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Sehnsucht nach Freiheit ist die Geschichte eines Dresdner Neustadtkindes. Am Sonntag, 8.7.1956 geboren in Guteborn, in der Dresdner Neustadt aufgewachsen und von 1957 bis 1977 in der Kamenzer Straße wohnhaft erzählt der Autor kurzweilig seine Lebensgeschichte. Von milieuhaften Beschreibungen der Dresdner Neustadt, dem Alltag in den 60ger und 70ger Jahren über die Einbringung sächsischer Mundart in die Geschehnisse bis hin zu den Plänen, aus der DDR zu flüchten, untermalt der Autor mit den bedeutendsten Weltpolitischen Ereignissen der 50ger bis 70ger Jahre. Dieses Buch ist ein Zeitdokument, insbesondere für die Generation 50Plus, aber auch für jüngere Leser, die eine Diktatur und ein geteiltes Deutschland nicht mehr erleben mussten.
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Seitenzahl: 310
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Es gibt drei Wege des Lernens,
erstens durch Nachdenken,
das ist der edelste,
zweitens durch Erfahrung,
das ist der bitterste,
und drittens durch Nachahmung,
das ist der leichteste.
Konfuzius
Es gibt heutzutage unglaublich viele Menschen, die meinen sie müssten ihre Memoiren schreiben - Menschen des öffentlichen Lebens, Schauspieler, Sportler und andere. Ich gehöre zur Gruppe der ,,anderen'' und möchte mich in diese Flut der Schreiberlinge einreihen.
Es ist ein erster Versuch, ich bin also weder Könner, Künstler, noch Schriftsteller - trotzdem möchte ich mir trauen, die Geschichte meines bisherigen Lebens aufzuzeichnen. Das, was durch meine Erinnerung und meine Gedanken entsteht, möchte ich ganz besonders meinen beiden Kindern widmen, die vom Leben ihres Vaters und seiner Familie so wenig wissen und sehr behütet und ohne Entbehrungen in einem freien Land aufwachsen durften. Und ich widme dieses Büchlein vor allem meinen Enkeln, meiner Frau, meinen beiden Schwestern mit Familien, meinen Verwandten, Freunden und Bekannten, die mich in meinem Leben begleitet haben.
Die Geschichte meines Lebens gleicht der Story eines berühmten und bekannten Mannes - John D. Rockefeller (1839- 1937), dessen Name sich weltweit zu einem Synonym für Reichtum entwickelte. Wobei ich weniger vom materiellen Reichtum spreche, sondern vielmehr von der Tatsache, wie meine persönliche Entwicklung vonstatten ging, von absoluter Armut in der Kindheit (Tellerwäscher) zu einem Menschen, der, wie ich mir anmaße zu behaupten, durch viel Fleiss und Beharrlichkeit, gut vorangekommen ist im Leben, der gesund ist, einem tollen Job nachgehen darf und der umgeben von seiner Frau, in einer von viel Liebe geprägten Ehe lebt - und weil ich diese Dinge schätzen kann, fühle ich mich reich (Millionär).
So beginnt es nun, mein Leben - am 8. Juli 1956, einem heißen Sonntag, morgens einige Minuten vor 04.00 Uhr.
Mit dem Dorf Guteborn ist ein besonderes Datum sächsischer Geschichte verbunden:
Am 13. November 1918 dankt der sächsische König Friedrich August III. von Sachsen in diesem Schloss ab.
Die Ursprünge von Guteborn reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück, als es zur Standesherrschaft Ruhland gehörte, die später zerfiel und sich in einzelne Herrschaften auflöste. Guteborn bildete sich nachfolgend zu einem eigenständigen Erbrittergut heraus. 1575 wurde ein Schlossbau erstmalig erwähnt, aus welchem sich im Laufe der Zeit eine den gesamten Ort beherrschende Schlossanlage mit Park entwickelte. Jahrhundertlang war Guteborn Sitz einer auch Schwarzbach, Biehlen, Grünewald und Sella umfassenden Herrschaft mit Teilrechten über Ruhland. Die Gemeinde Guteborn konnte ihre Eigenständigkeit über einen langen Zeitraum bewahren.
"... von ganz besonderem Reize ist die Stelle des, nach welcher das Dorf seinen Namen erhalten hat. Inmitten einer Gruppe alter Fichten und von Alpenrosenbüscheln umgeben liegt nahe einer Waldwiese ein kleiner, stiller Weiher, der "Gute Born", der von einem unsichtbaren Quell gebildet wird. Große grüne und braune Algen wachsen auf dem Grunde des Beckens; ein Sonnenstrahl, der durch die Bäume bricht, lässt sie aufleuchten im herrlichsten Samtgrün ..."
Guteborn mit seinem Park am "Guten Born", dem ehemaligen Schlosspark, liegt im südlichen Teil des Kreises Oberspreewald-Lausitz. Der Ort nimmt eine Zentrale im Bereich der glazialen Hochfläche zwischen dem Lausitzer Grenzwald und dem Urstromtal im Norden und der Endmoräne im Ortrander Raum aus der Saale / Eiszeit im Süden ein. Vorherrschendes Element sind große Wälder mit zahlreichen Teichen. Die Höhe weist ein leichtes Süd - Nord - Gefälle von 125 Metern auf. Die Länge des Dorfes beträgt ca. 1,5 Kilometer.
Nicht jeder hat das außerordentliche Glück in einem Schloss geboren zu werden und dazu noch an einem Sonntag. Somit stand der Start in dieses Leben schon einmal unter einem guten Vorzeichen.
