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Mit sieben Jahren erleidet die Autorin einen Autounfall. Als das Mädchen aus dem Koma erwacht, ist nichts mehr wie früher. Sie erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma und muss nun alles wieder lernen. Ihre Kindheit gestaltet sich schwierig und nach ihrem Lehrabschluss freut sie sich, das Leben zu entdecken. Aus mysteriösen Gründen wird sie in die Psychiatrie eingewiesen und ihr Leben wird ausgebremst. Wie gelingt es der jungen Frau trotzdem selbstbestimmt zu leben? Wie lernt man trotz widriger Umstände das Leben zu umarmen?
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Seitenzahl: 326
Veröffentlichungsjahr: 2021
Vorwort
Meine zweite Geburt
Erinnerungen an meine frühe Kindheit
Schuljahre mit seelischem Balanceakt
Berufsausbildung
Ein »neues« Leben beginnt
Endstation Psychiatrie
Erste Schritte in die Arbeitswelt
Einmal Psychi – immer Psychi?
Stellenwechsel in die Gesundheitsfabrik
Gruppenreise nach Indien
Zweitausbildung zur Sozialarbeiterin
Abenteuer in Kapstadt
Ärzte, Klinik, Klinik …
Ein Mann tritt in mein Leben
Von der Patientin zur Betreuerin
Schlusswort
Anhang
Verwendete Literatur
Schon mit 20 wollte ich ein Buch schreiben, nun habe ich bereits mehr als ein halbes Jahrhundert hinter mir. Als ich dreißig Jahre alt war, fragte mich eine Kollegin, ob ich nun mein Buch geschrieben habe. Beschämt musste ich ihr gestehen, dass ich noch nicht einmal damit angefangen hätte. So setzte ich mich hin und begann zu schreiben, vor und nach der Geburt meiner Kinder legte ich allerdings immer wieder größere Pausen ein. Das vorliegende Buch hatte also eine längere Schwangerschaft als jedes Lebewesen auf diesem Planeten.
Darf ich mich vorstellen: Ich heiße Flavia Ubaka-Looser, bin verheiratet und habe drei Kinder. Ja, richtig, wie ihr sicher dem Namen nach vermutet, ist mein Mann kein Schweizer, er ist Nigerianer. Wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt, ist eine solche Beziehung mit all den kulturellen Unterschieden nicht einfach. Nach vielen Anfangsschwierigkeiten haben wir uns wieder zusammengerauft und führen heute eine ziemlich harmonische Beziehung.
Ich wohne am schönsten Fleck der Schweiz, nämlich am Zugersee, und genieße mein Leben als Hausfrau und Mutter. Immer wieder erfreue ich mich an der schönen Natur, bin sicher schon mehr als 200-mal mit dem Fahrrad um den Zugersee gefahren und im Sommer liebe ich es, darin zu baden. Mir geht es einfach gut! Manchmal finde ich das Leben so schön und könnte die ganze Welt umarmen.
Dass dem nicht immer so war, könnt ihr auf den nächsten Seiten lesen. In diesem Buch schaue ich auf meine Kindheit und jungen Erwachsenenjahre zurück. Mir wurden vom Schicksal und von Menschen viele Steine in den Weg gelegt und ich musste viele Hürden überspringen. Auch später stieß ich immer wieder auf Schwierigkeiten, mein Kampfgeist wurde oftmals auf die Probe gestellt.
Dass das Leben schön ist, konnte ich also lange Zeit nicht behaupten, im Gegenteil: Es bestand für mich viele Jahre lang hauptsächlich aus Pflichterfüllung und Mühsal. Gott sei Dank durfte ich zwischendurch immer wieder Wegstrecken erleben, in denen ich aufatmen und mich am Leben erfreuen konnte. Ohne diese Lichtblicke – gute Beziehungen oder tolle Ferien – wüsste ich nicht, wo ich heute stände!
Der erste und größte Stolperstein war mein Autounfall als siebenjähriges Kind, der mich auf zweierlei Arten zum Straucheln brachte. Die körperliche Beeinträchtigung ist zwar teilweise geblieben, aber die damit verbundenen psychischen Schwierigkeiten gehören glücklicherweise der Vergangenheit an. Heute sehe ich meine Behinderung nicht mehr nur als Nachteil, sondern auch als Chance. Denn dadurch bietet sich mir die Möglichkeit, in zwei Welten hineinzusehen: in die Welt der »Normalen« und in die Welt der behinderten Menschen. Ich sitze ein bisschen dazwischen, denn ich nehme mich nicht unbedingt als behinderte Frau wahr, trotzdem bin ich es und kann mich nicht mit den »Normalen« messen.
Es sind buchstäblich zwei Welten, die hier aufeinanderstoßen. Sie werden sich gegenseitig nie vollständig verstehen, sollten jedoch versuchen, einander zu akzeptieren und zu respektieren. Auch wenn ich nicht so stark eingeschränkt bin, hat die Hirnverletzung doch mein ganzes Leben geprägt und tut dies natürlich immer noch. Aber egal, ob jemand behindert ist oder nicht, er möchte als einzigartige Persönlichkeit wahrgenommen werden. Im Prinzip haben beide Gruppen mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, nur kommen beim behinderten Menschen noch zusätzliche Schwierigkeiten hinzu.
Mit meinem Buch möchte ich zudem aufzeigen, dass es möglich ist, nach einer problematischen und schwierigen Kindheit zu einem glücklichen und erfüllten Leben zu finden. Ich möchte dazu ermutigen, in schwierigen Zeiten durchzuhalten, selbst wenn einem diese Wegstrecken endlos erscheinen und man sich in einem dunklen Tunnel wähnt. Doch nach jedem Tunnel wird es wieder hell und wer weiß, welch phantastische Landschaft uns draußen erwartet. Jedenfalls lohnt es sich, die mühsame Tunnelstrecke zu Ende zu gehen, bis wir wieder ans Licht gelangen. Wie hell wird das Licht wohl sein? Lassen wir uns vom Leben überraschen!
