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Als am 27. Juni 1989 der ungarische Außenminister Gyula Horn gemeinsam mit seinem österreichischen Amtskollegen Alois Mock medienwirksam mit einer Eisenschere den Eisernen Vorhang an der österreichisch - ungarischen Grenze zerschnitten, da saßen unser Autor und seine Eltern gerade beim Abendessen auf ihrer Datsche und rieben sich verwundert, wie Millionen Deutsche, die Augen. Noch am gleichen Abend fasste er, gerade volljährig geworden, die Entscheidung, durch dieses Loch in ein neues Leben aufzubrechen ohne zu wissen, auf was für ein Abenteuer er sich einlässt.
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Seitenzahl: 169
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Für Nicole, die immer da ist, immer da war und immer da sein wird.
Für meine Eltern und all die Menschen, die im Sommer 1989 aufgestanden sind.
Für Stephan, Judith, Gerhard und Gerdi.
Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten, sie fliegen vorbei wie nächtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen, mit Pulver und Blei: die Gedanken sind frei.
Ich denke, was ich will, und was mich beglücket, doch alles in der Still, und wie es sich schicket. Mein Wunsch und Begehren kann niemand verwehren, es bleibet dabei: die Gedanken sind frei.
Und sperrt man mich ein im finsteren Kerker, das alles sind rein vergebliche Werke; denn meine Gedanken zerreißen die Schranken und Mauern entzwei: die Gedanken sind frei.
Hoffmann von Fallersleben
Vorwort
Seitensprung
Aufbruch
Freunde
Das Bild
Die Reise
Die Entscheidung
Ungarn
Ferien
Fehlschlag
Das Gespräch
Endlich!
Wien
München, endlich!
Mein Held
Michel kommt!
Freundlichkeiten
Wende
Superlative
Ein langer Weg
Ich stehe vor dem großen Spiegel in unserem Badezimmer und schaue in ein vertrautes Gesicht, das sich, so wie es mich jetzt ansieht, seit den Ereignissen, die ich hier erzähle, nicht verändert hat. Ich sehe noch immer das Kind, den Jungen, den Teenager, der ich damals war. Aber das ist nur der Blick, den ICH auf dieses Gesicht habe.
Andere Menschen sehen das nicht. Sie sehen einen Mann, der, wie man so schön sagt, in seine besten Jahre gekommen ist. Einen, der je nach Tagesform müde oder wache Augen hat, mit grauen Spitzen, die sich mehr und mehr ins dunkle Haar mischen, mit Fältchen, die, wie ich hoffe, vor allem Lachfalten sind und die längst begonnen haben, die Augen ungnädig einzurahmen. Einen Mann, der nicht verbergen kann, dass auch bei ihm das Leben und die Jahre Spuren hinterlassen haben.
So weit, so gut und eben auch vorhersehbar. Sich dem Alter zu stellen, der Gewissheit, dass die Jahre schneller vergehen, als einem lieb sein kann, ist schmerzlich, aber die Alternative dazu erscheint mir auch nicht besonders reizvoll. Da wirken die paar Fältchen im Gesicht als ein guter Handel.
Jedes neue graue Haar stört mich, aber was mich wirklich nervt, ist, dass ich langsam beginne, Dinge zu vergessen. Oft sind es nur sehr banale Sachen. Der Name eines Klassenkameraden oder der Titel eines Songs aus meiner Jugend. Manchmal jedoch verschwimmen auch Ereignisse, Zusammenhänge. Da tauchen Personen in meiner Erinnerung auf, die nicht in die Zeit passen oder ich vermische Ereignisse.
Auch die Erinnerung an jene, für mich und meine Familie so dramatischen Wochen und Monate im Sommer 1989 beginnen langsam zu verblassen. Meinem Geist geht es fast so, wie den alten Fotos aus jener Zeit. Die bunten Farben bekommen einen gelben Stich und werden blasser, die Details verschwinden und man muss schon genau hinschauen oder etwas Fantasie haben, um sie noch zu erkennen. Jedoch bevor die Bilder in meinem Kopf noch weiter verschwinden, bevor die Erinnerung immer weiter der Fantasie weicht, möchte ich das, was noch da ist, so detailgetreu wie möglich festhalten.
