts übersehen hätte, wie mir die behandelnde Tierärztin versicherte, hat mich gar nicht getröstet. Der Schmerz war so groß und so einnehmend und ähnlich wie der Schmerz nach dem Tod meines Mannes. Die Lücke, die Flairs Tod hinterließ, war nicht zu schließen. Um den Schmerz aushalten zu können, suchte ich im Internet die Verkaufsanzeigen für Pferde durch, aber natürlich war keines der Pferde wie meine Flair und keines kam für mich in Frage. Also beschloss ich, dass ich mich auf meine kleine Nala und den blutjungen Carbid konzentrieren wollte.
Meine kleine Nala war nicht begeistert davon, dass sie nun meine erste Wahl sein würde, denn sie hatte bereits seit langem überhaupt keine Lust mehr, ein Reitpferd zu sein. Sie stemmte die Hufe in den Boden und blieb stehen, wenn ich mit ihr zum Reitplatz gehen wollte, und ließ sich durch nichts davon überzeugen mitzuarbeiten. Sie war komplett „sauer geritten“, aber unter Anleitung. Ich hatte viel Geld in ausgezeichnete Trainer investiert, und hatte trotzdem damit bei ihr genau diesen Zustand erreicht. Aber ich gab nichtauf. Ich gebe schließlich nie auf. Auf der Suche nach der Lösung der Frage: „Wie motiviere ich mein Pferd?“ stöberte ich also wieder einmal das Internet durch. Was kann ich tun und wer kann mir dabei helfen? Und dann fand ich sie: „Tanzende Hufe, nicht flüstern, zuhören“, Corinna Scholz! Und sie bietet Kurse in „Motivation für Pferde“ an. Klasse, das war es. Ich rief sie an und wir unterhielten uns angeregt. Es war ein sehr sympathisches Gespräch mit einer mir völlig unbekannten Frau und mein Gefühl sagte mir: „Das ist die Lösung für die kleine Nala.“ Corinna würde sogar in meiner Nähe hin und wieder Kurse geben. Bis zum Frühjahr wollte ich warten und dann sollte es los gehen. Beim weiteren Stöbern auf ihrer Internetseite fand ich schließlich einen Link zur Facebook- Seite „Schlachthaus der Lipizzaner“. Der Name war scheußlich, es schnürte sich alles in mir zusammen. Eigentlich öffne ich nichts im Internet, was „schrecklich“ sein könnte, reiner Selbstschutz, aber diese Seite habe ich geöffnet. Ich wusste damals noch nicht, dass ich von diesem Zeitpunkt an auf ewig von einer besonderen Magie gefangen sein würde!
Im November 2014 begann das Zeitalter der „weißen Elfen“.
1 Ezra im Frühling 2016
2 Ezra und Evita kurz nach ihrer Ankunft im Februar 2015
3 Evita im Frühling 2016
Ich stöberte die Seite durch und war entsetzt. So viele Pferde sollten geschlachtet werden? Fohlen, Jungpferde, gesunde edle Pferde. Das durfte nicht sein! Es wurde ein insolventes Lipizzaner-Gestüt in Südfrankreich in der Nähe von Toulouse beschrieben. Es lag ganze 1500 km entfernt von mir und schien für mich unerreichbar, oder vielleicht doch nicht so unerreichbar? Das drohende Schicksal dieser Pferde, nämlich der Schlachthof, ließ mich nicht los. In Deutschland gibt es so viele Pferde, die ein Zuhause suchen, und doch hatte ich nur noch diese Lipizzaner im Kopf. Immer wieder ging ich auf diese Seite, sie hielt mich gefangen.
Die Informationen im „Schlachthaus der Lipizzaner“ wurden im Laufe der Zeit immer konkreter, Telefonnummern erschienen, immer mehr Bilder dieser wunderschönen Tiere wurden eingestellt. Alle diese wunderschönen Tiere hatten Namen, wurden greifbar, schienen mit mir zu sprechen. Die Augen blickten so hoffnungslos und traurig. Sie schienen nicht zu verstehen, was mit ihnen passiert. Ich dachte so oft an Carbid, mein selbstgezogenes Pferd, dass direkt in meine Arme geboren wurde und immer wusste, dass ihm nichts Böses geschehen würde.
