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Drei Dinge passieren gleichzeitig: Berufsstart als selbständiger Zirkuspädagoge, die Entdeckung der ultimativen Lieblingsband und der Ausbruch einer Krebserkrankung mit 29, die ihn zu einer folgenschweren Kursänderung zwingt. Der Protagonist fällt aus allen Wolken und bangt um sein Leben. Nach einer aussichtsreichen Diagnose überwiegt jedoch die Zuversicht. Eine Chemotherapie mit 90prozentiger Heilungschance lässt keinen Raum für Schwermut und bringt eine Menge ungeahnte Absurditäten und Abenteuer mit sich. Mit Hilfe von Freunden und Familie stolpert der zuversichtliche Held der Geschichte durch eine wilde Zeit der Genesung - von Klinikaufenthalten, Alltagsproblemen unter chemischen Keulen und zwischenmenschlichen Höhen und Tiefen im Licht eines Krankheitsstigmas.
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Seitenzahl: 204
Veröffentlichungsjahr: 2021
Epilog: Maybeshewill
Resident Evil
Familienkapsel
Benebelt in Bonn
Business Punk
Drainagen-Galgen
Händchen halten
Die coole Variante
Ein Mann, ein Becher
Schlechte Comedy
Der Zapfhahn
Illegalize it
Robert mit dem Tumor
Onkopsychologie
Pulp Fiction
Perspektivische Tiefkühlkost
Der Mann von der Tankstelle
Taxi Driver
Fun mit Jever
Bruce Willis
Der Zahnarzt im Mediamarkt
Glatzentheater
Red Hot Chili Peppers
Glatzenspaß
Der Lymphoma Fucker
Nüchtern unter Betrunkenen
Wo sind meine Leute da draußen?
Pipi bei den Philosophen
Mein Date mit der Hausarzthelferin
Mundschleimhaut
Kaltes Blut
Brow-Power
Abschied nehmen
Warum eigentlich?
Kniebeugen im Mediamarkt
Serienjunkie
Tausend Nadeln
Ein würdiger Abschluss
Prolog: Was für eine Entdeckung
April 2016
Ich stehe im Londoner Regen vor dem Koko. Die Schlange reicht fast einmal um den ganzen Block. Bei dem Konzert in Karlsruhe waren wir im Publikum vielleicht dreißig Leute. Die Band bat uns tatsächlich noch vor dem ersten Ton, näher zur Bühne zu rücken, damit sich die einzeln herumstehenden Konzertgäste in eine, wenn auch zierliche, Publikumsmasse verwandelten. Es tat mir damals ein wenig leid für die Jungs und gleichzeitig war ich trotzdem froh, so nah und im gefühlt privaten, wohnzimmerigen Rahmen das Konzert genießen zu dürfen.
Hier scheinen es deutlich mehr Besucher zu sein. Wie viele wohl? Ich bin unglaublich schlecht im Menschen-Massen-Schätzen. Vielleicht fünfhundert. Achthundert? Keine Ahnung, das Konzert ist jedenfalls ausverkauft (mit etwa tausendfünfhundert Gästen, wie mir das Internet am folgenden Tag verraten wird). Ich nähere mich dem Einlass. Regenschirm zu, Karte raus und rein zum Abschiednehmen.
Maybeshewill habe ich mit ihrem dritten Album entdeckt. Das wurde in einer Musikzeitschrift empfohlen und ich kaufte es in der Woche, als ich zum ersten Mal dachte, dass etwas nicht mit mir stimmte. Die beiden ersten Alben habe ich mir in der Woche vor Beginn meiner Chemotherapie bestellt. Maybeshewill sind meine Krisenbegleiter, waren immer dabei, beim Arzt, im Krankenhaus, auf dem Sofa, im Kopf sowieso. Das Konzert wird das letzte ihrer Karriere sein. Private Gründe. Vielleicht der Wunsch nach Familie und mehr Ruhe statt des Herumtourens. Wären etwa im passenden Alter, die Jungs. Sind alles Fantheorien, vielleicht hat sich die letzte Platte auch einfach scheiße verkauft. Aber ein Bandende zu Gunsten der Familienplanung könnte ich prinzipiell verstehen und als guten wie schönen Grund akzeptieren.
