Sehnsucht Israel - Tom Franz - E-Book
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Sehnsucht Israel E-Book

Tom Franz

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Beschreibung

»Ich lebe heute so, dass ich morgen nichts bereue.« (Tom Franz)

Man nehme eine sympathische Persönlichkeit, eine spannende, länderübergreifende Lebensgeschichte und würze mit dem Trendthema Kochen – fertig ist ein wunderbares Buch für viele Geschmäcker.
Als Tom Franz 2013 Sieger der israelischen Ausgabe des Fernseh-Kochwettbewerbs »MasterChef« wurde, lebte er schon neun Jahre als konvertierter Jude in Israel. Popularität und Beliebtheit des »kulinarischen Botschafters« und »Brückenbauers« zwischen Israel und Deutschland sind eng verknüpft mit seiner besonderen Vita. In diesem Buch erzählt Tom Franz, wie aus einem Anwalt ohne Leidenschaft ein leidenschaftlicher Koch und Jude wurde.

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Seitenzahl: 346

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Tom Franz

Mit Regina Carstensen

Sehnsucht Israel

Mein Leben zwischen

Kippa, Küche und Koriander

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2018 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81 673 München

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Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Umschlaggestaltung: Gute Botschafter GmbH, Haltern am See

Umschlagmotiv: © Daniel Laylah

ISBN 978-3-641-21655-9V002

www.gtvh.de

Ich widme dieses Buch meinem Vater Manfred, der meinen Weg nicht nur mit Interesse verfolgt hat, sondern mich immer unterstützt hat, auch wenn es phasenweise ja so gar nicht nach seinen Vorstellungen lief. Mehr kann man sich von seinem Vater nicht wünschen, wenn man seinen eigenen Weg geht. Danke, Papa.

INHALT

PROLOG

1. LIEBESWÜNSCHE AN DER KLAGEMAUER

2. GRÄFINNEN VON UND ZU MIT EINER MILLION AUFWÄRTS UND AKTION SÜHNEZEICHEN FRIEDENSDIENSTE

3. WISSEN DIE, DASS ICH DEUTSCHER BIN?

4. FRIEDEN ALS TRUGGEBILDE – DAS ATTENTAT AUF RABIN

5. DER FENSTERSTURZ – DURCH EIN WUNDER ÜBERLEBT?

6. EINE FRAU OHNE TÖPFE UND PFANNEN

7. BESCHNEIDUNG AUF RUSSISCH MIT ÜBER DREISSIG

8. KONVERTIEREN – EINE EXISTENZIELLE HERAUSFORDERUNG

9. REALITÄTSSCHOCK AUF ALLEN EBENEN

10. SCHABBAT – ALLEIN AUF DEM BAHNGLEIS

11. IN DER SYNAGOGE BRENNT DER SICHERUNGSKASTEN DURCH – UND NICHT NUR DORT

12. MRS RIGHT – GEFUNDEN AUF EINER PARKBANK

13. TRÄNEN NACH DEM ERSTEN BISSEN

14. TAGE UND NÄCHTE IN JERUSALEM

15. TERROR VOR DEM HOCHZEITSTAG

16. EIN UNTERNEHMEN UND EINE FAMILIE GRÜNDEN

17. KOSCHER KOCHEN AUF GOURMETNIVEAU

18. ISRAELS MENSCHEN UMARMEN EINEN DEUTSCHEN

19. WUSSTE ICH DOCH – GOTT KANN MICH ERNÄHREN

EPILOG

BILDDTEIL

PROLOG

»Hey Tom, kannst du nicht unter deinem Shirt ein Unterhemd tragen? Es klebt vor Nässe an deinem Körper, das kommt nicht gut bei den Aufnahmen.«

Ich schwitze während des Kochens mächtig, denn die Scheinwerfer und die vielen Kochstationen erhitzen die Halle gewaltig. Aber es ist noch Sommer, wir haben draußen gut 30 Grad, und hier drin laufen vierzehn Backöfen konstant bei 180 Grad. Hinzu kommt, dass meine Kochstation in der riesigen Halle ganz hinten liegt und ich immer einiges abzulaufen habe, mindestens fünfzig Meter, bis ich in dem Bereich angelangt bin, in dem sich die Vorräte befinden, ein Raum, so groß wie ein Delikatessenladen, in dem nichts fehlt. Und wenn doch etwas fehlt, muss man es nur sagen, und es wird umgehend besorgt – außer man will so etwas wie frische Trüffel. Die Meter summieren sich, wenn man dieses oder jenes im kleinen Supermarkt vergessen hat und deshalb hin- und herrennt. Mich hat man extra in die letzte Reihe platziert, weil alle Kandidaten kleiner sind als ich und ich niemandem die Sicht wegnehmen soll.

Ich wechsele mein Shirt, ein Unterhemd habe ich nicht dabei, aber die Requisite hat noch weitere Oberteile, die fast gleich aussehen, in Reserve, es würde nicht auffallen, wenn ich sie austausche. In den letzten vier Monaten habe ich gut dreißig Gerichte gekocht, mal bessere, mal schlechtere. Ich habe den Juroren Reibekuchen nach dem Rezept meiner Mutter vorgesetzt, und einer von ihnen, Yonatan Roshfeld, meinte: »Das ist schon krank, wie gut das schmeckt.« Man hatte mir körbeweise Zitronen hingestellt und gesagt: »Mach was daraus!«, dabei habe ich für Zitronen so gut wie gar nichts übrig. Die gehören in einen frischen israelischen Salat, aber auf Fisch sind mir schon ein paar Tropfen zu viel. Das war meine Kochmission, bei der ich am meisten ins Schleudern geriet, zum Glück waren zwei Kandidaten noch schlechter als ich bei der Zitronenherausforderung. Ich war noch einmal drum herumgekommen, rausgeworfen zu werden.

An einem Tag mussten wir etwas mit Ptitim zaubern, kleinen gerösteten Nudeln, die fast wie Reis aussehen und auch als Ersatz für diesen erfunden wurden, in den Fünfzigerjahren auf Geheiß von David Ben-Gurion, als Reis wie andere Nahrungsmittel gerade knapp war. Bislang hatte ich sie nur zweimal probiert, jeweils mit einer dünnen Tomatensauce, aufregend hatte das gerade nicht geschmeckt, ich wusste nicht einmal, wie man sie kochte. Zwanzig Minuten nachdem unsere Uhr lief, hatte Haim Cohen, der Oberjuror, der Alfons Schuhbeck der israelischen Küche, verkündet: »Das beste Gericht des Tages wird bei mir im Restaurant eine Woche lang auf der Speisekarte stehen.« Das war eine Ansage, und ich legte mich ins Zeug. Und gewann. Mit einem Mal war das Studio, in der die Kochshow produziert wurde, nicht mehr so surreal, das, was ich hier tat, hatte auch etwas mit der Realität zu tun.