Auch wenn einige Personen in meinem Buch nicht so gut abschneiden, möchte ich betonen, dass ich niemandem etwas nachtrage. Bei den meisten uns nahestehenden Personen können wir voraussetzen, dass sie ihr Bestes geben und uns wohlwollend gesinnt sind, auch wenn wir es oft anders wahrnehmen. Ich erachte es als wesentlich, den Menschen, von denen man verletzt wurde, zu vergeben. Nur so kann man unbeschwert und frei von jeglichem Groll der Zukunft entgegengehen. Für mich bedeutete es einen längeren Lernprozess, mich mit meinen Mitmenschen zu versöhnen.
Wichtig erscheint mir auch, nicht zurückzuschauen, sondern guten Mutes vorwärtszugehen. Wir können einzig in der Gegenwart leben, mutigen Schrittes vorwärtsgehen und versuchen, durch gute Entscheidungen unsere Zukunft positiv zu beeinflussen. An der Vergangenheit können wir nichts ändern, wir sollten sie deshalb ruhen lassen, allenfalls können wir daraus lernen.
Zum Schluss möchte ich allen danken, die mich in meinen schwierigen Zeiten gestützt und ermutigt haben. Freunde haben an mich geglaubt, auch wenn ich es nicht mehr konnte. Namentlich erwähnen möchte ich hier meinen Bruder Paul, der mir immer wieder mit Rat und Tat zur Seite stand. Auch meine Eltern hatten es nicht immer leicht mit mir. Im Nachhinein sehe ich auch das Positive, das sie mir mitgegeben haben. Nicht zuletzt haben sie wahrscheinlich den Grundstein zu meiner Einstellung gelegt, niemals aufzugeben und zuversichtlich zu glauben, dass sich im Leben immer wieder eine Tür öffnet!
Ich hoffe, mit meinem Buch viele Leser ermutigen zu können, niemals aufzugeben und an der Hoffnung festzuhalten, dass sich letztendlich alles zum Guten wendet!
Als ich erwachte, lag ich angegurtet auf einem Bett in einem großen, weißen Saal. Außer meinem standen noch etwa fünf andere Betten im Raum. Um mich herum herrschte emsiges Treiben. Ab und zu erschien eine weiß gekleidete Frau und kümmerte sich um die Kinder in den anderen Betten, manchmal schaute sie auch zu mir. Jeden Morgen traten imposante Leute in weißen Kitteln ins Zimmer und schritten bedächtig von Bett zu Bett, auch bei mir blieben sie mit ernster Miene stehen und murmelten geheimnisvolle Worte. Ich war eifersüchtig auf das kleine Mädchen neben mir, das ausgelassen um sein Bett herumhüpfte und fröhlich sang: »Fröilein, händ Sie miis Hündli gseh …« Ich wusste ja nicht, dass es einen Hirntumor hatte und einige Monate später daran sterben würde.
Wo war ich? Was sollte das Ganze? Was war mit mir geschehen? Warum war ich an ein Bett angebunden? Mir war überhaupt nichts klar. Meine Welt war auf dieses Zimmer beschränkt, ich nahm es einfach als meine momentane Situation wahr und lebte völlig im Augenblick wie alle Kinder. Ich besaß keine Erinnerungen, nicht einmal an meine Familie. Jeder Tag kam mir wie eine Ewigkeit vor. Völlig hilflos lag ich da, an mein Bett geschnallt, und konnte absolut nichts tun. Neben mir ging das Leben weiter, aber mir schien es, als bliebe meines stehen. Ist dies das Leben, ans Bett angebunden zu sein und nichts tun zu können? Dann ist das Leben aber langweilig und nicht schön, dachte ich.
Meine Mutter besuchte mich jeden Tag und so kam auch die Ahnung zurück, dass es noch ein anderes Leben geben müsse. Sie erzählte mir, dass ich einen Autounfall erlitten hätte und mich nun in einem Spital befinde. Aus dem Lautsprecher der Abteilung ertönten immer Kasperlitheater-Hörspiele, die nur während der Besuchszeiten unterbrochen wurden. Deshalb sehnte ich immer das Ende der Besuchszeit herbei, damit ich meine geliebten Kasperlitheaterstücke weiterhören konnte. Nach dem Spitalaufenthalt waren mir die meisten Geschichten so geläufig, dass ich sie fast auswendig konnte.
Wie ein Kleinkind musste ich Windeln tragen. Einmal versuchte das Pflegepersonal es über Nacht ohne Windeln. Ich sehe noch heute das wütende Gesicht der Schwester, als sie mein »Geschäft« wegwischen und das Bett frisch beziehen musste. Alle zwei Tage kam eine jüngere Frau, die sich um meinen teilweise gelähmten Körper kümmerte und ihn bewegte. Später hob sie mich in den Rollstuhl und schob mich in ein anderes Zimmer. Dort legte sie mich auf eine Matte am Boden und bewegte meinen Körper. Das war natürlich die Physiotherapeutin.
Am Wochenende besuchte mich meistens die ganze Familie. Mit sauberen Windeln banden sie mich am Rollstuhl fest und lenkten mein Gefährt zum Ausgang. Da ich nach dem Unfall auch nicht sprechen konnte, dirigierte ich meine Familie mit Handzeichen zum Kiosk. So gab ich ihnen zu verstehen, dass ich ein Eis wollte.
Auch der Fahrer des Unfallautos besuchte mich einmal. Er fragte mich, was ich zu Mittag gegessen habe. »Großmutterfleisch«, antwortete ich. Er staunte und fragte sich wahrscheinlich, ob ich meine Großmutter gegessen habe. Meine Eltern erklärten ihm, was es damit auf sich habe. Früher hatte ich öfters einige Tage bei meinen Großeltern verbracht, wo es zum Mittagessen manchmal Kalbsragout gab, das ich besonders gern mochte. Deshalb nannte ich es »Großmutterfleisch«. Auch meine Großeltern besuchten mich einmal, was mich sehr freute.
Bei einem ihrer Besuche fragte meine Mutter, ob ich wisse, wann ich nach Hause dürfe. Ich schüttelte den Kopf und sie ermutigte mich, meine Ärztin danach zu fragen. So sprach ich diese also bei der nächsten Visite darauf an. Ganz erstaunt, dass ich zum ersten Mal einen zusammenhängenden Satz von mir gab, klärte sie gleich alles ab und teilte mir später mit, dass mich meine Eltern noch am selben Abend abholen würden. Irgendwie freute ich mich, obwohl ich damals nicht wusste, was mich »draußen« erwartete. Ich erinnere mich noch, wie ich an jenem Abend in meinem Nachthemd aufrecht im Bett saß und auf meine Eltern wartete. Um 20.00 Uhr war Lichterlöschen, alle anderen schliefen und es war absolut still um mich herum. Nur ich saß noch da, wartete wie ein kleiner Engel und harrte der Dinge, die da kommen würden.
