Schlagworte, die Geschichte machen - Bruno Preisendörfer - E-Book

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Bruno Preisendörfer

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Beschreibung

»Wirtschaftswunder«, »Wohlstand für Alle« und »Zeitenwende« – Wie Parolen Politik machen  Bruno Preisendörfer erzählt 80 Jahre deutsche Geschichte neu. Ob Rentenfrage, Migration, Klimawandel oder Frauenfußball: Mit klugem Witz und erzählerischem Gespür zeigt Preisendörfer, wie die Parolen und Entscheidungen von gestern die Realität von heute formen. Wer hat nicht sofort den Sound von John F. Kennedys legendärem »Ich bin ein Berliner« im Ohr – ein Satz, der wie ein spontanes Bekenntnis wirkte, tatsächlich aber im Büro von Willy Brandt sorgfältig geprobt wurde. Ganz anders: Günter Schabowskis legendäres »sofort, unverzüglich«, das 1989 den Mauerfall einleitete – und Honeckers vollmundige Behauptung, die Mauer werde »in 50 oder 100 Jahren noch stehen«, Lügen strafte. Preisendörfers Buch öffnet überraschende Perspektiven auf bekannte Wendepunkte und dekonstruiert Mythen wie das »Wirtschaftswunder« oder das »Wunder von Bern«. Ein kluges und unterhaltsames Buch – für alle, die Geschichte neu lesen wollen. 

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Seitenzahl: 528

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Bruno Preisendörfer

Schlagworte, die Geschichte machen

Wie Parolen von »Stunde Null« bis »Wir schaffen das« Deutschland veränderten

Kurzübersicht

Buch lesen

Titelseite

Über Bruno Preisendörfer

Über dieses Buch

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

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Über Bruno Preisendörfer

Bruno Preisendörfer ist freischaffender Publizist und Schriftsteller mit eigener Internetzeitschrift (www.fackelkopf.de). Seine beiden Bücher »Als Deutschland noch nicht Deutschland war. Reise in die Goethezeit« und »Als unser Deutsch erfunden wurde. Reise in die Lutherzeit« waren SPIEGELBestseller. Letzteres wurde zudem mit dem NDR-Sachbuchpreis ausgezeichnet.

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Über dieses Buch

»Wirtschaftswunder«, »Wohlstand für alle« und »Zeitenwende« – Bestsellerautor Bruno Preisendörfer erzählt anhand von 15 prägenden Parolen, die wir alle kennen, 80 Jahre deutsche Geschichte neu

Ob Rentenfrage, Migration, Klimawandel oder Frauenfußball: Mit klugem Witz und erzählerischem Gespür zeigt Preisendörfer, wie die Parolen und Entscheidungen von gestern die Realität von heute formen.

Wer hat nicht sofort den Sound von John F. Kennedys legendärem »Ich bin ein Berliner« im Ohr – ein Satz, der wie ein spontanes Bekenntnis wirkte, tatsächlich aber im Büro von Willy Brandt sorgfältig geprobt wurde. Ganz anders: Günter Schabowskis legendäres »sofort, unverzüglich«, das 1989 den Mauerfall einleitete – und Honeckers vollmundige Behauptung, die Mauer werde »in 50 oder 100 Jahren noch stehen«, Lügen strafte. Preisendörfers Buch öffnet überraschende Perspektiven auf bekannte Wendepunkte und dekonstruiert Mythen wie das »Wirtschaftswunder« oder das »Wunder von Bern«. Ein kluges und unterhaltsames Buch – für alle, die Geschichte neu lesen wollen.

»Man (…) bereist so die Geistesgeschichte mit leichtem Gepäck, großem Staunen und, typisch Preisendörfer, mit enormer Leselust.« Süddeutsche Zeitung zu Sätze, die die Welt verändern

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Impressum

Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln

Verlag Galiani Berlin

© 2026, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Lisa Neuhalfen

Lektorat Wolfgang Hörner

 

ISBN978-3-462-31262-1

 

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Inhaltsverzeichnis

Widmung

Persönliches Vorwort

Einleitung

Am Anfang die ›Stunde Null‹

Herbert Zimmermann, 4. Juli 1954

Ludwig Erhard, Oktober 1957

John F. Kennedy, 26. Juni 1963

Willy Brandt, 28. Oktober 1969

Club of Rome, März 1972

Hilmar Hoffmann, März 1979

Erich Honecker, 19. Januar 1989

Michail Gorbatschow, Oktober 1989

Helmut Kohl, 1. Juli 1990

Norbert Blüm, 10. Oktober 1997

Peter Struck, 5. Dezember 2002

Horst Köhler, 21. September 2006

Christian Wulff, 3. Oktober 2010

Angela Merkel, 31. August 2015

Zum Schluss die ›Zeitenwende‹ und ihre Folgen

Anhang

Nachweise

Quellenverzeichnis

Dank

Personenregister

Meiner Frau, der geborenen Halberstädterin

Persönliches Vorwort

Dieses Buch wurde in einer kleinen Mietwohnung in Berlin-Neukölln geschrieben. Unten neben der Haustür ist eine gusseiserne Tafel an die Wand geschraubt. Sie zeigt einen aufgerichteten Bären und die Umschrift: »Aufbauprogramm 1950«. Der Bär ist ›entnazifiziert‹, sozusagen. Das alte krallenzeigende Wappentier war während der Hitlerjahre zum Problembär geworden, zu einem, den man nicht, wie 2006 Problembär Bruno in Bayern, einfach abschießen konnte. Stattdessen gab es 1948 ein Preisausschreiben, dessen Teilnahmebedingungen von den eingereichten Entwürfen forderten: »Das Wappen soll das moderne Empfinden befriedigen«. Es wurde ein Bär ohne Krallen gewählt. Inzwischen hat sich das ›moderne Empfinden‹ empfindlich geändert. Der Aufbaubär aber ist hängengeblieben an der Wand des Mietshauses, das historisch auf Trümmern steht. Nun wird das Areal ›verdichtet‹, wie es im Stadtplanerjargon heißt, um der Wohnungsnot, gegen die schon das alte Mietshaus errichtet worden war, gewissermaßen vorzubauen. Bei der städtischen Wohnungspolitik, und nicht nur bei der in Berlin, ließe sich geradezu von einem neuen ›Aufbauprogramm‹ sprechen, nachdem diese Politik über viele Jahre vernachlässigt wurde. Wie erfolgreich es sein und ob es dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum abhelfen wird, kann sich erst in Zukunft erweisen, wie bei allem, was in der Gegenwart beginnt.

Umgekehrt trifft man bei einer Tour durch die jüngere Vergangenheit, wie sie in den folgenden Kapiteln unternommen wird, auf sachlich-kausale wie auf symbolische und assoziative Zusammenhänge, die einem alternden Menschen, der einiges davon miterlebt hat, den Kopf verdrehen, aber auch vor den Kopf stoßen können. Und man muss nicht als handelnder Mitverursacher ins Geschehen verwickelt gewesen sein, um sich als Zeitgenosse von diesem Geschehen eigenartig berührt, mitunter bedrückt und geradezu umstrickt zu sehen. Um die Zusammenhänge zwischen lebensgeschichtlichen Situationen und den in diesem Buch thematisierten Schlagworten und Sprengsätzen, Verlautbarungen und Parolen zu veranschaulichen, ein paar Beispiele:

Das Jahr 1957, in dem ich in einem mainfränkischen Dorf auf die Welt kam, war das Jahr, in dem der damalige Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard sein Wirtschaftswunderwerk Wohlstand für alle veröffentlichte, wozu ganz gut passte, dass in eben diesem Jahr meine Eltern das von ihnen gerade erbaute Haus bezogen.

 

1957 setzte Konrad Adenauer, nachdem er die Bundestagswahl mit absoluter Mehrheit gewonnen hatte, gegen die Bedenken Ludwig Erhards eine Rentenreform und mit ihr den ›Generationenvertrag‹ durch, der inzwischen, trotz der schrittweisen Erhöhung des ›Regeleintrittsalters‹, brüchig geworden ist und in den kommenden Jahren ganz außer Kraft zu geraten droht. Wird Norbert Blüms viel persifliertes Versprechen, die Renten seien sicher, gültig bleiben?

 

1957 war das Jahr, in dem die Sowjetunion einen Genossen ins All schickte, den Satelliten Sputnik, auf Deutsch eben ›Weggenosse‹. Ich gehöre mithin zur letzten Generation, die vor Beginn der Raumfahrtepoche auf die Welt kam. Der Sputnik löste im Westen einen Schock aus und rief dann eine ›Bildungsoffensive‹ hervor, die Arbeiterkindern wie mir wenigstens einen Teil der Chancen eröffnete, die Horst Köhler, ein Bauernkind, ein halbes Jahrhundert später in einer Bundespräsidentenrede erneut einfordern musste und die heute, weitere zwei Jahrzehnte später, noch immer vielen aus sogenannten ›unterprivilegierten Schichten‹ verschlossen sind.

 

1957 war (vermutlich) das Geburtsjahr von Osama bin Laden, dessen Name nicht nur mich unausweichlich an 9/11 denken lässt, wobei junge Menschen sich des Tagesdatums gewiss, bei der Jahreszahl aber eigenartig unsicher sind, wie es eben zu geschehen pflegt, wenn Ereignisse nicht selbst erinnert, sondern aus der Erinnerung von anderen und älteren übernommen werden. Eine der Folgen des Anschlags von 2001 war Ende 2002 die Behauptung des damaligen Bundesverteidigungsministers Peter Struck, die Sicherheit Deutschlands werde auch am Hindukusch verteidigt. Diese Haltung gehört zur Vorgeschichte des chaotischen Truppenabzugs aus Afghanistan im Jahr 2021. Außerdem dienten Gedankenmuster dieser Art schon in der Zeit des ›Kalten Krieges‹ der militärischen Motivation und politischen Rechtfertigung. Mich wiederum motivierte das, vor einer Kommission meine Verweigerung des ›Kriegsdienstes mit der Waffe‹ grundgesetzkonform mit Gewissensgründen zu rechtfertigen, weil dies nun einmal erforderlich war, obwohl es sich bei meinen tatsächlichen Gründen eher um politische handelte. 1977/78 leistete ich den damals noch achtzehn Monate dauernden Pflichtzivildienst. Heute gibt es nur noch das ›Freiwillige soziale Jahr‹, nachdem 2011 die 1956 eingeführte und ab Frühjahr 1957 umgesetzte Wehrpflicht ausgesetzt wurde. Inzwischen jedoch, nach der von Russlands Angriff auf die Ukraine ausgelösten ›Zeitenwende‹ (nicht nur Olaf Scholz), sind Forderungen nach der Aussetzung dieser Aussetzung laut geworden.

