Seelenkinderzimmer - Daniela Elijan - E-Book

Seelenkinderzimmer E-Book

Daniela Elijan

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Beschreibung

Laurie und Adam wünschen sich nichts sehnlicher, als ein eigenes Kind. Als Laurie eine Fehlgeburt erleidet, bricht eine Welt für sie zusammen. Sie findet sich wieder in einem Leben voller Schmerz, Frustration, Angst und quälenden Fragen, die nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Ehe belasten. Während die junge Frau versucht den Verlust ihre kleinen "Krümels" zu verarbeiten, ahnt sie nicht, dass Krümelchen zur selben Zeit einen harten und mutigen Weg auf sich genommen hat, um sich als Seelenengelchen zu "seiner Mama" zurück zu kämpfen... Der kleine Krümel reist mit seinem Freund Fips durch die verschiedene Ebenen des Himmels um zu erfahren, wie es dazu kommen konnte, dass er wieder im "Seelenkinderzimmer" gelandet ist und selbstverständlich um diesen Fehler schnellstmöglich rückgängig zu machen, um endlich wieder bei seiner Mama zu sein. Natürlich begegnen die beiden Freunde dabei der ein oder anderen Hürde und müssen letztendlich erkennen, dass wahre Freundschaft und Liebe die Schlüssel zum Erfolg sind. Eine Geschichte für alle Eltern kleiner Sternenkinder um ihnen ein wenig Mut und Hoffnung - sowie Vertrauen in die Liebe und das Leben zurück zu geben. Vielleicht sogar ein kleines Lächeln...

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Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Daniela Elijan

Seelenkinderzimmer

Als der liebe Gott vergaß den Schalter umzulegen

© 2021 Daniela Elijan

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-35023-6

Hardcover:

978-3-347-35024-3

e-Book:

978-3-347-35025-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für meine beiden Kinder – ihr seid mein Herz

„Negativ“. Laurie starrte auf den Schwangerschaftstest in ihren Händen und Tränen schossen ihr in die Augen. Schon wieder, dachte sie bei sich. Sie rutschte an der blau gefliesten Wand des Badezimmers entlang auf den Boden und konnte den Blick nicht von dem kleinen weißen Fenster nehmen, dass auch nach fünfminütigem Warten keine zweite rosa Linie hervorbringen wollte. Mist. Immer wieder derselbe verdammte Mist. Jeden Monat dieses unerträgliche Warten auf das Ausbleiben ihrer Regel und schließlich wieder ein negatives Ergebnis. Sie betrachtete noch einmal den Test in ihren Händen. Ein simpler kleiner Plastikstab, nichts Besonderes und doch hatte dieses Ding die Macht alle Hoffnungen in ihr mit einem Mal im Keim zu ersticken. Ja, ersticken war das richtige Wort, Ihr Hals war wie zugeschnürt und die heißen Tränen bahnten sich ihren Weg über Lauries Wangen. Zehn Monate waren seit der Fehlgeburt und der damit verbundenen Abrasio nun vergangen. Fehlgeburt. Laurie hasste dieses Wort und sie wunderte sich mit welcher Selbstverständlichkeit ihr es mittlerweile über die Lippen kam und in ihren Gedanken herum spukte. Sie hatte das alles nicht als Fehlgeburt empfunden. Vielmehr als Raub, als Überfall auf ihren Körper und ihre Seele. Es war nicht so, dass ihr „Krümel“ von heute auf morgen einfach verschwunden wäre, als hätte es ihn nie gegeben. Ihr ganzer Körper, ihr Leid bewiesen das Gegenteil. Man hatte ihn ihr weggenommen. Natürlich wusste Laurie, dass dies Unsinn war und sie ohne den Eingriff womöglich hätte sterben können. Doch in ihrer Gefühlswelt saß die Trauer. Die klaffende Wunde, die dieses Erlebnis in sie gerissen hatte. Das von ihr bereits so heißgeliebte Kind wurde einfach „entfernt“. Als wäre es nie da gewesen. Und die Lücke die es hinterlassen hatte, hatte sich mit Schmerz gefüllt. So als hätte man ein Stück ihres Herzens weggenommen. Und dieser Schmerz war bei ihr. Er war zu ihrem treuen Begleiter geworden, den sie in Momenten wie diesem unerträglich fand. Nicht, dass sie nicht ausgiebig getrauert hätte. Das hatte sie wirklich. Sie hatte Abschied genommen. Am Grab, mit ihrer Erinnerungskiste, die sie angefertigt hatte, in Gesprächen mit ihren Eltern und natürlich mit Adam. Ja, Adam war wundervoll gewesen. Oft fragte sie sich, ob sie ohne ihn das Alles hätte durchstehen können und sie war dankbar, dass ihr diese Frage unbeantwortet blieb. Doch trotz all der Bemühungen, gab es immer wieder Situationen und Tage, die alle Kraft von ihr verlangten nicht zu weinen. Heute war so ein Tag. Alle Stärke reichte nicht aus und sie ließ ihren Tränen freien Lauf.

