Selig, die hungern - Simone Branner - E-Book

Selig, die hungern E-Book

Simone Branner

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Beschreibung

Friedrich Branner, aufgewachsen in Konstanz, gewohnt in Frickingen und Überlingen. Als der 2. Weltkrieg vorbei war, begann für ihn seine entbehrungsreichste Zeit. Er kam als Kriegsgefangener nach Sinzig, Andernach und Dünkirchen. In einem kleinen Buch schrieb er seine Erlebnisse, Gedanken und Gefühle auf und bezeichnete es sogar als seinen "Freund", dem er alles anvertrauen konnte. Sein Aufschrieb zeigt beeindruckend, wie er aus seinem Glauben Kraft schöpfen konnte und so diese schwere Zeit überstand.

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Seitenzahl: 71

Veröffentlichungsjahr: 2015

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In Gedenken an meinen Opa Fritz

Außerdem widme ich dieses Buch allen meinen verstorbenen Ahnen, sowie meiner gesamten Familie, die immer geduldig zuhört, wenn ich wieder von “altem Zeug” rede.

Im Besonderen:

Gerold Bruggner und unseren Töchtern Annika und Linda,

meinen Eltern Werner und Barbara Branner,

meiner Oma Lydia

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Friedrich Branner

Feldpost

Kriegsgefangenschaft Sinzig

Kriegsgefangenschaft Andernach

Kriegsgefangenschaft Dünkirchen

1946

1947

Nachwort

Vorwort

Ahnenforschung fand ich schon immer interessant. Einige meinten, ich sei nur auf der Suche nach adeligen Vorfahren. Das spielt aber keine Rolle. Es sind die Lebensgeschichten eines jeden Einzelnen, die den Reiz ausmachen. Die Schicksale und die Lebensumstände.

Die Kontakte zu den Lebenden, die ich dabei knüpfte, sind eine Bereicherung für mein Leben: So lernte ich Graciela Branner aus Uruguay kennen. Ihr Großvater war der jüngste Bruder meines Uropas Josef, der nach Südamerika ausgewandert ist. Als ich auf dem Friedhof in Dettingen/Konstanz auf der Suche war, sprach mich eine Frau an und fragte, ob sie mir helfen kann. Das konnte sie: Es war Josefine Schien – die Cousine meines Opas Friedrich. Das war sehr bewegend. So ein Erlebnis ist einzigartig. Ich habe einige Bekanntschaften mit Cousinen und Cousins meiner Großeltern und deren Nachkommen geschlossen. Gleiche Ahnen zu haben, verbindet.

Die Faszination, immer wieder „neues Altes“ zu entdecken, läßt mich nicht mehr los. Ein Tagebuch ist etwas ganz Besonderes. Mein Großvater Fritz schrieb Tagebuch. Seine Erlebnisse, die er während seiner Kriegsgefangenschaft aufschrieb, möchte ich gerne mit anderen teilen.

Für die Übersetzungen von Kurzschrift, möchte ich mich ganz herzlich bei Ingrid Duske bedanken.

Vielen Dank an meine Schwester Desirée, die mir aus dem Französischen übersetzt hat.

Simone Branner

Friedrich Branner

Friedrich Paul Branner wurde am 27. Juni 1909 in Konstanz als Sohn des Finanzobersekretärs Josef Georg Branner aus Konstanz und Agathe, geborene Hamm aus Wallhausen geboren. Fritz wuchs zusammen mit seinem Bruder in der Marktstätte in Konstanz auf. Sein Bruder Willibald kam 1907 zur Welt. Er wurde Priester und war 37 Jahre in der Pfarrei Wald, einer Gemeinde im oberen Linzgau, tätig. Außerdem wurde er zum Ehrenbürger der Gemeinde Wald ernannt.

Friedrich machte 1930 sein Abitur. Nach seiner Ausbildung bekam er eine Anstellung beim Finanzamt in Überlingen und wurde Finanzbeamter.

Am 21. Mai 1940 heiratete Fritz Lydia Baur aus Frickingen, Tochter des Metzgermeisters Hermann Baur und Anna, geborene Mattes. Mit Lydia wohnte Fritz in Überlingen an der Seepromenade. Während er im Krieg war, wohnte Lydia bei ihren Eltern in Frickingen.

Zum 15. Januar 1942 erhielt Friedrich den Stellungsbefehl zum Wehrdienst zur Flak-Ersatz-Abteilung I nach Ludwigsburg. (Der 1. Stellungsbefehl vom 8. Mai 1940 wurde auf Gesuch des Finanzamtes zurückgezogen.) Er wurde zum Funker ausgebildet.

Am 24. Januar 1942 wurde der erste Sohn Werner geboren. Friedrich sah ihn das erste Mal im Juli bei einem zweiwöchigen Heimaturlaub.

Mai 1940, Hochzeit von Lydia und Fritz

Feldpost

Während der Kriegszeit schrieb Friedrich regelmäßig nach Hause. Die folgenden Briefe und Postkarten, zeigen seine Einsatzorte und geben einen Einblick, wie er diese Zeit erlebt hat.

Fürth, 10. Oktober 1942

Liebe Eltern!

