Seegeschichten eines Hamburger Jungen - Jens Larsen - E-Book

Seegeschichten eines Hamburger Jungen E-Book

Jens Larsen

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Beschreibung

Kapitän zur See Jens Larsen berichtet in dieser Autobiografie über 31 Jahre Seefahrt, von der Harten Zeit auf Fischkuttern vor Grönland kurz nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Neuregulierung der Hafenordnung in Saudi-Arabien kurz vor Ende seiner Karriere, vom vierzehnjährigen Fischerjungen bis zum persönlichen Berater eines Ministers kreuz und quer über alle Wellen der Ozeane, von der Arktis bis nach Australien.

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EPUB
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Seitenzahl: 214

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Jens Larsen

Seegeschichten

eines Hamburger Jungen

Copyright: © 2023 Jens Larsen

Lektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.net

Umschlag & Satz: Erik Kinting

Verlag und Druck: tredition GmbH

An der Strusbek 10 22926 Ahrensburg

Softcover

978-3-384-04934-6

Hardcover

978-3-384-04935-3

E-Book

978-3-384-04936-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Zu diesem Buch:

Dies sollte nur ein kurzes Logbuch werden, sachlich und knapp, wie es auf Schiffen geführt wird. Er wurde dann aber eine Dokumentation. Diese soll es dem Leser ermöglichen, in eine komplett andere Welt einzutauchen.

So entnahm ich die dominantesten Ereignisse, die mir erwähnenswert schienen, zunächst aus Auszügen meiner Schiffslogbücher. Daraus entstand dann aber eine Zusammenstellung mit zum Teil abenteuerlichen See-Erfahrungen.

Das alles liegt nicht lange zurück und ist ein unlösbarer Teil von mir. Und doch sind dies Nachrichten aus einer anderen Welt, heute kaum mehr vorstellbar. Mein jüngster Sohn sagte einmal: »Nur von dem, was ich aus deinen wenigen kurzen Schilderungen kenne, müsstest du schon lange tot sein.«

Ich lebe aber immer noch und freue mich, die Erinnerungen an meinen ereignisreichen Lebensweg weitergeben zu können: vom vierzehnjährigen Fischerjungen bis zum persönlichen Berater eines Ministers kreuz und quer über alle Wellen der Ozeane, von der Arktis bis nach Australien.

Jens Larsen im März 2023

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Nis Randers

Kindheit

Schulzeit

Lehrzeit

Taschenkrebse

Können

Im hohen Norden

Onkel Hein Schade

Hart und weich

Zu jung zum Sterben

Pike

Villa Zum Seeblick

Australien

Die Schiffbrüchigen

Der Kampf

Das erste Studium

Die Seeamtsverhandlung

Steuermann

Käpt’n Blitz

Die Warnung

Tankerfahrt

Nochmals Heringe

Die verhinderte Felsenstrandung

Völkerverständigung

Kapitän Ernst Mesch

Ein Intermezzo

Eine wunderbare Zeit

Der Taifun

Der unbekannte Hafen

Das Katastrophenschiff

Abenteuer Chemietransport

Die Ohr-Operation

Rettung eines Regattaseglers

Der Räuber

Die Beinahe-Kollision

Die Meuterei

Saudi-Arabien

Aufgelaufen

Seeamtsverhandlung (die Zweite)

Beitrag zur Verbesserung der Welt

Die Wetterkatastrophe im Roten Meer

Intermezzo

Der Terrorist

Der Mordprozess

Afrika

Der Überfall

Nachwort

Seegeschichten eines Hamburger Jungen

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Nis Randers

Nachwort

Seegeschichten eines Hamburger Jungen

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Nis Randers

Krachen und Heulen und berstende Nacht,

Dunkel und Flammen in rasender Jagd – Ein Schrei durch die Brandung!

Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut:

Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;

Gleich holt sich’s der Abgrund.

Nis Randers lugt – und ohne Hast

Spricht er: »Da hängt noch ein Mann im Mast; Wir müssen ihn holen.«

Da fasst ihn die Mutter: »Du steigst mir nicht ein! Dich will ich behalten, du bleibst mir allein, Ich will’s, deine Mutter!

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn,

Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,

Mein Uwe, mein Uwe!«

Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!

Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:

»Und seine Mutter?«

Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:

Hohes, hartes Friesengewächs;

Schon sausen die Ruder.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!

Nun muss es zerschmettern …! Nein, es blieb ganz!