Ich fing an, die Verkaufspferde auf meinem Facebook-Profil zu teilen und verlor einige Freunde, die „nicht nur Pferdebilder sehen wollten“. Es war mir völlig egal, auf solche Freunde konnte ich gut verzichten. Schließlich konnte ich auf diese Weise vielleicht einen kleinen Teil zur Rettung der Lipizzaner beitragen.
Ich überlegte Tag und Nacht, ich grübelte. Mensch, ich hatte doch bereits vier eigene Pferde, die Zeit und Geld kosteten. Die beiden Rentner Lucy und Orla, die auch meine Liebe brauchten. Carbid, der vor seiner Ausbildung stand, und Nala, die mir Sorgen bereitete. Wie sollte ich dazu noch ein weiteres Fohlen schaffen? Ja, ein Fohlen sollte es sein, das stand fest, denn die Fohlen hatten die schlechtesten Chancen, vermittelt zu werden. Denn wer kauft ein Fohlen um für drei bis vier Jahre nur Unkosten zu haben? Und mit dieser Erkenntnis stand für mich endlich fest, jedenfalls eines dieser Tiere zu retten. Ich wollte mit meinem Anhänger dorthin fahren und ein Fohlen kaufen. Was hätte mein Mann wohl zu dieser Idee gesagt? Er hätte mich für verrückt erklärt, aber er hätte es akzeptiert und mich ganz sicher unterstützt. Sicher hätte er mir auch Mut gemacht, selber dorthin zu fahren, er wäre mitgefahren. Ich fühlte förmlich seine Unterstützung. „Mach es, Schatz“, fühlte ich ihn sagen, „Du schaffst das und dafür bin ich stolz auf Dich!“ Ich beriet mich mit meinen Eltern, denn sie kümmern sich schließlich um meine Vierbeiner, wenn ich außer Haus bin. „Mach es“, sagte mein Vater. Ich dachte, ich höre nicht richtig. „Fahr los und hol gleich zwei Fohlen, dann können sie zu zweit aufwachsen“, sagte er,„oder gehen auch drei in Deinen Anhänger? Und wenn Du ihnen nicht gerecht werden kannst, dann suchst Du anschließend für sie ein gutes Zuhause“.
Er hatte Recht! Ich rief die angegebene Nummer an und eine Frau beantwortete freundlich auf Deutsch alle meine Fragen. Ja, ich wäre herzlich willkommen und könnte dort auch kostenfrei wohnen. Es wären noch so viele Fohlen da, dass sie befürchtete, dass sie nicht alle oder sogar alle kein Zuhause mehr finden würden. „Wer nimmt denn ein Fohlen“, klagte sie. Mich schauderte, allein der Gedanke an die ungewisse Zukunft der unbekannten Kleinen schnürte mir die Kehle zu. Ich dachte an den kleinen Carbid, der so sorglos und unbeschwert bei mir aufwachsen durfte, und dann diese vielen kleinen Lipizzanerkinder ohne Zukunft. Wir machten den Termin ab und ich konnte es kaum erwarten, dass es endlich los ging. Aber als der Termin näher kam, bekam ich Panik. Was, wenn sie auf dem Transport Probleme machen würden? Würde ich das bewältigen können? Und diese lange Tour. Ich sagte ab und war total enttäuscht über meine Feigheit.
Immer mehr Fotos erschienen auf der Facebook- Seite und erste Meldungen über die Ankunft von Lipizzanern in Deutschland wurden gepostet. Die Unruhe in mir wurde immer stärker. Ich wollte unbedingt zwei Fohlen retten. Im Januar 2015 schließlich rief ich diese freundliche Frau ein weiteres Mal an und bat sie, mir 2 E-Fohlen aus dem Jahrgang 2014 auszusuchen, die von der Abstammung her wahrscheinlich ein höheres Stockmaß bekommen würden (für meine langen Beine). Kurze Zeit später hielt ich endlich die Fotos meiner Elfen in den Händen. Ich durfte wählen zwischen Étoile, Ezra und Enclume. Die Wahl war nicht einfach und schließlich musste Étoile in Frankreich bleiben. Es tat mir so leid um Étoile, gedanklich bat ich sie um Verzeihung, aber drei Fohlen hätten meine finanziellen und zeitlichen Möglichkeiten nun wirklich überschritten. Ich zahlte meine Pferdchen und rief anschließend einen Transporteur an und buchte zwei Transportplätze auf einem Sammeltransport. Was wäre wohl geschehen, wenn ich selber nach Südfrankreich gefahren wäre, zwei Fohlen ausgesucht hätte und so viele andere Fohlen hätte dort lassen müssen? Es hätte mich sicherlich innerlich zerrissen. Vielleicht war das der wahre Grund dafür, dass ich meine Tour abgesagt hatte?
