Sehnsucht Urserental - Helen Busslinger-Simmen - E-Book

Sehnsucht Urserental E-Book

Helen Busslinger-Simmen

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Beschreibung

Die Annäherung an die Lebensgeschichten der Bergbauern-Familie Liberius und Maria Simmen-Renner und ihren zwölf Kindern in Realp zu Beginn des 20. Jahrhunderts beruht auf persönlichen Begegnungen und Briefen. Etliche Personen und Begebenheiten sind frei erfunden. So oder ähnlich oder ganz anders könnte es sich abgespielt haben.

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Seitenzahl: 86

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

1 Heimwehfahrt

2 Dorf mit vielen Facetten

3 Realper Hochzeit einst

4 Bergbauer mit vielen Engagements

5 Ungewöhnliche Freundschaft

6 Zwölf Kinder

7 Im Takt der Jahreszeiten

8 Realper Kinder

9 Ewiges Landrecht

10 Vom Urserental nach Zürich

11 Annas Heimkehr

12 Er zog aus, um das Glück zu finden

13 Maries Lebensstationen

14 Ein offenes Haus

15 Gehen oder Bleiben

16 Zeughausverwalter mit Charme

17 Wege und Umwege

18 Wie die Sonne hinter den Wolken

19 Bergbauer im Mittelland

Die Familie Liberius Simmen im Überblick

Kurzbiographie der Autoren

Dieses Buch handelt vom harten, aber erlebnisreichen Alltag der Bergbauern Liberius und Maria Simmen-Renner und ihren zwölf Kindern in Realp zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Man lebte von und mit der Natur. Die Abwanderung der Jungen war – wie damals in allen Berggemeinden – üblich, es gab zu wenig Arbeit. So verliefen die Lebenswege unterschiedlich und spannungsreich. Das Urserental aber blieb Ort ihrer Sehnsucht.

1 Heimwehfahrt

Im Herbst 1945 packt Alfred Simmen seinen Koffer für Ferien im Urserental, die Vorfreude ist ihm ins Gesicht geschrieben. «Warum verbringst du jedes Jahr Ferien in Realp?» fragt ihn seine Schwester Marie, die im gleichen Haushalt in Altdorf lebt. «Es gibt schönere Ferienorte! Aber meine Geschwister machen immer wieder Ferien im Urserental!» wundert sie sich. Alfred sagt: «Ich will Verwandte und Bekannte treffen und beim Emden mithelfen. Es nimmt mich Wunder, was sich verändert hat.» Er verrät nicht, dass er regelmässig Lebensmittelpakete nach Realp schickt und erfahren möchte, wer in Zukunft noch seine Unterstützung braucht. Seine Frau Marily ist der Ansicht, die Herbstferien gehörten ganz ihrem Mann und seinen Interessen: «Ich weiss, wie gut Alfred die Ferien im Urserental tun. Und er nimmt stets zwei Kinder mit.» Sie selbst hat im Sommer Ferien mit ihren Kindern auf dem Haldi ob Schattdorf verbracht. Alfred und seine Frau sind sich darüber einig, dass eines von beiden im Geschäft präsent sein muss, Ferien zu zweit können später möglich werden.

So reist Alfred nach Realp, im Schlepptau seine zwei Kinder, Marianne und Lena. Beide zappeln während der Bahnfahrt ungeduldig herum. Sie können es kaum erwarten, das Tal zu sehen, von dem ihnen erzählt worden ist. Sie spüren, die Reise ist eine ‚Heimwehfahrt’, etwas Besonderes, das dem Vater viel bedeutet. Marianne fragt: «Wie war es als Bub damals in Realp?» Der Vater denkt eine Weile nach und sagt: «Wir Kinder haben überall mitgeholfen.» Lena, die sich gern in eine Ecke verzieht, wenn sie helfen sollte, fragt: «Hast du das gern gemacht?» Der Vater sagt: «Weisst du, alle arbeiteten mit, es war nie langweilig.» Man könnte annehmen, nach einer arbeits- und entbehrungsreichen Jugendzeit würden Ausgewanderte nicht mehr gern heimkehren - aber sie kehren mit schöner Regelmässigkeit zurück. Es muss ein eigenartiger Reiz mit der Kindheit in den Bergen verbunden sein - eine unerklärliche innere Sehnsucht. Die Zeit, welche Alfred und seine Brüder im Urserental verbringen, sind eigentliche Männerferien, ihre Frauen bleiben zuhause, weil sie spüren, dass der Aufenthalt im Tal nicht ihre Sache ist. Sie haben dort nichts Unvergessliches erlebt und deshalb kein Heimweh, keine Langizyt.

