Selbsterlebnisse - Otto Frisch - E-Book

Selbsterlebnisse E-Book

Otto Frisch

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Beschreibung

"... will ich noch in meinen gealterten, müden Jahren rückwärts schauen und die Erinnerungen an meine Kinderzeit, die späteren Knabenjahre und an meine weiteren, langen Lebensjahre mit ihren Selbsterlebnissen und denen meines im hohen Alter verstorbenen Vaters niederschreiben, soweit mich meine Gedächtnisstärke noch dazu befähigt." Wenige Jahre vor seinem Tod verfasste der ehemalige Postbedienstete Otto Frisch ausführliche Memoiren. Er erzählt von den Großeltern und Eltern, von den kleinen und großen Dramen in Familie und Nachbarschaft sowie den wenigen Begegnungen mit der Weltgeschichte. Anschaulich beschreiben die Texte die Schicksale dreier Generationen, der Bauern, Handwerker, Wirtsleute, Angestellten und Beamten. Sie vermitteln einen lebendigen Eindruck von der Welt der kleinen Leute in Posen und Schlesien um die Jahrhundertwende.

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Seitenzahl: 354

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Otto Karl Paul Frisch, geboren am 30. 10. 1873 in Kolonie Popowo (Provinz Posen), war Postinspektor und lebte mit seiner Frau Emma und drei Kindern in Loslau und Breslau (Schlesien). Ab etwa 1948 wohnten die Eheleute bei ihrem Sohn Wilhelm in Derwitz über Werder/Havel (Mark Brandenburg). Für Enkel Peter verfasste Otto um 1952 seine Lebenserinnerungen.

Vorbermerkung zur Abschrift

Vor vielen Jahren überließ mir mein Vater eine abgegriffene alte Mappe mit den Erinnerungen meines Großvaters. Nach wenigen Seiten Lektüre habe ich sie damals beiseitegelegt – ein solch „veralteter“ Text interessierte mich einfach nicht …

Mittlerweile selbst im „vorgerückten“ Alter, befasste ich mich doch wieder damit – und war überrascht, auf welch besondere Weise mich die Erinnerungen meines Großvaters auf einmal ansprachen und in seine Zeit „entführten“. Je länger ich darin las, desto mehr nahmen sie mich gefangen, sicher auch, weil ich aus der Familie stamme, die darin beschrieben wird.

Ich entschloss mich, die mit der Schreibmaschine getippten und handschriftlich ergänzten und korrigierten Erinnerungen abzuschreiben. So bleiben sie meiner Familie erhalten.

Im Folgenden einige allgemeine Hinweise:

1. Otto Frisch hat seine Erinnerungen und „Selbsterlebnisse“ offenbar Anfang der 1950er Jahre niedergeschrieben. Darauf deuten die Passage „nach so langer Zeit von 68 Jahren“ (S. →) sowie der handschriftliche Eintrag „Otto Frisch Ostern 1952“ (S. →) hin.

2. Bei der Abschrift war ich bemüht, den Text so genau wie möglich wiederzugeben. Meine Eingriffe beschränkten sich auf das Einfügen von Überschriften (bis auf wenige Ausnahmen stammen alle von mir) und die Korrektur von Fehlern, die unzweifelhaft einem punktuellen Versehen geschuldet waren (Tippfehler).

3. Der Text entspricht folglich nicht immer den Regeln der Rechtschreibung. Die Interpunktion unterbricht an ungewohnten Stellen Satz und Lesefluss – und regt manchmal dazu an, über das Gemeinte noch eingehender nachzudenken.

4. Als Stilmittel diente meinem Großvater der Einsatz von einem oder mehreren (kurzen) Bindestrichen (-), häufig zeigen sie eine besondere Bedeutung an (Hervorhebung, „Augenzwinkern“ des Verfassers). Ich habe die Bindestriche im Fließtext originalgetreu übernommen und Sie auch dort, wo sie einzeln standen, nicht in (lange) Gedankenstriche (–) umgewandelt.

5. Kursiv gesetzte Passagen kennzeichnen Korrekturen und Ergänzungen, die mein Großvater nachträglich mit Tinte oder Bleistift vorgenommen hat.

6. Die wenigen Unterstreichungen sind aus dem Original übernommen.

7. Ein Fragezeichen in Klammern: (?) bedeutet einen unklaren Befund in der Textstelle.

8. Bei zwei Textpassagen habe ich selbst entscheiden müssen, wie ich sie in den Haupttext integriere. Diese Stellen habe ich als Einschub gekennzeichnet und in einem Fall auch entsprechend kommentiert.

Wilhelm-Eberhard Frisch, im Frühjahr 2021

Inhalt

Herkunft

Noch in meinen gealterten, müden Jahren rückwärts schauen und die Erinnerungen … niederschreiben

… dass meine Vorfahren in Österreich ihre Heimat hatten

Popowo-Kolonie. Der Erbauer und Gründer des Frischgehöftes, mein Urgrossvater

August

Wer meinen Vater kannte

Holzarbeiten mit dem Schidag

Schulzeit

Konfirmation – Schulentlassung

Lehrstelle

Wanderschaft

Die schon längst so stark begehrten Musikinstrumente

Vor dem Traualtar

Ausbildung für seinen neuen Beruf als Mühlenbauer

Glembotschek

Otto

Erinnerung an meine Kinderjahre

Das vom Klapperstorch uns gebrachte … Schulanfang

Züchtigung

Wir beide

Mein einziger Bruder in Gottes Kinderparadies gerufen

Schulfeier bei der Wiederkehr des 400. Geburtstages von Dr. Martin Luther

An einem Pfingstfeste eine besondere Freude

Mühlenbau

Wie wird aber jetzt der August …?

Erbschaft

Ein recht zufriedenes Geschäft

Popower Erlebnisse

Gottes Schutz vor dem Ertrinken

Das Jessehaus – Mitgift

Rohloff

Die Gebrüder Werda

Bräuche, Feste, Späße

Osterstiepen

Ein Schützenfest

Tanzen, Spässe und Scherze

Bei schwerem Gewitter

Jene gefürchtete Brücke

Nachbars Kater, Nachbars Terror

Reparaturen

Fastnachtszeit

Eisenbahnfahrt nach Schneidemühl

Mutters liebe Schwester, dem Trunke ergeben

Lehre und Ausbildung

Neigung zum Müller- und Mühlenbauberuf

In meine Lehrzeit eingelebt

Schusterjungenstreich

Fieber

Ein neuer Lebensberuf – Eintritt als Postgehülfe

F. Tidmann’sche Vorbereitungsanstalt in Kiel

Spaziergänge

Ausflüge – Berlin

Schützenfest – Trauerbotschaft

Kaiser Wilhelm II in Kiel – das erste und grösste Erlebnis

Weihnachtszeit

Eissport

Die Kaiserin, eine junge, blühende stattliche Erscheinung

Postgehilfenprüfung

Von der Geldtasche meiner Eltern befreit

In meiner gut sitzenden Uniform

Emma

Weitere Folge

Fräulein Streckenbach

Doch der Mensch sieht sich

Einen unangenehmer, recht aufregender Vorfall

Einberufung zur Ablegung der Assistenten-Prüfung

Bei reichgedeckter Tafel und brennendem Weihnachtsbaum unsere Verlobungsfeier

In dieser grossen Gefahr

Der Kaiserliche Sonderzug

Vater betrachtete mich in meiner Uniform mit Degen mit stolzem Gefühle

Grubenbetrieb unter Tage

Zu einem Abendessen eingeladen

Lesen eines Zettels

Rybnik

Dienstunfähig

„Du, du liegst mir im Herzen“

So viele Frösche

An das Postamt Kattowitz versetzt

Hatte der Herr Postdirektor doch auch eine gute Seite

Beauftragt, in dem etwa 3 km von Kattowitz entfernten Industrieorte Domb eine Postagentur einzurichten