Ab da habe ich gewartet und gewartet. Jeden Tag dachte ich an meine beiden Elfen, in Gedanken sprach ich zu ihnen: „Habt keine Angst, Ihr seid in Sicherheit.“ Ich hoffte sehr, dass sie meine Gedanken spüren würden. Und dann kam die erste Meldung: Die Pferde sind bereits transportbereit. Oh Mann, war ich aufgeregt. An Arbeiten war gar nicht mehr zu denken. Am 18. Februar 2015 rief der Transporteur an: „Wir sind unterwegs, morgen Mittag bin ich da und brauche Hilfe beim Abladen.“
Ich hatte bereits einen Plan: Der LKW sollte rückwärts an meinen Stall fahren, die Fohlen würde ich in eine Box lassen, meine beiden separiert, die anderen wieder aufladen und fertig! Ganz einfach! Meine Freundin und ihren Angestellten hatte ich um Hilfe gebeten und alles schien klar zu sein. Aber es sollte anders kommen.
Am 19.02.2015 hatte ich Urlaub. Der Tag sollte nur den Lipizzanerfohlen gehören. Ich hatte die Fotos und die Chipnummern ausgedruckt und Möhren, Halfter und Fotoapparat bereit gelegt. Meine Mutter sollte die Ankunft fotografieren. Die Box war fertig, sie konnten kommen. Gegen Mittag lief ich an der Straße auf und ab. Ich war so aufgeregt und dann sah ich den LKW des Transporteurs in die Straße einbiegen.
Meine Güte, war der riesig. Ich stand an der Straße und winkte ihn auf den Hof, aber der LKW blieb an der Ausweiche unserer schmalen Straße stehen und der Fahrer stellte den Motor ab. Er stieg aus und nach der Begrüßung rückte er seine Schirmmütze zurecht und schüttelte den Kopf: „Hier komme ich nicht mit dem LKW hinein.“ Eigentlich wusste ich das schon, als ich die Ausmaße des Fahrzeugs gesehen habe, aber ich wollte das nicht wahr haben. Auf der Ladefläche sechs freilaufende Wildpferdchen und zwei davon waren meine, aber wie bekomme ich sie aussortiert? Meine Freundin kam auf den Hof gefahren, auch sie erkannte das Problem sofort. Und meine Nachbarn kamen zu Hilfe und suchten mit uns zusammen nach einer Lösung. Den sportlichen Vorschlag des Fahrers, den 2-jährigen DJ an das Halfter zu nehmen, um ihm die fünf Fohlen über die Straße und über meinen Hof in die Box folgen zu lassen, schmetterte ich sogleich ab. „Lasso werfen kann ich nicht, falls das nicht funktionieren sollte“, war meine Antwort. Ich sah in meinen Gedanken bereits fünf Lipizzanerfohlen mit wehenden Mähnen und flatterten Schweifen frei über die grünen Wiesen der Wesermarsch galoppieren. Der Fahrer war nicht aus der Ruhe zu bringen. Nach eingehender Beratung beschlossen wir, gemeinsam zu dem benachbarten Landwirt zu fahren, um dort eine Lösung zu finden. Die Hoffläche dort war groß genug für den LKW, es gab dort ausreichend Nebengebäude und vielleicht und hoffentlich würden wir dort eine Gelegenheit zum Umladen finden. Ich spannte meinen Anhänger an, nahm die Mittelwand heraus und fuhr dem LKW voraus zum benachbarten Landwirt. „Dorf ist klasse“, jeder hilft jedem und jeder ist für jegliche Art der Abwechslung dankbar. So auch der Landwirt. Und da stand auch schon die Lösung unseres Problems: ein Viehtreibewagen. Der Fahrer fuhr seinen gigantischen LKW rückwärts an den Treibewagen und stellte den Motor ab. „So, dann wollen wir mal“, sagte er, stieg aus und öffnete die Laderampe in den Treibewagen hinein. Da standen sechs schmutzige, struppige, viel zu dünne und verschreckte Lipizzanerchen (unsere heutigen Elfen), wie angenagelt auf der Ladefläche und blinzelten in die Mittagssonne, hilfe- und schutzsuchend eng aneinander gedrückt. Mit steifen Beinen staksten sie vom Lkw, immer eng aneinander