Selbstbildnis eines Hautarztes, Band 1 - Hans Schulz - E-Book

Selbstbildnis eines Hautarztes, Band 1 E-Book

Hans Schulz

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Beschreibung

In seinem zweibändigen Werk „Selbstbildnis eines Hautarztes“ (Band 1 1940-1974; Band 2 1974-2017) lässt Hans Schulz über einen Zeitraum von 77 Jahren private und berufliche Ereignisse sowie Personen aus seinem näheren Umfeld Revue passieren. Dabei war es ihm wichtig, zur Textillustration außer Fotos auch eigene Zeichnungen und Gemälde einschließlich derjenigen seiner Frau Annette zu verwenden. Sowohl die kurzweiligen Schilderungen in chronologischer Abfolge als auch das Bildmaterial bieten dem Leser Einblicke in ein bewegtes, durch den Arztberuf und musische Ambitionen geprägtes Leben.

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Seitenzahl: 469

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Autor:

Dr. Hans Schulz

im alten Dorf 8

59192 Bergkamen

Germany

Danksagung für wichtige Hinweise zum vorliegenden Titel an:

Bohlmann, Friedrich: Lüchow

Felgenhauer, Jochen: Bergkamen

Fredersdorf, Hartwig: Hitzacker

Fredersdorf, Helmut: Dahlem-Marienau

Groll, Gesine: Schermbeck

Groll, Klaus: Schermbeck

Groll, Dr. Dieter: Garching

Hoechst, Heinz: Bergkamen

Hoechst, Nina: Bergkamen

Hughes, Ed: Winnipeg/Kanada

Ilhan, Nuran: Werne

Loepp, Anita: Waterloo/Kanada

Matthies, Hermann: Waddeweitz

Meyer, Dr. Rolf: Wustrow

Redlin, Doris: Kamen

Schulz, Annette: Bergkamen

Schulz, Hans-Hermann:Zebelin

Schulz, Heinrich: Blütlingen

Schulz, Matthias: Kamen

Schulz, Renate:Zebelin

Schulze, Herwald: Schreyahn

Sebastian, Marita: Kamen

Thomas, Norbert, Prof.: Essen

Trentzsch, Ursula: Laatzen

Wagner, Ingo: Siegsdorf

Umschlagbild:

Selbstportrait 1956

Gewidmet

meiner lieben Frau Annette

und meinen Kindern Matthias, Christian, Katharina

Inhaltsverzeichnis

Vorwort und Einleitung

Prolog

1940 Der Beginn

1940 Der Geburtsort

Für Interessierte – Chronologie des Hauses Schreyahn Nr.3, Erbfolge, Verträge

1940 Hamburg-Neuhofer Pfarrgemeinde

1941 Großmutter Alwine

Die Schönen und der Tod

Großvater Heinrich Schorling

1942 Frühkindliche asthenische Charaktereigenschaften

1943 Bomben auf Hamburg

1943 Vaters Einberufung

1943 Oma Wustrow

Abstammung und Herkunft meines Großvaters Otto Schulz

1943 Mutter

1944 Flying Fortress über Schreyahn

1944 Tote und Überlebende

Brief aus Hamburg-Neuhof.

Oma Emmi

Der Schreyahner Hausflur

1945 Ein deutscher Major wurde uns fast zum Verhängnis

Herwald Schulze: „Amis kämen vun achtern up' off"

1945 Flucht unter Erikas Obhut

Erikas Vorfahren

1945 Kriegsende

1945 G.I.s und Hungersnot

1946 Neuhofer Erlebnisse

1946 Umzug nach Zebelin

Alt-Zebelin

1947 Zebelin und Urgroßmutters Tod

1947 Hausschlachtung

„Waschechte" Zebeliner

1948 Währungsreform, Großvater zum Landrat gewählt

Zebelin dritte Heimat

Pfarrhaus und Schule wie ein Taubenschlag

Emma Gertrud Eckermann

Freunde und Rattenjagd

1952 Olympia

Intermezzo

Pubertäre Eskapaden

1953 Einige Tagebuchseiten noch vorhanden

1954 Ein zweiter Malskat

1955 Hieronymus im Gehäus

1956 Von alten Meistern lernen

1957 Sport, Physik, Chemie

Besuch aus Kalifornien bei Stoppels

1957 Chemische Experimente

1957 Onkel Erich

1958 Weltausstellung in Brüssel

Die Jazztrompeter

1958 Wiederentdeckte Tagebuchfragmente

Zebelin 1959

Intermezzo

Fahrradtrip ins Ungewisse

1959 Vor dem Schulabschluss

1960 Mathematisch-naturwissenschaftliches Abitur

1960 Klaus Küntzel alias „Horex"

...

und wieder eine Hochzeit

Endspurt am Gymnasium in Lüchow

1961 Das Krankenpflegepraktikum

1961 Von der Chemie zur Medizin

1961 Die Mensur

Die Schorlings in Lensian, Elisabeth Schulz

1962 Anatomischer Präparierkurs

Schlüsselerlebnis Kopfregion

Studiensemester in Göttingen und immer wieder Zebelin

1963 Ein menschliches Filetstück

1963 Annette Groll, meine spätere Ehefrau

Letztes Intermezzo vor grandiosem Finale

Inspiriert vom Surrealismus

1964 Die Zangenentbindung

1965 Göttingrn ade! Münster und Liverpool-Kiss

1965 Ulla, Verlobung Gaby und Dieter, Annette in Zebelin

1965 Verlobung von Annette und Hans

1966 Das Contergan-Kind

1966 Erster offizieller Urlaub

Familien Groll und Gillardon

1967 Ereignisreiches Jahr

Medizinalassistentenzeit, Matthias, Vaters Tod

Verdienstkreuz für Heinrich Schorling

1968 Das Jahr der Chirurgie ,

1969 Geburtshilfeabteilung

Bestallung als Arzt

1969 Angebot aus Brunsbüttelkoog

Familie und Verwandtschaft

1970 In der Facharztweiterbildung

Ulla und Wolfgang

1970 Der Fall Leberkühn

1971 Lockheed F-104 Starfighter

1971 Alouette-Flug und Wochenendunfall

1971 Jugoslawien

1972 Absturz

1972 Transall C-160

1972 Air Base Beja

1972 Schöne Zeit mit Annette und Matthias, Begegnung mit Wörner

1973 Vortrag in Wien, Italienurlaub

1974 Katharinas Geburt, Besuch bei Luigi Colani, Niederlassung als praktizierender Dermatologe

Sach- und Personenregister

Vorwort und Einleitung

Bergkamen, einst größte Bergbaustadt Europas, ist mir zur geschätzten Heimat geworden. Seit 43 Jahren, mehr als die Hälfte meines irdischen Daseins, lebe ich hier mit meiner Familie. Die geographische Lage der etwa fünfzigtausend Einwohner zählenden Ruhrgebietsstadt (Kreis Unna, Regierungsbezirk Arnsberg) ist einfach zu beschreiben. Zieht man auf der Karte eine diagonale Verbindungslinie von Nordost nach Südwest, ausgehend vom inneren Bezirk der Stadt Hamm bis zur Dortmunder City, so liegt Bergkamen exakt in der Mitte dieser Linie. Beide Großstadtzentren sind achtzehn Kilometer von unserem Wohnort entfernt.

Gibt es nach den Zechenschließungen mit Niedergang des Steinkohlebergbaus, der Kokereien und der Kohlechemie noch Superlative bezogen auf unsere Stadt? Auf jeden Fall kann Bergkamen mit einer idealen Infrastruktur auf dem Landweg, zu Wasser und in der Luft aufwarten. Wir haben unkomplizierte Verkehrsanbindungen in alle Himmelsrichtungen der Republik, einschließlich des Datteln-Hamm-Kanals und des nahegelegenen Dortmunder Flughafens. Ich neige dazu, die Frage nach Superlativen positiv zu beantworten, und möchte in diesem Zusammenhang einige allgemein bekannte Töchter, Söhne und Protagonisten Bergkamens anführen:

Das Gut Haus Velmede, seit 1636 Sitz eines Zweiges der Familie von Bodelschwingh, aus der im 19. Jahrhundert die preußischen Minister Carl (Finanzminister) und Ernst von Bodelschwingh (Innen- und Kabinettsminister), wie auch der Pfarrer Friedrich von Bodelschwingh, Begründer der Bethelschen Anstalten, hervorgegangen sind; der Hörfunk-, Fersehjournalist und Schriftsteller Levent Aktoprak (*1959 Ankara); Heiko Antoniewicz (*1965 Dortmund), deutscher Koch (Buchtitel: Fingerfood – Die Krönung der kulinarischen Kunst; Verwegen Kochen; Molekulare Basics; Brot; Sous Vide [Flavour Pairing]); die Künstlerin Monika Brandmeier (*1959 Kamen), seit 2001 Professorin für Bildhauerei in Dresden; der Komponist Ludger Brümmer (*1958 Werne), Leiter des Instituts für Musik und Akustik am Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe; der 1931 in Berlin geborene und 2002 in Bergkamen verstorbene Schriftsteller Hans Henning (Moppel) Claer (Buchtitel: Das Bullenkloster; Lass jucken Kumpel; Bulle, Schläger, Nuttenjäger; Bei Oma brennt noch Licht [etliche Buchtitel verfilmt]); der promovierte Germanist und Publizist Giesbert Damaschke (*1961 Bergkamen), seit 1997 freier Autor zu Computer- und Internetthemen; der Theologe, Kirchenkritiker, Psychologe und Bestsellerautor Eugen Drewermann (*1940 Bergkamen [Geburtsjahrgang des Autoren]); die 1966 in Dortmund geborene ehemalige Bundestagsabgeordnete Martina Eickhoff SPD (heute im Kreistag als Vertreterin unserer Stadt); der Hochschulleher

