9,49 €
Aus hunderten Briefen, einigen Memoiren und einer großen Anzahl von Zeitungsausschnitten, alle aus dem 19. Jahrhundert, entwickelt der Autor faszinierende Lebensbilder aus dem Kreis seiner Familie. Gelingen und Scheitern, Erfolg und Misserfolg, Glücksfälle und Katastrophen lagen stets nahe beisammen, im übertragenen Sinn waren das Schlösser und Luftschlösser. Da lässt sich zunächst die Berufslaufbahn eines kurz nach 1800 geborenen Forstmeisters verfolgen, der aus seinem beengenden Wirkungskreis im Böhmerwald ausbricht, um sich in Schlesien besser zu verwirklichen. Nach großen Anfangserfolgen im neuen Wirkungskreis erkrankt er schwer, scheitert im Beruf und stirbt. Von der Bilderbuchkarriere des Alois Hermann erzählt der zweite Teil. Aus wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen im damals österreichischen Oberschlesien stammend, wächst er mit einem slawischen Dialekt als Muttersprache auf, erreicht mit zähem Fleiß und hohem Talent die Matura und absolviert in Wien das Jusstudium. Nach der Revolution 1848 entwickelt er sich im Unterrichtsministerium unter Graf Thun-Hohenstein zum Spezialisten für das Volksschulwesen und ist federführend bei der Abfassung des Reichsvolksschulgesetzes 1869 tätig. Die wechselnden politischen Strömungen von 1848 bis zu seiner Pensionierung 1891 - er diente unter 17 Ministern - hat er in seinen Memoiren plastisch dargestellt. Ein umfangreicher Briefwechsel mit seiner Braut in den Jahren 1862 und 1863 bildet den vergnüglichen privaten Kontrapunkt dazu. Thema des dritten Abschnitts ist die Jugend seiner drei musikbesessenen Kinder Albert, Johanna und Tona Hermann und ihre Entfaltung im Umfeld der Wiener Musikszene vor 1900. Der Leser erfährt viele Details zu bedeutenden Veranstaltungen wie der Internationalen Ausstellung für Musik und Theaterwesen 1892, zu wichtigen Opernaufführungen und zu herausragenden Persönlichkeiten des Wiener Musiklebens wie Eduard Hanslick, dem Musikwissenschaftler Guido Adler, dem Musikverleger Albert Gutmann und zum sensationellen Auftritt des Wunderknaben Bronislaw Huberman. Breiter Raum ist der Zusammenarbeit der Wiener Singakademie mit Albert Ritter von Hermann gewidmet, der 1895, nur 31 Jahre alt, plötzlich verstarb.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 400
Veröffentlichungsjahr: 2020
Wirkliche Schlösser spielen in dieser
Familiengeschichte nur Nebenrollen.
Luftschlösser gab es häufiger.
Schlösser und Luftschlösser,
damit meine ich
alle Wechselfälle des Lebens:
Gelingen und Scheitern,
Erfolg und Misserfolg,
Glücksfälle und Katastrophen,
Gaben des Schicksals, mit denen die
handelnden Personen dieses Buchs
in reichem Maß bedacht wurden.
VORMÄRZ: ENTTÄUSCHTE ERWARTUNGEN
Friedrich von der Decken
Vorgeschichte: Schloss Worlik
Friedrich von der Decken
Die Briefe von Friedrich und Johanna
Reise nach Prag
Reise nach Linz
Woinowitz
Taufe in Breslau
Zurück in Orlik
Geburt von Antonia
Reise nach Ratibor
Friedrich Graf Stolberg-Wernigerode
Die Herrschaften Lodygowice, Wilkowice und Sielce
Tage der Entscheidung
Friedrichs Vertrag mit Stolberg
Friedrich in Wien
Thomas Halirsch
Lodygowice
Köthen
Friedrich erhält Generalvollmacht
Johanna in Ratibor
Zukunftspläne scheitern
Kuraufenthalt bei Priessnitz
Verstimmung in Lodygowice
Ende der Kur in Gräfenberg
Johanna wieder in Ratibor
Die Briefe von 1847
NACH DER REVOLUTION: EINE BEAMTENKARRIERE
Alois Hermann
Kindheit und Jugend
Studium in Wien
Politische Tätigkeiten
Bei der Grundentlastungskommission in Schlesien
Bei der Landesschulbehörde in Schlesien
Exkurs: Politische Entwicklung nach 1848
Kalchbergs Abschied
Dienstantritt im Unterrichtsministerium
Anton Krombholz
„Titel und Rang“ eines Ministerialsecretärs
Heiratspläne
Johanna von der Decken in Prag
Die Familie nach Johannas Tod
Die Wohnung von Alois
Die Brüder Joseph und Albert
Die Mutter von Alois
Alltag im Unterrichtsministerium
Die Gehaltsansprüche
Wohnungssuche
Ende der Vormundschaft Antonias
Freizeitgestaltung in Wien
Auf der Hochzeitsreise
RINGSTRASSENZEIT: LEBEN FÜR DIE MUSIK
Albert, Johanna und Tona
Die „Erinnerungen“ von Johanna
Josef Böhm
Alberts Gymnasialzeit
Der Ambros‘sche Nachlass
Alberts Studentenjahre
Rudolf Weinwurm
Albert in Krems
Zurück in Wien
Rückblick: Die Kunst in der Familie Hermann
Guido Adler
Neue Aufgaben
Albert Gutmann
Alois Hermann bis zur Pensionierung 1891
Albert und Henriette heiraten
Neue Pläne
Ausstellung für Musik und Theaterwesen 1892
Die Wiener Singakademie nach der Ausstellung
Die Kaiserkompositionen
Alberts Wirken bei der Wiener Singakademie
Das „Weihnachtsspiel“
Albert als Dirigent
Weitere Aktivitäten
Bronislaw Huberman
Albert als Wissenschafter, Schriftsteller und Journalist
Dissertation Antonio Salieri
Rückschau und Ausblick
Quellenverzeichnis
Literaturverzeichnis
Genealogische Übersicht
Abbildungsnachweis
In den vier Generationen, von denen hier die Rede sein wird, hat keiner meiner Vorfahren Grund und Boden oder gar ein Schloss besessen. Als mein Urgroßvater Alois Hermann, der wiederholt ausgezeichnete Ministerialbeamte, statt einer finanziellen Abgeltung eine neue Ehrung erhalten sollte und gefragt wurde, ob er Baron werden wolle, soll er geantwortet haben: „Wenn man mir ein dazu passendes Schloss schenkt …“
Abbildung 1: Schloss Worlik, historische Ansicht
Dennoch soll meine Geschichte auf einem böhmischen Schloss beginnen. Es hieß am Anfang des 19. Jahrhunderts Worlik, „der Adler“, gehörte dem Fürsten Schwarzenberg und stand inmitten eines riesigen Waldgebietes auf einem Felsen 60 Meter hoch über der Moldau. Heute heißt das Schloss Orlik und steht auf demselben Platz, sieht aber aus wie ein Wasserschloss, denn nur wenige Meter unterhalb befindet sich der Wasserspiegel des riesigen Moldau-Stausees, der in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts angestaut wurde.
Anfang des 19. Jahrhunderts war es zu einer Teilung des riesigen Vermögens der Familie Schwarzenberg gekommen. Karl I., der spätere Sieger in der Völkerschlacht von Leipzig, erhielt als Begründer der Sekundogenitur den wesentlich kleineren Teil der Besitzungen. Er wählte zu seinem Stammsitz das Schloss Orlik und beschloss es um- und auszubauen. Während der Umbauarbeiten brannte 1802 das Schlossgebäude ab.
Dieser Brand führte zu einer Verzögerung und Änderung der ursprünglichen Pläne. Im Zuge des nunmehrigen Wiederaufbaus wurde das Schloss im klassizistischen Stil wesentlich verändert, vor allem wurde ein drittes Stockwerk aufgesetzt.
Alle diese Ereignisse um die Schaffung eines repräsentativen Sitzes für die neu entstandene zweite Linie der Familie Schwarzenberg dürften der Anlass gewesen sein, der einen meiner Vorfahren, den 1772 geborenen Bauingenieur Franz Josef Ludwig Hüttenbacher, nach Orlik führte. Hüttenbacher stammte aus Wien. Sein Vater, ein Doktor der Medizin und Philosophie, war aus Passau nach Wien zugezogen, hatte hier 1770 die Tochter eines Advokaten geheiratet und war noch vor der Geburt seines Sohnes im Alter von 30 Jahren gestorben.