Als meine Eltern eintrafen, ging alles sehr schnell. Mein Vater trug mich durch das Labyrinth der Klinikgänge und setzte mich ins Auto. Meine Mutter saß neben mir und freute sich, als ich auf der Heimfahrt schon einige Worte sprach. Zu Hause wurde ich von meinen zwei älteren Brüdern und einer Katzenfamilie herzlich begrüßt. Ich freute mich sehr über die sechs Katzenbabys und spielte oft mit ihnen. Sie haben wahrscheinlich auch dazu beigetragen, dass ich mich schnell wieder zu Hause fühlte und gut erholte.
Ich musste einen gepolsterten Helm tragen, um meinen Kopf zu schützen. Also musste mit meinem Kopf etwas nicht in Ordnung sein, folgerte ich. Jedenfalls musste ich nun alles wieder lernen – Gehen, Sprechen, Essen, Schreiben … und, und, und. Anfangs kroch ich am Boden und bewegte mich wie ein Kleinkind. Mein Lehrer besuchte mich häufig und brachte mir Aufgaben von der Schule mit, so war ich nicht ganz »weg vom Fenster«. Auch meine ehemalige Kindergärtnerin kam oft und schenkte mir Kinderbücher mit einfachen Lese- und Schreiblektionen. Damit übte meine Mutter stundenlang mit mir und ich machte eifrig mit. Was blieb mir auch anderes übrig, schließlich wollte ich ja wieder funktionieren wie die anderen.
Im Zimmer nebenan stand eine Wandtafel mit Magnetbuchstaben, damit übten meine Brüder Peter und Paul mit mir das Abc und das Bilden von ersten Sätzen. Dreimal pro Woche fuhr meine Mutter mit mir ins Spital im Nachbardorf zur Physiotherapie. Meine Therapeutin war eine junge blonde Schwedin, die frisch von der Ausbildung kam. Mit der Zeit entstand ein freundschaftliches Verhältnis zwischen uns. Sie wurde zu einer wichtigen Vertrauensperson für mich, weit über die fünf Jahre der Physiotherapie hinaus.
Meine Erinnerungen meldeten sich allmählich wieder zurück. Bilder vom Unfallhergang erschienen vor meinem inneren Auge: In der Schule hatten wir etwas für den Muttertag gebastelt. Ich war aufgeregt gewesen und hatte mich gefreut, meine Mutter damit zu überraschen. An diesem Samstagvormittag regnete es stark, ich trug eine Jacke mit Kapuze, die mir ins nasse Gesicht rutschte und meine Sicht einschränkte. Vielleicht waren es die verlockende Schaufensterauslage der Konditorei oder die Klassenkameraden auf der anderen Seite, die mich die Straße unvorsichtig überqueren ließen.
Jedenfalls übersah ich das herannahende Auto und erwachte erst einige Tage später wieder im Kantonsspital St. Gallen. Meine Eltern erzählten mir, dass ein Passant am Unfallort erste Hilfe geleistet habe, bis der Rettungsdienst eintraf. Sie fuhren mich zuerst ins Spital im Nachbardorf und dann nachts mit dem Rettungswagen ins Kantonsspital St. Gallen, weil sie im Regionalspital für meinen schwierigen Fall nicht ausreichend eingerichtet waren. Dort diagnostizierten die Ärzte ein Schädel-Hirn-Trauma mit einer Hirnquetschung. Zuerst lag ich eine Woche im Koma auf der Intensivstation, danach wurde ich auf die Kinderabteilung verlegt.
Von der Hirnverletzung blieb eine zerebrale Bewegungsstörung zurück, wobei die rechte Körperhälfte stärker betroffen war als die linke. Ich litt an Gleichgewichtsstörungen und meine Feinmotorik funktionierte nicht mehr richtig. Meine rechte Hand zitterte stärker als die linke, deshalb zog ich es vor, die linke zu benutzen. Weil ich vor dem Unfall Rechtshänderin gewesen war, ließ man mich jedoch nicht gewähren. Benutzte ich beim Essen die linke Hand, wurde ich von meinen Eltern sofort gemaßregelt: »Schickst du deine rechte Hand schon wieder in die Ferien!?« Manchmal landete sogar ein Klaps auf meinem Handrücken, um der Ermahnung Nachdruck zu verleihen. Diese ständige Maßregelung empfand ich als unnötige Plagerei. Später erklärten mir meine Eltern, die Beibehaltung der Rechtshändigkeit sei nötig gewesen, weil sonst möglicherweise eine andere Dysfunktion entstanden wäre.
Da auch meine Stimmbänder nach dem Unfall gelähmt waren, musste ich wieder sprechen lernen. Unbegreiflich erscheint mir heute, dass ich keine Logopädie erhielt, umso mehr, wenn ich sah, wie andere, gesunde Klassenkameraden in der Schule von einer Logopädin abgeholt wurden. Mit 17 Jahren organisierte ich mir selbst ein Jahr lang eine logopädische Behandlung, welche zu diesem Zeitpunkt natürlich nichts mehr brachte.
In sämtlichen Funktionen und Tätigkeiten war ich verlangsamt, was mich damals aber nicht sonderlich störte. Als Kind ist man sich der ganzen Tragweite so eines Ereignisses noch nicht voll bewusst, was einem gewissen seelischen Schutzmantel gleichkommt. Erst in der Gesellschaft und im Vergleich mit den »Normalen« nahm ich meine Dysfunktionen nach und nach als Einschränkungen wahr. Am meisten Mühe bereitete mir, dass ich meine Ausscheidungsfunktionen nicht mehr vollständig kontrollieren konnte, und es war mir peinlich, wenn mein Bett nass wurde.