„Laurie! Alles in Ordnung da drin?“ Adam klopfte sanft gegen die Türe. „Ich weiß nicht“ Mehr brachte sie nicht hervor, weil die Tränen in ihrem Hals brannten und ihr die Stimme nahmen. Langsam öffnete sich die Türe. „Laurie, Schatz. Was hast du denn?“ Sie sah in seine Augen und er verstand. Adam nahm ihr den Test vorsichtig aus der Hand, warf ihn in den Mülleimer und kniete sich neben sie. „Komm her, Liebling.“ Laurie warf sich in seine Arme und schluchzte. Der Schmerz schüttelte sie und sie fühlte sich wieder wie ein kleines verletzliches Kind. Adam war warm und sein Griff stark und ruhig. Seine Hand streichelte zärtlich ihren Hinterkopf und Laurie wurde wieder einmal zutiefst bewusst wie sehr sie ihren Mann liebte. Sie wusste, dass sie ein starker Mensch war, doch wenn sie ihre Kräfte verließen, war Adam wie eine Quelle der Energie. Er war ihr Ruhepol und sie hoffte inständig, dass er das wusste. „Laurie, Liebes. Beruhige dich doch. Sei nicht traurig. Beim nächsten Mal klappt es bestimmt.“ „Das wird es nicht. Es wird gar nicht mehr klappen!“ „So ein Unsinn! Du bist zu ungeduldig. Und trotzig bist du auch.“ „Das bin ich nicht!“ Sie wusste, dass er Recht hatte, doch so sehr sie ihn auch liebte, mochte sie es nicht, wenn er richtig lag. Adam dachte immer nur positiv und sie fragte sich oft, ob er wirklich daran glaubte, dass sie irgendwann ihr Wunschkind haben würden, oder ob er das alles nur ihr zuliebe und aus purer Rücksicht heraus sagte. Natürlich schien ihr in der momentanen Situation die zweite Version sehr viel wahrscheinlicher und doch beruhigte sie die Erste ungemein. Dann wünschte sie sich sogar von ganzem Herzen, dass er Recht behalten würde. „Na komm schon. Steh jetzt auf. Der Boden ist kalt und du zitterst. Ich mache uns beiden jetzt zwei Tassen heißen Glühwein und dann sehen wir uns einen Film an. Und du suchst ihn aus. Einverstanden?“ „Einverstanden“, murmelte Laurie. „Und jetzt lächle wieder für mich.“ Sie rang sich ein gequältes Lächeln ab, sah Adam nach wie er im Gang verschwand und stand auf. Als sie sich vor den Spiegel stellte um ihr Gesicht zu waschen, fiel ihr Blick auf ein graues Haar in ihrem Pony. Sie zupfte daran bis sie es in ihren Händen hielt. Sie war vor nicht einmal zwei Monaten 28 Jahre alt geworden und doch zog sich bereits immer mehr grau durch ihr sonst naturschwarzes Haar. „Na Bravo Laurie!“ Stöhnte sie ihr Spiegelbild an. „Falls du doch irgendwann ein Kind haben wirst –wird es dich, statt Mama, Oma nennen.“