Ein anderes Mal mussten wir uns Gerichte, die andere Kandidaten zubereitet hatten, nach Fotos aussuchen. Rosh­feld gab mir lakonisch zu verstehen: »Mach doch mal was Marokkanisches!« Er wollte mich provozieren, frei nach dem Motto: »Das kannst du sowieso nicht.« Ich sah ein Bild, das er wohl bei seiner Bemerkung im Sinn gehabt hatte. »Meinst du das hier?«, fragte ich und wies mit dem Finger auf etwas Undefinierbares. Er nickte. Es war bei genauerer Betrachtung Kalbshirn in einer pikanten Paprikasauce. Ich dachte: Bist du eigentlich bescheuert, warum willst du gerade dieses Gericht nachkochen? Hirn ist so schwierig. Und das Rezept, das Jackie, meine orthodoxe marokkanische Kollegin, aufgeschrieben hatte, konnte nicht gerade unter Kochbuchniveau verbucht werden. Vier Zeilen, das war’s dann. Keine Mengen- und keine Zeitangaben. Zum Nachkochen sehr geeignet. Ich musste quasi bei null anfangen. Ich sah mir das Foto ein paar Minuten an, ließ mich auf das ein, was ich da erblickte. Folgte meiner Intuition. Die Juroren fanden meine Umsetzung perfekt, fantastisch, so was von lecker. Das Hirn hatte tatsächlich die richtige Konsistenz, fast ein Wunder, denn ein solches kann man ja nicht einmal probieren, weil es ganz ist. Das Kalbshirn in der Paprikasauce war mein wichtigstes Gericht, es hatte mir bislang am meisten bedeutet. Roshfeld sagte bei der Bewertung: »Mit diesem Hirn hast du dich als sicheren Kandidaten fürs Finale aufgestellt, wenn nicht gar als den, der das Konfetti auf den Kopf bekommt.« Das war eine Ansage gewesen.

Und jetzt stehe ich im Finale vom MasterChef. Meine Konkurrentin ist Salma Fajumi, Palästinenserin und eine gläubige Muslimin, die auch beim Kochen ihr geschlossenes Kopftuch nicht ablegt. Sie will als ersten Hauptgang das traditionelle arabische Reisgericht Maklube machen. Ich improvisiere und rolle kleine Rouladen zusammen, eine Reminiszenz an meine alte Heimat Deutschland. Danach soll ein Steak mit Auberginencreme und Paprikapüree folgen, zum Abschluss Quarkbällchen.

Ich sehe zu Salma hinüber, konzentriert arbeitet sie an ihrer Station. Sie bemerkt meinen Blick, lächelt mir zu. Wir sind Gegner, aber während der vergangenen Monate haben wir uns auch gegenseitig geholfen und schätzen gelernt. Wenn sie, viel kleiner als ich, ein gewünschtes Lebensmittel nicht aus einem hohen Regal unseres »Supermarkts« herunterholen oder den Deckel eine Glases nicht öffnen konnte. Wir beide sind uns einig, dass niemand verlieren sollte, jedenfalls nicht aus Gründen, die nichts mit dem Kochen selbst zu tun haben.

Jackie war in der letzten Runde ausgeschieden, auch sie war religiös gewesen und trug eine Perücke, wie es in manchen orthodoxen und ultraorthodoxen Strömungen üblich ist. So hatten wir uns am Ende eines langen Tags nie umarmt oder sonst wie berührt, immer hatten wir körperlich eine respektvolle Distanz gehalten. Mit Jungs wäre das anders gewesen. Da hätten wir uns zwischendurch sicher mal auf die Schulter geklopft.

Und nun geht das Kochen seinem Ende zu. Ich müsste eigentlich aufgeregt sein, ich war es bisher auch, hatte mich sogar bis gestern darauf eingestellt, dass ich nicht siegen würde. Ich hatte immer gedacht, dass Jackie gewinnen würde, habe sogar gebetet, dass sie das Finale für sich entscheidet. Sie hat zwölf Geschwister und ihren Vater verloren, als gerade das Jüngste geboren war. Wenn ihre Mutter mal wieder zum Kinderkriegen ins Krankenhaus ging, musste sie für ihre Geschwister kochen. Doch parallel hatte in Deutschland ein medialer Tsunami eingesetzt. Das Wort »Tsunami« sollte man nicht fahrlässig gebrauchen, aber es fühlte sich so an. Philip Kuhn schrieb einen Artikel in der Welt über mich, alle anderen Zeitungen folgten, von der FAZ bis zur Süddeutschen Zeitung. Auf einmal hieß es in beiden Ländern, Deutschland und Israel, ich sei ein »Brückenbauer« zwischen zwei Welten, ein »kulinarischer Botschafter«.

Aber im Augenblick bin ich völlig ruhig. Früh am Morgen, kaum hatte die Dämmerung eingesetzt, war ich an den Strand gegangen, um meinen Kopf für diesen großen Tag freizubekommen. Dieser Medienhype, der um mich losgegangen war, noch längst hatte ich mich nicht daran gewöhnt. Ich stand am Ufer und sah zum Himmel hinauf. Eine Sternschnuppe fiel genau vor mir vom Himmel. Ich war Hunderte Male vor Tagesanbruch am Meer gewesen, aber das war erst die zweite Sternschnuppe, die ich in Tel Aviv sah. Die letzte vor fünf Monaten, ich erinnerte mich genau. So schnell wie die Sternschnuppe vom Himmel fiel, fiel alle Spannung der Ungewissheit von mir ab. Ich wusste auf einmal, dass ich das Finale gewinnen würde. Ich fühlte es so sicher, so wie ich vorher sicher gewesen war, dass Jackie gewinnen würde. MasterChef von Israel. Wenn er will, benutzt Gott sogar Sternschnuppen, um uns etwas mitzuteilen, dachte ich grinsend.

