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Die turbulenten Lebenslinien eines Aufbegehrenden in fast fünf Jahrzehnten im Schatten der Ereignisse des Kalten Krieges bis zum Mauerfall am 9. November 1989. Beginnend mit den frühen Erinnerungen an die Kindheit unterm Schutzschirm des Großvaters an Vaters Statt. Die rebellische Jugend. Die Auseinandersetzung mit Kirche, Geist und Gott. Die Odyssee von Ost nach West. Zeit der Irrungen und Wirrungen, der Höhen und Tiefen, vom Schicksalsschlag zwischen Leben und Tod. Von prägenden Begegnungen: Faszination Kugelblitz, die Erscheinung auf der Sonnenpyramide, das Wissen der Seherin vom Niederrhein. Der Kampf ums Kind. Im Spannungsfeld der Nachrichtendienste. Im Widerstreit der Gefühle mit Fakten der Nachforschung zu familiären Hintergründen. Vom Triumph des Glaubens ans Unvorstellbare: Das Wunder der Fahndung nach dem für tot erklärten Vater. Zeitgeschichte und unvergessliche Momente in 58 reich bebilderten Kapiteln.
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Seitenzahl: 375
Veröffentlichungsjahr: 2021
IMPRESSUM
©2021 Ulrich Metzner
Autor: Ulrich Metzner
Gestaltung: Dorothea Metzner
Lektorat, Korrektorat: A.M.D. Metzner
Coverfoto: Archiv Sabine Kahrweg
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN 978-3-347-14433-0
ISBN 978-3-347-14434-7
ISBN 978-3-347-14435-4
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Ulrich Metzner
Seitenwechsel ins Ungewisse
Von einem, der auszog rüberzumachen
Prolog: Mut steht am Anfang des Handelns
Mitten im Krieg: Wie einmal alles begann
Weihnachten, Wotan und die Nornen
Udalrich und die nachwirkenden Erfahrungen
Die Mutprobe und der Kniesturz im Freibad
Der Kugelblitz, das bislang einmalige Erlebnis
Des Kindes Frage: Wann kommt mein Vater?
Die Taufe erst mit zehn
Geist und Gott: Nobelpreisträger Max Planck
Das Blitzmädel und das Unternehmen Wismut
Der gute Bekannte in Bermsgrün
Der 17. Juni 1953 in Cottbus
Aktion Taschengeld: Flachmänner und Kartoffelkäfer
Mit dem Fahrrad frei wie ein Vogel
Sound der Rebellion: Helden der Leinwand
Schulabschluss, Konfirmation und Superintendent
Im Schatten des Unerfreulichen
Nichts wie weg nach West-Berlin!
Der Rauswurf von der Oberschule
Des versuchten Seitenwechsels zweiter Teil
Angekommen: Geprüft auf Herz und Nieren
Die Brücken zur neuen Heimat
Als Gastschüler an zwei Gymnasien
Nach Lünen der Glücksfall Hamm in Westfalen
Der Brandt-Appell
Der folgenschwere Zwischenfall
Wiedersehen mit der Schicksalsstadt Berlin
Die Bewerbung und der Test-Artikel
Beginn der Fahndung nach dem Vater
Die Empfehlung des Vizekonsuls
Noch per Sie der erste Brief
Schul-Odyssee passé: Start ins Volontariat
Ruhrfestspiele, Vest Recklinghausen, Datteln, Filmstar
Großvaters stiller Abschied
Der Großmeister des Aufspürens
Reiner Pfeiffer und die Barschel-Affäre
Das Wagnis Ost-Berlin
Des Funktionärs Prognose zum Prager Frühling
Bewegte Zeiten, große Ereignisse
Der Lockruf aus Offenburg
Das Traumziel Mexiko-Stadt
Der Tag der Erscheinung von Teotihuacán
Die Sage vom gebrochenen Herz
Das ungewöhnliche Foto mit dem Hakenkreuz
Wegweisende Begegnung in Dortmund
Als das Private auf der Strecke blieb
Die Premiere der neuen Illustrierten
Endlich! Das Treffen mit dem Vater in Ansbach
Der Leutnant, der Kriegsoffizier, das Verdienstkreuz
Der Triumph des Glaubens
Der Tag, als Elvis Presley starb
Argentinien international im Blickpunkt
Buenos días, Buenos Aires!
Getanzte Leidenschaft: Tango Argentino
Schweizer Querschädel mit manchem Bekenntnis
Veruschka Gräfin von Lehndorff und Käthe Niessen
Erinnerungen und Neuanfang zu zweit
Wo sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere
Der weiße Ritter aus München
Freude ist so wichtig wie das tägliche Brot
Die Vorboten der friedlichen Revolution
Die Tore der Mauer stehen weit offen
Günter Schabowski: Mentor, Macher und Mensch
Da sage noch einer, es gäbe keine Wunder mehr!
Bischofswerda an der Birkengasse Anfang November
PrologMut steht am Anfang des Handelns
Die Idee zu diesem Buch kam auf, als sich die Enkel Moritz und Charlotte, Kinder meiner Tochter Sabine, für die Kindheit ihres Großvaters in der Nachkriegszeit zu interessieren begannen. Mit wachsender Begeisterung für seine Streiche, beispielsweise. Später für die Zeit der Jugend mit ihren Irrungen und Wirrungen, mit den ersten prägenden Erfahrungen: Der Rausschmiss von der Oberschule ein Jahr vor dem Abitur, landesweit fortan verwehrt der Abschluss. Hatte doch der wild Entschlossene die Seiten von Ost nach West wechseln wollen, was scheiterte. Die „Karriere“ dann mit noch nicht achtzehn als jüngster Wagenführer bei der Cottbuser Straßenbahn. In der Zwischenzeit dann die Vorbereitung des zweiten, des abenteuerlichen Versuchs, dem ungeliebten System zu entkommen.
Alles, was den beiden wissbegierigen Sprösslingen an Tatsächlichem geboten wurde, erschien ihnen wie das Drehbuch zu einem spannungeladenen Fernsehfilm. Vielleicht auch als eine Mischung aus modernem Märchen, Dichtung und Wahrheit. Wie sie es auch immer empfanden, sie konnten nicht genug davon hören. Und sie fragten nach, gleich ob es Details, Zusammenhänge oder Hintergründiges aus des Großvaters Umfeld waren. Für die beiden hatte sich eine Welt aufgetan, die aus ihrer Sicht kaum vorstellbar war. Ein ums andere Mal kamen sie aus dem Staunen nicht heraus: „Alles kaum zu glauben.“ Doch damit nicht genug. Was am Ende eines harmonischen Winterabends vor dem knisternden Kamin folgte, war der überraschende Wunsch, der den Stein zum Buch ins Rollen brachte: „Großvater, schreib das auf! Für uns und für später einmal.“ Dem sollte und wollte ich nachkommen. Und das mit Freuden.
Ein Vorbild: Egon Erwin Kisch.
Auf der Heimfahrt von Starnberg nach Taufkirchen sann ich über den Wortlaut von „Schreib das auf!“ nach. Des Rätsels Lösung: Er steht in Verbindung mit dem in Prag geborenen Schriftsteller Egon Erwin Kisch (1885-1948), berühmt geworden als „der rasende Reporter“. Mit denselben Worten hatten ihn die Kameraden seiner Kompanie an den Fronten des Ersten Weltkrieges (1914-1918) gebeten, die erlittenen Strapazen und das Elend des Soldatenlebens seinem Tagebuch anzuvertrauen. Die Historie weist Kisch als einen der bedeutendsten Reporter des modernen Journalismus aus.
Nach dem Erscheinen des Buches „Bizarres Naturwunder Elbsandsteingebirge“ war bald das versprochene „Aufschreiben“ zur reizvollen Pflicht geworden. Eine Biografie sollte es nicht werden. Vielmehr eine Reihung von Episoden, die einer Odyssee gleichkam.