KrümelchenFebruar 2011

„Hey, hey!!! Was ist denn jetzt los?“ Er sah sich um. Rund herum war es weiß und über allem lag silberner und goldener Glitzer. Die Wolkenschleier an den Füßchen kitzelten beim Vorbeihuschen und das Firmament hoch über den Köpfchen funkelte in allen erdenklichen Farben. Kein Zweifel dachte Krümelchen. Er war wieder im Seelen-Kinderzimmer angekommen. So nannte man hier im Himmel die große Ebene der Babyseelen. Alle Seelen die irgendwann auf Erden kommen würden, hatten hier ihre Heimat. Sie hießen Seelenengelchen. Sie lernten hier alles, was sie für die Geburt und ihre Zeit davor auf Erden brauchen würden. Alles was es nach der Geburt zu Lernen gab, lernten einem Seelenengelchen schließlich die, die schon länger auf Erden verweilten. Eine Seele, die bereits geboren worden war, nannte sich Mensch oder Tier oder Pflanze. Nun ja. Die Ebene der Babyseelen war groß. Krümelchen meinte sogar riesig. Und eingeteilt in drei verschiedene Zimmer. Die Ankunftsstation, die Vorbereitungsstation und die Reisestation. In der Ankunftsstation, die hier jeder nur kurz A.S. nannte, wohnten alle Babyseelen, die für ein Leben auf der Erde vorgesehen waren zuerst. Hier war es schön. Man spielte den ganzen Tag, aß Himmelsglorinchen – das waren leckere runde Kekse mit süßer Füllung, schlummerte im Wolkenkuschelbettchen und wurde von den Ammenengeln gehätschelt und getätschelt. Krümelchen konnte sich noch genau an seinen Lieblingsammenengel erinnern - Hosannia. Er durfte immer kuscheln mit Hosannia und bekam, wann immer er wollte, Geschichten erzählt. Jedes Seelenengelchen blieb hier solange, bis der liebe Gott wusste, ob man nun ein Mensch, ein Tier oder eine Pflanze werden durfte. Diese Auswahl war immer sehr spannend für alle gewesen - hatte doch jeder Angst das zu werden, was man nicht unbedingt werden wollte. Doch Hosannia hatte ihm und den anderen einmal erzählt, dass der liebe Gott genau wüsste, was und wer sie einmal sein wollten. Und sie hatte damit Recht behalten. Jede eingeteilte Seele erhielt einen Schein. Das bedeutete, dass man reif war für die V.S. – die Vorbereitungsstation. Der Schein war ein helles Licht, das hinter und über jedem einzelnen Köpfchen der Seelenengelchen schimmerte. Alle Pflanzenengelchen leuchteten grün, alle Tierengelchen blau und alle Menschenengelchen gelb. Das war wichtig, denn in der V.S. begann das große Lernen und so konnten alle schnell in die richtigen Klassen eingeteilt werden. Hosannia war auch eine der Lehrengel und übernahm meistens die Einteilung der Seelenengelchen in ihre Klassen. Krümelchen war einmal neugierig gewesen und hatte sich in die Tierengelchen – Klasse geschlichen. Sein Freund das Tierengelchen Fips hatte so spannende Geschichten erzählt, dass er neugierig geworden war. Krümelchen hatte sich Wolkenfarbe aus der A.S. gemopst, als er Hosannia besucht hatte und sich damit seinen Schein einfärben wollen, doch das war gründlich schief gegangen. Der Lehrengel Clemensius hatte es natürlich sofort bemerkt und ihn in seine Klasse zurückgeschickt. Krümelchen fand das sehr ärgerlich – hatte er doch vorher noch nie etwas über Eier mit Kalkschalen, oder Geburten im Meer gehört. Doch letztendlich war er froh gewesen, dass Clemensius so ein sanfter und ruhiger Lehrengel war und ihn nicht ausgeschimpft hat. „Das wird dich nur verwirren,“ hatte er gesagt. Das dachte Krümelchen nicht. Aber das hatte er natürlich für sich behalten. Auch die V. S. war ein schöner Ort, doch für Spielen war hier lange nicht mehr so viel Zeit wie in der A.S. Schließlich wurde hier all das gelernt, was man für die Reise zur Erde brauchte. Wie lange man in der A.S. oder in der V.S. verweilte, war von Seelenengelchen zu Seelenengelchen verschieden. Die Ammenengel und die Lehrengel sagten immer: „Der liebe Gott gibt jedem die Zeit, die er benötigt.