Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
»Willkommen in der Geschichte meines Lebens.« »Ich fühle mich geehrt, dass du dir Zeit für mich nimmst, es gibt viel zu besprechen. Ich habe vor, dich auf eine kleine Reise mitzunehmen, und so viel kann ich dir schon jetzt versprechen: Wenn du mein Buch gelesen hast, wirst du nicht nur wissen, wie mein erster Schultag war, meine erste Filmrolle oder mein erster Tag am Set von GZSZ: Du wirst auf einmal viel Spaß daran haben, dich besser zu ernähren, jeden Tag zu genießen und dich und dein Leben mehr zu lieben. Ich möchte, dass auch du bald sagen kannst: Mein Leben ist schwer in Ordnung!«
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
INHALT
Warum schreibt der Kerl eigentlich ein Buch? Leute, das ist eine richtig gute Frage! Und falls du sie dir auch schon gestellt hast: Willkommen im Klub. Ich habe mich das natürlich oft gefragt. Und bin irgendwann zu dem Schluss gekommen, dass ich eigentlich schon verdammt viel zu erzählen habe. Und gern meinen Senf dazugebe. Vor allem natürlich zu gesunder Ernährung, einem glücklichen Leben und meiner allgemeinen Fabelhaftigkeit. Haha, kleiner Scherz. Vielleicht hat der ein oder andere schon gehört, dass ich in den letzten Jahren dreißig Kilo abgenommen habe. Das hat auf den ersten Blick äußerlich einen neuen Menschen aus mir gemacht. Aber da ist noch viel mehr passiert. Ich beschreibe diesen Wandel immer gern am Beispiel einer überreifen Avocado. Meine Hülle habe ich im ersten Schritt wieder widerstandsfähig und kräftig gemacht. Aber das Innere war anfangs immer noch überreif und muffig. Das Innere und das Äußere sind aber unmittelbar miteinander verbunden. Wenn die Hülle sich also verändert, zieht dein Wesen automatisch nach. Ob du es willst oder nicht. Das konnte nur gut für mich sein.
Also, noch mal von vorn: Schönen juten Tach auch! Und willkommen bei der Lektüre meiner Lebensgeschichte. Ich freue mich und fühle mich geehrt, dass du dir die Zeit nimmst, das hier zu lesen. Denn es gibt viel zu besprechen. Ich habe vor, dich auf eine kleine Reise durch mein Leben mitzunehmen. Und so viel kann ich dir schon jetzt versprechen: Wenn du mein Buch gelesen hast, wirst du auf einmal viel Spaß daran haben, dich besser zu ernähren. Dich mehr zu bewegen. Und dich und dein Leben mehr zu lieben. Ohne Mist! Man sagt mir nach, ich hätte diesen Effekt. Und das ist eigentlich auch der Grund, warum ich nicht hinterm Berg halten will mit den positiven Dingen, die mir in den letzten Monaten passiert sind: Ich will, dass sie auch dir passieren. Dass du bald sagen kannst: Mein Leben ist schwer in Ordnung!
Ich bin durch viele kleine und auch größere Geschichten zu dem geworden, der ich heute bin. Ich habe nicht mit mehr oder weniger Selbstzweifeln, Hürden und Problemen zu kämpfen als jeder andere auch. Ich liebe, lache, weine und trauere wie alle anderen Menschen. Ehrlich, ich bin eigentlich alles andere als außergewöhnlich. Und das ist auch gut so. Aber: Ich habe das schlimmste Leid schon mit zwölf Jahren erfahren. Aber auch das größte Glück, weshalb ich trotzdem ein positiver Mensch geblieben bin. Wie Oliver Twist wollte ich immer durchs Leben tanzen. Und irgendwie ist mir das auch geglückt. Überhaupt, das Glück, mein roter Faden. Wenn ich das nicht gehabt hätte, würdest du mich nicht jeden Abend im Fernsehen sehen. Auch darüber gibt es viel zu erzählen.
Bisher habe ich in der Öffentlichkeit kaum etwas über mein Privatleben preisgegeben. Ich dachte, mein Lebensweg geht eigentlich niemanden etwas an. Doch seitdem ich so stark abgenommen habe, bekomme ich immer mehr Post von Menschen, die wissen wollen, wie ich das geschafft habe. Und die gern Tipps von mir bekommen würden. Also nicht nur konkrete Rezeptvorschläge (die gibt’s ja in jedem guten Kochbuch), sondern Ratschläge, wie man die mentale Stärke findet, das durchzuziehen. Wie geht man mit Rückschlägen um? Wie motiviert man sich für Sport? Wie schafft man es, seinen Körper wie einen guten Freund zu behandeln? Ich weiß es jetzt – und werde es dir verraten.
Aber du wirst noch mehr erfahren: Warum sieht dieser Typ eigentlich so hammermäßig gut aus? Steht er auf Männer oder auf Frauen? Welcher Irre lässt diesen Mann ins Fernsehen? Wie findet er seine Rolle bei Gute Zeiten, schlechte Zeiten? Und: Was hat es eigentlich mit Max »Tuner« Krüger zu tun, dass dieser Thomas Drechsel so viel abgenommen hat?