Anni ist beim ersten Versuch der Kinderwunschbehandlung schwanger geworden (meine natürliche Zeugungsfähigkeit ist leider während des Kampfes um meine Gesundheit auf der Strecke geblieben) und mittlerweile im siebten Monat.
»Flieg da hin!«
Sie hatte die Wichtigkeit der Nachricht und des sich daraus ergebenden Unternehmens wesentlich schneller durchschaut als ich. Denn ich saß fassungslos vor meinem Rechner und konnte die Trennungsnachrichten nicht so schnell verarbeiten. Das Ende einer Ära. Das Ende einer Band. Das Ende MEINER Band!
»Okay?«
Da war sie wieder, die fragende Überforderung mit der Situation. Ich schaute auf das Konzertdatum, zu Anni, ihrem Bauch, wieder zum Bildschirm. Falls mein Flieger abstürzen sollte, könnte Anni unserem Sohn später sagen:
»Dein Vater starb bei dem, was er liebte.«
Was für ein Quatsch, Fliegen mag ich aufgrund meiner leichten Flugangst doch überhaupt nicht. Da werde ich immer so hibbelig-schwitzig – schön ist das nun wirklich nicht.
Ich erinnere mich an einen Langstreckenflug von Bogotá nach Paris, den ich arbeitsbedingt nach einer Reise mit Anni verfrüht und alleine antreten musste. Neben mir saß eine mir vollkommen unbekannte Kolumbianerin und döste vor sich hin. Ich dagegen schwitzte vor mich hin, da unser Flieger direkt nach dem Start in bei mir Schwindel erregende Turbulenzen geriet. Wahrscheinlich zitterte die Maschine lediglich sanft, ich bin einfach sehr ängstlich in solchen Situationen. Dann sackte das Flugzeug gefühlte hunderte Meter in ein Luftloch und ich griff krampfhaft nach meiner Armlehne, einer unkontrollierbaren körperlichen Impulsreaktion Folge leistend. Wie der Zufall es wollte, lag die Hand meiner schlafenden Sitznachbarin entspannt und zitter- wie luftlochschreckresistent auf eben dieser Armlehne. Ich brauchte ein paar Sekunden, um meinen Schreck zu verdauen und blickte dann in die fragenden Augen meiner kolumbianischen Flugbegleitung, die erfolglos versuchte, ihre Hand unter meiner festkrallenden und schwitzigen Pranke hervorzuziehen.
Vielleicht, wenn ich mit Maybeshewill auf den Kopfhörern abstürze, da wäre dann schon durchaus Liebe und Leidenschaft im Spiel. Worüber denke ich hier eigentlich nach? Überlegt Anni wahrscheinlich auch, denn sie runzelte fragend die Stirn, um meine lange Stille sanft zu kommentieren. Also: Ich werde nicht abstürzen, sondern meine Chemoband gebührend verabschieden.
»Okay! Ich flieg da hin!«
Gleich zwei Ausrufezeichen. Ging doch.
Ich stehe im Konzertsaal inmitten von britischen Fans und trage mein leider sehr stark eingelaufenes Fanshirt, das ich Wochen nach meiner letzten Chemo beim Konzert im Karlsruher Jubez gekauft habe. Bevor mir meine als »Port« bezeichnete, implantierte Chemo-Einlaufhilfe entfernt wurde, konnte man diese unter dem Stoff als geheimnisvollen Knubbel über meiner rechten Brust wahrnehmen. Das Shirt sitzt wirklich sehr eng. Jetzt ist der Knubbel weg, nur eine eindrucksvolle (und wie ich finde, sehr coole) Narbe ist geblieben, aber die sieht man leider nicht durch das Shirt. Eigentlich wäre das schon sehr lustig und vor allem bedeutungsschwanger, wenn das Shirt an dieser Stelle durch den einjährigen Portdruck von innen etwas abgenutzter wäre. Dann würde sich irgendwann die Baumwolle klagend zurückziehen und den Blick auf meine schicke Portnarbe freigeben. Und das wäre dann das ultimative Symbol dieser Geschichte. Ich, mit Maybeshewill-Fanshirt und einem Kurz-über-Brust-Riss, der den Blick auf meine (tatsächlich recht imposante, weil einfach große) Portnarbe freigibt. Falls ich mal ein Buch über das Ganze schreiben sollte, dann habe ich schon eine Idee für das Cover. Oder gleich ein Film: »Der Hodgkin-Veteran«. Halte ich dann auf dem Filmplakat einen Beutel orange Chemobrühe in der Hand? Und wer wird mich spielen? Und Anni? Und Barbara? So viele Fragen, die ich auf später verschiebe, denn jetzt fängt das Konzert an. Die Setlist ist eine Art Krebstagebuch:
Zu »Take This To The Heart« bin ich rastlos während der beschissenen drei Diagnosewochen durch die Maisfelder der schwäbischen Pampa (wo Anni zu diesem Zeitpunkt arbeitete) gestreunt und versuchte die Situation ertragbarer zu rationalisieren.
