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Wie das Umschlagsbild zeigt, sind die Menschen nur durch ein sehr komplex verflochtenes Band miteinander verbunden, was man psychologisch 'projektiv' nennt. Sprachlich schaut es nicht viel besser aus, dort ist das Projektive etwas Paranoisches, eine Form der Kommunikation, in der heute der Rechtsautokratismus und die Techmilliardäre aus dem Silicon Valley mit KI-Überschwang, sowie mit Klima- und Umweltzerstörung, dominieren. Dagegen helfen keine noch so guten Argumente. Der einzige Ausweg: Auf nichts und niemanden hören als auf die Stimme des eigenen Unbewussten im Inneren. Um dahin zu kommen, schildert der Autor einen meditativ-selbstanalytischen Weg, der aus dem Buch auch direkt erlernt werden kann.
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Seitenzahl: 169
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Das Umschlagsbild der Malerin T. Heydecker hat keinen Titel, aber wie im Klappentext erwähnt, geht es offensichtlich um die nicht einfache und oft prekäre Situation der Menschen in ihrer Verschiedenheit wie Mann und Frau. Eine solche existiert jedoch auch in der heutigen Zeit zwischen Demokratie und Rechtsautokratie, zwischen KI, futuristischer Technologie auf der einen und liberalen Systemen auf der anderen Seite. Das gewundene Band über den Köpfen der beiden Figuren demonstriert die psychoanalytische Topologie Lacans, die für jeden Einzelnen wichtig und für alle hilfreich sein könnte.
1. Parallaxe
2. Die Sprachmauer des Vorbewussten
3. Maschinen-Intelligenz und Überwachungs-Kapitalismus
4. ‚Gehirnzeit‘
5. ‚Kraftlinien‘ und Vorbewusstes
6. Das Wesen der Paranoia
7. Die Politik in der Sackgasse
8. Die Impotenz des Reichen
9. Der Tod als analytisches Selbstgespräch
Anhang zum Verständnis der Praxis
Literaturverzeichnis
Zuerst wollte ich dieses Buch mit‚ Wirklich Mensch sein‘ betiteln, doch das Wort ‚wirklich‘ wäre darin das Ungenaueste, stets Missbrauchte und Angeberischste gewesen, das man sich vorstellen kann – vor allem im Zusammenhang mit noch viel mehr Ungenauem und Missbrauchtem wie dem ‚Menschwerden‘. Freilich war die Gedenkrede von Marcel Reif im Deutschen Bundestag am 31. 1. 2024, die mit der in jiddischer und deutscher Ausdrucksweise verfassten Mahnung endete: „Sej a Mentsch“, „Sei ein Mensch“, wesentlich klarer und trotz seiner Schlichtheit eindrucksvoller und wahrer, weshalb ich mich zu diesem Titel entschloss. In Reifs Vortrag drang mit Macht und Mahnung, mit wehklagender Bitte und angemessener Betonung der Mensch als zwar würdiges, aber gleichzeitig zu großer Bescheidenheit zwingendes Lebewesen heraus, dem man sonst nichts mehr hinzufügen muss.
Leider hat Reifs Vortrag in der Zeit fürchterlicher Kriege in der Ukraine, im Sudan, in Gaza und in begrenzter Form auch an vielen Orten anderswo stattgefunden, ohne dass sich an diesen Orten, aber auch in den Köpfen der beteiligten Menschen viel geändert hätte. Das war freilich auch nicht zu erwarten. Man hätte direkt zu den Aggressoren dieser Kriege gehen und ihnen die Worte „Sei ein Mensch“ ins Gesicht brüllen müssen. Doch wie die Wissenschafts-Journalistin Anne Applebaum in ihrem Buch und in ihrem Vortrag zum Gewinn des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2025 vermittelte, würde kein einziges Wort, keine noch so gute Argumentation oder die laut herausgeschriene, zutreffende Wahrheit, diese Aggressoren auch nur im Geringsten beeindrucken.1 Mit einem destruktiven Autokraten zu reden, zu brüllen, zu schmeicheln oder sonst wie zu kommunizieren, hat absolut keinen Sinn, denn hinter ihren Machenschaften – schreibt Applebaum – steckt ein Größen- oder Cäsaren-Wahn, der sich unbedingt und radikal durchsetzen will, und sei er noch so ungeheuerlich.
