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"Seien Sie nicht so naiv!" ist eine nicht immer chronologische Zusammenstellung von humorvollen und interessanten, meistens ungewöhnlichen Erlebnissen, die der Autor während seines Wehrdienstes hatte und 30 Jahre später aufgeschrieben hat. Sie geben die unvoreingenommene und manchmal auch naive Begegnung eines jungen Bürgers in Uniform mit der Institution Bundeswehr während der Zeit des Kalten Krieges wieder und reichen von der Musterung über die Grundausbildung und die Zeit bei der Stammeinheit bis zur Entlassung und nostalgischen Besuchen seiner alten Standorte, viele Jahre später.
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Seitenzahl: 281
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Lothar Döbert
„Seien Sie nicht so naiv!“
oder
Mein Wehrdienst bei der Bundeswehr vom 01.07.1981 – 30.09.1982 in Wort und Bild.
www.tredition.de
© 2015 Lothar Döbert
Umschlag, Illustration: Lothar Döbert
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7323-4088-0
Hardcover
978-3-7323-4089-7
e-Book
978-3-7323-4090-3
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Inhaltsverzeichnis
Dienstzeitabschnitt – Titel
I Einführung und Musterung
II Grundausbildung in Pfullendorf
Der Einberufungstermin
Erste Erfahrungen
Der erste Wochenenddienst
Die Probe aufs Exempel
Anzugarten des Heeres
Standort-Kantine
Die „Grüne“ Kampfausbildung
Sport in der Grundi
Formalausbildung
Im Schlamm bis zum Hals
Waffenkunde
Orientierungsmarsch
Erfolg
Schießausbildung
Wochenend-Heimfahrt
Biwak
Angriff im Wald
Biwakfest
Tarnung
Geräusche und Lichter der Nacht
Amtsanmaßung und Desertion
Feuerlöschbereitschaft
III Spezialausbildung zum Baufernsprecher
Befehl…
…und Gehorsam
Atomwarnung
Baum mit Astloch
Scharfschießen auf dem Truppenübungsplatz
IV Stammeinheit in Donauwörth
Die Lage
Der erste Tag am neuen Standort
In der Feuerleiter-Stube
Einführungsausbildung
Wachdienst
Meine Erlebnisse als Torposten
Leistungsmarsch und Geländelauf
Handwaffenschießen
Dago
Vorgeschobener Beobachter
Neue Stube – neue Kameraden
Der Tagesdienstplan
Staatsbürgerlicher Unterricht
Formalausbildung
Sport in der Stammeinheit
Truppenübungsplatz Grafenwöhr
Göttliche Eingebung
Gegenschlag
Alte Bekannte
Nachtangriff
Regimentsschießen
Wachdienst auf dem Trp.Üb.Platz
Nachttanken
Stelldichein im Niemandsland
Gotteslohn
Bewaffnete Abendunterhaltung
Eine Haubitze sitzt fest
Überraschung in der Kleiderkammer
Balkenkreuz und Schultertasche
Schulterklappen machen Leute
Besichtigung auf Glatteis
Der Oberstleutnant – dein Freund und Helfer
Stiefelputz und Stiefelglanz
Der Kugel-Müller
Kosmetik bei der Bundeswehr
Führerschein
Stubendurchgang
Nato-Alarm
Batterie, Achtung ich zähle
Wer des wissen will
Freilaufende Übung
Eingeschlafen auf Wache
Furten in Wörnitzstein
Eintägige Geländeübungen auf dem Stäubl
Handgranatenwerfen
Scharfschießen auf dem Stäubl
Minensuch-Lehrgang
Batterieausbau mit Problemen
Geheimnisträger
Biwak im Stäubl
Flugabwehrschießen auf dem Stäubl
Bestände aufbrauchen
Ein Panzer wird bemalt
Reservist
Entlassung
Bundeswehr-Nostalgie
I. Einführung und Musterung
Einführung
Über drei Jahrzehnte sind es nun her, dass meine Bundeswehrzeit – 15 Monate Grundwehrdienst– zu Ende ging. Drei Jahrzehnte, in denen ich hin und wieder bei gegebenen Anlässen, Anekdoten und Schwänke aus dieser Zeit zur allgemeinen Erheiterung meiner Kollegen und Freunde oder Familienangehörigen zum Besten gegeben habe. Zwar war ich kein staatlich geprüfter Idiot, wie der brave Soldat Schweijk, sondern ein staatlich geprüfter Abiturient, aber beide sind wir in Situationen geraten, die nicht alltäglich und wert waren, sie aufzuschreiben.