Als ich vom Strand nach Hause kam, zeigte mir meine Frau Dana einen Post auf Facebook. Eine Journalistin namens Karen hatte ihn geschrieben. Ich hatte sie kennengelernt, als ich in einem Krankenhaus in Tel Aviv Zivildienst machte, sie war damals in der Armee gewesen und betreute einige Freiwillige, die ebenfalls in der Klinik arbeiteten. Sie schrieb: »Wenn jemand es verdient, diesen Wettbewerb zu gewinnen, dann dieser Tom, der anderthalb Jahre seines Lebens für die Arbeit in einem israelischen Krankenhaus hergegeben hat, in dem ich es kaum wenige Stunden aushalten konnte.« Ich hatte weinen müssen, als ich den Post las. Der Post war unzählige Mal auf Facebook geteilt worden, selbst vom Leiter des Senders.

Salma und ich sind fertig. Die Juroren haben das letzte Wort. Aber ich weiß, wie es ausfallen wird. Ich muss mich nur selbst gut schauspielern. Meine Freude. Meine Überraschung.

1. LIEBESWÜNSCHE AN DER KLAGEMAUER

Als ich bewusst meiner ersten Israelin begegnete, war ich ein Archivar und Sammler. Ein Archivar von verschiedensten Dingen, in dieser Zeit aber hauptsächlich von Platten und Musikkassetten. Es war eine Sammlung, die mir heilig war. Jede Platte hatte ihren Platz, jede Aufnahme, die ich aus dem Radio und seinen Hitparaden mitschnitt, wurde ordentlich aufgelistet. Und war die Kassette bespielt, wurde sie beschriftet. Stundenlang konnte ich mich damit beschäftigen. Meine erste Schallplatte war eine von Elvis Presley gewesen, und als ich entdeckte, wie günstig man auf Trödelmärkten Vinylplatten erstehen konnte, gab es kein Halten mehr. Im Keller meines Vaters stehen sie noch immer, einschließlich der Studentenzeit kamen rund 4000 Stück zusammen, das sind etwa zwölf Meter. Ob ich alle gehört habe? Ich bin mir da nicht sicher. Aber ich wusste, was drauf war, vieles war ja im Radio gelaufen. Und da ich auch klassische Musik nicht ausließ, lernte ich nicht nur diese kennen und lieben, sondern auch, welcher Dirigent was aufgenommen hatte. Ganze Boxen von Opern und Symphonien fanden ihren Weg vom Flohmarkt in mein Zimmer.

Mein zweieinhalb Jahre jüngerer Bruder Robert hatte seit frühester Kindheit viel Fantasie und war in der Lage, sich die tollsten Spiele auszudenken. Ich weiß nicht, ob ich keine Fantasie besaß, aber ich war niemand, der sich lange mit Spielsachen beschäftigen konnte. Statt sich in die Welt eines Ritters oder eines großen Abenteurers hineinzudenken, der sich durch die Lüfte bewegte, baute ich auf. Ich konnte gut aufbauen und sortieren.

Die Platten und Kassetten waren eine späte Sammelleidenschaft, als Kind hatte ich mit Elefantenfiguren angefangen. Die nächste Attraktion waren Kronkorken. In einer riesigen Kiste hütete ich Kronkorken verschiedenster Flaschen aus Belgien, Frankreich, Holland oder Deutschland und ebenso Streichholzschachteln. Bierdeckel folgten – da wir in der Nähe von Köln wohnten, war das natürlich ein gefundenes Fressen. Doch das war längst nicht alles. Trinkdosen kamen hinzu, unterschiedlichste Cola-Dosen und was es da nicht so alles gab. Der Keller meines Vaters musste auch dafür herhalten, zwei Müllsäcke stehen dort noch heute voll mit diesen Dosen herum. Briefmarken wurden ebenfalls nicht von mir verschmäht, da wurden Werte bestimmt und mit Freunden, die ähnlich sammelverrückt waren wir ich, getauscht, Alben angelegt.

Ich sammelte aber nicht nur, ich machte in meiner Freizeit parallel Sport, und zwar intensiv. Mannschaftssportarten wie Fuß- oder Basketball interessierten mich nicht, aber in der Leichtathletik startete ich durch. Tauchte die Abendsonne den Sportplatz in goldenes Licht und fielen tiefe Schatten auf die rotbraunen Aschenbahnen, fiel mir jedoch auf, wie eckig meine Schultern waren. Die anderen Sportler waren rund, wo ich kantig war. Ich konnte superschnell laufen, weit und hoch springen, aber ich besaß kaum Muskelmasse. Das wollte ich ändern, weshalb ich parallel mit Krafttraining anfing. In der Garage meiner Eltern stand eine Hantelbank, die ich selbst im Winter aufsuchte, auch wenn draußen Minusgrade waren und die Eisen in dem Raum so kalt, dass ich mir Handschuhe anziehen musste, damit meine Finger nicht an ihnen festfroren. Bei lauter Musik aus dem Kassettenrekorder, mit Nebel vor dem Mund machte ich meine Übungen und merkte nicht, dass ich längst schon mein Ziel erreicht hatte und für einen Leichtathleten fast schon zu kräftig wurde.

Und in dieser Zeit des Plattensammelns und des Trainings, im Herbst1989, ich war sechzehn, fielen die Israelis bei uns in Erftstadt-Lechenich ein, zwanzig Kilometer von der Rheinmetropole Köln entfernt – und veränderten mein Leben. Wie jeden Morgen lief ich um den Block, um wenig später vor dem Gymnasium darauf zu warten, dass die Tore geöffnet wurden. Wir wohnten unmittelbar neben dem Schulgebäude, ich hätte bis Viertel vor acht schlafen können, um dann immer noch rechtzeitig zum Unterrichtsbeginn in meiner Klasse aufzutauchen, aber so einer war ich nicht. Ich stand wahrscheinlich genauso früh auf wie jemand, der von weit her mit dem Bus zur Schule fuhr. Stets war ich der Erste, der vor den verschlossenen Türen stand, bis der Hausmeister sie öffnete. Doch an diesem Tag war mir ein anderer Schüler zuvorgekommen. Michael. Das war an sich schon ungewöhnlich, aber noch auffälliger war, dass er nicht allein war. Neben ihm stand eine junge Frau, die ich noch nie gesehen hatte. Sie hatte etwas Orientalisches an sich, das ich vom ersten Moment an sehr mochte. Diese junge Frau war zwar nicht mein Typ, ohne dass ich sagen konnte, was denn mein Typ genau war, aber sie fiel auf. Gewaltig.