So musste ich wie ein Kleinkind Grundlegendes wieder neu erlernen, damit ich überhaupt funktionieren konnte. Grundsätzlich ging ich gerne in die Physiotherapie und die Therapeutin war mir wie gesagt sehr sympathisch. Es blieb mir auch nichts anderes übrig, als einfach alles gut mitzumachen, denn ich wollte schließlich wieder am Leben teilhaben. Es ist erstaunlich, wie viel man durch Therapie und Training erreichen kann, speziell natürlich, wenn die Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Ich staune auch heute immer wieder über die Selbstheilungskräfte unseres Körpers; er ist ein fantastisches Wunderwerk, ja, der Mensch überhaupt!
Meine Mutter war 27 und mein Vater 34, als sie sich auf die baldige Geburt ihres dritten Kindes freuten. Meine zwei Brüder Peter und Paul waren zwei und vier Jahre alt und erwarteten den Neuankömmling ungeduldig. Nach zwei Jungen – ein Mädchen starb kurz nach der Geburt – wünschten sich meine Eltern sehnlichst eine Tochter. Im Januar 1967 war es endlich so weit: Ich tat meinen ersten Atemzug. Die Freude meiner Eltern war groß, als ihr Wunsch nach einem Mädchen in Erfüllung ging. Sie nannten mich Flavia.
Später erzählte mir meine Mutter, wie sie auf diesen Namen gekommen waren. Als sie mit mir schwanger war, besuchten meine Eltern einen Taufgottesdienst im Tessin. Das Baby wurde Flavio getauft und sie sagten sich, wenns ein Mädchen wird, wollen wir eine Flavia. Wäre ich ein Junge gewesen, hätten sie mich Richard genannt, nach meinem Paten. Dass ich überhaupt einen hatte, wusste fast niemand, denn bei meiner Taufe erschien er mit langen Haaren. Jemand bemerkte laut: »Ach, das arme Mädchen hat zwei Patinnen und keinen Paten!« Beide waren damals 17 Jahre alt. Meine Patin ist die jüngste Schwester meiner Mutter, mein Pate ist ihr Cousin.
Kurz vor meiner Geburt erwarb mein Vater ein älteres Haus in Ebnat-Kappel und war stolz, seiner fünfköpfigen Familie nun ein eigenes Heim bieten zu können. Ich war erst einige Wochen alt, als wir dort einzogen. Meine Eltern renovierten es nach und nach. Zum Haus gehörte ein Gartensitzplatz mit einem Stück Rasen. Angrenzend befand sich ein Garten mit Himbeer- und Johannisbeersträuchern, Schnittlauch und anderem. Unser Haus lag etwa 15 Gehminuten vom Dorfzentrum entfernt. Meine Mutter wuchs im Quartier Howart auf, das zu Ebnat gehörte, und mein Vater im Weiler Blomberg, der zu Kappel gehörte. Wegen der Heirat meiner Eltern wurde aus den beiden Gemeinden eine: Ebnat-Kappel – nein, Spaß beiseite: 1965 wurden Ebnat und Kappel der Einfachheit halber zusammengelegt. Ebnat-Kappel mit all seinen Hügeln und Außenbezirken zählt ungefähr 5000 Einwohner, das eigentliche Dorfzentrum ist jedoch relativ klein. Außer ein paar Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants, drei Banken und ein wenig Industrie bietet es nicht viel. Früher hatte unser Dorf sogar noch ein eigenes Kino, das später leider der Erweiterung einer Migros-Filiale zum Opfer fiel. Mit sechs Jahren durfte ich mit meinen Brüdern zum ersten Mal ins Kino und wir sahen uns den Film »Hans im Glück« an. Das war ein besonderes Erlebnis.
An meine Zeit vor dem Unfall habe ich nur bruchstückhafte Erinnerungen. Unsere Nachbarn, ein älteres Ehepaar mit einer kleinen Tochter namens Karin, waren ziemlich reich. Sie besaßen ein großes Haus mit Swimmingpool, die zwei oberen Stockwerke vermieteten sie als Ferienappartements. Dass sie finanziell besser gestellt waren, ließen sie sich aber kaum anmerken und lebten relativ bescheiden.
Meine Eltern pflegten eine freundschaftliche Beziehung zu ihnen. Wir durften sogar ihren Swimmingpool benutzen und machten regen Gebrauch davon. Mit vier Jahren brachte mir die nette Nachbarin in ihrem Pool das Schwimmen bei. Wenn er leer war, benutzten wir Kinder ihn oft zum Rollschuhfahren. Ich konnte zwar noch nicht so gut mit diesem rollenden Schuhwerk umgehen, aber meine Brüder hielten mich an beiden Händen fest und ich genoss es sehr, sicher durch die Gegend zu flitzen. Karin war sechs Jahre älter als ich, wir spielten oft zusammen und bildeten eine unzertrennliche Einheit.
Sonst gab es keine anderen Kinder in der näheren Umgebung. Auch im Dorf hatte ich keine Freunde außer dem jüngsten Sohn der Bäckersfamilie. Bruno war gleich alt wie ich und weilte oft bei uns, wenn seine Eltern arbeiteten. An den Wochenenden bei schönem Wetter unternahmen wir meistens eine Wanderung, manchmal kam Bruno mit. Ich habe heute noch sein lustiges »Looser! Födlä botzä!« in den Ohren, wenn er sein Geschäft erledigt hatte.
Gut erinnere ich mich, wie wir einmal Hochzeit spielten. Ich war damals drei Jahre alt und wurde als Braut in einem »Schesäwägeli« herumchauffiert; der Bräutigam ist mir nicht mehr so klar in Erinnerung, vielleicht war es Bruno. Ich fühlte mich im schönen Kleid wie eine Prinzessin und genoss es, im Mittelpunkt zu stehen. Ja, Bruno war mein erstes Schätzli, bis zum Kindergarten.
An einem Dreikönigstag, ich war vier Jahre alt, verkleidete ich mich als Prinzessin. Meine Eltern fanden das so lustig, dass sie ein Foto knipsten. Kleine Mädchen verkleiden sich gern als Prinzessinnen. Dies liegt wohl an den Märchen, die man als Kind so gerne immer und immer wieder hört. Ich verweilte stundenlang vor dem Kassettenrekorder und spielte die Märchen ab bis zum Geht-nichtmehr.
