Schwanenfeder, Ginster & Gold - Daniela Vogel - E-Book

Schwanenfeder, Ginster & Gold E-Book

Daniela Vogel

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»Dein Leben, mein Kind, wird nicht in den geordneten Bahnen weiter verlaufen, in denen es begonnen hat. Viel Leid wird über dich und die Deinen kommen. Sehr viel Leid! Aber aus dem Leid wird etwas erwachsen, das immerwährenden Bestand hat. Nutze die Gunst der Stunde und du wirst den Sieg davontragen.« Isabelle Ferguson wächst behütet auf der Burg ihrer Eltern auf. Doch ihr Leben ändert sich schlagartig, als an ihrem fünfzehnten Geburtstag ihre Mutter bei einem Reitunfall stirbt. Ihr Vater, vollkommen verwirrt vor Trauer und Schmerz, sieht in ihr plötzlich seine verstorbene Frau und freit um sie. Selbst nach Jahren lässt er sich nicht von seinem Plan abbringen, sie zu heiraten. Isabelle sieht nur noch einen Ausweg: Die Flucht! Was wird das Schicksal für sie vorsehen und welche Rolle spielt dabei die Prophezeiung der alten Noirin? Als sie Patrick, dem Laird des Sinclairclans begegnet, bekommt sie eine vage Ahnung davon. Allerdings sollte man niemals nur auf das Schicksal vertrauen, denn es spielt gerne Katz und Maus ... "Schwanenfeder, Ginster & Gold" ist eine Adaption des schottischen Märchens, "Von dem König, der seine Tochter heiraten wollte".

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Schwanenfeder, Ginster & Gold

 

 

 

Daniela Vogel

 Buchbeschreibung:

»Dein Leben, mein Kind, wird nicht in den geordneten Bahnen weiter verlaufen, in denen es begonnen hat. Viel Leid wird über dich und die Deinen kommen. Sehr viel Leid! Aber aus dem Leid wird etwas erwachsen, das immerwährenden Bestand hat. Nutze die Gunst der Stunde und du wirst den Sieg davontragen.«

Isabelle Ferguson wächst behütet auf der Burg ihrer Eltern auf. Doch ihr Leben ändert sich schlagartig, als an ihrem fünfzehnten Geburtstag ihre Mutter bei einem Reitunfall stirbt. Ihr Vater, vollkommen verwirrt vor Trauer und Schmerz, sieht in ihr plötzlich seine verstorbene Frau und freit um sie. Selbst nach Jahren lässt er sich nicht von seinem Plan abbringen, sie zu heiraten. Isabelle sieht nur noch einen Ausweg: Die Flucht!

Was wird das Schicksal für sie vorsehen und welche Rolle spielt dabei die Prophezeiung der alten Noirin?

Als sie Patrick, dem Laird des Sinclairclans begegnet, bekommt sie eine vage Ahnung davon. Allerdings sollte man niemals nur auf das Schicksal vertrauen, denn es spielt gerne Katz und Maus ...

 Hinweise zum Urheberrecht

Das gesamte Werk einschließlich aller Inhalte ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder Reproduktion, Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung (auch auszugsweise) in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie oder andere Verfahren) sowie die Einspeicherung, Vervielfältigung und Verarbeitung mithilfe elektronischer Systeme jeglicher Art, gesamt und auszugsweise, ist ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung der Autorin untersagt.

 Impressum

Texte:

            © Copyright by Daniela VogelUmschlag

            © Copyright by Jessica Mohring

Korrektorat:

 © Ruth Pöß

Verlag

             Daniela Vogel

             Nordstraße 52

             47169 Duisburg

             [email protected]

             1. Auflage

Schwanenfeder,Ginster & Gold

 

 

 

 

Daniela Vogel

 Prolog

Seit über zwei Wochen tobten nun schon die alljährlichen Herbststürme. Der Sturm, der momentan wütete, peitschte die Wellen die steile Klippe hinauf bis fast an die untere Kante der Ringmauer. Der Wind heulte gespenstisch durch die Schießscharten und der Regen prasselte, als hätte jemand die Tore des Himmels geöffnet. Selbst im Inneren der Burg waren die Auswirkungen des Wetters deutlich zu spüren. Es zog erbärmlich und hin und wieder mussten sogar die Feuer in den Kaminen vor dieser Urgewalt kapitulieren. Das Schlimmste daran war jedoch, dass das Treiben des Sturms gerade heute seinen Höhepunkt erreichte.

Obwohl es ihm im hohem Maß zuwider war, hatte er dennoch einige seiner Männer hinausjagen müssen, um die alte Noirin herbeizuschaffen. Ein Kräuterweib, das sich auch als Hebamme verdingte. Und genau diese brauchte er momentan so dringend wie die Luft zum Atmen.

Alyth lag in den Wehen mit ihrem ersten Kind. Wie viele schier endlos lange Jahre hatten sie gebangt und gehofft, dass Gott ihnen endlich einen Stammhalter schenken möge, indes, alles Hoffen war vergebens. Doch gerade, als sie schon nicht mehr zu hoffen gewagt hatten, war seine Frau schließlich doch noch guter Hoffnung gewesen. Aber die Geburt verlief nicht, wie sie es sollte und nur Eine konnte jetzt noch helfen: die alte Noirin.

Die schier endlose Warterei auf die Rückkehr seiner Männer hatte ihn an den Rand des Wahnsinns getrieben. Doch nun, wo sie endlich zurück waren und Noirin unversehens zu seiner Frau geeilt war, ging es ihm auch nicht viel besser. Seit einer gefühlten Ewigkeit war die Alte nun schon in Alyths Kammer. Die erhoffte Nachricht blieb allerdings auch weiterhin aus.

Malcolm Sinclair zog sein Plaid enger um seinen Körper und seufzte leise. Dann hielt er kurz inne, bevor er sich wieder in Bewegung setzte. Wie oft er mittlerweile die gesamte Ringmauer der Burg abgeschritten hatte, konnte er nicht genau sagen, aber dass er, wenn es so weiterging, einen Trampelpfad darauf ziehen würde, war gewiss. Doch hineinzugehen war auch keine wirkliche Option. Selbst hier draußen war die Warterei schon eine Qual, aber im Inneren ...

»Mylord, die alte Noirin lässt Euch rufen.« Malcolm zuckte unwillkürlich zusammen und drehte sich instinktiv in die Richtung, aus der die Stimme kam. Er war dermaßen in seine Gedanken vertieft gewesen, dass er noch nicht einmal bemerkt hatte, dass John, sein Kämmerer, zu ihm auf die Ringmauer gekommen war.

»Ist etwas mit meiner Frau oder dem Kind?« Der ängstliche Unterton in seiner Stimme verriet, wie es gegenwärtig wirklich in ihm aussah, aber das war ihm egal. Sollten doch alle sehen, wie sehr er sich um die beiden sorgte.

Auf dem Gesicht seines Gegenübers erschien ein Grinsen.

»Aye, sie sind wohl auf. Ihr seid Vater eines gesunden Jungen!«

Ohne John eines weiteren Blickes zu würdigen, stürmte Malcolm los. Doch vor der Tür zu Alyths Gemach hielt er plötzlich inne. Müsste nicht das Geschrei des Neugeborenen zu hören sein? Oder wenigstens ein anderes Geräusch? Doch in der Kammer war es totenstill. Malcolm hielt erschrocken den Atem an. Was, wenn seine Frau oder das Kind in der Zwischenzeit ... In demselben Moment öffnete sich die Tür leise von innen und Noirins Gesicht tauchte vor ihm auf.