gedrückt. DJ, Elfi, Enclume, Ezra, Eudes und Enclas. So klein und so zart wie sie waren, hätte ich sie am liebsten alle behalten und ihnen den Schutz gegeben, den sie suchten. Aber nur zwei von ihnen durften bleiben. Anhand meiner Fotos traf ich die Vorauswahl, der Fahrer nahm das Lesegerät und ich den Farbstift. Erst bekam Ezra einen roten Strich auf den Po und danach Enclume. Vorsichtig schickten wir die anderen Fohlen zurück auf die Ladefläche. Aber sie regten sich nicht auf, sie ertrugen auch diese Prozedur. „Alles Gute für Euch und ein wunderschönes neues Leben“, wünschte ich jedem von ihnen in Gedanken, als der Fahrer die Laderampe wieder schloss. Ich fuhr meinen Anhänger rückwärts an den Treibewagen und meine Fohlen stiegen ohne Schwierigkeiten ein. Fünf Minuten später stand mein Anhänger rückwärts vor der Stalltür und acht Pferde donnerten ihren Willkommensgruß lautstark durch den Stall. Als meine Fohlen endlich zusammen ihre riesige gemeinsame Box bezogen, wo frisches duftendes Heu, eine dicke Schicht Stroh und frisches Wasser auf sie wartete, wussten sie, dass sie nun endgültig zu Hause sind.
Enclume heißt heute Evita, sie ist eine zauberhafte und aufgeschlossene junge Stute, die mit ihrem Charme jeden um den Finger wickelt. Es ist das erste Mal, dass ich ein Pferd umbenannt habe, aber wenn man weiß, dass das französische „Enclume“ auf Deutsch„Amboss“ heißt, sollte klar sein, dass dieser Name für so ein Pferd nicht passen kann. Ezra hat ihren Namen behalten, sie ist die jüngere von beiden; sie ist selbstbewusst, ernsthaft und abwartend. Wer sie auf seine Seite ziehen kann, wird eine Freundin für das ganze Leben bekommen.
Die Geschichte ist noch nicht ganz zu Ende: Auch Étoile hat ein Zuhause gefunden.
Gut zwei Wochen später fand der Lehrgang von Corinna Scholz im nahe gelegenen Tarmstedt statt: „Motivation für Pferde“, für den ich mich angemeldet hatte. Zusammen mit meiner Nichte und der kleinen Fuchsstute Nala fuhr ich also nach Tarmstedt. Corinna hat bei Nala innerhalb von 1,5 Std. einen Schalter umgelegt. Sie begann, Spaß am Training zu finden und arbeitete hochmotiviert mit. So kannte ich die kleine Fuchsstute gar nicht. Es war wunderschön, sie so erleben zu dürfen. Ich freute mich über jeden Bocksprung, den sie unter mir vor Vergnügen machte. In der Mittagspause kamen einige Besucher zum Zuschauen, und ich nahm die Gesprächsfetzen „Elfen-Lipizzaner-Schlachthaus…“ auf. Meine Nichte hatte wohl mehr mitbekommen, denn sie antwortete: „Ach, die weißen Elfen kenne ich auch, unsere beiden sind nun schon gut zwei Wochen bei uns.“ Das gab eine Reaktion, die ich nicht vergessen werde. Karin war so aufgeregt, sie wollte auch Elfen retten und hatte Sorge, dass es ein Betrugsversuch sein könnte. Ob denn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, ob die Pferde in Ordnung gewesen wären, wie ich den Transport geregelt hätte… Fragen über Fragen, die ich begeistert beantwortet habe. Wieder eine Chance für einige Pferde. Karin und eine Freundin von ihr haben wenig später zusammen weitere zwei Elfen gerettet. Ja, die Welt ist klein! Nala habe ich ihre Motivation Dank der Trainer vom „Polderhof“ und Christiane von „Pferdeausbildung mit Spass“ erhalten können. Wo ich nun Christiane aufgegabelt habe, wollt Ihr wissen? Auch Christiane hat eine wunderschöne junge Lipizzanerstute gerettet, die 4-jährige Blanche. Elfenretter verbindet diese besondere Magie, sie suchen und sie finden sich. So auch Christiane und ich. Aus einer Pferderettung ist eine wunderschöne Freundschaft entstanden.