Gewollt zudem nach reiflicher Überlegung die zeitliche Eingrenzung auf achtmal sechs Jahre. Beginnend mit dem Geburtsdatum 9. November
1941 und endend mit dem 9. November 1989 zum historischen Weltereignis, dem Fall der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung am 3. Oktober im Jahr darauf. Im Ergebnis eine Vielzahl von Geschichten, umgeben von Großereignissen. Es war zudem die Zeit des so genannten „Kalten Krieges“, dem Konflikt zwischen den von den USA mehr oder minder geführten Westmächten und dem von der Sowjetunion beherrschten „Ostblock“ einschließlich der DDR, entstanden nach der Teilung Deutschlands.
Moritz und Charlotte: „Schreib das auf, Großvater!“
Im Verlauf des Zusammentragens von Erinnerungen und flankierenden Fakten des zweifelsfrei sehr persönlichen Kompendiums stieß ich auf ein Wort von einem der großen deutschen Philosophen, von Arthur Schopenhauer (1788-1860): „Vom Standpunkte der Jugend aus gesehen, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkte des Alters aus einer sehr kurzen Vergangenheit.“ Auf Letzteres bezogen, hat das den Vorteil der sich verdichtenden Erinnerung, zu verdanken dem gewonnenen Abstand. Taten sich Lücken auf, konnten sie teilweise geschlossen werden. Beispielsweise vom Bruder Gisbert in Cottbus und von Ulrike Bartel, geborene Herrmann, in Bischofswerda.
Um noch einmal, wenn auch nur nebenbei bemerkt, auf Schopenhauer zu kommen: Er war der Ansicht, dass der Welt ein irrationales Prinzip zugrunde liege. Irrationalismus, so die Erklärung, ist die Lehre von der Ablehnung der Überzeugung, dass die menschliche Vernunft eine hinreichende Erkenntnis der Welt erwerben kann. Eine geradezu zeitlose Einschätzung.
Ein großes Kapitel beinhaltet die vermeintliche Unvernunft des Heranwachsenden, auch als Phantasterei abgetan, zum Schicksal des Vaters. Unbeirrt blieb er seiner Überzeugung treu, dass er nicht tot sein könne. Er, Heinz Metzner, er lebe noch. Man müsse ihn nur noch finden. Dieser durch nichts begründeten Annahme folgte später die Fahndung des inzwischen dem Journalismus Verschriebenen. Es war, wie aus einem der Korinther-Briefe des Neuen Testaments entlehnt, dass der feste Glaube durchaus eines Tages Berge versetzen könne.
Zurück zum Eigentlichen und beginnend mit dem Großvater mütterlicherseits des heutigen Großvaters von Moritz und Charlotte. Mit eben diesem, der so wichtig war, da stets zugegen an Vaters Statt, der im Krieg vermisst und später für tot erklärt wurde. Er war es, der Kindheit und Jugend prägte. Sein Name Walter Lange (1881-1963), erstgeborener Sohn (Geschwister Erich, Susanne, Marie) des königlich sächsischen Hofkonditors Paul Lange, Spezialität Baumkuchen, am Altmarkt zu Bischofswerda. Studium an der Universität Leipzig. Dissertation zum Doktor des Rechts (Dr.jur.), bewertet mit summa cum laude, „mit höchstem Lob“. Bis 1914 Ratsassessor in Crimmitschau im Landkreis Zwickau, dann Weltkriegsteilnehmer von 1914 bis 1918 in Russland und Frankreich. Überstanden schwere Verwundungen, heimgekehrt als hoch dekorierter Offizier im Hauptmannsrang: Eisernes Kreuz I und II, Albrechtsorden mit Schwertern und St.-Heinrichs-Orden, seit 1735 ältester Ritterorden des sächsisch-wettinischen Fürstenhauses, älter noch als Preußens Pour le Mérite wie auch der Militär-Maria-Theresia der Habsburger Monarchie. Er hat nie über die Anlässe der Auszeichnungen gesprochen. Bohrende Fragen bedachte er mit einem milden Lächeln. Über den aufkommenden Stolz seines Enkels Ulrich (bei Unbotmäßigkeiten in scharfem Ton mit „Udalrich“ herbeizitiert) freute er sich allerdings. Gemeint die in einem Zigarrenkästchen aufbewahrten, noch heute bewunderten „Kleinodien“, auch von Enkel Moritz. Noch zu Lebzeiten hatte er sie mir verehrt.
Streng die Erziehung. Gerecht im Zweifel für den Angeklagten. Und das nicht selten im Gegensatz zu Mutter und Großmutter. Er war das Vorbild, auf das stets Verlass war. Oder die „feste Burg“, frei nach Martin Luther, dem Reformator. Dass er, der ehemalige Bürgermeister von Schöneck im Vogtland (1919 bis 1933) noch einmal im Kriegsjahr 1944 von sich reden machen sollte, als Pensionär mit 63, das entsprach einer außergewöhnlichen Entscheidung.
Erste Erinnerungen setzten gegen Kriegsende ein. Im Folgenden gleichsam szenisch aufgelistet. Wie ein gewaltiger Hornissenschwarm verdunkelten bedrohlich Flugzeuge den Himmel: Bomber im Anflug auf Dresden. Mit der Mutter, inzwischen neu vermählt, und dem noch keine neun Monate alten Brüderchen Reinhard die Flucht nach Eger. Von der Roten Armee zurück nach Bischofswerda verbracht. Die Einquartierung russischer Soldaten im Elternhaus. Die unvergessliche Begegnung mit einem Kugelblitz fast in Augenhöhe. Mutter verdingte sich als Fördermaschinistin im sowjetisch vereinnahmten Uranbergbau des Erzgebirges. Der Umzug von Bischofswerda nach Cottbus. Aufruhr 1953, der 17. Juni, Panzeraufmarsch.
Nach achtjähriger Grundschule der Übergang zur Oberschule. Zeit des Aufbegehrens, Rebellion gegen die Diktatur. Erster Fluchtversuch missglückte. Schulverweis die Folge. Einstieg ins Berufsleben: Wagenführer bei der Cottbuser Straßenbahn. Akribisch vorbereitet der Seitenwechsel ins Ungewisse über Berlin von Ost nach West. Doch die Zuversicht folgte dem aufbauenden Leitspruch des griechischen Philosophen Demokrit in vorchristlicher Zeit: „Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende.“ Zwingend also erst einmal der noch fehlende Schulabschluss.
Der Weg zum Journalismus. Unverhofft im Spannungsfeld von Nachrichtendiensten. Der erste Hinweis auf die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ 1968. Die Erscheinung auf dem Plateau der Sonnenpyramide von Teotíhuacán, frei übersetzt „Wo der Mensch zum Gott wird“, unweit von Mexiko-Stadt. Das Intermezzo in Buenos Aires: Erwogen der berufliche Neustart. Die außergewöhnliche Begegnung mit der Seherin vom Niederrhein, der Käthe Niessen in Krefeld. Die Prophezeiung vom Niederriss von einer berühmt-berüchtigten Mauer hierzulande. Vierzehn Jahre später in Berlin die Bestätigung – am 9. November 1989. Zum Ausklang der von Episoden reichen Odyssee im damals noch geteilten Deutschland: Ohne Visum auf gut Glück die Nacht- und Nebelfahrt von Göttingen nach Cottbus zur Mutter. Und das einen Tag vor Heiligabend.