All das möchte ich dir erzählen. Aus meiner Sicht, mit meinen Worten und mit ganz viel Leichtigkeit. Viel Spaß bei allen Geschichten und Anekdoten. Sie sind einfach mein Leben und bedeuten mir alles.
Was der Tommy nicht lernt, lernt der Thomas nimmermehr. Deine gesamte Kindheit legt ja bekanntlich den Grundstein für das ganze wunderbare Leben, das vor dir liegt. Für mich trifft das voll zu. Ich bin herzlich, bodenständig und heimatverbunden (klingt wie eine Kontaktanzeige, haha! Und ich würde darauf antworten). Das liegt an den Werten, die mir meine Eltern mitgegeben haben. Sei du selbst, verstell dich nicht, und sei gut zu den Menschen, die dir nahestehen. Geboren und aufgewachsen bin ich in Potsdam. Als Einzelkind. Meine Eltern hatten nie richtig Geld. Aber das sollte uns drei nie stören. Wir haben immer zusammengehalten. Meine Mutter hat die besten Witze gemacht, und mein Vater war eher der Ruhige, der das Leben im Stillen genoss. Bevor er meine Mutter heiratete, rasierte er sich regelmäßig. Danach nicht mehr. Er hatte ja alles, was er brauchte. Einen gesunden Jungen und eine zehn Jahre jüngere Frau an seiner Seite. Eigentlich hätte alles perfekt sein können. Aber leider war es nicht so. Mein Vater war Pförtner, weil er schwerbehindert war. Er hatte schon seit seiner Kindheit eine Erkrankung namens Morbus Recklinghausen. Das ist eine seltene Genkrankheit, die meist schon früh diagnostiziert wird. Solange ich mich erinnern kann, war er krank und hatte epileptische Anfälle. Ich bin sozusagen damit aufgewachsen. Später kam dazu, dass sein Gehirnwasser nicht richtig ablief, weshalb Bypässe gelegt werden mussten. Er hatte viele Kopf- und Bauchoperationen. Mit dieser Krankheit haben wir als Familie gelebt – was nicht immer leicht war.
Zum Glück sind meine Erinnerungen an meinen Vater aber nicht nur mit seiner Krankheit verknüpft. Er hat mich über alles geliebt und behandelte mich wie seinen kleinen Prinzen. Voller Stolz, so erzählt meine Mama noch heute gern, ging er mit mir zum Burgenbauen auf den Spielplatz. Auch schob er den Kinderwagen – ohne Wenn und Aber (in der damaligen Zeit war das nicht selbstverständlich für Väter). Zu meinem ersten Geburtstag schenkte er mir einen Teddy, den ich noch heute habe und der mich mein ganzes Leben lang begleitet hat. Als seine Krankheit schlimmer wurde und er all diese Operationen überstehen musste, war es schwierig für mich, das zu begreifen. Mit etwa neun Jahren sah ich ihn nach einer OP mit kahl geschorenem Kopf ruhig und erschöpft in seinem Krankenhausbett liegen. Er erkannte mich nicht und dachte, dass ich eigentlich noch viel jünger sein sollte. Als ihn meine Mutter fragte, wo wir wohnen, gab er eine Adresse an, an der wir vor ewigen Jahren mal gewohnt hatten. Danach wollte ich meinen Vater nie wieder im Krankenhaus besuchen. Ihn hilflos an diesen Schläuchen und Maschinen zu sehen, machte mich sehr traurig. Ich konnte ja nichts tun, um ihm zu helfen. Für einen kleinen Jungen war das schwer zu akzeptieren. Aber zum Glück kam mein Vater nach wochenlangem Aufenthalt wieder nach Hause.
Und so kam es, dass mein geliebter Papa dement wurde. Es war schwer für mich, damit umzugehen, aber dennoch haben meine Mutter und ich das sehr gut mit ihm zusammen hinbekommen. Meine Mutter arbeitete zu der Zeit noch in Vollzeit als Köchin und schuftete sich den Allerwertesten wund. Eine starke Frau. Schichtarbeit, ein kranker Mann zu Hause und ein Sohn, der einem mit seinen zehn Jahren alle Nerven raubt. Ich bin sehr stolz auf sie, denn nicht viele hätten die Kraft aufbringen können, das alles durchzustehen. Wir hatten tagsüber manchmal einen Zivi als Unterstützung zu Hause, während meine Mutter bei der Arbeit war. Mein Vater konnte dann gemütlich seine Pfeifen reinigen und stopfen, und ich spielte mit dem Zivi Nintendo. Das Gedächtnis meines Vaters wurde immer schlechter, und irgendwann konnte er sich nicht einmal mehr merken, was vor fünf Minuten geschehen war. Da ließ er schon mal das Kotelett für das Abendbrot anbrennen. Na und! Ich habe es trotzdem gegessen, weil auch ich es nicht besser hinbekommen hätte. Ich habe mich bewusst zurückgenommen. Ich wollte niemandem zur Last fallen. So lernte ich schon früh, selbstständig zu sein. Ich wollte meiner Mutter nicht mehr aufhalsen als nötig. Ich machte in Ruhe meine Hausaufgaben und ging oft raus zum Spielen.