Mit fünf Jahren lernte ich auf Stelzen zu laufen und kam mir riesig vor mit diesen Dingern. Als ich Fahrradfahren lernte, musste meine Mutter viele Hosen flicken! Einmal konnte ich nicht mehr bremsen und rammte gegen einen Pfahl. Blutüberströmt lief ich nach Hause und meine Mutter musste sich nicht nur um das Loch an meiner Hose, sondern auch noch um das an meinem Kopf kümmern.
Ebnat-Kappel liegt im Toggenburg und ist von vielen Bergen umgeben, beispielsweise den sieben Churfirsten. Die Namen der Gipfel dieser Bergkette lernte ich schon als kleines Mädchen auswendig, was mich mit Stolz erfüllte. Meine Eltern waren sehr naturverbunden. Vater war ein begeisterter Bergsteiger, der vor seiner Heirat die Freizeit meistens mit seinen Kollegen in den Bergen verbracht hatte. Als Familienvater gab er dieses Hobby auf, da es ihm nun zu gefährlich erschien. Ein paar Jahre später stürzte einer seiner Kollegen ab und fand dabei den Tod, was meinen Vater in seiner Entscheidung nur noch bestärkte. Bei schönem Wetter unternahmen wir fast jedes Wochenende eine Wanderung. Auch unseren Besuchern wurde die schöne Umgebung präsentiert und die meisten wussten, dass sie gutes Schuhwerk mitnehmen mussten, wenn sie zu uns kamen.
Zu den Großeltern väterlicherseits pflegten wir eine gute Beziehung. Sie wohnten auf dem Blomberg, einem abgelegenen Hügel von Ebnat-Kappel. Wir nannten sie »Mutzli-Großeltern«, weil sie einmal eine Katze namens Mutzli besaßen. Als Kleinkind verweilte ich oft bei ihnen, durfte beim Schenkelibacken und anderem helfen. Sie hatten noch kein fließendes Wasser, kochten auf einem Holzherd und neben der Küche im »Schopf« stand ein Plumpsklo. In Zettel geschnittenes Zeitungspapier lag daneben, mit dem man den Allerwertesten abwischen konnte. Auch eine Karaffe mit Wasser zum Spülen stand bereit.
Wasser mussten meine Großeltern aus dem Brunnen vor dem Haus holen. Da sie keinen Kühlschrank besaßen, stellten sie Getränke oder Desserts zum Kühlen in den Brunnen. Im Sommer durfte ich mit meiner Großmutter manchmal Eis aus dem gemieteten Gefrierfach im Weiler Brandholz holen, was einen zehnminütigen Fußmarsch erforderte. Im Garten stolzierten Hühner herum, die frische Eier lieferten. Da stand auch eine Tonne unter der Regenrinne, um das Wasser einzufangen.
Ich war etwa drei Jahre alt, als meine Eltern zu einem Hochzeitsfest eingeladen waren und mich deshalb bei den Großeltern abgaben. Bei einer Nachbarsfamilie hatte die Hündin soeben geworfen und ich durfte die neuen Erdenbürger mit meiner Großmutter besuchen. Die drei Hundebabys waren so süß, ich war total vernarrt in diese herzigen Wesen. Meine Großmutter vergaß nie einen Geburtstag ihrer Enkel und wir bekamen jedes Mal eine feine Himbeerroulade, natürlich selbst gebacken. Fast jeden Sonntag spazierten wir auf den Blomberg zu den Großeltern und schauten uns die Filmserie »Lassie« an.
Selber besaßen wir keinen Fernseher, bis ich neun Jahre alt war. Bei den Großeltern bekamen wir immer »Rivella blau« und manchmal feinen Schokopudding. Das war für uns Kinder jedes Mal ein Erlebnis und »Lassie« entwickelte sich zum Helden für uns. Mein Vater hatte eine ältere Schwester, welche mit ihrem Mann und einem Sohn jedoch weiter weg wohnte. Deshalb war der Kontakt zu ihnen beschränkt.
Die Großeltern mütterlicherseits nannten wir »Prinz-Großeltern«, weil sie einen Hund namens Prinz besaßen. Die Beziehung zu ihnen war weniger innig. Ihr Bauernhaus befand sich im Howart, am entgegengesetzten Dorfende zum Blomberg. Da meine Mutter vier Schwestern hatte, war die Verwandtschaft auf dieser Seite ziemlich zahlreich. Doch auch hier bestanden keine engen Beziehungen, außer mit der jüngsten Schwester, meiner Patentante.
Als ich etwa vier Jahre alt war, bekamen wir zwei Kanarienvögel, wir tauften sie Schneewittchen und Rosarot. Ich fand es immer sehr lustig, wenn sie in der Wohnung herumflogen. Leider starben sie bald und wir mussten sie im Garten begraben. Später hatten wir zwei Katzen. Meine Lieblingskatze war ganz grau und wir nannten sie Gröbeli. Als kleineres Kind stellte ich mir vor, sie sei ein verwandelter Prinz, deshalb war ich sehr nett zu ihr und erzählte ihr Geschichten. Natürlich hoffte ich, sie verwandle sich später in einen Prinzen, der mich dann heiraten würde.
An einem sonnigen Samstag unternahmen wir eine Tageswanderung, während unsere zwei alten Katzen in einem Korb unter dem Küchentisch saßen, sie waren beide trächtig. Als wir am Abend zurückkamen, hatten beide geworfen. Zehn winzige, blinde Katzenbabys tummelten sich im Korb. Die eine Katze bemutterte und säugte alle Jungen, die zweite Katzenmama streunte nur herum.
Wir Kinder erfreuten uns sehr an den Katzenbabys, doch bei unserem Vater hielt sich die Freude in Grenzen. Er musste sich nämlich den Kopf zerbrechen, was er mit dem ganzen Katzensegen anfangen solle. Zwei Kätzchen durften wir behalten und drei weitere konnten wir verschenken. Die restlichen fünf Katzenbabys musste mein Vater ertränken, das war für uns Kinder sehr schrecklich.
Das Nachbarmädchen Karin bekam zu ihrem zehnten Geburtstag einen niedlichen jungen Appenzellerhund, den sie Boss nannte. Er gehörte auch ein bisschen zu unserer Familie, weil wir ihn oft auf Wanderungen mitnahmen, auch sonst war der Hund viel bei uns. Wir kümmerten uns auch um ihn, während die Nachbarn in den Ferien waren. Wenn Vater mit uns Kindern herumalberte, wollte er uns verteidigen und bellte ihn wie wild an. Boss war ein gescheiter Hund, ich liebte ihn sehr.