Martin Eimer (*1960 Bergkamen), deutsch-britischer Neuropsychologe, er studierte Biologie an der Westfälischen Wilhelmsuniversität in Münster, seit 2000 Professor für Psychologie am Department of Psychological Sciences der University of Cambridge; der bildende Künstler Wolfgang Fräger (*1923 Bergkamen, †1983 Bönen); Peter Gabriel (*1928 Dortmund-Dorstfeld, wuchs in Bergkamen auf), deutscher Schriftsteller (Buchtitel: Persersturm über Hellas; Hannibal vor den Toren; Flucht nach vorn; Die Steppenreiter kommen; Talschule 75 Jahre jung; Zwei Taler für den Pastor siebzehn Schilling für den Lehrer); der bildende Künstler Stephan Geisler (*1968 Bergkamen); Alfred Gleisner (*1908 Kamen, †1991 Unna), erster Stadtdirektor in Bergkamen seit dem Zusammenschluss der sechs Ortsteile; die ehemaligen Kultusminister von Nordrhein-Westfalen Fritz Holthoff (*1925 Dortmund, †2006 Duisburg) und Jürgen Girgensohn (*1924 Kassel, †2007 Nottingham); Carl Friedrich Koepe (*1835 Bergkamen, †1922 Bochum), Pionier der Bergbautechnik; Wilhelm Löbbe (*1890 Bergkamen, †1950 Bochum) Konstrukteur des Kohlehobels („Löbbe-Hobel"); Klaus Matthiesen (*1941 Gangerschild/Flensburg, †1998 Düsseldorf), deutscher Politiker, MdL für Bergkamen 1985-1998; Fritz Nöpel (*1935 Breslau), Karate Großmeister des Yuishinkan und höchstgraduierter DAN-Träger innerhalb des DKV; Konrad Ott (*1959 Bergkamen), Philosoph und Ethiker, 1997-2012 Professor für Umweltethik an der Universität Greifswald, danach an der Universität Kiel Professor für Philosophie und Ethik; Frauke Petry (*1975 Dresden), promovierte Chemikerin und ehemalige Unternehmerin, deutsche Politikerin (AfD), nach dem Fall der Mauer zog sie 1989 nach Bergkamen, 1995 Abitur am Städtischen Gymnasium in Bergkamen, sie war bis Anfang 2015 mit dem Pfarrer Sven Petry verheiratet, mit dem sie vier Kinder hat; der 1949 in Kamen geborene Schriftsteller Heinrich Peukmann (Buchtitel: Vaters Freunde; Unverkennbar rot; Riss in der Fassade; Leise Worte, fremdes Land; Der Schattenboxer; Die Helden aus dem Fußballwesten; Saitenwechsel; Die lange Reise des Herrn Balsac); Kurt Piehl (*1928 Dortmund, †2001 Stockelsdorf bei Lübeck), Schriftsteller und „Edelweißpirat", veröffentlichte 1980 in Bergkamen die authentische Geschichte der „Edelweißgruppe Brügmannplatz" im Kampf gegen Hitlerjugend und seine Zeit im Dortmunder Gestapo-Keller; Otto Prein (*1867 Dortmund-Husen, †1945 Hohenlimburg), Theologe, Entdecker des Römerlagers in Bergkamen-Oberaden; Horst Römer (*1938 Kamen), Gründer des Bachkreises, einem Jugendsinfonieorchester am Gymnasium; der Schriftsteller Dietrich Schwanitz (*1940 Werne, †2004 Hartheim bei Freiburg), Anglist, Literaturwissenschaftler, Buchautor, wuchs in Bergkamen-Rünthe auf, 1978-1997 Professor für Englische Literatur und Kultur an der Universität Hamburg (Buchtitel: Der Campus [verfilmt]; Georg Bernard Shaw – künstlerische Konstruktion und unordentliche Welt; Bildung, alles was man wissen muß; Die Geschichte Europas; Männer: Eine Spezies wird besichtigt; Shakespeare Hamlet und alles, was uns zum kulturellen Gedächtnis macht); der Politiker Peer Steinbrück (*1947 Hamburg), er wurde 2002 zum Ministerpräsidenten von NRW gewählt und war von 2000-2005 MdL für Bergkamen; Beate Tebbe, Professorin für Dermatologie; last but not least der Stadtarchivar Martin Litzinger.

Abgesehen von diesen ehrenwerten Personen, können wir mit einem der cleversten Bürgermeister des Ruhrgebietes aufwarten, dem Juristen Roland Schäfer, Jahrgang 1949, der außerdem von 1989-1998 das Amt des Stadtdirektors innehatte. Schäfer ist bis zum Jahr 2020 gewählt. Sein Vorgänger im Bürgermeisteramt, Wolfgang Kerak, Jahrgang 1942, gehörte zu den beliebtesten Politikern im Kreis Unna. Abgeordnete für Bergkamen sind der MdL Rüdiger Weiß, MdB Oliver Kaczmarek und Friedrich Ostendorff, letzterer zählt zu meinen Nachbarn. Im Kreistag wird unsere Stadt durch hervorragende Politiker vertreten: Jens Schmülling, Martina Eickhoff, Martin Blom und Angelika Chur für die SPD, Martina Plath und Elke Middendorf für die CDU, Hans-Joachim Nadolski-Voigt für die Grünen, Michael Klostermann (exzellenter Finanzberater der Sparkasse Bergkamen/Bönen) für die FDP.

Irgendwie bewundere ich den Mut der Politiker, sich der Öffentlichkeit zu stellen mit einer, das normale Maß übersteigenden Bereitschaft zur kritischaktiven Mitverantwortung im Sinne der Gestaltung des öffentlichen Lebens. Dieses große politische Engagement spielt sich heute innerhalb eines ideologiefreien, demokratischen Systems ab, wo man auch in der Lage sein muss, harsche Kritik und Auseinandersetzungen zu verkraften.

Hier ansässige chemische Großunternehmen zähle ich ebenfalls zu den Superlativen unserer Stadt, wie die Bayer Schering Pharma AG, eine Nachfolgerin der früheren Schering AG mit Hauptproduktionsstandort in Bergkamen, die Chemtura Corporation produziert Industriechemikalien und die Huntsman GmbH & Co.KG stellt Druckfarben, Klebstoffe, Lacke und Bautenschutzmittel her. Hätte ich das Chemiestudium in den 1960er Jahren durchgezogen, bezöge ich heute möglicherweise meine Betriebsrente von einem Pharmaunternehmen. Wäre ich mit dieser beruflichen Alternative zufriedener gewesen? Eher nicht, denn die mir bekannten Schering-Chemiker schätzten sich mit ihrer Berufswahl nicht immer glücklich, unter ihnen gab es harte Konkurrenzkämpfe um jeden Posten im Betrieb.

Weniger bekannt: das Wappen der Stadt Bergkamen versinnbildlicht „reine Chemie". Es stellt die Struktur von sechs zusammenhängenden Benzolringen dar, als Ausdruck der industriellen Grundlage unserer Stadt, die Kohlechemie. Zugleich deutet das Wappen auf das Zusammenwachsen der sechs Ortsteile Oberaden, Heil, Rünthe, Weddinghofen, Bergkamen-Mitte und zuletzt Overberge zu einer Stadt.

Die mit 148,5 Metern höchste Erhebung am Ort ist eine künstlich aufgeschüttete Abraumhalde, genannt Adener Höhe. Nicht unerhebliche Steigungen am Berg haben uns beim Lauftraining als aktive Sportler des SuS-Oberaden, dessen Vorsitz im Bereich Leichtathletik mein Freund Jochen Felgenhauer inne hat, manchen Schweißtropfen abverlangt. Selbstverständlich zur Freude und Genugtuung unseres ehrgeizigen Sportwartes Günter Ebeling sowie meines früheren Lauftreffleiters Peter Wenzel und des im SUS noch aktiven Helmut Salzmann, letzterer in der Laufsportgruppe als ein „Mann der ersten Stunde" tituliert, zudem Sportabzeichenprüfer.

Im Stadtteil Oberaden befand sich vom Jahr 11 v. Chr. bis 8 v. Chr. das größte römische Heereslager nördlich der Alpen. Es stand unter dem Oberbefehl des Feldherrn Drusus, einem Stiefsohn des Kaisers Augustus.

Zu den traurigsten Kapiteln der Stadtgeschichte zählt das schwerste Grubenunglück Deutschlands und weltweit im Jahr 1946. 405 Bergleute ließen ihr Leben auf der Zeche Monopol, Schacht Grimberg 3/4 in 939 Metern Tiefe. Zu den wenigen Überlebenden der Katastrophe gehörte Friedrich Hägerling († Nov. 2013 in Bergkamen,), Vater meiner früheren Arzthelferin Doris Hägerling (heute: Redlin).

Nach ärztlicher Ausbildung an verschiedenen Kliniken in Niedersachsen, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein, zuletzt an der Universitäts-Hautklinik Münster, ließ ich mich im Oktober 1974 als freiberuflicher Hautarzt im Ärztehaus Bergkamen nieder.

Im Jahr 2005 war ich zum letzten Mal ärztlich tätig in der dermatologischen Praxis, die mein Sohn Christian Schulz, Hautarzt wie ich, im Bergkamener Ärztehaus übernommen hat.

Ich bedanke mich bei meinem Sohn Matthias für das Korrekturlesen des ersten Textentwurfes zum vorliegenden Titel und für seine wichtigen Ergänzungsvorschläge.

Ein ganz besonderer Dank gilt meinem Laufsportpartner, dem Pädagogen Jochen Felgenhauer. Er hat den zeitraubenden Aufwand nicht gescheut, die Druckfahnen der endgültigen Textfassung auf Orthographie, Satzbau, Interpunktion und Grammatik zu prüfen und Korrekturen vorzuschlagen.

Bergkamen, im Frühjahr 2017

Hans Schulz

Prolog

Trotz fehlender Begabung für den lockeren Umgang mit Zahlen, selbst bei simplen Additions- und Subtraktionsaufgaben – auch heute noch benutze ich beim Kopfrechnen die eigenen zehn Finger als Rechenhilfe – begann ich, über die Anzahl meiner Lebensjahre, die inzwischen mehrere Dezennien umfasst, nachzudenken. Meine Zwillingsschwester Ursula Berta, genannt Ulla, und ich, Hans Otto, genannt Hans, wurden Gott sei Dank im Jahr 1940, einem Jahr mit durch zwei teilbarer, rechnerisch unkomplizierter Zahl, im niedersächsich-wendländischen Bauerndorf Schreyahn geboren. Na ja, die neunzehn stört etwas, aber eine Null am Ende tröstete mich immer dann, wenn ich bestimmte Ereignisse, die meinen Lebensweg kennzeichnen, in Relation zu diesem Anno setzen musste.

Bezüglich der Geburtsjahre meiner Eltern, Vater 1907, Mutter 1911, tat ich mich immer schwer. Für einen Gesprächspartner, der sich exakte numerische Angaben zu bestimmten Geschehnissen im Leben meiner Vorfahren wünschte, musste das mir von der Natur verliehene Dezimalsystem meiner Finger herhalten. Auch für eine Rekapitulation der jeweiligen Anzahl der Tage eines Monats weist die Anatomie der Hände ein numerisches Pendant auf. Unter Aussparung der Daumen entspricht jeder erhabene Fingerknöchel, beginnend mit dem linken Kleinfinger, einem Zeitraum von einunddreißig Tagen, die Senke zwischen den Knöcheln entspricht dreißig Tagen, ausgenommen der Februar mit den wenigsten Tagen, der aber auch im Tal liegt.