Wie lange, wie lange?

Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer

Die menschenfressenden Rosse daher;

Sie schnauben und schäumen.

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!

Eins auf den Nacken des andern springt Mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!

Was da? – Ein Boot, das landwärts hält. -

Sie sind es! Sie kommen! -

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt …

Still – ruft da nicht einer? – Er schreit’s durch die Hand:

«Sagt Mutter, ‘s ist Uwe!»

Aus: Otto Ernst, Siebzig Gedichte,

Verlag L. Staackmann. Leipzig 1907,

S. 118–119

Kindheit

Im Alter von sieben Jahren las mir meine Großmutter des Öfteren das Gedicht Nis Randers von Otto Ernst vor. Nach so einer Sitzung weinte meine Großmutter. Ihr Sohn, mein Onkel, war auch Seemann und schon mehrere Jahre unterwegs, zudem hieß einer meiner Brüder (wir waren vier) auch Uwe.

Überhaupt hatte meine Großmutter einen sehr hohen Stellenwert für mich. Sie legte mir Karten und sah für mich keine Gefahr im Verzug. Auch die Gepflogenheiten des Klabautermanns und die des Fliegenden Holländers hat sie mir geschildert. – Wer einen von ihnen sah, ging unweigerlich unter. Ich war also gründlich vorbereitet.

Das Gedicht war sehr beeindruckend und richtungweisend für mich: Viel Mut müsste man in der Seefahrt aufbringen, sie berge viele Gefahren und man könnte auch in Not geraten. So wollte ich werden, mutig und tapfer wie Nis Randers.

Und wie meine Mutter. Im letzten Monat des Krieges holte sie meine beiden älteren Brüder aus der Kinder-Landverschickung nach Hamburg zurück. Sie hatte entschieden, dass, wenn es denn so sein solle, wir alle zusammen in den Bombenhageln umkommen würden.

Im Parterre wohnte eine halbjüdische Familie, sie durften nicht in den Bunker und hatten nur begrenzte Nahrungszuteilungen. Meine Mutter hatte Angst vor dem Regime, schaute aber nach ihnen und brachte den Armen trotzdem, so oft es ging, Essen. Wenn wir nach der Entwarnung aus dem Bunker kamen, sahen wir auch verbrannte und tote Kinder, die es nicht rechtzeitig in den Bunker geschafft hatten.

Dann war der Krieg zu Ende. Im sehr kalten Winter 1945/1946 begann die schlimme Zeit des Hungerns und Organisierens. Kohlen und Essen mussten beschafft werden, sonst wären wir verhungert oder erfroren wie viele kleine Kinder und ältere Menschen.

Der vielversprechendste Platz zum Organisieren war ein Rangierbahnhof an der Elbgaustraße in Hamburg-Eidelstedt, 20 Kilometer von unserer Wohnung in St. Pauli Nord entfernt.

Der Bahnhof, auf dem die Kohlen für die Alliierten-Kasernen umgeschlagen wurden, war gut bewacht. Einmal, als die Bahnbeamten Schäferhunde auf uns hetzten, geriet ein Junge unter einen Waggon, ein Bein wurde ihm abgequetscht und der Oberschenkel seines Bruders, der versuchte ihn zu retten, klaffte auf bis zum Knochen.

Unser Weg zurück führte durch den für uns riesigen Volkspark in Hamburg Altona. Man sagte uns, dort solle ein Lustmörder sein Unwesen treiben, was unsere Schritte, so gut es mit dem Schleppen der Kohlensäcke ging, beschleunigte. Vor uns im Schneetreiben tauchte ein noch kleineres Wesen auf (mein Schulkamerad und ich waren gerade mal acht Jahre alt). Es zog einen großen Schlitten mit einem Kohlensack und kam in dem hohen Schnee kaum voran. Wir fragten: »Junge, könnten wir wohl unsere Säcke mit aufpacken?« Mit einem dunklen, heiseren »Ja« wurde es uns gestattet und dann zogen wir den Schlitten. Nach einer Weile hörten wir dann: »Ich bin aber kein Junge, sondern ein Mädchen.« Sie war neun Jahre alt und ihr Erwachsenenpullover reichte bis über ihre Knie. Ihre Wohnung am Hamburger Pferdemarkt war 500 Meter von unserer entfernt. Wir brachten sie zu ihrer Mutter.