Das Ausmaß dieser Radikalität kann man verstehen, wenn man das Dritte Reich noch erlebt hat und trotzdem – wie es alte Leute gerne tun – behauptet: Früher war alles besser. Ich sage das mit 85 Jahren nicht, ich behaupte lieber: Früher war alles genauso schlecht wie heute, wir haben es als Kriegs- und Nachkriegs-Kinder nur gar nicht so schlecht empfunden. Wir hatten zwar nichts, zum Beispiel nicht viel zu essen und kein Spielzeug, aber alle anderen hatten ja auch nichts. Wir waren alle gemeinsam Objekte in einem tief herunter gestuften Raum, in dem man die Positionen untereinander nicht genau bestimmen konnte, aber auch nicht musste – eben paralaktisch.2
Denn aus anderer Perspektive betrachtet, genossen wir auch einen Vorteil dieser heruntergestuften Welt, nämlich langsam, Jahr für Jahr, die Fortschritte aus dem Nichts heraus zu sehen und zu erleben. Besitz, Bildung, Kultur, etc. alles wurde mehr und besser, und zwar bis in die Achtzigerjahre hinein. Dann fing es an, allen zu gut zu gehen, die Freiheit ins Uferlose treiben zu lassen und schließlich wieder in die doch erst gerade nach dem fürchterlichsten Krieg erworbene Demokratie durch autokratische Bewegungen zu sabotieren. Besser allerdings kann man mit der Frage nach dem sich nun entwickelnden Größen- und Cäsaren-Wahn umgehen, wenn man einmal in der Psychiatrie gearbeitet hat.
Nachdem ich in anderen medizinischen Disziplinen als Arzt tätig gewesen war, arbeitete ich zwei Jahre lang in zwei verschiedenen Nervenkliniken. Mein erster Patient in der Psychiatrie war solch ein Paranoiker, ein Wahnkranker, dessen Vorstellungen und Gedanken zwar nicht die große Politik betrafen, deren Psyche aber strukturell vergleichbar aufgebaut war. Er war ein liebenswerter, ganz normaler Typ, mit dem man sich über alles wunderbar unterhalten konnte. Aber an einer Stelle in seinem Reden wich er von seinem sonstigen gesellschaftlich und beruflich normalem und gut geführtem Leben ab und erzählte mir, er habe Schmerzen im Bein, die von einem dort eingebauten Sender stammen würden. Von diesem Sender würden die Schmerzen immer wieder neuerzeugt. Er wisse dies ganz genau und es sei von nichts Äußerem abhängig. „Diese Stelle in ihrem Bein“, sagte ich nach einiger Zeit des Zuhörens zu ihm, „die lassen wir sofort einmal röntgen, um zu sehen, woran wir genau sind.“
„Sie glauben doch wohl nicht“, korrigierte mich der Patient, „dass die Leute, die das eingebaut haben, röntgendichtes Material verwendet haben. Die wissen doch genau, wie sie eine Aufdeckung verhindern können.“ Er denke, dass vielleicht das FBI dahinterstecke. „Na ja“, erwiderte ich, „dann machen wir eben unter örtlicher Betäubung einen Minimaleingriff, dann können wir das Ganze vielleicht sogar entfernen.“ „Ach Gott“, sagte er, „die Chirurgen stecken doch alle unter einer Decke. Da findet man mit Sicherheit nichts!“ Letztlich lief es immer wieder auf alle möglichen anderen Gründe und speziell den amerikanischen Geheimdienst hinaus, von dem freilich niemals etwas zu erfahren sein würde, es sei denn, es gäbe einen Whistleblower. Geheimdienste, Hacker und Kryptoexperten sind oft die nicht weiter verfolgbaren Scheinargumente des Wahnkranken, und so muss man nach etwas ganz anderem Ausschau halten, um mit so jemandem zurechtzukommen.