Über Franz Hüttenbachers Kindheit und Jugend in Wien geben die vorhandenen Quellen keine Auskunft. Obwohl er Halbwaise war, erlangte er aber offenbar eine solide technische Ausbildung. Denn in Orlik wird er einmal als „fürstlicher Bauingenieur“, ein anderes Mal als „fürstlicher Bauverwalter“ bezeichnet. Welche konkreten dienstlichen Aufgaben ihm übertragen waren, ist nicht bekannt.
1804 heiratete Hüttenbacher in der Pfarrkirche der Wiener Vorstadt Schottenfeld Anna Maria Halirsch, die Tochter eines aus Brünn zugezogenen „bürgerlichen Chirurgen“. Zwischen den Familien Halirsch und Hüttenbacher kam es so zu einer doppelten Verbindung: Ein Bruder von Anna Maria Halirsch, der Wiener Advokat Thomas Halirsch, hatte bereits drei Jahre zuvor die Schwester des Franz Hüttenbacher, Antonia Hüttenbacher, geheiratet. Dieser beider Sohn (Friedrich) Ludwig Halirsch, also ein Neffe von Franz Hüttenbacher und Anna Maria Halirsch, erreichte als Dichter eine gewisse Bekanntheit. Er wurde Beamter des Hofkriegsrates und starb in jungen Jahren in Verona.1
Bereits in Orlik kam am 21.8.1813, knapp zwei Monate vor der Völkerschlacht von Leipzig, Johanna Hüttenbacher zur Welt, die mütterliche Großmutter von Albert, Johanna und Tona Hermann. Weitere Kinder gingen aus der Ehe des Franz Hüttenbacher mit Anna Maria Halirsch nicht hervor.
Abbildung 2: Johanna Hüttenbacher
Ihre Kindheit und Jugend verbrachte Johanna Hüttenbacher in Orlik. Trotz der ländlichen Abgeschiedenheit standen offenbar sehr gute Lehrer zur Verfügung. Ihre Briefe zeigen hohes sprachliches Niveau, eine makellose Rechtschreibung und eine umfassende Allgemeinbildung.
Einen Höhepunkt ihrer Jugendzeit bildete ein Besuch in der Residenzstadt Wien. Wahrscheinlich hatte ihr Vater hier einen dienstlichen Auftrag zu erfüllen und benützte die Gelegenheit, seine heranwachsende Tochter ihrem Onkel Thomas Halirsch zu präsentieren; ihn schloss sie ins Herz. Noch viele Jahre später spricht sie von ihm in den Briefen an ihren Mann als von einem besonders lieben, verehrungswürdigen väterlichen Freund.
Von den Sehenswürdigkeiten Wiens berichtet Johanna nicht viel: der Augarten und der Schwarzenberg-Garten haben ihr besonders gefallen.
Die Hofhaltung der Familie Schwarzenberg in Orlik dürfen wir uns nicht allzu glanzvoll vorstellen. Die Orliker Linie war bei weitem nicht so begütert wie die Primogenitur und Anfang des 19. Jahrhunderts, als Franz Hüttenbacher seinen Dienst antrat, war nicht nur das Schloss selbst sondern wohl auch die gesamte Infrastruktur mit Nebengebäuden und sonstigen notwendigen Einrichtungen erst aufzubauen, denn bevor Karl I. den Entschluss fasste hier seinen Fürstensitz einzurichten, war Orlik ein eher bescheidenes Verwaltungszentrum für die umliegenden Forstreviere gewesen.
Karl I. war zudem nur selten im Schloss anwesend. Die napoleonischen Kriege und seine Tätigkeit als Botschafter zuerst in Russland, danach in Frankreich führten ihn immer wieder außer Landes. Die Botschafterposten in St.Petersburg und Paris waren die teuersten im damaligen Europa. Die Leipziger Völkerschlacht brachte dem Schlossherrn von Orlik zwar viel Ruhm aber auch große finanzielle Probleme. Karl I. war gezwungen gewesen, die Kosten des Hauptquartiers vorzufinanzieren, erhielt aber nur vom russischen Zaren etwa ein Drittel seiner Aufwendungen ersetzt, während vom österreichischen Kaiser Franz I., der zweimal Staatsbankrott gemacht hatte, keine Zahlung zu erreichen war. Diese Schuldenlast wirkte jahrzehntelang nach, und so waren nie genug Mittel vorhanden, um die Räume des Schlosses mit der Pracht auszustatten, wie sie in anderen Schlössern der Zeit üblich war.2
Nach dem Tod Karls I. übernahm sein Sohn Karl II. Schwarzenberg im Jahr 1820 die Herrschaft. Er konnte sich mehr als sein Vater um den Besitz kümmern und widmete sich der Aufgabe, die wirtschaftliche Lage zu konsolidieren und zu diesem Zweck die Bewirtschaftung der großen Ländereien, vor allem des Waldbesitzes, nach modernen Grundsätzen zu verbessern. Dafür brauchte er Fachleute. Der geeignete Mann dafür war ein junger Absolvent der Forstwissenschaft an der Universität Giessen, der aus Westfalen stammende Friedrich von der Decken zu Himmelreich.
1 Johann Gabriel Seidl, Ludwig Halirsch's literarischer Nachlaß, Gerold, 1840
2 Johannes Jetschgo: Schlösser in Böhmen, Reisereportagen und Familiengeschichten Linz, Landesverlag, 1996
Abbildung 3: Friedrich von der Decken
Friedrich von der Decken kam am 19.6.1803 zur Welt, als Geburtsort wird meist Halle in Westfalen angegeben. Die Familie von der Decken war ein weit verzweigtes deutsches Adelsgeschlecht, dessen Anfänge ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Ursprünglich im Gebiet des Bistums Bremen ansässig finden wir sie in den folgenden Generationen in mehreren Gegenden Deutschlands, so etwa auch in Westfalen. Der Zusatz „zu Himmelreich“, den Friedrich führte, bezieht sich auf den Stammsitz des Familienzweigs, dem er entstammte. Himmelreich ist der Name eines Guts in Minden in Westfalen.3
Friedrichs Vater, Friedrich Anton Raban Wilhelm von der Decken, war königlich preußischer Rittmeister und Landrat und – ich erwähne es, weil es im speziellen Fall von Bedeutung ist – Katholik. Den größten Teil seines Lebens verbrachte er auf dem Deckenschen Besitz Kuhhof am westlichen Rand des Teutoburger Waldes in der Nähe von Halle. Hier war er geboren und hier kamen auch die meisten seiner neun Kinder zur Welt. In erster Ehe war er mit Ernestine Rust, der Tochter des Taglöhners Johann Heinrich Rust, verheiratet. Friedrich, ihr Erstgeborener, war zum Zeitpunkt der Hochzeit schon zweieinhalb Jahre alt. Ihm folgten im Zeitraum von 1806 bis 1819 noch acht Geschwister.
Friedrich Anton Raban Wilhelm von der Decken war zunächst drei Jahre als Justizkommissar in Münster und dann im französischen Satellitenstaat „Königreich Westphalen“ (1807–1813) als französischer Maire und Notaire public im Kreis Halle tätig. Im November 1813 trat er als Hauptmann im hannoverschen Grenadier-Landwehr Bataillon in den Militärdienst ein. 1818 wurde er (als Nachfolger von Maximilian Franz Xaver Graf von Korff gen. Schmising–Kerssenbrock) zum Landrat des Kreises Halle ernannt und blieb bis 1831 im Amt.
Die Katholiken waren in diesem Teil Westfalens in der Minderheit; die ehemals katholischen Gotteshäuser wurden von Protestanten genutzt. Einige katholisch gebliebene Gutsherren in dieser Gegend um Halle, darunter auch die Familie Korff-Schmising von Schloss Tatenhausen und die Reichsfreiherren von Wendt vom Schloss Holtfeld, kamen daher überein, eine neue Kirche im benachbarten Stockkämpen zu errichten, um sich den weiten Weg in die nächstgelegene katholisch gebliebene Kirche in Borgholzhausen mitten im Teutoburger Wald zu ersparen.