»Co Conspirators« habe ich vollgepumpt mit orangem Chemo-Smoothie und entsprechend high bis unters Dach vor dem Heidelberger Krankenhaus beim Warten auf mein Privattaxi gehört und gefeiert.
Im Wald habe ich zu »The Paris Hilton Sex Tape« gedanklich meinen Besitz unter Familie und Freunden testamentarisch aufgeteilt. Nur für den Fall, war ja zu dem Zeitpunkt noch alles möglich.
Völlig schlapp und bewegungsunfähig habe ich Anni auf dem Sofa in unserer Heidelberger Wohnung von »… In Another Life When We Are Both Cats« vorgeschwärmt.
»He Films The Clouds Pt. 2« ist quasi die ganze Reise in einem. Der vermeintliche »Hit« (einer verhältnismäßig kleinen, eher unbekannten Band) ist mein Krebslied. Mein »Power-Song« zu Zeiten, als ich durchaus regelmäßig ein wenig Power vertragen konnte.
Ich hörte meinen Power-Song auch nach meinem letzten Besuch bei Frau Tenschert, die mir verkündete, dass ich jetzt – genug Zeit ist wohl nach meiner erfolgreichen Chemotherapie vergangen – nach der offiziellen Lymphdrüsenkrebs-Statistik als geheilt gelte und nun bitte einen Sekt aufmachen solle. Als ich ihr mitteilte, dass Anni nach einer erfolgreichen Kinderwunschbehandlung nun schwanger sei, hat sie mich in einem unkontrollierten Gefühlsausbruch umarmt. Meinen Plan, zum letzten Maybeshewill-Konzert nach London zu fliegen, segnete sie ebenfalls lächelnd ab.
»Machen Sie, was Ihnen guttut. Ich glaube, Sie haben dafür ein ganz gutes Händchen.«
Sie spielen »He Films The Clouds Pt. 2« als letzten Song der Zugabe, als letzten Livesong ihrer Karriere. Ich stehe mit Gänsehaut inmitten von begeisterten Fans. Mein mir unbekannter Nebenmann weint. Ich kurz darauf auch. Ich sehe meine Chemoband und gleichzeitig tatsächlich so ein Film-Rückblenden-mäßiges Best-of meines Abenteuers vor meinem inneren Auge. Dann ist es vorbei. Robin auf der Bühne weint jetzt auch und verbeugt sich ein letztes Mal mit seinen Kumpels für und vor uns. Dann gehen sie ab, das Licht an, ich muss noch stehen bleiben und klarkommen. Das Fanshirt spannt. Die Zeit nach Maybeshewill beginnt.
September 2011
Wie zum Teufel bin ich nach Hause gekommen? Mein Auto steht auf dem Parkplatz vor der WG, ich sitze auf dem Fahrersitz und habe den Zündschlüssel in der Hand. Wie konnte Dr. Arschloch verantworten, dass ich in so einem Zustand Auto fahre?
»Die werden Sie jetzt erstmal komplett auseinandernehmen und dann wieder zusammensetzen«, echot es in meinem Kopf. »Strahlentherapie und/oder Chemotherapie, genau kann ich Ihnen das zu diesem Zeitpunkt nicht sagen.«
Ich denke erstaunlich pragmatisch. Ich rufe meine Chefin an und sage ihr, dass ich bis auf Weiteres nicht mehr zur Arbeit kommen werde. Weil ich anscheinend etwas Schlimmes habe, was nach einer Chemotherapie und langer Zeit im Krankenhaus verlangt. Sie sagt irgendwas Verständnisvoll-Besorgtes. Ich habe keine Ahnung, was genau. Ich lege auf.