Ansonsten hatten wir aber einen ganz normalen Alltag und kamen super miteinander aus. Er war ein toller Vater. Als es ihm noch besser ging, war er unter der Woche tagsüber in einer Tagesstätte. So hatte unsere Familie eine gewisse Routine: Ich konnte in Ruhe zur Schule gehen und meine Mutter arbeiten, dann kamen wir alle drei wieder nach Hause und aßen gemeinsam zu Abend. Aber dann kam es eines Tages zum schwersten epileptischen Anfall, den er je hatte und von dem er sich auch nicht mehr erholen sollte. Daraufhin lag er ein halbes Jahr im Wachkoma. Meine Mutter arbeitete zu der Zeit immer noch im Schichtdienst und verbrachte jede freie Minute, die sie hatte, bei ihm. Sechs Monate lang fuhr sie jeden Tag eine Stunde mit Bus und Bahn zu ihm und eine Stunde wieder zurück. Das war absolute Liebe. Ein Mensch – meine sich aufopfernde Mutter – nimmt so viel auf sich, lädt sich ein Kreuz auf die Schultern, das sie kaum tragen kann, und ergibt sich der Liebe. Ich muss leider zugeben, dass ich in dieser Zeit nur einmal dort war. Ich konnte es nicht, ich wollte meinen Vater nicht so in Erinnerung behalten. Die Bilder von ihm nach der Operation waren noch immer in meinem Kopf, und ich konnte das alles als Kind nicht verkraften. Heute bereue ich es sehr, nicht bei ihm gewesen zu sein, aber damals ging es einfach nicht. Ich war hilflos, traurig und voller Angst.
Nach sechs Monaten starb mein Vater. Sein langer Leidensweg mit einer schweren Krankheit hatte ein Ende. Nach einem halben Jahr der Ungewissheit wurde er erlöst. Er hinterließ eine liebende Frau und einen dankbaren Sohn. Danke für die Werte, die du mir vermittelt, und die endlose Liebe, die du mir gegeben hast. Ich vermisse noch heute dein Lächeln und den Geruch von Vanilletabak in der Luft. Deinen Gang, deinen Humor und deine Art, mit den Dingen umzugehen. Wir hatten nicht viel, aber wir waren zufrieden. Noch heute blicken mich Leute, die meinen Vater kannten, an und sagen: »Dit is kleen Manne!« Ich habe zwar nicht mehr die gleiche runde Plauze wie er, aber dafür den gleichen dichten Bart, seine Knollennase, seine Wangen, seinen Schlendergang und wohl sein warmes Herz.
Die Zeit um den Tod meines Vaters war wohl der härteste Abschnitt meines Lebens, und sie hat meine kleine, zierliche Mutter und mich sehr geprägt. Wir haben diese Zeit irgendwie überstanden – auch wenn wir Narben davongetragen haben. Aber das Wichtigste ist doch, dass wir zusammengehalten haben. Sie war immer für mich da und bemühte sich, eine herzensgute Mutter zu sein. Auch wenn ich es ihr in meiner Pubertät nicht wirklich leicht gemacht habe. Aber wer ist da schon einfach? Wir haben immer am selben Strang gezogen. Und klar, auch wir waren mal unterschiedlicher Meinung. Aber mal ehrlich, welche Meinungsverschiedenheit kann man denn nicht aus dem Weg räumen, wenn man sich liebt? High five, Muddi!
Seitdem ich denken kann, war ich ein dicker Junge. Schon in der Grundschule war ich der Molligste. Das ist natürlich kein Zufall. Meine Mutter ist gelernte Köchin. Sie hat beim Italiener, bei einem Griechen, in der Schulkantine und überall dort, wo man Essen zubereiten kann, gearbeitet. Die ganzen leckeren Sachen hat sie mit nach Hause gebracht: Schokoladensuppe – gestreckter Pudding. Spaghetti Bolognese! Und obwohl wir wenig Geld hatten, wurde bei uns zu Hause immer viel und gut gegessen. Meine ganze Familie besteht aus Genussmenschen – das habe ich also in den Genen. Und warum sich dagegen wehren? Wenn Mama sagt, dass das gut für dich ist, dann ist es das auch! Punkt, aus, keine Diskussion!
Die stämmige Figur habe ich von meinem Vater geerbt. Diese wohlgerundete, männliche, gar attraktive Plauze wurde mir quasi vermacht. Meine Mutter hingegen ist gertenschlank und muss aufpassen, dass sie nicht abnimmt. Dabei isst sie wirklich viel Süßes und hält definitiv keine Diät. Sie sagt immer, dass ich nicht viel von ihr habe, sondern alles von meinem Vater – bis auf die braune Haarfarbe. Und da lässt sie sich auch nicht reinquatschen. Puh, sie ist aber auch manchmal engstirnig, kompromisslos und unbelehrbar. Zumindest weiß ich jetzt, von wem ich das habe, haha. In unserer Familie sieht man eben, dass jeder Körper anders ist und jeder das Essen unterschiedlich verwertet, weil er einen anderen Stoffwechsel hat. Meine Mutter hat uns kulinarisch immer von vorn bis hinten verwöhnt. Für einen Sonntagsbraten hat sie sich vier Stunden in die Küche gestellt. Wenn ich als Teenager erst mittags aufgestanden bin, weil ich mit meinen Jungs Samstagabend bis in die Puppen unterwegs war, hatte ich natürlich keinen Schimmer, wie viel Mühe sich meine Mutter gegeben hat. Ich habe mich einfach müde an den Tisch gesetzt und gegessen. Wie schnell man doch essen kann, denke ich mir heute. Wenn ich vier Stunden in der Küche stehe und meine Gäste in 15 Minuten fertig sind, frage ich mich schon, ob es ’ne Suppe nicht auch getan hätte.