Stockkämpen wird in einer Quelle als Geburtsort Friedrichs angegeben, auch bei einigen seiner Geschwister sind Stockkämpen und Tatenhausen als Geburts- oder Tauforte angeführt. Vater und Mutter fanden schließlich in Stockkämpen ihre letzte Ruhestätte. Dass ein starker Zusammenhalt der katholischen Minderheit bestanden haben dürfte, lässt sich schon aus den bisher geschilderten Umständen schließen. Tatenhausen, Holtfeld, Stockkämpen und Kuhhof liegen voneinander jeweils weniger als 10 Kilometer entfernt.
Seine Kindheit verbrachte Friedrich zunächst im Elternhaus, bis der Krieg gegen Napoleon seinen Vater zu den Waffen rief. Die Frau blieb mit den Kindern allein zurück, „ohne Vermögen, auf ein Einkommen hingewiesen, welches aus einer Pachtung errungen werden musste, die keineswegs brillant war“. Diesen Pachtbetrieb musste sie während der jahrelangen Abwesenheit des Vaters auf sich allein gestellt führen.
Friedrichs Leben erfuhr mit der Einberufung seines Vaters zum Kriegsdienst eine grundlegende Änderung, die seinen ganzen weiteren Lebensweg entscheidend prägte. Er wurde von seiner Mutter und seinen Geschwistern getrennt und fand – als einziger von allen Geschwistern – Aufnahme als Pflegesohn in der Familie des Grafen Friedrich Leopold Stolberg.
Abbildung 4: Friedrich Leopold Graf Stolberg
Friedrich Leopold Graf zu Stolberg-Stolberg, geboren 1750, zählt zu den herausragenden Persönlichkeiten Deutschlands an der Wende vom 18. zum 19.Jahrhundert. Er studierte in Halle an der Saale und danach in Göttingen und trat zunächst als Dichter in Erscheinung. Mit Gleichgesinnten gehörte er dem „Hainbund“ an, einem nationalschwärmerischen Dichterkreis. Seine glänzende diplomatische Karriere im Dienste des Herzogs von Oldenburg fand ihr jähes Ende, als er 1800 zum katholischen Glauben konvertierte und in die Gegend von Münster in Westfalen übersiedelte. Hier schloss er sich dem „Münsterschen Kreis“ an, einer kleinen Gruppe von einflussreichen Persönlichkeiten um die Fürstin Gallitzin, die eine innere Erneuerung des Katholizismus zum Ziel hatten.
Stolbergs Abfall vom evangelischen Glauben erregte damals großes Aufsehen. Nach seiner Übersiedlung nach Münster fand Stolberg zunächst bei der Fürstin Gallitzin Aufnahme, ab 1801 auf dem Gut des Freundes Adolf von Droste-Vischering in Lütgenbeck, der zum innersten Kern des Münsterschen Kreises gehörte. Von 1812 bis 1816 hielt er sich in Tatenhausen bei den Korff-Schmising auf, die letzten Jahre bis zu seinem Tod 1819 in Sondermühlen am Nordrand des Teutoburger Waldes.
Friedrich Leopold Stolberg war zweimal verheiratet und hatte aus diesen beiden Ehen insgesamt 18 Kinder. Als der elfjährige Friedrich von der Decken 1814 in Tatenhausen bei ihm Aufnahme fand, lebten in seiner großen Familie nicht nur die Kinder aus der zweiten Ehe, sondern zumindest zeitweise auch Enkel aus der ersten Ehe und noch ein weiterer Pflegesohn.
Seine Jugendjahre bei den Stolbergs behielt Friedrich in bester Erinnerung, vor allem den Umgang mit den vielen Kindern der gräflichen Familie, die ihn noch in späteren Jahren wie einen Bruder behandelten. Unter ihnen befand sich auch der um ein Jahr jüngere Friedrich zu Stolberg-Wernigerode, ein Enkel des Pflegevaters, dem für den Lebensweg Friedrichs später eine entscheidende Rolle zukommen sollte4. Friedrich blieb bei der Familie Stolberg nach eigenen Angaben fünf Jahre bis 1819. In diesem Jahr starb sein Pflegevater.
Welche Schulen Friedrich besuchte, ist nicht überliefert; ohne Zweifel hatte der Pflegevater für seine Kinder gute Lehrer zur Hand. Die Stationen von Friedrichs beruflichem Werdegang sind dagegen durch verschiedene Dienstzeugnisse gut dokumentiert. Ab Februar 1819, dem Todesjahr Stolbergs, Friedrich war da noch nicht sechzehn Jahre alt, war er beinahe drei Jahre lang im Freiherrlich Drosteschen Forst- und Rentamt in Darfeld beschäftigt, „um sich im Rechnungsfach und vorzüglich im Forstfach zu qualifizieren“. Das prächtige barocke Wasserschloss der Freiherren Droste zu Vischering – Anfang des 20. Jahrhunderts erfuhr es nach einem Brand bauliche Veränderungen – liegt etwa 30 km nordwestlich von Münster. An diese Ausbildungszeit – in einem Lebenslauf für den Schwarzenbergischen Dienst spricht Friedrich von einer „Forstlehranstalt“, die er bei den Drostes absolviert habe – schloss ab 1823 eine Tätigkeit als Sekretär bei dem Grafen Max von Droste in Münster an, ehe er 1825 eine Stellung als Sekretär und Verwalter bei Wilhelm Freiherr von Mirbach zu Harff antrat und damit erstmals das Gebiet um Münster verließ. Von dem etwa 40 km westlich von Köln im Bergischen Land gelegenen Schloss der Mirbachs ist kein Stein erhalten; es wurde 1972 zur Gänze abgerissen, um einem Braunkohlen-Tagbau Platz zu machen. Friedrich war dort bis Mitte 1825.
Alle drei Dienstherren stellten ihm hervorragende Zeugnisse aus, Mirbach hebt besonders seine Kenntnisse im Forstwesen hervor, „welche er durch mehrere zweckmäßige Ausarbeitungen, Begutachtungen und Einrichtungen zur Verbesserung der Waldkultur“ bewiesen habe.
Ende des Jahres 1827 übernahm er für zwei Monate in Wewer im Kreis Paderborn die Funktion eines Cantons-Verwaltungs-Secretärs und besorgte, wie es im Dienstzeugnis heißt, „bei der öfteren längeren Abwesenheit und Kränklichkeit des Cantonsbeamten … die Cantons Verwaltungs Geschäfte allein und zwar so,“ dass der Landrat des Kreises Paderborn, Maximilian Freiherr von Elverfeldt, „darüber nicht allein seine völlige Zufriedenheit zu erkennen geben konnte, sondern den Herrn von der Decken zugleich als einen Mann, der eine gute Geschäftsbildung besitzt zu empfehlen sich verpflichtet fühlte“.
1828, also eigentlich in einem schon vorgerückten Alter, begann er ein zweijähriges Studium an der Universität Gießen. Er hörte Vorlesungen über „Logik“ bei Joseph Hillebrand, „Mineralogie“ und „Gebirgskunde“ bei Friedrich Wernekink, „Mathematik“ und „Naturlehre“ bei Georg Gottlieb Schmidt, „Allgemeine Chemie“ bei dem gleichaltrigen (!) Justus (von) Liebig; bei Johann Bernhard Wilbrand, einem Schwager seines Vaters, einem Vertreter der naturphilosophischen Medizin, hörte er „Naturgeschichte des Tierreichs“ und „Kryptogamische Gewächse“ und je zweimal die Vorlesungen über „Botanik“ und „Prinzipien der Naturphilosophie“. Für Friedrichs engeres Fach, die Forstwissenschaft, verfügte die Universität über einen hervorragenden Mann; Johann Christian Hundeshagen war der Begründer einer wissenschaftlichen Schule, die den Ruhm der kleinen Hochschule Gießen weit verbreitete. Er baute in seinen Schriften insbesondere das System der Forstwissenschaft aus und fügte eine Reihe neuer wissenschaftlicher Aufgaben in die Tagesordnung der Forstwissenschaft ein. Dem Thema der „Forstabschätzung“, der dem Zweck der Waldwirtschaft entsprechenden Regelung des Waldzustandes und des Waldertrags, galt sein besonderes wissenschaftliches Interesse. Bei Hundeshagen belegte Friedrich die Vorlesungen über „Physiologie der Gewächse“ und „Forstliche Gewerbslehre“.