In Rücksprache mit meinem damaligen Oberarzt beschloss ich, meinem Patienten zuerst einmal ein Medikament zu geben, das seine Schmerzen bessern würde. Es könne Druck, Strahlenwirkung, Entzündung und alles Mögliche beseitigen, erklärte ich ihm, man müsse esausprobieren. Mein Patient zeigte sich zu Recht sehr skeptisch, aber nach längeren Zureden ließ er sich auf ein ‚Ausprobieren‘ ein. Und so konnte ich – während er das Medikament nahm– mit ihm jeden Tag längere Zeit über alles, was in seinem Leben passierte, was wichtig und unwichtig gewesen war, und wie sich seine Beziehungen zu Mitmenschen und anderem gestaltet haben, ausgiebig unterhalten. Mir war bald klar, dass mit dem üblichen, aber auch mit dem raffiniertesten und gleichzeitig freundlichsten Gespräch sein Wahn nicht zu beeinflussen war. Ich war damals jedoch schon in psychoanalytischer Ausbildung und glaubte vielleicht von dieser Seite her etwas in unsere Unterhaltungen einbringen zu können. Selbstverständlich kam auch dabei nichts heraus.
Es war also wohl Unfug, so mit ihm zu reden und ihm geduldig Tag für Tag zuzuhören. Denn so tiefgründig wie die Psychoanalyse mit ihren Patienten umgeht, es gibt eine Grenze, die die Psychoanalytiker das psychisch ‚Nicht-Repräsentierte‘ nennen. Behandelbar sind nur Vorgänge, die sich im Bereich sogenannter psychischer ‚Objekt-Beziehungen‘ eingrenzen und erfassen lassen.
Das ‚Oral-Objekt‘ zum Beispiel, besteht aus dem Kreis der Lippen- und Mundöffnung, indem sich in dieser Zone vom biologischen Trieb zur Nahrungsaufnahme ein psychischer, ganz eigener und anders als biologisch gearteter Trieb abgespalten hat, der sich in der Besetzung und ständigen Umrundung dieses zonalen Kreises fixiert. Ebendeswegen, weil der Trieb sich fixiert, nennt man es ein Objekt.
Freud sagte, der Oraltrieb verhält sich wie ein zugespitzter Mund oder wie eine dahinter agierende begehrliche Assimilierung, bzw., Verschlingungstendenz. Er ist ein zonaler Trieb, das heißt: Es gibt ein psychisches Objekt, das man von seiner zonal begrenzten Begehrens-Struktur her analysieren kann. Ähnlich und doch ganz anders verhält es sich beim sogenannten Schautrieb, dem Blick-Begehren, der Schaulust, die ihr Objekt in sich selbst fixiert, weshalb man es ein Gaffen, ein aufdringliches Anstarren, ein ‚Stielauge‘ nennt, obwohl es mit dem Auge gar nichts zu tun hat, sondern nur mit dem Blick. Es handelt sich um ein bohrendes, drangvoll suchendes und begehrendes Blicken. Es begleitet den Menschen in milderer Form jeden Tag, denn man merkt es nicht, weil der Blick ja kein abgrenzbares Objekt ist wie der Mundkreis, und so nicht voll umgreifend und definitiv erfasst werden kann, wie der Oraltrieb.
So ein nicht fassbares und begehrendes Treiben wie beim Blick, steckt wahrscheinlich auch beim Paranoiker und seinen Gedanken dahinter. Der Junge, der einem nicht in die Augen schauen kann und seinen Blick senkt, ist noch eher zu begreifen, denn sein Blick ist sexuiert, geradeaus begehrlich, aber er will nicht, dass man ihm das ansieht.