Sonntagsfrühschoppen

Borsigwerk

Die List des Dorffriseurs

In meinem neuen Amtsorte Oppeln

Die schönste Zeit meines Lebens als unverheirateter, junger Postbeamter

Leobschütz

Wohnungssuche – dass sie auch meiner Emma gut gefallen würde

Dort kaufte die Mutter die vom Brautpaare ausgesuchten, gewünschten Möbel

Hochzeitsfeier in Jauer

Residenz Loslau

Kinder

Hochbeglückt als nunmehriger Vater eines strammen Sohnes

Die ganze Familie Frisch … Erholungsurlaub

Markttage

Ein treuer Zusammenhalt zum stillen Neid der andern Bürgerschaft

Die kleine Edelgard

Grosse Aufregung

Paradiesäpfel

Die Puppen lebende Wesen

Besuche

Hänsel und Gretel

Glembotschek – jetzt eine bekannte und beliebte Sommerfrische

Zum Gemeinde-Kirchen-Vertreter gewählt

Unser Wilhelm geboren

Beilage zu meinen Lebenserinnerungen

Bildnachweis

Noch in meinen gealterten, müden Jahren rückwärts schauen und die Erinnerungen … niederschreiben

In Erfüllung der wiederholten Bitte meines Enkelsohnes Peter und in Anerkennung seiner bisherigen guten Leistungen in der Schule, will ich noch in meinen gealterten, müden Jahren rückwärts schauen und die Erinnerungen an meine Kinderzeit, die späteren Knabenjahre und an meine weiteren, langen Lebensjahre mit ihren Selbsterlebnissen und denen meines im hohen Alter verstorbenen Vaters niederschreiben, soweit mich meine Gedächtnisstärke noch dazu befähigt. Dabei möchte ich die Geschwätzigkeit möglichst zu vermeiden suchen, zu der das Alter bei den Erinnerungen an die Jugendzeit leicht verleitet. Eine Mördergrube will ich aber aus meinem Herzen auch nicht machen und meine Gefühle, Gedanken u.s.w. in der Grube meines Herzens verstecken, sondern sie offen aussprechen, wenn ich auch damit den beteiligten Anverwandten etwa wehe tuen wollte. Doch dies zu befürchten, liegt m.E. sicher kein Anlass vor.

… dass meine Vorfahren in Österreich ihre Heimat hatten

Wenn ich in den Kinderjahren zu meinen Grosseltern nach Popowo-Kolonie Kreis Wongrowitz kam, habe ich immer gern in ihrer Wohnung vor einem an der Wand über dem Bette hängenden grösseren alten Glasrahmenbilde gestanden und die darauf noch gut erkennbare Reiterfigur, eine in Uniform auf dem Pferde sitzende Frau betrachtet. Für meine Kinderaugen war dieses Bild noch etwas Sonderbares -- eine reitende Frau. Das die Maria Theresia, Kaiserin von Österreich darstellende Bild, in schon stark verblasstem Farbdruck, war der einzige Wandschmuck der großen Bauernstube und bestimmt auch schon viele Jahre gewesen. Denn bereits mein Vater, der im Jahre 1847 in diesem gemeinsamen Wohn- und Schlafraum geboren wurde, hatte mit seinen Geschwistern in den Kinderjahren oftmals vor diesem Reiterbilde gestanden und die Reitkunst einer Frau bewundert. Sie in den späteren Knabenjahren auch zu erlernen, bemühte er sich eines Tages beim Hüten der Kühe mit großem Eifer auf einer Kuh. Zu seiner bitteren Enttäuschung endeten jedoch alle mühevollen Versuche mit einem kläglichen Misserfolge, dazu noch mit einer körperlich recht fühlbaren Belohnung von seiner Mutter, die für diese Reitversuche ihres ältesten Sohnes gar kein Verständnis hatte.

Das schon Jahrzehnte im Besitz der Familie Frisch gewesene und zweifellos aus Österreich stammende Maria-Theresia-Bild kann wohl als Beweis dafür angesehen werden, dass meine Vorfahren in Österreich ihre Heimat hatten und bei ihrer Auswanderung in alter Verehrung der Landesmutter ihr Bild mit anderen wenigen Habseligkeiten mitnahmen.

Auch die noch in meinen Knabenjahren in meiner Heimat Glembotschek miterlebten Bräuche, wie das so belustigende alljährliche Osterstiepen -- Peitschen der weiblichen von der männlichen Jugend mit einem kleinen Bündel Birkenreiser, das am Palmsonntag besorgt wurde --- wovon ich später noch ausführlich erzählen werde, dann auch noch das Abbrennen von Johannesfeuer, das der später nach Amerika ausgewanderte Onkel Hermann (Zwillingsbruder von Onkel Emil) einmal in meinem Beisein in Popowo ausführte durch Anzünden eines vorher mit getertem Holz gefüllten Fässchen, das an einer hohen Stange befestigt auf einer Feldhöhe aufgestellt wurde, haben unsere Vorfahren offenbar aus ihrer einstigen Heimat mitgebracht. Denn in Österreich bestehen diese Bräuche in einigen Landesteilen wohl noch heute, so das Osterstiepen in Mähren. Aber auch das häufige Vorkommen unseres Familiennamens in Österreich spricht für die frühre Ansässigkeit unserer Vorfahren in diesem Lande. Mit Bestimmtheit kann deshalb angenommen werden, dass sie ihres Glaubens wegen zusammen mit anderen Glaubensbrüdern aus ihrer alten Heimat vertrieben und nach glücklicher Überwindung eines langen, recht beschwerlichen Fluchtweges (Eisenbahnen gab es damals noch nicht) um das Jahr 1780 nach der dritten Teilung Polens in dem vom Preussischen Staate übernommenen polnischen Landgebiete durch die damalige Pruss. Staatsbank, der Seehandlung - staatl. Geldinstitut -- angesiedelt worden sind. Noch die späteren Besitzer mussten bis zu ihrer abermaligen Vertreibung 1944/45 gemäß der Grundbucheintragungen Rentenbeiträge an den Pr. Staat zahlen.

Anmerkung:

Das Abbrennen des Johannesfeuers ist sicher übernommen worden vom alten Sonnenwendfeste.

Auch das noch in meinen jüngeren Knabenjahren in Glembotschek und Popowo erlebte Böllerschiessen am Heiligen Abend und Silvester waren zweifellos aus Österreich mitgebrachten Bräuche.

Popowo-Kolonie. Der Erbauer und Gründer des Frischgehöftes, mein Urgrossvater

Die in Popowo-Kolonie auf Einzelgehöften - Streusiedlungen --Angesiedelten besassen eine Bodenfläche von meist 20 Hektar, die aber erst noch durch unermüdliche, schwere Arbeit in brauchbares Nutzland verwandelt werden mussten, um so die Lebensgrundlage für eine Bauernfamilie zu schaffen, deren Wohl und Wehe ja nur allein der Boden und die Art seiner Bewirtschaftung bestimmt.