Seine Studien in Giessen schloss Friedrich im Herbst 1829 mit der Erlangung des Absolutoriums ab. Erst 1837 wurde er zum Doktor der Philosophie promoviert. Ob und welche Prüfungen er dazu ablegen musste, und wie er das neben seiner beruflichen Tätigkeit im fernen Orlik bewerkstelligte, ist nicht bekannt. Eine Kopie der Promotionsurkunde ist im Schwarzenberg-Archiv in Třebon erhalten. Offenbar verlangte der Dienstgeber die Vorlage. In den späteren Orliker Dienstzeugnissen wird er als „Doctor der Philosophie im Forst- und Kameralfache“ bezeichnet.
Mit dem Hof des Fürsten Schwarzenberg muss Friedrich von der Decken noch während seines Studiums in Verbindung getreten sein. Sein Abgangszeugnis von Gießen ist am 3. November 1829 ausgestellt, bereits Anfang Dezember traf er in Orlik ein, nachdem er „von der hiesigen fürstlichen Obrigkeit im Jahre 1829 den Ruf in den hiesigen fürstlichen Dienst“5 erhalten hatte. Und wieder hatte bei dieser Berufung die gräfliche Familie Stolberg die Hände im Spiel: Das Zeugnis erwähnt ausdrücklich eine Empfehlung des Grafen Leopold Stolberg, der damals k.k. Kreishauptmann zu Chrudim war. Vermutlich handelte es sich dabei um den 1799 (?) geborenen Sohn des „Pflegevaters“ Friedrich Leopold Stolberg. Dieser selbst war ja bereits 1819 verstorben.
Die Reise an den neuen Dienstort bedurfte einer längeren Vorbereitung und ging unter dem stets wachsamen Auge der Behörden gemächlich vor sich. Friedrich war königlich preußischer Untertan, Orlik lag in der k.k. österreichischen Monarchie, also im Ausland. Die für seinen Geburtsort Halle in Westfalen zuständige Behörde der Königlich Preußischen Regierung, der Landrat in Minden, stellte am 20. Oktober 1829 einen Reisepass aus, der ihn berechtigte, „von Halle über Gießen, Regensburg nach Prag und Gegend [!] zu reisen“. Aus diesem Dokument lässt sich die Reise ganz genau nachvollziehen.
Am 6. November, also drei Tage nach Ausstellung seines Abgangszeugnisses von der Universität, bestätigte das Polizei Commissariat in Gießen seine Abreise nach Frankfurt. Dort erhielt er am 10. November drei Visa: eines von der Königlich Preußischen Bundestags Gesandtschaft „zur Reise nach Prag über Baiern“, ein zweites von der Königlich Bayerischen Gesandtschaft und schließlich ein drittes von der Kais. Österreich.Gesandtschaft zu Darmstadt, Nassau und Frankfurt „zur Reise nach Böhmen und Österreich“. Daraufhin überschritt er die Grenze Preußens und erreichte am 12. November das in Bayern gelegene Aschaffenburg. Dort erhielt er vom Kön.Bai.Commissariat den Sichtvermerk zur Weiterfahrt nach Würzburg. Mit dem K.[öniglich] B.[ayerischen] Postwagen kam er am 16. November beim Königl. Bayer. Zollamt Oberneuhaus an und traf noch am selben Tag aus Hof kommend in Asch in Böhmen ein, was das dortige Kommerzialzollamt bestätigte. In Prag hielt er sich einige Tage auf – möglicherweise um den Schwarzenbergischen Zentralstellen seine Aufwartung zu machen. Am 20. November erteilte die k.k.Polizey Direction die Erlaubnis zur Fahrt über Czaslau nach Chrudim. Wahrscheinlich besuchte er hier den Grafen Leopold Stolberg. Am 24. November bestätigte das Chrudimer Kreisamt seine Rückreise nach Prag. Von hier ging es mit dem nochmaligen Segen der Polizey Direction Prag am 30. November endlich weiter nach Orlik.
Das „Signalement“ im Reisepaß des Friedrich von der Decken besagt, dass er katholisch, blond und blauäugig war, einen blonden Bart, ein rundes Gesicht und eine gesetzte Statur hatte und fünf Fuß und vier Zoll maß. Nachdem es aber in Deutschland vor der Einführung des metrischen Systems weit mehr als hundert verschiedene Fuß-Maße zwischen 25 und 34 cm gab und auch die Unterteilung in Zoll verschieden war, ist nur gesichert, dass er nicht größer als 1,84 m war. Als besonderes Kennzeichen wird eine Narbe am Daumen der linken Hand angeführt.
Friedrich von der Decken traf also im Spätherbst 1829 in Orlik ein. Nach einigen Monaten der Einführung wurde er, „da die bedeutenden Forste der Herrschaft Worlik ein größeres Personale im Centrale der Forstaufsicht erfordern“, mit Wirkung vom 1. März 1830 als „Aktuar beim hiesigen Forstamt mit dem Range als Revierjäger“ eingestellt und bereits 1832 zum Vorsteher eines Teilbereichs der Schlossgüter, nämlich des Reviers in Itzkowitz (heute Jickovice), befördert.
Im selben Jahr, am 5. Juni 1832, im Alter von 29 Jahren, heiratete er in der damals zum Schloss Orlik gehörigen Pfarrkirche Stare Sedlo (Altsattel) die um zehn Jahre jüngere Johanna Hüttenbacher. Eine derartige Eheschließung bedurfte der Bewilligung des Fürsten, die dieser gnädig erteilte.
Die jungen Eheleute nahmen ihren ersten gemeinsamen Wohnsitz am Dienstort Friedrichs in Itzkowitz. War schon Orlik nicht von pulsierendem Leben erfüllt, so war das 15 km entfernte Itzkowitz, inmitten von Wäldern gelegen, auf den schlechten Straßen nur mühsam zu erreichen, an Einsamkeit und Bedeutungslosigkeit nicht zu überbieten. Zudem waren die vorhandenen Unterkünfte nicht auf die Bedürfnisse eines jungen Ehepaars abgestimmt. Für die „erste Einrichtung“ nahmen Friedrich und Johanna ein Darlehen von 400 Gulden Konventionsmünze in Anspruch, das ihnen der Fürst mit einer fünfprozentigen Verzinsung für eine Laufzeit von 8 Jahren gewährte. Mit „hoher Ordre“ vom 30.5.18326 legte die Fürstlich Friedrich Schwarzenbergsche Administration in Prag außerdem dem Orliker Oberamt nahe, sich eine Sicherstellung aus den Johanna gehörigen Staatsobligationen zu verschaffen. Vermutlich war das Erbe Johannas nach ihrem 1826 verstorbenen Vater in mündelsicheren Wertpapieren angelegt worden, die nun als Sicherheit dienen konnten. Es war auch beschlossen, dass die Witwe Maria Anna Hüttenbacher, geb. Halirsch im Haushalt von Tochter und Schwiegersohn in Itzkowitz Aufnahme finden würde.
Die Ehe der beiden blieb zunächst kinderlos.
Ein „Stimmungsbild“ vom Leben in Itzkowitz während der ersten vier Ehejahre und zugleich einen Hinweis auf die literarischen Interessen Johannas geben uns eine Handvoll Briefe Johannas an eine nicht mehr identifizierbare Jenny7, eine Bekannte aus der Jugendzeit in Orlik. Johanna schrieb sie zwischen Dezember 1835 und Februar 1836. Jenny war älter als Johanna, Johanna spricht sie mit „Sie“ an, obwohl ein vertrautes Verhältnis zwischen ihnen bestand.
Johanna hatte sich in jenem Winter in Itzkowitz in einer Ausnahmesituation befunden.
„Ich verlebe meine Zeit jetzt sehr einsam, mein Mann ist viel außer Hause, da durchwandre ich den Tage in meiner Hausarbeit, und durchdenke den Abend, wiederkäue manche frohe Stunden der Vergangenheit… Vielleicht können Sie liebe Jenny mir einige Abende freundlich schmücken, wenn sie eine Lektüre für mich haben, und sie mir zukommen lassen.“
Aus einer zarten Andeutung konnte Jenny erkennen, dass Johanna schwanger war. Sie schickte ihr Bücher und fragte offenbar genauer nach ihrem Zustand.
Johanna bedankte sich im nächsten Brief zunächst für die ihr gesendeten Erzählungen von Heinrich Zschokke8, die ihr und der Mutter heitere Stunden bereiteten, dann bricht es aus ihr hervor: sie hat entsetzliche Angst vor den nächsten zwei Wochen, in denen sich nach der Aussage ihres Arztes entscheiden werde, ob sie das Kind behalten oder wie schon viermal zuvor eine Fehlgeburt erleiden werde.