In der Schöllenenschlucht ruft Lena, als sie die Felswände sieht: «So viele Felsen, alles ist eng und dunkel, nur Steine und Steine, das macht einem Angst. In Italien sei es schöner, sagt meine Freundin, alles weit und offen, mit viel Sonne. Warum fahren wir nicht nach Italien?» Der Vater sagt, er sei zuhinterst im Urserental aufgewachsen, er wolle dorthin zurück. Das müsse so sein. «Ihr lernt Verwandte kennen, es wird euch gefallen», verspricht er den Mädchen. In Andermatt angekommen sehen sie die plötzlich auftauchende Weite, das eigenartige Licht im Tal, die Bergspitzen, die in den Himmel ragen. Was für ein Gegensatz zur Steinwüste in der Schöllenenschlucht! In der Schule haben sie gelernt, Realp sei das kleinste und am höchsten gelegene Dorf im Kanton. Und der berühmte Dichter, Goethe, habe gesagt, Urseren sei das schönste Tal überhaupt. Das weckt Neugier! Und wirklich, die Gegend ist eigenartig schön. Ohne südliches Flair, es gibt keine üppige Blumenpracht, die Wiesen sind mager und die Hänge steil. Der Vater weist auf die Berge hin, er spricht vom Spitzigrat, vom Müeterlishorn, vom Winterhorn. Er schaut zum Fenster hinaus, und denkt offenbar an vergangene Zeiten.

Die Mädchen wechseln von einem Fenster zum andern, um nichts zu verpassen. Eindruck macht ihnen die Reuss, die mitten durchs Tal fliesst, die an die Berghänge geduckten Ställe. In Zumdorf sagt der Vater: «Von hier habe ich Heuhaufen auf dem Rücken nach Realp getragen, einige Kilometer weit.» – «Auf dem Rücken? Hattet ihr keine Wagen und Pferde?», fragt Marianne. Seine Antwort: «Wagen und Pferde waren teuer, das hatten zu meiner Zeit wenige.» In Realp angekommen, ist Alfred erfüllt von einer Hochstimmung, die er von früheren Besuchen kennt – er ist gut aufgelegt. Im Dorf wird er von Einheimischen begrüsst. Von einem Fenster aus tönt der Ruf: «Kommt zu uns herauf, Kaffee und Krapfen sind bereit!» Als die drei ihre Koffer im Hotel abgestellt haben, wird der Vater sozusagen vom Dorf ‚aufgesogen’. Die Mädchen beschäftigen sich auf ihre Weise und geniessen unerwartete Freiheiten. Niemand fragt etwas, niemand erteilt Befehle. Sie tun das, was ihnen gerade in den Sinn kommt, stromern herum, steigen auf Hügel und lassen sich hinunter kollern. Das Dorf Realp haben sie sich grösser vorgestellt, in einigen Minuten ist man am Dorfende angekommen. Ihnen gefallen die Steinhäuser, die aneinander zu kleben scheinen. Sie wundern sich, dass sie von vielen gegrüsst werden.

2 Dorf mit vielen Facetten

Marianne und Lena streifen durch Realp und merken, wie das kleine Dorf gebaut ist: In der Mitte die Kirche und Wohnhäuser, etwas abseits Ställe und Gärten. Der Vater sagt: «Noch arbeiten hier rund 20 Bauern, meistens mit Nebenberufen. Aber wer weiss, wie lange noch!». Marianne und Lena suchen Kinder, mit denen sie spielen könnten. Doch die meisten sind beschäftigt. Weil sie schon früh fürs Viehhüten angestellt werden, nennt man sie ‚Hirteli’. Neugierig beobachten die Mädchen die Dorffrauen, die Schürzen und Kopftücher tragen, viel zu tun haben und trotzdem immer Zeit finden für einen Schwatz. Es herrscht eine fast südliche Atmosphäre. Die Leute reden miteinander, und die Gespräche sind wie eine Art Kitt, der das Dorf zusammen hält. Mit grossem Stolz präsentiert der Vater den Mädchen die Lawinenverbauung, bei der er – in seinem ersten Beruf war er Bauführer – mitgearbeitet hat. Er, der als Kind oft aus Angst vor Lawinen nicht schlafen konnte, half mit, Sicherheit für das Dorf zu schaffen.