Vielleicht kann ich mit meiner Geschichte aus jenen Tagen ein kleines Puzzleteil zu dem großen Bild, das gemeinhin „Wende“ genannt wird, beisteuern. Vielleicht hilft meine Geschichte zu verstehen, wie unterschiedlich und individuell jede einzelne Flucht damals war. Ich teile mein Schicksal mit 17 Millionen Ostdeutschen, von denen jeder Einzelne seine sehr eigenen Erinnerungen an jene Tage hat. An jene Wochen im Sommer und Herbst 1989, egal ob er oder sie ging oder blieb. Jeder hat diese Zeit anders erlebt. Für ein Viertel der Deutschen änderte sich in jenem Herbst das ganze Leben, ob sie wollten oder nicht.
Das Jahr 1989 steht für einen Epochenwechsel in der europäischen Geschichte, der die Landkarte Europas tiefgreifend veränderte. Die Berliner Mauer, die Millionen Menschen hinter Stacheldraht zusammenhielt und Sinnbild der betonierten Teilung Europas war, brach letzten Endes in sich zusammen und beschleunigte eine gewaltige Flut der Veränderung, die Europa, beginnend mit den ersten halbfreien Parlamentswahlen am 4. Juni 1989 in Polen, ergriffen hatte und in deren Verlauf die polnische Solidarnos´c´ einen überwältigenden Erfolg erkämpfte.
Die Wende spülte die Diktatoren weg, zuerst in Warschau und Budapest, und später in Prag, Berlin und Bukarest. Sie brachte ein System zum Einsturz, von dem einer seiner Hauptakteure jener Zeit noch kurz vorher sagte: „Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf.“ Wie schön, dass sich dieser Esel so gründlich getäuscht hat.
Es mag weit hergeholt klingen, aber jede Flucht in jenen Tagen, jeder Einzelne, der damals allen Mut zusammennahm und nur das Nötigste in eine Tasche packte, um seiner Heimat den Rücken zu kehren, streute ein kleines Sandkorn ins Getriebe eines Systems, das abgewirtschaftet hatte und brach ein Stück aus der Mauer, die so unglaublich unüberwindbar zu sein schien. Jeder Flüchtling damals vergrößerte den Zorn derer, die bleiben wollten. Am Anfang waren es nur kleine Haarrisse in der Mauer, aber sie wurden von Tag zu Tag größer, bis die Mauer am Ende einstürzte.
Am 16. Juni 2017 starb Helmut Kohl. Jener deutsche Kanzler, der die Scherben dieses Sommers aufsammelte und wieder zu Einem zusammensetzte und dem die Deutschen den Namen „Einheitskanzler“ gaben.
Die zahlreichen Nachrufe auf ihn, brachten viele gut im Archiv meines Kopfes verstaubte Gefühle und Emotionen zurück.
Beim Anblick der Bilder vom 30.9.1989 des Balkons der Botschaft der Bundesrepublik in Prag, als Hans Dietrich Genscher, auch ein großer Deutscher jener Tage, seine historischen Worte kaum hörbar in eilig installierte Mikrophone sprach und verkündete, dass in dieser Nacht die Ausreisegenehmigung für Tausende DDR-Flüchtlinge, die im Botschaftsgarten ausharrten, erteilt wurde, laufen mir heute noch Tränen übers Gesicht. Die Emotionen dieser Zeit sind immer noch, 30 Jahre später, abrufbar in meinem Kopf. Diese wenigen Worte Genschers waren ein Meilenstein auf dem Weg zur Wiedervereinigung und der Anfang vom Ende der DDR.
Der frenetische Jubel der verzweifelten ostdeutschen Flüchtlinge im Garten der Botschaft, die von Emotionen fast erstickte Stimme des damaligen deutschen Außenministers, das Glücksgefühl jener Nacht, das millionenfach in deutsche Wohnzimmer und hinaus in die Welt live übertragen wurde, ergreifen mich heute wie damals in einer sehr besonderen Weise. Ich wünschte mir, die Deutschen würden sich an jene Nacht erinnern, wenn sie heute die Flüchtlingspolitik ihrer Kanzlerin kritisieren.
Die Worte Genschers waren wie der Treffer in einem Boxkampf, der den Gegner kurz und unerwartet zu Boden gehen lässt. Ein Schlag so fest, so nachhaltig, dass er von nun an bis zum K.o. taumelte.