Beim Wahnkranken ist er verschleiert, weggespalten und durch die psychische Abwehr in Form von überstarken Gewissheiten auch für ihn selbst unsichtbar. Er isteinfach besessen von einem unbewussten Gedanken, der ihn nicht mehr loslässt und ihn zu immer größeren phantasmatischen Gestaltungen verführt. Zu Verfolgungsideen, Projektionen und scheinbaren Gewissheiten, die kein wahres Wissen enthalten.
Immerhin wirkten die antipsychotischen Mittel, die Neuroleptika, die wir dem Patienten gaben, doch soweit, dass wir ihn eines Tages in ambulante psychiatrische Behandlung entlassen konnten. Einige Zeit später war er zwar wieder in einer anderen Klinik aufgenommen worden, und das war wohl der Beginn einer langdauernden Psychiatrie-Karriere, wie sie in diesen Krankheits-Bereichen oft vorkommt. Trotzdem ließ mich der Gedanke nicht los, wie man mit derartigen Beschwerden und Störungen besser, menschlicher, humaner zurande kommen könnte, als nur mit den müdemachenden und etlichen anderen Nebenwirkungen ausgestatteten Neuroleptika, wie man also aus ihm einen ‚Mentsch‘ machen könnte, eine Person, die bescheiden, mitfühlend und verantwortungsvoll ist.
Mit der Psychoanalyse funktionierte es also auch nicht, ich schickte ihn zu einem schon länger praktizierenden Kollegen, der ihn aber für eine Therapie nicht geeignet hielt. Obwohl Freud eine gut formulierte und interessante Fallgeschichte beschrieb, die auch zu dem psychotischen, paranoischen Formenkreis gehörte, an dem mein Patient litt, eignen sich im Wahn verfestigte Kranke nicht so gut für die Psychoanalyse. In Freuds Fall war dies allerdings gar nicht möglich gewesen, denn der Kranke, der Senatspräsident D. P. Schreber, der am Ende des neunzehnten, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts an eine schweren Paranoia litt, war zum Zeitpunkt von Freuds Stellungnahme bereits verstorben. Doch Schreber hatte noch selbst, also autobiographisch, über seine Krankheit ausführlich geschrieben.3
Ich komme auf diese außergewöhnliche, zum Teil auch selbstheilende und psychoanalytisch hochinteressante Geschichte dieses geistreichen und doch auch irgendwie prägnant gestörten Patienten noch reichlich zurück. Vor allem wird bei ihm auch deutlich, dass er neben seiner Krankheit klare, zum Teil philosophisch anmutende Gedanken hatte. Die eine Stelle, an der er wie mein Patient von seinem psychisch und gesellschaftlich normalen Leben abwich, war die sexuelle Objektwahl, die ihm unbewusste Transsexualität, wie der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan argumentierte. Freud hatte noch gemeint, dass es sich bei Schreber um eine verdrängte homosexuelle Neigung gehandelt hätte, doch bei Freud waren alle Neurotiker latent homophil.