Was für einen Legastheniker die Wörter, das bedeuten für mich Zahlen (relative Dyskalkulie). Wenn man mir, oder auch ich mir selbst, viele Talente abspräche, so meinte doch alle Welt, ich sei ein guter Zeichner. Immer dann, wenn ich mich in Gemälden versuchte, äußerten Kritiker, ich würde mit dem Farbpinsel eher zeichnen als malen. Nun beabsichtigte ich, den Beweis zu erbringen, dass mir beides gelingen kann. So vernachlässigte ich in den letzten Jahren den Zeichenstift zu Gunsten des Farbpinsels. Als ich dann aber meine gelebten, nun bald acht Dezennien im Geiste Revue passieren ließ und Texte über meine, auf die einzelnen Jahre bezogenen Erinnerungen zu Papier brachte, kam mir die Idee, für die Schriftsätze nicht nur Fotografien, sondern auch selbst gezeichnete Illustrationen zu verwenden. Ich griff wieder häufiger zum Zeichenstift, um die Beiträge zu bebildern, für die sich keine geeigneten Darstellungen im Fotofundus fanden.

In diesem Zusammenhang entstand das vorliegende Werk. Der textliche Rahmen bezieht sich auf das älteste Familienmitglied, dessen Zuneigung und Liebe ich noch als Kind erfahren durfte: meine Urgroßmutter Dorothea Katharina Elisabeth Schorling, geborene Schulz.

Bei der von uns innig geliebten wendländischen Urgroßmutter mütterlicherseits erscheinen die Zahlen bezogen auf ihr Lebensalter in Relation zu den Urenkeln besonders spannend. Ihr liebenswertes Auftreten gegenüber jedermann und eine von uns Kindern tief empfundene Geborgenheit, die sie vermittelte, ist auch heute noch, siebzig Jahre nach ihrem sanften Tod, in meiner Erinnerung präsent. Ohne auch nur die geringsten Anflüge äußerer Zeichen der Agonie verstarb sie am 18. April 1947, an ihrem 71. Hochzeitstag im 92. Lebensjahr, sitzend im Ohrensessel bei völliger geistiger Klarheit und sinnlicher Wahrnehmung. Eine nicht mehr therapierbare Herzinsuffizienz, sprich Altersschwäche, begleitet von krankmachenden Wassereinlagerungen (medizin.: Ödeme) hatte ihr Leben zum Ende geführt.

Ulla und ich näherten uns damals dem siebten Geburtstag. Wie Mutter berichtete, fand sich im Gesicht der soeben Verblichenen der Schimmer eines milden zufriedenen Lächelns. Als emsige Wendlandbäuerin mit Leib und Seele war Urgroßmutter ein Leben lang mit zahlreichen Aufgaben auf dem Bauernhof betraut: Erzieherin von drei Töchtern und einem Sohn, Köchin, Gärtnerin, Weberin, Schneiderin, Melkerin, Heilkundige und anderes mehr. Auf ihrer Scholle im Rundlingsdorf Schreyahn hatte sie Ehemann, zwei Töchter sowie die Schwiegertochter und zwei Enkel, die als Soldaten im Krieg gefallen waren, überlebt.

Heute stellt sich mir die Frage, wie viele Jahre bewussten oder über Augenzeugen berichteten Erlebens könnte ein Mensch erfahren. In meinem Fall ermittelte ich ca. 160 Jahre. Wenn ich nun noch indirekte Augenzeugenberichte einbeziehe, z.B. Kontakte meiner Urgroßmutter zu deren Eltern, komme ich auf rund 240 Jahre, also eine Zeit, in der Wolfgang Amadeus Mozart lebte (1756-1791).

Wie setzt sich nun dieser unerwartet lange Zeitraum zusammen? Mit meinen heute 77 Lebensjahren bin ich ohne Einschränkungen in der Lage, mir erlebte Situationen zu vergegenwärtigen, die ich als dreieinhalb- bzw. vierjähriger Knabe erfahren habe, z.B. Begebenheiten auf dem Bauernhof in Schreyahn oder einprägsame Kriegsgeschehnisse, sowohl während unseres Aufenthaltes im Dorf als auch in Hamburg-Neuhof, wo Vater seit 1939 als Pfarrer Amtshandlungen und seelsorgerische Tätigkeit in einer Kirchengemeinde ausübte. Berichte über frühkindliche Zeiträume vor der Entwicklung eines eigenen Bewusstseins lieferten die Eltern zur Genüge. Geschehnisse ab etwa 1890 beschrieben unsere Großeltern. Die ältesten Mitteilungen aber erfuhr ich als fünf- bzw. sechsjähriger Knabe durch Urgroßmutter Dorothea Katharina Elisabeth Schorling, geborene Schulz.

Sie wurde am 6. September 1855 im wendländischen Rundlingsdorf Güstritz auf dem Hof Nr.5 geboren. Der Vater, Johann Christoph Schulz, starb knapp sechs Monate nach ihrer Geburt im Alter von nur 42 Jahren. Georg, ihr um sechzehn Jahre älterer Bruder, übernahm wenig später den von Ackerbau, Viehzucht und Flachsanbau zur Leinenverarbeitung unterhaltenen landwirtschaftlichen Betrieb, tatkräftig unterstützt von seiner Mutter Katharina Elisabeth Schulz, geborene Wilke. Katharina Elisabeth (1818-1879) teilte nun meiner Urgroßmutter die wichtigsten Begebenheiten mit, wie sie von deren Eltern und Großeltern (ab etwa 1750) berichtet worden waren (Anno 1451: erste urkundliche Erwähnung des Hofes Schulz in Güstritz).

Geburtshaus meiner Urgroßmutter

Dorothea Katharina Elisabeth Schulz

Güstritz Kreis Lüchow

Neubau nach der Feuersbrunst 1850 (Joh. Chr. Schulz und Kath. Elis. Wilke)

Grundriss des Dorfes Güstritz um 1850 vor dem Brand

(Quelle: Stadtarchiv Wustrow)

Bauerntag und Königsfest in Güstritz 14. Juli 1865

Demonstration der Spinnstube im Haus meiner Ur-urgroßmutter

(Mitte vorne: Georg Schulz, Bruder meiner Urgroßmutter)

(Quelle: Wendlandmuseum Lübeln)

Urgroßmutter konnte sich beispielsweise gut an den Besuch des blinden hannoverschen Königs Georg V. erinnern, der in Begleitung seines Sohnes, dem Kronprinzen Ernst August (1845-1923) und einem großen berittenen Gefolge vom 9. bis zum 17. Juli 1865 das zum Königreich Hannover gehörende Wendland in seiner herrschaftlichen Karosse bereiste. Am 14. Juli feierte man in Anwesenheit des Königs den Güstritzer Bauerntag. Dorothea Katharina Elisabeth, damals sieben Wochen vor ihrem zehnten Geburtstag, erlebte den Empfang des Monarchen und dessen Gefolge hautnah.

Bauern- und Königstag in Güstritz am 14. Juli 1865

(Quelle: Wendlandmuseum Lübeln)

Ich war sechs Jahre alt, als sie mir voller Begeisterung von diesem Ereignis erzählte und schilderte, wie ihr damals sechsundzwanzigjähriger Bruder Georg auf der Tenne mit vier weiteren Männern und vier Frauen an Spinnrad und Haspel den hohen Herrschaften die Verarbeitung von Flachsfasern demonstrierte. Das Originalfoto, das Georg am Spinnrad inmitten seiner Helfer zeigt, existiert noch heute im Archiv des hannoverschen Wendlandes.

Meine Urgroßmutter Dorothea Katharina Elisabeth Schulz 1872

im Alter von 17 Jahren mit ihrer Mutter Katharina Elisabeth Schulz,

geborene Wilke aus Güstritz

In aller Ausführlichkeit berichtete Urgroßmutter auch über ihren Hochzeitstag am 18. April 1876. Teile der von ihr als Braut getragenen wendländischen Tracht kramte sie aus einer Holztruhe hervor, wenn sie - was häufiger vorkam - in unserer Gegenwart über ihre Erinnerungen an diesen denkwürdigen Tag sprach. Am Ende dieses Buches werde ich noch einmal auf das großartige Ereignis ihrer Hochzeitsfeier zurückkommen, sozusagen als krönenden Abschluss des „Selbstbildnisses", um der Schilderung meines Lebensweges einen angemessenen Rahmen zu verleihen.

Aus dem Munde unserer Urgroßeltern väterlicherseits konnte ich vergleichbare Geschichten nicht mehr erfahren, da sie bereits das Zeitliche gesegnet hatten als ich auf die Welt kam. Auch den Großvater väterlicherseits durfte ich leider nicht mehr erleben. Kontakte zur Mutter meines Vaters gab es sehr viel seltener als zu den Familienmitgliedern in Schreyahn.

So wurde meine frühkindliche Entwicklungsphase im Wesentlichen durch zwei Orte und deren Einflusssphären geprägt, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Einerseits durch das idyllische Rundlingsdorf Schreyahn, meinem Geburtsort, andererseits durch das Hafen- und Schiffswerftmilieu in der Industrielandschaft Hamburg-Neuhofs, wo Vater als Pfarrer wirkte.

Das schon in frühester Kindheit geweckte Interesse an bildenden Künsten zog sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Dem Griff zu Feder, Zeichenstift und Farbpinsel konnte ich lebenslang nicht widerstehen.

Mein innerer Drang, unter Zuhilfenahme dieser Werkzeuge auf einem Blatt Papier und später auf der Leinwand etwas bildnerisch darzustellen, was mich beschäftigte oder besonders beeindruckte, gab den Anlass, die vorliegende, mit eigenen Zeichnungen und Gemälden versehene Chronologie meines Lebens als „Selbstbildnis eines Hautarztes " zu betiteln. Und die mir nicht leicht gefallene Auseinandersetzung, sowohl mit „krummen" als auch mit „geraden" Jahreszahlen, wollte ich bewältigen, indem ich diese Zahlen in chronologischer Abfolge einzelnen Kapiteln voranstellte. Meine Frau Annette, eine talentierte Malerin, wird in den letzten Kapiteln, die über unsere gemeinsamen Gemäldeausstellungen berichten, einige ihrer Bilder zur Illustration beisteuern.