So erblickte ich das Licht der Welt, nackt und namenlos. Der Name wurde allerdings schnell gefunden, eigentlich stand er schon vor der Geburt fest. Erhard (Erhard der III). Mein Vater gab mir diesen Namen, in der Hoffnung das diesem Erhard ein längeres Leben beschieden wird. Der erste, der diesen Namen trug, war der Bruder meines Vaters. Er ist an der Ostfront gefallen, knapp dreißigjährig. Erhard, der zweite, war ein Sohn meines Vaters aus erster Ehe. Er und weitere vier Geschwister sowie die erste Frau wohnten in der Moritzstrasse in der Dresdner Innenstadt. Die Familie ist am 13. Februar beim Luftangriff auf Dresden umgekommen, verbrannt.
Mein Vater sprach über diese Zeit sehr selten und ich weiß darüber wenig. Mir ist bekannt, dass er 1939 zur Wehrmacht eingezogen wurde, als Sanitäter diente und dass er kurz vor Kriegsende in russische Gefangenschaft geriet. Er wurde verschleppt und bis ans Kaspische Meer gebracht, ihm wurden die Goldzähne ausgeschlagen, er wurde misshandelt. Er litt an schweren Krankheiten - Ruhr und Malaria. 1948 kam er aus der Gefangenschaft nach Deutschland zurück, krank, abgemagert und völlig mittellos. In Dresden angekommen stand er vor den Trümmern seines Lebens, vor dem Nichts. Die Familie ausgelöscht, kein Zuhause, ohne Hab und Gut.
Was für Potential und Willensstärke muss in einem Menschen stecken, um alle diese Dinge verkraften zu können? Von vier Geschwistern meines Vaters überlebte nur ein Bruder den Krieg, auch er musste einen hohen Preis bezahlen. Schwer verletzt durch Granatsplitter wurde ihm ein Bein amputiert. Bei diesem Bruder Werner, der in Neukirch in der Lausitz lebte, fand mein Vater für einige Zeit Obdach.
Durch ein Inserat, dass der Vater meiner Mutter in einer Lausitzer Zeitung aufgab, kam es zu einer ersten Begegnung meiner Eltern. Und am 1. Januar 1949 fand die Hochzeit statt.
Die Familie meiner Mutter lebte in der Nähe von Ruhland. Meine Mutter hatte zwei Brüder und zwei Schwestern, die alle den Krieg überlebten. Mein Grossvater mütterlicherseits, Gustav Friedrich, war bis Kriegsende Oberförster bei den Herrschaften Ulrich Prinz von Schönburg-Waldenburg und Pauline Prinzessin von Schönburg-Waldenburg, die zu dieser Zeit das Schloss Guteborn bewohnten.
Nach dem Krieg war der Grossvater Förster in einem anderen Revier und wohnte mit seiner Familie im Forsthaus in Wiednitz, wo auch meine Eltern, meine Geschwister und ich für einige Zeit lebten.
1957 zog unsere Familie in die Stadt nach Dresden, in die Dresdner Neustadt. Ein Gebiet mit vier- und fünfstöckigen Häusern. Ein Haus an das andere gebaut, mit ein bis zwei Hinterhäusern und -höfen, mit teilweise breiten Hauseingängen in engen Straßenschluchten. Häuser aus der Gründerzeit, um die Jahrhundertwende erbaut und von den Luftangriffen auf Dresden relativ verschont geblieben - ein Ghetto mit mehreren tausend Menschen auf wenigen Quadratmetern. Die Wohnung bekam mein Vater über die Firma in der er damals arbeitete. Erdgeschoss, zweieinhalb Zimmer, Küche und Außentoilette über den Flur, vor dem Kellerabgang. Ein großes Haus mit Hof und Hinterhaus, vier Etagen. Vierzehn Familien bewohnten das Vorderhaus, sechzehn Familien das Hinterhaus. Zeitweise lebten 45 Kinder vom Kleinkindalter bis zum Jugendlichen im Haus Nummer 25 auf der Kamenzer Straße in der Dresdener Neustadt.
Im Vorderhaus neben dem Hauseingang war eine Bäckerei, die Backstube und eine Glaserei befanden sich im Hof, wo wir Kinder tagsüber spielten. Von 1957 bis 1977 habe ich in dieser Wohnung, in diesem Haus in der Dresdner Neustadt gewohnt, dort habe ich meine Kindheit und Jugend verbracht und ich hatte meine Träume und Sehnsüchte von einem anderen Leben.
Die Erinnerungen an meine Kindheit reichen zurück bis ins Jahr 1959, als ich dreijährig war. Es sind nur Fetzen, die an mir vorüberziehen, dennoch sind es Bilder, die sich im Inneren tief eingeprägt haben.
Ich war ein Kind mit weißblonden Haaren , dünn, mit einem viel zu großen Kopf für diesen schmächtigen Körper und ich war nach Aussage einiger Mitmenschen ein freundlicher Knabe der es, wenn ich es heute überlege, faustdick hinter den Ohren hatte, was allerdings die Erwachsenen selten bemerkten. Ich verstand es, mich mit älteren und größeren Kindern zu umgeben und die Leute zu manipulieren, mir Glauben zu schenken, wenn es um die Verantwortung für manche Streiche ging. Die einhellige Meinung lautete dann meistens: ,,Das war dor ni dor Gleene.''
Außerdem war ich recht beliebt. Im Streit darum, wer mit mir spielen darf, schlug meine Schwester Dagmar meiner Schwester Erika mit einem Holzhammer ein Loch in den Kopf, womit sich ihr Vorhaben von selbst erledigte. Meine Geschwister behaupten heute noch, dass sie für mich die Prügel einstecken mussten und ich der Liebling meines Vaters war. Auch meine Mutter erzählte ihr Leben lang, was ich für ein lieber Junge war: ,,Der hadd so scheen geschbield, den habb'sch garni gemergd!'' Wie sollte sie auch, war meine Mutter doch schwerhörig, wodurch ihr oft mein Unmut verborgen blieb.
