Sehnsucht nach Sternenstaub - Gudrun Leyendecker - E-Book

Sehnsucht nach Sternenstaub E-Book

Gudrun Leyendecker

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Beschreibung

Sehnsucht nach Sternenstaub Momente der der Vergangenheit Der Roman beginnt im Jahr 1956, acht Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Cora und ihre drei Freundinnen haben als kleine Mädchen viele Träume und Visionen. Das Leben verführt sie, verschiedene Wege zu gehen, die in einer Art Sackgasse zu enden scheinen. Haben sie trotzdem so viel Beharrlichkeit, im Laufe des Lebens wenigstens zur Erfüllung eines einzigen Traumes zu gelangen?

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Seitenzahl: 177

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Sehnsucht nach Sternenstaub

Inhaltsangabe: In der Nachkriegszeit

Cora und ihre drei Freundinnen haben viele Träume und Visionen. Das Leben verführt sie, verschiedene Wege zu gehen, die in einer Art Sackgasse zu enden scheinen.

Haben sie trotzdem so viel Beharrlichkeit,

im Laufe des Lebens wenigstens zur Erfüllung eines einzigen Traumes zu gelangen?

Ähnlichkeiten mit Personen oder deren Namen oder Schicksalen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Die Handlungen sind frei erfunden, lediglich der historische Hintergrund entspricht den Tatsachen.

Gudrun Leyendecker ist seit 1995 Buchautorin. Sie wurde 1948 in Bonn geboren.

Siehe Wikipedia.

Sie veröffentlichte bisher über 70 Bücher, unter anderem Sachbücher, Kriminalromane, Liebesromane, und Satire. Leyendecker schreibt auch als Ghostwriterin für namhafte Regisseure. Sie ist Mitglied in schriftstellerischen Verbänden und in einem italienischen Kulturverein. Erfahrungen für ihre Tätigkeit sammelte sie auch in ihrer Jahrzehntelangen Tätigkeit als Lebensberaterin.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Januar 1956

Kapitel 2: 1. Juli 1956

Kapitel 3: Juli 1956

Kapitel 4: 4. Juli 1956

Kapitel 5: Juli 1956

Kapitel 6: Januar 1960

Kapitel 7: Januar 1960

Kapitel 8: Januar 1960

Kapitel 9: April 1965

Kapitel 10: April 1965

Kapitel 11: Herbst 1965

Kapitel 12: August 1969

Kapitel 13: Bonn, im Frühjahr 1972

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16: 6. Dezember 1989

Kapitel 17: Dezember 2002

Kapitel 18: 6. August 2006

Kapitel 1 Januar 1956

Michaela sah die Freundin vorwurfsvoll an: „Warum kommst du so spät? Ich habe schon die ganze Zeit auf dich gewartet.“

Cora zupfte verlegen an der Spitze ihres dunklen Zopfes, der über ihrem hellgelben Pulli herabhing. „Das lag an Bianca. Meine Mutter meinte, ich sollte sie noch Gassi führen, aber ich war zu faul dazu. Deswegen habe ich sie zur Haustür herausgelassen. Aber das Gartentor stand auf, und sie ist mir abgehauen. Na, dann musste ich erst mal hinterher.“

„Hier in der Wohnung dürfen wir gar keinen Hund halten“, berichtete Michaela. „Und ich glaube, meine Eltern sind auch gar nicht so wild auf Tiere.“

„Ihr könntet doch auch in ein Haus umziehen“, schlug die Freundin vor. „Dein Vater arbeitet doch bei der neuen Regierung. Dafür verdient er doch bestimmt genügend Geld.“

Michaela führte Cora ins Kinderzimmer. „Ja, ich glaube schon, dass mein Vater viel Geld verdient, aber in den anderen Wohnungen ringsumher wohnen auch alle die Kollegen meines Vaters. Man muss hier gar keine teure Miete bezahlen, und mein Papa möchte auch erst einmal etwas Geld sparen. Meine Mama möchte erst einmal, dass wir gut leben können. Sie erzählt mir immer so schreckliche Dinge vom Krieg.“