Inmitten des Landbesitzes, in grösseren Abständen von einander, aber an der Strasse, wurden die Gehöfte angebaut, so auch das meines Urgroßvaters. Er, wie wohl fast alle Vertriebenen, brachten gute handwerkliche Fachkenntnisse in die neue Heimat mit, mit denen sie die Gebäude bei gegenseitiger Unterstützung selbst errichten konnten. Das dazu erforderliche Baumaterial, Holz, Lehm, Steine und Stroh war sicher ausreichend vorhanden. Der Erbauer und Gründer des Frischgehöftes, mein Urgrossvater, hatte seinen Namen mit der Jahreszahl -- vermutlich 1780 -- in einen Balken der Scheune geschnitzt. Leider ist dieses Balkenstück beim Zusammensturz der alten, baufälligen Scheune, infolge eines starken Gewittersturmes gegen Ende des ersten Weltkrieges - 1918 - in Verlust geraten. Anstelle der eingestürzten, weit über 100 Jahre alten Scheune hat mein damals bereits im 70. Lebensjahre stehender, aber körperlich noch rüstiger Vater, auf Wunsch seiner verwitweten Schwägerin, Ida Jesse, der damaligen Wirtschaftsbesitzerin, eine neue, bedeutend größere Scheune gebaut unter Verwendung eines größeren Teiles Altholzes, das er künstlich zusammenfügte, um die erforderlichen Längen zu erreichen und so, grössere Ausgaben für den Kauf des damals besonderes teuren du schwer zu erlangenden Bauholzes zu ersparen. Wenn damals mein Vater nicht den Scheunenbau ausgeführt hätte gegen eine so geringfügige Vergütung, deren Höhe seiner Schwägerin überlassen war, wäre sie, wie mir Tante Ida später selbst erklärt hat, niemals in der Lage gewesen, eine Scheune wieder zu bauen, obwohl diese zur Weiterbewirtschaftung des Bauernhofes unerlässlich war. So ist das erste und zuletzt gebaute Gebäude auf dem einstigen Frisch- und nachherigen Jesse-Gehöfte von einem Frisch errichtet worden.

Über die Persönlichkeit meines Urgroßvaters war ohne die jetzt nicht mehr mögliche Einsichtnahme in die Kirchenbücher in Schokken, Näheres nicht mehr festzustellen. Mein Vater hat ihn aber noch in seinen Kinderjahren kennen gelernt und von ihm auch in späteren Lebensjahren oftmals erzählt. In deutlicher Erinnerung war meinem Vater geblieben, dass sein Großvater schon ein alter -- etwa 70 Jahre-- gebrechlicher, kränkelnder Mann war, der, meist einen „polnischen“ alten Soldatenuniformrock mit blanken Knöpfen trug. Nach Gründung des Grossherzogtums Warschau, wo zu auch der Kreis Wongrowitz gehörte -- 1807 bis 1815 - durch Napoleon I mussten auch die Deutschen bei der polnischen Wehrmacht, so auch mein Urgroßvater, dienen. Die vor der polnischen Wehrdienstpflicht sich drückenden Deutschen wurden nachts von den umstellten Bauerngehöften abgeholt. Wahrscheinlich ist mein Urgrossvater um das Jahr 1855 gestorben, nachdem schon mehrere Jahre vorher sein ältester Sohn, Michael Frisch - mein Grossvater - die väterliche Besitzung übernommen und sich mit Dorothea Degner, der einzigen Tochter des Bauernhofbesitzers Gottlieb Degner - auch ein Vertriebener aus Österreich - in Popowo Kolonie verheiratet hatte. Aber schon nach einer etwa zehnjährigen, glücklichen Ehe ist er noch in jüngerem Mannesalter von etwa 40 Jahren gestorben. Seine Frau musste nun als Witwe mit den sechs hinterbliebenen Kindern, Caroline, August, Fritz, Auguste, Emil und Hermann (Zwillingskinder) allein weiterwirtschaften bis zu ihrer zweiten Eheschließung im Jahre 1859? mit dem verwitweten Landwirt J. Jesse aus Revier, wo er eine kleine, wenig ertragfähige Wirtschaft mit baufälligen Wirtschaftsgebäuden besass. Dieses soll er seiner Schwester, der später verehelichten Frau Redel aus Dankbarkeit für ihre wirtschaftliche Unterstützung während seiner Witwenzeit fast geschenkweise überlassen haben, Bei seiner Einheiratung in die Frisch-Wirtschaft hat er außer seinem aus erster Ehe stammenden Sohn und wohl einigen Wirtschaftsgegenständen nur ein Pferd mitgebracht.

Mein Vater als zweitältestes Kind war bei der Wiederverheiratung seiner Mutter etwa 12 Jahre alt und hat noch in seinem höheren Lebensalter oft über die Brautwerbung erzählt. Hiernach sei eines Sonntags in den Vormittagsstunden ein fremder Mann auf der Strasse am Frischgehöfte langsam vorbeigegangen und habe es mit grossem Interesse betrachtet als mein Vater auf der Wiese an der Strasse das Vieh hütete. Beim Näherkommen erforschte der Fremde den Besitzer des schönen Viehes und ging dann allmählich weiter. Zu seiner großen Verwunderung sah nun mein Vater beim Mittagstisch den fremden Mann an Mutters Seite sitzen bereits im vertraulichen Gespräch mit ihr. Und schon nach wenigen Wochen bestätigte sich die Vermutung meines Vaters und die seiner Geschwister, und sie bekamen wieder einen Vater und dazu auch noch einen Bruder -- Eduard -- der noch in jüngeren Knabenjahren und von schwächlichem Körperbau war - und daher - und auch in seinen späteren Knabenjahren bei den landwirtschaftlichen Arbeiten wenig schaffen konnte. Mit 17 Jahren wurde er dann auf die Unteroffiziersschule in Potsdam von seinem Vater geschickt und kam so in die Beamtenlaufbahn.

Bei seiner Einheirat des Stiefgrossvaters in die Frisch-Wirtschaft bestand damals noch nicht das allgemeine Erbrecht (B.G, §1922ff.) ebensowenig ein Vormundschaftsgericht, durch das die Sicherstellung des väterlichen Erbteils für die Kinder aus erster Ehe hätte verfügt werden müssen.

Durch die unterbliebene gerichtliche Regelung sind diese Kinder z.T. erheblich benachteiligt worden, so besonders die noch in jüngeren Lebensjahren zur Auswanderung nach Amerika gebrachten Kinder, Caroline, Fritz und Hermann.

Sie waren in damaliger Zeit wohl die alleinigen Auswanderer aus der Gemeinde Popowo-Kolonie und den benachbarten Ortschaften. Auch in späteren Jahren habe ich nicht gehört, dass aus einer Bauernfamilie Kinder nach Amerika ausgewandert sind. Nur Onkel Hermann, Zwillingsbruder von Onkel Emil, der als Knecht bis zu seinem fast 24, Lebensjahre bei seinem Stiefvater Jesse beschäftigt war, ist nach Rückkehr seines Bruders Emil von der Militärdienstzeit mit einer Verwandtin, die gleichfalls lange Zeit als Dienstmädchen in der Wirtschaft Jesse tätig war, im Jahre 1883 nach Amerika ausgewandert, wo er bis zum Erwerb einer Farm bei seinem Bruder Fritz Aufnahme fand.