An dieser Stelle will ich meinen Klassenlehrer Siegfried Bandelow zitieren, der mich im Jahr 1960 als Abiturienten des Lüchower Gymnasiums wie folgt charakterisierte:

Hans Schulz ist ein innerlich veranlagter Typ, Spätentwickler und recht gut begabt. Er ist in der Lage, selbständig geistig zu arbeiten und zeigt dabei eine besondere Stetigkeit und Zähigkeit. Seine Beobachtungsgabe ist gut entwickelt, der Verstand tritt bei ihm – gegenüber dem Gefühl – stärker hervor.

Johann Heinrich Schorling (*16.09.1885) in Schreyahn,

+30.09.1974 in Schreyahn)

Text: Heinrich Schorling, Schreyahn:

Wie mein Vater Johann Christoph Schorling (1852 - 1933) berichtete, hätte sein Großvater Johann Christoph Schorling

(*1798 in Satemin, Hof Nr.28, † 1867 in Schreyahn Hof Nr.3) ihm von russischen Einquartierungen (Kosaken) in Satemin erzählt. Und ein alter Mann hätte ihm gegenüber behauptet, dass von dem Kanonendonner in der Schlacht an der Göhrde (1813) in Schreyahn einige Türen aufgesprungen seien. Aber das war wohl ein kräftiger Windstoss gewesen. Sonst ist in den Jahren hier nicht viel passiert. Auch die preussische Besetzung Hannovers um 1866 scheint nicht viel Staub aufgewirbelt zu haben. Die Arbeit ging wohl auch ziemlich ruhig vonstatten. Denn, mal hatte Joachim Christoph beim Pflügen seine Pfeife verloren, es wird so eine halblange gewesen sein, und um das Ding wieder zu finden, wurde ein ziemliches Stück der Pflugarbeit zurückgepflügt, wobei mein Vater die Pferde lenkte, leider erfolglos.

Aus den Aufzeichnungen meines Großvaters, Beispiel für die mündliche Weiterverbreitung historischer Begebenheiten

1940

Der Beginn

Eine handschriftliche Eintragung meines Großvaters Heinrich Schorling in die Familienchronik lautet wie folgt:

In der Geburtsnacht der Zwillinge standen sich Jupiter und Saturn, deren Annäherung im Weltraum nur alle 20 Jahre erfolgt, am nächsten. Als Stern von Bethlehem hatten beide Planeten nach Kepplers Berechnungen eine besondere, sehr enge Konjunktion, wie sie nur alle 800 Jahre einmal eintritt. Am 10. Juli 1940 ist unsere Tochter Anneliese aus Hamburg zu uns nach Schreyahn gekommen. Sie wurde hier am 15. August von den Zwillingen Ursula und Hans entbunden. Willi Schulz, unser Schwiegersohn und Vater der Zwillinge, seit dem vergangenen Jahr als Pastor in der Pfarrgemeinde Hamburg-Neuhof tätig, vollzog am 25. August, einem Sonntag, in unserem Haus die Taufe der beiden. Als Paten waren anwesend: meine Söhne Harry, Waldemar und Hans Schorling, Hans Schulz, der Bruder meines Schwiegersohnes Willi aus Wustrow, meine Schwester Berta Dannehr aus Damnatz, Maria Schulze, geborene Schorling, die Tochter meines Vetters August Schorling aus der Gastwirtschaft in Lensian und Frau Berta Krüger aus Salzwedel. Wegen englischer Bombenangriffe auf Hamburg war die Zeit für Annelieses Familie ziemlich unruhig und aufregend. Trotz der Bombengefahr ging unsere Tochter am 4. Oktober mit den Zwillingen wieder zurück in das Pfarrhaus nach Hamburg-Neuhof.

Großvaters Text fand ich aufgezeichnet in der mit Goldschnitt und schwarzem Ledereinband ausgestatteten Hausbibel, gedruckt anno 1908 in Berlin. Vier ursprüngliche Blanko-Seiten dieser „Heiligen Schrift" standen unter der ausgedruckten Rubrik „Kinder" zum Ausfüllen mit Text zur Verfügung. Heutzutage genügte für das Gros der deutschen Familien ein Bruchteil dieses Seitenumfangs. Damals gehörte eine Familie mit nur drei Kindern eher zu den Ausnahmen. Erst das dritte Blatt mit dem einleitenden Bibelspruch in der Kopfzeile „Ziehet eure Kinder auf in der Zucht und Vermahnung zum Herrn, Eph.6-4“ kündete von meiner und der Geburt meiner Zwillingsschwester Ursula.

Astrologische Schlüsse zog Großvater nicht aus der besonderen Konstellation Jupiters zum Saturn. Von einem Glauben an spezifische Einflüsse der Himmelskörper auf die Persönlichkeitsentwicklung, das Schicksal oder gar das Weltgeschehen war er weit entfernt. Was in besagter Nacht die Annäherung der Planeten betraf, so gestaltete sich die Situation nicht identisch mit der sehr seltenen, engen und dreifachen Saturn-Jupiter-Konjunktion des „Bethlehem-Sterns", wie geschehen im Jahre sieben vor unserer Zeitrechnung am 27. Mai, 6. Oktober und 1. Dezember.

In der Geburtsnacht beobachtet Großvater die Konstellation von Jupiter und Saturn

Der schnellere Jupiter überholt den langsameren Saturn in Sprüngen von zwanzig Jahren. Etwa einmal im Jahrhundert begegnen sich beide Planeten innerhalb eines Jahres dreimal. Bis der gesamte Tierkreis durchmessen ist, verstreichen 800 Jahre. Die Apsiden, d.h. die Hauptscheitel der elliptischen Planetenumlaufbahnen, erreichen allerdings nicht immer im Verlauf dieses langen Zeitraumes ihre extremste Annäherung.

In der Astrologie steht Jupiter für Glück und Heiterkeit, Saturn als Vater von Jupiter für Unglück, Melancholie, Krankheit und Siechtum. Meiner Zwillingsschwester Ursula wurde von einem Dorfbewohner ein großes Unglück prophezeit. Bis heute erfreut sie sich trotz ihres siebenundsiebzigsten Lebensjahres bester Gesundheit, einer intakten Familie und der munteren Enkeltochter Josefine, die in München das Licht der Welt erblickte. Ihre Tochter Annika heiratete am 12. April 2016 Florian Orendi, einen sympathischen Mann mit Kapitänspatent, zur Zeit Schlepperkapitän im Hamburger Hafen.

Diese Tatsachen sind deutlicher Beweis dafür, wie wenig sich das Schicksal des Menschen bei seiner Geburt aus der Stellung der Himmelskörper, sprich Gestirne bzw. Planeten, ablesen lässt.

Die Zwillinge Ursula und Hans

Vater Willi tauft die Zwillinge

1940

Der Geburtsort

Ohne auch nur einen Ton von mir zu geben, kam ich am 15. August 1940, kurz nach 21 Uhr, stumm und mit verzögerter Entfaltung der Lungenflügel als „blue baby“ auf die Welt. Zwillingsschwester Ursula hatte sich bereits acht Minuten vor mir mit jähem Aufschrei der Befreiung gemeldet, strotzend vor Gesundheit, ihr Hautkolorit rosarot, so wie es bei einem gesunden Neugeborenen sein sollte. Meine Blausucht, medizinisch Zyanose genannt, lag Gott sei Dank nicht in einem Herzfehler begründet, sondern in der relativ langen Wartezeit, einhergehend mit Verknappung des Sauerstoffangebots. Bekanntlich liegt es in der Natur der Männer, selbst bei Gefährdung des eigenen Überlebens, Damen den Vortritt zu lassen. Auch die Hebamme Frau Meier, Meier mit „i“ aus Ganse, und der hinzugezogene Hausarzt Dr. Meyer, Meyer mit „y“ (entsprechend dem Y-Chromosom bei Männern) aus Wustrow, gingen mit meinem höflichen, uneigennützigen Kavaliersverhalten konform, erst recht, als ich beiden zur Begrüßung als erstes mein Hinterteil präsentierte.

„Blue baby“ Hans

Unser Geburtsort, der niedersächsisch-wendländische "Rundling" Schreyahn, konnte mit zehn Bauernhöfen aufwarten, dazu dem Klapprothschen Kaufladen und dem überdimensionierten Gasthaus Schorling, etwas abseits des Dorfplatzes gelegen an der Straße nach Lensian und der Zufahrt zur ehemaligen Kalischachtanlage. Der frühere Schacht Rudolf, der den in Schreyahn und Umgebung ansässigen Landwirten einen nicht unbeträchtlichen Förderzins einbrachte, war bereits seit 1926 wegen unzureichender Rentabilität still gelegt worden. Immerhin ermöglichte die Existenz dieses Werkes die Sanierung einiger Bauernhöfe und den Ausbau der Infrastruktur.

Grundriss des Dorfes Schreyahn 1874

Grußkarte aus Schreyahn 1912

Zur künftigen Bewirtschaftung des großväterlichen bäuerlichen Anwesens erklärte sich der jüngste Bruder meiner Mutter, Hans Schorling, bereit, denn der ältere Bruder Harry verzichtete auf das Erbe zugunsten des Schmarsauer Hofes, den seine Frau Luise Brusch mit in die Ehe gebracht hatte. Da zunächst der mittlere Bruder Waldemar als Berufssoldat und Offiziersanwärter und kurz darauf Hans und Harry eine Einberufung zur kämpfenden Truppe erhielten, lief der bäuerliche Betrieb auf Sparflamme.

Großvater Heinrich Schorling, zu diesem Zeitpunkt fünfundfünfzig Jahre alt, konnte sich wegen physisch beeinträchtigender Unfallfolgen nur noch eingeschränkt körperlich aktiv der Landwirtschaft widmen. Infolge eines Sturzes von der Leiter war er nach komplizierter Unterschenkelfraktur gehbehindert. Er versah das in Kriegsjahren schwierige und aufreibende Amt des Bürgermeisters mit Schreibtischbüro im eigenen Hause.

Großvater, dessen Ehefrau Alwine, die im August 1941 mit nur achtundvierzig Jahren einem Krebsleiden erlag, und Großvaters Mutter Dorothea Katharina Elisabeth Schorling, geborene Schulz, bewohnten während der Kriegsjahre das Schreyahner Haus, während Mutter mit uns Kindern zwischen dem Pfarrhaus in Hamburg und dem elterlichen Wohnhaus in Schreyahn pendelte.