Die Freundin nickte. „Wir haben Glück, wir beide, dass wir erst später geboren sind. Meine Eltern erzählen mir auch schlimme Geschichten, aber nur, wenn ich sie ganz stark darum bitte. Ich glaube, sie wollen diese Zeiten vergessen, in denen sie gehungert haben und jede Menge Angst hatten. Stell dir vor, an manchen Tagen haben sie gar nicht gewusst, woher sie ein Butterbrot bekamen.“

„Es klingt wie ein Albtraum“ meinte Michaela. „Denn das ist jetzt völlig anders. Zu meiner Geburtstagsfeier morgen gibt es Obstkuchen und Kalten Hund, und hinterher noch Wackelpudding.“

„Hm“, machte Cora. „Lecker! Kalter Hund, das wird doch aus Keksen und einer Schokocreme gemacht. Das gibt es bei uns auch zu Geburtstagen. Und was kann ich dir jetzt noch helfen? Gibt es vielleicht noch Luftballons aufzublasen?“

„Nein, das machen wir erst morgen, damit die Luft nicht schon wieder raus geht. Wir können hier die Servietten rollen und in kleine Ringe stecken. Ich zeige dir gleich auch, wie man aus Luftschlangen Ziehharmonika-Girlanden bastelt. Das ist überhaupt nicht schwer.“

Die Freundin lachte. „Das weiß ich doch, wie das geht. Die werden immer wieder umgeknickt und aufeinandergelegt, immer wieder abwechselnd in zwei verschiedenen Richtungen. Hast du Nicky und Jutta auch eingeladen?“

Das Mädchen seufzte leise und strich sich über den blonden Bubikopf. „Jutta geht doch in die katholische Grundschule, ich glaube nicht, dass sie mit uns feiern will. Ihre Eltern sind da ziemlich streng. Außerdem hat sie überhaupt keine Fantasie, man kann gar nicht richtig mit ihr spielen.“

„Und Nicky? Was ist mit ihr?“

Michaela holte zwei Tütchen mit Brausepulver aus der Schublade. „Ne, die passt nicht zu unserem Kleeblatt. Ist dir das noch nicht aufgefallen, dass sie immer so komisch muffelt?“

„Doch, ja“, gab Nora zu. „Aber sie kann doch nichts dafür. Ihre Eltern haben jetzt so kurz nach dem Krieg noch kein richtiges Zuhause gefunden.“

Die Freundin hob die Augenbrauen. „Ach ja, der Krieg. Meine Eltern reden nicht viel davon, aber es muss schrecklich gewesen sein. Nicht einmal genug zu essen hatten sie. Und wir haben sogar Brausepulver. Hast du Himbeer-Geschmack dabei?“

Michaela grinste. „Nee, die hab ich schon aufgefuttert. Ich habe hier nur noch Waldmeister.“ Sie reichte der Freundin eines der beiden Tütchen. „Aber der schmeckt auch ganz gut. Wie war das eigentlich mit deinen Eltern im Theater? Ihr wart doch in der Weihnachtsvorstellung, oder?“

Cora nickte eifrig. „Oh, ja! Das war im Stadttheater in Bonn. Drinnen sah alles wunderschön aus, aber vor dem Gebäude ist noch ein riesengroßes Loch, da hat mal ein Haus gestanden. Das ist völlig weg, es ist sogar kein Keller mehr dort, und bis vor kurzem hat dort viel Schutt gelegen. Das war schon ein bisschen komisch. Und unheimlich! Und dann auf einmal so viel Glanz im Theater! Die Schauspielerinnen sahen fantastisch aus in ihren glänzenden langen Kleidern. Ich werde auch einmal Schauspielerin.“

„Das würde mir auch Spaß machen“, fand Michaela. „Die sind immer so schön angezogen und auch elegant. Aber sie müssen jede Menge auswendig lernen.“