Hiermit nunmehr der Aufforderung von Moritz und Charlotte entsprochen, „Großvaters Geschichten“ aufzuschreiben. Zudem gewidmet all den jungen Leuten von heute, die in einer heilen Heimat aufwachsen und Zukünftiges mit Zuversicht angehen können. Gedacht auch an alle jene, die nur Weniges von den unwahrscheinlich anmutenden Gegebenheiten erfahren haben. Im Besonderen hierbei der Blick gerichtet auf den Osten des geteilten Deutschlands zwischen Elbe und Oder, Ostsee und Erzgebirge. Übersetzt ließe sich Vorgenanntes mit einem vortrefflichen Wort vom Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe aus seiner Spruchsammlung „Maximen und Reflexionen“, 1390 an der Zahl, verknüpfen: „Eine Chronik schreibt nur derjenige, dem die Gegenwart wichtig ist.“
Da dieser Band mit dem Fall der Berliner Mauer und der nachfolgenden Wiedervereinigung endet, sei ein tief berührendes Zitat in Erinnerung gerufen: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.“ Es stammt von Ex-Kanzler Willy Brandt (1913-1992). Und gestanden an dieser Stelle die Gewissheit zu jedem wiederkehrenden 9. November: Wunder gibt es doch immer wieder. Seit diesem historischen Datum hält er, der Autor, nichts mehr für unmöglich. Ulrich Metzner
Von Michelangelo bis Napoleon Bonaparte
ERINNERUNGEN
„Gott hat der Hoffnung einen Bruder gegeben. Er heißt Erinnerung.“
Michelangelo Buonarroti (1475-1564), Bildhauer, Maler, Baumeister, Dichter.
„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“
Jean Paul (1763-1825), deutscher Dichter und Pädagoge.
„Es gibt nichts, das höher, stärker, gesünder und nützlicher für das Leben wäre, als eine gute Erinnerung aus der Kindheit, aus dem Elternhause.“
Fjodor Dostojewski (1821-1881), russischer Schriftsteller.
„Wenn man in der Jugend nicht tolle Streiche machte und mitunter einen Buckel voll Schläge mit wegnähme, was wollte man dann im Alter für Betrachtungsstoff haben?“
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Aus: Goethe J.W. Gespräche mit Friedrich von Müller und Friedrich Wilhelm Riemer, 18.5.1821.
„Wer sich seiner eigenen Kindheit nicht mehr deutlich erinnert, ist ein schlechter Erzieher.“
Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916), österreichische Schriftstellerin.
„Monde und Jahre vergehen, aber ein schöner Moment leuchtet das Leben hindurch.“
Franz Grillparzer (1791-1872), Österreichs Nationaldichter.
„Was gefällt, bleibt im Gedächtnis.“
Der Alte Fritz, Preußenkönig Friedrich II. (1712-1786).
„Ein Kopf ohne Gedächtnis ist eine Festung ohne Besatzung.“
Napoleon Bonaparte (1769-1821), General, Diktator, Kaiser Frankreichs.
Mit Gebrüll in die Welt zur Mitternacht. Die Flucht nach Eger. Der Fremde am Gartentor. Hamstertouren aufs Land. Bonbons von den Russkis
Mitten im Krieg: Wie einmal alles begann
Es war der 9. November 1941, ein spätherbstlicher Sonntag, fünf Minuten vor Mitternacht, als der eben Geborene mit Gebrüll im Krankenhaus an der Kamenzer Straße die Welt begrüßte. Erschöpft Regina, die 19jährige Mutter, und stolz der Luftwaffen-Gefreite Heinz Metzner, mit 22 Vater geworden. Zugegen in dieser sternklaren Nacht mit leichtem Bodennebel im Kreisstädtchen Bischofswerda auch die Eltern: Walter Lange, Doktor der Rechte, ehemaliger Bürgermeister zu Schöneck im Vogtland, und Gemahlin Dorothea, wohnhaft im 1936 erbauten schmucken Haus an der Ludendorffstraße 6, heute Geschwister-Scholl-Straße. Zu begrüßen war Ulrich, so benannt auf Wunsch der jungen Mama, glühende Verehrerin des Dichters, Kirchenkritikers und gerühmt als erster Reichsritter: Ulrich von Hutten (1488-1523). Im Horoskop zum Geburtsdatum im Zeichen des Skorpions standen sehr erfreulich die Sterne. Fast deckungsgleich auch das der Schlange im chinesischen Metalljahr: Charakterfest, risikosbereir und standhaft, eisern der Wille, nach Erfolg strebender Einzelkämpfer. Interessante Aspekte für die Lebenslinien. Am 313. Tag von 1941 ließen sich dennoch drei Zeilen aus Friedrich Schillers Gedicht „Das Lied von der Glocke“ als Mahnung verstehen: „Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ew’ger Bund zu flechten, und das Unglück schreitet schnell.“ Gern übrigens zitiert vom Großvater, wenn ich mal wieder über die Stränge schlug oder sinnbildlich mit dem Kopf durch die Wand wollte. An des Dichters Wort sollte ich mich im späteren Leben durchaus erinnern.
Die Begegnung 1940: Regina L. und Heinz M.
Im Anflug auf Dresden über Bischofswerda.
Bomber über dem Reich
In der Reichsausgabe der Deutschen Allgemeinen Zeitung (DAZ) stand an diesem 9. November von der „Revolution“ zu lesen, im Leitartikel vom einem gewissen Willy Beer. Erhöht hierbei der „Hitlerputsch“ am gleichen Tag von 1923, auch als „Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle“ benannt. Der wiederum, so der Verfasser des Beitrags, „war gegen den 9. November 1918 gerichtet“. Gemeint die Ausrufung der Republik nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches, eingegangen in die Historie als „Novemberrevolution“ in Berlin. Weitere Meldungen der DAZ waren Verfolgungskämpfe der deutschen Wehrmacht an der russischen Südfront auf der Krim, wo übrigens mein Vater im Einsatz war. Weiterhin Einflüge britischer Bomber aufs Reichsgebiet. Registriert 27 Abschüsse. Und die erklärte Absicht des Josef Stalin (1878-1953), Diktator und Generalissimus der Sowjetunion, am Atlantik eine zweite Front entstehen zu lassen.
Mit Sack und Pack und Kinderwagen
Wie im Prolog kurz erwähnt, stammen erste Erinnerungen aus dem Jahr 1945. Es war der 13. Februar, als der grau bewölkte Himmel dröhnte, sich weiter verdüsterte: Bomber im Anflug auf Dresden. Von der Dachluke aus meinte ich sogar ein flammendes Rot am Horizont gesehen zu haben. In der vierten Aprilwoche die Flucht nach Eger, tschechisch Cheb, gegenüber der Oberpfälzer Orte Waldsassen und Marktredwitz. Wie Mutter mit Brüderchen Reinhard im Kinderwagen und mir die über 200 Kilometer lange Strecke zur einstigen Reichsstadt bewältigt hat, lässt sich nur vermuten. Nach Recherchen gilt es als wahrscheinlich, dass wir auf Lastwagen von einer Wehrmachtseinheit mitgenommen worden sind.
Hintergrund waren die Kampfhandlungen zwischen deutschen und sowjetischen Verbänden im Bischofswerda nahen Bautzen. Das ließ viele befürchten, dass die Russen in Kürze vor der Tür stehen. Was die Flüchtenden nicht wissen konnten, war, dass Bautzen nur vorübergehend von der Roten Armee gehalten werden konnte. Gleichsam von einem Tag zum anderen gelang die Rückeroberung; in die Militärhistorie eingegangen als die letzte große Panzerschlacht des Zweiten Weltkrieges. Nachdem die US-Army die Karlsbader Region, somit auch Eger, an Stalin abgetreten hatte, begann umgehend die „Repatriierung“ der mit Sack und Pack und Kinderwagen Gestrandeten. Die Erinnerung an den Egerfluss währt übrigens bis heute, ließ ich doch dort flache Steinchen übers Wasser flitzen.