 

1957 war das Jahr der Unterzeichnung der Römischen Verträge, dem Ur-Kontrakt, aus dem sich entwickelte, was wir heute Europäische Union nennen, jenes semi-imperiale Gebilde, das unsere politische, wirtschaftliche und soziale Gegenwart im Wortsinn Maß gebend mitbestimmt und fürderhin noch maß- und gesetzgebender bestimmen wird. Zu den zwischen Frankreich, Deutschland, Italien und den Benelux-Ländern abgeschlossenen Verträgen gehörte Euratom mit der in einer Präambel dokumentierten Entschlossenheit, »die Voraussetzungen für die Entwicklung einer mächtigen Kernenergie zu schaffen, welche die Energieerzeugung erweitert, die Technik modernisiert und auf zahlreichen anderen Gebieten zum Wohlstand ihrer Völker beiträgt«. Nach Jahrzehnten des Versprechens einer Hebung des ›Wohlstands für alle‹ auf internationalem Niveau und nach dem langen Widerstand der Atomkraft-Nein-danke-Bewegung (auch ich hatte in den frühen 1980ern eine Sonnenplakette auf dem Autoheck), wurde als Folge des Reaktorunglücks im japanischen Fukushima 2011 die Energiewende forciert, eine der vielen ›Wenden‹ in der deutsch-deutschen Geschichte seit 1945. Im Gründungsjahr von Euratom 1957 wurde in Garching bei München der erste bundesdeutsche Versuchsreaktor in Betrieb genommen, drei Jahre später das Kernkraftwerk in Kahl am Main (regional geografisch genau gesagt in Großwelzheim), eine Nachbargemeinde meines Geburtsortes. Das Kraftwerk startete als Versuch, der kommerzielle Betrieb fing 1962 an, die Stilllegung erfolgte 1985, der Rückbau begann 1988 und dauerte bis zum vollständigen Abriss aller Gebäude auf dem Gelände bis 2010. Mithin entsprach die Dauer des Rückbaus ungefähr der Betriebsdauer. Im April 2023 stellten die letzten drei deutschen Atomkraftwerke den Betrieb ein. In den anderen Euratomstaaten dagegen, besonders ›nachhaltig‹ in Frankreich, werden neue Kernkraftwerke gebaut, begründet sowohl mit der Klimakrise als auch mit der Energiekrise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine.

 

1957 gab es erste Hinweise auf eine Ausdünnung der Ozonschicht über der Antarktis, was jedoch kaum jemanden interessierte und überhaupt niemanden aufregte. (Zu diesem und dem vorhergehenden Punkt das Kapitel über die vom Club of Rome publizierten Grenzen des Wachstums.)

 

1957 war das Jahr, in dem Willy Brandt Regierender Bürgermeister von West-Berlin[1] wurde, wohin ich 1982 gezogen bin, zehn Jahre nachdem das ›Konstruktive Misstrauensvotum‹ gegen ihn als Kanzler im Bonner Bundestag gescheitert war, dessen Radioübertragung ich als Fünfzehnjähriger im Unterricht einer Realschule verfolgen durfte – oder musste. Nach der Nacht des ›Mauerfalls‹, die ich nicht am Radio und auch nicht vor dem Fernseher erlebte, sondern tatsächlich ›am anderen Ende der Sonnenallee‹, bevor ich am frühen Morgen in die kleine Neuköllner Mietwohnung mit dem Aufbaubären neben der Haustür zurückkehrte, nach dieser legendär gewordenen Berliner Nacht erklärte Brandt, nun müsse zusammenwachsen, was zusammengehöre. Ich konnte nicht ahnen, dass ich viele weitere Jahre später mit der geborenen Halberstädterin ›zusammenwachsen‹ würde, der dieses Buch gewidmet ist. Schon bevor ich meine Frau kennenlernte, hatte ich für das Cage-Projekt in der Halberstädter Burchardi-Kirche eine Stiftertafel erworben und auf ihr die Inschrift eingravieren lassen: »Es wird einmal gewesen sein.« Das trifft für alle Geschichten und die Geschichte insgesamt zu.

Meine persönlichen Geschichten sollen nicht vom eigentlich verfolgten Ziel einer deutschen Problemgeschichte ablenken oder ihr gar von vornherein im Wege stehen. Doch werde ich am Ende eines jeden Kapitels in Sternchentexten auf einige von ihnen zurückkommen. Hier nur noch dies: 1957 wurde – mit wenig Erfolg – auf der Hannover-Messe die erste elektrische Schreibmaschine vorgestellt. Als ich 1974 auf einer kaufmännischen Realschule die Prüfung in Maschineschreiben bestand, waren elektrische Schreibmaschinen im Unterricht nicht zugelassen. 1986 schrieb ich meine germanistische Magisterarbeit dann ›schon‹ auf einer elektronischen Schreibmaschine. Dieses Buch wiederum entstand an einem Computer, geschrieben unter Einsatz natürlicher Intelligenz von meinen zehn Fingern, nicht von einer ›KI‹, die nur so tut, als könne sie von persönlichen Erfahrungen, politischen Erinnerungen und geschichtlichen Problemen erzählen.

Einleitung

Die deutsch-deutsche Geschichte seit 1945 wurde schon oft erzählt und wird noch oft erzählt werden. Die Gegenwart verändert die Vergangenheit, das wird auch in Zukunft so bleiben. Das liegt nicht nur an den sich wandelnden Darstellungsinteressen, sondern auch an den medialen Möglichkeiten, ihnen nachzugehen. So sind zu den ›klassischen‹ historischen Zeugnissen, die aus Akten, Büchern, Denkmalen und Ruinen bestehen, Ton- und Bildaufzeichnungen gekommen, die noch dazu mit wenigen Klicks allen zugänglich sind. Um aber unser ›Bild‹ von vergangenen Ereignissen nicht in naiver Weise im direkten Wortsinn von den Bildern dieser Ereignisse bestimmen zu lassen, ist mediale Quellenkritik unerlässlich, so, wie philologische Quellenkritik bei der Befragung überlieferter Texte notwendig bleibt.

Vergleichbares gilt für die hier thematisierten Sätze, Schlagworte und Parolen mit historischem Langzeitecho. Bei der Beschreibung ihrer Wirkungen und Nachwirkungen ist auf die Zusammenhänge zu achten, in denen sie ursprünglich entstanden sind. Dabei kommt es nicht auf ›Entlarvung‹ an, auch nicht auf das ohnehin aus der Mode gekommene ›Hinterfragen‹, sondern darauf, das Auftreten, das Andauern und mitunter die Unüberwindlichkeit der Schwierigkeiten zu verstehen, auf die sie reagierten. Jedenfalls geht es in diesem Buch um Problemerzählungen, die Problemlösungen hätten im Leben stattzufinden. Das trifft insbesondere auf die in den Kapitelüberschriften annoncierten Themen zu, die nach Zweierschritten in Jahrzehnten durch die deutsch-deutsche Geschichte von der ›Stunde Null‹ zur ›Zeitenwende‹ führen.

Einige dieser Überschriften bieten korrekte Zitate und stehen entsprechend in Anführungszeichen, andere paraphrasieren oder geben Bruchstücke wieder und werden deshalb in einfachen Anführungszeichen präsentiert, wieder andere führen Slogans an, die auf Buchtitel zurückgehen, und sind kursiv gesetzt.

Alle Kapitel sind auf die gesamtdeutsche Gegenwart ausgerichtet, bis 1990 (bei manchen Themen bis heute) in den darstellenden Passagen geteilt in ›Ost‹ und ›West‹, wie es eben den jeweiligen historischen Sachlagen entspricht. Jedenfalls erzählen auch Kapitel mit Überschriften aus westdeutschen oder westlichen Zusammenhängen von den Verhältnissen in der DDR, sei es in sportlicher, wirtschaftlicher, politischer oder kultureller Hinsicht.

Neben den prominent in den Kapitelüberschriften hervorgehobenen Versprechungen und Parolen geht es um weitere legendäre, während ihrer Wanderung durch die deutsch-deutsche Geschichte mehr und mehr verdichtete, manchmal aber auch porös gewordene Metaphern, beispielsweise die längst entzauberte ›Stunde Null‹ oder die sich noch in Anreicherung befindende ›Zeitenwende‹. Die ›Luftbrücke‹ und der ›Eiserne Vorhang‹, um zwei Beispiele aus der unmittelbaren Nachkriegszeit zu nennen, gehören ebenfalls hierher, sowie der ›Mauerfall‹ und Hans-Dietrich Genschers nur wenige Tage davor vom Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag herab den im Garten campierenden dreieinhalbtausend DDR-Flüchtlingen gegebene Ankündigung: »Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …« – der weitere Satz ging im aufbrausenden Jubel unter. Noch heute macht einem die Szene Gänsehaut, wenn man Videos davon anschaut, wie immer man zu den Ereignissen sonst auch stehen mag.

Ein anderes Beispiel ist Greta Thunbergs anklagendes »how dare you« beim UN Klimagipfel 2019, das hier im Kapitel über die Grenzen des Wachstums von 1972 behandelt wird. Der im Auftrag des Club of Rome erstellte Bericht beschäftigte sich hauptsächlich mit der Endlichkeit der Rohstoffreserven, thematisierte aber auch schon das, was unter dem Stichwort ›Klimawandel‹ nun medial allgegenwärtig ist. Heute machen die fossilen Brennstoffe nicht wegen ihrer Endlichkeit Sorgen, sondern wegen ihrer Klimaschädlichkeit, was wiederum dazu führte, dass manche ›Klimaschützer‹, darunter auch Thunberg, sich für eine Renaissance der Atomenergie einsetzen.