Dann rufe ich bei meinen Eltern an. Beide sind zu Hause und haben anscheinend auf meinen Anruf gewartet. Mein Vater ist Radiologe und hat wahrscheinlich schon lange vor mir gewusst, dass mein Gesundheitsstatus gerade ganz und gar nicht in Ordnung ist. Dafür nimmt er jetzt die Zügel in die Hand.
»Pack deine Sachen, für länger. Wir holen dich ab – alle weiteren Untersuchungen organisiere ich. Wir sind in fünf Stunden da.«
Ich stimme zu, vollkommen in Schocktrance, und stehe plötzlich in meinem Zimmer. Meine Mitbewohner Jona und Michi höre ich aus der Küche und denke, dass ich die beiden wohl über meine spontanen Urlaubspläne nach Bonn aufklären sollte.
Beide schauen mich erschrocken an, da ich anscheinend irgendwas zwischen leicht und vollkommen derangiert wirke. Erst stammelnd, dann weinend erzähle ich meine Situation und beide stehen sie da, fassungs- und sprachlos. Dann sagen sie lauter nett gemeinte Dinge, die völlig an mir vorbeiziehen, da ich nicht mehr richtig aufnahmefähig bin. Jona nimmt mich in den Arm, ich weine, er wiederholt irgendwelche wahrscheinlich netten und einfühlsamen Dinge. Irgendwann, vielleicht nach Sekunden, vielleicht nach einer halben Stunde, lasse ich ihn los und fühle mich ansatzweise aufnahmefähig.
»Wenn du dich nach dem Packen ablenken willst, können wir gerne ’ne Runde zocken«, schlägt Jona mit schon fast absurdem Ernst in der Stimme vor. Ich nicke mit zitternden Lippen. Und gehe zum Packen in mein Zimmer.
Mein Rucksack steht vor mir auf dem Boden und ich frage mich, was ich wohl alles vergessen werde. Und was ich überhaupt brauche. Was packt man denn ein, für eine Reise ins Ungewisse? In jedem Fall einen MP3-Player. Ohne den geht gar nichts, auch kein Abschied in die ewigen Jagdgründe. Ob ich vielleicht zwischendurch Lust haben werde, ein neues Buch anzufangen? Was sind wohl praktische Krankenhausklamotten »für länger«? Und wie lang ist das eigentlich? Und der Gaming-Laptop? Für so einen Moment sollte es Listen geben, denke ich und google mein Dilemma. Ich finde leider keine brauchbaren Tipps. Lediglich, wie ich meine Arbeitsvertretung »vernünftig« regeln kann. Die ist mir gerade aber so was von egal, ich habe die Verhaltenskategorie »vernünftig« beim Verlassen der Schreckensnachricht-Praxis hinter mir gelassen und packe einfach mal ein, was mir in meinen wirren Kopf schießt. Falls das Ganze gut ausgehen sollte, werde ich eine Packliste für genau so eine Situation schreiben. Hoffentlich darf ich irgendwann diese Packliste schreiben! Wenig oder sehr viel später – mein Zeitgefühl ist komplett aus den Angeln gehoben – ist mein Rucksack maximal schlecht gepackt und platzt aus allen Nähten. Mehr ist in diesem Fall bestimmt mehr, denke ich und überlege dabei, dass dieser Titel eine tolle URL für meine Packliste wäre. Ich schreibe mir eine Notiz ins Handy »mehr-ist-mehr. de kaufen!«
Dann klopfe ich an Jonas Tür. Wir spielen Resident Evil 5 zusammen. Jona ist ein muskelbepackter Schönling (im Leben wie im Spiel) und ich verkörpere eine ansehnliche Dame namens Sheva. Zusammen versuchen wir den schier unerschöpflichen Zombiehorden Herr zu werden und schießen, schlitzen und schlagen uns durch die Untoten.