Uniformierte Untermieter
Zurück in Bischofswerda, dem Tor zur Oberlausitz. Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945 gehörte das Städtchen zum Territorium der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Der Begriff passte durchaus auch aufs Elternhaus, denn bald fanden sich ein Trupp uniformierte „Untermieter“ ein. Geführt von einem deutsch radebrechenden Genossen Oberleutnant, Towarischtsch Starschi leitenant, mit drei Sternchen auf den gelben Schulterklappen. Er inspizierte alle Räume, requirierte für sich und seine Leute den notwendigen Platz und war ansonsten von ausgesprochener Höflichkeit. Der schlanke Mittdreißiger duftete wie ein Parfümerieladen, was offensichtlich meiner attraktiven Mutter galt, der er schöne Augen machte. Zu nahe gekommen ist er ihr allerdings nicht. Die sehr sangesfreudigen Untergebenen ließen in kalten Nächten die Wodkaflaschen kreisen und rissen schon mal das Parkett auf, um die Stücke aus Eichenholz fürs Lagerfeuer im Wohnzimmer (!) zu entfremden. Kaum bemerkt, stauchte der Offizier seine undisziplinierten Iwans lautstark zusammen. Der schwarze Aschenfleck blieb zur bleibenden Erinnerung. Tags darauf zog das einem Stoßtrupp ähnelnde Kommando ab.
Fluchtpunkt Eger, Cheb, Ende April 1945.
Ein Bild wie ein Gemälde: Otte und Uli.
Butter gegen Bückling
Monat um Monat zog die Zeit der Notlagen ins Land, bewältigt aber dank des Einfallsreichtums von Mutter und Großmutter „Otte“, schon von mir als Kleinkind so gerufen; vermutlich gewandelt von Dorothea oder „Dotte“.
Den Namen ist sie zeit ihres Lebens nicht losgeworden; selbst bei den Nachbarn nicht. Mutter Regina abenteuerte schmuggelnd durch die Heimat von Süd nach Nord bis zur Ostsee. Butter gegen Bückling, beispielsweise, und anderes mehr. Was nicht ohne Folgen blieb, weil einmal erwischt und ihr die unerfreuliche Bekanntschaft mit dem Polizeigefängnis an der Bahnhofstraße bescherte. Bestens in Erinnerung das herrliche Rübenkraut, der Zuckerrübensirup im Pappbecher. Auch der Lebertran in der braunen Flasche, damit ich groß und stark werden sollte. Was sicherlich stimmte, doch das Schaudern davor überwog. Es schmeckte einfach scheußlich.
Baumkuchen aus Bischofswerda
Festtage waren hingegen die Besuche bei Onkel Erich, dem Bruder meines Großvaters, in seiner Bäckerei und Konditorei am Altmarkt. Dort duftete es nach Brot und Brötchen vom Erdgeschoss bis hinauf zum dritten Stock. Herrlich anzusehen die Torten und Kuchen. Und immer ein Erlebnis war Urgroßmutter Selma, die so oft und gern manches Märchen vorlas und von so vielen Geschichten zu erzählen wusste. Der Vater vom Onkel, Paul Lange, war zu Hofe in Dresden ob seines Baumkuchens hochgeschätzt, insbesondere von Kronprinz Friedrich August, dem späteren König Friedrich August III. (1865-1932). Bis zur Abdankung anno 1918 ließ er das hochfeine Gebäck aus Bischofswerda regelmäßig an den Hof zu Dresden liefern lassen. Aufmerksam geworden war die Hoheit auf der Hauswand über dem zweiten Stock gut sichtbare Inschrift Specialität: Baumkuchen, darunter Conditorei & Café. Paul Lange. Da eigentlich auf der Durchreise, daher kurz nur der Halt, die Besonderheit probiert und umgehend die erste Bestellung aufgegeben. Verliehen alsbald den höchst wertschätzenden, den mit Privilegien verbundenen Titel „Königlicher Hoflieferant“. In einer „Reklame“ genannten Veröffentlichung wies der Geehrte 1899 darauf hin: „Baumkuchen in anerkannt tadelloser Qualität versendet täglich Konditor Paul Lange, Hoflieferant Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Friedrich August, Herzog zu Sachsen.“ Nach seinem Ableben führte Sohn Erich, der Onkel, die Konditorei weiter, hierbei weiterhin sorgsam hütend des Vaters Geheimrezept.
Friedrich August III. König von Sachsen.
1907 übrigens, drei Jahre nach der Inthronisation, stattete der überaus beliebte Monarch Bischofswerda einen offiziellen Besuch ab. Am 17. Februar1932 auf Schloss Sibyllenort nahe Breslau verstorben, überführte ein Sonderzug den aufgebahrten König nach Dresden. Hunderttausende säumten damals die Straßen zur Hofkirche. Zwischen Schloss und Theaterplatz hatte sich inzwischen eine halbe Million trauernder Landeskinder eingefunden.
Markttreiben um 1895 auf dem Altmarkt von Bischofswerda. Schon damals hatte der Baumkuchen des Konditors Paul Lange Berühmtheit erlangt.
Die Zeit nach der Rückkehr aus dem Krieg: Dr. Walter Lange, der Großvater.
Der Fremde am Gartentor
Es muss 1946 gewesen sein. Ich hatte gerade meinen kuschligen Teddy ins Korbwägelchen gesetzt, um mich zu den anderen Mädels aus der Nachbarschaft zu gesellen, die ihre Puppen ausführten. Da sah ich am Gartentor einen mir Unbekannten von hagerer Gestalt im grauen Militärmantel stehen, der mich lächelnd beobachtete. „Mutti, Mutti!“ rufend raste ich ins Haus. „Da ist ein fremder Mann!“ Die Entwarnung folgte auf dem Fuße, als sie ihm nach überraschtem Verharren entgegeneilte und in die Arme fiel. Es war ihr Vater, mein Großvater, verspätet heimgekehrt aus dem Krieg. Woher er kam, das habe ich erst sehr viel später erfahren.
Turbulent sein weiteres Schicksal. Nachdem er sich der sowjetischen Militäradministration gestellt hatte, wanderte er zur Überprüfung ins Gefängnis. Nach kurzer Zeit wieder als unverdächtig entlassen, was Funktionen im vergangenen nationalsozialistischen Deutschland unterm Hakenkreuz betraf. Immerhin befand sich dieser Dr. Lange bereits im 65. Lebensjahr und musste nicht „entnazifiziert“ werden, wie es damals hieß. Bedarf war dafür an Straßenfegern. Danach der „Aufstieg“ zum Hilfslehrer für Deutsch und Geschichte, woran er sich nur ungern erinnerte. Die Schulmeisterei lag ihm nicht. Schließlich die Verpflichtung, ein Sechstel der Gartenerträge von Obst abzugeben, was damals allgemein üblich war.
Der Otte Spezialitäten
Apropos Garten, ein ziemlich großer, bestanden von Apfel- und Kirschbäumen, von Johannis- und Stachelbeersträuchern, einem Baum gleichend der große Holunder, im Winter mit dessen Beeren das schwarz-heiße Suppenerlebnis mit einem Klecks Sahne oben drauf. Da waren das Erdbeerbeet, die Stangenbohnen, der Kürbis und das kleine Kartoffelfeld. Löwenzahn, Sauerampfer und verschiedene Kräuter dienten der Zubereitung von Großmutters speziellen Suppen. Für den Kaninchenbraten sorgte Nachbar Röthig. Dafür durfte er die Wiese für den Bedarf seiner Tiere mähen. Die Otte wusste aus allem überaus Geschmackvolles zu zaubern. Kartoffelpuffer mit Apfelmus, beispielsweise. Hefeklöße mit Heidelbeeren oder Birnen. Oder Arme Ritter, getoastete, in verschlagene Eier und Milch eingelegt, aufgesaugt, gebraten, schließlich mit Zucker und Zimt bestreut. Des Weiteren die Rote Grütze von Johannisbeeren und Vanillesoße. Dann das Kuchenerlebnis Dresdner Eierschecke, der Eierkuchen, auch Plinse genannt, mit Apfelmus, Zucker, Marmelade, zudem mit Schinken oder Käse. Nicht zu vergessen die Buchteln, die Rohrnudeln, gefüllt mit Pflaumenmus oder anderem Süßem, ganz nach Lust und Laune. Und auf dem Dachboden hingen getrocknete Apfelringe auf der Wäscheleine – zum Genuss an dunklen Wintertagen oder als Betthupferl zur Nacht.