»Mylord! Euch ist ein wahrer Segen zuteilgeworden, mit dem niemand mehr gerechnet hat. Aber kommt erst einmal herein und seht selbst.« Malcolms Knie zitterten, während er der Alten in die Kammer folgte. Selbst in den großen Schlachten, in denen er gekämpft hatte, war er niemals so aufgewühlt gewesen wie in diesem Augenblick. Aber das war auch nicht weiter verwunderlich. Schlachten gab es unendlich viele, wenn man es darauf anlegte, aber wie oft wurde man im Leben schon Vater? Und das auch noch zum ersten Mal?

Noirin führte ihn direkt zu dem großen, prunkvollen Himmelbett, das fast den gesamten Raum einnahm und das er eigens für Alyth von einem ihrer begabtesten Tischler hatte anfertigen lassen. Dort lagen sie. Malcolm betrachtete liebevoll seine schlafende Frau und den gerade geborenen Säugling in ihren Armen. Er war das langersehnte Wunder und genauso würde er ihn auch stets sehen. Patrick John Sinclair! Sein Sohn! Patrick nach dem heiligen Patrick, zu dem seine Frau so oft gebetet hatte und John, wie der Lieblingsjünger des Herrn. Vielleicht würde er auf diese Weise genau wie dieser seine Gunst gewinnen.

»Mylord, darf ich sprechen?« Noirins Worte rissen ihn abrupt aus seinen Gedanken.

»Was ist? Stimmt etwas nicht mit den beiden?« Noirin schüttelte ihren Kopf.

»Nein, das ist es nicht. Aber ... Mylord, ich weiß, dass Ihr an die höhere Macht glaubt, die das Kreuz als ihr Zeichen beansprucht, doch es gibt auch noch andere Mächte ...«, antwortete sie ihm leise.

»Eigentlich sollte ich dich für deine Worte schelten. Du weißt, wie ich zu all dem Humbug stehe, der durch Unwissenheit und Aberglaube entstanden ist.« Noirin nickte.

»Aye! Doch das, was ich Euch zu sagen habe, hat nichts mit Aberglauben und Humbug zu schaffen. Ihr wisst, was das zweite Gesicht ist?« Jetzt war es Malcolm, der nickte.

»Mylord, die Nacht, in der Euer Sohn das Licht der Welt erblickt hat, ist eine ganz Besondere. Sie erlaubt es den Verstorbenen zurück auf die Welt zu gelangen und mit ihren Nachkommen in Kontakt zu treten. Ihr wisst auch, dass eine meiner Vorfahrinnen die Seherin Eures Vorfahren war. Sie hat mir aufgetragen, Euch eine Botschaft zu übermitteln.«

»Noirin, ich bitte dich! Deine Vorfahrin?« Noirin nickte.

»Aye!« Malcolm konnte das Lachen, das in seiner Kehle aufstieg, kaum unterdrücken. Obwohl die meisten seines Clans mittlerweile zum Christentum bekehrt worden waren, hielten sie dessen ungeachtet an ihren alten Sitten und Gebräuchen, sowie an einigen obskuren Glaubensarten fest. Solange sie aber dennoch jeden Sonntag den Gottesdienst besuchten, war es ihm einigermaßen gleichgültig. Es schadete ja niemandem. Und nicht nur das. Solange er seinen Leuten einige Freiheiten einräumte, dankten sie es ihm mit Pflichterfüllung und Treue.

»Welche Botschaft hat sie denn für mich?«, wollte er grinsend von ihr wissen. Die Alte sah ihm tief in die Augen, dann senkte sie ihre Stimme.

»Das Schicksal Eures Sohnes liegt im Meer. Doch nichts ist so, wie es scheinen mag. Einzig und allein der Blick hinter die Fassade wird Gewissheit bringen. Und nur dann, wenn er das nicht Sichtbare sieht, wird er sein Glück finde, denn ein Herz kann unendlich viel mehr sehen, als so manche Augen.«

 Kapitel 1

»Isabelle, Kind, wo steckst du? Master Hays wartet mit dem Unterricht auf dich. Er will endlich anfangen.« Isabelle Ferguson raffte lachend ihre Röcke, während sie genau in die entgegengesetzte Richtung rannte, aus der die Stimme ihrer Amme kam. Sollte Master Hays doch ruhig auf sie warten. Heute war kein Tag, den sie in einem stickigen Studierzimmer, noch dazu mit einem greisen Lehrer verbringen wollte. Nein, an diesem Tag würde er vergeblich auf sie warten, denn heute jährte sich ihre Geburt zum 15. Mal.

Isabelle sprang hinter einen der vollbeladenen Karren, die die Pächter ihres Vaters am Vortag zuhauf auf die Burg gebracht hatten und duckte sich. Dann spähte sie vorsichtig in die Richtung, aus der sie gekommen war. Es war immer wieder ein großer Spaß, sich vor Edyth zu verstecken. Die körperliche Fülle ihrer Amme, ließ diese bei jedem Schritt schnauben wie ein Walross und die Farbe einer überreifen Tomate annehmen, was beides zusammen mehr als komisch war. Vor allem, wenn diese dann auch noch versuchte, völlig außer Atem nach ihrem Schützling zu rufen. Kaum, dass sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte, sah sie auch schon, wie Edyth langsam auf den Karren zusteuerte, hinter dem sie sich verbarg.

»Kind! Wirst du nicht langsam zu alt für diese Spielereien?« Edyth hielt schnaufend inne. »Ich kann ja verstehen, dass du heute lieber etwas anderes tun würdest, aber der Unterricht ist wichtig. Was soll dein zukünftiger Gatte davon halten, wenn du noch nicht einmal in der Lage bist, deinen Namen ordentlich zu schreiben?« Isabelle versuchte, ihr Kichern zu unterdrücken, indem sie beide Hände auf ihren Mund presste. Doch leider vergaß sie dadurch ihren Kopf zurück in die schützende Deckung des Karrens zu ziehen. Genau in diesem Moment traf Edyth Blick den ihren. Isabelles Amme stemmte daraufhin schnaubend die Arme in ihre Taille und grinste sie verschmitzt an.

»Hab ich dich, du kleiner Wildfang! Los komm schon hervor, weglaufen macht keinen Sinn mehr. Ich finde dich ja eh!« Isabelle brach in schallendes Gelächter aus, während sie langsam hinter dem Karren hervorkam und anschließend auf Edyth zulief.

»Wenn du ein Junge wärst, könntest du jetzt etwas erleben!«, versuchte Edyth sie zu schelten, doch das Grinsen in ihrem Gesich, zeugte vom genauen Gegenteil. »Benimmt sich so eine junge Lady? Und wie du wieder aussiehst! Dein Kleid ist völlig verdreckt und deine Haare sehen aus, als hätte ein Vogel darin genistet.« Edyth fuhr ihr liebevoll über die Wange. »Waschen sollten wir dich auch noch! Herrje! Ich denke, Master Hays wird heute vergeblich auf dich warten. So kannst du deinen Eltern auf keinen Fall vor die Augen treten. Komm jetzt! Ich werde ein Bad für dich bereiten lassen.«

»Edyth, warum wollen meine Eltern mich sehen? Ist es, weil sich heute der Tag meiner Geburt jährt?«, wollte Isabelle daraufhin von ihrer Amme wissen. Edyth antwortete ihr nicht, sondern lächelte sie nur vielsagend an.

»Edyth, bitte! Ich muss es wissen. Ich glaube, ich sterbe sonst!«

»Kleine Lady, es gehört wesentlich mehr dazu, einfach zu sterben.«

»Dann halte ich die Luft solange an, bis du es mir sagst. Es heißt, wenn man aufhört zu atmen, stirbt man!« Edyth sah ihr tief in die Augen und fuhr ihr dabei zärtlich über das zerzaustes Haar.