Ich stelle den Umständen entsprechend verblüffend amüsiert fest, dass meine Gedanken ausschließlich um die Vernichtung des tödlichen Kettensägen-Duos kreisen und nicht um meine ungewisse gesundheitliche Zukunft. Jona und ich waren nie besser. Mit jedem Schuss und jedem gefallenen Zombie steigt meine Stimmung und erst ist Jona verhalten verblüfft über Eifer und Spielspaß meinerseits, dann lässt er sich anstecken und wir zocken uns in einen blutigen Rausch.
Irgendwann klingelt mein Wecker und signalisiert, dass meine Eltern gleich ankommen dürften. Wir stehen gerade in einem Sumpf und erwehren uns der hungrigen Krokodile mit vereinter Feuerkraft. Den Zombies am nahegelegenen Pier wachsen Insekten aus dem Kopf. Irgendwo wird schon wieder eine Kettensäge angelassen. Ich lege den Controller zur Seite und stehe auf. Jona sieht mich an und nickt mir zu. Falls wir uns nicht wiedersehen sollten, hatten wir definitiv einen schönen letzten Nachmittag miteinander. Ich blicke nochmal zum Fernseher und dem pausierten Spiel, dann zur Hülle des Spiels auf dem Tisch. Resident Evil – das ist wirklich so absurd passend, das glaubt mir doch niemand. Ich hoffe inständig, dass ich das irgendwann noch jemandem erzählen darf.
Wir weinen alle erstmal eine Weile vor uns hin, dann sagt mein Vater so antriebslos und leise, wie ich ihn sonst noch nie erlebt habe:
»Na dann mal los.«
So ähnlich habe ich ihn zuletzt reden hören, als wir familiär Händchen haltend am Grab meines Großvaters mütterlicherseits standen und alle nicht so recht wussten, was auf einer katholischen Beerdigung in welcher Reihenfolge abzulaufen hatte und ob uns das in irgendeiner Form überhaupt interessieren sollte. Meine Mutter wirkt tatsächlich auch so wie bei der Beerdigung ihres Vaters. Sie weint am längsten von uns dreien.
Kurz darauf sitzen wir in der elterlichen BMW-Bonzenschleuder (von mir liebevoll-spöttisch »Lord BoSchl« getauft und von meiner Mutter begeistert angenommen sowie konsequent benutzt) und verlassen das bereits dämmernde Coburg in Richtung Autobahn nach Bonn.
Wann saßen wir das letzte Mal in der Dämmerung gemeinsam im Auto? Beim letzten Familienurlaub mit dem Campingbus in Frankreich wahrscheinlich. Da war ich fünfzehn. Es fühlt sich so ein bisschen an wie damals, denke ich. Die Lichter der Stadt im elterlichen Auto flackern wie eine Diashow vergangener Tage. Ich sitze vollkommen emotional überfordert und erschöpft auf dem Beifahrersitz (Mama: »Du hast doch so lange Beine – ich geh nach hinten!«) und sinniere über unsere vergangenen Familienurlaube. Hinter mir schnaubt meine Mutter in ihr Taschentuch. Neben mir blickt mein Vater mit starrer Miene auf die Straße. Die Umstände könnten nicht beschissener sein, und doch genießt irgendein Bereich meines Hirns diese unerwartete familiäre Nostalgiezusammenkunft.
Wir fahren eine Weile schweigend, da keiner von uns weiß, wie man sich bei so einer unkatholischen Krebsdiagnose verhält. Oder ob das nicht alles total egal ist. Allerdings bin ich in diesem Beispiel ja die Masse an katholischem und passivem Druck erzeugenden Beerdigungsgästen, wie absurd ist das eigentlich. Ob mein Großvater jetzt gesagt hätte, dass meine Erkrankung so eine Art Prüfung von oben sei? Ich hoffe nicht, ich glaube es eigentlich auch nicht. Ich denke, es hätte ihn in einem Maße fertiggemacht, dass ich irgendwie froh bin, ihn damit zu verschonen. Da meine Eltern also laut meinem überforderten Hirn sich schlicht nicht trauen, irgendwas zu sagen, muss ich die Konversationsleere im Innenraum von Lord BoSchl füllen.