Da meine Füße von Geburt an nach innen gerichtet waren, suchte meine Mutter mit mir einen Orthopäden auf. Er fertigte für mich Schuheinlagen an, aber leider ließ er es damit nicht bewenden. Ich bekam auch ein »Gstältli« verpasst, es war ähnlich einem Korsett, mit vielen Bändern. Diese musste ich um meine Beine binden, damit sie nach außen gezogen wurden. Das war damals die gängige Therapie gegen das Einwärtslaufen. Ich hasste dieses »Gstältli« und es war mir zuwider, es noch bis in die Kindergartenzeit tragen zu müssen. Es war so kompliziert, wenn ich die Schuhe wechseln musste. Zudem sah man die Bänder, für die ich mich schämte.
Ein wichtiges Ereignis in unserem Dorf stellte der jährlich wiederkehrende Fasnachtsumzug dar. Als fünfjähriger Dreikäsehoch verkleidete mich meine Mutter als Senn (Almhirt). Ich trug eine Tafel mit der Aufschrift »Ich bin der Größte!«. Stolz marschierte ich im Umzug mit und war stets bemüht, meine Tafel gerade zu halten. Ich erzielte den dritten Platz. Bei der Rangverkündigung hoben sie mich auf den Tisch und stolz nahm ich meinen Preis entgegen. Zuletzt bekamen alle Maskierten Wurst und Brot.
Im nächsten Jahr verkleideten sich meine beiden Brüder zusammen als Kamel und ich war der Ölscheich, der es an der Leine führte. Ich mühte mich mit Vaters Sandalen ab und mein Turban löste sich alle drei Minuten. Eine Freundin meiner Mutter half mir immer wieder mit dem Turban und musste mich trösten, weil ich den Tränen nahe war. Es war wirklich mühsam mit den viel zu großen Sandalen ... und dann noch die Blamage mit dem Turban! Aber die Mühe hatte sich gelohnt, wir wurden mit einem Preis bedacht.
In einem anderen Jahr stellte mein Bruder Peter einen vornehmen, reichen Herrn dar. Auf der Tafel, die er in die Höhe hielt, stand in großen Buchstaben: »Hilfe, mich jagt der Pleitegeier!« Paul war als Geier verkleidet und trug meine schönen, gelben Strumpfhosen. Ich stand diesmal nur im Publikum und bangte um meine schönen Strumpfhosen.
Ich habe mich als fröhliches Kindergartenmädchen mit zwei Zöpfen in Erinnerung. Da ich im Kindergarten viele »Gspänli« hatte, gefiel es mir dort sehr gut. Auch die Kindergartentante mochte ich sehr. Jeder Geburtstag wurde gefeiert, und so freute ich mich doppelt auf meinen eigenen. Ich spielte viel lieber mit Autos und Legos als mit Puppen, irgendwie ekelte es mich vor diesen leblosen Gummidingern. Manchmal überwand ich mich aber und nahm diese »Aliens« trotzdem in die Hände, einfach damit ich mit den anderen Mädchen spielen konnte.
Einmal zerriss ich beim »Bettenmachen« die Babydecke. Ich wollte dem anderen Mädchen zeigen, wie meine Mutter die Decken langzog, aber leider war diese hier nicht so stark wie die zu Hause. Doris war meine beste Freundin, wir spielten viel zusammen und waren beinahe unzertrennlich. Ich lud sie zu meinem sechsten Geburtstag ein, doch sie zögerte, weil sie Angst vor tollwütigen Füchsen hatte, die damals das Gesprächsthema waren. Nach einigem Zureden kam sie schließlich doch, aber ich musste sie abholen.
Gut erinnere ich mich, wie ich den anderen Kindern erklären wollte, dass es keinen Osterhasen gebe. Die Kindergärtnerin nahm mich beiseite und bat mich, diese Erkenntnis für mich zu behalten. Ich kam mir dabei sehr klug vor, weil ich etwas wusste, das alle anderen noch fälschlicherweise glaubten. Im Sommer schüttelte die Kindergärtnerin das Zwetschgenbäumchen auf dem Hof, damit wir die reifen Früchte auflesen konnten. Wenn es ganz heiß war, spritzte sie uns mit dem Gartenschlauch ab, wir hatten eine Riesengaudi an dieser Erfrischung!
Vor dem Nikolaus hatten wir alle sehr großen Respekt und auch ein bisschen Angst. Was der gute Mann sagte, nahmen wir uns sehr zu Herzen. Oberhalb des Kindergartens befand sich ein Tannenwald und meine Eltern behaupteten, dort wohne der Nikolaus. Schon damals hegte ich meine Zweifel, denn ich hatte diesen Wald schon gründlich durchstöbert. Immer an Weihnachten führten wir ein Krippenspiel auf und manchmal übten wir auch für Ostern ein Stück ein. Es erfüllte mich mit Stolz, wenn ich vor Publikum etwas vortragen durfte. Einmal spielte ich zwar nur eine Blume, aber für mich zählte, dass ich dabei war. Gut erinnere ich mich, wie ich bei einem Schlittenausflug in einen Bach fuhr. Es sah schlimmer aus, als es war, meine Kindergartentante trug wahrscheinlich den größeren Schrecken davon als ich, außer ein paar Schrammen bekam ich nichts ab.
Für den Kindergartenweg benötigte ich etwa 15 Minuten. Zuerst musste ich eine Wiese überqueren und dann einen Hang hinuntergehen. Auf der Wiese grasten Kühe und obwohl ich eigentlich vor diesen Tieren keine Angst hatte, traute ich der Sache nicht so ganz. Im Winter wiederum musste man durch den meterhohen Schnee stapfen. War es in dieser Jahreszeit der Schnee, der mir zu schaffen machte, waren es im Sommer die Kühe.
Noch mehr Angst hingegen flößte mir ein frecher Lümmel ein. Martin lauerte mir oft auf dem Heimweg auf. Ich war zwar kein Schwächling, aber mit diesem stämmigen Bauernbuben konnte ich es nicht aufnehmen. Er war das jüngste von sieben Kindern. Ich hasste diesen Martin, der es offensichtlich liebte, kleine Mädchen wie mich zu drangsalieren. Meine Brüder hatten einen anderen Schulweg und konnten mir leider nicht beistehen. Aber manchmal kamen mir die Kühe zu Hilfe, denn Martin hatte Angst vor diesen Tieren.