Das Haus Nr.3 war im Jahre 1807 errichtet worden, ganz im Stil des niedersächsischen Vierständerhauses: das Dach mit Strohbündeln gedeckt, Wohneinheit, Tenne mit Viehställen zu beiden Seiten und einer zum Dorfplatz weisenden „grot dör", dem Zugang für hoch mit Heu oder Stroh beladene zweispännige Pferdefuhrwerke.

Im Jahre 1909 ließ Großvater das Gebäude zum Wohnhaus umbauen. Die Balkeninschriften der Giebelfront und der Seitenwände lassen sich auch heute noch gut entziffern:

Gott allein die Ehre. Ich werfe alle meine Sorg auf Dich, mein Gott und Herr. Ach segne mich mein Gott und alles, was ich habe, denn dieses alles ist ja Deine gute Gabe, gesegnet sei die Frucht, gesegnet sei mein Vieh, gesegnet Haus und Hof von Dir so spät als früh. Lass mich zufrieden sein mit dem, was Du uns gabst. An Gottes Segen ist alles gelegen.

Auf dem Querbalken über dem großen Tennenzugang waren vor dem Umbau die Namen der Hofbesitzer zu lesen: „Jürgen Christoph Eggers und Trilot Thielber, An. Do. 1807", wie es Großvater in einer Zeichnung der Giebelfront des Fachwerkhauses skizziert hatte. Bei Jürgen Christoph Eggers (1749-1808) und Catharina Charlotte bzw. Trilot Thielber, alias Tielbär, alias Thielbeer (1753-1807), handelt es sich um meine um sieben Generationen zurückliegende Urgroßeltern.

Schreyahn Nr.3 vor dem Umbau 1909 (Rekonstruktion nach

Großvaters Zeichnungen)

Im Bereich unseres Geburtszimmers standen noch 31 Jahre zuvor die Milchkühe. Unter dem Dach des Hauses erblickten von 1822, mit Joachim Christoph Schorling beginnend, bis 1950 mit Ilse Nowak endend, insgesamt siebzehn Kinder das Licht der Welt, sechs Mädchen und elf Jungen. Ich war die Nummer fünfzehn. Weitere Vornamen der Kinder: Johann, Heinrich, Anna, Wilhelmine, Berta, Anneliese, Harry, Waldemar, Ursula, Hans und Herbert.

Das Geburtshaus in Schreyahn (Nr.3)

Grundriss des Hauses Nr.3 vor dem Umbau 1909

(Originalskizze von Heinrich Schorling)

Meine Urgroßmutter vor dem Haus Nr.3 nach dem Umbau 1909 mit Hausmädchen Minna Pengel

Aus den Aufzeichnungen meines Großvaters Heinrich Schorling

Johann Heinrich Schorling (*16.09.1885 in Schreyahn,

† 30.09.1974 in Schruyahn)

Text: Heinrich Schorling, Schreyahn:

Als Schwester Mine 1887 schulpflichtig wurde, musste sie noch nach Satemin gehen. Im Laufe des Jahres 1887 wurde auf einem Ganser Grundstück unsere neue Schule erbaut und mit einem Junglehrer, Herrn Sannecke, besetzt. Er stammte, wie auch seine Frau, eine geborene Bode, aus Metschow an der Elbe. Sannecke war ein tüchtiger Lehrer, sehr bemüht, uns einiges beizubringen, dabei aber leider ziemlich streitsüchtig, so dass wir Jungen, wie auch die Mädchen, manche Schläge durchzustehen hatten, wobei es Beulen und Striemen gab. Lehrer Sannecke, der ein teures Meterlineal nach dem anderen entzwei haute, erhielt auch einige Anzeigen.

Schulklasse in Lensian 1898 mit Lehrer Sannecke,

zweite Reihe von oben, zweiter von links mein

Großvater Heinrich Schorling

Für Interessierte

Chronologie des Hauses Schreyahn Nr.3, Erbfolge, Verträge

Der aus Satemin stammende Jürgen Christoph Eggers (1749-1808) heiratete 1773 Catharina Charlotte Thielbeer (alias Tielbär, 1753-1807) aus Schreyahn (der Name Tielbär tauchte erst nach 1666 in Schreyahn auf). Das Paar lebte im Haus von Catharinas Eltern, Joachim Christoph Tielbär (*1725) und Anna Maria Schulz aus Blütlingen. 1774 wurde ein Sohn geboren, mit Vornamen genannt wie sein Vater Jürgen Christoph. Vater (58 Jahre alt) und Sohn (33 Jahre alt) errichteten 1807 einen Neubau im Stile des niedersächsischen Vierständerhauses auf dem Schreyahner Hofplatz Nr.3.

Noch im gleichen Jahr verstarb Catharina Charlotte 54-jährig und im Jahr darauf ihr Mann 59-jährig. Jürgen Christoph Eggers jun. hatte 1795 im Alter von 21 Jahren, also noch vor dem Neubau des Schreyahner Hauses, Ilse Catharina Schulz aus Köhlen geehelicht, Tochter des Heinrich Joachim Schulz, dessen Vorfahren bereits um 1666 in Köhlen ansässig waren.

Die Tochter von Jürgen Christoph und Ilse Catharina, Anna Catharina Eggers (genannt Antrin), kam 1796 noch in dem alten Schreyahner Haus zur Welt. 1817 heiratete sie Joachim Christoph Schorling (1798-1867) in Satemin Hof Nr.28. Durch eine Feuersbrunst im Jahr 1850 brannte das mit Stroh gedeckte Haus nieder, wie auch der größte Teil der Nachbarschaft. 25 Hofstellen wurden durch die Brandkatastrophe vernichtet. Der Wiederaufbau vollzog sich in kurzer Zeit von nur wenigen Monaten.

Nachdem der Bruder von Anna Catharina, Hoferbe in Schreyahn Nr.3, kinderlos verstorben war, kehrte sie mit ihrem Mann auf den Schreyahner Hof zurück. Joachim Christoph verunglückte 1867 im Alter von 69 Jahren tödlich, als er beim Flachsladen vom Leiterwagen stürzte. Der Sohn und Hoferbe Johann Heinrich Schorling (1822-1880), der bis zum 28. Lebensjahr noch die Sateminer Jahre erlebt hatte, ehelichte 1847 Anna Katharina Glabbatz (1825-1890). Aus dieser Ehe gingen mein Urgroßvater Johann Christoph Schorling (1852-1933), der 1876 Dorothea Katharina Schulz (1855-1947) aus Güstritz heiratete, und sein Bruder Heinrich Schorling hervor.

Heinrich heiratete ein in den Lensianer Hof Nr.1 mit Gastwirtschaft. Dessen einziger Sohn August Schorling, Vetter meines Großvaters, heiratete Minna Mente, einzige Tochter des Vollhufners Hof Nr.5 in Lensian. August, den ich als Kind noch kennen glernt hatte, verließ als alter Mann kaum die Gaststube. Er war selten ansprechbar und meist vom Alkoholgenuß benebelt. Seine Tochter Maria, auch Einzelkind, und Schwiegersohn Otto Schulze, aus der Köhlener Mühle stammend, führten die Gastwirtschaft weiter, mussten aber später den Betrieb an eine Ülzener Brauerei verpachten.

Ehevertrag Schorling – Eggers von 1817

Actum Lüchow, den 30. October 1817.

Die Ehestiftung des Jochen Christoph Schorling [1798-1867] aus Satemin mit Anna Katharina Eggers [1796-1851] aus Schreyahn ist in Gegenwart des Bräutigams Mutter der Witwe Anna Maria Schorling [Witwe von Heinrich Joachim Schorling 1760-1813, Hofplatz Nr.28] und dessen Vormundes des Halbhufners Jürgen Christoph Eggers [*1774] und dessen Ehefrau Elisabeth [alias Ilse] Katharine, geborene Schultz [stammt aus Köhlen] aus Schreyahn im nachfolgenden festgesagt worden.

Der Bräutigam nimmt die Braut zu sich in seinen in Satemin belegenen, der Gutsherrschaft des Herrn Grafen von Grote zu Breese im Bruch unterworfenen Halbhof und macht dieselbe durch Vollziehung der Ehe aller ihr daran zustehenden Rechte theilhaftig.

Die Braut inferiert dagegen nach dem Versprechen ihres Vaters in die Ehe: a) Fünfhundert Thaler Cassen Münze wovon 300 Th. in der Verlobung bereits bezahlt sind, 100 Th. in der Hochzeit erfolgen, 100 Th. aber in 3 Jahren abgetragen werden; b) aufgemachtes Bette; c) Kleiderschrank und Cofre; d) zwei Kühe binnen 2 Jahren zu verabfolgen; e) zwei Sack Roggen und zwei Sack Hafer, ebenfalls in 2 Jahren zu geben; f) Ehrenkleid und g) dieselbe Hochzeit.

Die Mutter behält vor der Hand noch die Wirtschaftsführung und giebt den jungen Leuten bei freier Kost und alltäglicher Kleidung einem jeden 10 Th. zum Beich [?].

Wenn die Mutter die Wirthschaft übergiebt, erhält dieselbe solange sie sich mit den jungen Leuten vertragen kann a) freie Beköstigung; b) alltägliche Kleidung; c) 10 Thaler Kassen Münze und d) 10 Thaler statt der Nutzung der angekauften Wiese.

Wenn der Vertrag nicht stattfinden sollte, wird für dieselbe folgender Altentheil festgesagt:

Freier Aufenthalt bei dem Wirthe in der Stube, freie Feuerung, Licht, freien Mitgebrauch des Hausgeräths, freie Wäsche, eine zu wählende Kammer im Hause, und den besten Boden im Hause.

Sechs Hbten [= Himpten, Hohlraummaß, etwa 30 Liter] Rocken, drei Hbten Weitzen, einen Hb. Salz, eine Hb. Hafergrütze, einen halben Himpten Buchweizen Grütze, einen halben Hbten Hirsegrütze, ein Spint [Trockenhohlmaß, 2,4-7 Liter] Bratbeeren, ein Spint getrocknete Pflaumen, zwei Sack Kartoffeln, acht Thaler für ein Schwein, eine eiserne [?] Kuh frei in Futter, ein Schock [5 Dutzend] Eier und zwei Spint bereitetes Land zu Kartoffeln.

Nachrichtlich wird bemerkt, daß die an den Halbhufher Johann Heinrich Schorling in Satemin verheirathete Schwester des Bräutigams Katharine Elisabeth von der Stelle bereits völlig abgefunden ist.