Bei meiner letzten Anwesenheit in Popowo, im Jahre 1943, erzählte mir der alte langjährige, ehemalige Knecht Grunwald (?) den ich auf dem Degner Gehöft zufällig traf, dass er mit dem Degnerschen Gespanne den Onkel Hermann mit der Verwandtin Jette bei ihrer Abreise nach Amerika zur Bahn nach Gnesen abgefahren hätte, wobei er beim Abschiede der beiden Abreisenden unvergessliche, zu Herzen gehende Szenen erlebte. Die Mutter des Hermann wäre ein Stück dem abfahrenden Wagen schreiend nachgelaufen und hätte sich dann in ihrem großen Schmerz auf die Strasse geworfen. Der Stiefvater Jesse war bereits vor der Abfahrt des Wagens aufs Feld gegangen und erst später zurückgekommen --------- nachdem die für immer von seinem Hofe Scheidenden schon auf dem Wege zur Bahn waren.

Onkel Fritz, der begabt war und gern Lehrer geworden wäre, hat in vielen Briefen an seinen Stiefvater dessen bedauernswertes Verhalten mit scharfen, vorwurfsvollen Worten gerügt und auch in manchen Briefen an seinen Bruder Emil die ungerechtfertigte Zurücksetzung der Stiefkinder durch den Stiefvater stark verurteilt. Mehrere Briefe von ihm habe ich auch gelesen. Soweit mir bekannt, war aber mein Stiefgrossvater ein tüchtiger und strebsamer Landwirt, der bei seiner Einheirat in die Frisch-Wirtschaft für diese zweifellos wirtschaftliche Verbesserungen geschaffen und so die Erträge aus der Acker- wie aus der Viehbewirtschaftung bedeutend erhöht hat. Auch war er dauernd bemüht, die Hofgebäude möglichst in einen guten Bauzustand zu bringen, die alle wie auch das Wohnhaus, nur aus Lehmfachwerk mit Strohbedachung gebaut waren. Durch den Bau einer Rossmühle, die auch mein Vater gebaut und wohl damals mit dem Mühlenbau begonnen hatte, wurde der Wirtschaftsbetrieb auf leichte und bequeme Weise mit Futterschrot wie auch mit Backmehl und Grütze für den Hausbedarf versorgt. Aber auch eine kleine Kundenmüllerei wurde betrieben. Einen großen Vorteil hatte der Rossmühlenantrieb für das Häckselschneiden, das bis dahin mit Handantrieb erst mit einer Häcksellade und dann mit einer Häckselschneidemaschine erfolgte, womit natürlich eine erhöhte körperliche Anstrengung verbunden war. Die mit dem Betriebe der Rossmühle im Laufe der Jahre gemachten guten Erfahrungen - gute Verzinsung des Anlagekapitals - ermutigten meinen Stiefgroßvater zu dem Entschlusse, eine grosse, schöne Windmühle -- Paltrock, drehbar auf Ringgeleisen, -- durch meinen Vater bauen zu lassen, wie eine zweite solche in der ganzen Umgegend nicht vorhanden war. Man kannte damals hauptsächlich nur Bockwindmühlen, auf einem Ständer Holzb(oden?) ruhend -- in dieser Gegend. Die mit einem Mahlgange - französische Mühlensteine, einem Schrotgange und später mit einem Walzenstuhl ausgestattete neue Mühle ermöglichte die Herstellung feinster Mehlerzeugnisse und führt ihr bald einen großen Kreis von Mahlkunden zu. Durch sie war einige Jahre hindurch eine gute Einnahmequelle für den bisherigen bäuerlichen Wirtschaftsbetrieb erreicht worden, zumal die Müllerarbeiten einige Jahre bis zu seiner Verheiratung Onkel Emil, als gelernter Müller, gegen ein geringes Taschengeld verrichtete, und mein Vater die notwendig gewordenen Instandsetzungen, wie Bruch der Windmühlenflü-gel, Erneuerung der Holzkämme u.s.w. möglichst niedrig berechnete. Mit Hilfe der Einnahmen aus dem Mühlenbetriebe war der Stiefgrossvater auch in der Lage, ein neues Wohnhaus zu bauen noch kurz vor der Verheiratung seines aus der zweiten Ehe stammenden Sohnes Adolf. Diesem wurde auch die Wirtschaft verschrieben übergeben und er führte nun seine Verwandtin, Ida Degner, Tochter des Bauernhofbesitzers Degner in Popowo als seine treue, schaffensfrohe Ehegefährtin in sein neugebautes Heim. (Aus der gleichen Bauernwirtschaft Degner hatte auch mein Großvater seine Ehefrau - Dorothea - geholt.), mit der er eine recht glückliche Ehe über die Feier der silbernen Hochzeit hinaus verlebte, umgeben von treuer Liebe und Verehrung seiner wohlerzogenen und zu tüchtigen Menschen herangewachsenen acht Kindern, die ja auch alle ihre alte, liebe Heimat durch den unglücklichen Krieg verloren haben.

Aber auch für uns Frisches ist der Verlust des alten Stammhauses ganz besonders zu beklagen. Doch sollen die mit ihm verbundenen reichen Erinnerungen meines Vaters an seine im Elternhause verlebten Jugendjahre und die späteren Tage in unserem Gedächtnis fortleben. Dazu möchte auch ich mit der Wiedergabe der Erzählungen meines Vaters etwas beitragen.

Wer meinen Vater kannte

Wer meinen Vater kannte und noch heute an ihn denkt, wird über seine mit so viel Humor gewürzten Erzählungen und über seine erheiternden Spässe und Witze lachen und fröhlich sein. Er war darum auch überall, wohin er auch kam, immer gern gesehen und man bedauerte, sein Weitergehen.

Einer allgemeinen Beliebtheit erfreute sich auch mein Vater durch seine musikalische Begabung. Diese war bei ihm schon in frühester Jugend erkennbar, doch hatte man für sie leider kein Verständnis, sie etwa zu fördern und anzuerkennen. Vielmehr sah man sein grosses Interesse für Musik als ein für sein späteres Lebens sich auswirkendes bösen Übels an, das einmal zu den schlimmsten Folgen seines Lebens führen könnte, wie ihm dies oftmals drohend entgegen gehalten wurde, meist von seinem Stiefvater.