Cora schüttelte sich etwas Brause auf den linken Handteller und leckte das Pulver mit der Zunge ab. „Ach, das kann man doch schaffen. Alle Leute kamen durch das Dunkel und sind an den Ruinen vorbeigegangen. Sie sahen nicht sehr froh aus, aber dann in der Pause, da habe ich die Menschen beobachtet. Sie wirkten alle so fröhlich, sogar ein bisschen glücklich. Das haben die Schauspieler fertiggebracht. Deswegen will ich das auch einmal machen.“

„Ach so“, meinte Michaela gedehnt. „Ich mag das, weil man sich dann immer so schön verkleiden kann. Weißt du noch, das Märchen, das wir mit meiner Tante gespielt haben? Da wart ihr die Geißlein, und ich war der Wolf. Und ihr musstet so tun, als hättet ihr Angst vor mir. Das fand ich richtig lustig. Und als Wolf habe ich mich ganz toll gefühlt.“

„Ich mich auch“, teilte ihr die Freundin mit. „Ich war das kleinste Geißlein und durfte mich im Uhrenkasten verstecken. Aber so etwas möchte ich natürlich nicht spielen. Die Schauspielerinnen waren so wunderschön. Sie hatten ganz tolle Locken-Frisuren und ihre Haare glänzten.“

„Wie hieß denn das Stück? War das kein Märchen? Ich hatte mal gehört, dass sie dort „Hänsel und Gretel“ spielen.“

„Ja, das spielen sie dort auch, aber mit Gesang. Das ist eine Oper. Manches versteht man dann überhaupt nicht, und ich habe auch jetzt nicht alles verstanden, weil da auch viel gesungen wurde. Aber es war auch irgendeine Liebesgeschichte, und sie hieß: Der Vogelhändler. Sie hatten lauter Käfige mit Vögeln dabei, aber ich glaube, es waren keine echten, nur das Vogelgezwitscher, das kam wohl von einer Schallplatte.“

„Also, singen kann ich nicht so gut“, bekannte Michaela. „Sängerin will ich auf keinen Fall werden. Ich möchte nur Schauspielerin werden, aber dann lieber in einem Film. Das stelle ich mir viel leichter vor. Überleg doch mal! Wenn du dich auf der Bühne versprichst, dann lachen dich alle Zuschauer aus. Aber bei einem Film kann man eine Szene mehrmals machen, bis alles in Ordnung ist. Und das läuft dann alles so glatt ab.“

„Mein Vater möchte nicht, dass ich Schauspielerin werde“, berichtete Cora. „Er sagt, das ist kein Beruf, bei dem man immer so viel Geld verdient, dass man auch davon leben kann. Aber das glaube ich ihm nicht. Wenn ich gut bin, werde ich einmal eine ganz berühmte Schauspielerin.“

„Ich auch. Aber ich habe mit meinen Eltern auch noch nicht darüber gesprochen. Mein Vater hat jetzt so viel mit der Politik zu tun, und meine Mutter hat bis vor kurzem noch überlegt, ob sie wieder als Lehrerin arbeiten soll. Aber jetzt will sie doch lieber zu Hause bleiben und dafür sorgen, dass es in unserer Wohnung schön aussieht, und wir Geschwister immer auch fleißig unsere Hausaufgaben machen.“

„Aber du bist doch gut in der Schule“, wunderte sich Cora. „Du schreibst doch immer nur gute Noten.“

„Ja, aber das ist ihr nicht genug. Sie sagt, ich soll jetzt zum Flötenspiel auch noch Geige dazu lernen. Dabei habe ich überhaupt keine Lust dazu. Und mein Bruder muss immer noch Klavierunterricht nehmen, obwohl er viel lieber ein Blasinstrument spielen würde wie seine Freunde, die eine Band gegründet haben.“