Ich setzte meinen Schulkameraden ab und machte mich auf, um die letzten 50 Meter zurückzulegen. Da geschah es: Ein Polizist fragte mich: »Was hast du da?«

Ich konnte die Tränen kaum unterdrücken und nur grummeln: »Briketts von meiner Großmutter.« Er ließ mich laufen. Ob der Polizist mir geglaubt hat? Jedenfalls wäre die Sache inzwischen verjährt.

Schulzeit

In den letzten Jahren des Krieges gab es in Hamburg keinen Schulunterricht. Erst mit acht Jahren wurde ich eingeschult. Mitschüler in meinem Alter kamen aus der Kinderlandverschickung zurück, hatten dort aber schon drei Jahre Schulunterricht absolviert.

In wenigen Wochen war es mir mit geringer Anstrengung gelungen, von der ersten in die altersgemäße dritte Klasse versetzt zu werden. Es waren drei Klassen je 50 Schüler. Nach zwei Jahren wurden daraus fünf Schüler für die Aufnahmeprüfung eines Hamburger Gymnasiums ausgewählt. – Ich war einer von ihnen.

Mein ältester Bruder war schon auf dem Gymnasium. Meine Mutter konnte, trotz zweier Arbeitsstellen, keine weiteren 50 Mark Schulgeld aufbringen. Ich entschied mich durchzufallen, gab leere Seiten ab und das war es dann. Es war kein gutes Gefühl.

Gleich danach bekam ich eine Schülerbotenstelle fünf Mark Lohn pro Woche, damit konnte ich mich und meinen jüngsten Bruder einkleiden und den Beitrag für meinen Sport entrichten. Da meine Mitschüler oft, manchmal auch zu Unrecht, von älteren Schülern geschlagen wurden, hatte ich mich zu einer Kampfsportausbildung entschlossen.

Später hat diese Ausbildung mir und anderen einige Male sogar das Leben gerettet. Seeleute waren rau, das wusste ich von meinem Onkel. Ich bereitete mich wohlweislich schon vor. Mein Onkel sagte oft: »Übe weiter, Seefahrt ist hart.«

Des Öfteren brachte er uns von seinen Fischdampferreisen Lebertran und verschimmeltes Brot mit, wir aßen es trotzdem. Wir wuschen den Schimmel ab, buken es auf und brieten es in Tran, der war gut für unsere Knochen, jedenfalls waren wir kräftiger als die anderen hungernden Kinder. Meine Mutter vergaß auch nie die abgezehrten halbjüdischen Kinder. Wenn sie ihnen Essen brachte, war sie nun nicht mehr ängstlich.

Mit 14 Jahren fühlte ich mich erwachsen genug, um zur See zu gehen. Von einem Bekannten bei der Deutschen Ersten Walfang Gesellschaft (sie wurde von dem griechischen Reeder Onassis betrieben) bekam ich eine Empfehlung. Im August sollte die Saison beginnen. Da ich die neunte Klasse der Volksschule für Knaben noch nicht beendet hatte, benötigte ich das Einverständnis der Schulbehörde. Der Lehrer stellte mich zur Rede und schlug mich mit einem dicken Rohrstock, weil er nicht informiert wurde. Mein Versuch, den zweiten Schlag abzuwehren, wurde als Angriff auf den Lehrer umgedeutet und ich mit sofortiger Wirkung der Schule verwiesen. Meine Schulkarriere war damit beendet.

Eine späte Genugtuung gab es für mich, als ich schon Kapitän auf einem schönen, modernen Kühlschiff war. Ich lud meinen Nachbarn, einen pensionierten Lehrer, zu einer Besichtigung ein. Hocherfreut nahm er an und war beeindruckt von diesem nicht alltäglichen Erlebnis. Er traf sich regelmäßig mit ehemaligen Kollegen – darunter auch meinem Ex-Lehrer. Ich bat ihn, ihm zu berichten, dass er mich kennengelernt und auf meinem Schiff als Kapitän besucht hatte.

Lehrzeit

Nach dem Verweis aus der Schule nahm ich mein Fahrrad, fuhr in den Hafen und dann in unsere Wohnung. Meine Familie hatte mich bereits gesucht, auch in der Schule, um mir mitzuteilen, dass die Genehmigung der Schulbehörde gekommen sei, die Schule vorzeitig zu verlassen. Nur zwei Stunden eher und ich wäre nicht mit solch einem fatalen Makel behaftet gewesen. Aber nun hatte man mich ja schon selbst ausgeschult.