Zuerst gehe ich jedoch wieder nach vorne in die heutige Zeit und in die nahe Zukunft, die vor allem von den Politikern, den Herstellern der künstlichen Intelligenz (KI), den Tech-Milliardären des Silicon Valley sowie den dazugehörigen rationalistischen, rechtsautoritären Theoretikern handelt, was wieder an die Paranoiker erinnert. Denn diese Leute stehen heute im Vordergrund einer kritischen Betrachtung. Doch wie mein Patient lassen sie keinerlei Missbilligung an sich herankommen. Sie behaupten, dass sie die einzigen und wenigen seien, die tatsächlich das ‚Wirklich-Mensch-Werden‘ vorantreiben würden. „Die Gründer und Investoren des Silicon Valley gelten als einflussreiche Akteure weit über die Tech-Welt hinaus. Viele von ihnen teilen ein libertäres oder technoutopisches Weltbild: Glaube an ungebändigte Märkte, Technologie-Überhöhung und Skepsis bis Ablehnung staatlicher Regulierung“, heißt es in einem Podcast des Deutschlandfunks.4
Die Behauptung, dass sie sich Rationalisten nennen, stammt von einigen von ihnen und soll heißen, dass sie gedanklich auf dem neuesten rationalen Stand seien. Sie glauben, dass Technik und die dazugehörige Technologie profunde Wissenschaft darstellen würde. Autoritatives, Pseudoreligiöses und ungeheuer Anmaßendes stehen im Zentrum dieser Rationalität, was sich beispielsweise so anhört: „Es gibt eine Kunst, besser zu denken, und wir haben sie herausgefunden.Wenn Sie sie erlernen, können Sie alle Ihre Probleme lösen, brillant, fleißig, erfolgreich und glücklich werden und zu einer kleinen Elite gehören, die nicht nur die Gesellschaft, sondern die gesamte Zukunft der Menschheit prägt.“5
Es ist nichts Ungewöhnliches, dass Menschen zu derartigen Übertreibungen und Phrasendreschereien neigen. Früher waren es Fürsten, Feldherrn und Gaukler, heute sind es Rechtsautoritäre, KI-Hersteller und die erwähnten Tech-Milliardäre aus dem Silicon Valley. Eine schwache Ausnahme aus deren Mitte stellt Geoffrey Hinton dar, der selbst an der Entwicklung der LLM (Large Language Model) wie ChatGPT beteiligt war, dann aber, „vor ca. zwei Jahren, überraschend alles hinwarf . . . weil er gemerkt habe, wie sehr die Technik den Menschen in ihren Bann reiße, und zu welch einem ‚Monster‘ seine Schöpfung heranwachsen könne“. Seitdem reist er um die Welt und warnt vor einer KI, die für die Menschheit zum ‚existenziellen Risiko‘ werde.“6
Und weiter in diesem Artikel: „Hinton ist nicht der Einzige, der eine solche Entwicklung von KI für möglich hält. Folgt man D. Kokotajlo, einem ehemaligen Mitarbeiter von OpenAI, könnte es bereits in fünf Jahren eng werden für die Menschheit. . . Danach könnte ein Wettstreit zwischen China und den USA um eine Superintelligenz eine wirksame Regulierung verhindern, weil kein Land ins Hintertreffen geraten möchte.“ Und tatsächlich, wenn beide so wahnhaft agieren wie mein Patient in der Psychiatrie, könnte so etwas leicht passieren, denn die Paranoia kennt keine Grenze – und das gilt speziell für heute und für die großen politischen Blöcke –, wo kein anderer Ausweg als Krieg oder Selbstmord möglich scheint.
Schon der Ausdruck ‚Superintelligenz‘ befördert ein derartiges, verrücktes und kollaptisches Ende. Auch anerkannte wissenschaftliche Autoren aus dem Bereich der Kognitionswissenschaften, der KI oder der Informatik benutzen solche hochgestapelten Intelligenzbegriffe. Selbst J. Kleinberg, Informatiker an der amerikanischen Cornell University, schließt nicht aus, dass eine künstliche allgemeine Intelligenz (engl. AGI) die menschliche einholen kann, und Nick Bostrom, schwedischer Philosoph und Zukunftsforscher, erklärt, dass die sich aufschaukelnde KI zu einem übermenschlichen Verstand werden würde, was er eine ‚Intelligenzexplosion‘ nennt. Spätestens hier wird klar, dass mit dem Wort Intelligenz irgendetwas überhaupt nicht mehr stimmt.