Beim Besuch bei Verwandten sehen die Mädchen, dass die Frauen viel Zeit beim Kochen verbringen. Alles wird von Hand hergestellt. Die Frauen holen Fleisch und Würste aus den Kammern, gehen in die Gärten, um Lauch, Zwiebeln und Kräuter zu schneiden, sie hacken und würzen. Der Vater sagt: «Wer hier gut kochen kann, ist eine Respektperson». Es werden Urschner Spezialitäten aufgetischt, es gibt Krapfen und Pasteten. Marianne und Lena ahnen, dass die Gastfreundschaft auch mit ihrem Vater, der als Wohltäter im Dorf gilt, zu tun hat.

Oft ist die Rede von schwierigen Zeiten, von Krankheiten und Unfällen, von Lawinengefahr. «Wie ist es hier im Winter?» fragt Marianne. Es wird geschildert, wie es tagelang schneit, wie die Schneemassen auf den Dächern höher und höher wachsen, jedes Jahr ist das Dorf zeitweise von der übrigen Welt abgeschnitten. Mit Schaudern wird berichtet, dass einmal eine Lawine gerade vor dem Dorf zum Stillstand gekommen sei. «Auch im Winter müssen wir das Vieh in den Aussenställen besorgen, dabei sind wir von den Lawinen tagelang bedroht, können oft nicht ins Dorf zurück und harren in den Ställen aus», wird erzählt. Es ist die Rede von zerstörten Gaden und erschlagenem Vieh. Jeweils am morgen früh müsse man die Wege vom Haus zum Dorf oder zum Stall von Hand frei schaufeln. Bei diesen Berichten schwingt etwas Melancholisches mit – so lange andauernde Winter muss man erdulden und ertragen.

Von den Verstorbenen wird manchmal so gesprochen, als ob sie noch leben würden. Man erzählt Begebenheiten aus deren Leben. Marianne sagt: «Hier sind die Verstorbenen ja gar nicht richtig tot.» Wirklich, es scheint, die Toten seien noch unter den Lebenden; der Friedhof ist mitten im Dorf, und wer etwas zu besorgen hat, geht im Vorbeigehen zu den Gräbern. Wenn ihnen darnach zumute ist, haben die Realper keine Hemmungen, in Klagen auszubrechen. Die Mädchen erleben, dass ‚jomerä’ bei den Realpern beliebt ist, man erzählt von Krankheiten und dem täglichen Ärger. Das erleichtert offenbar Herz und Gemüt. Geduldig hören sich die einen Jammertiraden von andern an, unterbrechen nur hie und da mit ‚joherjee’ oder ‚muesch di dri schickä’, und klagen dann ihr eigenes Leid.

Beim Emden in Diepelingen sind Alfred und seine Kinder willkommene Hilfskräfte. Das Gras wird mit der Sense gemäht, mehrmals gewendet, es werden Heumaden erstellt, mit Rechen zusammen geschoben und auf eine einfache Karre geladen. Es ist heiss, alle schwitzen, an den Händen entstehen Blasen, der Rücken schmerzt. Aber als einer mit einem Handkarren, der mit Most, Brot und Käse beladen ist, daherkommt, ist die Mühsal schnell vergessen. Es wird Pause gemacht, man isst und trinkt und alle amüsieren sich.

Marianne und Lena geniessen es, nicht nur im Dorf, sondern auch im Hotel Des Alpes herumzulungern. Im Restaurant sind Einheimische und Fremde, Jasser und Soldaten anzutreffen. Die junge Wirtin serviert, organisiert, flattiert und wirbelt herum. Den Mädchen gefallen ihr schwarzer Jupe und das weisse Schürzchen, ihr rot geschminkter Mund, ihre Gewandtheit im Umgang mit den Gästen. «Warum hat es hier so viele Soldaten und Offiziere?» fragt Lena. Die Wirtin erklärt, im Urserental gäbe es viele militärische Anlagen, ihr Restaurant sei eine Militärbeiz. Sie ist – ähnlich wie ‚Gilberte de Courgenay’ – die ‚Gilberte von Urseren’, kennt ihre Gäste und kümmert sich um sie. Man schäkert mit der schönen Wirtin, sie ist um keine Antwort verlegen und behauptet, die Mädchen seien ihre Töchter, Lachsalven ertönen. Marianne und Lena verstehen nicht, was dabei lustig sein könnte, aber sie sind fasziniert.