»Mein kleiner Liebling, du musst noch so viel lernen. Aber wenn es dich beruhigt, es hat mit deinem Jahrestag zu tun. Auf dich wartet eine Überraschung.«

»Ist es eine schöne Überraschung?«

»Das wirst du nie erfahren, wenn du nicht endlich im Haus verschwindest und dich auf die Weise zurechtmachen lässt, die einer jungen Lady geziemt.«

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis Isabelle gewaschen, frisiert und in eine wunderschöne neue Robe aus weißer mit gelben Blüten verzierter Seide, gehüllt war. Alles unter dem strengen Blick ihrer Amme, die die Mägde geradezu zur Eile antrieb. Isabelle plapperte vor Aufregung unentwegt, solange bis Edyth schließlich eine Magd in die Küche jagte, um frisches Gebäck zu holen. Es war offensichtlich, was ihre Amme damit bezweckte, doch wieso machte sie solch ein Aufhebens um ihren Jahrestag? Das machte Isabelle nur noch nervöser. Bevor sie jedoch ihre Amme danach fragen konnte, stopfte Edyth ihr ein noch warmes Stück Hafergebäck in den Mund, sodass Isabelle gezwungen war, erst einmal zu kauen. Dies wiederholte sie so lange, bis ihr Schützling endlich aufgab und stillschweigend die Prozedur über sich ergehen ließ. Isabelle konnte sich nicht daran erinnern, dass um den Tag ihrer Geburt jemals ein solches Spektakel veranstaltet wurde. Meist gab es nur ein neues Gewand, Segenswünsche von ihren Eltern, vielleicht auch noch ihre Lieblingsspeise und das war es dann. Aber heute? Etwas stimmte nicht und das Schlimmste daran war, dass nicht einmal Edyth ihr sagen wollte, was es war.

Erst als alles zur vollsten Zufriedenheit ihrer Amme erledigt war und sie die Mägde aus Isabelles Kammer gejagt hatte, wandte Edyth sich erneut an sie.

»Kind, ich denke, wir sollten reden.« Edyth sah sie ernst an.

»Wenn du mich so ernst ansiehst, dann kann es nicht nur um die Überraschung gehen«, entgegnete Isabelle ihr, ohne den ängstlichen Unterton in ihrer Stimme zu verbergen. »Ist etwas geschehen? Etwas, was dich bedrückt? Edyth, ich bin kein kleines Kind mehr.«

»Und genau darum geht es. Du wirst immer mein kleiner Wildfang bleiben, aber vom heutigen Tag an wird sich einiges für dich ändern. Du bist jetzt eine junge Lady im heiratsfähigen Alter. Das bedeutet, dass in nicht allzu ferner Zeit, dein Vater einen Gatten für dich erwählen wird. Dann wirst du uns verlassen, selbst die Lady eines großen Haushalts werden, Kinder bekommen und viele Pflichten zu erfüllen haben. Für mich hingegen wird es bedeuten, dass ich dieses Anwesen verlassen werde und …«

»Dann nehme ich dich einfach mit!« Edyth lächelte sie wehmütig an.

»Aye! Das würdest du bestimmt. Aber in deinem neuen Zuhause wird es keinen Platz für mich geben.«

»Wenn ich dich nicht mitnehmen kann, dann wird es auch niemals ein Zuhause für mich werden«, entgegnete Isabelle ihr ernst.

»Ach Kind! Wenn das alles so einfach wäre. Aber ich danke dir. Du warst und wirst immer der Sonnenschein bleiben, der meine Tage erhellt.«

»Waren sie denn trüb, bevor …« Edyth senkte traurig die Lider.

»Aye! Das waren sie. Aber lass uns heute nicht von den trüben Dingen des Lebens reden. Heute ist dein Tag! Ein Freudentag, der gebührlich gefeiert werden sollte. Ach und noch etwas, vor deinen Eltern werde ich dich ab heute mit Mistress anreden. Es geziemt sich nicht, die erwachsene Tochter des Lairds weiterhin bei ihrem Namen zu rufen.«

»Dann bin ich demnach jetzt erwachsen?«

»Aye, das bist du! Und jetzt komm! Wir sollten deine Eltern nicht noch länger warten lassen.«

Als Isabelle die Stiege, die hinunter in die große Halle führte, betrat, herrschte unter ihr reges Treiben. Die gesamte Halle war mit Blumengirlanden geschmückt. Man hatte eine riesige Tafel aufgestellt, an der fast alle Bewohner der Burg Platz fanden. Die meisten von ihnen unterhielten sich lautstark, während andere eifrig um den Tisch herumliefen und ihnen Wein und Whisky reichten. Vor Kopf saßen ihr Vater und ihre Mutter, ebenfalls in ein Gespräch vertieft, einträchtig neben einander. Es war immer wieder erstaunlich, zu sehen, wie gut die beiden sich verstanden, denn gegensätzlicher konnten zwei Menschen kaum sein. Ihr Vater war aufbrausend und störrisch wie ein Maultier. Wenn er wütend war, was nicht selten vorkam, dann gingen ihm selbst die mutigsten seiner Krieger aus dem Weg. Doch nicht so ihre Mutter. Mhairi war das genaue Gegenteil ihres Mannes Brian. Sie war so sanftmütig und gütig, dass sie mit ihrer ruhigen, freundlichen Art sogar ihren Mann besänftigen konnte, wenn alle anderen bereits vor ihm Reißaus genommen hatten.

Isabelle hielt kurz inne. War das die Überraschung, von der Edyth gesprochen hatte? Ein Bankett zu ihren Ehren? So etwas hatte es noch nie zuvor gegeben, außer zu ihrer Geburt, aber daran konnte sie sich nicht erinnern.

In diesem Moment schien irgendjemand ihr Auftauchen bemerkt zu haben, denn augenblicklich verstummte das fröhliche Stimmengewirr und sanfte Dudelsackklänge setzten ein. Isabelle fühlte sich sichtlich unwohl. Sie spürte, dass ihre Wangen zu glühen begannen, denn mit einem Mal ruhten die Blicke aller anwesenden Personen nur noch auf ihr. Hilfesuchend sah sie sich nach Edyth um, doch ihre Amme war nicht mehr in ihrer Nähe. Isabelle war drauf und dran, einfach auf dem Absatz kehrt zu machen und vor alldem, was sie dort unten erwartete, zu fliehen, doch dann fiel ihr Blick auf ihre Mutter, die sie aufmunternd anlächelte. Wenn sie jetzt einfach davonlief, waren all die Vorbereitungen und Arbeiten, die nur zu ihren Ehren stattgefunden hatten, völlig umsonst gewesen. Und nicht nur das! Sicher wären sie alle dann enttäuscht. Verdammt! Sie musste sich zusammenreißen! Sie wollte niemanden enttäuschen und schon gar nicht jemanden, der sich so viel Mühe gab. Sie war die Tochter des Lairds, von der jedermann dort unten erwartete, dass sie dankbar lächelte und das Fest genoss. Nur, irgendwie war ihr nicht zum Lächeln zumute. Man konnte es vielleicht als eine Vorahnung bezeichnen, oder aber es lag wirklich nur daran, dass sie es nicht gewohnt war, so direkt im Mittelpunkt zu stehen. Auf jeden Fall keimte in ihr die Angst auf, dass dieser Tag nicht so fröhlich enden würde, wie er begonnen hatte.

Es half ja alles nichts! Je länger sie einfach nur weiterhin dastand, desto unwohler würde sie sich fühlen und dies würde unweigerlich dazu führen, dass sie gar nicht mehr herunter ging. Deshalb gab sie sich einen Ruck und stieg langsam die Treppe hinab. Erste Hochrufe wurden laut. Bald schon war der Raum davon erfüllt. Isabelle bahnte sich ihren Weg vorbei an all den bekannten Gesichtern, die sich nun zu ihren Ehren erhoben, wenn sie an ihnen vorbei kam und lief direkt auf das Kopfende des Tisches zu, an dem ihre Eltern saßen. Als sie direkt vor ihnen stand, erhob sich ihr Vater ebenfalls, hauchte ihr einen zarten Kuss auf die Wange und sah sie liebevoll an.