Eine meiner Großmütter war nach dem Krieg aus Schlesien geflüchtet, und so ist mein Vater größtenteils in Gera aufgewachsen. Hier wohnt heute noch ein Teil meiner Familie väterlicherseits. Wenn ich als kleiner Junge zu meiner Tante gekommen bin und gesagt habe, ich will heute nur Brot mit Pflaumenmus essen, dann bekam ich das auch. Oder Toast mit Butter und Leberwurst. Bei uns war Verzicht oder Ausgewogenheit einfach nie ein Thema. Das liegt natürlich auch an den Großeltern, die im Krieg auf so vieles verzichten mussten und dann eine ganz andere Einstellung zu Lebensmitteln hatten als wir heute. »Wenn du nicht aufisst, ist das kein Problem, aber iss wenigstens das Fleisch!« Wie viele Male habe ich das gehört?! Klar, Fleisch war immer wahnsinnig teuer, und im Krieg gab es das häufig gar nicht. Heute können wir uns das gar nicht mehr vorstellen. Den Hunger, den Verzicht. Wir gehen in den Supermarkt und kaufen Hühnchen oder Pute oder Schwein für 2,99 Euro das Kilo. Heute ist nicht mehr das Fleisch teuer, sondern eher der Salat. Und irgendwie ist es pervers, dass Fleisch so billig ist. Das lässt es uns nicht mehr richtig wertschätzen, finde ich. Und was eigentlich auch nicht richtig ist: So etwas wie Süßigkeiten kriegst du zu günstig. Das macht es ärmeren Familien natürlich einfach, ungesundes Essen zu kaufen.
Meine Mutter hat mir für die Schule auch immer etwas Süßes mitgegeben, wie etwa einen Schokoriegel. Das war natürlich gut gemeint: Der Junge soll doch was Leckeres in der Pause haben! Meine Klassenlehrerin in der Grundschule hat mitbekommen, dass ich nie Obst in der Frühstücksbox hatte, und mich mal gefragt, was wir zu Hause so essen. Da wusste ich gar nicht, was ich antworten sollte. Für mich war das schließlich total normal und auch schön so. Ich wurde nie gemaßregelt. Essen macht ja auch gute Laune. Es wurde ohne Rücksicht auf Verluste gegessen, worauf wir Lust hatten. Niemand achtete auf Kalorien oder eine gesunde Ernährung. Es war halt auch eine andere Zeit – vegane Bioläden und Mineralkristalle fürs Wasser gab’s damals noch nicht (die gibt’s für mich übrigens heute noch nicht). Das Bewusstsein war ein ganz anderes. Aber es kommt eben nicht von ungefähr, dass man dick ist. Vieles ist uns wirklich anerzogen. Man stelle sich mal vor, dass eine Mutter Angst vor Hunden hat. Diese Mutter zieht ihr Kind dann jedes Mal, wenn sie einen Hund sieht, mit Panik in den Augen von diesem weg. Das ist absolut kein Vorwurf. Ich möchte nur sagen, dass wir vieles unbewusst an unsere Kinder weitergeben. So ist es mit dem Essen, mit Ängsten oder auch mit Werten.
Ich bin von meinen Eltern sehr liebevoll großgezogen worden. Sie waren, beziehungsweise sind, einfache Leute – aber mit einem riesengroßen Herzen. Ich habe wirklich nichts vermisst! Und sie haben mir in keinem einzigen Moment das Gefühl gegeben, dass ich unvollkommen oder nicht richtig wäre, so wie ich bin. Oder etwa zu dick! Vielleicht hatten sie aber auch den Vorteil im Sinn: Sie liebten mich, sie wollten mich behalten. Also sollte ich schwerer zu kidnappen sein. Macht Sinn, oder? Meine Eltern versuchten immer, mir trotz unserer finanziellen Situation alles zu ermöglichen und mir auch Spielzeugwünsche zu erfüllen. Ich habe nicht wirklich darunter gelitten, dass wir nicht reich waren. Ich bin schließlich in der DDR aufgewachsen, da waren alle gleich. Und als ich zwölf Jahre alt war, habe ich dann angefangen, mein eigenes Geld zu verdienen. Von da an habe ich für mich alles selbst bezahlt. Aber wie es dazu kam, erzähle ich ausführlich im nächsten Kapitel.