Coras Augen strahlten. „Die Band habe ich auch schon gehört. Ein Freund von meinem Bruder Robert spielt da auch Posaune. Letzten Samstag hatten sie wieder ein Fest im Gemeindehaus, so einen Tanznachmittag mit Jazz und Blues. Robert hatte mich mitgenommen zum Dekorieren der Räume. Und weißt du, was er gemacht hat?“

Michaela schleckte den letzten Rest Brause auf. „Keine Ahnung? Er hat auch Posaune gespielt?“

Cora sah die Freundin vergnügt an. „Nee, der spielt doch Gitarre. Er hat mir das Tanzen beigebracht, während seine Freunde zuschauten.“

„Wirklich? Obwohl du nur seine kleine Schwester bist, die noch gar nicht so lange in der Schule ist? Ich hoffe, du hast dein Bestes gegeben.“

„Na klar. Es war doch nur Blues. Das geht doch immer nur so hin und her im Takt. Ist denn dein Bruder Konstantin nicht so nett zu dir?“

Michaela seufzte. „Ach, nett ist er schon. Aber er hat keine Zeit für mich. Er büffelt für das Abitur und will danach sofort studieren. Er glaubt fest daran, dass jetzt hier in Deutschland alle zupacken müssen nach dem Krieg, um es wieder wohnlich zu machen.“

„Dann sollte er doch Handwerker werden wie Nickys Bruder. Ihr Vater ist Dachdecker und Peter ist in einer Maurerlehre. Gestern hat er seine Schwester mit zu einem Richtfest genommen. Da geht es ganz lustig zu. Die Bauarbeiter trinken jede Menge Bier und auch Schnaps, und oben auf dem Hausdach stand ein bunt geschmücktes Bäumchen. Alle Leute waren lustig, hat sie erzählt, und niemand hat mehr vom Krieg gesprochen. Das ist nämlich sonst bei ihr nicht der Fall, denn ihr Vater hat irgendwo im Kampf einen Arm verloren. Jetzt kann er nicht mehr in seinem früheren Beruf arbeiten.“

„Ich hoffe, dass wir nie wieder Krieg bekommen“, fand Michaela.

„Niemand will mehr Krieg“, stimmte ihr Cora zu. „Deswegen haben sie ja alle extra Friedensverträge gemacht. Und an einen Vertrag muss man sich halten.“

Kapitel 2 1. Juli 1956

Der Winter hatte sich nur langsam verabschiedet, ein milder Sommer den kurzen Frühling abgelöst und das Wohnviertel „Venusberg“ vergrößerte sich immer noch. Eine Baugesellschaft stellte ohne große Umschweife zweistöckige Mehrfamilienhäuser her, in denen viele Beamte der neuen Bonner Regierung untergebracht wurden. Eine Reihe von kleinen Geschäften besiedelte die kleine Querstraße, die an einer Öffnung der Klinikmauer endete. Dieser tristen Mauer, und auch einigen der Gebäuden sah man an, dass sie aus einer ehemaligen Kaserne entstanden waren, so vermittelte dieser Komplex den Anwohnern zunächst ein Gefühl von Kälte, aus der immer wieder alte Erinnerungen der vergangenen Zeiten heraus wachsen wollten. Während der Winter die Anwohner mit einer großen Keuchhusten-Epidemie heimgesucht hatte, erholten sich im Frühling die meisten Menschen überraschend schnell auch mit Hilfe der vitaminreichen Kost, die in der beginnenden Wirtschaftswunderzeit zu erwerben war.

Das Wohnviertel Venusberg blieb jedoch für die Bonner Stadtgebiete ein beliebtes Ausflugs-Ziel, da sich dieser Hügel mit viel Grün und dem angrenzenden Kottenforst schmückte, einem Mischwald, der jedoch beim intensiven Betrachten viele Narben des Krieges aufwies. Die tiefen Schützengräben durchzogen den Boden, und die Feuerwehr wurde so manches Mal zu Bombenentschärfungen in den Wald gerufen. Tiefe Krater füllten sich mit Regenwasser oder deckten sich mit abgestorbenem Laub zu. Zwischen all den Erinnerungen an den Krieg wuchsen unverdrossen die Buschwindröschen, die Männertreu und etliche andere Wald- und Wiesenblumen.