„Was jedes andere glückliche Weib auf den Gipfel ihrer Seligkeit stellen würde, drückt mein sonst starkes Gemüth, und meinen heiteren Sinn zu Boden, nur die liebreichen Bemühungen meiner Angehörigen, und meine Ergebung in den Willen Gottes, vermögen es mich so weit aufrechtzuerhalten, dass ich meinen häuslichen Geschäften Genüge leiste… Und geht es wieder so schreckbar unrecht wie bis jetzt jedesmal, so bitte ich Gott um kräftigen Beistand um mich vor Wahnsinn zu schützen.“
Später heißt es in diesem Brief:
„Herzlichen Dank sage ich Ihnen für Ihren gütigen Antrag mir aus der Bibliothek Bücher zu besorgen, ich werde Ihre Güte in Anspruch nehmen, doch ist es mir sehr schwer zu wählen, denn was ich immer kenne von den Büchern der Bibliothek das habe ich auch gelesen, und auf etwas mir Unbekanntes muss mich gewöhnlich der Zufall führen.“
In Orlik gab es also eine Bibliothek, und Johanna war eine eifrige Leserin gewesen. Leider erfahren wir nicht, welche Bücher dort zur Verfügung standen. – Jenny schickte ihr nochmals Werke von Zschokke, darunter auch seine Erzählung „Der zerbrochene Krug“.9
Als Johanna den fünften Schwangerschaftsmonat ohne Probleme erreicht hatte, wich die depressive Stimmung. Ausführlich widmete sie sich in einem Brief den von Jenny übersendeten Büchern und verglich Zschokkes „Krug“ mit dem Theaterstück von Kleist, das sie sich anderswo besorgt hatte. Neben Zschokke, dem reinen, edlen Dichter, kommt Kleist bei ihr nicht gut weg. Sie wirft ihm die derbe Sprache der „gemeinen“ Charaktere vor, „die zanken um den zerbrochenen Krug, wie man es leicht in einem Dorfe wie unser Itzkowitz ist, erleben kann, ohne eines Dichters zu bedürfen.“ Mit diesem Urteil stand sie in der damaligen Zeit sicher nicht allein. Kleist überschritt wohl die Grenzen des für Damen der Gesellschaft Zumutbaren.
Am 23. Februar schrieb sie schließlich hoffnungsfroh an Jenny:
„…mein Arzt erkennt mich nun außer Gefahr, und hat seine Kur beendet gefunden. Es beginnt ein neues Leben für mich, und es ist doch erst eine Ahnung von dem was mir bevorsteht, nur die Vorbereitung für das erwartete kleine Wesen macht mich schon jetzt so glücklich, wie wird es erst das Kleine selbst?“
Mehrmals hatte sie Jenny eingeladen, sie in Itzkowitz zu besuchen. Tatsächlich dürfte Jenny nur einmal die auch für sie beschwerliche Fahrt auf sich genommen haben. Ein Gegenbesuch Johannas in Orlik kam jedoch wegen der winterlichen Straßenverhältnisse überhaupt nicht in Frage, der Winter war noch nicht vorbei:
„… die Schlittenbahn ist wohl jetzt ungemein gut, ich war auch vorgestern in Sobĕdraž mit dem besten Erfolg, nach Worlik wage ich mich aber nicht, im Bauernschlitten, des Kosteletzer Berges wegen, der Schlitten rutscht so sehr, und zu Fuß herabgehen wäre mir unmöglich, doch sobald der Schnee schwindet, und der Weg nur etwas im Wagen fahrbar ist, so eile ich zu Ihnen,…“
Am 14. Juni 1836 brachte Johanna nach vier Fehlgeburten eine Tochter Bertha, auch Albertine genannt, gesund zur Welt. Im selben Jahr wurde Friedrich „im Vertrauen auf seine Rechtlichkeit und seinen Eifer“ zum Forstvorsteher der sämtlichen Herrschaft Orliker Forste und der Centralforstverwaltung ernannt. Damit hatte auch das Leben in der Abgeschiedenheit von Itzkowitz ein Ende, die Familie konnte nach Orlik übersiedeln.
Beinahe alles, was ich über das Leben der Eheleute Friedrich und Johanna von der Decken weiß, habe ich aus den Briefen erfahren, die die beiden einander geschrieben haben.
Wenn trotz aller Kriegswirren, Bombenangriffe, Übersiedlungen und sonstigen Unzukömmlichkeiten, in die unsere Familie in den vergangenen 180 Jahren verwickelt wurde, eine Sammlung von fast 60 Briefen erhalten geblieben ist, die in den Jahren von 1837 bis 1847 entstanden, darf man schon von einer glücklichen Fügung sprechen. Naturgemäß war das Briefschreiben nur notwendig, wenn die Familie nicht ohnehin beisammen war. Daraus ergibt sich, dass es oft nur sehr kurze Lebensabschnitte sind, die durch diesen Briefwechsel dokumentiert werden, während die Ereignisse in den dazwischen liegenden längeren Zeiträumen im Dunkel der Vergangenheit verborgen bleiben.
Meist waren Dienstreisen der Anlass für schriftliche Mitteilungen; gelegentlich war Friedrich wochenlang von Orlik abwesend. Wir erfahren aber auch von Besuchsfahrten zu seinen Geschwistern, meist zu einer Hochzeit oder einer Taufe, an denen Johanna nicht teilnehmen konnte, weil sie durch die Pflege der Kinder und die Betreuung ihrer Mutter ans Haus gebunden war. Eine Reihe der späteren Briefe sind durch die Abwesenheit Friedrichs aus Krankheitsgründen bedingt, ein einziges Mal war es Johanna, die sich vom Wohnsitz der Familie entfernte, als sie für die Tochter Bertha einen Schul- bzw. Ausbildungsplatz suchte.
Im September 1837 reiste der frischgebackene Doctor philosophiae zur Tagung der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte nach Prag.
Johanna blieb mit der kleinen Tochter Bertha in Orlik und hatte wieder eine Fehlgeburt, die fünfte, von der wir wissen. Die Schwangerschaft war schon einige Zeit lang nicht normal verlaufen, sodass sie beide schon vor Friedrichs Abreise Schwierigkeiten befürchtet hatten. Sie beruhigte Friedrich in ihrem Brief, es sei alles gut abgelaufen; sie sei aber noch geschwächt und bleibe im Bett. Sie versuchte ihn und sich selbst auch damit zu trösten, „dass es für meine schwächliche Natur zu viel war, und ich doch nur ein schwaches Kind zur Welt gebracht hätte, um es nachher zu verlieren“. Friedrich antwortete mit Wehmut: „es will mir das Herz zerspringen, wenn ich an dich und die kleine Bertha denke“.
Die Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte wurde 1822 ins Leben gerufen. Ihre erste Jahresversammlung fand im selben Jahr in Leipzig statt, die weiteren alljährlich in einer anderen deutschen oder österreichischen Stadt, so z.B. 1832 in Wien. Wahrscheinlich hatte Friedrichs Onkel, der Giessener Professor Johann Bernhard Wilbrand, ihn ermuntert, an der Tagung teilzunehmen.
Friedrichs Bericht über die Tagung betraf vor allem den gesellschaftlichen Teil. Die versammelten Wissenschaftler konferierten in sieben Gruppen, die für die einzelnen Zweige und Wissenschaften gebildet wurden. Bei den Mahlzeiten, die regelmäßig auf der Färberinsel eingenommen wurden, waren jeweils 400 bis 500 Personen beisammen. Er besuchte nicht alle Veranstaltungen des Rahmenprogramms; an einem Konzert, das der Obrist Burggraf für die wirklichen Mitglieder – nicht ohne Stolz erwähnte er, dass auch er dazu zählt – sowie deren Frauen und Töchter gab, nahm er teil. „Steif und vornehm war übrigens das ganze Fest, und wir dankten Gott, als wir wieder zu Hause waren …“ Die gesamte gesellschaftliche Umrahmung dieses Kongresses sah Friedrich als „ein Leben voller Geräusch, wobei das Herz keine Nahrung findet“. Mit seinem Onkel Johann Bernhard Wilbrand verbrachte er einen Abend allein.