Den Tag, an dem ich erwachsen wurde, kann ich genau benennen.
Es war der 29. August 1989.
Mit pochendem Herzen stand ich vor einem etwa zwei Meter hohen, verrosteten und engmaschigen Eisenzaun in einer Waldschlucht an der ungarisch-österreichischen Grenze. Der Tag brach gerade erst an, die ersten Sonnenstrahlen erwärmten die Kühle der Nacht. Morgentau lag noch auf den Feldern und Wiesen, und mir schlug das Herz bis zum Hals.
Für die meisten Menschen war dies ein Morgen wie jeder andere, für mich war es der Beginn einer neuen Zeit, eines neuen Lebens. Ende und Anfang gleichermaßen.
Nur dieser Zaun trennte mich noch davon. Eine grüne Wiese hinter einem dicken Zaun, an deren Horizont ein paar Häuser zu erkennen waren, und der Wald, der hinter mir lag und mit ihm mein ganzes bisheriges Leben.
Hier stand ich nun. Achtzehn Jahre alt, mutig, aufgeregt und trotzdem unbekümmert, und überzeugt davon, dass diese grüne Wiese der rote Teppich in eine goldene Zukunft war. Nichts hätte mich in diesem Moment zurückhalten können. Ich war entschlossen, diesen Weg zu gehen, koste es, was es wolle. Auf der anderen Seite dieses Zaunes wartete die Zukunft.
Atemlos und mit weichen Knien stand ich hier. Einen Moment hielt ich inne, atmete noch einmal tief durch, bevor ich nach einem dicken Ast über mir griff, mich hinauf schwang in das Geäst eines Baumes und ihn wagte, meinen Seitensprung.
Die Sonne brannte am 14. August 1989 aus einem wolkenlosen Himmel, so wie sie es schon seit Wochen tat und der Schweiß lief mir den Rücken hinunter. Zusammen mit meinem Freund Heiko kämpfte ich mich durch die Massen von Menschen, die sich auf Bahnsteig 12 des Dresdner Hauptbahnhofs Lebewohl sagten. Ein prächtiger alter Bahnhof, der die englischen Bomben der letzten Kriegstage des Zweiten Weltkriegs relativ unbeschadet überstanden hatte und sogar die Abrissbirnen der Kommunisten.
Was an architektonischen Schätzen Dresdens von den Bomben im Zweiten Weltkrieg übriggelassen wurde, ließ die Führung verkommen oder machte es einfach dem Erdboden gleich, um anschließend sozialistische Neubauten darauf zu errichten. Die Altstadt Dresdens war damals, und ist es auch heute noch an vielen Stellen, ein in Beton- und Plattenbauten gegossener trauriger Zeuge sozialistischer Monotonie jener Zeit.
Wie alle Bahnhöfe auf der Welt ist auch der Dresdner ein Ort des Willkommens- und des Aufwiedersehensagens. Ein Ort der Freude und des Schmerzes, ein Ort alltäglicher Routine und ein Ort für den Beginn oder das Ende einer Reise. All das zusammen war dieser Bahnhof auch für mich damals. Ich musste still auf Wiedersehen sagen und brach in ein neues Leben auf.
Mein Begleiter wusste davon noch nichts und ich wusste nicht, wie ich es ihm beibringen sollte. Heiko freute sich einfach auf zwei Wochen Urlaub in Ungarn, weit weg von unseren Eltern, weit weg von den Zwängen unseres Alltags. Zwei Wochen Flucht aus der Enge unserer Stadt, aus der Enge unseres normalen Lebens. Zwei Wochen, in denen wir tun und lassen konnten, was wir wollten. Erwachsensein auf Probe sozusagen. Frei wie zwei Spatzen, die wild mit den Flügeln flattern.