Inzwischen haben die Lieferengpässe und Teuerungsspiralen bei Öl und Gas infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine dazu geführt, dass der Mangel an fossilen Brennstoffen und deren Schädlichkeit für das Klima in ein einziges Problem zusammengeschossen sind und beides noch dazu mit der Wohlstandsfrage verknüpft ist – ein exemplarischer Fall dafür, wie vor über fünfzig Jahren prognostizierte Probleme in ganz anderer als der einmal befürchteten Weise bedrohlich geworden sind. Problemkombinationen und -komplikationen wie diese haben Folgen für die Methode, mit der sie thematisiert werden. Während bei Zeitreisen der historische Reiseführer versuchen sollte, das Geschehen aus der Perspektive der Zeitgenossen zu erzählen, sich also, wiederum beispielhaft, unter die dreieinhalbtausend Ausreisewilligen auf dem Gelände der Prager Botschaft zu mischen, kommt es bei einer Problemgeschichte, wie sie hier angestrebt wird, darauf an, die jeweiligen Themen mit Hilfe des heute aktuellen Wissenstands zu behandeln, besonders dann, wenn diese Themen, wie beispielsweise die ›Flüchtlingsfrage‹, zwar historisch, aber in ihrer Problematik eben nicht vergangen, sondern in der Gegenwart weiter (oder wieder) herausfordernd sind. Bei dieser Perspektivierung darf bei der Darstellung auch Wissen zum Tragen kommen, das die Handelnden selbst nicht hatten oder haben konnten. Das schließt, mit abwägender Vorsicht, das Vergleichen ein. Wie wurde, um beim Flüchtlingsthema zu bleiben, in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren ›geschafft‹, was bei der ›Flüchtlingskrise‹ 2015 zu schaffen machte und heute immer noch nicht ›geschafft‹ und vermutlich gar nicht abschließend zu schaffen ist?

Es sei darauf hingewiesen, dass diese Problemgeschichte nicht in Anspruch nimmt, eine deutsch-deutsche Geschichte seit 1945 in ihrer Gesamtheit oder auch nur im Überblick zu bieten. Viele wichtige Themen, darunter die ›Vergangenheitsbewältigung‹ (einschließlich des Kohl-Slogans von der ›Gnade der späten Geburt‹, erstmals 1983), die ›Frauenemanzipation‹ (einschließlich Alice Schwarzers Der kleine Unterschied und seine großen Folgen von 1975), die Entwicklung der Gewerkschaften, der Parteien, des Justizwesens und der Medien werden nicht zusammenhängend, sondern lediglich ›mitlaufend‹ behandelt oder kommen überhaupt nur anekdotisch vor.

Durch die hier gewählte Art der Darstellung entstehen Rückkoppelungseffekte, die mit einer streng chronologischen Darstellung nicht zu erreichen wären. Diese Effekte wirken aufmerksamkeitsschärfend, wenn sie auch – zum Glück – nicht immer so verstörend sind wie im Fall der ukrainischen Frauen, die mit Kindern und ohne Männer nach dem russischen Angriff in Berlin Schutz suchten, in eben jener Stadt, die drei Generationen zuvor von der Roten Armee erobert und besetzt worden war, von einer russisch dominierten Armee also, in der jedoch auch sechs Millionen ukrainische Männer kämpften, darunter der Großvater Selenskyjs. Es gab drei Millionen Ukrainer unter den insgesamt fast zehn Millionen gefallenen Soldaten der Roten Armee, deren vollständiger Abzug aus Deutschland 1994 erfolgte.

Dieser Abzug wurde mit einem Festakt im Berliner Schauspielhaus gewürdigt. Bei dieser Gelegenheit hielt auch der russische Präsident Boris Jelzin eine Rede, nebenbei gesagt politischer Ziehvater Wladimir Putins, der wiederum den Kollaps der DDR als KGB-Offizier in Dresden miterlebte. Jelzin würdigte den historischen Sieg der Roten Armee über Hitlerdeutschland, erklärte die »lange Nachkriegsepoche« für beendet und äußerte sich optimistisch über eine friedliche Zukunft für das »neue Rußland und das vereinte Deutschland«. Ausdrücklich bedankte er sich für die deutschen Finanzhilfen »zur Realisierung eines breit angelegten Wohnungsbauprogramms in Rußland, Weißrußland und in der Ukraine«. Möglicherweise sind unter den Wohnblöcken, die aus diesem Programm hervorgingen, auch solche, die nun von russischen Drohnen zerstört wurden.

Knapp dreißig Jahre später, Anfang Mai 2023, kam es anlässlich des 78. Jahrestags des Kriegsendes in Berlin zu einer Debatte und sogar zu Gerichtsverhandlungen darüber, ob an diesem Gedenktag die russische und die ukrainische Flagge bei Veranstaltungen am sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten gezeigt werden dürften.[2] Die Polizei untersagte das Zeigen beider Flaggen, dann hob das Verwaltungsgericht das Verbot für beide Flaggen auf, und schließlich entschied das Oberverwaltungsgericht, die ukrainische Flagge dürfe gezeigt werden, nicht jedoch die russische. Der ukrainische Botschafter gab den Kennedy und twitterte[3] nach der Gerichtsentscheidung: »Ick bin een Berliner!«

Kennedy hatte den legendären Satz nach der festgemauerten Teilung der Stadt gesprochen. Die Teilung Deutschlands und der alten Reichshauptstadt war bereits vor der Kapitulation der Wehrmacht im Mai 1945 von Stalin, Roosevelt und Churchill auf einer Konferenz vorausgeplant worden, die Anfang Februar 1945 in Jalta stattfand. Jalta liegt auf der Krim. Und die Krim ist – ukrainisch?

Auf der Krim lebten einmal über 50.000 ›Krimdeutsche‹, die im Sommer 1941 nach Kasachstan deportiert wurden, weil Stalin ihre Kollaboration mit der vorrückenden Wehrmacht fürchtete, von der die Krim bis Mai 1944 besetzt wurde, wie schon einmal 1918. Nach der Rückeroberung durch die Rote Armee wurden schätzungsweise auch 190.000 ›Krimtataren‹ nach Zentralasien ›umgesiedelt‹, weil ihnen ebenfalls Kollaboration vorgeworfen wurde. Die Krim verlor ihren autonomen Status und wurde im Juni 1945 in die russische Sowjetrepublik eingegliedert. 1954 wiederum ging die verheerte Krim auf Veranlassung Chruschtschows, der teilweise in der Ukraine aufgewachsen war und dort seine Parteikarriere begonnen hatte, von der russischen an die ukrainische Sowjetrepublik über. Nach der Selbstauflösung der Sowjetunion durch eine Vereinbarung der Präsidenten Russlands, der Ukraine und Belarus im Dezember 1991 blieb die Halbinsel zwischen Russland und der Ukraine umstritten. 2014 erfolgte die Übernahme durch Russland, die je nach Interessenlage und Staatsangehörigkeit als freiwilliger ›Beitritt‹ (so von der russischsprachigen Mehrheit der Bevölkerung der Halbinsel) oder als ›Annexion‹ (von der Ukraine und den NATO-Staaten) bezeichnet wird.

Was bedeutete all das für die ukrainischen Frauen, die mit Kindern und ohne Männer in Deutschland Zuflucht gefunden haben? Bedeutet es überhaupt etwas für geflüchtete Menschen, deren Alltagskampf so auf die unmittelbare Tageszukunft konzentriert sein muss, dass für eine Jahre und Jahrzehnte zurückliegende Vergangenheit weder Kraft noch Interesse übrig bleiben? Und was konnte es wiederum für einen Landrat in Bayern[4] oder in Brandenburg bedeuten, deren Gemeinden sich von der Unterbringung und Versorgung der Geflüchteten überfordert fühlten, unabhängig davon, ob im historischen Horizont der Menschen, deren Gemeinden Geflüchtete zugewiesen waren und sind, irgendwie gegenwärtig ist, dass in Bayern im ersten Nachkriegsjahr jeder fünfte Einwohner ein Flüchtling war, wie man damals noch sagte, oder dass im August 1945 jeden Tag Tausende und Abertausende Vertriebene[5] aus den ehemaligen ostdeutschen Reichsgebieten, die an das neue Polen angegliedert wurden, ins Brandenburger Land kamen? Hunderttausende Polen wiederum mussten aus ihrer ostpolnischen Heimat vor den Ukrainern fliehen, unter anderem aus Lemberg (deutsch) beziehungsweise Lwow (polnisch, russisch) beziehungsweise Lviv (ukrainisch), zu deren künftigem Staatsterritorium diese Gebiete gehören sollten. Keiner dieser Flüchtlinge aus den ostpolnischen und dann westukrainischen Gebieten hätte sich vorstellen können, dass Polen Jahrzehnte später als erster Staat die Unabhängigkeit der Ukraine anerkennen und weitere Jahrzehnte später 1,4 Millionen Geflüchteten aus der Ukraine Schutzaufenthalt gewähren würde.

Alle diese ›Bevölkerungsverschiebungen‹, wie die Flucht- und Vertreibungsvorgänge genannt worden sind, fanden im Zeitraum von drei Generationen statt, von 1945 bis heute. Zugleich bewerten viele Menschen diese Epoche, und auch das zu Recht, als eine der friedlichsten in der europäischen Geschichte. Finden also ›die Geschichte‹ und die Lebensgeschichten derjenigen, die sie erleben oder erleiden, auf dermaßen unterschiedlichen Ebenen statt, dass diese Ebenen biografisch kaum zu integrieren und nur durch Parolen, Leitsätze, Versprechen, individuelle Erzählungen und kollektive Legenden in Sinnkontakt zu bringen sind?

Am Anfang die ›Stunde Null‹

Am 18. Februar 1943 stellte Joseph Goebbels, ›Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda‹, im Berliner Sportpalast 15.000 anwesenden Volksgenossen zehn Fragen. Die vierte Frage lautete: »Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt vorstellen können?« Zu diesem Zeitpunkt hatten die ersten Luftangriffe auf Berlin bereits stattgefunden und waren sogar auf die Kinoleinwand vorgedrungen. Im UFA-Film Die große Liebe, gedreht im Frühjahr 1942 in Berlin, muss eine von Zarah Leander dargestellte Varieté-Sängerin mit einem Fliegeroffizier vor einem alliierten Bombenangriff in einen Luftschutzkeller fliehen, woraus sich die erste gemeinsame Nacht und eine große Liebe ergeben. Die allerdings muss einstweilen den Erfordernissen des Krieges geopfert werden (aber »davon geht die Welt nicht unter«) bis es doch, getragen von unerschütterlicher Zuversicht (»Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn«) zum Ausblick auf den ›Endsieg‹ kommt: Das Paar schaut vereint zum Himmel empor, an dem ein deutsches Bombengeschwader vorüberzieht.