»Meine Tochter! Welche Freude! Du wirst deiner Mutter immer ähnlicher! Mir kommt es vor, als stünde sie, als jüngeres Abbild vor mir. Du hast ihre Augen, ihr Haar! Wie habe ich nur eine solche Schönheit als Tochter verdient? Setze dich zu uns und genieße das Fest. Es ist allein zu deinen Ehren.« Isabelle war so verlegen, dass sie noch röter anlief. Ihr Vater verglich sie mit ihrer Mutter, deren Schönheit nicht nur in ihrem Clan gepriesen wurde. War sie wirklich so schön? Sie selbst, auf jeden Fall, war nicht davon überzeugt. Gut, sie war nicht gerade hässlich, aber …

»Nun, mein Kind«, fuhr ihr Vater unbeirrt fort. »Gehörst du nicht mehr zu den Rangen, die ausgelassen über den Hof tollen, sondern bist uns ebenbürtig. Um allen zu zeigen, wie stolz und glücklich wir darüber sind, haben wir noch eine weitere Überraschung geplant. Aber zuerst sollten wir all die Köstlichkeiten hier genießen. Langt tüchtig zu! Ein solcher Festschmaus ist nicht alltäglich. Also erhebt mit mir euer Glas auf meine Tochter Isabelle. Mögen all ihre Tage so glücklich verlaufen wie dieser! Slàinte!« Erneut wurden Hochrufe laut, während sich Isabelle nun neben ihre Mutter setzte.

»Und, mein Kind? Ist uns die Überraschung gelungen?«, wollte ihre Mutter grinsend von ihr wissen. Isabelle nickte nur, dann konzentrierte sie sich voll uns ganz auf das Essen, denn, wenn sie den Kopf nicht unnötig hob, musste sie auch nicht mitansehen, wie sie auch weiterhin angestarrt wurde.

Das Bankett verlief wesentlich angenehmer, als sie es erwartet hatte. Langsam verlor sie ihre Scheu und schließlich plauderte sie sogar mit ihrem Tischnachbarn. Als das Fest noch in vollem Gange war, wandte sich ihre Mutter plötzlich ihr zu.

»Isa«, bemerkte diese leise. »Ich denke, es ist an der Zeit, dir deine zweite Überraschung zu zeigen. Wir sollten die Männer ruhig noch etwas feiern lassen. So ausgelassen und entspannt habe ich deinen Vater seit Ewigkeiten nicht mehr erlebt. Folgst du mir?« Isabelle nickte. Daraufhin erhob sich ihre Mutter. Ihr Vater sah sie fragend an.

»Du willst schon gehen?«, wollte er von ihr wissen. Mhairi lächelte ihn vielsagend an.

»Aye! Kannst du dir nicht denken, warum?« Ihr Vater lächelte nun ebenfalls und nickte.

»Aye! Aber treibt es nicht zu wild! Ihr beiden seid das Beste und Wichtigste, was mir in meinem Leben widerfahren ist. Ich möchte nicht, dass euch etwas geschieht.« Ihre Mutter lächelte erneut, dann drückte sie ihrem Mann einen zarten Kuss auf die Wange.

»Aye! Ich weiß!«

Ihre Mutter führte sie direkt zu den Stallungen, vor denen bereits zwei gesattelte Pferde standen. Das eine, ein wundervolles rotbraunes Tier, war die Stute ihrer Mutter, die auf den Namen »Donn ruadh«, was so viel wie dieRotbraune bedeutete, hörte. Das Zweite war eine wunderschöne schneeweiße Stute. Sie musste neu sein, denn Isabelle hatte sie noch nie zuvor gesehen. Mhairi Ferguson sah ihre Tochter grinsend an.

»Und wie gefällt dir deine zweite Überraschung?«

»Sie ist für mich?«, Isabelle sah sie erstaunt an und fuhr dabei zärtlich über die Nüstern des Tieres.

»Aye! Sie heißt »Solas Geal«, weißesLicht. Jetzt, wo du erwachsen bist, solltest du auch ein eigenes Pferd besitzen.« Isabelle lächelte ihre Mutter strahlend an und fiel ihr dabei um den Hals.

»Ein schöneres Geschenk hättet Ihr mir nicht machen können.«

»Bedanke dich nicht bei mir, sondern bei deinem Vater. Aber bevor ich es vergesse, ich habe auch noch etwas für dich.« Ihre Mutter zog einen kleinen Beutel aus der Tasche ihres Rockes und drückte ihn Isabelle in die Hand.

»Das hier ist bereits seit Generationen im Besitz deiner Familie. Es wird immer am 15. Jahrestag ihrer Geburt von der Mutter an die Tochter übergeben. Auch ich möchte diese Tradition weiterführen. Du darfst es aber erst öffnen, wenn du wieder zuhause in deiner Kammer bist.« Isabelle nickte.

»Und nun, was ist? Hast du gar keine Lust auf einen kleinen Ausritt?«

 Kapitel 2

Isabelle jagte dicht gefolgt von ihrer Mutter über die bereits gemähten Felder. Die Sonne tauchte die kurzen Stoppeln in ihr goldenes Licht. Möwen schrien, während sie lachend über den Pfad in Richtung Küste galoppierten und dann die Pferde den Strand entlang durch die sanfte Brandung trieben. Nach einer ganzen Weile zügelte Isabelles Mutter ihr Pferd und saß ab. Isabelle hielt ebenfalls inne.

»Ist etwas?«, Isabelles Mutter schüttelte ihren Kopf.

»Nein, aber wir sollten eine kurze Pause einlegen. Es ist nicht gut, wenn man die Pferde so lange antreibt. Außerdem möchte ich noch etwas mit dir bereden.« Isabelle nickte, dann saß auch sie ab. Sie führten die Pferde zu einer kleinen mit Gras bewachsenen Stelle, dann ließen sie sich neben ihnen im Gras nieder.

»Isa, du weißt ja, dass du jetzt eine erwachsene Frau bist«, begann ihre Mutter zögernd. »Und als eine solche wird es bald deine Pflicht sein, zu heiraten, Kinder zu gebären und den Haushalt deines Mannes zu führen. Dein Vater und ich haben uns bereits Gedanken gemacht, wer der Glückliche sein könnte.«

»Ich will ...«

»Höre mich zuerst an, meine Tochter«, unterbrach Mhairi sie, bevor Isabelle ihr mitteilen konnte, dass sie noch gar nicht heiraten wolle. »Ich rede nicht von heute und auch nicht von morgen. Wir sollten es langsam angehen lassen und ich habe deinen Vater auch davon überzeugt, dass rein politische Gründe zwar eine Grundlage, aber nicht die Richtigen für eine Ehe sind. Er ist auf meinen Vorschlag eingegangen, dir eine kleine Auswahl zu präsentieren, und deshalb wollen wir alle infrage kommenden Kandidaten zu Hogmanay einladen. Du kannst sie dann kennenlernen und findest vielleicht den Passenden für dich.« Isabelle war sprachlos.

»Warum sagst du nichts?«, wollte ihre Mutter von ihr wissen.

»Zu Hogmanay? Aber das ist ja schon so bald.« Mhairi nickte.

»Aye, das ist es! Aber es bedeutet nicht, dass du sofort heiraten wirst. Sieh es einfach so: Du lernst die Bewerber kennen. Suchst dir einen aus. Wir feiern Verlobung, und genau in zwei Jahren, wird dann dein 17. Jahrestag auch dein Hochzeitstag werden.«

»Und was ist, wenn mir keiner der Bewerber gefällt?«, warf Isabelle ein. Mhairi lächelte sie an.

»Es mag dir vielleicht völlig unwahrscheinlich erscheinen, aber der Richtige wird ganz bestimmt unter ihnen sein.« Isabelle sah ihre Mutter eine Weile schweigend an.