Milch übrigens, die gab es reichlich in den drei Sorten Mager-, Voll- und Buttermilch im kleinen Laden an der unteren Kirchstraße und dort abgefüllt in die mitgebrachte Kanne. War dem Großvater mal nach Bier, marschierte ich mit einem Krug ins Schützenhaus. Dass ich auf dem Rückweg gern auch mal nippend probierte, sei gestanden. Manchmal durfte ich ihn in besagte gastliche Stätte begleiten, was gleich zweimal freute. So über ein großes Glas Malzbier. Mehr noch aber übers „Kunststück“, womit er die Anwesenden regelmäßig begeisterte: Kaum den Eingang durchschritten, zog er den Hut und warf ihn mit kühnem Schwung und einem spitzbübischen Lächeln in Richtung Garderobenständer, wo die breitkrempige Kopfbedeckung punktgenau landete und auch hängenblieb. Der Applaus der Anwesenden war ihm stets sicher. Und ich mal wieder sehr stolz auf ihn.
Die Kindheit im Haus der Großeltern auf dem Hügel über dem Städtchen.
Das kleine 50-Pfennig-Kapital
Zwiespältig erinnere ich mich an den Jahrmarkt, anderswo Rummel oder Kirmes genannt, auf dem Platz am Schützenhaus. Versehen mit einem 50-Pfennig-Scheinchen, gedacht fürs Karussell und andere Lustbarkeiten à 10 oder 20 Pfennig, machte ich mich auf den kurzen Weg vom Haus zum Hügel hinunter. Was die Schausteller boten, war ganz wunderbar, doch mein kleines Kapital kam nicht zum Einsatz. Gewogen zwischen kurzem Vergnügen und eher etwas Verlockendem, entschied ich mich für je eine Kugel Eis à 10 Pfennig, verteilt auf fünf Tage. Zu bekommen war die herrliche Sonderkost bei der 1923 in Dresden gegründeten Konditorei und Eisdiele Kalt, seit 1948 in Bischofswerda an der Kirchstraße. Ein paar Häuser weiter der Haarschneider. Über der Tür der Ausleger die silbrig glänzende runde Scheibe als Zunftzeichen. Da hieß der Friseur noch Frisör, und war für einen Kinder-Topfdeckel-Schnitt mit 50 Pfennig zu entlohnen.
Hamstertour zum Bauern
Paradiesischer Verhältnisse, so aus der Sicht der Kinderaugen, erfreute sich die Bauernschaft in der Umgebung. Das beflügelte den Tauschhandel, denn die Abschnitte der Lebensmittelkarte reichten hinten und vorn nicht. Arm dran waren jene, die nichts zu veräußern hatten. Um an Butter, Speck, Fleisch, Wurst, Eier und vor allem an Kartoffeln für den täglichen Bedarf zu kommen, musste den Landleuten etwas geboten werden. Zu den Tauschwaren zählten Kleinmöbel, die unterschiedlichsten Kleidungsstücke, Bettwäsche, Porzellan, silberne Bestecke, Schmuckstücke vom Ring bis zum Collier. Damals ging das wenig freundliche Wort „vom Perserteppich im Kuhstall“ um, so gut lief das „Geschäft“. Selbst einige Male mit auf „Hamstertour“ hatte ich einige Eier, da ohne jedwedes Tauschkapital, „ausversehen“ unterm zugeknoteten Hemd mitgehen lassen.
Und noch eines: Wer vom Pech verfolgt, der geriet in eine Kontrolle, und vorbei war´s mit dem teuren Einkauf, weil alles abgenommen wurde. Sehr viel großzügiger sollen sich die „Russkis“, die Soldaten von der nahen Kaserne, auf ihren Kontrollgängen verhalten haben. Obwohl von Hause aus streng verboten, pilgerten wir Kinder dennoch zum Standort der ehemaligen kaiserlichen Garnison von 1913 an der Bautzener Straße. Wussten wir doch, dass wir dort stets ein paar der raren Bonbons geschenkt bekamen.
Die Einschulung. Erste Streiche. Vermählung mit Ulrike. Fluchtseil im Ranzen. Methode Zappzarapp. Pfarrers Donnerwetter.
Weihnachten, Wotan und die Nornen
Im September 1948 die Einschulung. In der Nacht zuvor kam ich nicht so recht in den Schlaf; vielleicht der Aufregung aufs Kommende am nächsten Morgen wegen. Im Haus war´s still. Also schlich ich auf leisen Sohlen umher, um die von der Mutter vor mir versteckte Schultüte zu finden, was gelang. Im Dunkel der Küche machte ich mich über sie her und verschnabulierte die unterschiedlichsten Süßigkeiten und die von der Otte gebackenen Kekse. Ob mir ob der Menge schlecht geworden, weiß ich nicht mehr. Sehr wohl aber von der Fassungslosigkeit meiner Mutter, als ihr nach der Einschulung die Leere der Tüte vor Augen stand. Den Blick vergesse ich nie. Auch nicht, dass sie dieserhalb kein Wort verlor. Den Tag wollte sie mir wohl nicht verderben. Ich war davongekommen und freute mich letztlich über einen Zuckerkringel, der am spitzen Fuß der Tüte dem nächtlichen Raubzug entkommen war.
Grundsätzlich, Mutter und Otte hatten es nicht immer leicht mit mir. Dass begann schon damit, dass ich als Pimpf von drei Jahren schon mal einen Schrank mit Hautcreme balsamierte. In das Kapitel Kindheitsgeschichten eingegangen ist auch ein Vorkommnis, das Mutter nicht mehr lustig finden konnte. Was mich da „gebissen“ hatte, blieb unerklärlich. Geklingelt hatte ich bei den Nachbarn, um etwas Essbares zu erbitten. Und das treuherzig begründet: „Meine Mutti gibt mir nichts.“ Ich bekam immer etwas – und daheim viel Ärger.
Wie schon bei Wilhelm Buschs Max und Moritz vorgezeichnet: Krabbler unter Mutters Bett.
Maikäfer unterm Bett
Oder da war doch noch der mit Löchern versehenen Schuhkarton, in den ich vom Baum geschüttelte Maikäfer kasernierte und ihr unters Bett stellte. Da mit einem Ausflugsloch versehen, konnten die Brummer mittels ihrer Fühler nach draußen finden, also ins Schlafzimmer. Dass der Verdacht auf den „Männlein“, zu meinem ständigen Ärgernis so gerufenen Ulrich, auch Uli, fiel, verwunderte nicht. Jahre später konnte ich bei Wilhelm Busch (1832-1908), dem großen humoristischen Dichter und Zeichner, nachlesen, was ich da angerichtet hatte. In Auszügen der fünfte Streich von Max und Moritz: „…in die Tüte von Papiere sperren sie die Krabbeltiere. Fort damit und in die Ecke unter Onkel Fritzens Decke (…) Doch die Käfer, kritze, kratze! Kommen schnell aus der Matratze (…) Und den Onkel, voller Grausen, sieht man aus dem Bette sausen (…) Hin und her und rundherum kriecht es, fliegt es mit Gebrumm.“
Ach und übrigens: Bereits mit fünf machte ich erste Erfahrungen mit den Ritualen der Vermählung. Treibende Kraft war fast gleichen Alters der Blondschopf Ulrike von den Hermanns gegenüber. Ein Spiel stand nach vielen vorangegangenen Umarmungen über allem: Hochzeit machen, das war ihr Liebstes. Karin, die ältere Schwester, half hierbei, wo sie nur konnte. Sie kostümierte die strahlende Braut ganz in Weiß, kümmerte sich um ein schickes Jäckchen, damit der Bräutigam seiner Schönen in nichts nachstand. Brautjungfer Karin schließlich alarmierte die Mütter, damit sie sich des (Kinder-)Bundes fürs Leben erfreuen mochten und das im fotografischen Bilde festzuhalten. Bemerkenswert allemal meine Miene zum Geschehen – ernst, sehr ernst, vielleicht auch nur verdrossen.