Der Film war sehr erfolgreich. Auch viele der Volksgenossen vom Sportpalast dürften ihn gesehen haben. Was dachten und empfanden sie, wenn sie nach dem liebestiftenden Bombenalarm auf der Leinwand und nach der bejubelten Goebbelsrede im Sportpalast, der dann am 30. Januar 1944 ebenfalls von Fliegerbomben beschädigt wurde, in die Bunker rennen mussten?

Nach den Luftangriffen waren nahezu alle größeren deutschen Städte auf eine bis dahin tatsächlich unvorstellbare Weise zerstört. Ein französischer Zeitzeuge: Es »wurde die Kleinstadt Pforzheim im Februar 1945, drei Monate vor der Kapitulation des bereits besiegten Deutschlands, durch einen Angriff von dreihundertsiebenundsechzig Bombern der Royal Air Force völlig zerstört. Dreiundachtzig Prozent der Gebäude wurden demoliert […]. Danach lernte ich Karlsruhe und Mannheim kennen, die durch amerikanische Bombenangriffe völlig verheert waren, Hamburg, das ebenfalls zerstört war, und schließlich Berlin, das ich im Juni 1945 […] durchquerte.« Doch aus den Ruinen würden blühende Landschaften werden. Das hatte Goebbels am 20. April 1945 in einer Rundfunkansprache anlässlich von ›Führers Geburtstag‹ versprochen: »Deutschland wird nach diesem Kriege in wenigen Jahren aufblühen wie nie zuvor. Seine zerstörten Landschaften und Provinzen werden mit neuen, schöneren Städten und Dörfern bebaut werden, in denen glückliche Menschen wohnen.«

Nach dem Ende der alten Zeit war in der neuen umstritten, wie der Aufbau schöner, neuer Städte vonstattenzugehen habe. Sollte beispielsweise Berlin wiederhergestellt, gewissermaßen ›restauriert‹ werden, oder sollte, wie etwa der 1945 installierte und schon 1946 wieder demontierte Stadtbaurat Hans Scharoun und der emigrierte Bauhaus-Direktor Walter Gropius vorschlugen, das neue Berlin auch wirklich nach neuen Gesichtspunkten errichtet werden? Die Auseinandersetzung um den Aufbau der Stadt spiegelte die Auseinandersetzung um den Aufbau des Staates.

Am 29. April 1945 unterzeichnete Hitler im Beisein von Goebbels sein privates Testament: »Was ich besitze, gehört – soweit es überhaupt von Wert ist – der Partei. Sollte diese nicht mehr existieren, dem Staat, sollte auch der Staat vernichtet werden, ist eine weitere Entscheidung von mir nicht mehr notwendig.« Eben dies war der Fall. In der Nacht vom 6. auf den 7. Mai erfolgte die Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation im Hauptquartier der Westalliierten in Reims, die am 8. Mai in Kraft trat und in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai am Sitz des Oberkommandos der Roten Armee in Berlin Karlshorst bestätigt wurde.

Schon zehn Tage später fand im notdürftig vom Schutt beräumten Großen Sendesaal im Berliner Haus des Rundfunks ein erstes öffentliches Konzert statt. Ob unter den 1.500 Zuhörern auch welche von den 15.000 Volksgenossen des Sportpalastes waren? Gespielt wurde Beethovens Neunte: »Freude, schöner Götterfunken« – »Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt.« Unvorstellbar damals, dass daraus vierzig Jahre später die Europahymne werden würde, von 1985 an ohne Worte bei feierlichen Anlässen gespielt. Unvorstellbar auch in dieser zunächst von Sektorengrenzen zerschnittenen und schließlich in der ost-westlichen Zweiteilung festgemauerten Stadt, dass ebenfalls 1985 das erste Schengener Abkommen zwischen den damaligen EG-Staaten abgeschlossen werden würde. Es setzte einen Prozess in Gang, in dessen Verlauf 1993 die vollständige Abschaffung der Grenzkontrollen im ›Schengenraum‹ erreicht wurde, was sich jedoch gut zwanzig Jahre später wegen der vielen Migranten, die über die Außengrenzen ins Innere drangen, als Problem erweisen sollte. Dieses Problem wuchs sich dermaßen aus, dass 2024 mehrere europäische Staaten ›Schengen‹ einstweilen außer Kraft setzten.

1985 hielt Bundespräsident Richard von Weizsäcker anlässlich des vierzigsten Jahrestags des ›Kriegsendes‹ in Europa (der Weltkrieg endete erst am 2. September 1945 mit der Kapitulation Japans) vor dem Bundestag eine als ›historisch‹ eingestufte Rede, die eine Distanzierung vom Mythos der ›Stunde Null‹ enthielt: »Es gab keine >Stunde Null<, aber wir hatten die Chance zu einem Neubeginn. Wir haben sie genutzt, so gut wir konnten.«

Vier Jahre nach dem ersten Schengener Abkommen, in dessen Folge die Grenzen im Westen durchlässig wurden, hob sich der ›Eiserne Vorhang‹, von dem Winston Churchill im März 1946, er war als Premier bereits abgewählt, während eines USA-Besuchs gesprochen hatte: »Von Stettin an der Ostsee bis hinunter nach Triest an der Adria hat sich ein eiserner Vorhang über den Kontinent gesenkt.« Die Metapher war keine Schöpfung des historisch-literarisch erfindungsreichen Churchill (immerhin erhielt er 1953 für sein Geschichtswerk über den Zweiten Weltkrieg den Literaturnobelpreis), sondern ging bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs zurück. Goebbels griff sie unmittelbar nach der Konferenz der Alliierten in Jalta im Februar 1945 auf und warnte davor, ein eiserner Vorhang würde sowjetisch besetzte Gebiete vom Westen trennen. Schon im Juli 1945 verwendete auch Adenauer die Metapher, die heute stets mit Churchill assoziiert wird.

In diesen Vorhang wurde Anfang Mai 1989 ein Loch geschnitten, als die Sicherheitsanlagen der Grenze zwischen Ungarn und Österreich abgebaut wurden. Sofort begannen die ersten Fluchten aus der DDR über Ungarn und Österreich in die BRD. Am 11. September wurde die Grenze offiziell geöffnet. Bis Ende des Monats, also noch vor den dramatischen Ereignissen in der Prager Botschaft und dem eigentlichen ›Mauerfall‹, verließen 32.500 Menschen die DDR, von Anfang 1989 bis zur staatlichen Vereinigung am 3. Oktober 1990 waren es 570.000.

Für Deutschland wiederholte sich ›die Chance zu einem Neubeginn‹, von der Weizsäcker vier Jahre zuvor im Rückblick auf Niederlage und Befreiung gesprochen hatte. Es war die Chance eines Neubeginns in Einheit, und es blieb die bis heute dauernde Uneinigkeit darüber, ob diese Chance genutzt worden ist. Viele meinten, durch den ›Beitritt‹ der DDR zum ›Geltungsbereich des Grundgesetzes‹ sei die Gelegenheit zu einem Neuanfang ungenutzt geblieben, so, wie schon einmal nach 1945 die Gelegenheit zu einem wirklichen Neuanfang ungenutzt geblieben, mit der Restauration in Westdeutschland gar bewusst hintertrieben worden sei. Die administrative und bald auch physische Grenze jedenfalls, die nach dem Krieg West und Ost voneinander trennte und vor einander schützte, auch das ist festzuhalten, diese Grenze wurde 1989 überwunden. Am 22. Dezember wurde in fernsehgerechter Inszenierung von Bundeskanzler Helmut Kohl und dem Ministerpräsidenten der DDR Hans Modrow das Brandenburger Tor geöffnet. Ein deutsch-deutsches Orchester spielte Beethovens Neunte. An Weihnachten schließlich dirigierte Leonard Bernstein im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt die Neunte, mit einer kleinen Textveränderung im Hymnentext: »Freiheit, schöner Götterfunken«. Auch am Abend vor dem 3. Oktober 1990, dem Tag der staatsrechtlichen Vereinigung, war beim Massenfest am Brandenburger Tor bei Anwesenheit von Kohl, Genscher und Brandt die Neunte zu hören. Eine Riesenleinwand zeigte, wie Kurt Masur das Leipziger Gewandhausorchester dirigierte. Zum zwanzigsten Jahrestag des ›Mauerfalls‹ fand dann parallel zu den ›offiziellen‹ Feierlichkeiten in Berlin, bei denen Angela Merkel in Begleitung von Michail Gorbatschow über die Bornholmer Straße von Ost- nach Westberlin spazierte, im Leipziger Hauptbahnhof ein musikalischer Flashmob statt. Gesungen wurde wieder »Freude, schöner Götterfunken«.

Die Nachkriegszeit, die mit dem ›Mauerfall‹ so hoffnungsfroh zu Ende ging, könnte von heute aus genauso gut als Vorkriegszeit bezeichnet werden, denkt man an die Zerfallskriege, die auf dem Balkan und in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion geführt wurden, und an die möglicherweise noch bevorstehenden militärischen Konflikte zwischen Russland auf der einen und den westlichen oder westlich orientierten Staaten auf der anderen Seite.

Diese Nachkriegszeit, deren Abschluss wir für gewöhnlich mit dem Ende der Block- und Systemkonfrontation datieren oder definitiv auf 1994, dem Jahr, in dem der Rückzug der russischen, bis Ende 1991 sowjetischen Besatzungsarmee abgeschlossen wurde, diese Nachkriegszeit hatte Ludwig Erhard bereits in seiner Regierungserklärung vom 10. November 1965 verabschiedet: »Für nahezu die Hälfte aller Menschen in unserem Lande sind die Jahre 1933 bis 1945 geschichtliche Vergangenheit ohne persönliche Erinnerung. Für nahezu die Hälfte aller Völker der Erde liegt die Stunde Null ihrer nationalstaatlichen Geschichte nach dem Jahre 1945. Alle Generationen unseres Volkes tragen zwar an den Folgen einer im deutschen Namen von 1933 bis 1945 geübten Politik. Die Bezugspunkte in der Arbeit des 5. Deutschen Bundestages und der Politik der Bundesregierung dürfen dennoch nicht mehr der Krieg und die Nachkriegszeit sein. Sie liegen nicht hinter uns, sondern vor uns. Die Nachkriegszeit ist zu Ende!«

Die Verlautbarung stieß auf unterschiedliche Reaktionen: erleichterte Zustimmung auf der einen, empörter Widerspruch auf der anderen Seite – immerhin war 1965 auch das Jahr, in dem die Urteile des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses gefällt wurden. Vor diesem Schuldhintergrund konnte Erhards Sentenz als Aufforderung verstanden werden, mit den ›alten Geschichten‹ nun ein für allemal Schluss zu machen.