Auch die Waldvögel zwitscherten vergnügt, und ab Mai lockte der Kuckuck mit seinem Ruf die Spaziergänger ins frische Grün.

Die beiden Freundinnen wanderten durch den sommerlichen Park, der wegen seiner vielen, gerade gepflanzten Apfelbäumchen die „Apfel-Allee“ genannt wurde.

„Ich bin so froh, dass wir Ferien haben“, freute sich Michaela. „Morgen fahre ich mit meinen Eltern für zwei Wochen nach Ellmau, und dann machen wir Spaziergänge über die Wiesen. Ich werde dir dort ein paar Blumen pflücken und für dich trocknen, die magst du doch so gern.“

„Danke, ja. Als ich mit meiner Schwester Gisela zu Erholung im Schwarzwald war, haben wir auch die Wiesenblumen gepflückt und sie sogar in einem kleinen Päckchen an unsere Eltern geschickt. Sollen wir uns hier am Spielplatz auf die Bank setzen?“

„Bist du noch müde wegen der Lungenentzündung?“ erkundigte sich Michaela. „Bei mir war der Keuchhusten schnell wieder weg, meine Eltern waren mit mir immer in der Salzgrotte. Das hat mir ganz gut geholfen.“

„Nein, ich bin wieder ganz gesund“, versicherte ihr Cora. „Aber es war keine gute Zeit. Der Keuchhusten wollte überhaupt nicht aufhören, und eines Tages bin ich zusammengebrochen, das weißt du ja alles. Die Tage im Krankenhaus waren schrecklich. Ich habe meine Mutter so sehr vermisst.“

„Durfte sie da nicht bei dir sein? Ich war mal im Krankenhaus, und da durfte meine Mutter bei mir bleiben.“

Ein fast unsichtbarer Schatten veränderte Coras Gesichtsausdruck. „Nein, zu mir durfte niemand ins Zimmer, außer den Krankenschwestern und den Ärzten, weil ich ja immer noch ansteckend war mit dem blöden Keuchhusten. Sie hatten ein kleines Baby zu mir gelegt, dem ging es auch ziemlich schlecht. Aber sie waren nicht sehr nett zu ihm.“

Michaela sah die Freundin verwundert an. „Zu einem Baby waren sie nicht nett? Das hätte ich nicht gedacht. Im Krankenhaus sind doch die Schwestern immer so lieb. So habe ich das jedenfalls erlebt.“

„Sie waren wirklich nicht nett zu „Schmitzi“. Wenn er geschrien hat, haben sie mit ihm geschimpft. Dabei verstand er das doch noch gar nicht, weil er ja noch nicht einmal ein Jahr alt war und deswegen nicht einmal laufen konnte. Und wenn er seinen Brei nicht essen wollte, dann haben sie ihm den Brei einfach in den Mund gestopft, immer weiter, bis er gehustet hat. Ist das nicht schrecklich?!“

Michaela nickte. „Ja, dann kann ich verstehen, dass du Heimweh hattest. Kein Besuch und dann noch so schreckliche Schwestern. Waren denn alle so?“

„Nein, es gab auch eine sehr nette Schwester, aber die war nur selten bei uns. Die hat auch nicht mit mir geschimpft, als mir nachts einmal furchtbar schlecht war, und ich nicht mehr bis zur Toilette, sondern nur noch bis zum Waschbecken gekommen bin. Hoffentlich werde ich nie mehr krank in der nächsten Zeit, denn in dieser Kinderklinik war es einfach schrecklich.“

„Aber beneidet haben dich alle bei uns in der Schule“, erinnerte sich Michaela. „Während wir alle lernen mussten, konntest du mit deiner Schwester ins Sanatorium fahren. Waren da wenigstens nette Schwestern?“