Bei uns im Haus wohnten zehn Parteien, ich bin ganz klassisch in der Platte groß geworden. Was auf keinen Fall heißt, dass das schlecht war. In der DDR wollte absolut jeder in der Platte wohnen. Es gab fließend Wasser, eine funktionierende Heizung und ein privates Klo, was man nicht von allen Altbauten behaupten konnte. Von daher war es wirklich Luxus, auf 64 Quadratmetern neuester Platte mitten in Potsdam zu wohnen. Alle Familien sind im Jahr 1989 in das Haus gezogen – und da hat man die DDR irgendwie mitgenommen. Das Miteinander, das Herzliche untereinander! Das war eine richtige Gemeinschaft. Auch die Eltern der anderen Kinder haben mir viel mitgegeben und waren für mich da. Und meine beste Freundin Amelie hat direkt im Flur gegenüber gewohnt. Das zwischen uns war sehr eng, wir bildeten eine richtige Einheit, aber ich konnte mich darin auch frei entfalten. Sie war immer größer als ich, klüger und hübscher sowieso. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Außer dass ich zum Glück dann doch noch größer geworden bin als sie, haha.
Ich habe mit ihr so viel wertvolle Zeit verbracht! Zum Beispiel sind wir mit unseren Eltern nach Tschechien in den Urlaub gefahren. Malá Skála lädt ja praktisch zum Wandern ein. Im Winter. Wenn man acht Jahre alt ist und bei Schnee kein Profil unter den Schuhen hat. Bei guter Laune und lautem Gesang rutschte ich einige tausend Mal aus und fast den Berg hinunter. Zum Glück wechselten sich Amelies Vater und Schumi, ein guter Freund der Familie, damit ab, mich am Kragen zu packen und so vor dem sicheren Absturz zu bewahren. Amelie und ich fuhren damals auch gern Rollschuh – wobei wir uns dabei sämtliche Gliedmaßen regelmäßig aufschlugen. Ich glaube, es gab nie eine Zeit, in der keiner von uns irgendeine Blessur hatte. Entweder wollte Amelie von Steintisch zu Steintisch springen und schlug sich das Kinn auf – oder ich fiel die Treppe mit dem Gesicht voran hinunter und riss mir den kompletten Nasenrücken auf. Dahin gehend war meine Carrera-Bahn, mit der wir auch oft spielten, geradezu ungefährlich. Eine Geschichte hält Amelie mir bis heute noch vor. Ich weiß auch nicht, warum sie ihr so negativ im Gedächtnis geblieben ist: Wir waren vielleicht sieben Jahre alt und unsere Mütter gerade im Wohnzimmer beschäftigt. Also dachte ich mir, es wäre eine super Idee, eine Videokassette im Kinderzimmer einzulegen. Wir schauten ES von Stephen King. Ich glaube, Amelie hatte ziemliche Angst und bekam auch einen kleinen Schock. Aber mal ganz ehrlich? Soll ich mir etwa einen Horrorfilm ganz allein angucken? Nie im Leben, da hätte ich ja viel zu viel Angst! Zu zweit ist es doch viel schöner. Hihi, so war das. Wir haben wirklich tolle Erinnerungen an unsere Kindheit. Was wir nicht alles zusammen erlebt haben!
Unsere Hausgemeinschaft war, wie schon erwähnt, eine große Familie. Als Kind hast du die Erziehung von allen Eltern des Hauses genossen. Dort waren die Schünings, die Suchts, die Fichtes, die Schendzielorz und auch meine kleine Familie, die Drechsels. Jeder hat bei jedem übernachtet, Geburtstage gefeiert, gebastelt, gemalt und gespielt. Aber das Wichtigste ist und bleibt doch immer noch diese eine kleine Freundin Amelie. Und auch wenn wir uns heute nicht mehr so oft sehen, bleibt sie für immer in meinem Herzen. Ich möchte vielleicht sogar sagen, dass ich eine fünf Tage jüngere Schwester habe. Ich bin sehr stolz, dass so eine wunderbare und strahlende Persönlichkeit aus ihr geworden ist. Auch zu einigen anderen aus unserem Haus habe ich heute noch sporadisch Kontakt und freue mich immer sehr, wenn ich sie sehe. Ich hatte eine einfache und schöne Kindheit. Meine Mutter wohnt in dem Haus übrigens noch heute. Ich habe in meinem Kinderzimmer gelebt, bis ich meine feste Rolle bei Gute Zeiten, schlechte Zeiten hatte. Ich bin also ein echtes Plattengewächs.
Weil mir meine Eltern niemals gesagt hätten, dass ich etwas nicht kann, und immer an mich geglaubt haben, hatte ich von Anfang an ein riesengroßes Vertrauen in mich selbst. Ich habe mir immer alles zugetraut. Ich hätte ja immer wieder Nein sagen können. Als ich die Chance hatte, zum Film zu gehen, zum Beispiel. Oder als ich gefragt wurde, ob ich bei Let’s Dance mitmachen möchte. Oder als ich mir überlegt habe, ein Buch über mein Leben und mein Abspecken zu schreiben. Ich habe aber immer Ja gesagt. Man sollte sich selbst keine Grenzen setzen, davon bin ich total überzeugt. Und dabei spielt es keine Rolle, aus was für einem Elternhaus man kommt. Ob reich oder arm. Ob gebildet oder eher nicht. Grenzen sind wirklich nur in unseren Köpfen. Es zählt nicht, was wir gestern gemacht haben oder wer wir morgen sind. Einfach nicht auf den eigenen Ängsten und Komplexen ausruhen, dann kommt das Leben so richtig in Fahrt. Man sollte das Leben in die Hand nehmen und mutig sein.