Nach meinem Schulabgang wollte ich mein Heimatland verlassen. Leider musste ich wohl oder übel auch meine erste Liebe verlassen. Aber nun … auf zum Walfang!

Die Villa der Ersten Deutschen Walfang Gesellschaft stand und steht noch heute an der Alster, Harvestehuder Weg / Ecke Milchstraße, eine der besten Adressen Hamburgs. Welche Aussichten und erhabenes Gefühl, war ich doch hierher empfohlen und wurde in diesem noblen Haus empfangen, welch eine Ehre. Die Villa, in der die Jahrhunderte alte Walfänger-Dynastie herrschte, ohne die das Industriezeitalter nicht entstanden wäre, wurde später der Sitz einer Mode-, Parfüm- und Designerfirma. Ein dramatischer Wandel dieses Gebäudes in der Hamburger Tradition.

Als ich mein Alter mit 14 Jahren angab, sagte man mir, dass das Mindestalter 16 Jahre sei. Ich solle in zwei Jahren wiederkommen. Alles umsonst. Meine Hoffnung, meiner Mutter und meinen Brüdern helfen zu können, zerstört.

Doch ich gab nicht auf. Auf dem Heuerstall in Altona hörte ich, dass in dem Fischerdorf Finkenwerder eventuell Schiffsjungen gesucht wurden, also fuhr ich mit der Elbfähre hinüber und fand das winzige Heuerbüro, die Stellenvermittlung für Seeleute, am Finkenwerder Stak. Dort roch es aufregend nach Netzen und Teer. Genüsslich sog ich den Duft der weiten Welt ein.

Der Heuerbaas (Stellenvermittler für Seeleute) sagte mir: »Kapitän Hinnik Gensch sucht für seinen Kutter, die Käte mit Nummer HF 409, einen Schiffsjungen; sein Haus steht am Nessdiek, Ecke Rüsch-Kanal gegenüber von Rudolf Kinaus Elternhaus, dem Dichter von Seefahrt tut not.«

Kapitän Gensch empfing mich in seinem Fischerhaus, er sagte: »Du bist noch ziemlich klein«, und fragte: »Wie groß bist du?«

»Einen Meter zweiundsechzig«, antwortete ich wahrheitsgemäß.

Kapitän Gensch fragte weiter: »Du siehst sportlich aus, machst du Sport?«

»Ja, Kampfsport.«

»Ich frage dich, weil du für uns vier kochen musst. Die Schiffsjungen werden oft geschlagen, wenn sie aus Müdigkeit nicht aufstehen oder das Essen nicht schmeckt, die Mannschaft findet immer einen Grund, besonders wenn ich außer Sicht bin. Geh an Bord, sieh dir die Käthe an und komm morgen mit deinem Seesack an Bord.« Selten habe ich Kapitän Gensch später so viel reden gehört.

Die Käte war zwar kein Walfänger, aber immerhin ein Schiff. Sie war ein von der Flotte ausgemusterter Kriegsmarine-Fischkutter (KFK) unter Chartervertrag von Kapitän Gensch. Mit einer Länge von 24 Metern und 110 Bruttoregistertonnen fuhr sie unter Segeln mit Hilfsmotor auf Hochseefischerei in den südlichen Atlantik.

Zu Hause war sie gegenüber dem gesprengten U-Boot-Bunker im Rüsch-Kanal. Dieser ist heute zugeschüttet und die Hafennostalgie wird von den beeindruckenden Hallen der Airbus-Industrie überstrahlt.

Mit dem 30 Jahre alten Segeltuchseesack meines Großvaters ging ich am nächsten Tag an Bord. Dort lag der Leichtmatrose betrunken unter dem Rettungsboot. Der Bestmann (Steuermann ohne Patent) hatte ein Netzschneidemesser zwischen den Zähnen, von dem die Spucke tropfte. Abenteuerliche Figuren, aber ich war froh, ein Schiff zu haben.

Der abmusternde Schiffsjunge hieß Werner, war 17 Jahre alt und erzählte, er habe eine Nacht mit einer berühmten Schauspielerin auf einem Fischdampfer verbracht. Sie hatte ihn in einer Bremerhavener Seemannsspelunke aufgebracht. Ich staunte. Die Fischer schienen einen eigenen Ruf zu haben.