Dennoch blieb seine grosse Begeisterung für die Musik ungeschwächt. Sie möglichst unbemerkt auszuüben, bot ihm das Hüten auf dem Felde eine willkommene Gelegenheit. Die dazu benötigten Instrumente, Geige, Flöte, Bass fertigte er mit seiner angeborenen Geschicklichkeit mit einem einfachen Messer - Schidag - selbst an, das er von einem damals hausierenden Lumpensammler erstand gegen Abgabe einiger heimlich gesammelten alten Lumpen. Denn den Preis von 5 Pf. für den Schidag zu zahlen, war er bei seinem völlig geldlosen Besitze nicht in der Lage. Zuerst machte er sich eine Flöte mit einem vorher entmarkten Holunderstabe, in dem er mit einem im Feldfeuer glühend gemachten stärkeren Eisennagel oder einem Drahtstücke die Löcher bohrte und dabei in der Entfernung voneinander, sodass er auf dieser Flöte sogar bestimmte Töne hervorbringen konnte. Mit grossem Eifer und noch grösserer Ausdauer begann er nun mit dem tagtäglichen, stundenlangen Proben seines Flö-tenspieles, wobei er leider es manchmal nicht so genau nahm mit der Ausübung seiner Pflicht als treuer Viehhirte. Eines Tages überraschte ihn bei einer solchen Pflichtverletzung sein durch das Flötenblasen angelockte Stiefvater, der ihm seine kostbare, selbsthergestellte Flöte mit bösen Worten entriss, sie am nächsten Steine zerschlug und ihm dann noch eine körperlich recht fühlbare Belohnung gab, wie das schon so üblich war -- Sein innerlich fühlbarer Drang die schöne musikalische Unterhaltung beim Viehhüten unbedingt fortzusetzen, trotz des so plötzlichen Verlustes seiner mit so viel Mühe gemachten Flöte, verstärkte sich und er begann nun mit der Selbstanfertigung einer primitiven, kleinen Geige, wozu hauptsächlich auch nur wieder sein sorgfältig verwahrter Schidag als alleiniges Handwerkszeug diente. Aus einem Holzbrette schnitzte er die so sehnlichst begehrte Geige. Die Saiten dazu drehte er aus Pferdeschwanzhaaren, womit er auch den selbstgefertigten Geigenbogen bezog. Jetzt hatte er sein Lieblingsinstrument, auf dem er es im späteren Leben zu einer beachtenswerten Kunst brachte, trotz Notenunkenntnis. Natürlich nicht auf dieser selbstgefertigten Geige, sie war aber der Anfang dazu. Unentwegt und mit größter Ausdauer fidelte er auf dem Felde als Hirte, denn zu Hause durfte er mit seiner Fidel nicht sichtbar werden. Aber auch sie erlitt in nicht zu langer Zeit das gleiche Schicksal wie die Flöte. Sie, wie alle weiteren, wurden aber immer wieder durch neue, verbesserte Geigen bald ersetzt. Wenn die Kürbisranken die gewünschte Stärke erreicht hatten, dann boten sie dem Vater ein gutes Material, um daraus Blasinstrumente in allen Tonarten mit seinem Schidag zu schnitzen, und seinem Weidenvieh damit eigene Kompositionen vorzublasen. Die Bassinstrumente fertigte er aus einem etwa ¾ Meter langen Brette, das mit Drähten als Saiten überspannt wurde und gleichzeitig auch als Schlaginstrument dienen konnte. Als Knabe habe ich dieses auch zu Hause gemacht durch straffes Überspannen einer Stubentür mit Drähten, unter die der Steg geschoben wurde u. dann mit einem Holzhammer angeschlagen wurden.

Holzarbeiten mit dem Schidag

Neben seiner musikalischen Veranlagung besass mein Vater auch eine besondere Vorliebe für kleinere -- später grössere --Holzarbeiten, bei denen er es schon in jüngeren Knabenjahren mit seinem Universial-Handwerkszeuge, dem Schidag, der nur eine geringe Schneideschärfe hatte, zu beachtenswerten Kunstwerken brachte. Hauptsächlich verlegte er sich dabei auf den Bau von kleinen Windmühlen, die er mit selbstgeschnitzten Figuren ausstattete, wie sägende Männer, tanzende Paare und selbstverständlich auch mit der Mühlenklapper. Je nach der Windstärke kam die auf einer Bohnenstange befestigte Mühle in Gang, schneller oder langsamer mit den bewegenden Figuren und der Mühlenklapper, durch die seine jüngeren Geschwister, oft aber auch Erwachsene herbeigerufen wurden, und bewundernd das Meisterstück betrachteten. Aber auch diese Liebhaberei wurde meinem Vater nicht selten verleidet durch rücksichtslose Zerstörung seines so mühevoll hergestellten Kunstwerkes, wenn seine ihm zur Aufsicht anvertrauten Kühe ihren Weideplatz mit einem angrenzenden, mit Früchten bestellten Acker verwechselten und er nicht sogleich gegen diesen Willkürakt energisch eingeschritten war.

Mit besonderer Freude und Ausdauer baute er auch gerne kleine Wassermühlen, deren Schaufelräder durch das Wasser eines über seine Hütewiese führenden kleinen Grabens in Bewegung gebracht wurden, stundenlang und oft auch über Nacht, je nach dem Wasserstande. Eines Sonntages in früher Morgenstunde gingen auf der Strasse am Elternwohnhause die polnischen Kirchgänger mit eiligen Schritten in auffälliger Erregung vorbei. Nach nicht allzu langer Zeit trat der polnische Pfarrer mit seinem Küster in das Wohnzimmer meines Stiefgrossvaters, der mit seiner Familie zu dieser Zeit beim Frühstückstische sass, und bat ihn, festzustellen, woher die aus der Richtung seines Wiesengrabens zeitweise deutlich hörbaren entsetzlichen Klagetöne, vermutlich die eines mit dem Tode ringenden Menschen, kämen. Sie hätten seine Kirchenbesucher in panikartige Furcht und Schrecken versetzt.

Bevor noch der sichtbar erregte Pfarrer seine Worte beendet hatte, war mein Vater zu seinem neuesten Kunstwerk geeilt und hatte es von seinem Standorte entfernt, so dass die Untersuchungskommission, wozu auch der Stiefvater als Gemeindevorsteher gehörte, längere Zeit die ganze Wiese mit dem Graben absuchten, ohne die Ursache der vorher gehörten „Klagetöne“ aufzuklären. Die Kirchgänger gingen auch noch lange weiter mit einer bemerkbaren Unruhe und Ängstlichkeit an der Schreckensstelle vorbei. Natürlich unterliess jetzt mein Vater das Wiederaufstellen seiner Wassermühle, die mit ihrer hölzernen Wasserradwelle durch die Reibungen die „jammernden“ Laute verursacht hatte und er war froh, dass er um die sonst übliche und fällige Belohnung diesmal glücklich gekommen war. Sein weiteres Bauen von Mühlen verschob er jetzt in die späteren Jahre.

Schulzeit

Aus seiner Schulzeit erzählte mir oft mein Vater, dass sein Lehrer Koser mit seinen Leistungen zufrieden war, aber weniger mit seinem Verhalten, das häufig Anlass zu Klagen gab durch seine Aktive und für ihn stets recht gewinnbringende Beteiligung an dem damals unter der Schülerschaft gut florierenden Tauschhandel. Wohl hatte der Herr Lehrer seine Schüler vor solchen Geschäften mit dem Schüler Frisch gewarnt und mit Strafen bedroht. Doch waren immer wieder einige leichtgläubige Mitschüler bereit, das verlockende Angebot meines Vaters mit seinen Selbsterzeugnissen aller Art anzunehmen und sogar ihre dicke, gut mit Butter beschmierte Brotschnitte einzuhandeln gegen einen ganz neuen mit feinfarbigem Papier beklebten Schieferstift, den mein Vater aus Holz oder gebranntem Lehm naturgetrau nachgemacht und damit seinen weniger tüchtigen Geschäftsfreund arg übers Ohr gehauen hatte, und der dann noch die angedrohte Prügelstrafe wegen Nichtbeachtung der Warnungen vom Lehrer in voller Höhe ausgezahlt bekam, der Vater aber hiervon verschont blieb. Eine solche Butterschnitte war für den Vater immer ein guter Genuss bei seinem dauernden starken Appetit. Diese gab es zu Hause nur recht selten. Denn seine Mutter verkaufte fast restlos ihre erzeugte Butter, zu deren Gewinnung ihr Sohn August als tüchtiger Kuhhirt wesentlich beigetragen hatte.