“ Ja, und so kam es schon des Öfteren vor, dass einige Seelenengelchen noch in der A.S. waren, während gleichzeitige Ankömmlinge schon auf der Erde verweilten. Die R. S. war das Ziel aller Seelenengelchen. Von hier aus wurden sie auf die Reise geschickt! Sie wussten dann bereits, was auf sie zukommen würde und konnten es kaum erwarten. Doch in der der R.S. anzukommen, bedeutete nicht gleichzeitig, dass man sofort losgeschickt wurde. Hier wurden die letzten Lehren verkündet. Erst wenn der Schein eines Seelenengelchens rot zu leuchten begann, hieß das für die Wächterengel, dass es an der Zeit war, es zur Erde zu schicken. Und genau hier lag Krümelchens größtes Problem. Krümelchen hatte bereits alles gelernt. Er wusste, wie die Seelenreise funktionierte, wie man sich in der Phase, die auf Erden Empfängnis und Schwangerschaft hieß, zu verhalten und zu entwickeln hatte. Er wusste, dass es immer zu Schwierigkeiten und Komplikationen kommen konnte, und dass jeder Leichtsinnsfehler seinerseits Folgen haben konnte. Es war ihm bewusst, dass die Seelen, die bereits auf Erden waren, und bei denen er ankommen würde, Menschen waren, die Eltern hießen und dass er, Krümelchen, mit dem Moment seiner Geburt alle Erinnerungen an das, was er im Himmel, im Seelenkinderzimmer, erlebt, gelernt, oder getan hatte, würde vergessen haben. Krümelchen hatte das nicht schlimm gefunden. Wusste er doch, dass alle Seelen, die auf Erden verweilten, wieder im Himmel ankommen würden. Wenn auch nicht im Seelenkinderzimmer, sondern in einem der vielen anderen Ebenen. Er war doch selbst schon an manchen Orten gewesen, an den lernfreien Tagen, als er mit Fips im Himmel herumspaziert war. Also würde er doch Hosannia und alle anderen wieder sehen. Nur bei Fips half das nicht. Krümelchen würde Fips vermissen. Sehr sogar. Doch das nützte alles nichts. Die Freude auf die Eltern war viel zu groß. Und Krümelchen war ja auch schon losgeschickt worden. Er erinnerte sich genau! Sein Licht hatte rot zu leuchten begonnen und der Wächterengel Praezisikus hatte gesagt es ginge jetzt los. Krümelchen hatte, wie alle Seelenengelchen vor ihrer Reise, durch das große Himmelsrohr in der R.S. schauen und einen Blick auf seine Eltern werfen dürfen. Krümelchen war entzückt gewesen. Dann hatte Praezisikus ihn durch das große Tor gehen lassen und ihm war furchtbar schwindelig geworden. Alles hatte sich gedreht und in Krümelchen hatte sich ein Gefühl breit gemacht, das ihm bisher völlig fremd gewesen war. In der Engelschule hatten sie gelernt, dass man dieses flaue Gefühl „Übelkeit“ nennt und es häufig Erbrechen zur Folge hätte. Fips hatte einmal erzählt, dass er nach 100 Himmelglorinchen einmal etwas Übelkeit gespürt hätte. Da sei Fips sich sicher gewesen. Und ein Mitschüler aus Krümelchens Klasse, hatte ihm erzählt, dass man zum Erbrechen „KOTZEN“ sagt, dass das die Lehrengel aber nicht hören dürften. Sie hatten alle laut gekichert. Krümelchen hatte das damals sehr lustig gefunden. Bei dieser Dreherei allerdings war ihm nicht mehr zum Lachen zumute gewesen. Und prompt geschah, was geschehen musste. Kaum angekommen – mit einem harten Aufschlag in dem, was man jetzt noch Ei nannte und was in der nächsten Zeit sein Körper werden würde, hatte er sich übergeben müssen. Igitt! Das war wirklich nicht lustig gewesen und Krümelchen hatte an Fips und seine anderen Mitschüler denken müssen, die das damals so lustig gefunden hatten und bald eines Besseren belehrt werden würden. Diese Vorstellung allerdings hatte Krümelchen wieder ein wenig amüsiert. Und so hatte Krümelchen begonnen sich einzurichten. Die erste Zeit hatte er viel geschlafen. Hier in seinem Haus, das sich, soweit er sich erinnern konnte, Fruchthöhle nannte. Hin und wieder war er geweckt worden, weil Mama – Krümelchen hatte gelernt, das seine Mutter - die man auch Mama oder Mami nannte - ihn beherbergte, oftmals in schnellem Tempo irgendwo hinrannte und Übelkeit spürte. Mit Kotzen! Krümelchen hatte das Wort Mama viel schöner gefunden, als Mutter. Und Krümelchen hatte Mama liebgehabt. Von Anfang an. Mama hatte eine schöne Stimme gehabt. Und das Haus in Mama war warm und weich gewesen und hatte viel Platz zum Wachsen geboten. Auch wenn Krümelchens Körper nur langsam gewachsen war und seine Sinne und Fähigkeiten, die er mit der Zeit bekommen würde noch nicht so ausgeprägt gewesen waren, so waren seine seelischen Aufnahmefähigkeiten noch umso filigraner gewesen. Deshalb hatte er von Beginn an die Stimmen seiner Eltern hören können – sie genießen können – sie lieben gelernt. Er hatte sich wohlgefühlt. Und genau deshalb, war er sicher gewesen keine Fehler gemacht zu haben. Er hatte sich auch nicht zurückgewünscht oder fremd gefühlt. Im Gegenteil. Krümelchen wollte einfach nur sein, wo er war. Hier bei den Eltern.