Später hörte ich von einem Seelotsen, die bekannte Schauspielerin hätte sich während eines Drehs auf dem Filmsegler Niobe leicht bekleidet über das Skylight gebeugt und den Seeleuten zugerufen: »Wer filmt mit mir?« So entsteht schon mal leicht Seemannsgarn.

Über Cuxhaven stachen wir in See. Auf der gesamten zweiwöchigen Reise war ich seekrank und musste mich übergeben, bis die Galle kam, dabei musste ich noch kochen und an Deck Fische schlachten. Wache brauchte ich nicht zu gehen, so brauchte ich noch nicht alle zwei Stunden in der Nacht aufzustehen; der Kapitän schonte mich.

Auch die zweite Reise brachte keine Besserung.

Nach dem Auslaufen zur dritten Reise ging ich zusammen mit dem Kapitän Wache und steuerte das Schiff. Der Kapitän sagte: »So, jetzt wirst du nicht mehr seekrank.« Und so war es.

Von nun kam ich, ohne geweckt zu werden, freiwillig an Deck, weil ich beim nächtlichen Anlaufen der Netzwinden wach wurde, und half beim Einholen des Netzes und beim Schlachten der Fische.

Taschenkrebse

Mit Entsetzen nahm ich wahr, dass den Taschenkrebsen als Beifang in lebendem Zustand die Scherenarme abgebrochen wurden. Ich wollte sie vor dem Verhungern bewahren und fragte den Kapitän, ob ich die Tiere nicht vorher töten könne, um ihnen dann erst die Greifer abzunehmen. Er sagte: »Wenn du deinen Schlaf dafür opfern möchtest, kannst du es so machen.«

Ich sammelte also die Krebse in einem Korb, tötete sie blitzschnell und nahm ihnen erst dann die begehrten Greifer ab.

Obwohl mein Gesicht von Meeresgischt übersprüht wurde, musste der Kapitän bemerkt haben, wie leid mir die urzeitlichen Tiere taten und dass ich schlucken musste. Mit ein paar Schritten stand er neben mir. Er sagte: »Meerwasser ist salzig, Tränen aber auch. Als Fischer darfst du nicht sensibel sein, das könnte einmal bei Gefahr oder deinem Fortkommen schlagartig dein Ende sein.«

Also übte ich täglich eifrig unsensibel zu sein, zumindest in Gedanken. Am Anfang wollte es noch nicht so recht funktionieren. Bald darauf konnte ich dem Kapitän jedoch beweisen, dass ich recht tapfer und sogar wehrhaft war.

Nach zwei weiteren Reisen hatte ich mir vom Kapitän das Netzmachen abgeguckt. Der Leichtmatrose und der Bestmann beherrschten diese Fertigkeit nicht. Der Kapitän schickte den neuen Bestmann, meinen unmittelbaren Vorgesetzten, und den Leichtmatrosen in die Kojen. Der Käpt’n und ich flickten allein die zerrissenen Netze. – Das machte mich stolz.

In Abständen musste ich zu den Kochtöpfen hinuntergehen. Da ich noch so klein war, konnte ich nicht in die großen vererbten Kochtöpfe der Reichsmarine hineinsehen und musste mich hierzu auf eine Fischkiste stellen. Der neue 27-jährige Bestmann war wohl eifersüchtig auf mich und schlug, während ich in die Kochtöpfe sah, plötzlich hinterrücks und brüllend vor Wut mit dem Feuerhaken auf meinen Hinterkopf. Ich fiel mitsamt der Kiste auf den Kombüsenboden, wo er auch noch auf mich eintrat.

Der Käpt’n hatte am Deck wohl den Krach gehört, kam durch die Einstiegsluke heruntergestürzt, sah mich aus der Wunde am Hinterkopf bluten und sagte: »Du darfst dich gegen den da wehren.«

Durch einen Schulterwurf von mir flog der Bestmann in die schmale Sitzecke hinter den festgeschraubten Tisch der Kajüte. Damit sich so etwas Gemeines nicht wiederholte, sprang ich auf den Tisch und wollte ihn nach sportlichen Regeln kampfunfähig machen. Nun hatte er richtig Angst.