Die Hochzeiter: Ulrike, Uli und die Schwester Karin als Brautjungfer.
Des Schlingels Kameradschaft
Die ersten Schuljahre, sie waren ganz und gar nicht erhebend. Eher dem Spiel- und Streichetrieb eines so genannten „Spätentwicklers“ zugetan, stand das zu Erlernende hintenan. Damit nun nicht allein, wenn es um heftig gescholtenen Unfug ging. So fand es der in Ehren ergraute Klassenlehrer gar nicht lustig, wenn das Pult auf dem Podest ins Rollen kam, kaum dass er sich darauf gestützt hatte. Schlingel Ulrich und seine Kameradschaft hatten Bleistifte unter die vier Ecken der hölzernen Erhöhung gelegt, damit ebendiese möglichst krachend zu Boden stürze.
Häufig vorgegebenes „Unwohlsein“ verschaffte mir den geplanten Abstand vom ungeliebten Schulbetrieb. Dafür begab ich mich lieber zum Runterrutschen im Sandbruch am Schmöllner Weg. Oder ich fing Schlammbeißer in einem Ausfluss der Horkaer Teiche der zur Elbe strömenden Wesenitz. Die im Marmeladenglas eilends nach Hause gebrachten Fischlein, im Volksmund auch „Gewitterfurzer“ genannt, durfte ich allerdings gleich wieder zurückbringen. Dass sich manchmal ein Krebs für meinen großen Zeh interessierte, sei nur am Rande vermerkt. Wie auch immer, meine Ausflüge endeten an dem Tage, als mich eine misstrauisch gewordene Lehrkraft persönlich bis zu Großvaters Haus heimbringen wollte. Fortan erfreute ich mich wieder bester Gesundheit.
An Einfällen kein Mangel
Fischlein fangen in der Wesenitz.
Abseilen aus dem Klassenzimmer
Da Nachsitzen nicht selten war, wegen der Störungen im Unterricht oder nicht erledigter Hausaufgaben, gehörte jeweils ein nicht zu kurzes Seil zur Grundausstattung unserer Ranzen. Benötigt wurde es zum Abseilen aus dem Klassenzimmer. Wer sich nicht traute, der blieb zurück, um das „Tauwerk“ nach gelungener Flucht der Kameraden vom Fensterkreuz zu lösen und in der eigenen Schultasche verschwinden zu lassen. Keine Frage, dass das auf Dauer nicht gut ging. Schließlich musste der Hausmeister als Aufschließer des Klassenzimmers unseren Schulmeistern vom Phänomen der verringerten Schülerzahl Meldung machen. Davon einmal ganz abgesehen, wir übten uns auch gern im Unterricht als vorwitzige „Spottdrosseln“, wenn mal wieder das „große Brudervolk der Sowjetunion“ gerühmt wurde. Fast alles, so hieß es, wäre doch schon einmal im Reich der sozialistischkommunistischen oder sozialistischen Räte, gleich Sowjets, erfunden worden. Das brachte mich zum Geistesblitz, dass da wohl ein gewisser Iwan Chlorodontowitsch garantiert auch „die Zahnpasta erfunden haben müsse“. Fällig damit der Eintrag ins Klassenbuch ob der subversiven, der aufrührerischen Äußerung.
Irgendwann war es doch der Lehrerschaft zu viel. Sie ahndete meine Vergehen und die manch anderer Mitschüler mit dem Hammerschlag der Benotung, mit der sehr bedenklichen Note Vier. Zudem noch in meinem Falle verziert in Schönschrift die erhellende Erläuterung: „Ulrich fiel des Öfteren aus dem Rahmen.“
Grundschule: Vom Nachsitzen und Entkommen.
Anno 1942: Großvater und sein Enkel.
Mit der Fanfare auf dem Dach
Daheim allerdings herrschten unter Großvaters Oberbefehl geordnete Verhältnisse. Sperriges Verhalten, Unlust oder Widerworte, gleich in welchen Bereichen, alledem pflegte er unmissverständlich mit dieser Botschaft zu begegnen: „Wer eines Tages befehlen will, der muss erst mal gehorchen lernen.“ Das bezog sich beispielsweise auf das Ruhegebot während der Mittagsstunden, nicht nur der Nachbarschaft zuliebe. Zum Hintergrund: Ich war in einen Fanfarenzug eingetreten; allerdings gewünscht als einer der Trommler. Doch vergeben alle Plätze fürs Schlaginstrument. Nur bei der Fanfarengruppe fehlte noch einer, und der war dann ich. Nach Schulschluss und Mittagessen wanderte ich über die Dachleiter auf den First, da bislang ungeübt am Blechblasgerät und intonierte drauflos, was die Lunge hergab. Und das so schrecklich schön, weil kaum einen Ton treffend. Die älteren Nachbarn riss es aus ihren Ruheräumen, Großvater auch. Er nun zitierte den bereits genannten Wilhelm Busch: „Musik wird oft nicht schön gefunden, weil stets mit Geräusch verbunden.“ Übersetzt hieß das: Fanfarenverbot; oder aber nur dort, wo es niemanden stört. Empfehlung: Mich am besten auf Bischofswerdas Höchsten zu begeben, auf den Butterberg mit seinen 385 Metern. Ich folgte fast aufs Wort, verweilte übend lieber auf einem näheren Feldweg und pflegte ansonsten meine geschmetterten Tongeräusche in den Fanfarenzug einzubringen, was dem zweifellos einen besonderen „Klang“ verliehen haben muss.
Großvaters Arbeitsdienst
Zum Gehorchen zählte die Hilfe bei der Gartenarbeit. Nach der Methode Zappzarapp organisiertes Holz zersägen, Holz zerspalten. Apropos Zappzarapp: Tarnwort russischen Ursprungs: Im Volksmund für mal eben etwas unauffällig mitgehen lassen. Äpfel oder Kirschen pflücken, Fallobst einsammeln. Bei Trockenheit die Baumkessel wässern. Laub im Garten und rund ums Haus zusammenfegen. Mit dem Großvater in die Pilze gehen, das war dann schon wieder ein Erlebnis und lehrreich zugleich. Zudem standen den Sommer über Himbeeren, Heidelbeeren und Brombeeren, genau in dieser Reihung, hoch im Kurs. Der „Arbeitsdienst“ umfasste auch am Waldrand das schweißtreibende Ausgraben von Wurzeln abgestorbener Kiefern. Brennholz war Mangelware. In den ersten Jahren nach Kriegsende wie leer gefegt der Waldboden, weggesammelt jedwedes Geäst. Auf Anweisung der sowjetischen Militäradministration war das Fällen von Bäumen und hochgewachsenen Sträuchern strengstens verboten: Schusswaffengebrauch bei Zuwiderhandlung!
Bischofswerda: Große Töpfergasse und die Christuskirche im Advent.
Zu einer nahenden Weihnacht war es, dass unsere bewunderte Mutter im noch jugendlichen Leichtsinn von 25 Jahren auf ein Fichtenbäumchen nicht verzichten wollte. Also zog sie los, begleitet vom Erstgeborenen. Fand bald das Gesuchte und hatte gerade den Fuchsschwanz zum Absägen angelegt, als plötzlich Schüsse peitschten. Auf allen Vieren, flach auf den Boden geworfen, warteten wir ab, ob das Schießen uns galt. Doch es ging gut. Offensichtlich waren noch weitere Verwegene unterwegs. Und das mit Lametta behängte Bäumchen strahlte bald im Glanz der Kerzen und Kugeln. Heiligabend war gerettet, die Familie war zufrieden, und ich hatte mein erstes Abenteuer heil überstanden.