»Die Israelis sind da«, sagte Michael, der wohl meinen staunenden Blick bemerkt hatte. »Die Austauschschüler.«

Stimmt. Jetzt hatte ich die Erklärung für die faszinierende Fremde. Aber sahen Juden so orientalisch und so gut aus? Bislang hatte ich durch den Schulunterricht nur von deutschen Juden, von europäischen Juden gehört, die von den Nazis verfolgt, in KZs transportiert, gefoltert und getötet wurden. Grausam und bestialisch. In meiner Vorstellung hatten die Menschen, denen man so viel Leid angetan hatte, so wie ich ausgesehen, wie mein Bruder und all die Menschen um mich herum. Die Sepharden, jene Juden, die etwa im Maghreb oder in anderen arabischen Staaten lebten, hatte ich völlig außer Acht gelassen. Hatte nur die aschkenasischen Juden im Blick gehabt, die ihre Wurzeln in Europa hatten. Überhaupt sollte es noch lange dauern, bis ich, ein Deutscher, bei Juden zwischen einzelnen Herkunftsländern und den verschiedenen religiösen Levels unterscheiden konnte. Dafür musste ich mich erst näher mit ihnen befassen und einen entsprechenden Blick entwickeln.

Eine ganze Gruppe junger Israelis, achtzehn Leute, wollten unser Land kennenlernen und waren dazu an unser städtisches Gymnasium gekommen. Deutschland, das für sie ein Synonym für die Ermordung von sechs Millionen Juden war, für die »Schoah«.

Die Israelis waren aber nicht nur äußerlich auffällig, sie waren insgesamt anders. Solchen Menschen war ich bislang nie begegnet. Wie sie sich verhielten, selbstverständlich und selbstbewusst, wie sie tanzten, wie sie sangen – ich sog alles in mich auf. Nicht einmal nach reichlich Biergenuss hätte ich mich so locker und unbeschwert bewegen können, und denen war das möglich, obwohl sie vollkommen nüchtern waren. Auf den Partys, die fast jeden Abend für sie veranstaltet wurden, tranken sie nämlich fast keinen Tropfen Alkohol. Sie hatten so viel Spaß, versprühten so viel Lebensfreude. Sie hatten nicht einmal ein Problem damit, dass sie in Deutschland waren. Konnte das sein? Sie trugen ähnliche Sportklamotten wie wir, schwarze Turnschuhe, sie liebten die Musik von U2, Pink Floyd, Prince und Sinéad O’Connor und kannten die gleichen Filme. Mein Lieblingsfilm war zu dieser Zeit: Der Club der toten Dichter.

»Carpe diem« wurde mein Motto. Das Gedicht von Henry David Thoreau, US-amerikanische Aussteiger, der zwei Jahre, zwei Monate und zwei Tage im Wald in einer Hütte am Walden Pond gelebt hatte, rüttelte mich wach: »Ich ging in die Wälder, denn ich wollte bewusst leben; intensiv leben wollte ich. Das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten, was nicht Leben war. Damit ich nicht in der Stunde meines Todes gewahr würde, dass ich gar nicht gelebt hatte.« Und Robert Frost schrieb das Gedicht »Der Weg, den ich nicht nahm«, davon prägte sich mir Folgendes tief ein: »Zwei Wege boten sich mir dar, / Und ich – ich nahm den Weg, der weniger begangen war, und das war der ganze Unterschied.«

Nicht einen Moment lang konnte ich das Bild der Juden, das ich bislang im Geschichtsunterricht kennengelernt hatte, die schrecklichen Aufnahmen aus den KZs, die Karikaturen aus der NS-Propaganda, die Klischees, mit dem übereinbringen, was sich da vor meinen Augen abspielte. Was ist eigentlich ein Jude?, fragte ich mich. Die schönen Seiten der Juden hatten wir nie zu hören bekommen, immer nur die Gräuel der Nationalsozialisten, die Ungerechtigkeiten, die den Juden widerfahren waren. Letztlich war es nur ein Puzzle in einem viel größeren Bild.

»Gefallen dir die israelischen Mädchen?«, fragte mich ein Freund, der in einer Pause neben mir stand und meine Blicke richtig gedeutet hatte.

»Ja, klar«, bejahte ich.

»Du bist groß, du siehst nicht schlecht aus«, fuhr er fort. »Wenn du mit den Fingern schnippst, klappt es vielleicht.«

Ich sah ihn ungläubig von der Seite an, schnippte aber trotzdem mit den Fingern.

Keine fünf Minuten später sprach mich das Mädchen an, das ich am Morgen zusammen mit Michael gesehen hatte. Sie stellte sich unkompliziert vor.

»Ich heiße Meytal.«

Es war keine Anmache, so wie sie sich mir näherte. Sie wollte mich einfach nur kennenlernen, mich in die Gruppe einbinden. Auch das machte sie völlig selbstverständlich, so wie ich es nie zuvor erfahren hatte.

Es gab nur einen Moment der mich zusammenzucken ließ. Einer der Austauschschüler, mit dem ich bislang kein Wort gewechselt hatte, fragte mich völlig unvermittelt: »Was haben eigentlich deine Großeltern während des Zweiten Weltkriegs gemacht?«

»Ich … ich weiß es nicht so genau«, stotterte ich.

»Mein Großvater hatte eine Nummer am Arm. Er wurde von Berlin nach Auschwitz deportiert.«

Mit hochrotem Kopf stand ich da. In diesem Augenblick war mir bewusst geworden, dass die Generation meiner Großeltern seinen Großvater ins KZ gebracht hatten.

»Komm, lass gut sein«, sagte er und stieß gegen meine Schulter an.

Einige Tage später ging es gemeinsam ins Konzentrationslager Buchenwald. In einem Bus fuhren wir gemeinsam von unserer Schule aus dorthin, zwei Lehrer begleiteten uns. Wir waren gedrückter Stimmung, als wir durch das olivfarbene schmiedeeiserne Tor mit der Inschrift »Jedem das Seine« traten. »Jedem das Seine«, ein alter römischer Rechtsgrundsatz, wie ein Lehrer erklärte, der bedeutete, ehrenhaft zu leben und niemanden zu verletzten. Die Nazis missbrauchten ihn, um andere zu erniedrigen und zu vernichten. Kommunisten, Homosexuelle, Juden und unzählige andere.

Wir gingen getrennt weiter, es war nicht zu übersehen, da waren die Juden und wir, die Deutschen. Wir fühlten uns unwohl. Was ging in den anderen vor? Was dachten sie? Die Distanz – hatten wir sie, als wir uns das Gelände mit dem Appellplatz, den Arrestzellen und dem Krematorium anschauten, uns nur eingebildet? Denn innerhalb kurzer Zeit, als wir alle uns vergegenwärtigt hatten, was Entsetzliches hier geschah, war sie überwunden. Wir trauerten zusammen, wir weinten zusammen. Es war ein Gemeinschaftserlebnis, ohne dass dahinter ein bewusster Wille stand. Es passierte einfach. Wir nahmen uns in den Arm, teilten den Schmerz.