Wenn der Bräutigam vor der Braut ohne Leibeserben versterben sollte, so soll letztere gehalten sein, an jede der beiden Schwestern des Bräutigams 100 Th. zu bezahlen. Wohingegen wenn die Braut vor dem Bräutigam ohne Leibeserben versterben sollte, an die Eltern der Braut 100 Th. zu bezahlen.

Im kinderlosen Todesfalle gilt unter den Verlobten die Regelung, längst Leib längst Gut [Ehegatte behält das gesamte gemeinschaftliche Vermögen].

Vorgelesen genehmigt und Amtswegen Salvo jure tertii gerichtlich bestätigt. Gesehn wie oben Königlich Großbrittanisch Hannover Amt.

Auszüge aus dem Brand-Versicherungsantrag von 1853

Versicherungsantrag des Johann Heinrich Schorling (1822-1880) zu Schreyahn im Amte Wustrow im Königreich Hannover mit der Mobiliar-Brand-Versicherungs-Societät zu Neubrandenburg, Anno 1853.

Gebäude: Wohnhaus (strohgedeckt), Pferdestall (strohgedeckt), Backhaus (strohgedeckt), Scheune (strohgedeckt), Holzschauer (mit Ziegeln gedeckt), Anbau des Hauses (mit Ziegeln gedeckt).

Versichert wurden im Dachraum des Wohnhauses Gebinde mit ungedroschenem Getreide, Gebinde mit Heu, Eß- und Futterkartoffeln, im Pferdestall Gebinde mit Heu, im Backhaus ein Kornboden mit Sämereien, in der Scheune Korn sowie Gebinde mit Heu und ungedroschenem Getreide.

Geräte und Mobiliar im Wohnhaus: eingemauerter kupferner Kessel, weitere Kessel aus Kupfer und Messing, messingener Gropen [mit drei Füßen versehener kleiner Kessel], eiserne Bratpfannen, eiserner Kaffebrenner, eiserne Kuchenplatten, Pletteisen, messingener Kaffeetopf, Kaffeemühle, blecherne Brause, Klapptisch, langer Tisch, polierter eschener Tisch, Bänke, polierte Polsterstühle, Lehnstuhl, Brettschemel, Spinnstühle, Uhrgehäuse, Büreau, Eßschrank, eschene, eichene und tannene Koffer [Truhen], Bettstellen, Wiege, Webestuhl, Scheergeschirr, Webekämme, Garnrollen, Leinen, Flachs, Oberbettüberzüge, Mehl- und Kornsäcke, Pfühle, Kissen, Betten für Magd und Knecht.

Garderobe und Wäschestücke: schwarz tuchene Jacken, schwarz tuchener Kirchrock des Sohnes, brauner feiner Hausrock, schwarz tuchene Hose, Dreikammhose, Sommerhose, blau leinene Hosen, blau tuchene Unterjacke, schwarze Atlasweste, schwarze und braune Tuchweste, Seelöwenmütze; halbrauhe Mütze, seidener Hut, ein Paar neue Stiefel, feine ausgestickte Mannshemden, dutzend Mannshemden, schwarze Dreikammhose des Vaters, Wintermütze, Tuchmütze.

Frauenkleidung: blau tuchener Frauenmantel, blau tuchene Frauenröcke, brauner Unterrock, wattierter Unterrock, rother, grüner und schwarzer Beiderwandrock, schwarz tuchene kurz- und langärmelige Lastig-Wämse, Leibwäsche, weißes Abendmahlstuch mit Spitzen und dergl. Schürze, weißes schlichtes Tuch und eine gestickte Schürze, feine Frauenhemden, flächsene Frauenhemden.

Victualien: Grütze, Graupen, Mehl, Brot, Vicebohnen, Bratbirnen, Trockenpflaumen, Oel, Salz, Getränke, Butter, Eier, Kolonialwaren nebst Speck, Schinken, Fleisch, Würste, Schmalz, Talg.

Pferdestall: Sättel, neue Siehlen, Zäume mit gelben Schnallen, Halskoppelriemen, lederne Kreuzslieme.

Geräthe: Ackerwagen mit eiserner Achse, grüne Ernteleitern, Sensen, Backmollen, ein Himpten, Drahtsiebe, Mehlsiebe, Schwingblöcke, Handsägen, Flachsbrakmaschine, Flachsreepe.

Hofplatz Nr.3 in Schreyahn 1853

Die ältesten, im Jahr 2017 noch vorhandenen Häuser mit Bezug zur

Familie Schorling (Köhlen: 221 Jahre, Satemin: 167 Jahre)

1940

Hamburg-Neuhofer Pfarrgemeinde

Südöstlich vom alstemahen Stadtkern Hamburgs teilt sich die Elbe in zwei Hauptarme, die Norder- und die Süder-Elbe. Im Nordwesten vereinigen sich beide Flussläufe wieder zu einem mächtigen Strom. Die spindelförmige Landmasse zwischen nördlichem und südlichem Elbarm setzte sich aus den Stadtteilen Wilhelmsburg, Neuhof, Hohe Schaar, Altenwerder und Finkenwerder zusammen, die jeweils für sich in gesamter Ausdehnung inselartig vom fließenden Wasser umgeben waren. Auf der zentralen, von Reiherstieg, Rethe und Köhlbrand umflossenen Insel Neuhof, befand sich der evangelisch-lutherische Pfarrbezirk meines Vaters. Die süderelbischen Pfarrstellen gehörten zur Landeskirche Hannover.

Am 21 Juni 1939 hatte Willi Schulz, Gastwirtssohn aus Wustrow im hannoverschen Wendland, im Kloster Medingen bei Bevensen die Ordination zum Pastor empfangen. Unmittelbar nach seiner Verheiratung am 21. Juni 1939 mit Anneliese Schorling, Bauerntochter aus dem ebenfalls im Wendland gelegenen Rundlingsdorf Schreyahn, betraute man ihn mit der Pfarrstelle Hamburg-Neuhof. Die Gemeinde, deren Bereich sich direkt an das südliche Freihafengelände mit der Howaldtwerft anschloss, bestand zum größten Teil aus Werftarbeiterfamilien, Schiffsbauern, Handwerkern, Kaufleuten sowie einigen Schiffswerfteignern.

1940 Mutter mit Schwägerin Erika Knickmann, der Ehefrau von Waldemar

Das Pfarrhaus in Hamburg-Neuhof

Das Neuhofer Pfarrhaus befand sich gegenüber der am Reiherstieg gelegenen Oelkers-Werft. Kirchenräume und Pfarrwohnung lagen unter einem Dach, die Wohnung im Hochparterre und der Gemeindesaal mit hohen schmalen Fenstern im ersten Stockwerk. Das Souterrain bewohnte die Familie des Kirchendieners Rathke.

Vater traut ein Ehepaar in Altenwerder

Haase-Kirche in Altenwerder

Damals zweiunddreißig Jahre alt, verrichtete Vater seine ersten Amtshandlungen vertretungsweise in der benachbarten Kirchengemeinde Altenwerder. In den 1970er Jahren fielen Insel und Ort Altenwerder Hafenerweiterungsplänen der Stadt Hamburg zum Opfer. Einzig die vom hannöverschen Kirchenbaumeister Haase zum Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Kirche, in der Vater predigte, traute und taufte, blieb als einsames Sakralbauwerk unter Denkmalschutz gestellt erhalten. Auch der bewohnte Stadtteil Neuhofs, in dem während des Krieges über vierhundert Wohnungen durch Bomben total zerstört und dreihundert Gebäude, einschließlich des Neuhofer Pfarrhauses, schwer beschädigt wurden, musste bis auf wenige intakte Häuser dem Hafenausbau und der Köhlbrand-Brücke weichen. Damit war leider das Ende des Stadtteils Neuhof besiegelt.

1941 Die Zwillinge Ulla und Hans in Schreyahn mit Urgroßmutter, Mutter Anneliese und Vater Willi

Als meine Zwillingsschwester Ursula und ich geboren wurden, verbrachte Vater seinen Sommerurlaub mit der Familie in Schreyahn. Am 4. Oktober 1940 gingen wir dann wieder zurück nach Hamburg-Neuhof. Fünf Monate später, im Februar 1941, hielten wir uns erneut in Schreyahn auf, da Mutter bis in den Juni hinein die Pflege ihrer an Krebs erkrankten Mutter Alwine übernehmen wollte. Unsere Rückreise verzögerte sich wegen eines Bombenangriffs auf Neuhof. Leichte Schäden am Pfarrhaus mussten repariert werden. Am 26. August 1941 verstarb Großmutter Alwine im Alter von nur achtundvierzig Jahren an ihrem unheilbaren Tumorleiden.

Die Zwillinge Ulla und Hans 1941 in Hamburg-Neuhof

1941

Großmutter Alwine

Geburtsort meiner Großmutter Alwine Wilhelmine Anna Schorling, geborene Wahnschaft, war das wendländische Rundlingsdorf Satemin, wo sie als Tochter des Land- und Gastwirtes Johann Heinrich Wahnschaft und dessen Ehefrau Catharina Elisabeth Anna Wahnschaft, geb. Graue, am 25. Oktober 1892 das Licht der Welt erblickte.

Die erste urkundliche Erwähnung des Marktortes Satemin mit seiner Feldsteinkirche bezieht sich auf das Jahr 1313. Im Kirchturm ist die heute noch völlig intakte Marienglocke von 1478 mit einem in Bronze gegossenen Spruch versehen:

maria het ik, den levendigen rop ik, den doden bowene ik

Meine Großeltern Alwine und Heinrich Schorling

Versunken in Gedanken an Großmutter Alwine, kam mir die Idee, die Physiognomien meiner weiblichen Vorfahren, von denen Fotos existieren, einmal im Bild gegenüber zu stellen, um den vagen Versuch zu unternehmen, vom Gesichtsausdruck Schlüsse auf mögliche besondere Charaktereigenschaften zu ziehen. Persönliche Kenntnis hatte ich von meiner Urgroßmutter Dorothea Katharina Elisabeth Schorling, geborene Schulz (1855-1947 [†92.Lebensjahr]), meiner Großmutter Hedwig Emma Therese Schulz, geborene Kohde (1882-1959 [†77.Lebensjahr]) und natürlich von Mutter Anneliese (1911-1988 [†77.Lebensjahr]). Ur-urgroßmutter Anna Elisabeth Schulze, geborene Tribiahn (1819-1891 [†72.Lebensjahr]) und meine Urgroßmutter Anna Dorothea Elisabeth Schulz, geborene Schulze (1841-1918 [†77.Lebensjahr]) waren lange Zeit vor meiner Geburt gestorben. Als Alwine, meine Großmutter mütterlicherseits (1892-1941) im Alter von nur 48 Jahren, zwei Monate vor ihrem 49. Geburtstag (25. Oktober), von uns ging, lag mein erster Geburtstag gerade mal 11 Tage zurück.