Vor der Wahl, die Erhard als Nachfolger Adenauers im Amt bestätigte, hatte Günter Gaus in einem Aufsatz mit dem Titel »Der ungeübte Wähler« festgestellt: »Das Ende der Nachkriegszeit hat auch das Ende der Grundsatzdebatten und prinzipiellen wie schein-prinzipiellen Alternativen gebracht – selbst wenn sich in diesen Monaten zeigt, daß vor Jahren, als Adenauer die deutsche Nachkriegspolitik nach seinem System kanalisierte, vieles nur unvollkommen und trügerisch beantwortet worden ist.« Gaus war es auch, der später mit der Wendung von der ›Gnade der späten Geburt‹ die verdienstlose Unbescholtenheit derjenigen charakterisierte, die während der Hitlerzeit zu jung gewesen waren, um sich für oder gegen den Nationalsozialismus entscheiden zu müssen. In den frühen 1980ern adaptierte Helmut Kohl, bei Kriegsende gerade fünfzehn geworden, die Formulierung, und zwar ausgerechnet im Vorfeld eines geplanten Israelbesuchs, um nach der ›geistig-moralischen Wende‹ von 1982 als Kanzler des Tätervolkes historisch ›unbelastet‹ in das Land der Opfer reisen zu können.

Oft hängt davon ab, was neu beginnen soll, wann und von wem welche ›Schlussstriche‹ gezogen werden. So konnte Erhard beim Verlesen seiner Regierungserklärung nicht wissen, dass auf den Tag genau ein Jahr später seine eigene Zeit als Bundeskanzler mit der Wahl Kurt Georg Kiesingers als Nachfolger zu Ende gehen und sein Rücktritt als eigentliches Ende der Nachkriegszeit interpretiert werden würde insofern, als das Ende dieser Kanzlerschaft das Ende der bundesdeutschen Wiederaufbauphase symbolisierte. Während der Großen Koalition unter Kanzler Kiesinger und Vizekanzler Willy Brandt und aufgeschreckt von den Studentenprotesten, bekräftigte Horst Ehmke auf dem Nürnberger Parteitag der SPD im März 1968: »Die Nachkriegszeit ist wirklich vorbei.« Ein Jahr später übernahm Ehmke als Nachfolger des zum Bundespräsidenten gewählten Gustav Heinemann in der letzten Phase der Großen Koalition das Justizministerium.

Mochte die Nachkriegszeit ›wirklich‹ vorbei sein, die nationalsozialistische Vergangenheit wollte nicht vergehen und war weder moralisch noch juristisch ›bewältigt‹, trotz des Frankfurter Auschwitzprozesses. Kiesinger wurde 1968 wegen seiner NS-Vergangenheit von Beate Klarsfeld in einer spektakulären Attacke geohrfeigt. Bis zu seiner Kanzlerwahl 1966 war er Ministerpräsident in Baden-Württemberg gewesen. Sein Nachfolger dort wurde Hans Filbinger, schon während der NS-Zeit in wichtiger Funktion – wie Erhard, Kiesinger und viele andere aus der politischen, juristischen und wirtschaftlichen Elite jener Jahre. Filbingers Rolle als ›furchtbarer Jurist‹, der als Marinerichter beziehungsweise Ankläger noch in den letzten Kriegstagen Todesurteile gegen Deserteure verantwortete, wurde jedoch erst 1978 im Zuge der von dem Dramatiker Rolf Hochhuth ausgelösten Affäre bekannt, in deren Verlauf Filbinger sich in einem Spiegel-Interview des rechtspositivistischen Totschlagarguments bediente: »Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein«.

Kiesingers Große Koalition sorgte im Mai 1968 mit ihrer Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundestag für die Verabschiedung der Notstandsgesetze, die dem Staat die Einschränkung bürgerlicher Grundrechte erlaubten. Mitverantwortlich dafür war Willy Brandt, Außenminister und Vizekanzler, der dann als Nachfolger Kiesingers ankündigte, mehr Demokratie wagen zu wollen[6].

Das seit der Etablierung der Großen Koalition fast völlige Fehlen einer Opposition im Parlament führte zur Herausbildung der Außerparlamentarischen Opposition, die Notstandsgesetzgebung zur 68er Bewegung mit ihren gesellschaftlichen Modernisierungseffekten, die wiederum als Ende und Überwindung der Nachkriegszeit deutbar sind.

Wie immer man ›Nachkriegszeit‹ definieren mag, sie ist inzwischen so definitiv historisch, dass zum vierzigsten Jahrestag des Mauerfalls keine Staatsoberhäupter über eine Berliner Brücke laufen werden, noch dazu wie damals bei Regenwetter, und kein Flashmob wird im Leipziger Hauptbahnhof eine »Ode an die Freude« singen. Ob der dann amtierende Bundespräsident oder die dann amtierende Bundespräsidentin zu diesem vierzigsten Jahrestag vor dem Parlament in Berlin eine ›historische‹ Rede halten wird, wie Richard von Weizsäcker vor dem Bundestag in Bonn eine zum vierzigsten Jahrestag des ›Kriegsendes‹ gehalten halt, bleibt unsicher. Vermutlich werden die staatsaktlichen Feierlichkeiten erst ein Jahr später stattfinden, zum Jahrestag der ›Vereinigung‹, des ›Beitritts‹, des ›Anschlusses‹, wie einige wohl immer noch höhnen werden, bösartig auf den ›Anschluss‹ Österreichs von 1938 anspielend.

Die Deutungskontroversen um die deutsche Einigung reanimierten die Kontroversen, die nach 1945 um ›Niederlage‹ oder ›Befreiung‹ geführt wurden. Dass beides zutreffe, mag im Sinne kollektiver Meinungsharmonie sein, entspricht aber nicht den historischen Tatsachen, jedenfalls nicht aus der Perspektive der Westalliierten. Am 2. August 1945 veröffentlichten sie die Mitteilung über die Dreimächtekonferenz von Berlin mit der Feststellung: »Das deutsche Volk muß überzeugt werden, daß es eine totale militärische Niederlage erlitten hat«. Und in einer Direktive des Generalstabs der amerikanischen Besatzungstruppe vom April 1945 hieß es: »Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als ein besiegter Feindstaat.«

Bei den offiziellen Veranstaltungen 2025 zum 80. Jahrestag des Kriegsendes war, auch mit Reminiszenzen an die Weizsäcker-Rede vierzig Jahre zuvor, mit irritierender Selbstverständlichkeit statt von ›Niederlage‹ von ›Befreiung‹ die Rede – irritierend insofern, als diese Rhetorik mitunter so wirkte, als wolle man sich nicht nur im Nachhinein dankbar auf die Seite der Sieger stellen, sondern als wären auch damals schon alle Deutschen, nicht nur die Gegner des Nazi-Regimes, weniger ›besiegt‹ als ›befreit‹ worden. Dazu passt die gängige Redewendung von den nationalsozialistischen Verbrechen, die ›im Namen des deutschen Volkes‹ begangen worden seien, als habe das ›deutsche Volk‹ für diese Verbrechen eigentlich gar nichts gekonnt.

Die alliierte Politik unmittelbar nach Kriegsende war zugleich bestimmt von der prinzipiellen Distanz zur alten Partei- und vom pragmatischen Kontakt zur alten Funktionselite, so sie nicht unmittelbar in Verbrechen verstrickt war. Die Fraternisierung, die Verbrüderung mit der deutschen Bevölkerung wurde ausdrücklich untersagt, besonders streng von den Amerikanern. Durchsetzen allerdings konnte man das Verbot nicht. Dafür waren die Männer zu jung, die in den eroberten Städten auf junge, männerlose Frauen stießen. Die amerikanische Militärbehörde druckte Plakate, auf denen die GIs vor »Veronika Dankeschön« gewarnt wurden, dem ›Frollein‹ mit denselben Initialen wie ›victory day‹, aber auch wie ›veneral disease‹, Geschlechtskrankheit. Nicht grundlos nennt sich in der im zerstörten Berlin gedrehten Filmkomödie A foreign affair von Billy Wilder aus dem Jahr 1948 die Kongressabgeordnete, die in Berlin die Moral der amerikanischen Besatzungssoldaten überprüfen soll, bei ihrer Spelunkenrecherche ›Gesundheit‹, und zwar tiefsinnig ›Gretchen Gesundheit‹.

Trotz des ›Fräuleinwunders‹, von ganz anderer Art als das von Zarah Leander besungene Liebeswunder, war die Lage für den Großteil der städtischen Bevölkerung, Billy Wilder zeigt das in seinem Film, katastrophal und entsprechend desaströs die Stimmung. »Asche der Gedanken, Asche der Gefühle«, bemerkte der bereits zitierte französische Zeitzeuge. Die Wendung stammt von Edgar Morin, damals Mitarbeiter der französischen Besatzungsadministration, und ist enthalten in einem 1946 erschienenen Bericht mit dem Titel L’an zéro de l’Allemagne, ein Jahr später als Das Jahr Null. Ein Franzose sieht Deutschland in der sowjetischen Besatzungszone auf Deutsch herausgekommen. Diesen Titel nahm Roberto Rossellinis etwas abstruser Film Deutschland im Jahre Null von 1948 wieder auf, wie Wilders A foreign affair in der Berliner Ruinenlandschaft gedreht.

Das ›Jahr Null‹ und die Variante von der ›Stunde Null‹ waren keine Erfindungen Morins, sondern seinerzeit gängige und später, wie eben von Richard von Weizsäcker, revidierte Metaphern, mit der sich die Menschen die Situation, in der sie sich befanden, historisch scheinverständlich machten, obwohl sie im Alltag unbegreiflich war. Der Alltag muss zuallererst praktisch bewältigt werden, um die symbolische Deutung kann man sich später kümmern. Karl Jaspers in seiner Abhandlung Die Schuldfrage von 1946: »Wir leben in Not, ein großer Teil unserer Bevölkerung in so großer, so unmittelbarer Not, daß er unempfindlich geworden zu sein scheint für solche Erörterungen [wie die über die ›Schuldfrage‹]. Ihn interessiert, was der Not steuert, was Arbeit und Brot, Wohnung und Wärme bringt. Der Horizont ist eng geworden. Man mag nicht hören von Schuld, von Vergangenheit, man ist nicht betroffen von der Weltgeschichte. Man will einfach aufhören zu leiden, will heraus aus dem Elend, will leben, aber nicht nachdenken.«

Heraus aus dem Elend wollte man nicht nur irgendwie und irgendwann, sondern jetzt, heute, Stunde um Stunde, Tag für Tag. Die Tägliche Rundschau meldete bereits am 15. Mai 1945 unter der Überschrift »Wiederherstellung des normalen Lebens in Berlin«, es seien »17 Lichtspieltheater« wiedereröffnet worden. Der Berliner Rundfunk kündigte im »Programm für Dienstag, den 29. Mai 1945« die Sendung an: »Bunt und schön von acht bis zehn.« Und gut zwei Jahre, nachdem Brandbomben auf die Stadt geregnet waren, freute man sich über »Treptow in Flammen«, die Wiederaufnahme des traditionellen Spreefeuerwerks.