Denn wenn Intelligenz explodieren kann, bedeutet dies ja wohl, dass der, die oder das Explodierende wahnsinnig geworden ist, paranoisch oder halb tot. Wer mit derartigen Intelligenzen umgeht, ist selbst schon weitab daneben, denn für so jemanden ist Intelligenz nichts anderes als ein Verstandes-Karussell, eine Denk-Maschine, ein kognitiver Irrgarten, wie es vielleicht auch die KI ist oder zumindest wesentliche Teile von ihr. Wie ich nochzeigen will, kann die KI nur ‚vorbewusst‘ denken, das heißt, kombinieren, kalkulieren, zusammensetzen, trennen, aufbauen, etc., wie es der Mensch auch heute noch in einem luziden Traum, in einer Psychose, im frühen Kindesalter oder im Übergang vom Unbewussten zum Bewussten bei einer Traumerinnerung tut, wo der Traum bereits durch Gedankliches schon in Richtung auf bewusste Verstehbarkeit ein bisschen verändert ist, aber doch ‚intelligent‘.
Bereits Freud hatte die Einteilung des Psychischen in Unbewusstes, Vorbewusstes und Bewusstes vorgenommen. Ihm ging es hauptsächlich darum, dass Gedanken, besser: Phrasen, Einfälle aus dem Unbewussten, aus dem scheinbar total Verdrängten, beim Aufwachen beispielsweise kurz ins Vorbewusste rutschen, wo sie in etwa schon verbal-sprachlich verstanden werden können. Auch beim Psychoanalysieren tritt das Vorbewusste beim Patienten zutage, weil er frei ‚assoziieren‘, also nicht voll bewusst sprechen soll, und der Therapeut daraus besser als schon vom fertig gezimmerten Bewussten die im Unbewussten versteckte Wahrheit herauslocken kann. Denn die Wahrheit ist – weil psychisch abgewehrt, verdrängt oder gar verworfen – die eigentliche Ursache der Symptome. Schon Marx hatte dies so ausgedrückt, als er sagte, „dass Menschen zwar ihre eigene Geschichte machen, dies aber nicht „nach ihrem Belieben“ oder „aus freien Stücken“ tun, sondern unter „unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“, also un- oder besser eben vorbewusst.7
Dass man wachbewusst ist, hindert nicht, dass man unoder vorbewusst Dinge tut, also nicht merkt, was man eigentlich macht. Vor allem wird auch nicht sichtbar, was die zugrundeliegende Wahrheit ist, denn selbst die übliche Sprache vermittelt meist nur Vorbewusstes, was zeigt, dass das Vorbewusste eine universell verbreitete Verfassung ist, die ständig verhindert, dass Unbewusstes sich direkt mit dem Bewussten verbindet und so die eigene, eigentliche Geschichte klarer, durchsichtiger, reifer und eben wahrer gemacht würde. Lacan ist der Ansicht, dass die Sprache überhaupt nur der Sucht nach Anerkennung diene. Sie enthülle nichts, meistens jedenfalls, und so würde man in den „unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“ stecken bleiben. Das Meiste sei nur vorbewusst und nicht wahr, wenn auch nicht gelogen, es sei nicht richtig, wenn auch nicht falsch.