Pfarrers Weihnachtschristen
Vor der Bescherung war der Gang zur Christuskirche schöner Brauch, gleich um die Ecke zum Altmarkt, dem höchsten Punkt des Städtchens. Kamen die Erwachsenen in erster Linie des Glaubens wegen ins protestantisch-lutherische Gotteshaus, so waren wir Heranwachsenden von einer ganz besonderen Vorfreude beseelt. Sehr speziell, was wohl die beiden Seelsorger diesmal der Gemeinde um die Ohren hauen würden. Der eine, der asketisch wirkende Pfarrer Jäckel, hielt sich da eher zurück. Nicht jedoch der wohlbeleibte Pfarrer Heinze, der donnerwetternd von der Kanzel herab auf die feierlich gestimmten Gemüter wortreich eindrosch: „Das ganze Jahr lasst ihr euch nicht sehen, aber Heiligabend könnt ihr gar nicht schnell genug in die Kirche kommen!“ Was das denn für eine Haltung zum Glauben sei, schob er zürnend nach. Martin Luther, ihm vom Aussehen irgendwie ähnlich, hätte das gefreut. Uns Kinder sowieso, da mal zur Abwechslung die Erziehungsberechtigten „eins abbekamen“. Der Großvater, übrigens, er fehlte bei Kirchengängen, gehörte nicht zu den „Weihnachtschristen“, was sich im Kapitel zur Gottgläubigkeit erschließt.
Was in schöner Erinnerung blieb, das war das riesige Altargemälde in seiner farblichen und fast märchenhaften Anmutung, geschaffen 1888 von Erhard Ludewig Winterstein aus dem Bischofswerda nahen Radeberg. Es zeigt den gleichsam auf einer Wolke schwebenden „Erhöhten“, zu ihm aufblickend Markus, Lukas, Johannes und Matthäus, die vier Evangelisten. Darunter das Bild „Der Auferstandene und die Emmausjünger“ von Karl Gottlob Schönherr aus dem erzgebirgischen Lengefeld nahe der Bergstadt Pockau an der Silberstraße. Die Werke der beiden Professoren entstanden im Zeitraum von 1888/89.
Die Begeisterung fürs Wintersteingemälde erklärte sich damals (und bis heute) aus dem Gegensatz zum Kruzifix. Schon im Schulkindalter verschreckte es. Das milderten auch die Lobpreisungen nicht. Jesus, der so gnadenlos ans Kreuz Genagelte, war in dieser beängstigenden Schrecklichkeit nur schwer zu ertragen. Das war nicht das, was ich mir von Gottvater und Sohn vorstellen wollte.
Wie es der Zufall will, stieß ich in meinem späteren Leben, Lesen war schon immer meine Leidenschaft, in der Gedichtesammlung „West-östlicher Divan“ von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) auf dieses zitatverdächtige Wort: „Mir willst du zum Gotte machen, solch ein Jammerbild am Holze!“ Zum Hintergrund: Der Dichterfürst sah vermutlich die Darstellung des Heilands als durchaus problematisch an, was wohl einer Distanz zur christlichen Lehrmeinung gleichkam.
Heiland, übrigens, abgeleitet von Heliand, stammt aus einer altsächsischen Niederschrift des 9. Jahrhunderts. Es handelt sich um eine so genannte Lehnübertragung von salvator, lateinisch Erlöser. Der Name Heiland war im Verlauf der Missionierung leichter zu vermitteln als der fremd klingende von Jesus Christus. Die Bekehrung der Sachsen erstreckte sich übers 8. und 9. Jahrhundert. Unter Karl dem Großen (747-814) vollzog sie sich gewaltsam, was ihm den Ruf als „Sachsenschlächter“ einbrachte. In einer seiner Vorschriften hieß es unmissverständlich: „Sterben soll, wer Heide bleiben will und unter den Sachsen sich verbirgt, um nicht getauft zu werden.“
Statt Karpfen Kartoffelsalat mit Würstchen
Themenwechsel, wenn auch weiterhin beim Fest verweilend. Denn Heiligabend stand in der Familie Karpfen an. Mir war die die Verantwortung des Besorgens übertragen worden. Also begab ich mich zum Fischgeschäft an der Dresdner Straße. Mit einem Schlag vom Leben zu Tode befördert, in Zeitungspapier gewickelt und in die Einkaufstasche versenkt, beeilte ich mich, nach Hause zu kommen. Kaum den Laden verlassen, rumorte der eigentlich längst in den Jagdgründen des Fischehimmels Vermutete und drohte aus der Tasche zu springen. Wie von Furien gehetzt, rannte ich in rekordverdächtiger Zeit nach Hause, um das Flossentier loszuwerden. Gewährt wurde die Bitte, mich künftig vom Beschaffungsdienst dieser Art zu befreien. Das übernahm dann Großmutter Otte. Sie beschaffte ihn lebend und setzte ihn in der Badewanne aus, wo er ruhig, hin und her, seiner Bestimmung entgegenschwamm.
Vom als „moddrig“ im Geschmack empfundenen Fisch waren wir Kinder befreit. Dafür freute am „Katzentisch“ stets aufs Neue ein Hochgenuss: Kartoffelsalat mit kleingeschnittenen Spreewälder Gürkchen und gewürfelten Apfelstückchen nebst dem Wichtigsten, den Bockwürstchen. Einzunehmen war das Festmahl in „feiertäglicher Haltung“, was früher aufrecht sitzend bedeutete. Woran sich diese Erinnerung rankt: Großvater wusste, wie das ehemals „krumme“ Erscheinungsbild des Enkels zu beheben war: Auf dem Kopf balancierend ein Buch und jeweils eines mit den Armen an den Körper geklemmt. Ansonsten hieß es unmissverständlich: Gerade gehen „wie ein Spazierstock“.
Übrigens zum Thema Genuss noch ein Wort. Kam nach der Schule etwas Grätenreiches auf den Tisch, was vom Anblick her allein schon nicht gemocht war, „schlug“ die Erziehung zu: Teller abgeräumt und abends wieder vorgesetzt. Der Hunger trieb´s dann endlich rein. Herrlicher Ausnahmezustand allerdings an den Geburtstagen. Da konnte sein, was wollte: Dann war es für mich der feiertägliche Makkaroni-Auflauf, mein Lieblingsgericht, leicht überbacken mit Schinken, Käse und Tomatenstückchen.
Wilde Jagd, Rauhnächte, die Anderswelt
Die frühen Abende vor und nach dem 24. Dezember waren eigentlich die schönsten. Dann standen sie ganz im Zeichen von Großvaters Erzählungen, wohlig umfangen von der Wärme der im Kamin aufgeschichteten, der knisternden und knackenden Holzscheite. Unvergessen die Vielzahl der Geschichten, beispielsweise die von den zwölf Rauhnächten. Sie beginnen der germanischen Überlieferung nach zur Wintersonnenwende am 21. des Monats oder erst am 25. „Rauh“, entlehnt vom mittelhochdeutschen Wort „rûch“ für haarig, lässt Rückschlüsse auf in Fellen auftretende Dämonen und deren Unwesen zu. Zudem für Pelze, die Rauchware in der Kürschnerei. Einst auch das traditionelle Beräuchern der Ställe auf dem Lande, wie schon im 16. Jahrhundert von Johannes Boemus und Sebastian Franck in deren Weltbuech: Spiegel und Bildtniß des gantzen erdbodens“ beschrieben: „Die zwoelf naecht zwischen Weihenacht ynd Heyligen drey Künig tag ist kein hauß das nit all tag weiroch rauch in yr herberg mache/ für all teüfel gespenst ynd Zauberey.“ All das ist nachzulesen in „Bräuche und Feste im fränkischen Jahreslauf“, zitiert von Josef Dünninger und Horst Schopf. Kulmbach, 1971.