Das ›Stunde Null‹-Gefühl war gerade nicht eines der radikalen Umkehr, sondern das der ersehnten Wiederkehr von Normalität. Nur dadurch konnte die Redewendung ihre eigenartige Wirkung entfalten und aus dem Slogan im Lauf der Jahre so etwas wie die Bezeichnung einer historischen Zäsur werden, die es dann, nachdem der Sicherheitsabstand zu den Anfangsjahren groß genug geworden war, zu dementieren galt.

1947 sprach Rudolf Leonhard in einem Vorwort zu Edgar Morins Bericht noch von »einer glücklich gewählten und vielsagenden Formel«. Sie bezeichne »die erste Regung nach dem Chaos, die Möglichkeit des ersten Schrittes aus dem Nichts; der Wiederanfang, der endliche Anfang einer deutschen Geschichte, einer deutschen Weltgeschichte, endlich einer Geschichte des deutschen Volks, einer Gestaltung des deutschen Schicksals durch die Hände des Volks.« Ziemlich hoch gegriffen, was den ›Gestaltungswillen‹ des Volkes angeht, wenn man die Stelle mit derjenigen bei Jaspers vergleicht, und viel ›Deutsch‹ in wenigen Sätzen. Beides war dem Anspruch der sowjetischen Besatzungsbehörde geschuldet, nach dem Zusammenbruch der dem ›Monopolkapitalismus‹ zugeschriebenen Hitlerei nun endlich wirklich dem Volk dessen Schicksal in die eigenen Hände zu legen. Dass viele in diesem Volk stattdessen die Beine in die Hand nahmen und das Land verließen, und zwar von Anfang an, führte zum Scheitern des ›ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden‹. Morin übrigens, damals noch Kommunist, hatte die Hoffnung, es würde nicht zur Teilung kommen, obwohl sie bereits drohte. In einem »einheitlichen Deutschland« würden »sich die neue Wirtschaftsordnung und die alten westlichen Traditionen begegnen […]. Sonst wird ein >Limes<, eine Chinesische Mauer Deutschland zerreißen, diesseits und jenseits von feindlichen Legionen bewacht. Was wird sich daraus entwickeln? Ein in zwei Teile gespaltenes Europa, der Bruch zwischen Ost und West«. So ist es dann auch gekommen.

Morin war Mitte zwanzig, als er sein Buch veröffentlichte, für das er durch die zerbombten deutschen Städte gefahren war. Die weiter oben zitierte Passage über Pforzheim, Karlsruhe, Mannheim und Berlin ist jedoch ein Bericht aus der Erinnerung und enthalten in seinem Traktat Von Krieg zu Krieg. Von 1940 bis zur Invasion der Ukraine, das er 2022 im Alter von 101 (in Worten: einhunderteins) Jahren aus verzweifelter Besorgnis über die Entwicklungen der Gegenwart geschrieben hat. Bereits in den frühen 1990ern prägte er den Begriff der ›Polykrise‹, der dann in den 2020ern in Feuilletons und Vorträgen erneut Konjunktur hatte, weil sich mit diesem einen Wort die vielen globalen, sich wechselseitig verstärkenden Gleichzeitigkeitskrisen zusammenfassen ließen.

Die ›Stunde Null‹ war zunächst eine Chiffre für den totalen Zusammenbruch und wurde dann zur Metapher des Neuanfangs ohne wirkliche Umkehr, der zurückkehrenden Normalität nach resolut gezogenem ›Schlussstrich‹ und dem mitunter aggressiven Ausblenden der Vergangenheit – und zwar beides in beiden deutschen Staaten. Dem hemdsärmeligen ›Wir sind wieder wer‹ im Westen entsprach der Aufbauheroismus im Osten. Im Westen wurde die erste Strophe des Deutschlandliedes (»Deutschland, Deutschland über alles«) zwar nicht verboten, wie manchmal behauptet, sondern halb schamhaft, halb berechnend lieber nicht gesungen. Was würde sonst ›das Ausland‹ denken? Nur die siegestrunkenen Deutschlandfans im Stadion von Bern nahmen 1954 auf ›das Ausland‹ keine Rücksicht und hielten sich an die erste Strophe. Im Osten dichtete Johannes R. Becher den Text einer neuen Hymne, die Hanns Eisler vertonte: »Auferstanden aus Ruinen / und der Zukunft zugewandt, / laß uns dir zum Guten dienen, / Deutschland, einig Vaterland. […] Laßt uns pflügen, laßt uns bauen, / lernt und schafft wie nie zuvor, / und der eignen Kraft vertrauend, / steigt ein frei Geschlecht empor. / Deutsche Jugend, bestes Streben / unsres Volks in dir vereint, / wirst du Deutschlands neues Leben. / Und die Sonne schön wie nie / über Deutschland scheint.« Vierzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bemerkte die 1946 geborene und in der DDR aufgewachsene Autorin Brigitte Struzyk: »>Auferstanden aus Ruinen< – die erste Zeile unserer Nationalhymne passte viel besser zum Wirtschafts-Wunderland. Wir drüben hatten uns eher eingerichtet in den Ruinen.« Und was »Deutschland, einig Vaterland« betrifft, so wurde das von der DDR-Führung in späteren Jahren nicht mehr gern gehört.

Wurde die ›Stunde Null‹, die 1945 nicht stattfand, mit der Parallelgründung der beiden deutschen Staaten nachgeholt? Nein. Im Westen hatte 1949 die Verabschiedung des Grundgesetzes durch den Parlamentarischen Rat am 8. Mai, dem Jahrestag der Kapitulation, trotz der ostentativen Symbolik keine das Alltagsleben überstrahlende Aura, so wenig wie zwei Monate zuvor, am 19. März 1949, die Annahme einer Verfassung durch den Deutschen Volksrat oder die von ihm verkündete offizielle Gründung der DDR: »Der 7. Oktober 1949 ist der Geburtstag eines neuen, demokratischen und freien Deutschlands, der Ausgangspunkt einer Entwicklung, die, folgerichtig zu Ende gegangen, das deutsche Volk neuem Wohlstand und einem dauerhaften Frieden entgegenführen wird.«

Den Staatsgründungen gingen in West- wie in Ostdeutschland Währungsreformen voraus, so, wie der ›Wiedervereinigung‹ am 3. Oktober 1990 die »Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion« vom 1. Juli vorausging. Die Reihenfolge war eine Rangfolge, denn ›Geld regiert die Welt‹, nicht das Grundgesetz oder eine Verfassung oder eine bürgerrechtliche Illusion vom ›Dritten Weg‹, so bedauerlich das vom politisch-moralischen Standpunkt sein mag. Die zeitliche Reihen- und sachliche Rangfolge war zugleich politische Zwangsfolge. Mit der Währungsunion stand das Ende der DDR als eigenständiger Staat fest. Und 1949 wäre es erst gar nicht zur Gründung der DDR gekommen, hätte die sowjetische Militäradministration nicht ihrerseits die Ostmark (die spätere Mark der DDR) eingeführt und deren monetäres Territorium gegen die D-Mark abgeschottet, bevor nach und nach das staatliche Territorium physisch abgeschottet wurde. Dieser Prozess endete mit dem Bau der Mauer. Der 13. August 1961 wurde für viele Unzufriedene insofern zu einer ›Stunde Null‹, als sie nun definitiv anfangen mussten, sich mit einer Situation zu arrangieren, aus der man im Wortsinn nicht mehr herauskam. Das ›Westgeld‹ allerdings kam bald wieder herein, je friedlicher die beiden deutschen Staaten ›koexistierten‹, desto mehr. 1974 belief sich der Anteil der D-Mark (zum Schwarzmarktkurs) am Geldvolumen der DDR auf etwas über einem Prozent, im Jahr vor dem Kollaps waren es mehr als 13 Prozent.

Beim Neustart 1990 erfolgte der Umtausch von Kontoguthaben gestaffelt nach dem Alter der Kontoinhaber: für alle bis 14 durften 2.000 Mark der DDR 1:1 gegen D-Mark gewechselt werden, für alle bis 60 waren es 4.000 Mark, für die über 60 bis zu 6.000 Mark. Was darüber ging wurde 2:1 umgestellt, die Löhne und Renten 1:1. Die Operation war eine finanzielle und zugleich eine logistische Herausforderung. Immerhin waren 27,5 Milliarden D-Mark buchstäblich flächendeckend über das Gebiet der DDR zu verteilen. Bei der Einführung des Euro als Bargeld zum 1. Januar 2002 ging es dann um 2,6 Milliarden Geldscheine und 12,1 Milliarden Münzen mit einem Gesamtgewicht von rund 100.000 Tonnen. ›Geld stinkt nicht‹, sagt man, aber es wiegt.

Auch die von den Amerikanern forcierte Währungsreform von 1948 war eine logistische Großoperation. Die in 23.000 Stahlkisten nach Bremerhaven zur Verteilung in der Trizone und in Berlin verschifften Scheine waren im ersten Quartal 1948 in den USA gedruckt worden. Und das sah man ihnen an. Wolfgang Koeppen bemerkte im Vorwort zur 2. Auflage seines Romans Tauben im Gras, den er »kurz nach der Währungsreform geschrieben« hat: »Die neuen Geldscheine sahen wie gute Dollars aus, aber man traute doch mehr den Sachwerten, und viel Bedarf war nachzuholen, der Bauch war endlich zu füllen, der Kopf war von Hunger und Bombenknall noch etwas wirr, und alle Sinne suchten Lust, bevor vielleicht der dritte Weltkrieg kam.«

Wie in diesem literarischen Zeugnis und in vielen persönlichen Erinnerungen überliefert, zeigten im Gefolge der Währungsreform die verödeten Schaufenster ›plötzlich‹, wie es bis heute heißt, wieder Waren, die man lange nur auf dem Schwarzmarkt hatte erwerben oder eintauschen können. Dieser Effekt brachte den Mythos vom ›Währungswunder‹ hervor, obwohl alle wussten, dass die gar nicht wundersame Plötzlichkeit des Angebots von gehorteten Waren herrührte, die niemand gegen die immer wertloser werdende Reichsmark hatte verkaufen wollen.