Für seine nicht allzu vielen Schularbeiten standen dem Vater nur die Abendstunden mit der damaligen Kienspanbeleuchtung vor dem offenen Kamin zur Verfügung, für die er auch nach Beendigung seiner Schularbeiten oft bis spät in die Nachtstunden zu sorgen hatte. Eine andere Beleuchtungsart kannte man damals noch nicht. Die erst viel spätere Beleuchtung mit einer kleinen Dochtpetroleumlampe, zuerst noch ohne Glaszilinder, wurde als grosse Errungenschaft begrüsst, aber wegen des noch teuren Petroleums nur in dringendsten Fällen und nur bei Festlichkeiten in Gebrauch genommen. Zur Ausnützung der Kienspanbeleuchtung kamen wöchentlich abwechselnd bei den benachbarten Familien die Frauen und Mädchen mit ihren Spinnrädern zusammen, deren interessante, oft aber auch recht schauerliche Unterhaltung für meinen Vater immer ein besonderes Erlebnis war, manchmal aber auch in späteren Abendstunden für ihn recht ermüdend war, sodass er oft dabei einschlief. Durch einen unsanften Rippenstoss wurde er bald wieder in seinem süssen Schlafe gestört und veranlasst, sich um die erlöschende Kienspanbeleuchtung weiter zu kümmern, bis er endlich seine Schlafstätte im Pferdestalle mit dem Knechte zusammen bei völlig körperlicher Erschöpfung aufsuchen konnte. Aus Sicherheitsgründen hielt man es für unbedingt ratsam, dass zur damaligen Zeit der Knecht, und bei seiner mangelhaften Zuverlässigkeit auch noch ein Sohn der Bauernfamilie im Pferdestalle nächtigte zur Verhütung etwaiger Pferdediebstähle.

Konfirmation - Schulentlassung

Inzwischen war für den Vater der Konfirmationstag und damit seine Schulentlassung herangekommen. Zur Anfertigung seines Konfirmationsanzuges wurde sogar ein Stoff gekauft, denn zu den bisherigen Anzügen mussten nur selbstgewebte Stoffe verwendet werden, die aber eine längere Tragdauer hatten als der billige zum Konfirmationsanzuge, was er selbst bald überzeugend feststellte. Trotz Ermahnungen seiner Eltern zur Vorsicht beim Tragen seines „teuren“ Anzuges, konnte es mein Vater nicht unterlassen, auch an seinem Festtage in gewohnter Weise mit seinen Geschwistern in Ställen und der Scheune nach dem „Rechten“ zu sehen. In der Scheune hörte er plötzlich den Schrei: „Iltis“ von einem seiner herumtollenden Geschwister. Alles stürzte nun aus der Scheune heraus, wobei mein Vater, der besondere Furcht hatte vor den sich in dem mit Stroh bedachten alten Gebäuden aufhaltenden Iltisen, Mardern, mit seinem neuen Anzuge an einem Nagel hängen blieb und den grössten Teil des Hosenbodens einbüsste. Diese Untat schlug bei seinen Eltern dem Fasse den Boden aus und sie sorgten für seine baldige Unterbringung in eine Lehrstelle seines gewünschten Müllerberufes. Noch bei seinem Gange aus dem Elternhause, rief ihm seine erzürnte Mutter die Worte nach: Du sollst so bald nicht wieder über meine Haustürschwelle treten. Mit ihm zusammen trat ein gleichaltriger Bauernsohn aus einem andern Orte in die Lehrstelle der Razkovo-Mühle des Müllermeisters und Mühlenpächters Senf ein.

Lehrstelle

Freilich hatten sich nun für ihn die Lebensverhältnisse mit dem neubegonnenen Lebensabschnitt gebessert und die neue Arbeit für seinen künftigen Lebensberuf in guter Kameradschaft mit seinem treuen Kollegen bisher recht ihn befriedigt. Nur liess die leibliche Versorgung durch den Müllermeister oftmals zu wünschen übrig. Doch wussten die beiden Burschen dies zu ergänzen durch selbstgebackene Brötchen in der heissen Ofenasche und Kochen von im Mühlenteiche gefangenen Fischen, wovon allerdings der strenge Herr Meister nichts erfahren durfte. Nach einigen Wochen seiner Lehrzeit vermisste mein Vater mehrere Sachen, die er unbedingt brauchte und nur von seinen Eltern erlangen konnte. Er machte sich daher an einem schönen sonnigen Sonntage auf und erreichte bei einem etwa dreistündigen Fussmarsche und froher Laune sein liebes Elternhaus, in dem gerade die ganze Familie am Kaffeetische sass, auf den durch die offenen Fenster die Sonne strahlte. Mit einem kräftigen Sprunge durch das Fenster war mein Vater plötzlich und völlig unerwartet in die Stube gelangt und stand nun vor dem Kaffeetische. Natürlich begrüsste ihn zuerst seine Mutter mit wenig freundlichen Worten über seinen Eintritt durchs Fenster anstatt durch die grosse Haustüre. Zum Gelächter aller Kaffeetischgäste erinnerte er nun seine Mutter an ihre Worte, die sie ihm bei seinem Scheiden aus dem Elternhause nachgerufen hatte, dass er so bald nicht wieder über ihre Haustürschwelle treten dürfe und er dieses Verbot auch beachtet habe als folgsamer Sohn.

Die Hälfte seiner dreijährigen Lehrzeit hatte mein Vater bereits vollendet, als eines Nachts unbemerkt Feuer ausbrach, das bei dem alten Holz- und Strohdachmühlengebäude mit grosser Geschwindigkeit um sich griff, so dass die beiden fest schlafenden Burschen nur noch im letzten Augenblick ihr Leben mit einem Sprung durchs Fenster ins Freie retten konnten. Die in einen Aschenhaufen verwandelte Mühle wurde nicht wieder aufgebaut. Auf meinen Wunsch hat mich mein Vater in späteren Jahren an den ehemaligen Standort der abgebrannten Mühle geführt, wo als letzter Rest von ihr nur noch einige, z.T. abgefaulte Holzpfähle in einem kleinen Grunde standen, in dem einst das Mühlenrad ging. Der große, fischreiche Mühlenteich war nach restlosem Abflusse seines Wassers in eine Wiesenfläche umgewandelt worden. Auf der Suche nach einer neuen Lehrstelle, in der mein Vater seine Lehrzeit fortsetzen und beenden konnte, bekam er diese in Dzwunowoer (bezw. später Schwanauer) Wassermühle durch Fürsprache seines Onkels Ludwig Degner, der damals eine etwa 20 Hektar große Bauernwirtschaft in Glembotschek besass, dem benachbarten nur 3 km von seinem Lehrorte entfernten Dorfe. Bei bedeutend besseren Lehrverhältnissen -- bessere Beköstigung, Behandlung -nahm er die Arbeiten in der neuen Lehrstelle mit vergrössertem Eifer und Fleiss bei wiederholten Anerkennungen seines Meisters auf und schloss die Gesamtlehrzeit mit einer vor der Müllerinnung mit gut bestandenen Prüfung zum Müllergesellen ab. Auf Grund seines Lehrbriefes wurde er auch bald, im April 1864, in Schokken, am damaligen Sitze der Müllerinnung, vor der offenen Innungslade´in Anwesenheit des Bürgermeisters feierlichst freigesprochen und bekam damit das Recht zur selbständigen Ausübung des Müllerhandwerkes. Für die Freisprechung wurde eine Gebühr von 15 Mark erhoben, die aber hauptsächlich für die Feier Verwendung fand.