»Sind es alles greise Männer, so wie Master Hays?« Mhairi brach in schallendes Gelächter aus.

»Lass ihn das bloß nicht hören. Master Hays ist jünger als dein Vater, also bezeichne ihn nicht als Greis. Oder ist dein Vater auch schon ein Greis?« Isabelle schüttelte ihren Kopf.

»Aber wenn es dich beruhigt: Der Älteste deiner Bewerber ist gerade einmal vier Jahre älter als du.«

»Darf ich erfahren, wen ich zu erwarten habe?«

»Aye! Ian MacDonald, Rory MacLeod und Patrick Sinclair. Sie alle sind die Söhne mächtiger Lairds und ihre Väter wären hoch erfreut, wenn durch eine Heirat mit dir, unsere Clans ein Bündnis eingehen würden.«

»Also dient meine Ehe doch nur einem politischen Zweck.«

»Nein, mein Kind. In erster Linie dient sie deinem Glück, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass du die richtige Entscheidung treffen wirst. Und nun komm, wir sollten langsam zurück reiten, bevor es dunkel wird und wir den Weg nicht mehr sehen können.«

Den gesamten Rückweg legten sie schweigend zurück. Isabelle war so in ihre Gedanken vertieft, dass sie nichts mehr um sich herum wahrnahm. Sie sollte heiraten. Zwar erst in zwei Jahren, aber was waren schon zwei Jahre? Wenigstens würde sie nicht, wie es allgemein üblich war, ihren Bräutigam erst vor dem Traualtar kennen lernen. Dennoch hätte sie niemals damit gerechnet, dass sie ihn bereits noch in diesem Jahr zum ersten Mal treffen würde. Aber konnte ein erstes Treffen überhaupt ausreichen, um eine so tiefgreifende Entscheidung, die ihr komplettes weiteres Leben beeinflussen würde, zu fällen? Die einzigen Entscheidungen, die sie bis dato hatte treffen müssen, waren völlig belanglose Dinge gewesen, wie zum Beispiel die Wahl ihres Haarbandes oder der Stoff einer neuen Robe. Nun aber sollte sie einen Gemahl für sich erwählen. Sie wollte aber keinen Gemahl erwählen. Jedenfalls noch nicht so schnell.

Ihr Gedankengang wurde jäh unterbrochen, als sie einen spitzen Schrei hörte. Isabelle drehte sich instinktiv in die Richtung, aus der er kam, und sah, wie die Stute ihrer Mutter plötzlich laut wieherte, bockte, sich aufbäumte und Mhairi unsanft abwarf. Dann stob sie, als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her in Richtung Burg davon. Ihre Mutter allerdings blieb reglos am Boden liegen. Isabelle blieb vor Schreck fast das Herz stehen. Ohne groß zu überlegen, zog sie an den Zügeln ihres Pferdes, sprang ab und rannte zu ihrer Mutter. Anschließend ließ sie sich direkt neben ihr auf die Knie fallen.

»Mutter? Könnt Ihr mich hören?« Mhairi Ferguson hatte die Augen geschlossen und regte sich nicht.

»Mutter? So erwacht doch! Soll ich Hilfe holen?« Doch Mhairi regte sich immer noch nicht. Gerade als Isabelle aufstehen wollte, um Hilfe zu holen, sah sie, wie die Lider ihrer Mutter leicht flatterten,

»Mutter?« Ihre Mutter stöhnte leise, dann öffnete sie ihre Augen.

»Was ist geschehen?«, flüsterte sie Isabelle leise zu.

»Eure Stute hat Euch abgeworfen.«

»Geht es ihr gut?« Das konnte doch wohl nicht wahr sein. Ihre Mutter lag vor ihr und stöhnte, doch ihre einzige Sorge galt ihrem Pferd.

»Ich denke schon«, antwortete sie ihr. »Aber viel wichtiger ist … Könnt Ihr aufstehen?« Isabelle versuchte, ihren Arm unter den Kopf ihrer Mutter zu schieben, um ihr beim Aufstehen zu helfen, doch ein spitzer Schrei, ließ sie sofort einhalten und ihren Arm erschrocken zurückziehen. Als ihr Blick auf den Ärmel ihres Kleides fiel, war dieser blutdurchtränkt.

»Mutter, Ihr seid verletzt. Ich …«

»Isa, Kind! Ich kann nicht aufstehen, ich denke …«, erneut stöhnte sie leise. »Kind höre mir jetzt ganz genau zu. Gib nicht dir die Schuld, an dem, was geschehen ist. Es war eine Biene, die Donn rhuad gestochen hat. Sie hat sich erschreckt und ich konnte mich nicht halten.«

»Ich sollte besser Hilfe holen!«, unterbrach Isabelle ihre Mutter, während sie sich langsam erhob, doch ihre Mutter packte sie am Arm und hinderte sie auf diese Weise am gehen.

»Nein, Kind! Es ist zu spät. Ich … Was ich dir noch sagen wollte …« Die Stimme ihrer Mutter wurde immer leiser. »Lass dich von deinem Vater zu nichts drängen. Auch mein Vater wollte mir damals meine Entscheidung abnehmen, doch ich habe dennoch deinen Vater geheiratet und wir waren all die Jahre sehr glücklich. Es tut mir leid, dass ich mein Versprechen, das ich ihm gab, nicht halten konnte. Sag ihm, tha goal agam ort, von mir und dass ich auf ihn warten werde. Du aber, mein Kind, finde dein Schicksal und werde so glücklich wie ich es war.« Mit diesen Worten schloss ihre Mutter für immer ihre Augen. Isabelle blieb völlig apathisch neben ihr sitzen, solange bis ihr Vater mit seinen Männern neben ihr auftauchte und sich schreiend über seine Frau warf.

Erst jetzt begriff Isabelle richtig, was gerade geschehen war und dass ihre Vorahnung sie nicht getäuscht hatte. Der Tag hatte weiß Gott alles andere als glücklich geendet und was nun geschehen würde, stand in den Sternen. Sie konnte nur hoffen, dass ihre Mutter, als einer von ihnen, ihre schützende Hand über sie hielt und ihr dabei half, ihr ihren letzten Wunsch zu erfüllen. Nur wie dies jemals geschehen sollte und vor allen Dingen konnte, war schwer nachzuvollziehen, denn momentan hatte sie das Gefühl, nie wieder so etwas wie Glück empfinden zu können.

 Kapitel 3

»Das kann nicht Euer ernst sein!« Patrick Sinclair sprang entrüstet von seinem Stuhl auf und starrte seinen Vater herausfordernd an.

»Setz dich!«, sein Vater war anscheinend genauso wütend wie er selbst, denn er schrie ihn geradezu an. Patrick verschränkte seine Arme vor der Brust und sah ihn trotzig an.

»Verdammt noch eins! Du sollst dich wieder hinsetzen!«

»Hör auf deinen Vater«, die Worte seiner Mutter waren nicht mehr als ein Flüstern.

»Verflucht! Sie ist noch ein Kind!«, gab Patrick vollkommen außer sich zurück.

»Du sollst sie ja nicht gleich heiraten!«, entgegnete sein Vater ihm vor Wut schnaubend.