Ab Montag, dem 21. Juni 1948, konnten sechzig Reichsmark im Verhältnis 1:1 gegen die neue D-Mark umgetauscht werden, zunächst vierzig Mark und im August noch einmal zwanzig Mark. ›Wir alle haben mit vierzig Mark angefangen‹, hieß es noch Jahrzehnte später, als wären alle mit den gleichen Chancen an den Start gegangen. Sparguthaben, auch die von ›kleinen Leuten‹, wurden im Verhältnis 100:6,5 umgetauscht, also nahezu entwertet. 1965 prangerte Rolf Hochhut in einem Pamphlet mit dem Titel Klassenkampf den »Roßtäuscher-Trick« an, »Erhards Währungsreform den dadurch total Verarmten unter dem Anschein erträglich zu machen, auch Herr Krupp habe, wie jeder Postbote oder Friseur, mit nichts als vierzig Mark in der Tasche wieder von vorn beginnen müssen«. Und »siebzehn Jahre nach Beginn von Erhards vergoldetem Zeitalter besitzen sechsundsiebzig Prozent der Westdeutschen überhaupt kein Vermögen«. Es war dieser Text, der den gekränkten Erhard zu der Invektive veranlasste, es gebe »einen gewissen Intellektualismus, der in Idiotie umschlägt. Da hört bei mir der Dichter auf, und es fängt der ganz kleine Pinscher an, der in dümmster Weise kläfft.«

Die ›Chancengleichheit‹ auf Nullniveau galt nur für Habenichtse, die wirklich nicht mehr besaßen als ihren Lohn, der wie die Mieten 1:1 umgestellt wurde. Viele dieser Menschen, die vor der Währungsreform nichts kaufen konnten, weil es nichts zu kaufen gab, konnten nach der Währungsreform nichts kaufen, weil sie nicht bezahlen konnten. Bereits am Tag des Umtausches ließ Ludwig Erhard, erst seit März Direktor der Wirtschaftsverwaltung, ohne Absprache mit den Amerikanern über den Rundfunk verkünden, dass nunmehr die bis dahin verordneten Höchstpreise keine Gültigkeit mehr hatten, ausgenommen einige Grundnahrungsmittel, sowie Wasser, Kohle, Elektrizität und Gas. Die Löhne indessen sollten gedeckelt bleiben. Bis Jahresende stiegen die Lebenshaltungskosten um 17 Prozent, die Zahl der Arbeitslosen verdoppelte sich von 424.000 auf 900.000, im Jahr 1950 waren es 2 Millionen. Noch Mitte der 1950er verfügte jeder fünfte bundesdeutsche Erwachsene über weniger als 250 Mark im Monat.

Bereits im Herbst 1948 drohte die Lage zu eskalieren. Die Vertreter der Besatzungsmächte waren seit dem Zusammenbruch des Dritten Reichs stets in Sorge, es könnte zu Aufständen und Plünderungen kommen, deren man mit den vorhanden Kräften nicht Herr werden würde. Nun schien es so weit zu sein. Am 28. Oktober fand in Stuttgart eine Demonstration von 80.000 Menschen statt, in deren Gefolge es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei kam. In kleineren Städten stürmten Frauen auf Marktplätzen die Eier- und Kartoffelstände. Am 12. November gab es in den Westzonen den ersten und bisher einzigen Generalstreik der deutschen Nachkriegsgeschichte. Neun Millionen Menschen nahmen daran teil. Es überrascht nicht, dass Erhard in seinem Bestseller Wohlstand für alle von 1957 rückblickend bemerkt: »Es würde die Laune des Lesers verderben, wollte man heute ein minutiöses Bild jener Tage der Währungsreform zu rekonstruieren versuchen.«

Um dem weiteren Ausgreifen der damaligen Empörung entgegenzuwirken, wurde zügig das sogenannte »Jedermann«-Programm angestoßen, in dessen Rahmen ausgewählte Produkte, Schuhe etwa oder Textilien, in behördlich definierter Massenqualität hergestellt und zu festgelegten Preisen auf den Markt gebracht wurden. Der eigentliche wirtschaftliche Umschwung war aber nicht das Ergebnis von Notmaßnahmen wie diesen. Und erst die langen Jahre des wirtschaftlichen Aufschwungs bis weit in die 1960er verzauberten im Rückblick die Währungsreform zur Gründungsstunde der westdeutschen Wohlstandsgesellschaft. In Wahrheit war das Wirtschaftswunder der 1950er Jahre weder eine unmittelbare Folge der Währungsreform noch eine des legendären Marshallplans.[7] Es beruhte vielmehr auf der einsetzenden Weltkonjunktur, die aus der Bundesrepublik den ›Exportweltmeister‹ werden ließ.

Zunächst aber wurde man Weltmeister im Fußball. 1943 war die in einem Sportpalast gehaltene Rede des Propagandaministers von ›Volksempfängern‹ und von einfacheren, als ›Goebbelsschnauze‹ bezeichneten ›Kleinempfängern‹ ausgestrahlt worden. Knapp zwölf Jahre später, also nach einem Zeitraum, der in etwa dem des ›Tausendjährigen Reichs‹ entsprach, hörten Millionen am Radio eine Fußballreportage aus einem Stadion in der Schweiz. Nach der – zum Glück – nie gezündeten deutschen Wunderwaffe im Krieg, nach dem ›Fräuleinwunder‹ der unmittelbaren Nachkriegszeit, dem ›Währungswunder‹ von 1948 und dem Beginn des ›Wirtschaftswunders‹ Anfang der 1950er ereignete sich nun das ›Wunder von Bern‹.

Herbert Zimmermann, 4. Juli 1954

»Deutschland ist Weltmeister«

Als am 4. Juli 1954 die deutsche Elf in der Halbzeitpause des Endspiels der Fußballweltmeisterschaft auf ihren von Adolf (Adi) Dassler präparierten Stollenschuhen in die Kabine stapfte, stand es 2:0 für Ungarn. Das erste Tor hatten die vom Nimbus der Unbesiegbarkeit umwölkten Ungarn bereits in der sechsten Minute geschossen. Der Radioreporter Herbert Zimmermann tröstete seine nach Millionen zählenden Zuhörer: »Deutschland hat noch nie einen ähnlichen Erfolg errungen. Seit 100 Jahren spielt man organisiert Fußball, seit 50 Jahren gibt es einen Weltfußballverband, seit 1930 Weltmeisterschaften. Und nie war Deutschland im Endspiel. Es ist ein großer Tag, es ist ein stolzer Tag. Seien wir nicht so vermessen, dass wir glauben, er müsste erfolgreich ausgehen.« Kaum hatte der Reporter seinen etwas trostlosen Trost zu Ende gebracht, war das nächste Tor für die Ungarn gefallen.

In der zweiten Halbzeit jedoch wendete sich das Blatt – oder der Ball – und die Mannschaft von Sepp Herberger erkämpfte den Ausgleich. Dann machte der ungarische Spieler József Bozsik einen Fehler, der ungarische Radioreporter György Szepesi rief empört ins Mikrophon: »Bozsik, warum wartest du? Jetzt hast du den Ball verloren – Lantos klärt mit dem Kopf – genau auf Rahn.« Wir schalten zurück zu Zimmermann: »Rahn schießt! Tor! Tor! Tor! Tor für Deutschland.« Es blieben nur noch wenige Minuten zu spielen. Drei Minuten vor Schluss schossen die Ungarn das Ausgleichstor zum 3:3. Aber der Linienrichter hob die Fahne: Abseits! Nach einer weiteren Torchance der Ungarn endlich der Abpfiff. Zimmermann wusste sich nicht mehr zu halten: »Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!« Der Reporter des DDR-Rundfunks, Wolfgang Hempel, drückte sich staatsrechtlich korrekter aus. Auch ihm entrangen sich ekstatische Torschreie, doch nach dem Abpfiff rief er ins Mikrophon: »Das Unfassbare ist passiert, die westdeutsche Nationalmannschaft« – nicht »Deutschland« wie bei Zimmermann – »wird Fußballweltmeister.«

Mit Zimmermanns »Aus« fing vieles an. Der italienische Deutschlandkorrespondent Roberto Giardina meinte noch Mitte der 1990er in seiner Anleitung, die Deutschen zu lieben: »Das überraschende 3:2 bei der Weltmeisterschaft von 1954 […] gegen den Favoriten Ungarn ist ein historischer Moment der Wiedergeburt Deutschlands.« Und zum fünfzigsten Jahrestag des Fußballspiels im Jahr 2004 erklärte der damals führende Fernsehhistoriker Guido Knopp: »Jetzt hatten die Deutschen wieder etwas, worauf sie ohne innere Gewissensbisse stolz sein konnten. So gesehen war das >Wunder von Bern< die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland.«

Bei der Siegerehrung nach dem Spiel war die deutsche Nationalhymne gespielt worden, die deutschen Fans hatten die tabuisierte erste Strophe gegrölt, »Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt«, und der Schweizer Rundfunk war daraufhin aus der Übertragung ausgestiegen. Später ist Gras über die Sache gewachsen, im Wortsinn. Nach dem Abriss des alten Berner Stadions im Jahr 2001 überbrachte der Schweizer Botschafter dem deutschen Regierungschef ein Stück Fußballrasen für den Garten des Kanzleramts.

Noch Anfang 1954 stand in einem Manuskript Dolf Sternbergers die Passage: »Der Überschwang der ersten Strophe des >Deutschlandliedes<, so oft und peinlich von Ausländern getadelt, stand und steht zu der faktischen Lage des wirklichen Deutschlands […] in so schreiendem Widerspruch, daß niemand sichs getrauen kann, sie mit lauter Stimme zu singen.« Der nach dem Finale erschienenen Druckfassung des Textes wurde eine Fußnote beigefügt und der Irrtum eingeräumt.