Ich habe mir vor nicht allzu langer Zeit ein Klavier gekauft und klimpere darauf herum, wie es mir passt. Ob das gut ist oder nicht, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Es muss mir Spaß machen. Oder ich restauriere Möbel, und manchmal male ich auch Bilder. Mein Motto: Wenn du Bock drauf hast, machst du es. Ob malen, klimpern, Buch schreiben oder abnehmen: Jeder kann alles machen. Das ist ja das Geile am Leben. Und das haben mir meine Eltern beigebracht. So war meine Kindheit. Du lebst in der Platte, kennst aber keine Grenzen. Ich kann es mir nicht schöner vorstellen.
In dieser Geschichte gibt es einen Arsch voller großartiger Zufälle, und in ihr wohnen so wundervolle Menschen, dass sie unbedingt ausführlich erzählt werden muss. Denn so viel Glück kann ein kleiner dicker Junge aus Potsdam eigentlich gar nicht haben. Als ich elf Jahre alt war, sollte sich tatsächlich alles um mich herum und meine ganze berufliche Laufbahn ändern – das ist wirklich ziemlich skurril, irre und gleichzeitig ganz schön surreal. Und wenn ich mich daran erinnere, kann ich mir noch immer nicht wirklich vorstellen, dass das alles so passiert ist. Surreal! Also, der Reihe nach … gut, dass ich mal Klempner werden wollte …
Ich erkannte früh, dass ich eine riesige Klappe habe, es mir Spaß macht, vor Leuten zu reden, und mein »Publikum« mir wohl oder übel, gern oder nicht so gern zuhört oder weghört. Kurz gesagt, die Bühne war schon immer meins. Das fing ganz klein in der Schule an, wenn ich vor meiner Klasse sprechen durfte und merkte, dass ich mit meiner Art andere zum Lachen bringen kann. Was für ein tolles Gefühl! Die Leute sind auf deiner Seite! Dann kamen Theater- und Tanzgruppe – ich habe das alles mit ganz viel Freude mitgenommen. Es war halt einfach mein Ding: mich zur Musik zu bewegen, meinen Körper zu spüren, mich auszudrücken (kein Wunder, dass dieser runde Charmebolzen irgendwann bei Let’s Dance landen musste!). Schließlich kam die Weihnachtsaufführung in der zweiten oder dritten Klasse, die ich moderierte. Auch hier traute ich mich etwas und hatte die Lacher wieder auf meiner Seite. Mir wurde bewusst, dass ich einen guten Humor habe, dass ich die Menschen erreichen kann und das habe, was man Präsenz nennt. Da war ich vielleicht zehn Jahre alt. Meine Mutter hat manchmal so getan, als würde sie sich für mich und meinen Drang, vor Leuten aufzutreten und im Mittelpunkt zu stehen, schämen – aber zum Glück war das ein Spaß. Dann hat sie gesagt: »Der ist nicht meiner, der gehört nicht zu mir!« Das habe ich natürlich nicht wörtlich genommen und konnte drüber lachen – typisch Tommy halt.
Was mir ganz wichtig ist: Ich war wirklich nie der dicke Junge, der schüchtern in der Ecke kauert und sein Pausenbrot mampft – außer für meine Schwimmlehrerin, die mich mit »Na los, du fette Sau« zum fließenden Schwimmen bewegen wollte. Und ich kann es euch so sagen, wie es ist: Es hat mich nicht gestört. Ja, okay, vielleicht lag es daran, dass ich wirklich nicht schwimmen konnte, meine Ohren dadurch unter Wasser waren und ich die kompetente Dame am Beckenrand nicht hörte. Aber auch als ich von diesem Akt der Missgunst meinem künstlerischen Schwimmstil gegenüber von meinen Mitschülern hörte, fühlte ich mich nicht angegriffen. Ich weiß nicht, warum, bis heute kann ich es mir nicht erklären. Die Frau ging mir am Allerwertesten vorbei. Nachdem sich alle, Schüler und Eltern, genug darüber beschwert hatten, sah ich sie nie wieder. So spielt manchmal das Leben. Karma!
Wer lässt sich denn von so was unterkriegen? Ich war der, der mit beiden Beinen mitten auf dem Schulhof stand. Ich hatte tolle Freunde, viel Spaß, ich mochte Bewegung und Sport. Aber eben auch richtig gutes (und auch richtig viel) Essen. Mich haben meine Pfunde nie aufgehalten. Ich war glücklich. Und für mich spielte es überhaupt keine Rolle, dass die anderen Kinder dünner waren als ich. Ich konnte mit meiner Fülle immer sehr gut umgehen. Hin und wieder sprach mich eine Lehrerin an, wenn ich mal wieder einen Schokoriegel in der Hand hatte: »Gibt’s das öfter bei euch zu Hause?« Aber aus dem Konzept gebracht hätte mich das nie und nimmer.