»Sieh es doch einfach so«, Alyth Sinclair versuchte es noch einmal in einem etwas ruhigeren Tonfall als ihr Mann. »Du gehst auf das Fest, das der alte Ferguson zu Hogmanay veranstaltet, siehst sie dir an und wenn sie dir nicht gefällt, dann vergessen wir das Ganze.«

»Dann brauch ich gar nicht erst zu fahren. Ihr glaubt doch nicht, dass ich mich in ein Kind verlieben könnte.«

»Liebe! Gerade du redest von Liebe!« Malcolm Sinclair war noch immer mehr als wütend. »Derjenige, der jedem Rock nachsteigt, sucht die Liebe: Du dummer Jungspund! Zu einer Ehe gehört weit mehr als das.«

»Aye, Besitztümer und vor allen Dingen Macht! Davon redet Ihr doch! Sie kann hässlich wie die Nacht sein, Hauptsache die Mitgift stimmt!«

»Du vergreifst dich im Ton, mein Sohn! Wir sind weiß Gott nicht auf ihre Mitgift angewiesen. Außerdem soll sie eine wahre Schönheit sein.«

»Und dennoch ist sie noch ein Kind!«

»Dann ist sie eben noch ein Kind, aber das wird sich bald ändern! Und jetzt setz dich endlich wieder, bevor ich mich vergesse.« Vater und Sohn starrten sich eine ganze Weile schweigend an, so als könnten sie sich gegenseitig mit ihrem Blick niederringen. Schließlich aber meldete sich Alyth erneut zu Wort.

»Junge überlege doch mal. Die Fergusons haben großen Einfluss und vor allen Dingen genug Schiffe, um uns gegen die Nordmänner zu unterstützen. Du weißt, dass sie, wenn sie an der Küste landen, Angst und Schrecken verbreiten. Nicht nur in unserem Clan! Wenn wir nun ein Bündnis schaffen, könnten wir sie daran hindern, es auch weiter so zu halten. Dein Vater ...«

»Ihr wollt mich also wie einen Zuchthengst verschachern, nur …«, unterbrach Patrick sie rüde.

»Werde nicht melodramatisch. Von Verschachern ist keine Rede. Es würde für alle Beteiligten von Vorteil sein. Außerdem, wie schon gesagt, wenn sie dir nicht gefallen sollte, dann musst du sie ja nicht heiraten«, meldete sich sein Vater nun ebenfalls erneut wieder zu Wort.

»Ach nein? Das hört sich aber verdammt danach an.«

»Patrick, du wirst nicht ihr einziger Bewerber sein«, bemerkte seine Mutter daraufhin. »Mhairi Ferguson und ich, wir kennen uns seit unserer Kindheit. Sie ist eine Seele von Mensch. Glaub mir, sie würde ihre Tochter, genauso wie ich dich, niemals zu etwas drängen, was ihr nicht wollt. Deshalb haben wir beschlossen, dass sich die kleine Isabelle an Hogmanay gleich mehrere Bewerber anschauen soll. Ich wäre natürlich hoch erfreut, wenn du derjenige welcher wärst, denn ich könnte mir keine bessere Schwiegermutter für dich wünschen. Dennoch werden wir uns nicht einmischen. Lernt euch erst einmal kennen und, so Gott will, wird in zwei Jahren eine prächtige Hochzeit stattfinden.«

»In zwei Jahren also?« Alyth nickte.

»Aye, an Isabelles 17. Jahrestag.« Patrick sah zuerst seinen Vater an, dessen grimmige Mine sich keinen Deut verändert hatte und schließlich seine Mutter, die ihn aufmunternd anlächelte. Doch so leicht würde er es den beiden mit Sicherheit nicht machen. Verflucht, was war er? Ein Zuchtbulle, der auf den Viehmarkt geschleift werden sollte, damit sich die Kuh ihren Bullen selbst auswählen konnte? Eine Kuh, die noch dazu nichts anderes als ein unreifes Kalb war! Patrick war so wütend, dass er am liebsten einfach davon gerannt wäre und draußen seine Wut an dem Nächstbesten, der ihm unter die Augen kommen sollte, ausgelassen hätte. Doch er tat es nicht! Stattdessen entgegnete er so ruhig wie es ihm möglich war:

»Wenn das so ist, dann brauche ich Bedenkzeit! Ich werde das nicht hier und nicht jetzt entscheiden.« Mit diesen Worten machte er auf dem Absatz kehrt und verließ wutentbrannt den Raum.

»Was für ein Sturkopf!«, Malcolm Sinclair sah seinem Sohn nach.

»Von wem er das nur hat?«, entgegnete seine Frau ihm weise lächelnd. »Hättest du es ihm nicht ein wenig besonnener beibringen können? Du weißt doch wie er reagiert, wenn du in diesem Befehlston mit ihm redest.«

»Wir hätten ihn besser Carrick nennen sollen!« Alyth brach in leises Gelächter aus.

»Du hältst unseren Sohn also für so hart wie einen Felsen.«

»Nicht Felsen, sondern Granit. Wenn er etwas nicht will, dann beißt man sich an ihm die Zähne aus.«

»Das, mein Lieber, kommt mir merkwürdig bekannt vor. Weißt du, woran ihr beiden mich erinnert? An zwei Gockel, die nichts Besseres im Sinn haben, als gegen einander zu kämpfen. Ich denke, es wäre sinnvoller, wenn auch du manchmal ein klein wenig nachsichtiger wärst.«

»Soll das heißen, ich wäre nicht nachsichtig mit ihm?«, Malcolm lief vor Wut rot an. »Wer lässt ihm denn jede erdenkliche Freiheit? Vielleicht war ich ja zu nachsichtig mit ihm.«

»Jetzt beruhige dich erst einmal. Kommt Zeit, kommt Rat, wie es so schön heißt. Lass ihn ein paar Tage in Ruhe nachdenken und du wirst sehen, er wird deinem Wunsch Folge leisten.«

»Und wenn nicht?«

»Dann mein Lieber, werde ich das Ruder in die Hand nehmen.« Auf Alyth Gesicht erschien ein Grinsen. »Ich weiß wie ich einen Sturkopf behandeln muss, damit er mir aus der Hand frisst.«

 Kapitel 4

Patrick stürmte aus der großen Halle, direkt auf den Innenhof der Burg, wo sein bester Freund Sean bereits mit zwei gesattelten Pferden auf ihn wartete.

»Du siehst aus, als hätte eine Krähe dich gehackt!«, begrüßte Sean ihn grinsend. »So schlimm?«

»Schlimmer! Mit einer Krähe könnte ich leben, aber … Komm lass uns von hier verschwinden.« Noch während er sprach, sprang Patrick auf sein Pferd und gab ihm die Sporen, sodass Sean ihm kaum folgen konnte.

»Verdammt Patrick! Welche Laus ist dir denn über den Pelz gelaufen?«, wollte Sean daraufhin von ihm wissen, als er endlich zu ihm aufgeschlossen hatte.

»Keine Laus, sondern ein verfluchtes Küken!« Patrick zog an den Zügeln seines Pferdes und brachte es so zum Stehen. Sean tat es ihm gleich, dann sah er ihn fragend an.

»Du sprichst in Rätseln, mein Freund.«.

»Dann werde ich deutlicher! Ich soll heiraten!«, Patrick war noch immer so wütend, dass sein Tonfall unmissverständlich darauf hinwies, was er von der ganzen Sache hielt.

»Du sollst was?«, Sean schien genauso schockiert wie er selbst.

»Heiraten! Noch dazu ein Kind! Die Kleine, die sie für mich auserwählt haben, ist gerade einmal fünfzehn!« Patrick sah seinen Freund hilfesuchend an. Wenn einer ihn verstehen konnte dann Sean. Doch anstatt dass dieser ihm ein paar tröstende Worte schenkte, brach er in leises Gelächter aus und entgegnete nur:

»Und du bist neunzehn! Was soll es? Sie wird älter!«

»Fang du auch noch damit an!«

»Womit denn? Mein Vater sagt, junge Füllen kann man zähmen und danach fressen sie einem aus der Hand.«

»Ich will sie aber nicht zähmen. Ich will überhaupt nicht heiraten.«

»Früher oder später wirst du heiraten müssen, mein Freund«, gab Sean schon um einiges ernster zurück. »Als Sohn des Lairds erwartet man von dir, dass du für das Fortbestehen eures Geschlechts sorgst!«

»Ich weiß, doch ich würde den Kelch lieber später nehmen. Viel später, wenn du mich fragst. Vielleicht, wenn mein Haar langsam ergraut und ich ...« Patrick klang schon ein wenig entspannter.