Nun zu den Gesichtern. Dorothea Katharina Elisabeth, auf den Fotos oft in wendländischer Tracht zu sehen, das sittsam streng nach hinten gekämmte Haar bedeckt von einer „Timpmütze". Ein „offenes" Gesicht, der stolze selbstbewußte Blick, die glatte Stirn und die sinnlichen Lippen einer damals erst 17 Jahre jungen Frau, schon als Mädchen voll im Einsatz auf der elterlichen Scholle. Ihr Vater Johann Christoph Schulz (1814-1856) wurde nur 42 Jahre alt. Er verstarb fünf Jahre nach der Feuersbrunst, die das Haus vernichtet hatte und vier Monate nach der Geburt seiner Tochter. Der um 16 Jahre ältere Bruder Georg musste gemeinsam mit seiner resoluten Mutter (Katharina Elisabeth Schulz, geborene Wilke 1818-1879) und seiner Schwester, meiner Urgroßmutter, den bäuerlichen Betrieb, Bauernhof Nr.5 in Güstritz, in Gang halten. Landereien waren zu beackern, das Vieh musste versorgt werden, hinzu kam die aufwendige Flachsverarbeitung zur Leinenherstellung. Eine Schwester meiner Urgroßmutter war in jungen Jahren an Lungentuberkulose gestorben.

Meine weiblichen Vorfahren

Etwas schüchtern dreinblickend, die im elterlichen Haus wohlbehütete und als Einzelkind zur Rechtschaffenheit erzogene Anna Dorothea Elisabeth (genannt Doris), meine Urgroßmutter väterlichseits. Der milde Gesichtsausdruck einer 22-jährigen Frau, von der man meinen möchte, sie entstamme dem gehobenen Bürgertum. Wofür auch ihre zeitgemäß modische Kleidung spricht. Niemals hätte sie für Fotos die wendlandtypische Bauerntracht angelegt und eher einen schmückenden Kranz oder mit Kunstblumen und bunten Bändern besetzten breitkrempigen Damenhut statt der Timpmütze auf ihrem glatten brünetten Haupthaar getragen. Der Vater Jürgen Heinrich Schulze (1815-1891), wohlsituierter Bauer, Haus- und Gastwirt in Küsten Nr.2, wurde in Süthen (Hof Nr.9) geboren, die vornehm wirkende Mutter Anna Elisabeth (1819-1891) entstammte einem großen bäuerlichen Anwesen in Rehbeck. Auch sie trug keine Tracht. Ein modisch drapierter, vermutlich samtener Haarkranz zierte ihr Haupt. Das Gesicht strahlt Selbstsicherheit aus, mit dem Bewußtsein, ihre Familie fest im Griff zu haben.

Anders bei meiner Großmutter väterlicherseits, Emma Therese Hedwig Schulz (1882-1959) aus Groß-Apenburg in der Altmark. Sie war ein eher unterwürfiger Typ und verrichtete unermüdlich all die Arbeiten, die in dem Wustrower Hotel- und Gaststättenbetrieb anfielen. Während ihr Mann Otto Schulz (1874-1928) sich hin und wieder Auszeiten gönnte, indem er den belgischen Kurort Spa besuchte, erstickte sie förmlich in der Routine: Mittagstisch für Weberei- und Kalischachtarbeiter, Stammtische, Versammlungen, geschlossene Gesellschaften und anderes mehr. Bezeichnend für ihr Engagement ist folgende Begebenheit: Als mein Großvater am 6. Juli 1928 im Alter von nur 54 Jahren verstarb, brach Hedwig die Vorbereitungen zum unmittelbar bevorstehenden Wustrower Erntefest nicht ab. Sie ließ ein großes Festzelt errichten und betrieb es mit Essensausgabe und großem Ausschank. Geschäft und Erntefest liefen weiter, während zwischenzeitlich die Beerdigung stattfand. Ein harter Einsatz, doch Großmutter meinte, es ginge nicht anders (zitiert nach Werner Meiner).

Die Charaktereigenschaften von Großmutter Alwine und Mutter Anneliese werden zur Genüge im laufenden Text beschrieben. Aus den Fotos ihrer Gesichter lässt sich zweifelsfrei erkennen, dass beide ausgesprochene Frohnaturen waren, ausgestattet mit einem hohen Grad an Intelligenz und Selbstsicherheit.

Satemin 1905 :Alwine Wilhelmine AnnaWahnschaft, 1892 - 1941

Warum ich mich mit der Person meiner Großmutter mütterlicherseits bis zum heutigen Tag verbunden fühle, ist mir nie so richtig klar geworden. Als sie im August 1941 in Schreyahn mit nur 48 Jahren an einem bösartigen Tumorleiden verstarb, hatte ich gerade einmal das erste Lebensjahr um knapp zwei Wochen überschritten. Ist meine uneingeschränkte Sympathie für diese Frau etwa auf ihre unbestrittene Schönheit als Kind, Jugendliche oder Mutter von drei Kindern zurückzuführen, wie aus den Fotos von 1905, 1908, 1910, 1914, 1920, 1922 und auch noch später ersichtlich?

Meine Großmutter Alwine Schorling, geborene Wahnschaft

Familie Schorling, Schreyahn 1917-1923

Oder liegt es vielleicht daran, dass sie in der Verwandtschaft und Nachbarschaft sowohl zu Lebzeiten, als auch posthum, hoch geschätzt war als selbstbewusste, couragierte, seelisch wie körperlich stabile, emanzipierte Frau, ihrem Ehemann geistig ebenbürtig und in Treue zugetan, als Hausfrau und Bäuerin fleißig bis an die Grenzen der Belastbarkeit, pflichtbewusst, aufrichtig und aufopfernd für ihre Kinder? Auch könnte es sein, dass ich eingedenk ihrer, durch Zeitgenossen bestätigten fürsorglichen Eigenschaften, im Unterbewusstsein annahm, ein mütterliches Idealbild in ihr zu sehen.

Zu meiner Mutter gab es bei mir eine gewisse innere Distanziertheit, vermutlich verursacht durch ihre kompromisslose Strenge in der Erziehung und manch kräftigen Schlag auf das Hinterteil mittels Teppichklopfer aus Rohrgeflecht. Auch sie hatte einst unter der harten Erziehung ihres Vaters gelitten, der allerdings uns Zwillingen gegenüber grenzenlose Duldsamkeit an den Tag legte. Trotz vieler heftiger verbaler Zurechtweisungen und körperlicher Züchtigungen, schätzte und verehrte ich Mutter sehr. Für ein inniges Verhältnis zu ihr fehlte meiner sensiblen Seele vielleicht ein gewisses Quäntchen mehr an Zuneigung ihrerseits, das sie mir, wie ich zu spüren meinte, vorenthielt. Könnte aber auch sein, dass ich mich in ihr getäuscht habe, zumal sie rational dachte, nicht sentimental war und „Affenliebe" ablehnte.

In diesem Zusammenhang möchte ich einen meiner Träume nicht unerwähnt lassen, der tiefes Empfinden gegenüber den zwei wichtigsten Menschen in meinem Leben ausdrückt. Möge der Leser dieser Zeilen mir mein Abdriften in vermeintliche Sentimentalität verzeihen.

Ich durchstreifte einen sonnendurchfluteten Garten, vorbei an ausgedehnten Blumenbeeten und saftig grünen Rasenflächen, Hand in Hand mit der vor Freude strahlenden Großmutter Alwine zur rechten und meiner lieben Frau Annette zur linken. Beide blickten mich lächelnd an. Gemeinsam näherten wir uns dem Zebeliner Pfarrhaus. Auf der Gartentreppe saßen meine Eltern, uns ihre Gesichter mit fröhlicher Miene zuwendend. Sie baten uns an den Tisch auf der von blauen Glyzinienranken umgebenen, zum Garten offenen Veranda. Hier lehnte meine Schwester Ursula lachend an einem Klappstuhl. Der Kaffeetisch war wunderschön eingedeckt, wie ich es von Mutter kannte. Kaffeegeschirr aus der Rosenthal-Serie „Maria Weiß". Auf Porzellanplatten stapelten sich leckere Butterkuchen- und Bienenstichstückchen. Daneben standen, wie nicht anders zu erwarten, Mutters Spezialitäten in puncto Backkunst, eine Mignontorte (Zitronen-Buttercreme zwischen zarten Mürbeteigböden) und mit Zuckerguss überzogener, baumkuchenartiger Bandkuchen, bei dem zeitaufwendig Schicht um Schicht in der Backröhre aufgebacken werden musste. Das übliche Ende eines jeden Traumes: In dem Moment, als ich in den Kuchen hinein beißen wollte, erwachte ich jäh aus meinem Schlaf. Mögen Psychologen oder Surrealisten dieses Traumbild deuten, ich jedenfalls fühle mich dazu nicht imstande.

Von den Todesnachrichten ihres Sohnes Waldemar, der am 13. Juli 1944 als Soldat in der Nähe von Wilna fiel und ihres Sohnes Hans, der am 22. Oktober 1945 in einem südfranzösischen Gefangenenlager verhungerte, blieb Großmutter Alwine verschont. Vielleicht erlebte ich sie deshalb im Traum so unbeschwert.