»Und, wart ihr in letzter Zeit nochmal im Kino?«
Stille neben mir, Stille auf der Rückbank.
»Als das einzig lebensbedrohlich erkrankte Familienmitglied verlange ich nach trivialer Unterhaltung.«
»Wir haben letztes Wochenende den neuen Lars von Trier gesehen.«
Meine Mutter antwortet verheult, aber gefühlt erleichtert ob der klaren Gesprächsvorgabe.
Ich: »Melancholia? Vielleicht war das ein Omen?!«
Mama: »Jensi!«
Wie immer, wenn überfordert, flüchte ich mich in Blödelhumor und mache es dementsprechend nachvollziehbar etwas anstrengend für meine liebenden Eltern. Vielleicht sollte ich mich etwas zügeln, den beiden zuliebe.
»Sieht man da nicht Kirsten Dunst nackt?«
Es geht nicht. Ist das jetzt eine klassische Übersprungshandlung? Oder sind meine Eltern jetzt die katholischen Greise auf der Beerdigung meines Großvaters und ich verstoße gegen die ungekannte Etikette?
»Scheiße!«
Mein Vater meldet sich lautstark zu Wort und schlägt mit beiden Händen auf das Lenkrad. Ich denke ganz kurz, dass das jetzt so ein Filmmoment ist, dass alles rausbricht aus Papa, der in die Dunkelheit starrend die Situation gewälzt hat und sie schlichtweg nicht mehr erträgt. Aber das ist es nicht.
Vor uns schlängeln sich statische rote Rücklichter bis zum Horizont. Wir halten an. Ein paar Autos vor uns stehen auf der Autobahn und Leute rauchen, telefonieren, schlendern.
»Das scheint wohl länger zu dauern«, melde ich mich mit detektivischem Scharfsinn zu Wort. Es dauert länger. Es dauert tatsächlich drei Stunden.
Der Stau löst innerhalb von Minuten meine Krebsdiagnose als den gemeinsamen Feind ab. Da ich ja bereits schon zuvor meine Bereitschaft für trivialere Themen als lebensbedrohliche Krankheiten kommuniziert habe, kommen meine Eltern nun flott mit ins Boot, aus dem Wagen und wir spielen das komplette Theaterstück »Familie im Stau«:
»Da bewegt sich gar nichts!« Papa deutet wage in Richtung Horizont.
»Dann können wir uns ja die Füße vertreten gehen.« Mama lehnt sich seufzend ausatmend an Lord BoSchls Seite.
»Ich geh mal pinkeln«, sage ich und gehe pinkeln.
Nach etwa einer Stunde beschließen wir, etwas zu schlafen. Ich weiß nicht, ob die beiden wirklich eingeschlafen sind, ich bin es natürlich nicht. Ich sitzliege auf meinem halb heruntergefahrenen Vordersitz und schaue auf meine eventuell simulierenden Eltern. Und es ist hier in diesem Moment, dass mein Hirn umschaltet von »Was zum Teufel passiert gerade mit mir und was soll ich tun?« zu »Lass Mama und Papa einfach machen«. Ich fühle mich auf die allerbeste Art und Weise jetzt auch in Sachen »Nicht Draufgehen« bestens betreut. Papa wird seine Ärzte-Kumpels abtelefonieren. Mama wird mit mir von Termin zu Termin fahren. Abends werden wir Wein trinken. Vielleicht wird alles wieder gut werden. Und: Ich sollte schleunigst Melancholia sehen. Kirsten Dunst! Nackt!
Ich bin mit meinem im Nachhinein überraschend gut gepackten Reiserucksack wieder bei meinen Eltern eingezogen. So fühlt es sich an, es ist wie früher. Meine Mutter kümmert sich um meine Wäsche und die Mahlzeiten. Abends sitzen wir zu dritt bei einem Glas Wein im Wohnzimmer und quatschen. Ich bin quasi wieder ein Teenager, da Job, Steuererklärung und Ähnliches aus meiner akuten Lebensphase einfach verschwunden sind. Ich bin nur hier, mein altes Leben in Coburg hat einfach aufgehört zu existieren. Was nicht ganz in meine Erinnerungen an meine Jugend bei meinen Eltern passt, sind die ganzen Arztbesuche, meine oft weinende Mutter, mein sehr ernst dreinblickender Vater und die Gespräche über meine Gesundheit. Und meine Todesangst.