Nach zwei, drei Stunden verließen wir das Gelände, nun geschlossen, nicht mehr voneinander separiert. Draußen wartete der Bus auf uns, mit dem wir hierhergefahren waren. Kaum waren wir eingestiegen und saßen auf unseren Plätzen, der Fahrer hatte gerade die erste Kurve genommen, schon packten die Israelis ihren mitgebrachten Proviant aus und fingen genüsslich an zu essen. Munter redeten sie drauflos, über alles Mögliche, nur nicht über das, was sie eben besichtigt hatten. Ich konnte es nicht fassen. Wie ging denn das? Wie war es möglich, so heftig zu trauern und dann weiterzumachen, als hätte es diese tiefen Gefühle nicht gegeben? Die Antwort gaben sie selbst. Mit ihrem Verhalten gaben sie mir zu verstehen: Wir haben das Furchtbare erblickt, haben uns an die nicht zu begreifende Geschichte erinnert, aber jetzt ist es vorbei. Den ganzen Weg zurück nach Erftstadt-Lechenich verließ mich nicht dieses Staunen.

Das Staunen verwandelte sich unmerklich in eine Sehnsucht, die im Schreiben von langen Briefen ihren Ausdruck fand. Als sich die Austauschschüler nach zwei Wochen verabschiedeten und wieder zurück in ihre Heimat flogen, ließen sie Adressen da. Pro Woche waren es zwischen zehn, zwanzig Seiten, die ich auf Englisch verfasste, über die nächsten Jahre sammelten sich in einer Kiste sicher Hunderte von Briefen an. Auch hier war ich wieder der Archivar meiner Leidenschaften, noch ziellos, noch ungebündelt. Ich wollte einfach nur mehr über das ferne Land erfahren, den Kontakt halten, mit ihm in Verbindung sein.

Israel – ich hatte überhaupt keine Vorstellung von diesem Staat, aber ich wollte mehr über ihn in Erfahrung bringen. Es war noch nicht die Zeit von Google, stattdessen gab es für Schüler dünne Heftchen von der Bundeszentrale für politische Bildung mit Informationen über die Geschichte des Landes, über das Judentum. Alles war so sachlich dargestellt, dass ich mir schließlich einen Reiseführer besorgte. Aber war ein Reiseführer authentischer als ein nüchternes Dossier? Es gab in ihm ein Foto von einer jemenitischen Jüdin mit, wie es in der Bildunterschrift hieß, »traditionellem Schmuck«. Schnell merkte ich, dass es wohl auch etwas anderes sein musste, die Geschichte von Jerusalem nachzulesen oder die Stadt selbst mit eigenen Augen anzuschauen, Info-Broschüre hin, Reiseführer her. Ich musste dorthin.

Eigentlich war die Gruppe der deutschen Schüler, die nach Tel Aviv zu einem Gegenbesuch reisen sollte, schon zu, seit zwei Jahren hatte sie sich in einer Israel-AG darauf vorbereitet, sich gründlich mit der Schoah auseinandergesetzt. »Da ist nichts zu machen, wir haben keinen Platz mehr frei«, sagte mir einer der Lehrer, die die AG leiteten. »Du kannst gern an den Treffen teilnehmen, aber wir können dich nicht mitnehmen.« Okay, ich war einverstanden, in der Israel-Arbeitsgemeinschaft mitzuarbeiten. Meine Entscheidung war untypisch. Ich überlegte mir immer sehr genau, ob es Sinn machte, an einer Sache dranzubleiben. Wenn ich nicht davon überzeugt war, ließ ich es bleiben. Aber irgendwie dachte ich, dass es doch noch klappen könnte, es gab da dieses Bauchgefühl, das konnte ich nicht ignorieren.

Ende März 1990 sollte der Gegenbesuch starten, und einen Monat vorher sagte einer der älteren Schüler ab. Er begründete dies damit, dass er für Klausuren lernen müsse. Ein Platz war nun freigeworden – war das meine Chance, auf die ich so gehofft hatte? Der Lehrer, den ich damals gefragt hatte, sagte dann auch tatsächlich: »Schön, dass du jetzt mitreisen kannst.« Ich fand das nur prima. Zwei Wochen Israel sollten bald vor mir liegen. Noch nie war ich geflogen, endlich würde ich das Land kennenlernen, das ich so anziehend fand wie kein anderes. Und ich würde die Menschen wiedersehen, mit denen ich mich Woche für Woche schrieb. Glück konnte sich kaum größer anfühlen.

Mit einem Bus ging es nach Brüssel, von dort flogen wir mit der belgischen Fluggesellschaft Sabena nach Tel Aviv. Nach der Landung, als ich die Gangway hinunterging, blies mir sehr warme Luft, wie aus einem Fön, ins Gesicht. Ich blickte mich um – waren die Triebwerke des Flugzeugs so heiß geworden? Das konnte nicht sein, denn als ich unten auf dem Rollfeld stand, war es nicht einen Grad kühler geworden. Es war Ende März, nie zuvor hatte ich um diese Zeit eine solche Hitze erlebt. Es war, so erfuhr ich später, ein Chamsin, ein heißer Wüstenwind. Auch die Farben veränderten sich unter dem Einfluss des Chamsin: Ein sattes Grün wurde dann heller, fast ein bisschen milchig. Die Steine hatten keine harten Konturen, sie schienen fast ein wenig zu schweben.

Unsere Gruppe wurde nach und nach auf einzelne Familien in Cholon verteilt. Cholon war keine reiche Stadt, auch kein nobler Vorort von Tel Aviv, sondern bestand aus vier- bis sechsstöckigen Mietshäusern. Da ich keinen Vergleich hatte, dachte ich: So lebt man in Israel. Wunderbar. Vom ersten Moment an hatte ich mich in diesem Häusermeer, bei dem es mit den Wohnungen erst mit dem ersten Stockwerk losging, darunter befanden sich die Parkplätze für die Autos, wohlgefühlt. Die Familie, die mich aufnahm, hatte einen gleichaltrigen Jungen namens Tomer. In jedem Zimmer, das beeindruckte mich am meisten – neben den Klimaanlagen –, gab es einen Fernseher. Kabelfernsehen war selbstverständlich, und Tomer konnte zu jeder Zeit MTV schauen. Und nun auch ich. Videos von der irischen Band U2, die ich noch nie gesehen hatte, liefen einfach über den Bildschirm. Es war unglaublich.