WARUM ALSO WAR ER WIEDER HIER?

Warum saß er wieder hier im Seelenkinderzimmer? Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Warum war es nicht so gekommen, wie Krümelchen es gelernt hatte?

Der Glühwein hatte ihr nicht gutgetan. Sie fühlte sich flau und ihr Magen schmerzte. Ihr Terminplan für den kommenden Tag, war vollgefüllt. Doch an Schlaf würde sie heute nicht einmal denken können. Vorsichtig wand sie sich aus dem Bett. Adam schlief bereits tief und fest und Laurie warf einen Blick auf sein goldblondes Haar, das im lauen Licht ihres Nachtischlämpchens glänzte und welches sie so sehr liebte. Wie oft hatte sie sich in den letzten Monaten gefragt, ob ihr kleiner Liebling wohl Adams Haare geerbt hätte. Sie hatten sich dieses kleine Wesen mehr gewünscht, als alles andere. Hätte sie verhindern können, was geschehen war? Die Ärzte meinten Nein. Aber was hätte es auch gebracht ihr etwas vorzuwerfen. Die kleine grüne Kiste unter ihrem Bett, ließ sich beinahe lautlos hervorziehen und Laurie presste sie fest an sich und schloss die Türe hinter sich. Sie wusste, dass ihr Mann es nicht gerne sah, wenn sie sich mit den schmerzhaften Erinnerungen zurückzog und stundenlang weinend auf das bereits trübe gewordene Ultraschallbild starrte. Doch manchmal sehnte sich ihr Herz genau nach diesen verzweifelten Stunden. Alles war so schnell gegangen, dass sie außer dem unsagbaren Verlustschmerz das Gefühl hatte, gar nicht recht realisiert zu haben, was passiert war. Sie brauchte die Tränen und das Leid um ihren Kummer wahrzunehmen. Sanft strich sie über das dünne Stück Papier und schluchzte, bis sie erschöpft auf dem Sofa einschlief.