Frühmorgens waren wir von Plauen nach Dresden aufgebrochen. Das Gewicht des Rucksacks auf meinem Rücken zog mich nach hinten und instinktiv beugte sich mein Körper als Gegengewicht nach vorn. Die Hitze und der Geruch der vielen Menschen um mich herum war erdrückend, und meine innere Stimme wollte nicht aufhören, mich klagend und vorwurfsvoll zu fragen, warum ich diese blöde Reise unbedingt unternehmen wollte. Ich rang sie nieder, weil ich wusste, es wird eine Reise, wie sie sich nur ein einziges Mal im Leben bieten würde, eine Reise ohne Rückfahrschein oder zumindest würde ich meinen nicht brauchen. Aber von dem, was in meinem Kopf herumschwirrte, ahnte Heiko nichts. Ich konnte es ihm auch nicht sagen. Nicht, weil ich ihm nicht vertraut hätte, sondern weil ich befürchtete, auch er würde seine Rückfahrkarte in den Mülleimer werfen. Aber er war erst siebzehn Jahre alt, ein schmales Bürschlein, noch nicht volljährig und egal wie mein Vorhaben ausgehen würde, ich wäre dann nicht nur für mich, sondern auch für ihn verantwortlich.
Ich hatte doch schon mehr als genug mit mir zu tun. Ich malte mir mein Abenteuer und meine Zukunft mit einem romantischen Pinsel in bunten Farben aus. Natürlich ahnte ich irgendwo in meinem Hinterkopf, dass auch die Farbe grau eine Rolle in diesem Bild spielen würde. Aber diese kurzen Gedankenblitze, wenn sie denn einmal aufflackerten, rang ich sofort nieder.
Mein Bild sollte bunt bleiben, keine bösen Gedanken, keine Zweifel zulassen, sonst wäre mir mein Mut vielleicht doch irgendwo unterwegs abhanden gekommen.
Heiko trottet schniefend und nicht weniger schwitzend als ich hinter mir her auf der Suche nach Wagen Nummer 9 im D-Zug nach Budapest über Prag.
Wir waren Freunde geworden, weil unsere Eltern befreundet waren. Wir verbrachten viel Zeit miteinander, wenn unsere Eltern die Sorgen des Alltags an den Wochenenden vergessen wollten. Sie trafen sich oft und feierten zusammen.
Als wir älter wurden, hielten wir das Band, dass zwei Jungs in unserem Alter zu Freunden bindet, so gut und so lange wie möglich fest, aber irgendwann glitt es uns dann doch aus den Händen. Wir schraubten gemeinsam an unseren Motorrädern, gingen zusammen zur Disco, betranken uns und führten uns gegenseitig wankend nach Hause.
Wir verliebten uns immer mal wieder in ein Mädchen, aber immer nur so lange, bis sie zu nerven begannen und einen von uns vor die Wahl stellten – er oder ich. Als Teenager gibt man seinen besten Kumpel nicht wegen eines Mädchens auf, also mussten wir über die Antwort nicht lange nachdenken. Schöne Mädchen gab es wie Sand am Meer, aber einen echten Freund, den hielt man fest. Das ändert sich erst später. Selbst Beethoven beschwört in seiner Ode an die Freude, die Freundschaft, den Wert eines Freundes Freund zu sein.
So ging es auch Heiko und mir damals. Wir waren echte Freunde, dicke Kumpels, und nach damaligen DDR-Maßstäben privilegierte Jungs. Privilegiert, weil unsere Eltern selbstständige Handwerker waren und einen eigenen kleinen Betrieb besaßen. Selbstständig zu sein bedeutete damals auch, eine besondere Freiheit zu genießen. Man war nicht abhängig von Parteikadern im Betrieb, vom Wohlwollen des Systems.
Das Leben unserer Eltern war nicht einfach im Arbeiter- und Bauernstaat, aber freier war es schon. Wir Kinder mussten jedoch früh lernen, dass wir damit in dieser von Misstrauen und Denunziantentum geprägten DDR, sozusagen von Geburt her, einen schwarzen Fleck auf unserer weißen Weste hatten und unter besonderer Beobachtung des Systems standen.
Das begann bereits früh in der Schule, wenn Lehrer uns über unsere Eltern ausfragten. Sie versuchten geschickt, die Unbekümmertheit eines Kindes dafür zu missbrauchen, um private Details zu erfahren, um diese an die allgegenwärtige Staatssicherheit weiter zu melden. Über was spricht dein Vater zu Hause so? Schreibt dein Onkel aus dem Westen viele Briefe? Wann kommt er denn mal wieder zu Besuch oder trefft ihr euch im Ausland mit ihm? Hat dein Vater eigentlich viel Bargeld zu Hause herumliegen? Schaut ihr Westfernsehen und mit wem treffen sich deine Eltern am Wochenende?