Ich kam aus einem Land, von dem ich angenommen hatte, dass wir alles besaßen, in das Land der Bibel, von dem ich, wenn auch eher unbewusst, davon ausgegangen war, dass es hier nicht einmal Strom geben könnte. Was hatte ich erwartet? Dass man auf Kamelen ritt? Auf keinen Fall, dass man hier, umgeben von Wüsten, auf dem neuesten technischen Standard war.

Meine Wahrnehmung von Israel verlief aber nicht nur über die Augen, sondern auch über die Nase. Die Gerüche hauten mich um, nie zuvor hatte ich Vergleichbares gerochen. Zum einen war es diese warme Luft, die ein ganz eigenes Aroma besaß. Selbst bei uns im Sommer roch es nie auf diese Weise. Wahrscheinlich war es der Geruch der Levante, die Spuren der exotischen Blüten und Gewürze, die mit den Winden verstreut und von der Hitze verstärkt wurden. Dazu kamen die Gerüche, die mit dem Essen verbunden waren. Ging ich bei uns in der Stadt an Häusern vorbei, konnte ich Kohl ausmachen und gebratenes Schweinefleisch. In Israel roch es nach Suppen mit Gewürzen, die ich nicht kannte. Vom Fleisch bestimmten gebratenes Hähnchen oder Lamm vorrangig meine olfaktorischen Erlebnisse. Meine erste kulinarische Begegnung war Hummus. Hummus, hergestellt aus Erbsen oder Favabohnen, aus Sesammus, Olivenöl und Zitrone, befand sich in jedem Haushalt, in jedem Kühlschrank. Ich mochte es nicht mit dem ersten Biss, wurde dann aber schnell von ihm abhängig. Und als ich dachte, dass ich Schnitzel essen würde, verstand ich erst nach einer Weile, um was für ein Fleisch es sich da handelte: Die Schnitzel wurden in diesem Land aus Hühnerbrust gemacht – und schmeckten viel leckerer, als jedes Schweine- oder Kalbsschnitzel.

Am meisten hatten mich aber Avocados beeindruckt. Ich kannte die Frucht von zu Hause, aber wenn ich dort eine gegessen hatte, war sie nie wirklich reif gewesen, jedenfalls nicht so gereift, wie das im Wüstenklima möglich war. Ich war so begeistert von dieser birnenförmigen, cremigen Frucht, dass ich nach den zwei Wochen einen Rucksack voller Avocados mit nach Deutschland nahm.

Einmal bekam ich bei meinen Gasteltern eine Suppe vorgesetzt, die fand ich nur cool. Die Basis war Wasser, in dem Hackfleischbällchen, Kartoffel- und große Zucchinistücke schwammen. Und mit »groß« waren nahezu halbe Zucchini gemeint, nicht so das klein geschnittene Zeugs, das ich von zu Hause kannte. Die Suppe schmeckte fantastisch, was auch daran lag, das in ihr ein Gewürz dominierte, welches ich nicht kannte.

»Was ist das für ein Gewürz?«, fragte ich.

»Oriental Cumin«, bekam ich zu hören.

Diese Antwort hinterließ mich ratlos. Ein englisches Wörterbuch hatte ich nicht dabei, erst in Deutschland konnte ich nachschlagen: Es handelte sich um Kreuzkümmel, den meine Mutter aber nie verwendete, ein Gewürz, das schon seit Jahrtausenden im Alten Ägypten und in Syrien verwendet wurde.

Am Schulunterricht nahmen wir nur kurz teil, da keiner von uns Hebräisch konnte oder lernen wollte. Stattdessen machten wir wir jeden Tag Ausflüge. Im Vordergrund standen die Jesus-Stationen. Wir fuhren an den See von Genezareth, nach Jerusalem, waren auf dem Tempelberg, dem Ölberg und an der Klagemauer. Die meiste Zeit war es brütend heiß gewesen, aber als wir an einem Schlechtwettertag von Tel Aviv Richtung Jerusalem losfuhren, fiel in den judäischen Bergen Schnee. Es war unwirklich, fast wundersam. Palästinenser warteten mit ihren Kamelen darauf, dass sich Touristen auf die Tiere setzten. Sie wurden fotografiert, während der Schnee, der nicht liegen blieb, in weichen Flocken vom grauen Himmel schaukelte.

Natürlich besuchten wir mit den israelischen Schülern auch Yad Vashem, die »Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust«. Nirgendwo konnte man so geballt Informationen zur Judenvernichtung der Nazis erhalten wie hier. Ähnlich wie in Buchenwald konnte ich erleben, dass diese historische Tatsache uns nicht spaltete, sondern auf eine seltsame Weise einte, uns einander sogar näherbrachte. Das funktionierte womöglich nicht bei jedem Austausch, aber in unserer Gruppe war das auffällig.

Partys wurden ebenfalls für uns veranstaltet, und weil die Israelis noch aus Deutschland wussten, dass wir gern Bier tranken, wurden für alle ungefähr zwei Sixpacks besorgt. Ohne uns hätte man wohl überhaupt keinen Alkohol gekauft, sie wären mit dem Saft, den sie tranken, zufrieden gewesen. Aber was waren für uns zwei Sixpacks? Das reichte gerade mal für drei Personen, wenn überhaupt. Es war schon wieder einmal beeindruckend, dass der Alkoholkonsum der Israelis gleich null war und sie dennoch gut drauf waren. Sie liebten gerade die Musik von Mashina, einer israelischen Popband, die gerade ihr Best-of-Album rausgebracht hatten. Das musste ich mir sofort kaufen. Ich sog diese Musik auf, als müsste ich meinen Speicher neu aufladen. Zu einigen Songs konnte man tanzen, andere erzählten von einer Sehnsucht, einer großen Melancholie. Jedes Mal, wenn ich mir diese Platte später in Deutschland anhörte, war es so, als würde sie mich sofort nach Israel beamen. Ich hatte das Gefühl, als würde ich dorthin fliegen. Ihre Musik hat im Endeffekt dazu beigetragen, dass das emotionale Band zwischen mir und Israel niemals zerriss. Musik hatte, unabhängig davon, dass ich sie archivierte, die Funktion für mich, Erinnerungsträger zu sein. Man hört oft nur einen einzigen Ton – und Bamm! kennt man die ganze Melodie, den gesamten Text. Alle damit verbundenen Gefühle steigen hoch. Unfassbar ist das!