Erwartbar erschrocken zeigte sich ein Kommentator der französischen Le Monde am 8. Juli 1954: »Jung, fest, begeistert singen die Deutschen, machtvoll, auf dass es die ganze Welt höre und wisse, dass Deutschland wieder einmal >über alles< erhoben ist. Nun fröstelt mich mehr und mehr, und ich sage mir: Achtung! Achtung!«

Am gleichen Tag hieß es in einem anonymen Zeit-Artikel klamm: »Es wird allmählich etwas beängstigend. In Madrid vor vierzehn Tagen gewinnt ein Deutscher die Weltmeisterschaft der Springreiter, am letzten Sonntag holt sich die deutsche Nationalmannschaft in Bern […] den ehrenvollen Titel eines Fußballweltmeisters und am gleichen Tage fährt Mercedes Benz zu Reims im Großen Preis von Frankreich allen seinen Konkurrenten auf und davon«. Ausgerechnet in Reims, wo neun Jahre zuvor die deutsche Kapitulation unterzeichnet worden war. Knapp drei Wochen nach dem Endspielsieg beruhigte Friedrich Sieburg in der Zeit: »Gesiegt hat bestes Fußballtum und sonst nichts. Dieser Sporterfolg hat keinen Stein auf dem politischen Felde verrückt – und auf dem moralischen erst recht nicht!«

Das sahen nicht alle so. DFB-Präsident Peco Bauwens verlautbarte bei einem Empfang der ›Helden von Bern‹ im Münchener Löwenbräukeller: »Dieser Sieg hat gezeigt, dass es Schatten auf dem Sport und dem deutschen Volk nicht mehr geben kann, wenn es jemand ehrlich mit uns meint.« Bundesinnenminister Gerhard Schröder wandte sich bei einem Empfang in Bonn an die Spieler: Wer »die Begeisterung für den Fußball gerade bei uns Deutschen und die zurückliegende Wirklichkeit der hinter uns liegenden Zeit kennt, wird auch Verständnis dafür aufbringen, dass gerade Ihr Sieg in Bern uns ein echtes und reines Gemeinschaftsgefühl geschenkt hat; es hätte in der gegenwärtigen Zeit kaum aus einem schöneren Anlass geschehen können. Glücklichere Nationen haben andere Anlässe oder Symbole, die ihnen solche Gefühle ermöglichen.«

Bundespräsident Theodor Heuss wiederum bemühte sich bei einem Empfang im Berliner Olympiastadion vor Zehntausenden um symbolische Schadensbegrenzung. Immerhin hatten sich ausländische Beobachter nach dem Berner Endspiel an die Berliner Olympiade von 1936 erinnert gefühlt. Heuss warnte vor einer Vermischung, gar Verwechslung von Sport und Politik und sagte zur Sicherheit die dritte Strophe des Deutschlandlieds vor, die dann auch brav gesungen wurde: »Einigkeit und Recht und Freiheit«. Die Süddeutsche Zeitung hatte schon zwei Tage nach dem Endspiel Nachhilfe geboten: »Für künftige Länderspiele veröffentlichen wir den Text unserer Nationalhymne.«

Ein von damals aus gesehen noch sehr ›künftiges‹ Länderspiel fand 1990 statt, eine Woche nach Inkrafttreten der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion und knapp drei Monate vor der Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Nachdem die deutsche Mannschaft mit einem Sieg über Argentinien Weltmeister geworden war, sangen die 40.000 Fans beim Empfang auf dem Frankfurter Römerberg weder die erste noch die dritte Strophe der Nationalhymne, sondern ein internationales Lieblingsstück bei Siegesfeiern: »We are the champions«, Refrain eines Hits der Rockgruppe Queen aus dem Jahr 1977.

Heuss hatte seinerzeit moralisch recht mit seiner Ermahnung. Aber faktisch sind Sport und Politik nicht zu trennen, mitunter nicht einmal Sport und Krieg. Zehn Jahre vor dem Heuss-Empfang spielte im Berliner Olympiastadion der Luftwaffen-Sportverein Hamburg vor 70.000 Zuschauern im Finale um die deutsche Meisterschaft gegen den SC Dresden. Am Vormittag dieses 18. Juni 1944 war ein amerikanisches Geschwader über Hamburg ins Abseits geflogen und hatte seine Bomben statt über der Werft Blohm & Voss über dem Gänsemarkt abgeworfen, der alle 150 vorhergehenden Angriffe auf die Stadt überstanden hatte. Die Hamburger Luftwaffensportler erfuhren kurz vor Spielbeginn von der Zerstörung. Der Fußballclub aus Dresden, das zu diesem Zeitpunkt baulich noch intakt war und erst im Februar 1945 in Schutt und Asche gelegt wurde, gewann das Endspiel mit 4:0.

Einer der Torschützen war Helmut Schön, später Trainerschüler von Sepp Herberger und 1974, zwanzig Jahre nach dessen Weltmeisterschaftsgewinn, selbst Trainer einer Weltmeistermannschaft. Der gebürtige Dresdener hatte Jahre vor dem 1964 angetretenen Job als Bundestrainer erst die Auswahl der sowjetischen Besatzungszone trainiert und dann, seit 1952, die des damals unter französischem Protektorat stehenden, noch nicht zur Bundesrepublik gehörenden Saarlandes. Bevor die deutsche, mit Wolfgang Hempel: die westdeutsche Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft in die Schweiz fahren durfte, musste sie sich der saarländischen – wie soll man es ausdrücken? – Nationalmannschaft stellen. So hatte es die Gruppenauslosung ergeben. Am 28. März 1954, gewissermaßen ›auf den letzten Drücker‹, fand in Saarbrücken das Qualifikationsspiel statt, wegen der staatsrechtlichen Situation ohne Länderfahnen und Nationalhymnen. Die Saarländer unterlagen mit 3:1. Helmut Schön soll Sepp Herberger gratuliert und ihn scherzhaft aufgefordert haben, da nun das Saarland nicht mehr Weltmeister werden könne, müsse das die Bundesrepublik schaffen.

Der Witz wurde Wirklichkeit, wie es in der Geschichte manchmal zu geschehen pflegt. Aber man stelle sich vor, die Saarländer wären nach Bern gefahren und ins Endspiel gekommen und hätten die Ungarn geschlagen. Was wäre aus dem ›Wunder von Bern‹ geworden, das so passgenau mit dem deutschen ›Wirtschaftswunder‹ einherging? Wäre womöglich die Bundesrepublik dem Saarland beigetreten und nicht wie zum 1. Januar 1957 das Saarland der Bundesrepublik? Übrigens wurde dieser Beitritt durch Artikel 23 des Grundgesetzes ermöglicht, der mit Seitenblick aufs Saarland formuliert worden war. Nach dessen Modalität erfolgte 1990 dann der Schnelligkeit halber auch der Beitritt der ›neuen Länder‹[8] zum Bundesgebiet, anstelle einer ›Vereinigung‹ der beiden deutschen Staaten im Sinne des Artikels 146 des Grundgesetzes mit einer neuen, gemeinsam ausgearbeiteten Verfassung.

So wenig wie Sport und Politik sind Sport und Geschäft zu trennen, schon gar nicht in »Deutschland, wo die Tüchtigen wachsen wie das Unkraut«, wie es süffisant in Martin Walsers Roman Ehen in Philippsburg von 1957 heißt. Die sportlichen Erfolge, nicht nur die fußballerischen, verbanden sich in vielfacher Weise mit den wirtschaftlichen. Adi Dassler, der Schuh- und Zeugwart der Berner Elf, wurde mit seiner Firma Adidas Teil des deutschen Wirtschaftswunders, ebenso sein Bruder Rudolf Dassler mit seiner Firma Ruda, seit 1949 Puma genannt. Beide Unternehmen wuchsen sich zu Weltkonzernen aus, das eine mit weltweit rund 62.000 Beschäftigten, das andere mit rund 19.600 Beschäftigten (beides Stand Ende 2024). Die Jahrzehnte währende Kooperation – manche mögen sagen: Kollaboration – zwischen Adidas und dem DFB wurde im März 2024 als nicht mehr verlängerbar bekanntgegeben. Von 2027 an werde der US-amerikanische Hersteller Nike die Ausrüstung der deutschen Nationalteams übernehmen.

Von großer Bedeutung für die Massenrelevanz des Fußballs war die Verbindung zwischen dem Sport und ›den Medien‹, die damals noch nicht so hießen, sondern einfach Radio und Fernsehen. In den 1950ern übertrugen die noch jungen öffentlich-rechtlichen Anstalten[9] bisweilen fünf Fußballspiele pro Monat, live und in voller Länge. Die regionale und nationale zeitliche Gleichzeitigkeit der Sporterlebnisse in den Stadien und vor den Bildschirmen wurde dann durch die Satellitenübertragungen gewissermaßen planetarisiert: global spielen – lokal zuschauen. Die Spielübertragungen von der Weltmeisterschaft in Mexiko erfolgten mit nicht einmal einer halben Sekunde Verzögerung.

Ab Mitte der 80er Jahre spielte der Aufstieg des Privatfernsehens bei der Kommerzialisierung des Sports eine Treiberrolle. RTL[10] erwarb die Senderechte für die Bundesligasaison 1988/89 für 40 Millionen DM, ARD und ZDF hatten vorher nicht einmal die Hälfte bezahlt. Die Saison 1990/91 kostete schon 80 Millionen. Zehn Jahre später, für die Saison 2000/01, zahlte SAT 1 in Euro 355 Millionen. Die Saison 2013/14 war 628 Millionen Euro wert. Die Rechtepakete für die Jahre 2021 bis 2025 waren mit über einer Milliarde Euro pro Saison veranschlagt.

Die Kommerzialisierung des Fußballs und des Sports, bis heute von Fans und Kommentatoren beklagt, eher nicht von Fußballern und Funktionären, entspricht der Kommerzialisierung des gesamten Lebens in der kapitalistischen Wohlstandsgesellschaft, ist also, nüchtern betrachtet, keine Pervertierung, sondern eine Normalisierung durch Professionalisierung. Auch bei den Olympioniken wurde der offiziell verpflichtende, aber oft umgangene Amateurstatus 1990 abgeschafft. Nach den olympischen Sommerspielen 2024 in Paris schüttete »World Athletics«, der Weltverband der Leichtathleten, erstmals Geldprämien aus: Rund 46.000 Euro für eine Goldmedaille.

Der sportlich generierte Wohlstand sollte von Anfang an allen zugutekommen, aber nicht allen gleichermaßen. Das veranschaulicht bereits eine Anekdote aus der Frühzeit. Fritz Walter bemerkte in seinem gleich nach dem Titelgewinn erschienenen Buch 3:2. Das Spiel ist aus