Den Leidensweg seiner Frau Alwine beschrieb mein Großvater in der Familienbibel unter der Rubrik „Sterbefälle" wie folgt:

Am 26. August 1941 verstarb meine Frau nach längerer schwerer Erkrankung. Sie litt an starken Krampfadern des rechten Beines und bekam im Herbst 1940 eine Venenentzündung, die wir, wie auch Dr. Meyer in Wustrow und anschließend Dr. Sudhoff im Krankenhaus Salzwedel als Ursache ihres Leidens ansahen. Als sie aber immer stärker an Gewicht abnahm, von 290 Pfund auf 170 Pfund und immer stärkere Schmerzen im Rücken bekam, worauf ihr jedes Sitzen fast unmöglich wurde, fuhren wir im Mai nach Göttingen zu Professor Schön, der mir dann, als ich Alwine nach annähernd drei Wochen wieder abholte, eröffnete, dass es nach menschlichem Ermessen keine Hoffnung mehr gäbe, denn Tumorabsiedlungen befänden sich bereits in den Knochen des ganzen Körpers, besonders aber im Becken. Es hatte daher das linke Auge seine Sehkraft eingebüßt, während das rechte Auge kurz danach völlig erblindete. Den eigentlichen Ausgangspunkt des Knochenkrebses hatte man in Göttingen auch nicht auffinden können. Ich war aber fest der Überzeugung, dass eine Verletzung des Steißbeines bei einem Fall (Rutsch) von der Bodentreppe vor sechs bis sieben Jahren die Ursache gewesen sein musste, weil die Schmerzen an dieser Stelle seitdem nie wieder ganz aufhörten und sich besonders beim Sitzen bemerkbar machten. So starb sie dann, nachdem sie vor kurzem aus der Hand unseres Schwiegersohnes das heilige Abendmahl empfangen hatte, nach völliger Entkräftung. Sie wurde auf dem Friedhof in Satemin am 29. August von Herrn Pastor Freese aus Bülitz, der nach Pastor Thimmes Einberufung zur Wehrmacht die Vertretung übernommen hatte, beerdigt. Bibeltextvorgabe der Traueransprache: 1. Kor. 13,8 „Die Liebe höret nimmer auf“.

Aufgrund der Knochenmetastasenaussaat, vor allem im Bereich des kleinen Beckens, kann retrospektiv vermutet werden, dass der Tumor aller Wahrscheinlichkeit nach seinen Ausgang vom Uterus oder den Ovarien genommen haben könnte.

Die Schönen und der Tod

Es liegt nicht in meiner Absicht, in diesem Buch menschliche Schönheitsideale zu präsentieren. Allgemein gültige Regeln, was Schönheit ausmacht, gibt es nicht, fallen doch individuelle Urteile darüber recht unterschiedlich aus. Ein Gesicht kann wie der Körper als gut aussehend empfunden werden. Doch gibt es auch Physiognomien, von denen man behauptet, sie seien vor Häßlichkeit schön. Manchmal wird Symmetrie als besonders ansprechend und ästhetisch begriffen, in wieder anderen Fällen begeistern Asymmetrien. Das Gesicht von Nofrete beispielsweise ist zwar ideal symmetrisch geformt, ich finde es aber nicht hinreißend schön. Ungeachtet dessen, der Tod belauert auch die Schönen.

Fasziniert hat mich allerdings die Schönheit einiger meiner Vorfahren, besonders Personen mit Verbindungen zum Schorlingschen Haus Nr.3 in Schreyahn. Großvater Heinrich Schorling berichtet:

Mein Großvater Johann Heinrich Schorling (1822-1880) aus Schreyahn verließ diese Welt schon vor meiner Geburt im Alter von nahezu 58 Jahren. Er litt an „offenen Beinen". Dessen Sohn, mein Vater Johann Christoph Schorling (1852-1933), noch jung an Jahren, musste sich daher mit dem ganzen Betrieb befassen, hatte aber an seiner Mutter Anna Katharina, geborene Glabbatz (1825-1890), die eine streitbare Dame war, eine gute Stütze. Er heiratete am 18.April 1876 Katharina Elisabeth Schulz (1855-1947), meine Mutter, aus Güstritz Nr.5.

Anno 1850-51 ereigneten sich in Güstritz mehrere Brandkatastrophen. Die Eltern meiner Mutter Johann Christoph Schulz (1814-1856) und Katharina Elisabeth Wilke (1818-1879) ließen nach der Feuersbrunst ein neues Vierständerhaus errichten. (1451: erste urkundliche Erwähnung des Hofes Schulz in Güstritz; 1637: erste Erwähnung des Hofes Wilke in Güstritz). Meine Mutter brachte am 25.Juni 1877 ihr erstes Kind zur Welt, genannt Anna. Das Mädchen lebte nur knapp vier Jahre. Drei Tage vor Annas Tod am 17.April 1881 wurde meine zweite Schwester Wilhelmine Schorling (genannt Mine) geboren.

Wilhelmine Schorling (14.04.1881-29.05.1914), ältere Schwester meines Großvaters Heinrich Schorling

Schwester Mine hatte sich 19-jährig im Jahr 1900 verheiratet. Ihr Mann Heinrich Schulz stammte aus Güstritz Hof Nr.16. Er hatte in den Pöllschen Hof Teplingen Nr.8 eingeheiratet (ca. 110 Morgen großer Betrieb) und übernahm die Bewirtschaftung, da der Bruder seiner Frau als starker Alkoholiker vom Vater enterbt worden war. Die erste Frau von Heinrich Schulz erlag 1898, nur ein Jahr nach der Eheschließung, ihrer Tuberkuloseerkrankung. Als man um 1900 zunächst den Schwiegervater von Heinrich und kurz danach den enterbten Schwager Heinrich Pölle zu Grabe trug, war die Schwiegermutter bereits verschieden.

Aber auch Mines erster Mann Heinrich Schulz wurde im Frühjahr 1902 Opfer der Lungentuberkulose. Mine kam danach mit ihrer Tochter Elisabeth (*1901) wieder zu uns nach Sehreyahn zurück.

Wilhelmine Schulz (alias Seide), geborene Schorling

Im Jahr 1904 verheiratete sich Mine in zweiter Ehe mit Heinrich Seide, dem ältesten Sohn des Halbhufners Seide in Ganse Nr.15. Beide zogen dann wieder nach Teplingen auf den Pölleschen Hof. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor: Heinrich, Hilde, Georg und Anni.

Mein Patenkind Heinrich Seide, Sohn meiner Schwester Mine, verstarb am 23. Januar 1914 mit nur sechs Jahren nach kurzer schwerer Krankheit (Magenleiden, Mumps, Gelenkrheuma), während Mine mit hochgradiger Tuberkulose auch schon fast bettlägerig war. Ihr Leben endete am 28. Mai 1914 im Alter von nur 33 Jahren. Sie wurde am 1. Juni auf dem Friedhof in Rebenstorf beerdigt.

Als sich die 24-jährige Elisabeth, erste Tochter von Mine, 1925 mit dem Haussohn Georg Schulz in Teplingen verheiratete, übernahmen diese die Bewirtschaftung des Pöllschen Hofes Nr.8. Heinrich Seide, der Witwer von Mine, ging mit seinen Kindern Hilde, Georg, Anni und der verwitweten Mutter zurück auf den Hof Nr.15 nach Ganse.

Meine jüngste Schwester Berta Schorling wurde am 15. Mai 1889 geboren. Als unsere Großmutter Anna Katharina Glabbatz am 2. Juni 1890 das Zeitliche segnete, war Berta gerade ein Jahr alt. Großmutter, geboren in Ganse (1825), wuchs im Hause Büsch, Schreyahn Nr.6, auf. Nach dem frühen Tod ihres Vaters Jürgen Heinrich Glabbatz (*1800 Schreyahn, †1827 Ganse), der mit 26 Jahren an Lungentuberkulose starb, heiratete die Mutter Katharina Maria Glabbatz, geborene Grebien (*1805 Ganse, † 1850 Schreyahn) den Landwirt Joachim Christoph Büsch in Schreyahn Nr.6.

Berta ehelichte am 7. Oktober 1910 Heinrich Dannehr, damals Lehrer in Fallersleben. Er entstammte einem Bauernhof in Klein-Breese (Kreis Lüchow-Dannenberg). Bertas Sohn, mein Patenkind Heinz Dannehr, erblickte am 12. August 1911 in Fallersleben das Licht der Welt. Er blieb Einzelkind..

Am 1. August 1915 wurde mein Schwager Heinrich Dannehr im I. Weltkrieg auf dem russischen Kriegsschauplatz bei Iwangorod schwer verwundet. Er war vor kurzem zum Offizier und etwa 5 Tage vorher zum Kompanieführer ernannt worden. Die Wunde (Bauch-Beckendurchschuß) heilte gut und schnell, machte aber eine lange Nachbehandlung erforderlich.

Am 8. Februar 1949 raffte eine Darmkrebserkrankung meine Schwester Berta im Alter von 59 Jahren dahin, erfolglos behandelt im Eppendorfer Krankenhaus (Hamburg). Sie wurde in Damnatz von Pastor Schulze beerdigt (11. Februar 1949). Predigt-Text: „Haltet mich nicht auf, denn der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben." Am 31. August 1963 starb plötzlich ihr Mann Heinrich, der sie um fast 14 Jahre überlebte.

Berta Schorling (1889-1949)

Schwester meines Großvaters Heinrich Schorling

Eine weitere Aufzeichnung meines Großvaters halte ich noch für erwähnenswert. Er schreibt:

Am Freitag, den 10. Mai 1935 abends um 23 Uhr, starb in Jabel Adolf Schorling, mein Vetter zweiten Grades im Alter von 48 Jahren. Es hatte sich schon seit längerem bei ihm ein Lungenleiden (vermutlich Tuberkulose) bemerkbar gemacht, dass nun nach wochenlangem Krankheitslager zu seinem Tode führte. Sein Vater Joachim Christoph Schorling war schon 1891 an Lungentuberkulose verstorben.

Berta Dannehr, geborene Schorling mit Familie

Joachim Christoph Schorling, Bruder meines Großvaters Johann Heinrich Schorling (1822-1880) heiratete nach Jabel Nr.6, er übernahm später den Hof seines Vaters (ebenso wie er Johann Heinrich genannt) in Satemin Nr.28, halb als Mitgift und halb gekauft. Er hatte zwei Söhne. Adolf bewirtschaftete den Hof in Jabel, während dessen Bruder in Satemin in den Hof Nr.20 einheiratete.

Die Ehe des Sateminer blieb kinderlos und die Familie starb aus. Den Hof erbte eine Familie Heitmann aus Jabel. Der Jabeler Adolf Schorling hatte einen Sohn, dessen Ehe auch kinderlos geblieben war. Seine Witwe starb 1970 bei Verwandten in Püggen.

Wie bereits erwähnt, starb der Vater meiner Urgroßmutter Dorothea Katharina Elisabeth Schorling, geborene Schulz (1855-1947), Johann Christoph Schulz, am 21. Februar 1856 im Alter von 42 Jahren. Meine Urgroßmutter war damals knapp 6 Monate jung.

Ehepaar Schulz aus Güstritz Nr.5

Der um 16 Jahre ältere Bruder (*1839) von Urgroßmutter, Georg Schulz