Im Herbst 1838 ging er mit seinem Fürsten auf Dienstreise. Zunächst fuhr Friedrich allein nach Linz. Der Fürst war offenbar schon dort und
„hat mich sehr freundlich aufgenommen, und wird mich morgen mit seinen Pferden nach Steyer fahren lassen, wohin er selbst übermorgen auch kömmt.– In Steyer werden wir 14 Tage sein, und dann hieher zurückfahren, um auch hier einige Jagden abzuhalten. Dann gehe ich wieder an die Steyersche Grenze zurück, um eine dortige Stadtherrschaft Spital und Pirhn in Augenschein zu nehmen, und ihre Wälder zu untersuchen. Diese Herrschaft steht zum Verkaufe, und der Fürst hat große Lust sie zu kaufen, falls dieses mit Vorteil geschehen kann. Somit werde ich vor Ende October nicht wieder zurückkehren können.“
Es scheint eine angenehme Dienstreise gewesen zu sein, Friedrich fiel vor allem die Rolle eines Jagdgenossen des Fürsten zu. Dies und der Umstand, dass der Fürst ihn bei dieser Gelegenheit auch als Fachmann zur Begutachtung eines Forstbetriebs heranzog, kann als Vertrauensbeweis gelten. Wenig später erfolgte dann auch die Ernennung zum Forstmeister. Um die ängstliche Johanna zu beruhigen, versicherte ihr Friedrich, „dass der junge Fürst Karl alle Jagden mit macht, welche also weder sehr beschwerlich, noch gefährlich sind.“ Karl III. war damals 14 Jahre alt.
Der Brief Friedrichs brauchte mehr als eine Woche, um von Linz in die Hände Johannas in Orlik zu kommen. Sie hatte während seiner Abwesenheit die Erdäpfelernte eingebracht und war zufrieden, dass sie trotz der Dürre im Sommer mit 60 Strich [das sind etwa 3.750 kg] gut ausfiel. Außerdem berichtete sie:
„Meine Cassa ist durch Dienstbotenlöhne, und ihren Bedarf an Leinwand etc. erschöpft und ich bin genötigt, ein Fass Bier zu valuieren…“
Auch hochrangige Bedienstete des Fürsten wie der Forstvorsteher bezogen einen wesentlichen Teil ihres Einkommens in Form von Naturalien. Das entsprach damals allgemeiner Übung. Auch in seinem späteren Dienstverhältnis beim Grafen Stolberg war das nicht anders. Ich komme darauf nochmals zu sprechen. Friedrich hatte jedenfalls auch schon im Fürstlich Schwarzenbergischen Dienst eine eigene „Ökonomie“ mit mehreren Dienstboten für Haus- und Feldarbeit zu führen, die er selbst entlohnte. Vom Fürsten erhielt er dafür einen Spesenersatz, dessen Höhe nicht immer den tatsächlichen Aufwendungen entsprach. Da gab es auch Pferde und Wagen und einen eigenen Kutscher. Mit besonderer Hingabe widmete er sich der Bienenzucht.
Sicherlich hatte Johanna schon im Normalfall ein großes Arbeitspensum in Haus und Hof zu erledigen. Wenn Friedrich abwesend war, fiel ihr neben der Pflege der Kinder und der Sorge für ihre Mutter die alleinige Aufsicht über das Hauswesen und wohl auch ein beachtliches Maß an eigenhändiger Mitarbeit zu.
Am 2. Februar 1839 verlieh der Fürst seinem Forstaufseher Friedrich von der Decken „zum Beweise seiner besonderen Zufriedenheit mit den Leistungen“ den Titel und Rang eines Forstmeisters.
Um dieselbe Zeit dürfte der Sohn Friedrich zur Welt gekommen sein. Von ihm wissen wir nur, dass er „äußerst gemütlich und liebebedürftig“ war und im frühen Kindesalter starb. Am 11. Oktober 1840 lebte er noch, da war er etwas über ein Jahr alt, am 28. Mai 1843 war er jedenfalls schon tot. Friedrich begrub ihn in seinem Garten in Orlik und gab, als feststand, dass die Familie Orlik verlassen werde, eine gusseiserne Einfriedung in Auftrag, „um dieses Plätzchen Erde, das einzige, welches ich in Böhmen lieb gewonnen habe, zu schützen und zu sichern“.
Friedrichs Mutter war bereits im Mai 1828 in Halle verstorben, am 3. März 1840 starb auch sein Vater. Friedrich nahm am Begräbnis in Stockkämpen nicht teil. Vermutlich aus Anlass des Todesfalls kam es aber zu Kontakten zwischen Friedrich und den Geschwistern, die er jahrelang nicht gesehen hatte. Der Vater hatte bereits ein Jahr nach dem Tod der Mutter wieder geheiratet und es gab auch aus der zweiten Ehe Kinder, sodass die Nachlassregelung kompliziert zu werden drohte.
Eine der Schwestern Friedrichs, die zwölf Jahre jüngere Antonia, war mit dem aus reichem Hause stammenden Arzt Dr. Karl Kuh aus Breslau verheiratet. Die Hochzeit hatte Ende Oktober 1832 in Wien stattgefunden. Kuh hatte hier kurz zuvor, im September, an der Versammlung der Naturforscher und Ärzte teilgenommen; auch lebte eine Schwester von Kuh mit ihrer Familie in Wien.
Kuh lebte abwechselnd in Breslau und im etwa 170 km entfernten Woinowitz, heute Wojnowice, südwestlich von Ratibor in Preußisch-Schlesien gelegen. Dort besaß er seit 1827 ein „Rittergut“, das Friedrich in einem Brief an Johanna folgendermaßen beschreibt:
„Karls Herrschaft Woinowitz enthält circa 2800 Strich Acker und 300 Strich Wiesen10, welche Karl bewirtschaftet. – Hierauf werden 160 Pferde, 260 Stück Hornvieh u. 5460 Stück Schafe gehalten.“
Karl Kuh eröffnete in Woinowitz 1831 eine Privatklinik für Chirurgie und Sinneserkrankungen und machte sich vor allem mit höchst erfolgreichen Staroperationen einen Namen. „Sein Lohn war, abgesehen von einigen Ausnahmen, nur die eigene Befriedigung, geholfen zu haben, und die in Dankestränen der Geheilten bestand“11. – In späteren Jahren gründete er in Ratibor eine Freimaurerloge, regte dort erfolgreich die Gründung einer Taubstummenanstalt an und trat immer wieder als Wohltäter in Erscheinung.
Antonia Kuh hatte schon ihren Vater Friedrich Anton Raban von der Decken im Jahr vor seinem Tod einige Zeit zu Besuch in Woinowitz gehabt. Sie arrangierte nun ein Treffen einiger ihrer Geschwister und lud im Juni 1840 Friedrich ein. Von seiner Ankunft in Woinowitz und der Begegnung mit den Geschwistern nach Jahren der Trennung berichtet er in bewegten Worten an Johanna:
„Die Scene unseres Wiedersehens kann ich Dir nicht beschreiben.– Antonia wankte mir von ihrem Karl unterstützt [sie war im sechsten Monat schwanger] laut weinend entgegen… Als ich anlangte, wurde sogleich ein Wagen nach Ratibor abgesendet, um Johanna und ihren Mann abzuholen.“
Es handelte sich dabei um seine Schwester Johanna Pauline Emilie, geboren 1811, die mit dem Geheimen Justizrat Wilhelm Wollenhaupt in Ratibor verheiratet war.
Das großzügige Hauswesen der Familie Kuh beeindruckte Friedrich sehr. Karl Kuh und Friedrich waren einander sympathisch und es bahnte sich ein herzliches Verhältnis zwischen den beiden Familien an. Sie passten auch altersmäßig gut zueinander: Karl war ein Jahr jünger als Friedrich, Antonia zwei Jahre jünger als Johanna, und die Kinder Antonias, Julia und Georg, waren etwa gleich alt wie Friedrichs Kinder, die vierjährige Bertha und der etwas über ein Jahr alte Friedrich.
Seiner Frau Johanna gibt er eine überraschende Beschreibung seines Schwagers.
„Karl ist ein sehr schöner Mann, und hat viel Ähnliches mit dem Fürsten Karl [Schwarzenberg]. Meiner Ansicht nach ist Karl jedoch noch hübscher, hat aber keine so ritterliche Figur, wenngleich er groß und schön gewachsen ist. – Antonia ist gesund und wohl, versteht ihr Hausregiment sehr gut zu führen, und mir gefällt die Art ihres Regiments sehr wohl. – Ich bin fest überzeugt, dass ihr beide sehr gut harmonieren würdet, und ich hoffe, dass sich die Gelegenheit im folgenden Jahre ergibt, wo ihr euch werdet kennen lernen. – Antonia und Karl werden uns besuchen.“
Friedrich war froh, den Aufenthalt in seinem Heimatland Preußen für einen anstehenden Amtsweg nutzen zu können. Vor dem Oberlandesgericht Ratibor konnte er einen Verzicht auf die Erbschaft nach seinem Vater erklären. Von Orlik aus hätte er diese Erklärung im Wege der „Preußischen- dann Oesterreichischen Gesandtschaft in Wien u. der Landrechten in Prag“ abgeben müssen, was ihm einige hundert Gulden Gebühren und Taxen verursacht hätte.