Ulrike wohnt in meiner Nähe in der Wesermarsch, aber ich hatte sie nie kennengelernt. Sie schrieb mich per Facebook an und fragte, ob sie meine Lipizzaner ansehen dürfte. Natürlich durfte sie! Heute wohnt Cabotin Favory Elfes bei ihr. Auch er brauchte sein junges Leben nicht lassen und darf nun unbeschwert bei guter Pflege erwachsen werden. Meine Flair können die beiden Lipizzanerfohlen natürlich nicht ersetzen, aber die große Lücke, die ihr Verlust hinterlassen hat, ist nun geschlossen. Ihr Tod hatte auch eine großartige Seite, so kann ich ihn heute akzeptieren.
Viele unglaublich freundliche, niveauvolle, sympathische und pferdeverrückte Menschen habe ich durch diese Aktion kennen lernen dürfen. Ich habe viele kleine Wunder und das riesengroße Wunder, dass alle fast 400 Pferde vermittelt wurden, erleben dürfen. Auch erlebe ich heute noch den enormen Zusammenhalt zwischen Menschen, die sich im Leben außerhalb Facebooks bislang nicht persönlich kennenlernen konnten. Aber auch weitere reale neue Freunde sind in mein Leben getreten, wie zum Beispiel Carsten und Britta, die den kleinen Éole gerettet haben. Sie sind fast 300 km gefahren, um sich Evita und Ezra anzusehen und mich beim Training des „Füße Gebens“ zu unterstützen.
Es gab in dieser Zeit bei mir das Gefühl, dass ich vielleicht ein wenig verrückt sein könnte, aber auch das ist die Elfenmagie: Die Erkenntnis, dass ich nicht verrückt bin, sondern – wie die anderen Elfenretter auch – völlig normal.
Das ist der Dank der weißen Elfen!
LANG LEBEN ALLE ELFEN!
Betty Favory Rita
von Simone Escherlor S. v. L., Münsterland
Was ich nicht ahnen konnte, dass dieser Mittagsspaziergang mit unseren fünf Hunden ein ganz Besonderer werden würde, einer, an den ich mich immer wieder gern erinnerte. Es war der 27. April 2015...
Wenn die Hunde trödeln, nicht recht laufen wollen, werfe ich oft einen Blick auf meine Facebook-Seite. Nachsehen, was es Neues gibt in der Hundewelt. Neu war an diesem Tag auch diese Gruppe mit dem Furcht einflößenden Namen „Schlachthaus der Lipizzaner“. Da wird man schon mal neugierig. Und ich kam aus dem Staunen nicht heraus: Sollten doch bis zum Ablauf der „Dead Line“ Ende März alle bis dahin nicht verkauften Pferde zum Schlachter! Darunter gesunde, junge, reinrassige Pferde mit Papieren. Unglaublich! Schnell warf ich einen Blick auf meine Hunde, die sich in der Nähe auf Baumstämmen tummelten und mit sich selbst beschäftigt waren. Ich las weiter, sah, dass scheinbar sehr viele Pferde von diesem Schicksal betroffen waren, auch viele Fohlen. Auf den abgebildeten Fotos schauten sie alle den Betrachter – mich – mit großen Augen fragend an.
Am Abend erzählte ich meinem Mann, vorsichtig abtastend in welche Richtung seine Meinung gehen würde, von dieser Tragödie. Was erwartete ich? Widerstand, leisen Protest vielleicht? Nichts dergleichen. Nicht einmal ansatzweise versuchte er, mir eine aktive Teilnahme an dieser Rettungsaktion auszureden, im Gegenteil. Auch ihn faszinierten die Fotos der Lipizzaner, auch er war angetan von ihrer Schönheit, die selbst noch bei schlechtem Zustand mancher Pferde unverkennbar war.
Mein Test ging noch weiter. Ich versuchte, die Kosten eines Pferdes und dessen Haltung aufzuzeigen, halbherzig zwar, denn mein Entschluss war eigentlich schon auf dem Weg... Dann setzte ich dem ganzen noch die Krone auf und bemerkte - mehr für mich selbst als für meinen Mann - eigentlich „keine Ahnung“ mehr von Pferden zu haben. Ok, früher, ja früher bin ich viel geritten, beschwichtigte ich, ein paar Reitstunden hier, ein paar Reitstunden dort, das waren Schulpferde, brave, berechenbare Tiere...