Eine dicke Schicht Make-up tat ihre Dienste und verdeckte die Augenringe, die das Ergebnis der letzten Nacht waren. Adam hatte die Wohnung bereits verlassen und Laurie stand vor dem großen Spiegel im Badezimmer. Sanft strich sie über ihren Bauch Sosehr hatte sie sich gewünscht Mutter zu werden. Heute allerdings war sie aufgewacht und ein seltsames Gefühl war über sie gekommen. Was wenn sie nicht dafür geschaffen war eine Mutter zu sein? Vielleicht versuchte sie ja etwas aus sich zu machen, was sie einfach überhaupt nicht war. Konnte das denn sein? Konnte gerade sie, die schon seit ihrer Kindheit babysittete, nicht dafür geschaffen sein ein Kind zu bekommen? Oder war sie einfach nur zu zermürbt von allem was geschehen war? Die Zeit der Fehlgeburt – sie würde sich nie an dieses Wort gewöhnen können – hatte ihr sehr zu schaffen gemacht. Sie hatten schließlich viele Monate versucht schwanger zu werden, und als sie dann mit einem Mal den positiven Schwangerschaftstest in den Händen gehalten hatte, war es, als wäre ein Traum so plötzlich in Erfüllung gegangen, dass sie es kaum hatte realisieren können. So lange hatte das Bangen unfruchtbar zu sein schon an ihr genagt und innerhalb weniger Sekunden hatte sich alles geändert. Sie konnte sich noch gut an die unsagbare und nicht in Worte zufassende Freude erinnern, die sie wahrgenommen hatte. An den Glanz in Adams Augen, als er davon erfahren hatte. Laurie schlüpfte in ihren dicken Rollkragenpullover und atmete tief durch. Denn sie wusste, dass sie diese Gedanken und Erinnerungen in letzter Zeit schon so oft hervorgekramt hatte. Und deshalb wusste sie auch wohn sie führten. Von dem einzigartigen Moment des Glücks hinüber zu dem allesüberschattenden und vernichtenden Nichts in das man fällt.

„Es tut mir leid, aber ich kann keinen Herzschlag wahrnehmen.“ Sie würde diesen Satz nie vergessen. Nicht den Blick ihres Arztes, nicht den Geruch des Raumes und nicht das Frösteln ihres Körpers. In ihr hatte sich alles gedreht. Das Blut war in ihren Kopf gestiegen und hatte einen Schleier über ihre Augen gelegt, die unaufhörlich Tränen produzierten. Alle Worte waren nur noch gedämpft an ihr Ohr gedrungen und sie war das Gefühl nicht losgeworden Ohrstöpsel zu tragen. Alles Gesprochene hallte in ihr nach. „Sie müssen sofort operiert werden.“ Moment! Hatte sie nur gedacht. Stopp! Das geht mir alles zu schnell. Was passiert hier? Danach war tatsächlich alles sehr schnell gegangen. Sie hatte Adam aus dem Wartezimmer geholt. Er und ihr Gynäkologe hatten sich unterhalten. Viele Worte…alles hatte sich in ihrem Kopf gedreht. „Sie bekommen eine Vollnarkose und dann…“ Ich will keine Narkose hatte sie schreien wollen. Ich will das Alles nicht. Ich will nicht hier sein und ich will Nichts hören…ich kann das nicht fassen…das kann nicht wahr sein….ich will alleine sein….ich will in kein Krankenhaus.…All das hatte sie schreien wollen. Das Gefühl loswerden, dass jeder über sie und ihren Körper bestimmte. Dass ihr die Dinge aus den Händen glitten, dass sie hilflos war. Doch aus ihr war kein Laut gekommen. Nicht einmal ein Räuspern. Sie war erstarrt gewesen und ihr Kopf hatte immer nur unaufhörlich genickt. Sie hatte sich förmlich dabei zusehen können. Ihr Außen hatte reagiert. Auf eine skurrile Art und Weise funktioniert. Doch ihr Inneres war erschüttert. Durcheinander und verzweifelt. Sie hatte Angst. Furchtbare Angst. Doch was am Allerschlimmsten gewesen war, war, dass sie keine Zeit hatte. Keine Möglichkeit sich auch nur im Geringsten mit ihrer Situation und der Traurigkeit, die sich in ihr ausgebreitet hatte, auseinander zu setzen. Die Welt drehte sich weiter – schneller als je zuvor – und sie selbst war stehen geblieben.