Bei dicken Kindern denkt man ja sofort an Mobbing. Aber ganz ehrlich: In meiner Grundschulklasse gab es so etwas nicht. Wir haben zusammengehalten wie Pech und Schwefel. Und wenn wir im Sport zweihundert Meter laufen mussten, haben mich die anderen sogar noch angefeuert. Auch wenn es meistens trotzdem nur für eine Drei gereicht hat. Na ja gut, wenn Teams gewählt wurden, musste ich besonders lange auf der Bank warten, bis ich aufgerufen wurde. Das hat mich dann schon getroffen. Aber ich wusste ja, dass ich nicht die Sportskanone bin. Und im Sportunterricht geht es nun mal darum, ein Topteam auf die Beine zu stellen. Jedenfalls gab es von meinen Klassenkameraden nie blöde Sprüche zu meiner Körperfülle. Und wenn mich an der Bushaltestelle mal ein fremdes Kind blöd angemacht hat, dann gab es einen blöden Spruch zurück. »Ey, Bohnenstange, kauf dir besser mal einen Snickers!« Schlagfertig war ich schon immer, das ist vielleicht mein großes Glück. Nie um einen dummen Spruch verlegen.
Jedenfalls passierte dann das Wunderbare: Ich besuchte die sechste Klasse der Grundschule – bei uns in Brandenburg kommt man erst ab der siebten Klasse auf die weiterführende Schule –, da kam eine Casterin zu uns an die Schule und fragte herum, ob es einen talentierten korpulenten Jungen gibt. Sie hätte eine Rolle in einem Film zu besetzen. Mein Name wurde ihr ein paarmal genannt – so einfach kann es manchmal im Leben laufen. Der Gedanke liegt jetzt natürlich nahe, dass ich auf eine Schule ging, die irgendwie spezialisiert war auf musische Fächer oder Kids gefördert hätte, die zum Schauspiel wollen. Aber weit gefehlt! Ich war wirklich auf einer ganz normalen staatlichen Schule für ganz normale Potsdamer Kinder. Die Produktion des Kinofilms Sumo Bruno war in Berlin und Umgebung, deshalb klapperte die Casterin auf der Suche nach einem neuen Gesicht einfach ein paar Schulen in der Region ab. Et voilà, da war ich! Ich spielte gerade auf dem Schulhof im Rindenmulch (an dieser Stelle sollte gesagt werden, dass ich nicht mit, sondern im Rindenmulch gespielt habe. Durchaus hatte ich auch Spielsachen!), als sie vor mich trat und mir erklärte, dass es ein Casting für einen Kinofilm gebe. »Kannst du dir vorstellen, daran teilzunehmen?«, fragte sie. Na, was sagt man da als kleiner Junge, die Kauleiste offen und mit großen, ahnungslosen Augen?! »Da muss ich meine Mama fragen!« Aber klar, hier bin ich, mein Name ist Thomas Drechsel, bitte wo soll ich unterschreiben?
Zum Glück hat mir meine Mutter nie etwas verboten. Im Gegenteil: Sie versuchte, mir alle Wünsche zu erfüllen. Also fragte sie unseren Nachbarn Henri, ob er uns zum Casting nach Berlin fahren kann. Wir schrieben das Jahr 1997. Wir machten uns ausgerechnet am Tag der Love Parade auf in die große Stadt. Berlin war komplett dicht, wir kamen mal locker eineinhalb Stunden zu spät zum Casting. Ich – ganz Profi, weil ich mir eh keine Chancen ausrechnete – behielt die Nerven und lieferte! In meiner Szene musste ich sogar heulen, aber das war kein Problem für mich. Den Text hatte ich vorher brav auswendig gelernt, und den Rest versuchte ich, auf mich wirken zu lassen. Am Abend lag ich im Bett und dachte: »Unglaublich, heute warst du bei deinem ersten Casting!«
Ein paar Tage später kam ein Anruf: »Junge, du bist in der engeren Auswahl!« Wie bitte, was?! Das konnte doch nicht wahr sein: Dreihundert Jungs im Alter von zehn bis zwölf Jahren waren beim ersten Casting angetreten. Und ich war im Kreis der letzten sechzig! Die Chance, dass ich die Rolle bekomme, war natürlich nach wie vor ziemlich gering. Aber nach dem zweiten Casting war ich unter den letzten 13 Kandidaten. Man malt sich ja immer alles aus – und auch ich spielte diese Möglichkeit in Gedanken durch: Wie wäre es, wenn das wirklich klappt mit der Rolle?! Das dritte Casting kam. Da traf ich zum ersten Mal auf den Hauptdarsteller Hakan Orbeyi, ein richtig stämmiger Typ. Erst mal dachte ich: Was für ein arroganter Fatzke! Er hatte mich nämlich wie ein richtiger Erwachsener darauf hingewiesen, dass es für unsere Szene angebracht sei, das Kaugummi aus dem Mund zu nehmen. Aber das wollte ich natürlich nicht hören. Das Kaugummi hatte mich nämlich verdammt cool wirken lassen! Aber gut, am Ende hat sich Hakan als verdammt nett herausgestellt. Und er hatte ja auch recht. Das konnte ich in dem Moment natürlich nicht zugeben. Ich also die Heulszene wieder gespielt, diesmal mit dem Hauptdarsteller. Hat wieder geklappt. Ein paar Tage später klingelte in einer Potsdamer Wohnung das Telefon, und ein kleiner Junge rastete vollkommen aus vor Glück: Ich! Hab! Die! Rolle! Es war unglaublich! Ich durfte in einem Kinofilm mitspielen! Dabei war ich doch ein ganz normaler Kerl – und jetzt passierte mir so etwas. Auf solche Wendungen kann einen wirklich keiner vorbereiten. Kann mich mal bitte jemand kneifen?