Meine Schwestern wurden 1951 und 1952 geboren. Zum Zeitpunkt unseres Umzuges in die Stadt waren sie also sechs und fünf Jahre alt. Sie waren das Landleben gewohnt. Aufgewachsen in fast unberührter Natur, umgeben von Wald und Tieren, ohne Verkehr und ohne Altersgenossen, gegen die sie sich durchsetzen mussten. Auf ihren kleinen Bruder mussten sie nur flüchtig aufpassen, wenn der sich auf dem Grundstück bewegte, war das überschaubar.
Anders in der Stadt. Die Gewohnheiten hatten die beiden vom Land. Jedes Dreckloch, jede Pfütze nahmen sie mit und sie benutzten nicht etwa die Wohnungstür als Ein- und Ausgang, sondern sie stiegen mit ihren ,,Dreckfüßen'' durch die Fenster in die Wohnung, was kein gutes Licht auf die Familie warf. Meine Erinnerung an diese Zeit beschränkt sich darauf, dass ich in unserem großen Wohnzimmer auf einer Couch mit einer Lehne aus Holzgitterstäben lag und genüsslich aus einer Glasbabyflasche Milch trank, den Geruch dieses Saugers in Verbindung mit der warmen Milch habe ich heute noch in der Nase.
Hinter dieser Couch befand sich eine schwarze Mehrfachsteckdose, die ich eines Tages untersuchen musste. Mit den kleinen, dünnen Fingern konnte ich Kontakt zum Inneren der Dose herstellen und durch den Stromschlag flog ich in hohem Bogen von der Couch. Dieses Erlebnis hat mir mein Leben lang sehr viel Respekt vor Strom eingeflößt.
Es gab noch eine weitere Begebenheit aus dieser Zeit. Im Frühjahr öffnete meine Mutter manchmal das Küchenfenster, um das Treiben auf der Strasse zu beobachten. Wir wohnten, wie schon erwähnt, im Erdgeschoß. Das Fensterbrett ca. 1,50 m über dem Erdboden. Wenn Mutti zum Fenster rausschaute, durfte ich manchmal auf dem Fenstersims sitzen, die Beine nach draußen herabhängend und sie umschlang mich mit einem Arm. Ich wollte auch sehen, was auf der Straße los ist und blieb nicht still sitzen, wie mir angeraten wurde. Also entglitt ich der Umklammerung meiner Mutter und fiel kopfüber auf den harten Gehweg. Zum Glück trug ich keinen größeren Schaden davon, außer dem, der mir bis heute geblieben ist. Ich schrie, Mutter stand am Fenster wie gelähmt. Ein vorübergehender Passant hob mich auf und reichte mich zurück durchs Fenster, meiner Mutter in die Arme, die mich daraufhin sehr fest hielt und an sich drückte und mir immer wieder über meinen Kopf strich, an dem sich eine grosse Kugel gebildet hatte. Es wurde noch etwas gestreichelt und geblasen und damit war alles gut. Ich wurde zu Bett gebracht und schlief friedlich ein. Schon nach kurzer Zeit wachte ich auf und das Mittagessen machte sich bemerkbar, was ich dann auch prompt von mir geben musste. Das war in dieser Nacht noch eine neue Erfahrung. Am nächsten Morgen war ich zwar etwas benommen und geschwächt und es stank im ganzen Schlafzimmer doch so ging auch der Alltag eines Kleinkindes wie gewohnt, weiter. Sicherlich hatte ich bedingt durch den Sturz eine Gehirnerschütterung, da ich aber wieder auf den Beinen war, nirgends blutete, maß man dem Ereignis keine größere Bedeutung zu und ein Arztbesuch schien nicht erforderlich.
Die Zeit meiner lückenlosen Erinnerung begann Anfang der sechziger Jahre. Es war das Jahr 1961, ein sehr turbulentes Jahr der deutschen Geschichte. Das Jahr, in dem Deutschland geteilt wurde, als man in Ostberlin die Mauer errichtete.
Für mich war es eine schöne, unbedarfte Zeit. Den ganzen Tag konnte ich damit verbringen zu spielen und herumzutollen. Ich hatte zwar kaum Spielsachen, doch irgendwie war ich schon sehr früh kreativ. Im ersten Hinterhof unseres Wohnhauses war die Werkstatt vom Glaser Mehner, dem ich oft bei der Arbeit zuschaute. Herr Mehner war schon ein alter Mann, der stets nett und freundlich war. Der alte Mehner hat auch Fenster gebaut. Ich liebte den Geruch von Holz und Fensterkitt und aus den Säge- und Hobelspäneabfällen durfte ich mir oftmals ,,Klötzel'' aussuchen, mit denen ich dann Strassen, Autobahnen, Schiffe und Hafenanlagen baute. Mit meinen wenigen Spielzeugautos und Holzmännlein konnte ich mich stundenlang beschäftigen. Ein Kinderzimmer gab es nicht. Meine Bauwerke errichtete ich in der ,,Stube'' (so wurde unser Wohnzimmer genannt). In dieser Stube spielte sich alles ab. Dort wurde gegessen, gelesen, geschrieben, gespielt und gewaschen. Nicht die Wäsche, sondern der Körper. Dazu wurde in der Küche auf dem Ofen Wasser gekocht und in einer großen Zinkwaschschüssel, die man im Wohnzimmer auf einen Hocker stellte, wusch man sich. Auf den Tisch, wo auch die Mahlzeiten eingenommen wurden, stellte mein Vater morgens einen Holzkasten, den man aufklappen konnte und in dem ein Spiegel im Deckel war. In diesem Kasten waren die Utensilien, die er für seine morgendliche Rasur benötigte. Ich spielte an dem gleichen Tisch, nicht etwa am Boden. Manchmal, wenn ich gerade meine ,,Bauwerke'' fertiggestellt hatte, hieß es plötzlich: ,,Disch abräum, s'wird gegessn.'' Fast immer holte ich mir von meinen Geschwistern, die schon zur Schule gingen, Bleistift und Papier und machte mir von meinen gebauten Werken eine Zeichnung, um nach dem Essen dort weiter zu spielen, wo ich aufgehört hatte. So lief es ab, wenn draussen schlechtes Wetter war, oder im Winter.