Obwohl ich den Schulreifetest bestand, schickte mich meine Mutter noch ein weiteres Jahr in den Kindergarten, denn sie fand, ich solle ruhig das Spielerische noch ein bisschen mehr entwickeln. Einerseits fand ich es schade, weil ich auch zu den »Großen« gehören wollte, andererseits gefiel es mir ja im Kindergarten und so fügte ich mich stillschweigend in mein Schicksal.
Da ich auf einem Auge schielte, musste ich zur Abklärung und zu einer nachfolgenden Operation drei Wochen in die Sehschule St. Gallen. Ich war sechs Jahre alt und wurde dort von wahnsinnigem Heimweh geplagt. Schon die kleinsten Knirpse mussten zum Frühstück Kaffee trinken; das war eben billiger als Milch. Ich hasste dieses braune Gebräu! Auch das Mittagessen ist mir in schlechter Erinnerung. Wenn man seinen Teller nicht leer aß, kam eine Betreuerin und löffelte einem den Rest in den Mund. Wenn man nämlich nicht schön aufgegessen hatte, kriegte man kein Dessert. Und darauf wollte ich keinesfalls verzichten!
Tagsüber verweilten wir meistens auf dem Hof. Ich hasste das, denn ich wusste meistens nichts mit mir anzufangen und mich einfach anderen anzuschließen war nicht mein Ding. Auch Bastelgruppen wurden angeboten und für die Kleinen gab es eine Spielgruppe. Zwischendurch wurde jedes Kind von einer Ophtalmologin (Augenheilkundige) abgeholt, um Abklärungen für die Operation zu treffen. Sie führte uns in einen großen Raum mit vielen Apparaten, wo noch andere Ophtalmologinnen mit ihren kleinen Patienten arbeiteten.
Meine hieß Frau Seeholzer, doch ich nannte sie nur »Seebär«. Ich freute mich immer, wenn sie mich abholte, denn das brachte eine willkommene Abwechslung. Sie war für mich der einzige Lichtblick an der Sehschule und ich mochte sie sehr. Zum Abschied schenkte sie mir ein großes Puzzle, das lange Zeit meine Lieblingsbeschäftigung darstellte.
Jeden Nachmittag mussten wir spazieren gehen, immer den gleichen langweiligen Weg zum selben Spielplatz. Ich hasste diese Spaziergänge! Man musste sich in Zweierkolonne aufstellen, dann wurden alle gezählt und Abmarsch. Diese Spaziergänge waren obligatorisch und keiner konnte sich drücken. Nur die Frischoperierten mussten nicht mitgehen. Aus diesem Grund freute ich mich sogar ein wenig auf die Operation. Auch wenn es regnete, mussten wir nicht auf diesen blöden Spaziergang, deshalb hoffte und betete ich immer, dass es regnen möge! Da wir in der Schweiz wohnten, standen meine Chancen nicht schlecht.
Dann nahte der Tag der Operation. Zuerst musste ich ein bitteres Wässerchen trinken, dann kriegte ich eine Vollnarkose, indem sie mir einen Gummischlauch um einen Oberschenkel banden, in den sie das Narkotikum ganz langsam injizierten. Das tat höllisch weh! Als ich wieder aufwachte, sah ich alles verschwommen. Nach und nach erkannte ich das Gesicht meiner Mutter, das sich allmählich aus einer Fratze herausschälte. Ich freute mich sehr, als meine Eltern mich einige Tage später abholten und mit mir nach Hause fuhren.
Bevor der verhängnisvolle Unfall geschah, drückte ich bereits einen Monat die Schulbank. Ich erinnere mich noch gut an den ersten Schultag, wie wir alle unsere Namen nennen mussten. Der Lehrer war ein stämmiger Mann um die 40. Er unterrichtete gleichzeitig zwei Klassen. Das funktionierte so weit gut. Ich empfand dies nicht als Nachteil, sondern hatte im Gegenteil das Gefühl, wir Kleinen könnten von den Größeren profitieren. Eine Klasse hatte immer an einer schriftlichen Aufgabe zu kauen, während der Lehrer mit der anderen Klasse mündlich arbeitete.
Eine Schülerin war recht zierlich und fühlte sich oft vom Lehrer zu hart angefasst. Manchmal weinte sie sogar, wenn er sie ein bisschen schroff anfuhr. Dieses Mädchen erschien dann bald nicht mehr, es hatte die Klasse gewechselt. Ein Junge aus der zweiten Klasse war die Zielscheibe des Lehrers. Wegen jeder Kleinigkeit wurde er getadelt und musste oft vor der Tür stehen, während es bei den anderen Kindern mehr brauchte, bis das Maß voll war. Er tat mir so leid!
Durch den Unfall fehlte ich drei Monate in der Schule, einen Monat lang musste ich das Spitalbett hüten und anschließend verbrachte ich zwei Monate zur Erholung zu Hause. Kaum konnte ich etwas »torkeln«, fuhr mich meine Mutter mit dem Fahrrad zur Schule und ich besuchte dieselbe Klasse, aus der ich durch den Unfall herausgerissen worden war.
Wenn sich die Kinder anfangs noch dafür interessierten, was mit mir geschehen war, flachte dieses Interesse schnell ab und verwandelte sich in Gleichgültigkeit. Sie ließen mich bald links liegen, so war ich in den Pausen meistens allein. Einige Kinder waren wirklich gemein zu mir; es wollte auch niemand neben mir sitzen, weil ich anfangs noch sabberte. Wahrscheinlich war ihnen der Umgang mit mir einfach zu mühsam, hauptsächlich wegen meiner anfangs noch schwerfälligen und langsamen Sprache. Sie suchten sich lieber unbeschwertere Beziehungen.