Auf die Idee, die gesamten Erleb- und Vorkommnisse dieses Lebensabschnittes niederzuschreiben, bin ich zwar schon oft gekommen, habe sie aber drei Jahrzehnte lang nicht in die Tat umgesetzt. Erst jetzt als ich das Buch von Hans-Helmut Kirst „Null acht fünfzehn“ zum ersten Mal las und ich gleichzeitig im Urlaub war und Zeit hatte, kam mir wieder diese Idee.
Sie werden in diesem Buch keine Exzesse finden, seien sie alkoholischer oder anderer Natur. Sie werden dagegen den unvoreingenommenen und manchmal naiven Kontakt und die Auseinandersetzung eines jungen Bürgers in Uniform mit den Regeln, Abläufen und Riten einer Institution erleben, die sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf das Leben unzähliger junger Menschen in unserem Land hatte.
Meine Bundeswehrzeit fand zu einer Zeit statt, in der die Bedrohung des kalten Krieges noch reell war und man tat-sächlich noch mit dem plötzlichen Ausbruch eines Krieges rechnen musste, der sich mit tödlicher Gewissheit in einen Atomkrieg verwandelt haben würde. Das kann man sich heute, nur 30 Jahre später kaum mehr vorstellen. Aber die Zeiten ändern sich schon wieder, siehe die Bedrohungslage aus dem Osten
Im Jahr 1981 stand mein Abitur am Humanistischen Gymnasium Carolinum an. Im Frühjahr dieses Jahres auch die Musterung, die über einen Teil meiner weiteren Zukunft entscheiden sollte.
Es war ein strahlender Tag, an dem meine Freunde und ich uns im Wehrbezirkskommando meiner Heimatstadt Ansbach einfanden. Für diesen Tag hatten wir schulfrei bekommen und genossen die Möglichkeit, zu einer Uhrzeit, zu der wir sonst unweigerlich im Unterricht gesessen hätten, außerhalb der Schule unterwegs zu sein. Der Gedanke an eine Verweigerung des Wehrdienstes war mir nie gekommen. Ich war konservativ erzogen, mein Vater war im Krieg gewesen, eine Verweigerung wäre undenkbar gewesen.
Musterung
Kurz vor 8 Uhr trafen wir uns vor besagtem Gebäude gegen-über dem Bahnhof und erstiegen die Treppen zu dessen Räumen im 2. Stock. Wir meldeten uns an und nahmen in einem kleinen Wartezimmer mit Blick auf die Bahnhofstraße Platz. Es war gleichzeitig auch ein Umkleidezimmer für die Musterung und es roch nach Jenen, die es nicht nötig befunden hatten, an diesem oder einem anderen Morgen vor der Musterung noch zu duschen – ob aus innerer Auflehnung gegen die Bundeswehr, die Musterung, die Pflicht, hier zu erscheinen oder einfach aus Nachlässigkeit. Ein Fenster, durch das die Morgensonne herein schien, erhellte diesen, ansonsten kärglich ausgestatteten Raum, in dem auch noch ein Schrank stand. An den Wänden ringsum hingen Poster, auf denen verschiedene Waffengattungen mit Angabe ihrer Bezeichnung in Großbuchstaben dargestellt waren. Links neben der Türe und kurz vor dem Schrank hing eines, das auf mich Eindruck machte. Es stellte ein Geschütz (eine Feldhaubitze 70, wie ich später lernte), an einem ähnlichen Tag wie heute, in der Morgenstimmung auf einer Lichtung im Wald dar. Die aufgehende, noch rötlich scheinende Sonne blinzelte mit ersten Strahlen durch die Äste und beschien das ausgerichtete Geschütz. Trotz der militärischen Grundstimmung, ein Bild voller Romantik. Darunter prangte in hellroten Buchstaben der Schriftzug „ARTILLERIE“. Es war mir in diesem Moment nicht völlig klar, was das bedeutete, aber mein romantisch veranlagter Geist speicherte diese Bezeichnung im Zusammenhang mit der Morgenstimmung.
Die Musterung selbst war wie eine genaue ärztliche Untersuchung und unterschied sich eigentlich nur dadurch vom „Wiegen und Messen“, das zu Schuljahresbeginn in unserer Schule jährlich aus statistischen Gründen durchgeführt wurde, dass wir dort nicht in Unterhosen herumliefen und dass hier auch verschiedene Geräte bedient werden mussten, mit denen unsere Fähigkeiten und Schwächen herausgefunden werden sollten, um uns der passenden Waffengattung und Aufgabe zuzuteilen, davon jedoch später. Nach der medizinischen Untersuchung, folgte nach weiterer Wartezeit im oben beschriebenen Raum das Musterungsgespräch in einem anderen Raum. Hier stand man den Mitgliedern der Musterungskommission gegenüber. Vor einem Tisch zu stehen, hinter dem Militärs unbekannten Rangs Platz genommen hatten, erinnerte mich an das Erscheinen vor einem Kriegsgericht, das ich aus vielen Seekriegsromanen kannte. Nur mit dem Unterschied, dass hier kein Säbel auf dem Tisch lag, an dessen Ausrichtung der Delinquent des Kriegsgerichtes erkennen hätte können, ob sich das Gericht für oder gegen ihn entschieden hatte. An der Wand dahinter hingen ein Kruzifix und ein Bild des obersten Dienstherrn, des Bundespräsidenten, was mir irgendwie wie ein Widerspruch vorkam.