Die kalte Jahreszeit habe ich nie gemocht. In der Schlafstube in der ich mit meinen Eltern schlief, hatten wir oft Eisblumen an den Fenstern und die Fensternischen hatten einen weißen Überzug. Oft war das Bett so kalt, dass mir die Zähne aufeinanderschlugen. Das ,,zu Bett gehen'' hatte für mich immer eine Art Schockwirkung. Meistens bekam ich eine Wärmflasche ins Bett und meine Mutter kam, um mich ,,einzumummeln''. Dabei wurden die Enden der Bettdecke links und rechts unter das Kopfkissen geschoben und dann sagte ,,Mutti'' (so wurde sie von uns genannt): ,,Du musst gans ruhsch liegn und ins Bedde bubsn, da wird's schnell woarm.''
In diesem Jahr 1961, also mit fünf Jahren, machte ich schon meine ersten politischen Erfahrungen.
Wir hatten in den Abendstunden oder sonntags oft Besuch, Besuch von Freunden meines Vaters oder von Tanten und Onkel. Ich habe mich immer sehr still verhalten, spielend unterm Tisch oder in einer Ecke (meistens vor dem Kachelofen) gesessen und ich habe den Gesprächen gelauscht, welche die Erwachsenen führten. Herbert, mein Vater, war ein sehr emotionaler, impulsiver Mensch. Es wurden meistens politische Themen diskutiert, vor allem die weltpolitische Lage wurde immer wieder erörtert. Mein Vater, so konnte ich heraushören, war mit seinem Leben unzufrieden. Er war unzufrieden darüber, dass er im östlichen Teil Deutschlands leben musste und das er die Chance verpasst hat, in den Westen zu gehen. Irgendwann in den dreißiger Jahren war er auf ,,Wanderschaft‘‘, mit 4,20 Reichsmark verliess er seine Heimatstadt Löbau und nach 3 oder 4 Jahren kehrte er mit 840 Mark (damals viel Geld) heim. Während dieser Zeit war er auch in Hamburg. Und er war vor einem Schiff gestanden, das in See stach nach Amerika. Damals hörte ich aus dem Munde meines Vaters oft den Satz: ,,Hätte ich die Chance doch wahrgenommen, wäre ich doch nach Amerika gegangen.‘‘ Diese ,,Entschlussneurose‘‘ meines Vaters sollte mein späteres Leben prägen.
In unserer Stube stan ein Rundfunkgerät, das hatte an der Vorderfront ein ,,magisches‘‘ Auge. Für mich war es immer faszinierend, wenn das Radio eingeschaltet wurde und es eine Zeit lang dauerte bis das Auge ganz grell grün leuchtete. Erst dann war es möglich, diesem Kasten Töne zu entlocken. Wir Kinder wurden sehr früh damit vertraut gemacht, den Sender der an dem Gerät eingestellt war, ganz leise zu hören. Von den neuen Machthabern im Osten war es bei Strafe verboten Westsender zu hören. In unseren vier Wänden wurden nie Ostsender gehört. Was mein Vater den Nachrichten vom Deutschlandfunk oder der Deutschen Welle entnahm, durften wir nicht nach draußen tragen. Das wurde uns immer wieder eingeschärft und strikt verboten. Mein Vater war in dieser Zeit oft zu Hause. Ich kann mich nicht erinnern, ob er keine Arbeit hatte oder ob er krank war. Ich habe es als Kleinkind genossen, wenn mein Vati daheim war. Ich war dann oft mit ihm unterwegs und er hat sich viel mit mir beschäftigt, er nahm mich mit, wenn er irgendwelche Termine hatte, zum Beispiel Arztbesuche. Ich weiß, dass er in Behandlung bei einem Nervenarzt war. Darunter konnte ich mir gar nichts vorstellen und ich dachte mir immer, warum geht er dahin? Nerven - so etwas konnte ich nicht sehen und nicht anfassen.
Ich erinnere mich, dass er Anfang der 60er Jahre in einer Nervenheilanstalt in Arnsdorf bei Dresden war. Allgemein, unter uns Kindern bekannt als ,,Klappsmühle‘‘, dort wo die Verrückten sind. Sonntags fuhr unsere Mutter mit uns im Zug nach Arnsdorf unseren Vater besuchen. Meistens holte er uns am Bahnhof ab und wir verbrachten den Sonntag gemeinsam, wir gingen in den schönen Parkanlagen spazieren oder wir saßen im Zimmer und unser Vater erzählte vom Leben in diesem Haus, von den Behandlungen, davon, dass er sich besser fühlt. Ich hatte dafür kein Verständnis, weil ich immer meinte, mein Vater ist doch nicht krank.
In Arnsdorf habe ich dann das erste Mal aus meiner kindlichen Sicht ,,verrückte‘‘ Menschen gesehen, die eingesperrt waren hinter hohen Maschendrahtzäunen, wo die Fenster vergittert waren, wo erwachsene Menschen mit Puppen gespielt haben und komische Laute von sich gaben.