„Die waren supernett, die fanden wir alle toll. Wir haben viel Spaß gehabt dort und viel gespielt, aber auch schöne Wanderungen durch den Schwarzwald gemacht. Morgens früh ging es in der Turnhose und dem Unterhemd und natürlich barfuß über den moosigen Boden im Tannenwald. Um uns herum hat alles nach Wald geduftet, und die Vögel zwitscherten um die Wette.“

„Tatsächlich?“ wunderte sich Michaela. „Aber das muss doch furchtbar gepiekt haben an den Fußsohlen.“

Cora schüttelte den Kopf und der Pferdeschwanz ihrer Haarfrisur hüpfte hin und her. „Nein, Unsinn! Da waren echte Tannen, und die haben überhaupt keine Nadeln. Das sind ganz winzige Blätter und die sind ganz weich, wenn du im Tannenwald darüber läufst. Danach ging es in das große Gemeinschafts-Badezimmer und später ab zum Frühstück. Das Essen war allerdings nicht besonders. Morgens gab es Brot mit Margarine und Marmelade und mittags oft Puddingsuppe mit Schmalzbrot. Das mochte ich überhaupt nicht. Und wenn es Salat gab, dann haben wir uns immer die Läuse heraussuchen müssen und an den Tellerrand gelegt.“

Michaela schüttelte sich. „Das ist ja eklig. Und dann hat dir dieses Sanatorium Spaß gemacht?“

„Ja, wir Mädchen waren eine nette Clique. Wir haben tolle Sachen miteinander gespielt, und sogar eine Schnitzeljagd gemacht. Aber besonders lustig war es, dass unter uns die Jungen-Gruppe wohnte und auch schlief, die haben dann immer zu uns etwas heraufgerufen, an den offenen Fenstern. Bei der Abschlussfeier durften wir dann alle zusammen sein, Mädchen und Jungen. Und wir waren alle in einen verliebt.“

Michaela lachte. „Alle in einen? Warum denn das? Das muss aber ein besonderer Typ gewesen sein.“

„Das war er auch, der August. Er sah gut aus und war sehr nett. Und beim Abschied war ich wieder so mutig und habe mir bei ihm für meine Schwester Gisela die Adresse geholt, damit sie ihm schreiben kann.“

„Warum nicht für dich“, fragte die Freundin verwundert.

Cora seufzte leicht. „Der ist leider ein bisschen älter als ich, und meine Schwester ist in seinem Alter. Da hat es selbst nicht geholfen, dass ich gerade in der Zeit, als ich dort war, meinen achten Geburtstag gefeiert habe.“

„Ach, wie traurig“, fand Michaela. „Ich kann es mir gar nicht vorstellen, meinen Geburtstag irgendwo mit fremden Leuten zu feiern. Hast du deine Eltern nicht schrecklich vermisst?“

„Das schon“, gab Cora zu. „Aber meine Schwester war ja dabei. Wenn Gisela mit mir zusammen ist, fühle ich mich nie einsam. Wenn wir uns nicht gerade streiten, verstehen wir uns nämlich super.“

Die Freundin lachte. „Haben dir denn auch alle etwas geschenkt?

„Nein, es hatte doch keiner viel Geld dabei. Das durften wir auch gar nicht, damit sich nicht ein Kind mit besonders viel Geld ganz groß hervortun kann. Wir hatten nur für den Notfall eine ganz kleine Summe im Portmonee. Aber sie haben alle mit mir gesungen und auch nachmittags mit Kuchen gefeiert. Meine Eltern hatten mir ein Poesiealbum geschenkt, und sie haben alle etwas Schönes hineingeschrieben. Dann habe ich ein Andenken für später.“

„Das ist eine prima Idee. Das wünsche ich mir auch demnächst, ich werde alle unsere Mitschüler bitten, mir etwas Interessantes hineinzuschreiben.“