An einem Tag innerhalb dieses zweiwöchigen Gegenbesuchs besichtigen wir das Diaspora-Museum in Tel Aviv. Im Grunde zeigte die Ausstellung alle Länder, in denen die Juden in den letzten 2000 Jahren lebten. Deutlich wurde, dass sich unterschiedliche Traditionen entwickelt hatten (unterschiedliche Synagogen wurden gebaut, die Torahrollen sahen oft anders aus), aber der gemeinsame Nenner, die Torah mit den Urtexten, die Gebete und grundlegenden Gebräuche, war bei allen unverändert geblieben. Es beeindruckte mich: Welches Volk hatte es schon geschafft, so lange – annähernd 2000 Jahre – getrennt zu sein und über fast hundert Generationen hinweg so viele Gemeinsamkeiten zu bewahren? Aber Juden sind nicht nur Juden, weil sie einer bestimmten Religion angehören, sondern weil sie ein Volk sind und somit eine gemeinsame Geschichte haben. Anders als bei Christen und Moslems sind Religion und Geschichte bei ihnen nicht zu trennen. Außerdem: Es gibt ungefähr rund achtzehn Millionen Juden weltweit, mehr nicht, ein verschwindend kleiner Anteil, weniger als 0,25 Prozent der Weltbevölkerung, und doch interessieren sich so viele für sie.

Die religiösen Feinheiten, insbesondere die religiösen Gegenstände fesselten mich damals nicht sonderlich – noch längst war ich nicht bei der Religion angekommen. Mir war zwar klar, dass die Menschen hier Juden waren, so wie ich Christ war. Aber das war für mich nicht wichtig, da ich überzeugter Atheist war. Das Judentum selbst fand ich damals nicht wirklich spannend, ich war ja auch nicht wegen der Schoah in das Land gereist. Ich war hier, weil ich die Menschen so toll fand. Und erst nach und nach sollte ich mehr darüber erfahren, wie Juden leben, über alle Schichten hinweg. Eigentlich war meine Neugier ziemlich oberflächlich – allein durch das Äußerliche bestimmt, durch das, was meine Augen wahrnahmen.

Nach einer Weile verließ ich das Museum, ich hatte genug von der Führung, so detailliert wollte ich das dann doch nicht wissen. Außerdem war ich müde von der vergangenen Nacht, die mal wieder lang geworden war. Ich setzte mich neben den Eingang auf eine kleine Mauer und betrachtete eine Gruppe von drei Mädchen, die mit uns im Bus hergekommen waren, Shiri mit ihren beiden Freundinnen. Sie hatten diesen Ausflug sicher schon einige Male mitgemacht, weshalb sie wie ich das Weite gesucht hatten. Auf einmal löste sich Shiri von ihren Freundinnen und ließ sich neben mir nieder. So wirkte sie nicht mehr so klein, sie war 1,57 Meter groß – und ich 1,95 Meter. Hübsch war sie, üppig, mit langen gewellten braunen Haaren und den unglaublich großen Mandelaugen. Ihre Mutter war Perserin, ihr Vater Bulgare. Ich musste mir eingestehen: Sie gefiel mir.

Auf der Rückfahrt saßen wir im Bus nebeneinander. Sie drückte mir ihren Walkman auf den Kopf und ließ mich Songs von Guns N’ Roses hören, ihrer Lieblingsband. Noch nie hatte ich von ihr gehört, war aber schwer beeindruckt von dieser Metal-Musik: »Appetite For Destruction«. Mir sauste es in den Ohren.

Am nächsten Tag fuhren wir wieder ohne sie nach Jerusalem. An der Klagemauer steckt man Zettel in die Wand. Gebete zu Gott. Ich schrieb auf meinen weißen Zettel – obwohl ich ja nicht glaubte –, dass es irgendwie mit Shiri klappt.

2. GRÄFINNEN VON UND ZU MIT EINER MILLION AUFWÄRTS UND AKTION SÜHNEZEICHEN FRIEDENSDIENSTE

Liebesbriefe waren es nicht, die Shiri mir schrieb, aber sie schrieb viel. Und ich antwortete ihr. Wir waren kein Paar, aber wir lernten uns durch die Briefe kennen. Einmal schickte sie mir ein Foto, nach vielen Monaten telefonierten wir. Irgendwie war es peinlich, bei ihr anzurufen, nicht normal, wir hatten uns doch bislang nur in geschriebenen Worten ausgetauscht, und auf Englisch zu telefonieren war nicht einfach. Was uns aber nicht daran hinderte, uns über unsere Gefühle füreinander auszutauschen. Und dann stand die Frage im Raum, unvermeidlich war sie gewesen:

»Kommst du wieder nach Israel, Tom?« Sie war diejenige, die mich als Erste Tom nannte, denn eigentlich hieß ich Thomas.

»Und wo soll ich wohnen?« Noch war ich Schüler, wie sollte ich mir eine solche Reise leisten?

»Du kannst bei uns wohnen?« Shiri klang, als hätte sie es schon längst mit ihren Eltern besprochen.

»Abgemacht, dann plane ich mal.«

Das mit dem Planen war so eine Sache. Die Flüge waren gebucht, aber dann brach der Erste Golfkrieg aus und schien uns einen Strich durch die Rechnung machen zu wollen. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie gefährlich Shiri und alle meine anderen Briefpartner lebten – Israel wurde vom Irak aus beschossen. Groß war die Befürchtung eines Giftgasangriffs. Shiri berichtete, dass Gasmasken verteilt wurden und sie bei Bombenalarm in einem abgedichteten Schutzraum mit einer aufgesetzten Gasmaske gesessen und an mich gedacht hatte. Ich machte mir Sorgen um sie, und weil die Briefe so lange unterwegs waren und ich nicht eine Woche auf eine Antwort von ihr warten konnte, telefonierten wir dann doch öfter miteinander, auch wenn die Gespräche so teuer waren, dass das Taschengeld einer Woche für wenige Gesprächsminuten draufging. Durch die Sorge gestanden wir uns auch immer mehr ein, was wir füreinander empfanden.