Wenn wir bei schönem Wetter sonntags in den Parkanlagen spazieren gingen, dann hatten wir besonderen Spaß weil unser Vater, um uns zu erheitern, die Verrückten erschreckte. Dazu riss er ein Blatt von einer Buchenhecke (die eigneten sich am besten), das legte er flach auf seine linke, zur Faust geballten Hand, wobei er zwischen Daumen und Zeigefinger einen Hohlraum entstehen ließ und mit der rechten Hand schlug er kräftig auf das Blatt auf seiner linken Faust - dadurch entstand ein Knall und die Verrückten erschreckten sich und gaben schreiende Laute von sich. Darüber haben wir uns lustig gemacht und gelacht und ich habe dann immer und immer wieder Blätter abgerissen, die ich meinem Vater brachte, um den Vorgang zu wiederholen.
Irgendwann in diesem Jahr kam der Sommer, der für uns damals schon im April begann. Es war die Lederhosenzeit. Sobald die Aussentemperaturen über zehn Grad Celsius lagen, wurden mir morgens kurze Hosen verpasst - die geliebten Lederhosen. Und wenn es noch etwas zu kalt war an den Beinen, bekam ich ein getragenes Leibchen mit Strumpfhaltern meiner Schwestern, dazu gerippte braune Baumwollstrümpfe, die an die Strumpfhalter angeknöpft wurden und die Kälte war kaum noch spürbar. Heute denke ich, alle Jungs trugen Lederhosen, um ihre Mütter zu entlasten. In dieser Zeit gab es noch keine Waschmaschinen. Die Mütter wuschen die Wäsche entweder daheim in der Küche in einer grossen Holz- oder Zinkwanne, oder im Waschhaus, das in jedem Haus vorhanden war. Die Chance, dass die Wäsche im Waschhaus gewaschen werden konnte, war sehr gering - bei 30 Familien mit insgesamt 45 Kindern. Also wurde in der Küche der Kohleofen eingeheizt. Auf dem Ofen wurde die Wäsche in einem grossen, hohen Topf gekocht, anschliessend in die Wanne gegeben und mehrmals gespült. Stark verschmutzte Wäsche rieb man mit Kernseife ein und rubbelte sie über ein Waschbrett, welches in der Wanne stand. Vor lauter Dampf in der Küche, war manchmal die Mutter hinter der Waschwanne kaum zu erkennen. Nach solch einem Waschtag, nachdem alles verräumt und der Dampf abgezogen war, wischte unsere Mutter gewöhnlich die Küche aus. Sie hatte dafür einen schweren Zinkeimer, einen Schrubber und einen Scheuerlappen. Ich weiß, dass es draußen schon dunkel war und irgendwie hatte ich wohl eine Auseinandersetzung mit einer meiner Schwestern. Wahrscheinlich war ich in diesem Moment doch nicht so brav, denn meine Schwester wollte mir eine dachteln‘‘ Ausdruck für eine Schelle geben). Ich musste also vor ihr flüchten, um dem zu entgehen. Also rannte ich in die Küche und wollte hinter meiner Mutter, die zur damaligen Zeit ziemlich breit war, Schutz suchen. Der Küchenboden war noch feucht, ich rutschte aus und fiel hin. Es war ein unglücklicher Sturz. Ich traf genau auf den Bügel des Zinkeimers, der sich in meine Stirn bohrte. Mir wurde sehr warm im Gesicht von dem Blut das aus der Wunde trat. Für einen kurzen Moment brach Panik aus, ich schrie, meine Schwester schrie ,,ich kann nichts dafür, ich kann nichts dafür.‘‘ Die Mutter schrie. Ich weiß nicht mehr, wer die Situation unter Kontrolle brachte und erste Hilfmaßnahmen einleitete. Mir wurde ein Tuch auf die Wunde gedrückt, einer der im Hausflur herumstehenden Kinderwagen (heute Buggy genannt) wurde hergeholt in den wurde ich hinein verfrachtet und in Windeseile fuhr man mich ins Diakonissen-Krankenhaus an der Elbe. Dort war dann auch mein Vater zugegen, der mir immer wieder einschärfte nicht zu weinen und tapfer zu sein. Nun, ich habe es überstanden. Die Wunde wurde geklammert und ich bekam einen weißen Turban auf. Die Verletzung verheilte rasch, zurück blieb eine Narbe, durch die ich gekennzeichnet war.
In meinem ersten Personalausweis, den ich im Alter von 14 Jahren bekam, wurden besondere Kennzeichen noch vermerkt und da hieß es: ,,Besondere Kennzeichen: Narbe auf der Stirn.‘‘ Einige Jahre später wurde der Eintrag fallen gelassen, vielleicht auch, weil die Narbe verblasste.
Doch zurück zum Waschtag: In Haushalten, die schon etwas fortschrittlicher waren, gab es ein Gerät mit mehreren Gummirollen und einer Kurbel an der Seite, wo nach dem Spülen die Wäsche durchgedreht wurde, um das verbliebene Wasser herauszudrücken. Man nannte dieses Teil eine Wäschemangel, die Vorstufe der später aufkommenden elektrischen Wäscheschleudern. Unsere Mutter drückte die Wäsche noch mit der Hand aus, bevor sie dann im Hinterhof zum Trocknen auf die Leine gehängt wurde. In dem Teil des Hofes, wo der Wäscheplatz unserer Familie war, standen die Futtertonnen. Das waren Holzkübel, in die von allen Hausbewohnern die Küchenabfälle hineinkamen. Sobald es Frühling wurde und die Temperaturen anstiegen, entwickelte sich ein permanenter Geruch, der sich noch verstärkte, wenn es zur Leerung der Tonnen kam. Zum Ausleeren der Tonnen fuhr aller zwei Wochen ein Kutscher mit einem Pferdegespann und einem großen Holzwagen vor, auf den die Abfälle geschüttet wurden. Beim Hinaustragen der Holzkübel vom Hof durch den Hausflur auf die Straße entstand eine stinkende Spur heraustropfenden Saftes. Und dieser Gestank schlug sich in der frischen, luftgetrockneten Wäsche nieder. Manchmal hatten die Kleidungsstücke auf der Wäscheleine auch einen leicht rötlichen Staubüberzug, meistens dann, wenn es windig war. In einer anderen Ecke des Hinterhofes gab es eine Grube mit einem Eisendeckel. Dorthinein gaben die Bewohner der Häuser die durch das Heizen mit Holz und Kohle angefallene Asche. Dieser Staub verteilte sich auf dem gesamten Grundstück. Bedingt durch die ,,Futterkübel‘‘ und die ,,Aschegrube‘‘ gab es in unseren Häusern viele Kleintiere, Mäuse und Ratten.
Ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf die Kleidung zurückkommen. Für meine Eltern war es ein Glück, dass ich sehr langsam wuchs. Musste doch höchstens aller 2 bis 3 Jahre eine neue Lederhose gekauft werden. Die Lederhose wurde ausgeklopft, feucht abgerieben und aufgerauht. Es war in meiner Kindheit ganz selten, dass ich ein neues Kleidungsstück bekam. Die meisten Sachen erhielten wir von anderen Leuten mit größeren Kindern und wir trugen diese Sachen auf. Für unsere Eltern war es eine schwere Zeit. Geld war sehr knapp und jeder Pfennig wurde mehrmals umgedreht, bevor er ausgegeben wurde. Vater hatte meist nur kurzfristige Arbeitsstellen und unsere Mutter ging ab Anfang der 60ger Jahre stundenweise zum Putzen.
Gegenüber unserer Wohnung mündete die Schönfelder Straße in die Kamenzer Straße. An der linken Ecke befand sich ein Eisenwarenladen - Eisenwaren Erich Werner ein Geschäft, in dem es Schrauben, Nägel, Haken, Ösen und Werkzeuge gab - von uns genannt: ,,der Eisenwerner‘‘. Der Eisenwerner war ein sehr großer Mann, sicher zwei Meter. Wenn irgendjemand meiner Freunde merkte, der Eisenwerner holt sein Motorrad aus dem Hof (eine grüne Maschine, Fichtel und Sachs), dann versammelten wir uns alle vor unserer Haustür, um dem Schauspiel beizuwohnen. Er sah so lustig aus, wenn er sein Motorrad startete und wegfuhr. Herr Werner trug dann eine dunkelgrüne Motorrad-Lederkappe und eine große Motorradbrille. Die Lederkappe trug er offen und die Ohrenklappen standen fast waagerecht von seinen Ohren weg, die ebenfalls sehr groß waren und vom Kopf abstanden. Wir mussten schon über dieses Aussehen lachen. Noch lustiger wurde es, wenn er seine Maschine startete. Irgendwie trat er mit einem Bein auf das Startpedal und gleichzeitig schlug er das andere Bein nach hinten aus in eine enorme Höhe. Den Startvorgang wiederholte er mehrmals, ehe das Motorrad ansprang. Und jedes Mal kugelten wir uns vor Lachen.
An der rechten Ecke Kamenzer/Schönfelder Straße befanden sich ebenfalls Geschäftsräume, in denen sich damals eine Werbeagentur befand. Dort wurden Werbetafeln, Plakate und Schrifttafeln gemacht. In dieses Geschäft ging unsere Mutter täglich ein paar Stunden zum Putzen. Ein Haus weiter, in der Schönfelder Straße war der Kramerladen von Strobels, ein Geschäft mit Kaffeerösterei. Bei Strobels gab es fast alles, Süssigkeiten, Kaffee, Brot, Getränke, Gewürze und viele andere Dinge. Wenn Kaffee geröstet wurde, dann lag ein ganz besonderer Duft über unserem Viertel, der den täglichen Gestank völlig abdeckte. Ich liebte schon damals diesen Geruch und den Geruch von frisch gemahlenem Kaffee. Das erklärt auch meine Liebe zu diesem Getränk, die bis heute nicht verlorenging. Als Sechsjähriger trank ich schon regelmässig Kaffee, mit Milch und Zucker.
Einmal war ich mit meiner Tante Erna und meiner Mutter unterwegs und die Tante lud uns ein in ein Café. Die Bedienung kam und fragte nach unseren Wünschen. Jeder dachte nun, dass ich eine Limonade oder einen Kakao bestelle, aber ich sagte, ich möchte einen Kaffee. Die Bedienung sah mich fragend an und dann meine Mutter und die Tante. Ich bekam den Kaffee - mit viel Milch, sehr zum Unmut umhersitzender Gäste, die es nicht verstanden, wie man einem kleinen Kind Bohnenkaffe verabreichen kann.
Auf unserer Straße waren zur damaligen Zeit viele Geschäfte und tagsüber herrschte immer emsiges Treiben. Wenn man von der Louisenstraße in die Kamenzer Straße einbog, befand sich an der einen Ecke das Hotel Stadt Rendsburg, auf der gegenüberliegenden Seite war der Friseur Bochmann, der meinem Vater und mir die Haare schnitt. Daneben waren Ausstellungsräume des Möbelhauses Ehrlich. Ein paar Meter weiter war ein großes Fischgeschäft, wo damals im Fenster noch ein Aquarium stand, in dem immer Karpfen schwammen. Gleich daneben war die ,,Hruschka‘n‘‘, auch ein Kramerladen, bei der gab es rote Limonade, die ich sehr gern mochte. Gegenüber war die Klavierfabrik Thierbach, die bauten und reparierten Klaviere. Vor der Fabrik standen häufig Russenautos, die brachten und holten Klaviere. Die Autos hat man sofort am Geruch erkannt. Das Benzin, mit dem die Russen fuhren, hatte einen sehr eigenartigen Geruch. Meistens waren es Gruppen von Soldaten, die mit den Autos mitkamen und deren Uniformen rochen ebenfalls fremd, wie Pflaster, nur noch stärker. Zur Fabrik gehörte ein Schauraum, wo einige Pianos und Flügel standen. In diesem Raum saß manchmal ein kleiner, untersetzter, blinder Mann. Er wohnte bei uns auf der Strasse, einige Häuser von unserem entfernt. Der Mann hatte immer einen Hut auf, er trug eine dunkle Brille mit großen Gläsern und er hatte stets eine Zigarre im Mund. Mit seinem weißen Stock tastete er sich bei uns die Straße entlang, bis zum Thierbach, bei dem er dann im Schauraum die Klaviere stimmte.