Mit jedem Arztbesuch wird mir ein wenig mehr klar, dass, falls die Kacke so richtig am Dampfen sein sollte, meine Überlebenschancen eventuell recht mickrig sein könnten. Die ganze Beschäftigung mit meinem möglichen Ableben macht komische Dinge mit mir.
Anni ist zu Besuch und wir gehen durch die Stadt, um einfach irgendwas zu machen. Die heutigen Arztbesuche sind erledigt, es ist traumhaftes Wetter, die Menschen tummeln sich in den Außenbereichen von Cafés und Kneipen. Ich halte Annis Hand, da ich sonst sehr wahrscheinlich verloren gehen würde, in der Stadt, in den Menschen, aber vor allem: in mir. Ich fühle mich so gar nicht Teil dieses ganzen spätsommerlichen Frohsinns, dackele einfach wie ein trotziges Kind an Annis Hand durch die Fußgängerzone und sinniere über Leben und Tod.
Dann passiert etwas Merkwürdiges: Alles um mich herum wird leise und verschwindet in einer Art Nebel. Der ist allerdings nur da, wenn ich nichts fokussiere. In dem Moment, wenn ich mir visuell meine anscheinend mittlerweile auch Geisteskrankheit bestätigen will, kann ich wieder klar sehen. Nur ist mein normaler Zustand so dermaßen nichtkonzentrativ und fokussiert, dass ich nach einigen Minuten an Annis Hand in einer kleinen Realitätsblase durch den nebelig gedämpften Spätsommerwahnsinn Bonns gleite. Ich nehme auch kaum noch Geräusche oder Stimmen wahr, der Nebel schluckt einfach alles, was um mich herum geschieht. Was der Kopf so alles macht, wenn er mit der Gesamtsituation überfordert ist, denke ich. Im Grunde genommen einfach Reizreduktion, da mein Hirn sonst wahrscheinlich explodiert oder implodiert oder sonst irgendwie abschaltet. Welch charmanter Schutzmechanismus, die Welt um mich herum dafür in wattigen Nebel zu packen. Es sind Erkenntnisse wie diese, die mich in diesen Tagen lächeln und meine Mutter weinen lassen.
Wir setzen uns in ein Café und bestellen Wein. Alles ist jetzt erlaubt, keine Verpflichtung zwingt mich zur nachmittäglichen Nüchternheit. Die Realität ist entweder unerträglich oder vernebelt, also gerne ein Rausch, vielleicht ändert das irgendwas zum Besseren. Während wir auf den Wein warten, öffnet sich die Tür in unsere Nebelblase und Henning, mein ältester Schulfreund, kommt herein.
»Ich frag jetzt besser nicht, wie es dir geht.«
Er kennt die ganze Geschichte natürlich schon und ich erkläre ihm rasch, dass ich gerade wirklich neben der Spur bin und ein alkoholinduzierter Rausch mir als eine sinnvolle Gegenmaßnahme zu meiner fortschreitenden Vernebelung erscheint.
»Wunderbar, ich muss heute eh nicht mehr arbeiten!«
Henning ist ein schönes Beispiel unserer »Gestern Computernerd, heute Großverdiener«-Generation und hatte bereits eine eigene Firma, als wir noch zivildienstleistend unser Hirn nach Berufsperspektiven durchforsteten, die im besten Fall größtmögliche Leidenschaftsschnittmenge aufweisen sollten. Ich weiß nie so genau, an was er gerade arbeitet und wie gut oder schlecht es seiner Firma geht, aber er hat immer Geld und Lust auf alkoholische Getränke, bevor die Sonne untergeht. Na dann!
Nach dem ersten Glas Wein lässt Anni uns Jungs ein wenig Nostalgiefreiraum und trifft meine Mutter für ein wenig Krisen- und Schwiegershopping in der nahegelegenen Einkaufsstraße. Henning und ich trinken erst ein zweites, dann ein drittes Glas und sind bei den ganz großen, intellektuellen Themen angekommen.