Hingegen ließ sich ein anderes Vorhaben nicht bei diesem Aufenthalt sondern erst im folgenden Herbst bei seinem Besuch in Breslau verwirklichen: Wahrscheinlich hatten die österreichischen Behörden von ihm als Preußen verlangt, seinen jahrelangen Aufenthalt in Böhmen auf eine ordentliche rechtliche Basis zu stellen. Dies erreichte er damit, dass er – natürlich im Einverständnis mit Karl Kuh – als sein „Domicil“ Woinowitz in Preußen angab und sich fortan „mit Urlaub der Königlich preußischen Regierung zu Oppeln, und mit Erlaubnis des zuständigen k.k. Kreisamtes“ in Österreich aufhielt.12
Friedrich hatte seiner Schwester Antonia bei der Abreise versprochen, Taufpate des Kindes zu sein, dessen Geburt sie im Herbst erwartete. Am 24.September traf er also wieder bei der Familie Kuh ein, diesmal in Breslau. Am 27. wurde das Kind auf den Namen Maria Brunhilde getauft. Friedrichs und Antonias Brüder Moritz, geb.1806, und Max, geb. 1809, waren zu dem Fest erschienen, Johanna Wollenhaupt gesellte sich einen Tag nach der Taufe zu der fröhlichen Runde; der Bruder Leopold, genannt „die Bolze“, so berichtete Friedrich nach Hause, „sitzt in Westfalen und fängt Mäuse“.13
Der Bruder Moritz war schon einige Jahre zuvor mit seiner Frau nach Balta in Podolien14 gezogen und fühlte sich dort einsam. Er versuchte unter seinen Geschwistern Stimmung zu machen, mit ihm dorthin zu gehen. Sie bauten gewaltige Luftschlösser:
„Sobald Max mit dem letzten Examen fertig ist, will er nach Podolien gehen, desgleichen Leopold, [der bei diesem Gespräch gar nicht anwesend war!] und Karl hat auch die Absicht hinzureisen und dort Ankäufe zu machen und mit den Brüdern gemeinschaftlich Oekonomien einzurichten. Es soll ein unbeschreiblicher Segen Gottes dort walten, und bei dem niederen Kulturzustande sollen leicht große Summen gewonnen werden können, wenn man mit einiger Sachkenntnis vorgeht.“
Max, der immerhin schon 31 Jahre alt war, stand vor dem letzten juristischen Examen und strebte eine Laufbahn als Obergerichtsassessor an. Der 27-jährige Leopold hatte sein medizinisches Staatsexamen bereits abgelegt, war aber gleichfalls noch offen für Zukunftspläne. Friedrich verriet in dem Brief an Johanna zwar nicht, was er selbst von diesen Plänen hielt, doch lässt die begeisterte Schilderung vermuten, dass ihn die Idee faszinierte, denn gerade er verstand sich doch auf die Einrichtung und den Betrieb von „Oekonomien“. Der gediegene Reichtum im Hause Kuh („die fürstlichen Zimmer im Schloß Worlik sind wahrlich nicht nobler eingerichtet als Tonis Zimmer“) tat noch ein Übriges, Friedrich geriet ins Philosophieren:
„… Reichtum macht den Menschen nicht glücklich, aber reich zu sein ist doch ein großes Erdengut. Wären wir reich, meine liebste Mutter, würden wir einen bequemen Reisewagen haben und unsere Lieben besuchen können. Du würdest recht liebe Menschen kennen lernen, und Nahrung für Geist und Herz finden, statt dass wir in Worlik versauern müssen.– Doch, das sicherste Mittel, glücklich zu sein, ist: keinen unnützen Wünschen nach zu hängen“.
Das wirkliche Leben nahm allerdings einen anderen Verlauf, als es sich die Geschwister in ihren hochfliegenden Träumen ausgemalt hatten. Leopold blieb in Ratibor und praktizierte dort als Arzt. Friedrich und Johanna hatten nach ihrem Abgang aus Orlik mit ihm regelmäßigen Kontakt.
Auch Max zog es vor, seine eingeschlagene Berufslaufbahn weiter zu verfolgen und wurde Gerichtsassessor, zuletzt beim Oberlandesgericht Paderborn. Sein Leben endete dramatisch. Er hatte schon zur Zeit des Geschwistertreffens eine Liaison mit Caroline Dunker, seiner Stiefschwester. Sie war die Tochter von Philippine von der Decken, der zweiten Frau des Vaters Friedrich Anton Raban von der Decken, aus deren erster Ehe. Caroline Dunker, genannt Linchen, war ein hübsches Mädchen, genoss aus unbekannten Gründen aber nicht die Sympathie ihrer übrigen Stiefgeschwister, die immer wieder versuchten, sie ihrem Bruder Max „auszureden“. Dieses gespannte Verhältnis zur Familie dürfte Max davon abgehalten haben, sie zu heiraten, gleichwohl hielt er die Verbindung aufrecht. Zwei Jahre nach dem beschriebenen Geschwistertreffen, am 12. November 1842, wurde er auf einer Jagd angeschossen. Als sich sein Zustand in den folgenden zwei Wochen verschlechterte, heiratete er auf dem Totenbett seine Caroline, die ein Kind von ihm erwartete.
Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass auch Friedrich bei nüchterner Betrachtung aller Vor- und Nachteile (noch) keinen Anlass sah, seine doch sicherere Stellung in Orlik aufzugeben. Moritz kehrte also allein zu seiner Familie nach Podolien zurück und starb dort 1881. Seine Kinder bzw. Enkel konnten den Besitz bis ins 20. Jahrhundert halten.
Während sich Friedrich in Breslau aufhielt, schrieb ihm Johanna in glücklicher Stimmung einen ihrer schönsten Briefe.
„Seit zwei Tagen hoffte und freute ich mich bei jedem Wagengerassel auf Deine Ankunft und lief einigemal mit klopfendem Herzen hinaus, und musste mit bitterer Täuschung umkehren, – heute nun gar putzte ich mich festlich zum Empfang meines liebsten Gastes, – da – kam ein Brief, – doch wenn auch der Inhalt meine Sehnsucht noch um mehrere Tage spannte, so linderten die süßen Liebesworte den Schmerz der Trennung, und beinahe hätte ich vergessen dass ich über acht Jahre verheiratet bin, und hätte mit bräutlichem Gefühle das liebe Schreiben an Herz und Mund gedrückt.
Ich möchte so gerne Entfernung und Zeit vertilgen, darum sende ich Dir auch diesen Gruß aus Deinem Hause, und komme Dir damit entgegen so viel, und so weit als ich kann … Ich will nicht klagen wie öde und weh’ mir gewesen ist, ich will mich bloß freuen, dass alle Noth nun ein Ende haben wird, und ich nun bald wieder in meine Heimath, in Deine Arme, an Deine teure Brust aufgenommen werde!“
Vielleicht scheint uns heute manche Einzelheit in diesen Zeilen gekünstelt, ein Ergebnis der Beschäftigung mit der „empfindsamen“ Literatur des Biedermeier. Dennoch kann sich der Leser auch hundertachtzig Jahre danach nicht dem Reiz der kleinen Szene entziehen, die hier vor seinen Augen abrollt. Es spricht daraus eine schriftstellerische Begabung, die Lust an einer besonderen inhaltlichen und sprachlichen Gestaltung und Formulierung, eine Fähigkeit Johannas, die sich auch in vielen Schriften ihrer Enkel, der Geschwister Albert, Johanna und Tona Hermann wiederfindet.