Schräg gegenüber von uns, im Haus vom Eisenwerner und genau gegenüber von unserem Bäcker Johne, war der Milchladen Erxleben. Herr und Frau Erxleben waren nette Leute und lieb zu uns Kindern. Herr Erxleben war ein feiner Mann, immer gut gekleidet und stets im weißen Mantel mit Hemd und Krawatte. Manchmal schickte er mich zum Zigarettenholen, Marke ,,Sonne‘‘ in ein Tabakgeschäft auf der Louisenstraße. Als Belohnung durfte ich mir in seinem Geschäft etwas aussuchen. Neben den Molkereiprodukten gab es auch verschiedene Süßigkeiten. Der Erxleben hatte Karamelstangen, die ich gern mochte. Mit solcher habe ich mir meine Dienste ,,bezahlen‘‘ lassen.
Neben dem Milchladen hatten wir den Gemüseladen Pfeiffer. Vor dem Geschäft war auf Holzböcken eine große Tafel, die nach vorn schräg abfiel und auf der sämtliches angebotenes Obst und Gemüse angepriesen wurde. Damit man die Holzböcke nicht sah, war über die Tafel bis fast zum Boden eine Plane gelegt. Unter diese Plane sind wir manchmal geschlüpft und wenn wir uns unbeobachtet fühlten, haben wir unter der Plane hervor in die Obststiegen gegriffen und das verschiedenste Obst probiert, Erdbeeren, Kirschen und Pflaumen, was gerade Saison hatte. Im gleichen Haus von Pfeiffers war auch ein Lampengeschäft, ich glaube mich zu erinnern, daß über dem Eingang eine Tafel hing, auf der geschrieben stand: Vogel & Scheuch, und mit kleinen Buchstaben darunter, früher an der Frauenkirche. Deshalb wurde die Inhaberin des Geschäftes von uns Vogelscheuche genannt. Nach Pfeiffers wurde unsere Straße etwas offener. Es kamen größere Grundstücke, wo keine oder nur noch Teile von Häusern standen. Da waren im Krieg Bomben draufgefallen. Man hatte dort Garagen hingebaut und in einem Seitengebäude waren noch zwei Pferdefuhrgeschäfte. Fuhrgeschäft Anders und Fuhrgeschäft Marschler. Daneben befand sich das Baugeschäft Schmieder. Ein sehr fester Mann mit wenig Haaren und einem Pfannkuchengesicht, das stets hochrot war. Der Schmieder fuhr in der damaligen Zeit schon immer große Autos. Die Baustoffe wurden auf dem Grund, wo die Fuhrgeschäfte waren, gelagert. Sand Kies, Steine - für uns Buben ein ideales Terrain zum Spielen. Der Schmieder sah das nicht gern, wenn wir auf den Sand- und Kiesbergen herumliefen und hat uns oft davongejagt. Im Haus Nummer 29 und 31 waren jeweils die Vorderhäuser dem Luftangriff am 13. Februar 1945 zum Opfer gefallen. Dort wo die Vorderhäuser einst standen, gab es nun Grünflächen, die wir auch in Beschlag nahmen. Weiter oben in der Kamenzer Straße war der Gemüseladen Kästner und ein Blumengeschäft. Dann gab es den Sack-Becker. Ein kleiner Laden, wo von der Straße aus einige Stufen in das Geschäft führten. Der Sack-Becker war auch solch ein Krämerladen. Allerdings hatte der noch ein etwas erweitertes Sortiment. Im Verkaufsraum standen immer Säcke, gefüllt mit Nüssen, Erdnüssen (die es Anfang der sechziger Jahre noch gab!), Hundekuchen, Sonnenblumenkerne usw. Ich aß sehr gern Erdnüsse, deshalb kauften wir auch hin und wieder bei eben diesem Sack-Becker ein.
Da unsere Mutter schwerhörig war, ist es für mich nicht immer einfach gewesen, mich verständlich zu machen. Mutti hat zwar viel vom Mund ablesen können, aber trotzdem nicht immer alles verstanden. Doch es gab ja noch die Möglichkeit der Zeichensprache. Und besonders in Verbindung mit den Erdnüssen erinnere ich mich, wie ich meinen Wünschen Ausdruck verlieh. Das ging so: ich stieß Mutti, bis sie mich ansah. Genervt sprach sie: ,,Was willsdn, schon wiedor?.‘‘ Dann deutete ich mit meinem Zeigefinger auf den Sack mit Erdnüssen, drehte meine Hand und deutete auf meinen Bauch, öffnete meinen Mund und deutete mit dem Finger hinein in den Mund. Wenn es irgendwie ging bekam ich eine Tüte Erdnüsse.