Kapitän Gensch sagte: »Lass ihn, der schlägt keine Kinder mehr!«

Auf einer Schlechtwetter-Reise von jeweils 14 Tagen verdiente ich mit drei Prozent vom Fang fünf Mark. Verpflegung war frei. So ein geringer Verdienst reichte nicht aus, um einen warmen Pullover für die Wintersaison zu kaufen. Dieser winkte erst, als wir einmal im Oktober in nur vier Tagen 180 Zentner Seezungen fingen und einen erstklassigen Marktertrag erhoffen durften. Da aber sehr viele Seezungen angelandet wurden, erzielten wir nur den Mindestpreis von sechs Pfennigen (ein Kilogramm Seezunge kostet heute mehr als 40 Euro). Unsere 180 Zentner fangfrische Seezungen wurden von der Gammel-Fabrik Pallasch in Hamburg-Eidelstedt aufgekauft und als Fischmehl zu Schweinefutter verarbeitet.

Mein Kapitän sagte nur: »Und dafür hast du dir nun deine kleinen Finger blutig geschlachtet. Das wird denen vom Fischereiministerium noch einmal leidtun. Die tun nichts, sie machen nur kluge Gesichter, stolzieren mit ihren Akten herum und kassieren Steuern.«

Zur Regulierung wurde nichts unternommen. Welch eine Fehlleistung. Erst im kalten Dezember konnte ich mir im Alter von 14 Jahren den ersten warmen Pullover kaufen.

Wie Recht Gensch doch hatte. Ich konnte die Bedeutung dieser schweren Anklage erst sehr viel später erfassen. Die Überfischung wurde nur zaghaft angeprangert, welch ein Unvermögen der damalig zuständigen Minister und Fischereiinstitute. In meiner späteren Tätigkeit in Saudi-Arabien als Ministerberater für Häfen, Transport und Vizepräsident für Planung der königlichen Kommission hätte man mich wegen fehlenden Weitblicks nach kürzester Zeit gefeuert.

Heute ist die Fangausbeute der Seezungen um das Hundertfache reduziert.

Der erste warme Pullover

Können

Als nach sieben Monaten unser Leichtmatrose abmusterte, wurde ich im Alter von 15 Jahren zum Leichtmatrosen befördert und bekam fünf Prozent vom Fang. Zum einen, weil ich Netzmachen konnte (an Land wäre Netzmacher ein dreijähriger Lehrberuf), zum anderen, weil ich das Fahrwasser der Elbe kannte und von den Fischgründen im Südatlantik aus das Feuerschiff Elbe 1 durch Loten der Wassertiefe finden konnte, so gut sogar, dass ich es einmal beinahe geschrammt hätte. Später, als Offizier und Kapitän, waren diese Erfahrungen für mich sehr von Nutzen.

Das Wichtigste für mich aber war zunächst, dass ich den Gefahren des Kochens nicht mehr ausgesetzt war. Dennoch hatte ich nach zehn Monaten Fahrtzeit einen Unfall durch einen defekten rostigen Draht. Die Blutvergiftung musste nach Ankunft in Hamburg im Hafenkrankenhaus unter Vollnarkose operiert werden.

Nach meiner Genesung musterte ich als Leichtmatrose mit einem Fanganteil von fünf Prozent auf dem Hochseekutter Eben Ezer an. Er war 19 Meter lang, hatte etwa 80 Bruttoregistertonnen, einen 85-PS-Bergedorfer-Hilfsmotor mit zwei Zylindern und eine gute Besegelung. Sein Kapitän Heiner war tüchtig und ein guter Mensch.

Einmal bekam ich die Gelegenheit zu sehen, was ein erfahrener Kapitän in der höchsten Kunst der Seemannschaft vollbringen kann. Als im Oktober eine Orkanwarnung von Norddeich Radio ausgegeben wurde, suchten wir Helgoland als Schutzhafen auf. Keine ungefährliche Angelegenheit, die Royal Air Force benutzte die entvölkerte Insel als Übungsziel. Erst als wir eine Leuchtkugel abschossen, drehte der Bomber ab.

Am Morgen erreichte der Sturm Orkanstärke 12. Am Horizont tauchte ein Fischkutter unter Segeln auf. Es war die Hedi Engels aus Büsum, ein kleiner Krabbenkutter, der wie die größeren Schiffe in der Hochsee fischte.

Mein Kapitän sagte: »Der kommt hier nicht rein, das ist der reinste Selbstmord, wenn er es dennoch versucht!«

Die Brecher zwischen der Helgoländer Hafenmole und der vorgelagerten Insel Düne erreichten eine Höhe von etwa zehn Metern und kamen von Norden quer ein. Vor meinen Augen spielte sich bildlich das Gedicht des Dichters Otto Ernst ab. Nach all den Erfahrungen mit den Meeresgewalten könnte ich den Kampf mit diesen entfesselten Naturgewalten nicht treffender beschreiben.