Von der Musterungskommission wurden uns anschließend das Ergebnis der Musterung und unsere Tauglichkeitsstufe mitgeteilt, die darüber entschied, ob wir die Bundeswehr gar nicht zu besuchen brauchten bzw. was wir bei der Bundeswehr tun durften. Durch meinen Nachnamen, der bereits an vierter Stelle im Alphabet kommt, kam ich relativ früh an die Reihe. Trotzdem war den Mitgliedern der Musterungskommission bereits eine relative Ermüdung und Enttäuschung anzumerken, die wohl aus den Antworten derer resultierte, die vor mir ihr Ergebnis erhalten und dazu ihre Stellungnahme abgegeben hatte. Dies war nämlich der Zeitpunkt, an dem man seine Verweigerung des Militärdienstes, aber auch seine Interessen bekannt geben konnte.
Nachdem ich erfahren hatte, dass ich mit „tauglich 3“ die Musterung bestanden hatte und zur Bundeswehr durfte, gleich-zeitig aber insoweit eingeschränkt verwendbar war, dass die, von manchen begehrten, Verwendungen, wie Fallschirmspringer, U-Boot usw. für mich ausgeschlossen waren, wurde mir die Gelegenheit gegeben, mich für eine Truppengattung zu entscheiden. An dieser Stelle, an der die Meisten wahrscheinlich anstatt einer Truppengattung ihrem Wunsch nach heimatnaher Stationierung Ausdruck verliehen und dadurch zur vorzeitigen Ermüdung der Musterungskommission geführt hatten, äußerte ich, eingedenk des Posters im Wartezimmer den Begriff „ARTILLERIE“. Die daraus resultierende Wirkung hätte nicht verblüffender sein können. Die gesamte Musterungskommission straffte ihre Rücken, alle Gesichter strahlten auf. „Endlich ein Soldat!“ war in ihren Gesichtern zu lesen. Einer, der besonders erfreut war und wahrscheinlich selbst in der Artillerie gedient hatte, beschrieb mir sogleich die wunderbar gelegene Artillerieschule in Idar-Oberstein, die ich freilich erst zu Gesicht bekommen hätte, wenn ich mich auch noch für 12 Jahre verpflichtet hätte. Das wurde heute aber noch nicht von mir erwartet.
Als wir uns im Wartezimmer noch einmal versammelten und auf unsere Bestätigung der Teilnahme an der Musterung warteten und unsere Erlebnisse verglichen, merkte ich schon, dass sich meine Musterung von der meiner Freunde und Klassenkamera-den deutlich unterschied und verspürte ein klein wenig Angst, das Falsche getan zu haben, als ich mich so freimütig für die Artillerie entschied. Dass ich mit keinem von ihnen dabei zusammenkommen würde, wurde mir klar, als ich hörte, was sie zur Antwort gegeben hatten.
Einige Zeit später, ich war mitten in den Vorbereitungen auf das Abitur, erhielt ich meinen Einberufungsbescheid, der, wie es kaum anders zu erwarten war, mich zur Artillerie befahl. Und um jeden Zweifel auszuschließen, war natürlich der Stationierungsort jedes meiner Klassenkameraden, soweit sie überhaupt zu Bundeswehr gingen, meilenweit von meinem entfernt. Sie hatten auch als Ort, an dem ihre Stammeinheit lag und an dem sie 12 Monate ihres Wehrdienstes verbringen würden, eine heimatnahe Stationierung, nur 20 km entfernt bekommen, wohingegen ich auch hier ca. 80 km zurückzulegen hatte, aber was machte das schon.
Zunächst lag vor mir die, mir unüberwindlich scheinende, Hürde des Abiturs, dessen Ausgang noch keineswegs sicher war, ebenso wenig wie die Tatsache, dass ich wirklich am 1. Juli zur Bundeswehr einrücken würde können.
Doch ich packte das Abitur und bestand mit einer, meinem Tauglichkeitsgrad ähnlichen Note. Nach einem kurzen, mit meinen Eltern gemeinsam verbrachten Urlaub in der Schweiz, wo allgemein hohe Achtung meiner bevorstehenden Militärzeit gezollt wurde, wurde es am 1. Juli 1981 Ernst.