Friedrich traf das Wesentliche, wenn er in einem seiner späteren Briefe bemerkte:
„Du hast die Gabe in Deinen Briefen einen Zauber zu entfalten, durch welchen Du alle Herzen fesselst.“
So unrealistisch der Traum vom schnellen Reichtum in Podolien war, so real war die Unzufriedenheit Friedrichs mit seiner Stellung am Hof des Fürsten Schwarzenberg in Orlik und sein Wunsch, sich „aus dem Staub zu machen“. Friedrich hatte innerhalb von zehn Jahren die Karriereleiter vom Aktuar und Revierjäger bis zum Forstmeister durchlaufen, einen weiteren Aufstieg konnte Orlik ihm nicht bieten; das Leben als Forstmeister in Orlik zu beschließen, war für einen noch nicht einmal Vierzigjährigen, der sich auf Grund seiner Ausbildung zu Recht befähigt fühlte, nicht nur forstliche sondern auch komplexe betriebliche Aufgaben zu bewältigen, keine Zukunftsperspektive.
Die Möglichkeit, innerhalb des großen Schwarzenbergischen „Wirtschaftskonzerns“, die Primogenitur eingeschlossen, eine ihm besser entsprechende Tätigkeit anzustreben, scheint er nie ernstlich in Erwägung gezogen zu haben. Vielleicht wäre ein solches Vorhaben auch nicht zu verwirklichen gewesen. Aus einigen seiner Seitenbemerkungen ist erkennbar, dass er sich bei seinen Dienstverrichtungen durch kleinlichen Bürokratismus und durch Kompetenzträger, die zwischen dem Fürsten und ihm zwischengeschaltet waren, unnötig kontrolliert und eingeengt fühlte. Noch in seinem Entlassungsgesuch an den Fürsten machte er seinem Unmut darüber in starken Worten Luft, „dass der Wirtschaftsrat die Stelle des Worliker Forstmeisters auf so indezente Weise öffentlich entwürdigt habe, dass nach meiner Ansicht kein Mensch von einiger distinguierten Persönlichkeit eine Ehre darin finden könne, diesen Posten zu bekleiden, so lange dem Wirtschaftsrat irgendein Einfluß auf denselben gestattet bleibe“.
Gegenüber Kontrolle war Friedrich besonders empfindlich. Wenn er einige Jahre später bei der Schilderung der Vorzüge seines Vertrags mit Stolberg schwärmte, in Preußen sei jede entehrende Kontrolle längst abgeschafft, hört das empfindliche österreichische Ohr ein wenig die preußische Überheblichkeit gegenüber der österreichischen Denkweise heraus. Es mag schon sein, dass diese Eigenschaft für das Verhältnis Friedrichs zu seinen Vorgesetzten am Hofe der Fürsten Schwarzenberg nicht förderlich war.
Nicht zuletzt waren es auch die schlechte Verkehrslage von Orlik und die gesellschaftliche Isolation in der dünn besiedelten Gegend, die Friedrich den Verbleib nicht attraktiv erscheinen ließen.
Aus einigen im Nachlass vorhandenen Urkunden gewinnt man den Eindruck, dass Friedrich bereits ab etwa 1840 gezielt auf eine Lösung des Dienstverhältnisses hinarbeitete.
Kurz nach seiner Rückkehr aus Woinowitz erstellte Friedrich im Auftrag der Gemeinde Pisek ein Gutachten über die Bewirtschaftung der Gemeindewälder. Weniger als der Inhalt dieses Schriftstücks beschäftigt mich die Frage, wieso es erhalten geblieben ist, und zwar in einer Mappe mit Personaldokumenten, Zeugnissen und anderen Papieren ähnlich wichtigen Inhalts. Wollte Friedrich es als Referenz für eine Bewerbung verwenden, vielleicht um zu dokumentieren, dass er nicht nur im fürstlichen Dienst erfolgreich war, sondern auch in einem weiteren Umfeld fachliche Anerkennung fand?
Auch finanzielle Probleme gab es. Am 18. Oktober 1841 richtete Friedrich an den Fürsten persönlich ein Schreiben, in dem er für fortlaufende Aufwendungen, die er tätigte, um „gnädige Schadloshaltung ehrfurchtsvoll“ ersuchte. Er rechnete darin im Detail vor, dass er für Abnutzung der Dienstpferde, Unterhaltung des Hufbeschlags, Lohn und Kleidung und „Verköstung“ des Kutschers, Geschirr- und Wagenreparaturen jährlich im Durchschnitt 328 Gulden aufzuwenden hatte, dafür aber fünf Jahre lang nur eine viel zu geringe Vergütung von 80 Gulden pro Jahr erhalten hatte. Friedrich konnte diese Auslagen zwar aus einem Spesenvorschuß vorfinanzieren, den er mit 5% jährlich zu verzinsen hatte(!), der aber nun jedenfalls bereits verbraucht war. Auch die Vergütung für die „Verköstung“ seines Adjunkten bemängelte er als unzureichend und ersuchte um höheren Spesenersatz. Es erscheint merkwürdig, dass eine derartige Forderung „des täglichen Lebens“ nicht von einer nachgeordneten Dienststelle, z.B. vom Rentmeister oder vom „Oberamt“ erledigt werden konnte, sondern dass der Fürst damit befasst werden musste. Der Vorgang lässt vermuten, dass es zwischen Friedrich und den zuständigen fürstlichen Beamten erhebliche Auffassungsunterschiede gab. Oder scheute sich einer von ihnen einfach, eine Entscheidung zu treffen?
Möglicherweise stand schon im Oktober 1841 der Verbleib Friedrichs im fürstlichen Dienst auf der Kippe. Zur gleichen Zeit wie sein Brief um „Schadloshaltung“ entstand nämlich ein Dienstzeugnis des Oberamtes der Schwarzenberg’schen Güterverwaltung. Als Friedrich aus dem Fürstlich Schwarzenberg’schen Dienst mit Ende Juli 1843 dann tatsächlich ausschied, wurde dieses Zeugnis nur ergänzt. Wodurch die Ausstellung eines Zeugnisses bei aufrechtem Dienstverhältnis im Jahr 1841 veranlasst wurde, ist unklar.
Und dann gibt es noch ein weiteres merkwürdiges „Zeugnis“ des Schwarzenberg’schen Oberamtes vom März 1842. Es nimmt ausschließlich auf einen ganz konkreten Sachverhalt Bezug: Friedrich hatte sich freiwillig die Aufgabe gestellt, ein von einem Pächter jahrelang devastiertes Forstrevier selbst zu bewirtschaften, und hatte, so bezeugt dieses Schriftstück, damit schon nach kurzer Zeit
„…Resultate geliefert [hat], welche früher nicht erzielt wurden, und um so mehr überraschten, als man bis dahin den Herrn Dr. von der Decken wohl als einen rationell gebildeten Forstmann – nicht aber als einen Landwirth kennen lernte, somit solche Erscheinungen sich unmöglich auf gewöhnliche empirische Kenntnisse stützen können, sondern nur in der persönlichen ausgezeichneten Fähigkeit des Herrn Dr. von der Decken – die theoretischen Grundsätze in der Praxis richtig anzuwenden – gesucht werden müssen“.
Möglicherweise ist dieses Zeugnis über Friedrichs Wunsch entstanden, der damit die Absicht verfolgte, es bei einer künftigen Bewerbung zur Bescheinigung seiner besonderen Fähigkeiten zu verwenden.
Im Privatleben der Eheleute Friedrich und Johanna gab es eine bedeutende Veränderung. Am 12. November 1841 kam die zweite Tochter, Antonia, meine Urgroßmutter, die Mutter von Albert, Johanna und Tona Hermann, zur Welt. Als Taufpaten kamen Dr. Carl Kuh und seine Frau Antonia nach Orlik. Wohl deshalb fand die Taufe erst am 18. November 1841, sechs Tage nach der Geburt, ungewöhnlich spät für die damalige Zeit, in der Kirche von Altsattel (Stare Sedlo) statt.
Es sollte die letzte Begegnung Friedrichs mit seiner Lieblingsschwester Antonia sein: Sie starb am 4. Juli 1842. Über die Ursache ihres Todes findet sich in den Quellen nichts.
Meist hat der Tod eines Familienmitglieds zur Folge, dass die Beziehung der Verwandten zum überlebenden Ehegatten an Intensität verliert oder überhaupt endet. Die Bindung, die zwischen Karl Kuh und Friedrich und Johanna in der kurzen Zeit seit sie einander kannten, entstanden war, wurde durch den schmerzlichen Verlust Antonias nicht nachteilig verändert.
Der rührige Karl setzte sich weiterhin für die Familie ein und interessierte sich insbesondere für das berufliche Fortkommen Friedrichs. Dabei kamen ihm seine hervorragenden Kontakte zu einflussreichen Per