»Was hat dein Vater denn genau gesagt?«, unterbrach sein Freund ihn.

»Mein Vater? Nicht sehr viel. Du kennst ihn ja!« Sean grinste breit.

»Aye! Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie euer Gespräch verlaufen ist.«

»Hör auf damit! Auf diese Weise bist du mir keine große Hilfe.«

»Also schön! Lassen wir den Spaß beiseite. Was genau wollen sie denn von dir?«

»Isabelle Ferguson!«

»Die Tochter des roten Brian?« Patrick nickte.

»Zu Hogmanay veranstalten ihre Eltern ein großes Fest, auf dem ihre Tochter sich einen Mann erwählen soll. Ich bin einer von ihnen!«

»Ach, daher weht der Wind! Hast du Angst von den anderen Bewerbern ausgestochen zu werden?«

»Ich? Nein, weiß Gott nicht! Eher das Gegenteil. Doch wenn ich nicht gehe, dann ...«

»Dann gehst du eben. Was kann denn schon groß geschehen?«

»Dass sich die Kleine für mich entscheidet!«

»Na und? Du musst sie ja nicht gleich heiraten, oder etwa doch?«

»Nein! Erst in zwei Jahren.«

»In zwei Jahren kann eine Menge geschehen.«

»Aye, aber ...«

»Mein Gott, Patrick! Ich kann dich ja begleiten, wenn du willst. Ich an deiner Stelle würde für solch eine Lappalie keinen Streit mit meinen Eltern riskieren. Noch weißt du doch gar nicht wie es ausgeht. Wenn dort mehrere Bewerber erscheinen, stehen deine Chancen doch ganz gut, dass sie lieber einen anderen will. Mach dir also nicht zu viele Gedanken. Die Zeit wird Rat bringen und jetzt komm, lass uns ein bisschen Spaß haben, solange du es noch kannst!« Sean gab seinem Pferd die Sporen und Patrick folgte ihm.

Sein Freund hatte ja recht. Solange er nicht nachgab, würde die Unterhaltung von heute mit Sicherheit jeden verdammten Tag so oder ähnlich stattfinden, bis er endlich zustimmte. Dies konnte er sich nur dann ersparen, wenn er erst einmal auf die Forderung seines Vaters einging. Und auch mit dem anderen hatte Sean vollkommen recht. Zwei Jahre waren eine lange Zeit. Selbst bis Hogmanay würde es noch etwas dauern. Wer wusste schon, was bis dahin alles geschah und vielleicht würde ja der Kelch dann doch noch auf irgendeine Weise an ihm vorübergehen. So hoffte er wenigstens, und bekanntlich starb die Hoffnung ja zuletzt.

 Kapitel 5

Die nächsten Tage waren die schlimmsten, die Isabelle jemals erlebt hatte. In der ganzen Burg war es so still wie in einer Gruft. Selbst das Vieh auf der Weide und die Pferde in den Stallungen schienen die bedrückte Stimmung der Bewohner zu spüren, denn auch von dort war nicht der leiseste Laut zu hören. Isabelles Vater verbrachte Tag und Nacht an der Bahre seiner Frau. Er aß nicht, trank nicht, schlief nicht und war auch nicht ansprechbar. Selbst Isabelle konnte ihn nicht aus seiner Lethargie reißen, so sehr sie es auch versuchte. Die Trauerbanner, die an den Zinnen der Burg befestigt worden waren, und die schwarzen Vorhänge an den Fenstern machten alles nur noch viel schlimmer. Es war, als wäre jedwedes Leben aus der Burg ebenfalls mit dem letzten Atemzug seiner Herrin entwichen.

Auch nach der feierlichen Beisetzung änderte sich daran nur wenig. Zwar gingen die Bediensteten langsam wieder ihren alltäglichen Arbeiten nach, doch ihren Vater bekam man auch jetzt noch kaum zu Gesicht. Er verbrachte die meiste Zeit in der Krypta der Schlosskapelle, um für seine verstorbene Frau zu beten. Isabelle hingegen machte es sich zur Gewohnheit, zusammen mit Edyth einen Großteil des Tages in der Küche beim Gesinde zu verbringen. Wider Erwarten hatte sie sogar Spaß daran, den Mägden bei ihrer täglichen Arbeit zur Hand zu gehen und dem Koch über die Schulter zu sehen. Sehr zum Erstaunen von Edyth, die ihren Schützling kaum wiedererkannte. Als die Herbststürme einsetzten, ließ der Koch sie das erste Mal etwas zubereiten. Zwar unter seiner Anleitung und auch nur eine Suppe, aber dennoch war Isabelle mehr als stolz, als alle ihre Suppe freiwillig aßen und viele sie sogar lobten. Das spornte sie nur noch mehr an. Da inzwischen der Winter Einzug gehalten hatte, war es ohnehin nicht mehr möglich, draußen unbeschwert herumzutollen. Und wenn sie ehrlich mit sich selbst war, dann stand ihr auch gar nicht der Sinn danach. Neben ihrer neuen Leidenschaft fürs Kochen, entwickelte sie nun auch zusehends mehr Interesse an Master Hays täglichen Lektionen. Sehr zur Freude ihres Lehrers, der mittlerweile nicht mehr mit seinem vormals sauertöpfischen Gesicht herumlief, sondern oftmals sogar Scherze machte, über die er allerdings selbst am lautesten lachte. Samhain war vorüber, Nollaig ebenfalls, und es würde nur noch eine Woche bis Hogmanay dauern.

Isabelle saß am Fenster ihrer Kammer und beobachtete die tanzenden Schneeflocken. In diesem Jahr schneite es mehr als gewöhnlich. Der Schnee lag bereits so hoch, dass man nur noch die Köpfe der Pferde inmitten der weißen Pracht sehen konnte, die auf den eigens bis ans Tor freigeschaufelten Pfaden, sich der Burg näherten. Isabelle seufzte. Die Landschaft wirkte irgendwie trostlos, aber auch wunderschön. Nur welcher der beiden Eindrücke bei ihr überwog, konnte sie nicht sagen. Noch im Sommer war sie ein fröhliches Kind gewesen. Jetzt allerdings war sie zu einer nachdenklichen jungen Frau geworden, die durch das Schicksal binnen eines Wimpernschlags viel zu schnell hatte erwachsen werden müssen. Wie sehr sehnte sie sich nach den unbeschwerten Tagen. Nach den Ausritten mit ihrer Mutter und deren liebevoller Art, die ihr immer das Gefühl gegeben hatte, alles würde, egal wie schlimm es auch wäre, wieder gut.

Isabelle seufzte erneut. In diesem Jahr würde Hogmanay kein Freudenfest. Es würde überhaupt kein Fest geben. Somit auch keine Heiratskandidaten, die sich ihr vorstellen würden. Einerseits war sie froh darüber. Andererseits jedoch hätte die Abwechslung sicher nicht nur ihr, sondern auch den Bediensteten, ganz gutgetan. Es war nicht gesund, wenn die Lebenden zu lange auf die Toten Rücksicht nahmen. Und schon gar nicht, wenn die Tote, um die es ging, das Leben so geliebt hatte wie ihre Mutter. Ihr Vater hingegen wollte von einer Abwechslung nichts wissen. Noch immer verbrachte er mehr Zeit unten in der Gruft bei seiner Gemahlin als hier oben bei den Lebenden. Etwas musste geschehen. Dringend! Denn so ging es weiß Gott nicht weiter.

Isabelle wandte sich vom Fester ab und sah zu Edyth, die gerade mit einer Stickerei beschäftigt war, herüber.

»Edyth«, ihre Amme hob den Kopf und sah sie an.