Meist waren es vollkommen belanglose Fragen, ganz beiläufig untergemischt, sehr subtil, aber es wurde zusammengetragen, was sich zusammentragen ließ. Worüber spricht der Pfarrer in eurer Kirchengemeinde – du gehst doch zur Christenlehre-Stunde ins Paulus-Haus, oder?
Meine Schulzeit war manchmal wie ein Spießrutenlauf. Ich musste früh lernen, mein Vertrauen zu kontrollieren, vor allem aber musste ich lernen, nein, verinnerlichen, dass zu Hause Gesprochenes niemals das Haus verlassen durfte, dass es niemanden etwas angeht, was an unserem Tisch beredet wurde. Mein Vater war der großartigste Lehrer, wenn es darum ging, sich unauffällig durch das Mienenfeld des Alltags zu bewegen und trotzdem immer Haltung zu bewahren.
Manche Lehrer zeigten ihre Ablehnung mir gegenüber ganz offen, andere wiederum wussten sie subtil hinter einer Fassade des Kümmerns zu verbergen. Und einige waren auch einfach nur Lehrer, ohne politische Agenda.
Rückblickend habe ich heute ein gewisses Verständnis dafür entwickelt, dass es für die meisten Menschen im Osten kaum möglich war, sich diesem System zu entziehen. Jeder wusste, wer es versuchte, der wandelte auf dünnem Eis. Es brauchte viel Mut, Rückgrat oder wenigstens ein sehr dickes Fell, nicht mitzumachen oder sich gar zu widersetzen. Wer nicht mit dem Strom schwamm, der wurde gnadenlos aussortiert, schikaniert und mundtot gemacht.
Ob Lehrer, Arzt oder Straßenbahnfahrer – die Strukturen waren immer die gleichen. Die Partei, die Sozialistische Einheitspartei war im öffentlichen und im Berufsleben allgegenwärtig. Nur die eigenen vier Wände gaben Schutz und selbst dort versuchte die Stasi hineinzuhorchen.
Natürlich spielten in diesem System die Schulen eine besondere Rolle. Dieser Ort, an dem wichtige Weichen für das Leben gestellt werden. Dort, wo sich die Persönlichkeit eines Kindes vielseitig prägen lässt, in einem Alter, in dem man beeinflussbar und verletzlich ist. Bildung war viel zu wichtig bei der Erziehung zukünftiger Denunzianten und linientreuer DDR-Bürger, um etwas dem Zufall, oder noch viel schlimmer, den Eltern zu überlassen.
Für ein Kind im schulpflichtigen Alter waren die feinen Nuancen, die die Trennlinien markierten, nur schwer zu erkennen. Manchmal lagen sie wie ein offenes Buch vor einem, auch für ein Kind zu durchschauen, aber meistens waren sie verborgen. Verborgen hinter einer freundlichen, strebsamen und meist kumpelhaft jovialen Fassade. Schnell konnte sich ein Erwachsener, zu dem man aufsah und Vertrauen hatte, als hinterhältiger Spitzel herausstellen.
Diese feinen Antennen schon im Kindesalter zu entwickeln, war nahezu unmöglich und so hielt ich mich Zeit meiner Jugend an den guten Rat meiner Großmutter: Sei immer freundlich zu den Menschen und rede, ohne etwas zu sagen. Vor allem aber, lass sie nicht deine Gedanken lesen, lass dir niemals in die Karten schauen.
Die Kinder von Handwerkern, aber auch die von Intellektuellen oder Künstlern, wurden mit einem Fleck auf der Weste geboren. Sie waren dem Staat suspekt, so wie ihre Eltern dem Staat suspekt waren. Oft Freigeister, die aus der Reihe tanzten. So, wie man unsere Eltern misstrauisch beobachtete, so wurden auch wir Kinder misstrauisch beäugt. Und für die Jungen hielt das System oft noch ein besonderes Angebot bereit. Ein Angebot, mit dem man sich den Fleck von seiner Weste waschen könnte.