Gestern sind wir vom Arzt nochmals untersucht worden und von uns 15 Ludwigsburgern 4 Mann, darunter auch ich, als tropenuntauglich befunden worden. Der Arzt sagte, ich habe schwache Leisten, die sogar nach vorne treten würden und fast wie ein Leistenbruch erscheinen würden. Es täte ihm leid, er könne mich jedoch nicht als tropentauglich bezeichnen. Somit kommt für mich Afrika nicht in Frage. Ich habe mich riesig gefreut, dass ich nun nicht nach Nordafrika komme. Selbst wenn ich jetzt nach Russland kommen sollte, so finde ich dies lange nicht so schlimm wie Afrika.

Im Osten, 12. Februar 1943

In den vergangenen 3 Wochen, seit denen ich wieder hier im Osten bin, habe ich schon allerhand erlebt. Erstmals die plötzliche Versetzung nach kaum 2tägigem Aufenthalt in Kiew, dann das sich Neueinleben bei den neuen Kameraden und dann am 5.2. wieder die Rückfahrt mittels Lastwagen zirka 300 km zurück in die Ukraine. Zur Zeit befinde ich mich so mittendrinnen zwischen meinen beiden Einsatzorten Kiew und Kursk. Hier wo wir jetzt sind, hört man von feindlichen Fliegern nichts mehr, während es vorher in Kiew jede Nacht nur so donnerte von den Bombenwürfen. Auf der Rückfahrt haben wir gefroren. Wir waren voll warm angezogen. Doch was nützte das gegen die richtige Kälte. 3 Nächte verbrachten wir unterwegs in richtigen Bauernhäusern, bereiteten unsere Nachtsäcke aus und legten uns darauf. Da habe ich mit eigenen Augen mal sehen können, wie armselig es in diesen Häusern aussieht. Nur das Notdürftigste hat der Bauer. Auch im Essen ist er sehr enthaltsam und bescheiden. Als wir dann in die Ukraine kamen, war es schon besser. Auch waren die Leute bei unserem Eintreten auch gastfreundlicher wie die anderen Russen außerhalb der Ukraine. Elektrisches Licht, Radio, Telefon, Gas, Brunnenanlagen, Klossets, sowas muss man sich alles nur denken. Das gibt es nicht. Wir brennen hier Kerzen. Das winzige Gute ist, dass wir mit unserem Gerät auch Radio hören können und so stellen wir als um 20 Uhr die Nachrichten ein, damit wir wenigstens wissen, wie weit der Russe uns am Halse ist. Ich fühle mich durch diese Umstände arg verlassen und weiß es erst jetzt so richtig schätzen, wie schön wir es daheim haben. Ich sitze nun wieder in einem ukrainischen Bauernhaus, das die Ukrainer bei unserem Kommen haben räumen müssen. Da habe ich es den ganzen Tag über schön warm und dies ist zur Zeit bei der Kälte die Hauptsache.

Kiew, 5. März 1943

Ja, es stimmt schon. In Kursk ist es so langsam brenzlig geworden. Wir waren eine der letzten nicht aktiven Einheiten, die Kursk verlassen haben. Als wir abfuhren mit Autos, herrschte auf den Straßen großer Betrieb. Zu Fuß waren die deutschen und ungarischen Soldaten auf dem Rückmarsch. Auf den Autos haben wir ganz schön gefroren.

Allerheiligen, 1. November 1943 Breslau

Über unseren Einsatz im Monat Oktober ist nicht viel zu berichten. Wir waren im Raum so zwischen Melitopol und Saporoshje, welche Namen Ihr sicher im Wehrmachtsbericht gelesen habt, eingesetzt. Lediglich Flieger und Artilleriefeuer haben wir gehört, gesehen und zugedacht bekommen.

Heute befinden wir uns kurz (15 km) vor dem Dnepr und werden wohl in den nächsten Tagen übersetzen. Dann haben wir wenigstens den Russen durch den dazwischenliegenden Fluß etwas vom Hals, aber er ist ja weiter nördlicher bereits über den Dnepr. Doch im Großen wird er immer noch am Dnepr aufgehalten. Bei uns ist es schon ganz kühl geworden, besonders nachts. Aber wir haben ja unsere Winterbekleidung schon erhalten. Ich hoffe nun auch, dass wir, wenn wir mal über dem Dnepr sind, auch feste Quartiere beziehen werden. Jetzt sind wir ständig im freien Gelände, sitzen die Nacht über entweder im Wagen oder bauern uns einen Bunker in die Erde. Bisher war es so, der Bunker war nach mühevoller Arbeit fertig, da kam gleich dahinter Stellungswechsel. Mit Urlaub auf Weihnachten wird es nicht reichen. Vielleicht dann im Januar. Man hörte mal sagen, es bestände im Augenblick Urlaubsperre. Da verschiebt sich dann alles. Die Zeitungen bekomm ich jetzt regelmäßiger.

Im Osten 17. Februar 1944

Ich bin am 14.2. hier in Nikolajev wieder gut angekommen. Mit meinem Urlaub habe ich die günstigste Zeit erwischt. Denn meine Kameraden hatten in der 2. Februarwoche allerhand mitmachen müssen. Bei Nikopol waren sie vom Russen fast eingekeilt worden. Alles mussten sie sprengen und dann zu Fuß sich durchschlagen. So ist erst ein Teil, kurz ein paar Tage vor meinem Eintreffen, hier in Nikolajev eingetroffen ohne all ihrem Gepäck. So sind auch meine Sachen, die ich während meines Urlaubs im Funkwagen zurückgelassen hab, bei Nikopol mit in die Luft geflogen, größtenteils Eigentum der Wehrmacht. Hier in Nikolajev wohnen wir nun in Privatquartieren,