Es ist ja auch gar nicht mehr so lange bis zu deinem nächsten Geburtstag“, scherzte Cora. „Nur noch ein halbes Jahr. Das wird bestimmt wieder lustig, wie beim letzten Jahr. Deine Mutter hatte wirklich gute Ideen für nette Spiele.“

„Ja, du hattest bisher ja immer kein Problem. An deinem Geburtstag kann man meist draußen spielen. Ich kann mich auch noch an die Schnitzeljagd vom letzten Jahr erinnern. Aber zu meinem Geburtstag schneit es oft oder regnet sogar, und das ist ganz eklig. Auf jeden Fall gibt es als Preis wieder diese schönen japanischen Muscheln, in denen Papierblumen versteckt sind.“

Coras Augen leuchteten. „Oh, ja! Die fand ich auch so toll! Man muss zwar dann eine Weile warten, bis sich die Muschel öffnet und die Blume überraschend öffnet, aber es ist immer sehr spannend. Man weiß nie vorher, welche Blüte sich dann entfaltet.“

„Weißt du auch, was Jutta seit neuestem werden will? Die hat ihre Richtung ganz schön geändert, genauso wenig wie Nicky.“

„Keine Ahnung! Aber du wirst es mir bestimmt gleich verraten. Ich habe die beiden schon lange nicht mehr gesehen. Sie durften mich ja auch nicht im Krankenhaus besuchen, weil ich auf der Isolier-Station lag. Kinder unter zwölf Jahren dürfen da überhaupt nicht hinein.“ Sie lachte. „Und bis in den Schwarzwald sind mir sie mir natürlich auch nicht nachgereist.“

Michaela lächelte geheimnisvoll. „Jutta will nach den vier Jahren in der Volksschule auf ein Gymnasium gehen. Danach will sie Biologie studieren und später Tiefsee-Taucherin werden.“

Cora lachte laut auf. „Was will sie werden? Tiefsee-Taucherin? Wie kommt sie denn darauf? Hat sie dir das auch verraten? Sie wollte doch bisher immer, genauso wie wir auch, Schauspielerin werden. Wir waren doch das Kleeblatt, das von jeher die Schulklasse mit kleinen Sketschen unterhalten hat.“

„Ihre Eltern haben sich jetzt einen Fernsehapparat gekauft. Natürlich sind die noch furchtbar teuer, diese Geräte. Aber da gab es einen Film, der hatte etwas mit dem Meer zu tun, und das hat Jutta sofort fasziniert. Ich bin einmal sehr gespannt, was aus uns wird. Ich hoffe, dass wir uns in 20 Jahren einmal wieder treffen. Mal sehen, was dann aus uns geworden ist.“

„Ich kann nicht einmal schwimmen“, bekannte Cora. „Und so tief unten im Wasser hätte ich Angst. Ich kann es mir nicht vorstellen, in den dunklen Höhlen des Meeres herumzuschwimmen. Aber jetzt verrate mir doch auch noch, was Nicky werden will. Vielleicht Professorin?“

Michaela sah die Freundin vergnügt an. „Nein, sie will nur ganz normal jetzt ihre acht Jahre in der Volksschule zu Ende machen. Und dann will sie sofort Geld verdienen.“

Cora staunte. „Hat sie dir auch gesagt, warum?“

„Na klar. Sie hat mir erklärt, dass sie sich nie neue Klamotten kaufen dürfen, sondern dass sie nur abgetragene Sachen von den Verwandten bekommt. Und sie findet es auch nicht gut, in dieser Hütte zu wohnen. Sie möchte gern in so eine Neubauwohnung und meint, davon gibt es doch hier oben auf dem Venusberg gerade genug. Da wären wenigstens vernünftige Bäder drin.“

Cora hob die Augenbrauen. „Das Haus, dass mein Vater gebaut hat, ist auch gerade fertig geworden. Nächsten Monat werden wir einziehen. Aber Papa hat uns schon mitgeteilt, dass wir danach sehr sparen müssen. Es gibt nur einmal in der Woche ein Bad für jeden, sonst