»Was gibt es?«

»Denkst du nicht auch, dass die Menschen hier lange genug getrauert haben? Hogmanay steht vor der Tür. Das Lieblingsfest meiner Mutter.«

»Aye, deine Mutter hat es geliebt.« Isabelle nickte.

»Ja, das hat sie. Ich denke, sie hätte nicht gewollt, dass es dieses Jahr ausfällt.«

»Mit Sicherheit nicht, aber dein Vater will keine Festlichkeiten, solange er in Trauer ist.«

»Ich verstehe ja, dass er um Mutter trauert. Doch er vergräbt sich unten in der Gruft, als wäre er selbst gestorben.« Edyth nickte.

»Kind du bist noch so jung. Du verstehst das nicht. Wenn du einen Menschen wahrhaftig liebst, dann stirbt auch ein Teil von dir, wenn er von uns geht. Bei deinem Vater ist es genauso. Er musste einen Teil von sich begraben und versucht verzweifelt, ihn zurückzubekommen.«

»Aber doch nicht auf diese Weise. Edyth, was soll denn aus all den Menschen hier werden, wenn er sich nur noch um die Toten kümmert? Als ihr Laird hat er Verantwortung zu tragen und ich bin noch viel zu jung und unerfahren, um sie ihm aus der Hand zu nehmen. Außerdem bin ich nur eine Frau.« Edyth nickte.

»Doch auch Frauen sind in der Lage, einen Clan zu führen. Ich weiß nicht, ob du dich noch daran erinnerst, aber als du ein ganz kleines Mädchen warst, habe ich dir einmal die Legende von der Tochter eines mächtigen Lairds erzählt, die stärker und mutiger als alle Männer ihres Clans war.« Isabelle nickte.

»Würdest du sie mir bitte noch einmal erzählen?«

»Was? Jetzt?« Isabelle nickte erneut.

»Aye! Es würde mich auf andere Gedanken bringen.« Diesmal war es Edyth, die nickte.

»Also schön! Es geschah vor einer Zeit, weit bevor unser stolzer König Robert das Land regierte. Damals wurde das gesamte Land von den Römern unterdrückt. Die Völker stöhnten und ächzten unter der Fuchtel ihrer Besatzer, denn sie ließen ihnen noch nicht einmal das Nötigste zum Leben. Das Schlimmste daran war allerdings, dass sie auch die Seelen der Völker nicht dulden wollten. Du weißt, jedes Volk besitzt seine eigene Seele, die in seinem Glauben, der Art zu Leben und in seinen Sitten und Gebräuchen zum Ausdruck kommt. Die Römer konnten dies allerdings nicht akzeptieren. Für sie war alles, was nicht dem entsprach, was sie kannten, ein Dorn in ihrem Auge, der schmerzte und sofort entfernt werden musste.«

»Ich weiß, was du meinst. Master Hays hat mit mir ein paar alte, römische Schriften gelesen. In ihren Augen waren die Bewohner Britanniens nichts weiter als Barbaren.« Edyth nickte.

»Aye, Barbaren, die sich den Römern und ihrer Lebensweise anpassen sollten, notfalls mit Gewalt. Aber wir schweifen ab. Du wolltest doch die Geschichte hören. Also, zu jenen Tagen gab es einen mächtigen Clanchief, der eine Frau und mehrere Töchter hatte. Die Frau war wiederum die Tochter eines mächtigen Clanchiefs und im ganzen Clan beliebt. Sie hatte früh gelernt, mit Pfeil und Bogen und selbst mit dem Schwert umzugehen, was sie nicht nur zur Frau des Chiefs machte, sondern auch zu einer Kriegerin. Als ihr Mann dann starb, war es selbstverständlich, dass sie die Clanführung übernahm, zumal ihre Kinder alle weiblichen Geschlechts und noch viel zu jung waren, um die Nachfolge ihres Vaters anzutreten. Dazu hätten sie heiraten müssen, doch ihre Mutter weigerte sich, ihre Kinder nur der Nachfolge wegen zu verheiraten. Die Römer hingegen fanden es widernatürlich, dass eine Frau einen so großen Clan befehligen sollte. Deshalb ließen sie sie gefangen nehmen, auspeitschen und ihre Töchter vor ihren Augen schänden. Unsere Kriegerin ließ sich dadurch jedoch nicht in die Knie zwingen. Ganz im Gegenteil! Sie rief zu den Waffen und kämpfte gegen ihre Peiniger. Sie hat die Römer zwar nicht endgültig besiegt und auch nicht vertrieben, aber sie hat es wenigstens versucht. Sie hat ihrem Clan den Mut gegeben, sich nicht dem Schicksal zu ergeben, sondern sich dagegen aufzulehnen.«

»Ich habe mit Master Hays die Geschichte gelesen. Du redest von der keltischen Königin, die gegen die Römer gekämpft hat. Aber sie starb. Vermutlich durch Gift«, entgegnete Isabelle ihr. Edyth nickte erneut.

»Aye, und dennoch hat sie sich in einer Welt, die von Männern beherrscht wurde, behauptet.«

»Du denkst, ich sollte mich auch behaupten? Aber ich bin keine Königin und erst recht keine Kriegerin.«

»Nein, aber du bist die Tochter deiner Mutter. Was hätte sie getan?« Isabelle sah ihre Amme eine Weile nachdenklich an.

»Ich glaube, sie hätte zu Hogmanay auch gegen den Willen meines Vaters ein Fest veranstaltet. Allein schon um all den Menschen, die sich tagtäglich für sie abgemüht haben, eine Freude zu machen.«

»Aye, das hätte sie.« Zum wiederholten Male sah Isabelle ihre Amme nachdenklich an.

»Du willst mir damit sagen, dass auch wir ein Fest veranstalten sollten.« Edyth nickte.

»Ja, mein Täubchen. Die Menschen hier haben es verdient, das neue Jahr gebührlich willkommen zu heißen. Es muss ja nicht in der großen Halle stattfinden.«

»Was hältst du davon, wenn wir es in der Gesindeküche veranstalten? Vater kommt äußerst selten dort hinein«, unterbrach Isabelle sie aufgeregt. Edyth lächelte sie vielsagend an.

»Das wollte ich auch gerade vorschlagen.«

»Dann sind wir uns ja einig. Jetzt müssen wir nur noch aufpassen, dass Vater von den Vorbereitungen nichts zu Ohren kommt, sonst wird er vor Wut schäumen. Und du weißt, so gut wie ich, dass niemand mehr da ist, der seinen maßlosen Zorn zügeln kann.«

 Kapitel 6

»Die Brautschau ist also abgesagt? Dann ist es ja gut, dass ich noch nicht, wie Ihr es von mir verlangt habt, aufgebrochen bin. Ich …«

»Patrick, das ist pietätlos!«, unterbrach Alyth Sinclair daraufhin ihren Sohn empört.

»Das ist nicht pietätlos, sondern eine bloße Feststellung. Und wann soll sie nun stattfinden?« Patrick klang gereizter, als eigentlich beabsichtigt. Doch immerhin, aufgeschoben war ja nicht aufgehoben. Und solange diese verfluchte Brautschau nicht endgültig abgesagt war, bestand immer noch die Gefahr, dass er doch noch ungewollt in den Hafen der Ehe manövriert wurde.

»Das steht noch nicht fest. Solange der alte Brian in Trauer ist, wird es wahrscheinlich kein Fest geben. Momentan hat er mit Sicherheit andere Sorgen, als schnell einen Ehemann für seine Tochter zu finden.« Alyth sah ihren Sohn vorwurfsvoll an. »Sei also unbesorgt, deine Schonfrist wird noch eine ganze Weile andauern. Ich weiß, dass du dem Ganzen nur zugestimmt hast, um den täglichen Auseinandersetzungen mit deinem Vater zu entgehen. Man kann es dir ja förmlich ansehen, wie überglücklich du über den Verlauf der Dinge bist.

---ENDE DER LESEPROBE---