Das kleine Schiff kam näher und musste auf dem Kurs in die Hafeneinfahrt die See quer nehmen, hierbei kränkte das Schiff 80 Grad, ein Teil des vorderen Kiels war zu sehen, nur ein winziger Teil des Achterstevens mit der Schaum schlagenden Schiffsschraube berührte noch das Wasser. Schwarze Abgase verließen das Auspuffrohr und formten Ringe, die sofort vom Wind zerfetzt wurden. Dann setzte die Maschine aus.

Um nicht an den Molen zu zerschellen, war nun höchste Segelkunst des Kapitäns gefordert. Das Ruder war zu sehen, es lag hart Steuerbord, der Propeller drehte sich nicht mehr. Die Besatzung löste die Fock (das vordere Segel) und der Kapitän manövrierte die Hedi Engels nur mit Segelantrieb in die von Steuerbord einkommende See hinein. Sie richtete sich dann 30 Grad auf und das Großsegel drückte das Schiff aufrecht. Mit wieder einsetzender Maschine, nunmehr wieder mit voller Schraubenleistung passierte sie die Einfahrt. Noch ein kurzes Voll-zurück-Manöver, und das etwa 50 Tonnen schwere Schiff lag bei uns längsseits. Das war pures Können. So eine großartige seemännische Leistung habe ich nie mehr beobachten können. Das war prägend für mich.

An Bord waren Kapitän Engels und seine drei Söhne, 18, 16 und 14 Jahre alt. Verwegene Gestalten! Das Wummern des nur 90 PS starken dänischen Scania-Motors verstummte. So konnte ich die drei Jungs fragen: »Habt ihr keine Angst gehabt?« Sie antworteten: »Nein, doch nicht bei unserem Kapitän!« Immerhin hatten sie Schwimmwesten angelegt. Sie hatten ein unsagbares Vertrauen zu ihrem Vater und Kapitän.

Doch auch der Vater hatte Vertrauen zu seinen Jungs, denn im darauffolgenden Sommer machte er Urlaub und ließ seine Kinder eine komplette Fischreise allein machen. Der älteste Sohn hatte wegen seines jugendlichen Alters noch kein nautisches Patent, aber sie kamen mit einem vollen Fischraum zurück. Es hieß, sie hätten siebzig Thunfische von je 150–200 Kilogramm gefangen. Normalerweise fing man in der gleichen Zeit höchstens 20 Thunfische und verdiente dabei schon gut. Wie stolz musste ihr Vater wohl gewesen sein? Wäre ein Unglück passiert, hätte die Versicherung nicht gezahlt, ein ganzes Lebenswerk des Vaters und Großvaters wäre dahin gewesen. – Wie sicher muss sich der Vater seiner Söhne gewesen sein, ihnen in deren jugendlichem Alter sein ganzes Kapital anzuvertrauen!

Auch der Bruder meines Kapitäns war Eigner eines Hochseekutters und der zweitbeste Verdiener in Finkenwerder. Als die Brüder acht Jahre alt waren, wurde der Vater mitsamt seiner ganzen Besatzung von einer gewaltigen See über Bord gerissen und die Mutter verstarb aus Gram im gleichen Jahr. Die Brüder mussten ihren Lebensunterhalt durch Netze knüpfen verdienen.

Mein Kapitän blieb moderat, aber seinen Bruder machte dieses Los unglaublich hart. Er verprügelte regelmäßig seine Mannschaft, wenn sie auf ihrer Wache zu wenig fingen, das Netz über Stag segelten oder die Suppe versalzten. Die Fangerlöse waren sehr gut, dennoch hielt es selten jemand länger als zwei Reisen (einen Monat) bei ihm aus. Doch zu mir sagte mein Kapitän: »Wenn du meinem Bruder sagen würdest, du wehrst dich, würde er dich nicht schlagen.«

Im hohen Norden

Die Besegelung war gut, so konnten wir mit der Eben Ezer bis hinauf zum Skagerrak segeln; dort befanden sich üppigere Fischgründe. In der Jammerbucht, der Name sagt es schon, jammerte und heulte der Wind bedrohlich in den Segeln und Wanten der Eben Ezer. Ich fand, sie machte mit ihren 19 Metern Länge die allerschönsten Bocksprünge.