Lacan geht von der Universalität des Diskurses aus, also von der Art und Weise eines strukturierten, kontextbezogenen Sprachlichen, das auf der „Wahrheit als Ursache“ fußt, die eben im Vorbewussten nicht voll zur Geltung kommen kann. Nicht Energie und Materie nach dem Urknall stellen den Beginn von allem dar, sondern der die „Wahrheit als Ursache“ äußernde Diskurs.8 Und tatsächlich lässt sich ja auf die zwar dumme, aber oft gestellte Frage, was denn vor dem Urknall war, nur antworten: Gott, wenn man tief religiös ist, oder die Wahrheit, wenn man wissenschaftlich vorgehen will. Gemeint sind nicht die alltäglichen kleinen Wahr- oder Unwahrheiten, sondern die letztlich immer als eigentliche Ursache anzutreffende Wahrheit, wie sie vor allem heutzutage durch die Wissenschaft gestützt wird. Es muss eine Wahrheit geben, die erklären könnte, wie das Universum entstand, und nicht nur einen Knall, den vielleicht die Leute selbst hatten, die das behaupteten.9
Dass die Wahrheit, das wahre Sprechen oder das authentisch Wahre die letztliche Ursache sein soll und nicht das existentielle Sein von Energie und Materie oder von Geist und Gott, mutet befremdlich an. Aber hinter jedem Sein steckt wieder nur ein anderes Sein, während die Wahrheit die Wahrheit bleibt. Sie als hinter dem Anfang des Universums zu verorten, ist die einzige Möglichkeit, der Frage, was am Beginn von allem stehen könnte, gerecht zu werden. Die Wahrheit ist eben universell. Lacan verteidigt diese Auffassung durch die Betonung des
Subjekts, und zwar eben durch das Subjekt der Wissenschaft bzw. einer Wissenschaft vom Subjekt. Nur dadurch wird das Problem mit der Wahrheit als Ursache wirklich klar.
Sie ist sogar den sogenannten objektiven Wissenschaften vorrangig. Natur und Geist, Materie und Gott werden von den Menschen in einen Stand von Schuldhaftigkeit versetzt, argumentiert Lacan. „Der religiöse Mensch bürdet Gott die Last der Ursache auf – und versperrt sich damit den eigenen Zugang zur Wahrheit“.6 In den theologischen Diskussionen ließ sich nicht verbergen, dass im religiösen, im glaubensmäßig fundierten Diskurs, das Problem „darin liegt, dass er sich niemals der Macht der Ambivalenz von Gefühlsregungen entledigen kann“, und so – wenn man es krass ausdrücken will – „die unbewusste Feindseligkeit gegen Gott zum eigentlichen Wesen der Religion gehört“ (die, wie jeder Glaube eben, dann auf andere projiziert, die ewigen Religionskriege zur Folge hatte und noch hat).10 Freud sah die Religion als einen zwangsneurotischen Zustand an, in dem die Menschen sich zu starren ritualistischen Handlungen verpflichten, aber diese Obsession ist ihnen nicht bewusst.
Auf jeden Fall kann Gott nicht als Wahrheits-Ursache des Subjekts verstanden werden, da er selbst – wie die KI – kein Subjekt ist, und so vom Subjekt nichts weiß. „Nach wie vor liegt der Schlüssel“, so Lacan nochmals zum Problem der Wissenschaftlichkeit, „in einer Definition der Beziehung des Subjekts zur Wahrheit“. Denn der Mensch ist vorwiegend nicht ein naturwissenschaftlich erklärbares Wesen, indem er eben sogar betont Subjekt ist, was nur deswegen nicht so leicht verständlich wird, weil er – so zumindest die Psychoanalyse – zum Großteil Subjekt des Unbewussten ist. Er ist sich seines Subjektseins nicht genug bewusst. Und so ist er sich auch seiner Paranoia nicht genug bewusst, die auch ein Paradebeispiel des Vorbewussten ist.
Womit ich kurz noch etwas zur Natur von Materie und Energie sagen muss, die angeblich objektiv ist, weil man sie dazu macht. Man zerschießt in milliardenteuren Teilchenbeschleunigern Atome, um den letzten Baustein zu finden, wobei die Zerschießungsaktion bald selbst zur Bedrohung wird. Oder man entschlüsselt die Gene, die mit Atomen bestückten Molekülketten, die angeblich fast alles bestimmen. Doch seitdem jeder Mensch sein eigenes Genom für 150 $ erstellen lassen kann, ist Nüchternheit eingekehrt. Auch für die Neurowissenschaft wird es eng, seitdem immer klarer wird, dass der Mensch nicht sein Gehirn ist und ebenso nicht ein kognitionswissenschaftliches Objekt.11