Von seinen Erzählungen aus der Lehrzeit in der Schwanauer Mühle ist mir nur noch in Erinnerung geblieben, wie er an dem in der Nähe der Mühle vorhandenen Gasthause eines Nachts während des Mahlens unbemerkt ein vorhergemachtes Schild befestigt hat. Die Malkunst des unbekannten Künstlers wurde am nächsten Morgen allgemein bewundert, insbesondere von dem erfreuten Gastwirt, der auf so billige Weise endlich zu dem schon immer begehrten Schilde gekommen war, auf dem eine gefüllte Schnapsflasche, eine Zigarre und ein Ringel Wurst mit einer sechsteiligen Semmel zur Einkehr in seinen Gastraum einluden. In den ersten Wochen seiner Lehrzeit in Schwanau machte er einen Ausflug nach dem nahen Glembotschek, das er vorher noch nicht gesehen hatte und war von der landschaftlich schönen Lage mit dem großen Mühlenteiche, um den herum das Dorf mit gefälligen Häusern und schön gepflegten Gärten stand, eingeschlossen von einem Waldgürtel, sehr überrascht. Seine grosse Naturliebe festigte in ihm den Wunsch, sich in späteren Jahren nur in einem Orte mit Wasser und Wald ansässig zu machen der sich auch erfüllte. Leider traf er bei seinem ersten Besuche, seinen Onkel Ludwig nicht zu Hause an, um ihm zu danken für die Besorgung der neuen und guten Lehrstelle. Das musste bis auf seinen nächsten Besuch verschoben werden, bei dem er von seinem Onkel sehr freundlich und lieb aufgenommen und gut bewirtet wurde. Er besuchte dann noch öfters seinen lieben Onkel Ludwig, der sich immer recht freute über seinen munteren August.

Wanderschaft

Nach Abschluss seiner Lehrzeit begab sich mein Vater jetzt auf die Wanderschaft, was damals als Vorbedingung für einen tüchtigen Müller galt. Im ersten Mühlenorte, wo er nach einem längeren Marsche an einem Sonnabend Abend einkehrte, wurde er nach Einsichtnahme in seine Papiere freundlichst in die Familie des Müllermeisters aufgenommen und bis Montag früh bei bester Verpflegung bewirtet und noch von der Frau Meisterin mit einem guten Mundvorrat für seine weitere Wanderung versorgt. An seinem nächsten Einkehrorte in Lekno war aber seine Wanderung beendet, da ihn der Mühlenbesitzer Edinger für seine Windmühle als Geselle einstellte und über zwei Jahre beschäftigte. Wohl war die Müllerei auf einer Windmühle, in diesem Falle einer Paltrokmühle -- für ihn ein völlig anderes, etwas schweres Arbeitsgebiet als das in einer Wassermühle. Aber durch nette Behandlung und beste Verpflegung des Meisters und seiner Familie, in der er mit seinen Spässen, und seinem Musizieren bald beliebt wurde, hat er auch diese neue Beschäftigung gern und mit größter Bereitwilligkeit ausgeführt und sich über seinen ersten Verdienst gefreut, der freilich von der Windstärke abhing und bei Windstille nur auf die freie Verpflegung beschränkt blieb. Denn der Arbeitsverdienst eines Müllergesellen bestand in früheren Zeiten ausser der freien Beköstigung nur aus dem Mahlgelde von 10 Pf. je Zentner, das bei Wind- und kleineren Wassermühlen einen Monatsbetrag von durchschnittlich 15 Mark erbrachte. Doch konnte mein Vater bei seiner Anspruchslosigkeit mit diesem Verdienste seine wirtschaftlichen Bedürfnisse befriedigen und sich jetzt neu einkleiden mit einem guten Anzuge im Preise von etwa 15 M und einem Paar fester Lederschaftstiefel, der damaligen einzigen Fussbekleidung -- Gamaschen oder Schnürschuhe kannte man noch nicht -- zum Höchstpreis von 5 M.

Die schon längst so stark begehrten Musikinstrumente

Mit seinem weiteren Verdienste in der Leknoer Windmühle hat nun mein Vater die schon längst so stark begehrten Musikinstrumente und zunächst eine Harmonika (Schifferklavier) gekauft, die damals und auch noch bis in meine späteren Knabenjahre in einfacher Bauart mit nur 10 Melodietasten -- 20 Töne und mit zwei Bassklappen---Töne - hergestellt wurden. Mit diesem nur geringen Stimm-Material brachte er es mit der Harmonika in nicht allzulanger Zeit zur großen Fertigkeit im Spielen, das gerne gehört wurde nicht nur in seiner musikliebenden Meisterfamilie, -- Edinger -- auch im Geschäftsladen des mit Musikinstrumenten handelnden Kaufmannes Gumpert, dessen Geschäft im HarmonikaVerkauf sich durch Vaters Spielen bedeutend erhöhte. So hat er auch oft für gleichen Zweck auf Wunsch eines Posener kleinen Musikalienhandels in einer Jahrmarktbude in Lekno zum Kauf angebotenen Harmonikas auf ihr Klangfülle hin geprüft und mit dem Spielen von flotten Märschen oder schöner Walzer binnen kurzer Zeit viele Kauflustige zu der Musikbude herangeholt. Der Händler war dann immer mit seinem Jahrmarktgeschäfte in dem kleinen Städtchen Lekno recht zufrieden, aber auch der erfolgreiche Reklamespieler mit einer Zigarre ---! Bei Gewährung von Vorzugspreisen konnte mein Vater im Gumpertschen Geschäfte auch den Kauf von zwei Geigen, eine für seinen Bruder Fritz -- der Lehrer werden wollte -- und einer Klarinette nebst Flöte ermöglichen. Bei seinem feinen musikalischen Gehör und der grossen Beharrlichkeit im Üben beherrschte er auch bald die Spielkunst auf den neuerworbenen Instrumenten, besonders aber auf der Geige, seinem Lieblingsinstrument, mit der er später oftmals in der Stadtkapelle bei Tanzmusik als erster Geiger mitwirkte, und dadurch sein Können weiter vervollkommnete. Noch in späteren Lebensjahren hat er mit meiner Klavierbegleitung auf der Geige häufig die nach Gehör in der Stadtkapelle erlernten Stücke gespielt, die das Tanzbein von Jung und Alt in Begeisterung brachten.