Kurz darauf, im Februar1991, war der Krieg vorbei, und einen Monat später saß ich zum zweiten Mal in einem Flugzeug nach Tel Aviv. Es war seltsam, plötzlich Shiri gegenüberzustehen. Durch die Distanz hatte man das reale Leben – nennen wir es mal so – ertragen, nun war da auf einmal Nähe, und diese war nicht so einfach zu managen, zumal wir beide nicht nur jung, sondern auch körperlich unerfahren waren. Es dauerte, bis wir uns trauten, uns zu nähern, obwohl wir wussten, dass wir uns mochten. Wir waren jung genug, um zu glauben, dass wir ewig zusammenbleiben würden. Sie kam auch nach Deutschland – sie hatte nicht an dem Schüleraustausch teilgenommen –, und ich zeigte ihr meine Heimat. Meine Eltern nahmen sie herzlich auf, nie gab es irgendwelche Töne, die erkennen ließen, dass sie etwas dagegen hatten, dass meine erste Freundin eine Jüdin war. Überhaupt hatte ich gemerkt, dass mein Vater Manfred, 1943 geboren, und meine Mutter Karin, zwei Jahre jünger, nicht viel aus der Hitler-Zeit von ihren Eltern wussten. Sie wollten es besser machen als ihre Eltern, von denen sie einiges an Misshandlungen erlitten hatten. Sie lasen zwar regelmäßig Zeitung und sahen Nachrichten, waren aber ansonsten unpolitisch. So wie sie auch mich und meinen Bruder katholisch getauft hatten, was sich aber nie in unserer Erziehung niederschlug. Weihnachten oder Ostern wurde bei uns gefeiert mit Geschenken unterm Tannenbaum und bunten Eiern im Nest. Außer der Weihnachtsgeschichte an Heiligabend wurde nie von Jesus gesprochen oder Gott erwähnt (außer in Aussprüchen wie »Ach, Gott«, »Ach, du lieber Gott« oder »Um Gottes willen«). Wir sind auch äußerst selten in die Kirche gegangen.

Wie meine Großeltern mütterlicher- und väterlicherseits zum Nationalsozialismus oder zum Judentum standen, hatte ich nie herausfinden können, denn meine Eltern hatten viel zu viel Respekt gegenüber ihren jeweils sehr dominanten Eltern gehabt und deshalb nie nachgefragt. Es gab Bilder von meinem Großvater Josef mütterlicherseits mit neunzehn Jahren in Nazi-Uniform, es gab also eine Nazi-Vergangenheit. Bilder einer üblichen deutschen Familie zu dieser Zeit. Und von einer meiner Großmütter kannte ich die üblichen Geschichten über Juden: »Jahrelang haben wir in dem oder dem jüdischen Geschäft eingekauft, und auf einmal war die Familie nicht mehr da …« Ich dachte: Okay, das haben hinterher alle gesagt, und vielleicht hätte ich diese Geschichte auch so erzählt, wenn es mir unangenehm gewesen wäre und ich mehr gewusst hätte, als ich zugeben wollte. So oder so würde ich nicht wissen, was wirklich gewesen war. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich einmal Jude werden würde.

Shiri und meine Mutter jedenfalls verstanden sich besonders gut, und als meine Freundin wieder in Israel war, schrieb sie meiner Mutter, und meine Mutter ließ keinen Brief von ihr unbeantwortet.

Ein Jahr später machte ich Abitur, Shiri, die nur zwölf Jahre zur Schule gehen musste, um diesen Abschluss zu haben, ging zum Militär. Ich kam, um sie zu sehen, und ihr Anblick ließ mich schlucken: Sie trug eine Uniform, dazu umgehängt eine M16, ein Maschinengewehr, das fast so groß war wie sie selbst. Fit, wie sie war, machte sie in der Armee schnell Karriere, wurde zur Ausbildnerin von Fallschirmjägern, zur Ausbildnerin von Elitesoldaten. Ich hatte sie besucht, weil es ihr in ihrer aktiven Militärzeit nicht erlaubt war, das Land zu verlassen.

Natürlich hatte ich schon bei meinem allerersten Israel-Besuch bemerkt, dass die Armee sehr präsent war, ganz anders als heute. Überall an den Straßen standen Soldaten, die mitgenommen werden wollten. Sie mussten nie lange warten, denn die Israelis waren sehr stolz auf ihre Armee. Jeder, der in das Alter kam, um eingezogen zu werden, fieberte dem Tag entgegen, ihr zu dienen. Die jungen Frauen und besonders die Männer waren richtig heiß darauf. Für uns in Deutschland war die Bundeswehr dagegen eine lästige Pflicht, der man am liebsten entkommen wollte. Von Lust war nicht im Geringsten etwas zu verspüren, es war eine Zeit, die man so schnell wie möglich herumkriegen wollte. Das hatte sicher auch etwas mit der deutschen Vergangenheit zu tun, so lange war der Zweite Weltkrieg noch nicht vorbei, auch nicht der Kalte Krieg, und letztlich war es nicht möglich, keine Verbindung zu dieser Historie herzustellen.

In Israel trainierten die Jungs zwei Jahre vor ihrer Musterung, um fit zu sein, besuchten Vorbereitungskurse, um bei der Eignungsprüfung mit besten Ergebnissen abzuschneiden, liefen Crosstraining mit schweren Rucksäcken, trainierten mit Hanteln und übten sich in Kampfsportarten. Jeder wollte zu einer Elitetruppe gehören. Jeder wollte das Land im Ernstfall verteidigen. Die Israelis lebten gefährlich, das Land war permanent Bedrohungen ausgesetzt, das hatte ich ja inzwischen mitbekommen. Es machte Sinn, einen Militärdienst zu absolvieren, hinter ihm zu stehen – das konnte ich bei der Bundeswehr nicht erkennen. Ich hätte gerne in Israels Verteidigungsarmee »Zahal« gedient. Wenn ich mit Shiri ausging, trug ich manchmal ihr Gewehr, mit dem ich nicht mal umgehen konnte, aber es sah gut aus.

»Die Palästinenser sind doch auch Menschen, sie müssen ihren eigenen Staat bekommen.« Eines Tages machte ich diese Äußerung, als Shiri etwas über die Palästinenser sagte, was ich nicht nachvollziehen konnte. Wieso sollte man ihnen Rechte absprechen? Ich dachte, ich hätte etwas Allgemeingültiges, Unpolitisches gesagt, aber damit hatte ich mich schon in einen Konflikt eingemischt, über den ich nicht viel wusste und nicht genügend mit Argumenten gewappnet war. Ich hatte einfach aus dem Bauch heraus so geredet, wie man es von Deutschland aus sehen würde.

Shiri wurde augenblicklich wütend. So zornig hatte ich sie noch nie erlebt. Doch je mehr sie gegen meine Meinung hielt, umso weniger konnte ich nachvollziehen, was sie empfand. Was sicher daran lag, dass sie nicht versucht hatte, mich zu überzeugen, ihre Reaktion war rein emotional gewesen. Trotzdem fühlte ich mich, als wenn ich in ein Fettnäpfchen getreten hatte.