»Julia aus der B hab ich letztens beim Zahnarzt getroffen. Die ist jetzt ’ne Tonne!«
Es ist einfach herrlich. Und während wir so unsere gemeinsamen KlassenkameradInnen von früher liebe- und niveauvoll auf Neuigkeiten durchkämmen, bemerke ich: Der Nebel ist weg!
Und ich habe tatsächlich bestimmt eine halbe Stunde nicht über meine Sterblichkeit, die blöde Krebsscheiße und Gesundheitsperspektiven nachgedacht. Was ich jetzt natürlich gerade wieder tue. Mist! Aber es geht, ich kriege die Kurve locker zum Nostalgieblödeln mit Henning. Wir bestellen noch einen Wein und ich frage mich irgendwann, ob das der Grund ist, weswegen Menschen Alkoholiker werden. Wenn das eigene Leben so scheiße ist, dass die Nebelblase zuschlägt und man ohne Volksdrogen nicht mehr normal in und auf die Welt schauen kann. Das passt jetzt aber überhaupt nicht zu unserer beschwingten Unterhaltung, denke ich und frage Henning lieber etwas Substantielleres:
»Und hast du die Jana aus unserer Klasse nochmal getroffen. Die sah ja damals immer richtig scheiße aus.«
»Ja, hab ich. Sieht immer noch scheiße aus.«
Das sind dann so Konstanten, an die ich mich beschwipst und gerne klammere.
Mein Krankenhaus liegt direkt am Waldrand und heißt deswegen auch einfach nur Waldkrankenhaus. Hier darf ich ein paar Tage verbringen und mir ein Stück Lymphknoten zur weiteren Untersuchung und Bestimmung meiner Krebsvariante entnehmen lassen. Mit mir auf dem Zimmer liegt Björn. Björn ist Unternehmensberater, mein Alter, und muss irgendwas in seiner Nase richten lassen. Nachdem er mich einmal nach meinem Krankheitsbild gefragt hat und ich ihm, so gut es geht, versucht habe zu erklären, was wahrscheinlich Sache ist, war das Gesprächsthema »Und warum bist du hier?« aufgrund seiner Betroffenheitsstarre durch. Stattdessen erzählt mir Björn einen Schwank aus seinem Arbeitsleben, welches so gar nichts mit meinem zu tun hat. Er habe immer ein ganz bestimmtes Fitnessvideo auf seinem Laptop dabei, das mache er nach Möglichkeit jeden Morgen vor dem ersten Termin.
»Braucht nicht viel Platz, geht in jedem Hotelzimmer.«
Er scheint wohl auch nahezu jeden Morgen Zeit für die geplante Hotelzimmerturnerei zu finden, so durchtrainiert wirkt er unter seinen offensichtlich sehr teuren Krankenhausklamotten. Was Björn so erzählt, spielt sich sein Arbeitsleben (leicht übertrieben) etwa jede Woche auf einem anderen Kontinent ab. Am Laptop sitzt er meist im Flugzeug, da er danach keine Zeit mehr dafür hat. Es müssen ja Kunden beraten und Muskeln gestählt werden. Jetzt hat er sich Urlaub für seine Nasen-OP genommen. Irgendwas funktioniert da nicht mehr so richtig mit der Nasenscheidewand und muss gerichtet werden, damit er wieder vernünftig Luft bekommt. Ich spare mir die Nachfrage, ob das vielleicht vom vielen Koksen kommt, wie ich es in diesen Gehaltsklassen für üblich vermute. Björn sieht allerdings auch gar nicht aus wie Held Stuckrad-Barre auf Abwegen, eher unanständig frisch und gesund. Wie wir zwei nicht unterschiedlichere Leben führen und Gesundheitsprobleme beherbergen könnten, denke ich mir. Ich mag Björn, er ist angenehm selbstironisch und unaufgeblasen in den Erzählungen seiner Karriere. Ich glaube, für Menschen wie Björn gibt es überhaupt den Begriff »Karriere machen«. Er macht sie gerade.
Vor unserem Krankheitsgespräch hatte Björn mir noch eine Zeitschrift geschenkt, die ihm seine Mutter ans Krankenbett gebracht hat. Der Titel der Zeitschrift lässt mich über den Inhalt grübeln: Business Punk