Als der Winter Einzug hielt und es zu schneien begann, schien es meiner Mutter zu gefährlich mit dem Fahrrad und ich konnte mit dem Schulbus mitfahren. Morgens musste ich jedoch sehr früh bereitstehen, da der Bus nachher noch viele Kinder in abgelegenen Winkeln einsammelte. Als weiterer Nachteil entpuppte sich, dass ich auf den Bus warten musste, wenn meine Klasse früher Schulschluss hatte. Durch diese Sonderbehandlung kam ich mir noch mehr als Außenseiterin vor. Zudem musste ich immer noch meinen blöden Helm tragen, was mich zusätzlich von den anderen Kindern absonderte. Ich war froh, als ich wieder besser gehen und meinen Schulweg selbstständig bewältigen konnte. Den Helm musste ich leider noch zwei weitere Jahre tragen.
Meine Mutter unternahm kleinere Spaziergänge mit mir und schon bald nahmen mich die Eltern auch auf kurze Wanderungen mit. Es muss ein Freudenfest für sie gewesen sein, als ich meine erste Wanderung nach dem Unfall schaffte. Natürlich war auch Boss mit von der Partie, er wurde mir zu einem lieben und rücksichtsvollen Gefährten. Ich führte ihn an der Leine und wenn ich stolperte, wartete er immer geduldig. Dies fand ich lustig und es stellte für mich eine Erleichterung dar, wenn er mich zog. Er war so ein intelligenter und sensibler Hund! Als ich das erste Mal nach dem Unfall in den Swimmingpool der Nachbarn hineinstieg, sprang auch er ins Wasser, denn er meinte wohl, ich könne nicht mehr schwimmen. Sein Herrchen freute dies natürlich nicht, der Hund musste ein Donnerwetter über sich ergehen lassen.
Schulisch kam ich gut mit, worüber sich meine Eltern freuten. Schließlich wussten sie zuerst nicht, wie weit ich mich von dem schweren Unfall erholen würde, ob ich intelligenzmäßig eingeschränkt oder vielleicht sogar geistig behindert sein würde. Der Lehrer merkte wohl, dass ich mir Mühe gab. Obwohl meine Schrift zittrig aussah und sich weit entfernt von einer schönen Handschrift befand, erhielt ich meistens mein »Kleberli« als Belohnung. Damit honorierte er wohl eher meine Bemühungen als meine Leistungen. Auch meine Zeugnisnoten fielen nicht schlecht aus, aber in gewissen Fächern wie Schreiben oder Handarbeit wurden wohl ebenfalls mehr meine Bemühungen als meine Leistungen bewertet. Später in der Oberstufe wurde ich wahrheitsgetreu bewertet und erhielt in Handarbeit deutlich schlechtere Noten.
Dem Unterricht konnte ich problemlos folgen, nur das Schreiben bereitete mir Mühe. Dabei verkrampfte sich meine Hand und meine Schrift sah zittrig aus. Hier machte sich die Verlangsamung extrem bemerkbar, sie betrug beinahe 50 Prozent. Die Lehrer nahmen hier jeweils Rücksicht, indem sie sich andere Methoden einfallen ließen, beispielsweise einen Lückentext im Diktat. In den naturwissenschaftlichen Fächern schrieb der Lehrer den Text für mich mit, während er ihn den anderen Schülern diktierte. Und natürlich wurde mir bei Prüfungen mehr Zeit eingeräumt. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass ich oft nach Schulschluss noch etwas fertig schreiben musste, dies konnte bis zu einer Stunde dauern.
In der dritten Klasse trug ich einen Arm im Gips wegen eines Knochenrisses und konnte deshalb nicht turnen. Ich fand es sehr ungerecht, dass ich in diesen Turnstunden stattdessen mit zwei anderen Kindern im Schulzimmer bleiben und eine Strafaufgabe erhielt. Normalerweise musste man eine Strafaufgabe schreiben, wenn man seine Turnsachen oder etwas anderes vergessen hatte, aber ich konnte ja nichts dafür. Doch auch sonst konnte ich im Turnen nicht gut mithalten. Sicher mehr als die Hälfte der Turnstunden musste ich nur zuschauen und so wurden mir meine körperlichen Einschränkungen immer bildlich vor Augen geführt. Bei Gruppenspielen oder Stafetten wurden meistens zwei Schüler bestimmt, die ihre Mannschaft wählen konnten. Natürlich wurde ich immer als Letzte aufgerufen, denn niemand wollte mich in seiner Mannschaft haben. Solche Momente schmerzten schon!
Einmal pro Jahr suchte uns zu Hause der Schadenexperte von der Haftpflichtversicherung des Unfallverursachers auf. Dann musste ich mich von der besten Seite zeigen. Er erkundigte sich bei meinen Eltern, wie es mir gehe und ob sie irgendwo Hilfe benötigten. Meistens lehnten sie dankend ab, es sei alles bestens. Ja, das war es vielleicht für meine Eltern, doch nicht für mich. Aber mich fragte ja keiner!
Nur ein Mädchen aus meiner Klasse ließ sich auf eine nähere Beziehung mit mir ein. Sie wohnte in der Nähe des Schulhauses, ein Radweg führte an ihrem Haus vorbei. Ich besuchte sie oft und konnte mit meinem Fahrrad den Thurweg entlangfahren. Der Weg beinhaltete eine Kurve und ich befürchtete immer, dass ich sie nicht kriegen könnte und im Fluss landen würde. Diese Schulkollegin lud mich sogar einmal zu ihrem Geburtstag ein, was mich außerordentlich freute. Davon abgesehen, wurde ich nie zu einem Kindergeburtstag eingeladen, obwohl ich selber immer ein Geburtstagsfest veranstaltete, zu dem ich einige Gspänli einlud.
Für mich ist es bis heute nicht selbstverständlich, dass ich trotz meiner Gleichgewichtsstörungen Rad fahren kann, mit einem Zweirad und nicht wie viele behinderte Menschen mit einem Dreirad-Gefährt. Auch dies musste ich nach dem Unfall wieder lernen, meine Mutter übte oft mit mir. Anfangs war ich noch sehr unsicher auf meinem Drahtesel und schwankte gefährlich, sodass meine Mutter mit mir nur auf Nebenstraßen fuhr. Allmählich wurde ich jedoch sicherer und meine Mutter wagte es, mich ohne Begleitung auf die Straße zu lassen. Mit zehn Jahren durfte ich sogar mit meinem älteren Bruder Peter auf eine Fahrradtour nach Wetzikon. Ich bekam immer mehr Freude am Radfahren und fuhr oft über den Rickenpass nach Rapperswil.