Der Mythologie nach war es der Zeitraum, in dem sich die „Anderswelt“, eine Gegenwelt, öffnete. Naturgesetze schienen außer Kraft gesetzt. Nicht zu vergessen Jacob Grimm, der die „Wilde Jagd“ in seiner „Deutschen Mythologie“ von 1835 aufgriff. Volkssagen in ganz Europa wissen von über den Himmel jagenden Übernatürlichen zu erzählen; von Vorboten für Katastrophen und Ereignissen der unterschiedlichsten Art. Umspielte liebliche Musik den Geisterzug, dann wurde das als gutes Zeichen für Künftiges verstanden.
Großvaters eindrucksvolle, vermutlich ganz eigene Erzählung, war die von Odin, von Wod(t)an, althochdeutsch Wuotan, der Germanen Gott der Götter, wie Thor, sein Sohn, der „Donnerer“ mit dem Hammer und Herr der Blitze. In den rauen Nächten steigt Odin von seinem magischen Thron in Asgard und erscheint alsbald auf Erden, begleitet von den Raben Hugin und Munin. Sie sind es, die ihm tagtäglich nach Flügen durch die Welten berichten, was sie gesehen und gehört haben. In der Gestalt eines Wanderers also, mit langem Stock und tief ins Gesicht gezogenem Hut, stapft er sturmumtost bei klirrender Kälte über Eis und Schnee. Und das bis in die entlegensten Winkel seiner Untertanen, um zu erfahren, wie es um deren Nächstenliebe steht. Dann klopft er mit dem Stock an Tür und Tor, ersucht um Einlass, um Essenswertes und Unterkunft, was stets gewährt wird. Denn der Unbekannte könnte ja Wotan sein. Wer es je verweigerte, so die Überlieferung, erfuhr manches Ungemach. In meiner Kindheit hinterließ all das einen tiefen Eindruck. Klingelte oder pochte es, eilte ich an die Tür. Man konnte ja nie wissen.
Der Wanderer im Dezember bei Eis und Schnee: Odin, auch Wotan genannt. Spinnend und webend: die Nornen Urd, Schicksal; Verdandi, das Werdende, und Skuld, Schuld – für das, was sein soll. Die wilde Jagd, ein Gemälde von Johann Wilhelm Cordes (1824 - 1869).
Nornenbrunnen im Münchner Stadtteil Maxvorstadt.
Webende Wesen an der Weltenesche
Nicht minder beeindruckend Großvaters Nornen aus der nordischen Mythologie, die faszinierende Schilderung von drei weiblichen Wesen namens Urd, Schicksal, Verdandi, Werdendes, und Skuld, Zukunft. Webend und spinnend verweilen sie seit urdenklichen Zeiten an den Wurzeln der Weltenesche Yggdrasil neben einer nie versiegenden Quelle. Selbst von Elfen und Göttern abstammend, bestimmen sie deren Schicksale wie das eines jeden Menschen auch. Richard Wagner (1813-1883), der Komponist, Dramatiker und Dichter, wusste von den Schicksalsfrauen. In der Opern-Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ sind sie im Vorspiel zur „Götterdämmerung“ von tragender Bedeutung. Berückend die Szenerie, als sie von den Runen das nahe Ende der Götter ablesen, zugleich der Schicksalsfaden reißt und das Vergehen der bislang Allgewaltigen einsetzt. In Münchens Mitte übrigens, in der Eschenanlage am Maximiliansplatz, erinnert der im Jugendstil errichtete Nornenbrunnen aus Muschelkalk an die unsterbliche Sage von der Dreiheit der mit den Schicksalen der Welt Verwobenen. Zu finden auch in den Mythologien anderer Völker. Im alten Griechenland sind es die Moiren in den Epen des Homer (Ilias und Odyssee), vermutlich entstanden im vorchristlichen 8. Jahrhundert Die Sagenwelt der Römer benennt die Parzen: Nona spinnt den Lebensfaden, Morta durchtrennt ihn, Decima verantwortet das Lebensgeschick. Bei den Etruskern stehen sie über den Göttern. Bei den slawischen Zorya ist es die Dreieinigkeit von Himmels- und Lichtgöttinnen. Sie öffnen mit dem Morgenrot die Pforten des Universums und schließen sie bei anbrechender Dunkelheit wieder. Danach treten sie als Abend-, Mitternachts- und Morgenstern auf.
Der Blümchen-Express. Signal auf Halt. Mundräubereien von Äpfeln und Kirschen. Das Brüderchen als Geisel. Schlafwandeln bei Vollmond.
Udalrich und die nachwirkenden Erfahrungen
Wenn anderswo in der weithin vom Krieg zerstörten Heimat viele Familien ums Überleben kämpften, fanden wir Kinder vom grünen Hügel vor der unbeschadet gebliebenen kleinen Kreisstadt die Welt einfach schön und hoch spannend. Das bestätigte in der jüngeren Vergangenheit stets von Neuem Ulrike, das Nachbarsmädel von einst, das so gern „Hochzeit“ spielte. Ein Wildfang hingegen die kesse Dagmar, zwei Häuser weiter. An ihr war ein Junge verloren gegangen. Immer gegenwärtig, wenn wir Hallodris eben mal etwas auszuhecken hatten. Furchtlos hielt sie mit, ging es um Streiche, die manchmal schon keine mehr waren – und zum Glück gutgingen, zumal mit Blick auf die Urheberschaft unentdeckt geblieben.
Der Bummelzug ohne Gegenverkehr
Da war das Beispiel von der einspurigen Bahnstrecke von Bischofswerda nach Kamenz, keine 20 Kilometer kurz, befahren täglich einmal hin und zurück ohne Gegenverkehr; das hatten wir herausgefunden. Ein Bummelzug, der so langsam war, dass wir ihn als „Blümchen-Express“ verspotteten. Gemeint das Nebenherlaufen, um ebendiese noch pflücken zu können. Das entsprach nicht ganz den Tatsachen. Was aber stets gelang, das war das Auf- und Abspringen, hatten doch die alten Waggons vorn und hinten Treppchen zum Einsteigen. Wir mussten natürlich höllisch aufpassen, dass der Schaffner nicht einen von uns dingfest machte. Und da gab es noch ein Signal, das uns magisch anzog. Eigentlich überflüssig. Freie Fahrt war ja stets gegeben, da die Strecke eingleisig und lediglich nur von diesem einen Zug befahren wurde. Kurz und spannend: Wie es uns gelungen ist, das mechanisch funktionierende Signal auf Halt zu stellen, ist in Vergessen geraten. Nicht aber der Schaffner, der zum nahen Bahnhof eilte, um nachzufragen. Wir jedenfalls machten uns aus dem Staub. Nach geraumer Zeit an den Ort der Schandtat zurückgekehrt, es muss das schlechte Gewissen gewesen ein, stand das Signal auf Freie Fahrt – und dabei ist es fortan geblieben. Wie gesagt, es gab ja nur diesen einen Zug für den eingleisigen Schienenstrang.
Die Diebestat des Enkels
Unter Beobachtung unsererseits standen in den Sommerferien die Schrebergärten der tüchtigen Kleingärtner. Fast ein jeder hegte und pflegte ein Obstbäumchen. Darunter einer mit dem früh reifenden Weizenapfel, der am besten schmeckt, wenn frisch geerntet. Der Verlockung nicht widerstehend, pflückte ich zwei von den wenigen und wurde im nächsten Moment auf frischer Tat gesichtet, konnte aber entkommen. Das herrliche Obst war auf dem Heimweg genussvoll verzehrt. Doch der wohlschmeckende Mundraub sollte noch ein Nachspiel haben. Stand doch unverhofft der zu Recht erboste Schrebergärtner vor der Tür, um dem Großvater die Diebestat mitzuteilen: „Ich glaube, Herr Doktor, ihr Enkel hat sich an meinen Äpfeln vergriffen.“ Die Entgegnung: „Kaum zu glauben, wir haben doch selber genügend davon.“ Und verwies auf unsere reich tragenden Apfelbäume. Dem armen Mann blieb nichts anderes, als unverrichteter Dinge wieder von dannen zu ziehen.