In der Obsternte ist mein Vater auf Wunsch seines Leknoer Meisters oft mit einem Pferdegespann zu den Eltern nach Popowo-Kolonie gefahren und hat volle Wagenladungen besten Obstes geholt. Die noch in Vorväters Zeiten angelegten beiden grossen Obstgärten lieferten alljährlich reiche Ernte, für die die Eltern in ihrem Wirtschaftsbetriebe keine volle Verwendung hatten und daher froh waren über den guten Absatz und noch mehr über den hohen Erlös von etwa zwei Mark je Zentner, ein Preis, der damals sogar den Kartoffelpreis weit überstieg (und doch das Obst nicht die Arbeiten des Kartoffelan(baus?) erforderten). Die Eltern waren daher auch ihrem Sohne August recht dankbar für seine Geschäftsvermittelungen, und sein Meister Edinger für die Besorgung des billigen Obstes, wofür sich seine Familie durch Geschenke an Wäsche auch besonders erkenntlich zeigte. Sie bedauerte auch seinen Weggang sehr - nach einem zweijährigen Zusammenleben bei so mancher frohen Stunde durch musikalische Unterhaltung und allerlei lustigen Spässen. Auch noch in seinen späteren Lebensjahren ist er oft in das einstige Meisterfamilienhaus in Lekno eingekehrt und ist immer freudig aufgenommen worden hat auch dann oft die Mühle in ordnungsmässigen Betriebszustand gebracht.

Zur Bereicherung seiner Kenntnisse im Müllerberufe und Verbesserung seines Verdienstes übernahm er im Jahre 1866 eine freigewordene Gesellenstelle u. später die Werkführerstelle in der großen Wassermühle in der benachbarten Kreisstadt Wongrowitz. Zu dieser Mühle gehörte auch ein größeres Landgut. In seinem Wirtschaftsbetriebe war seine ehemalige Mitschülerin Pauline Hein aus Sarbia beschäftigt, wo ihre Eltern einen schönen Bauernhof besessen hatten, und nach deren vorzeitigem Tode sie schon mit 16 Jahren in einem fremden Hause Beschäftigung suchen musste.

Vor dem Traualtar

In den kommenden frohen, sonnigen Jugendjahren entwickelte sich zwischen der früheren Mitschülerin, die mit ihren 18 Jahren zu einem stattlichen, schönen Mädchen herangewachsen war und ihrem alten Schulbekannten, nach dessen immer gern gehörter schöner Musik mit der Harmonika oder Geige man oft tanzte, eine nähere Freundschaft, die die beiden dann in gegenseitiger, treuer Liebe später, am 20.2.1872, vor dem Traualtar in Schokken fürs ganze Leben vereinigte, in das sie ein gutes Rüstzeug, ihr festes Gottvertrauen, mitnahmen und mit dem sie den gemeinsam betretenen neuen Weg für das wechselvolle Leben ebnen und festigen konnten.

In Anerkennung und Dank für ihre mehrjährige, treue und aufopferungsbereite Dienstzeit, zuerst als einfaches Wirtschaftsmädchen, dann als tüchtige Köchin und zuletzt als umsichtige, zuverlässige Stütze im hochherrschaftliche Gutshause bekam die Mutter als Hochzeitsgeschenk eine gute Wäscheaussteuer mit zwei Gebett Federbetten und Tafelgeschirr in feinem Porzellan.

Noch in ihren späteren Lebensjahren hat meine Mutter oft von der herrlichen Zeit erzählt, die sie in dem vornehmen Hause mit den vielen Festlichkeiten erlebte, für die sie immer gern den wohlschmeckenden Baumkuchen backte. Sie bezeichnete diese Zeit als die schönste ihres Lebens.

Ausbildung für seinen neuen Beruf als Mühlenbauer

Nach ihrer Verheiratung bezogen die Eltern im ersten Jahre eine kleine Wohnung in Vaters Elternhaus. Seine bereits im Jahre vorher aufgenommene Beschäftigung bei einem tüchtigen Mühlenbauer und Zimmermeister setzte er bald weiter fort zur Ausbildung für seinen neuen Beruf als Mühlenbauer. In dieser Zeit baute er auch die schon erwähnte Rossmühle für seinen Stiefvater, wohl sein erstes Bauwerk. Das dazu benötigte Holzmaterial, hauptsächlich Bretter, lieferte bereitwilligst sein Onkel Ludwig, der nach dem Verkauf seiner Wirtschaft --- bis auf das Wohnhaus ---, Stallgebäude und 1 Hektar Gartenland mit Wiese --- an die staatliche Forstverwaltung von Glembotschek nach Popowo-Kolonie umgesiedelt war und hier die von den Eltern benachbarte Wirtschaft -- Gelhaar--Schulz käuflich übernommen und einem grösseren Holzvorrat, meist Brettern, mitgebracht hatte, der noch aus den kostenlosen forstfiskalischen Holzbelieferungen stammte.

Als mein Vater eines Tages auch wieder ein Brett unbedingt brauchte, ging er auf Anraten seines Stiefvaters noch gegen die Mittagszeit zu meinem Onkel Ludwig, der mit seiner Familie schon beim Mittagstische sass, sofort sich aber erhob und mit dem Vater auf den Haus-Boden stieg, wo er vom Spitzboden von den dort aufgestapelten Brettern das gewünschte heraussuchen wollte. Hierbei betrat er in seinem Eifer versehentlich ein nicht festliegendes Brett, mit dem er plötzlich herabstürzte mit dem Kopfe auf den harten Lehmboden stürzte - nicht weit von einem Getreidehaufen - Mit beiden Händen seinen Kopf haltend sprang er mit den wirren Worten auf: „Halte fest die Pferde“. Auf dem Wege zum Arzt nach Schokken verschied er im Hause seines treuen Kriegskameraden, zu dem er auf seinen letzten Wunsch noch gebracht werden konnte.

Dieses furchtbare Erlebnis mit dem so plötzlichen Tode seines lieben, stets hilfsbereiten Onkels Ludwig, hat meinen Vater bis in sein späteres Leben hinein tief bewegt und den Hergang des schweren Unglückes, für dessen Ursache er sich mitschuldig fühlte, oft mit für sich vorwurfsvollen Worten geschildert. Erwähnen möchte ich noch, dass nach Vaters Erzählung, der Jagdhund des verunglückten Onkels auf der Bodenstelle des Absturzes längere Zeit gelegen hat, oft tagelang ohne Nahrungsaufnahme.

Im zweiten Ehejahre sind die Eltern in das Haus der Witwe des Onkels Ludwig gezogen, die dann meine Mutter in der Wirtschaft unterstützte, soweit sie bei ihrem körperlichen Zustande dazu in der Lage war. Nach einigen Monaten später, am 30. Oktober 1873, wurde ich in diesem Hause geboren.

Glembotschek

Als die Witwe Degner ihr in Glembotschek gelegenes Grundstück zum Kauf anbot, nahm der Vater bereitwilligst an zu dem vereinbarten Preise von 1500 M mit der baldigen Anzahlung von 900 M, die die Mutter als Mitgift in die Ehe gebracht hatte. Leider war auch bei ihr, wie beim Vater, die gerichtliche Erbregulierung und Sicherstellung ihres Erbanspruches damals unterblieben und dadurch ist sie erheblich geschädigt worden. Im Frühjahr 1874 übernahmen die Eltern ihre gekaufte Besitzung in Glembotschek, doch leider in einem arg verwahrlosten Zustande. Zuerst mussten neue Fenster und Türen, anstelle der z.T. verfaulten eingebaut werden.