Mein Mann lachte nur und völlig unerwartet machte er mir sogar Mut: „Na und“, sagte er,„du bist Hundeprofi, so ganz anders kann’s mit Pferden nicht sein. Und was du nicht weißt, kannst du lernen...“ Ich denke, er war sicher, dass ich meinen noch etwas unausgereiften Entschluss in alle Himmelsrichtungen abwägen würde nach dem Motto: passt ’s oder passt ‘s nicht.
1 Betty mit dem Mann des Hauses
2 Betty und Simone im Glück
3 Betty noch in Frankreich
Aber da war noch etwas, ein wenig blass geworden mit der Zeit aber nicht weg, nie ganz weg: Dieser Kindheitstraum vom eigenen Pferd! Und nicht irgendein Pferd sollte es sein, nein, immer sollte es so sein wie „Nikolaus“, das Pferd des Aschenbrödels aus dem Märchen der Gebrüder Grimm. Sofort hatte ich die Filmmusik im Kopf und sah, wie Aschenbrödel mit ihrem Prinzen über den Schnee galoppierte. Romantik pur, doch gleich wurde es wieder sehr real, als ich das Bild von „Boradeselfes“ im Schlachthaus der Lipizzaner sah, sie war gerade online und wie ich feststellte, noch nicht für einen Verkauf reserviert. Sie war wunderschön, zwar nicht weiß, wie mein Aschenbrödel-Nikolaus, aber ein ganz besonderes Pferd. „Bora“ zeigte sich mit schwarzer Mähne, war eher zierlich, ein Araber-Lipizzaner-Mix, ja und ein Mädchen, jedoch angeritten, immerhin.
Den Rettungsgedanken nahm ich für mich als Aufhänger und Rechtfertigung, um dieses Pferd zu reservieren. Gedacht, getan! Aber wo sollte es hin? In den Garten einer Doppelhaushälfte? Ich war unmittelbar davor, den zweiten vor dem ersten Schritt zu tun, deshalb fuhr nach dem Spaziergang mit den Hunden zu einem Pferdehof, der auf unserem Heimweg lag. Zunächst musste doch wohl die Unterkunft geregelt sein, das ganze Drum und Dran, die tausend Sachen... Und ich hatte Glück. Nach kurzem Gespräch mietete ich in diesem Stall eine wunderschöne Paddock Box und sogar der Preis stimmte.
Kann man von sich selbst überwältigt sein, wenn man so große Dinge schafft, sie so einfach macht? Man kann. Dann schrieb ich meinem Mann: Hab‘ soeben ein Pferd gekauft und den Stall dazu gefunden. Ganz richtig war’s nicht, denn „Bora“ war noch nicht gekauft, eine Woche hatte ich Zeit mit der Anzahlung. Dann kamen mir Bedenken. War’s klug, ein Pferd nur per Bild zu kaufen? Meine Euphorie verblasste ein wenig, denn ich wusste, dass viele Pferdeliebhaber und insofern Käufer vor Ort, also in Frankreich waren, um ihr neues Pferd erst einmal anzusehen.
Wieder war es mein Mann, der sagte: „Dann flieg hin, es ist langes 1. Mai-Wochenende.“ Dieser Gedanke bekam nun augenblicklich Junge und mein Gehirn ratterte: Ich soll allein nach Frankreich fliegen um ein Pferd zu kaufen? Mein Schulenglisch hatte ich fast vergessen und mit den fünf Brocken Französisch käme ich doch wohl nicht so gut klar. Oder doch?
Alles überschlug sich, denn mein Mann war schon im „Netz“ und buchte für mich einen Flug nach Toulouse. Träumte ich gerade? Schöner Traum, höre bitte nicht auf! Doch so peu á peu wurde aus dem Traum Wirklichkeit und – wie soll ich’s sagen – ein Abenteuer. Nach einigem Hin und Her mit der Leihwagenbuchung in Frankreich stand fest, ich fliege nach Toulouse, mit einer Zwischenlandung in Frankfurt, mit über 3.000,00 € Bargeld in der Tasche und der festen Absicht, ein Pferd zu kaufen. Puh, das reichte, um bis zum 1. Mai nicht mehr ruhig schlafen zu können.