Es gab aber ein Problem, das die ganze Sache zum Platzen hätte bringen können. Und zwar: Zum Zeitpunkt des Castings war ich noch in der sechsten Klasse, also in der Grundschule. Wenn die Dreharbeiten anfangen sollten, würde ich aber schon in die siebte Klasse gehen, also auf die Realschule. Jetzt bekomm mal als Zwölfjähriger frisch auf der neuen Schule 26 Drehtage frei! Puh, eher unwahrscheinlich. Aber jetzt kommt der Clou: Meine Klassenlehrerin aus der Grundschule war doch tatsächlich mit meinem neuen Schulleiter verheiratet. Sie wusste von meiner Riesenchance und sagte: »Thomas, jetzt hör mir mal zu. Wenn du die Rolle kriegst, muss dir mein Mann freigeben. Sonst kriegt der zu Hause richtig Ärger!« Hallo?! Wie kann man nur so viel Glück haben? Wenn ich daran denke, bekomme ich noch immer Gänsehaut. Man braucht im Leben einfach Menschen, die es gut mit einem meinen. So war es jedenfalls bei mir. Ohne die wäre es nicht gegangen – und ich wäre heute kein Schauspieler.
Das war also geritzt mit den 26 »Urlaubstagen«. Klein Tommy wird morgens von einem Fahrer in einer Limousine zu Hause abgeholt und ans Set gebracht. In eine völlig andere Welt. Für mich ein unglaublich tolles Erlebnis. Denn alle Filmleute waren schrecklich nett zu mir, und ich habe sogar einen Schauspielcoach an die Seite gestellt bekommen. Sie sollte mich auf die einzelnen Szenen vorbereiten und mir helfen, mich am Set zurechtzufinden. Das war ja schließlich meine erste Rolle – und dann gleich eine fette Kinofilmproduktion!
Ich habe in dieser Zeit zum ersten Mal erkannt, wie wichtig es ist, sich selbst etwas zuzutrauen. Und ans eigene Bauchgefühl zu glauben. Die Heulszene, die ich beim Casting ja so gut gezeigt hatte, dass ich die Rolle bekam, bin ich noch einmal mit dem Coach durchgegangen. Sie hat mir ein anderes Weinen beigebracht. Und ich dachte natürlich, dass es so richtiger wäre. Also nicht so »in sich versinken und alles rauslassen«. Das hatte ich geschafft, indem ich mich an ein schlechtes Erlebnis erinnert hatte – und das hat mein Weinen dann sofort ausgelöst. Der Coach wollte aber, dass ich eher schniefe. Sodass mein Gegenüber eher so eine »Wird schon wieder«-Haltung einnimmt. Gut, dachte ich, das spielst du so in der Szene, kein Problem.
Ich bin also am Set, es ist Abend, Winter, um die fünf Grad. Ich weine in der Szene, setze mich in der Pause hin, gähne ein bisschen, weil ich das immer tue, wenn mir kalt ist. Da kommt der Regisseur zu mir und sagt: »Junge, die Szene ist leider nicht so schön geworden wie im Casting. Bist müde, was?!« Da sitzt du da als Zwölfjähriger und verstehst die Welt nicht mehr. Hä?! Du denkst, du hast alles richtig gemacht, dabei war alles falsch. Ich habe mich in dem Moment natürlich nicht getraut, dem Regisseur zu sagen, dass es die Idee des Schauspielcoachs war, mich anders weinen zu lassen. Ich musste das einfach so schlucken, was mir nicht leichtgefallen ist. Die Möglichkeit, die Szene noch einmal zu drehen, gab es nicht. Für mich war das ein einschneidendes Erlebnis. Und es hat mich leider auch noch lange begleitet. Man darf im Leben einfach nicht immer auf andere hören – auch wenn das Experten in ihrem Fach sind. Dein Bauchgefühl weiß es oft besser! Oder deine Intuition, wie auch immer man es nennen mag. Es hat gedauert, bis ich das überwunden hatte, es hat mich noch lange Zeit geärgert. Heute sind die Emotionen natürlich weg, aber das war mir eine wichtige Lehre.
Abgesehen von diesem Erlebnis war Sumo Bruno