Gegenüber vom Sack-Becker war ein Geschäft in dem es Textilien, Berufskleidung, Socken, Wolle, Garn, Nähzeug usw. zu kaufen gab. Die Inhaber hießen Gebelein. Daneben war der Fleischer Hammer, dann kam eine Kreuzung, die Sebnitzer Straße. Auch an dieser Straßenkreuzung befand sich an jeder Ecke ein Geschäft. Eine Bäckerei, Woldemar und Schmidt, (Woldemar und Schmidt hatten eine Fabrik, wo Spirituosen hergestellt wurden), gegenüber war die Drogerie Bulander und an der vierten Ecke war Zienerts Gaststätte, eine Bierkneipe aus der es immer eklig nach Bier und Schnaps und Zigarettenrauch roch. Nach der Kreuzung in Richtung Bischofsweg waren noch weitere Geschäfte. Der Schreibwarenladen Schwaer, Bäckerei Claudius, ein weiterer Fleischer, eine Samenhandlung und nochmals ein Milchladen, ein weiterer Friseur und danach, an der Ecke Bischofsweg, die ,,Papageienschänke‘‘, ein Speiserestaurant. Der Bischofsweg war eine breitere Straße und er hat geschichtliche Bedeutung. Die Straße soll ein alter Handelsweg gewesen sein zwischen dem Bistum Meissen und Bautzen, auf der auch die Bischöfe unterwegs waren, so glaube ich mich zu erinnern. Die Kamenzer Straße geht dann noch zwei bis dreihundert Meter weiter, schneidet die Nordstraße und mündet in den Priesnitzgrund, ein großes Waldgebiet und ist auf dem letzten Stück nur noch einseitig bebaut. Auf der anderen Seite ist ein riesiger freier Platz mit Grünflächen und Park ähnlichen Anlagen. Vor dem Krieg auch Zeppelinlandeplatz. Der Platz ist der Alaunplatz und für uns Kinder war es der ,,Laulau‘‘. Dort sind wir oft herumgestromert. Dort sind wir Roller und Fahrrad gefahren, haben Drachen steigen lassen, waren im Winter rodeln. Dort haben wir Fuß- und Radball gespielt, dort hatte ich meine ersten Treffen mit Mädchen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes waren Kasernen der Russen, wo wir die ersten Zigaretten geraucht haben. Dort hatte ich Erlebnisse, zu deren Schilderung ich an anderer Stelle kommen werde.
In unserem Nachbarhaus war lange Zeit die Fleischerei Pohland (dor Bouland), die irgendwann geschlossen wurde. Der Fleischer hatte wenig Kundschaft und ich hatte Angst vor ihm, weil es hieß: er hat die Wurst vergiftet und er ist ein ,,Menschenfresser‘‘. Damals war ich eben noch sehr leichtgläubig. In dem Fleischerladen wurde später eine Sammelstelle für Flaschen, Gläser und Altpapier eingerichtet. Wir Kinder sind oft zum Flaschensammeln gegangen. Bei Wind und Wetter zogen wir mit einem kleinen Handwagen (Rollfix genannt - ein Eigenbau unseres Vaters) durch die Straßen und klingelten, vom Erdgeschoß bis jeweils in die vierte oder fünfte Etage, bei den Leuten, um zu fragen: ,,Hamse Flaschn, Gläser odor Babier?‘‘ Von einigen bekamen wir etwas, von anderen nicht. Es gab sehr nette und freundliche Menschen, von denen wir manchmal auch etwas Süßes oder Geld bekamen. Es gab aber auch unfreundliche Leute, die zudem kein Verständnis für uns hatten. Oft musste ich meinen Schwestern bei diesen Sammelaktionen beiwohnen und tragen helfen. Ich war damals noch sehr klein und es war anstrengend, in jedem Haus vom Erdgeschoss bis in die vierte oder fünfte Etage zu steigen. Ich erinnere mich, einmal schwarze Schnürschuhe angehabt zu haben, die in einem schlechten Zustand waren. Bei einem Schuh schaute der grosse Zeh durch und die Kappen an den Fersen waren heruntergetreten. Es regnete und die Füße in den Schuhen waren nass. Ein Schuh rieb so stark an meiner Ferse, daß ich eine große Blase hatte, die ganz schwarz war. Es tat so weh und ich habe die ganze Zeit geweint und gewimmert. Die Sammlung wurde fortgesetzt, bis alle Häuser abgeklappert waren. Erst dann durfte ich mich auf den Wagen setzen und meine Schwestern zogen mich heim.
Das was wir zusammen getragen hatten, brachten wir anschließend zur ,,Flaschenjuhle‘‘ (die Frau in der Annahmestelle). Die Flaschenjuhle war eine alte schmuddelige Frau, spindeldürr mit langen weissen, ganz dünnen Haaren und einem hässlichem Gesicht mit Schlupflidern. Ausserdem hatte sie eine ganz tiefe Stimme und sie trug Männerhosen. Über die dünnen gelben Finger mit eklig gelben Nägeln, trug sie Handschuhe, an denen die Fingerkuppen abgeschnitten waren. Sie sprach sehr laut und sie rauchte ständig. Pro Glas und Flasche bekamen wir 5 Pfennige, für 10 kg Papier zehn Pfennige. Die Flaschenjuhle hat sich gern zu ihren Gunsten verrechnet.
Von dem Geld, was meine Geschwister ausgezahlt bekamen, gaben sie einen Teil meiner Mutter, der Rest wurde geteilt. Ich setzte Geld meistens in Kuchen um. Ich hatte eine Vorliebe für Mohnkuchen, den unser Bäcker Johne hervorragend backen konnte. Meine Mutter wusste oft nicht, wo sie das Geld hernehmen sollte, wenn ich sie fast täglich um diese 35 Pfennige anbettelte, für ,,mein‘‘ Stück Mohnkuchen. Wenn sie wirklich gar kein Geld mehr hatte, brachte ich sie soweit, dass sie einen Zettel schrieb mit der Aufschrift ,,bitte anschreiben‘‘ und damit ging ich dann zum Bäcker. Wir ließen nicht nur beim Bäcker anschreiben, sondern auch im Milchladen oder im Gemüseladen. Später habe ich mich immer geschämt, wenn ich zum Anschreiben oder Geldleihen geschickt wurde.