Ich erinnere mich noch sehr gut an das Gespräch in meiner Schule, als unser stellvertretender Direktor, Herr Heinich, ein kleiner ungepflegter Mittvierziger, mit gelben Stummelzähnen und fettigen dünnen Haaren, die ihm bis auf die Schultern fielen, und ein Oberst der zivilen Kampftruppen der DDR, Herr Fischer, der einen modischen grauen Anzug trug und im Gegensatz zu seinem Konterpart am Tisch sehr gepflegt auftrat und einen guten Eindruck zu hinterlassen versuchte, mich zum „Gespräch über meine Zukunft “ einluden.
Man sollte glauben, solche „Gespräche“ wurden mit dem Untergang des Sozialismus auf der Müllkippe der Geschichte entsorgt, aber weit gefehlt. Auch heute noch bedienen sich Firmen und Vorgesetzte gern dieser weichgespülten Methode, um verpackt in schönen Worten, die Loyalität von Menschen in Schubladen abzulegen, sie zu kategorisieren, um herauszufinden, wie sie ticken.
Herr Heinich, der gleichzeitig mein Lehrer für Staatsbürgerkunde war, hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er mich nicht leiden konnte. Er beschimpfte mich gern vor meiner Schulklasse als Kapitalistenkind, egal ob es passte oder auch nicht. Er konnte sich dabei richtig in Rage reden. Sein schwammiges Gesicht lief dann rot an und auf seiner hohen Stirn bildeten sich dicke Schweißperlen. Er war ein treuer Soldat der DDR.
Als ich mich daran gewöhnt hatte, verstand ich seine Wutausbrüche als eine Art Kompliment. Er nahm mich wahr. Zwar als Störfaktor, aber immerhin. Für einen Menschen, der nur sich kennt, nur sich als Maßstab hat, ist das schon viel. Und mich reizte es, diesen kleinen Mann allein durch meine Gegenwart zu provozieren. Zum Beispiel, wenn ich mein weißes Lieblings-T-Shirt mit rotem Levis-Schriftzug auf der Brust trug, ging er in die Luft und brüllte mich an, es unverzüglich umzudrehen, sodass die Schrift nicht mehr zu sehen war. Oder er konfiszierte meinen Pelikan-Füllhalter, weil in seinem Unterricht die Schüler nicht mit Tinte aus dem Westen schrieben. Ich war meist ein bisschen amüsiert darüber. Aber seine Wutausbrüche waren alles andere als Komplimente. Es waren Drohungen und ich wusste, diesem Teufel durfte ich nicht den geringsten Grund geben, mich aufs Glatteis zu führen. Er würde alles tun, um mir, vor allem aber meiner Familie, zu schaden.
Ich erinnere mich noch gut an eine Szene in unserem Klassenraum, als wir wieder einmal einen nassen Schwamm durch das Zimmer fliegen ließen, um uns gegenseitig zu treffen, und mein bester Schulfreund Peter versehentlich das Bild des großen Staatsratsvorsitzenden abschoss. Peter lachte, als das Bild auf den Boden knallte und die Glasscheibe und der dicke Holzrahmen zerbrachen. Augenblicklich stockte mir und den anderen der Atem. Es war die Pause vor dem Staatsbürgerunterricht und ich wusste, Herr Heinich würde keinen Spaß verstehen, wenn Erich nicht mehr an seinem Platz hing. Als die Schulklingel die Stunde ankündigte und Heinich einen Augenblick später in der Tür stand, hatte sich die Aufregung im Klassenzimmer und bei meinen Mitschülern zwar etwas beruhigt, aber es dauerte nicht lange, bis er das Bild mit seinem zerbrochenen Rahmen auf der letzten Schulbank entdeckte. Es einfach zu verstecken, wäre sinnlos gewesen. Der weiße Fleck an der Wand hätte uns sofort verraten. Und die Zeit, uns etwas anderes auszudenken, hatten wir nicht. Ohne zu zögern ging er auf mich los, auch ohne zu wissen, ob ich etwas mit der Sache zu tun hatte. Das Kapitalistenkind war es, wer sonst. Meine Klassenkameraden versuchten ihm glauben zu machen, dass das Bild schon so da lag, als wir ins Klassenzimmer kamen. Trotzdem stampfte Heinich wütend mit den Füßen auf, dass ich zugeben solle, der Täter zu sein. Ich war keiner, der Konflikte mit den Fäusten regelte, aber dieser Kröte hätte ich in dem Moment am liebsten ins Gesicht geschlagen.