Meine gesamte restliche Umwelt erklärte mich für verrückt, aber eigentlich kannten sie mich nicht anders in der Weise, wenn es nur irgendwie um Tiere ging.
Mit mulmigem Gefühl im Magen und klopfendem Herzen brach ich auf zum Flugplatz Münster-Osnabrück... und alles verlief unerwartet, reibungslos, Dank freundlichen Flughafenpersonales, das mir den richtigen Weg zu meinem Gate zeigte. In Toulouse angekommen atmete ich erst mal tief durch. Jetzt noch bitte den Gestütsleiter, der mich abholen sollte da sein lassen, und alles wird gut.
Ein riesiger schwarzer Pick Up brachte mich in rasanter Fahrt zu den Elfen. Und da sah ich es, das Gestüt „Les Elfes Blanc“. Ein riesiges Gelände mit Weiden, Reitplätzen, Ställen, sehr romantisch mit Zypressen und der typischen Hügellandschaft lag wirklich vor mir. Aber alles war unbelebt, ich sah keine Pferde und auch keine Menschen auf dieser riesigen Anlage...Der Gestütsleiter zeigte mir dann meine nächtliche Bleibe in den ehemaligen Unterkünften des Gestütspersonales.
Am nächsten Morgen - endlich - gingen wir in eine Stallgasse, die gar nicht mehr enden wollte. Entlang der Boxen sah ich Reserviert-Schilder mit durchgestrichenen Namen von schon vermittelten Pferden. Und dann stand ihr Name an der Boxentür: Bora, ein zierliches Stütchen schaute mich mit großen Augen an. Und dieses „chen“ war auch recht schnell das Problem. Bora war, um sie irgendwann einmal zu reiten, für mich eigentlich zu klein. Der Gestütsleiter zeigte sofort auf ein anderes Pferd, einen Hengst und meinte, der würde passen. Ein Hengst? Für mich? Das Wort allein ließ mich schon erstarren. Und einen Hengst hätte ich auch nicht in dem Stall unterbringen können, den ich glücklicherweise so schnell gefunden hatte.
Bora sollte trotz meiner Bedenken eine Chance bekommen. Ich bin zwar groß, aber schlank und ich wollte Bora unbedingt in der Halle sehen. Und da mir gesagt wurde sie sei reitbar, wollte ich es wenigstens probiert haben. In der Halle wurde Bora dann immer grösser, wuchs und wuchs – nahm enorme Höhen an. Da sollte ich mich drauf setzen und später zu Hause mit ihr fertig werden? Meine Zuversicht sank in den Keller, ich hatte wahrscheinlich über fünfzehn Jahre nicht auf einem Pferd gesessen. Das war der Zeitpunkt, an dem ich am liebsten losgeheult hätte. Mein Mut hatte mich komplett verlassen, auch das Wissen, früher einmal die! Draufgängerin beim Reiten gewesen zu sein, half hier nicht mehr.
Die nette junge Dame, die mir Bora vorgestellt hatte, versuchte nun, mir in Französisch zu erklären, dass noch andere Pferde da seien, ich hätte doch Zeit und sollte in Ruhe schauen... Ich verstand sie irgendwie und tapste bedröppelt mit Bora in den Stall zurück. Wie sollte ich das nun mit meinem Gewissen vereinbaren? Aber dann fiel mir ein, hey, da waren doch zwei Damen, die sich für Bora interessierten, falls ich sie nicht nehmen sollte. Ich kontaktete sofort mit einer der beiden - und ich weiß nicht mehr, weshalb ich dann Anja auswählte und nicht die andere Dame. Wieder Schicksal, aber so wie ich es im Nachhinein verfolgt habe, genau die richtige Entscheidung. Mir fiel erst einmal ein Stein vom Herzen.
Und nun?
Eines der Fohlen nehmen? Ich traute es mir nicht zu. Und ich war auch ehrlich zu mir, ich war fünfundvierzig Jahre zu dem Zeitpunkt. Noch vier oder sechs Jahre warten, bis dieses kleine Wesen hoffentlich ein gesundes, reitbares Pferdchen geworden ist? Und wie macht man das?
Nein, das war keine Option für mich.
Ansonsten nur Hengste gesehen - auch keine Option.
Dann waren noch da Ucres, eine freundliche, gerittene Stute, auch leider zu klein und „Ogüste
