Sepp Kerschbaumer - Josef Fontana - E-Book

Sepp Kerschbaumer E-Book

Josef Fontana

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Beschreibung

"Landsleute! Es ist fünf vor zwölf! Hört unseren Ruf: Südtirol erwache! Rüstet euch zum Kampf!" Auszug aus einem Flugblatt von Sepp Kerschbaumer aus dem Jahre 1957 Neuauflage der ersten und einzigen umfassenden Biografie des "Freiheitskämpfers" und Menschen Sepp Kerschbaumer Sepp Kerschbaumer war die leitende Figur im Protest gegen die Unterdrückung der deutschsprachigen Südtiroler in den 1950er-Jahren. Seinen Höhepunkt erreichte der Südtiroler Widerstand in der sogenannten Feuernacht von 1961. Der Tiroler Patriot war überzeugt, nur mit Sprengstoffattentaten auf das Unrecht, das Südtirol durch die Einverleibung in den italienischen Staat erfahren hat, aufmerksam machen zu können. Gleichzeitig war Kerschbaumer ein von christlichen Idealen erfüllter Mensch, den selbst italienische Tageszeitungen als "humanen Terroristen" bezeichneten.

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Seitenzahl: 507

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Josef Fontana / Hans Mayr

Sepp Kerschbaumer

Eine Biografie

Die Drucklegung erfolgte mit freundlicher Unterstützung der Abteilung Deutsche Kultur der Autonomen Provinz Bozen – Südtirol

© Edition Raetia, Bozen 2021

Umschlaggestaltung: Dall’O & Freunde

Umschlagfoto: Wolfgang Pfaundler, Innsbruck

Druckvorstufe: Typoplus, Frangart

Korrektur: Helene Dorner

Redaktionelle Mitarbeit: Carolin Götz, Annalena Eschgfäller

Printed in Europe

ISBN 978-88-7283-796-2

eISBN 978-88-7283-805-1

Unseren Gesamtkatalog finden Sie unter www.raetia.com.

Bei Fragen und Anregungen wenden Sie sich bitte an [email protected].

Inhalt

Jugend und frühe Mannesjahre

Jugendzeit und erste politische Erfahrungen

Gründung eines eigenen Hausstandes

Die Kriegszeit 1939 bis 1945

1939: Gehen oder bleiben?

Die große Verweigerung?

Enttäuschte Hoffnungen

Der Neubeginn von 1945

Vom Pariser Vertrag bis zum Autonomiestatut

Halt in der Familie

Kerschbaumer und die Italiener

Von der zivilen Auflehnung zur Gewaltanwendung

Todesmarsch und Existenzängste

Die Palastrevolution von 1957

Die Kundgebung von Sigmundskron

Resonanzen und Dissonanzen

Eine verlorene Stimme der Vernunft

Die Haltung der Amtskirche

Die Schlacht um die Parlamentswahl von 1958

Eine Fahnengeschichte mit Folgen

Der Pfunderer Prozess

Hilfe für Toni und Sepp Stieler

1809-Feiern mit Trikolore?

Das verhinderte Combattenti-Treffen

Gegen Misshandlung von Minderjährigen

Nadelstiche und Feuernacht

Die neue Strategie des BAS

Sepp Kerschbaumer und die politischen Ziele des BAS

Spannungen und Zerwürfnisse im BAS

Befreiungstheologie und Naturrecht

Die Taktik der Nadelstiche

Die Große Feuernacht

Die Kleine Feuernacht

Verhaftung und Untersuchungshaft

Verhaftung und Misshandlung

Rechtfertigungs- und Verteidigungslinie

Zorn und Ohnmacht

Der Tod Franz Höflers

Weihnachten 1961 im Gefängnis

Der Tod Anton Gostners

Gefängnisalltag in Bozen

Die Fahnenaffäre vom 24. Juni 1962

Im Gefängnis von Verona

Hungerstreik

Der Prozess in Mailand

Die Einvernahme

Gefängnisalltag und Prozessstress

Anklage und Verteidigung

Das Urteil

Von Mailand nach Trient, von Trient nach Verona

Zwischenstation in Verona

Unbehagen in Trient, Rückkehr nach Verona

Tod und Begräbnis

Tod in Verona

Das Begräbnis, ein drittes Sigmundskron

Vermächtnis und Gedächtnis

Gedenkfeiern im Zeichen von Störmanövern

Gedenkfeier im Zeichen des zehnten Todestages

Gedenkfeiern im Zeichen des Terrors, erzeugt mit Bomben aus zweiter Hand

Gedenkfeiern im Zeichen hausgemachten Unfriedens

Erinnerungsdenkmale und historische Aufarbeitung

Anmerkungen

Quellen und Literatur

Personenregister

Ortsregister

Bildnachweis

Abkürzungen und Siglen

Die Autoren

Jugend und frühe Mannesjahre

Jugendzeit und erste politische Erfahrungen

Sepp Kerschbaumer wurde am 9. November 1913 als Sohn des Josef Kerschbaumer und der Luise Zelger in Frangart bei Bozen geboren.1 Der Vater, 1917 an der Tiroler Südfront gefallen, stammte vom Ritten, die Mutter aus Aldein. Durch Sparsamkeit und Fleiß hatte es die Familie Kerschbaumer zu bescheidenem Wohlstand und Ansehen gebracht. Als Angestellter der Firma Amonn war es dem Vater möglich gewesen, das Gemischtwarengeschäft in Frangart aufzubauen, das Sepp Kerschbaumer später übernehmen sollte. Sepp Kerschbaumer verlor aber den Vater bereits mit fünf und die Mutter mit neun Jahren. Nach dem Tod der Mutter kam er daher in ein Heim, zuerst in das Rainerum in Bozen, dann zu den Augustiner Chorherren in Neustift, wo er bis zum 14. Lebensjahr die kaufmännische Vorbereitungsschule absolvierte. Eine höhere Schule besuchte er nicht, doch dürfte er in Bozen und Neustift eine recht solide Grundausbildung erfahren haben. Seine spätere Gewandtheit in der Handhabung der Feder lässt darauf schließen, dass er gute Deutschlehrer hatte. Nach Abschluss der Schule in Neustift begann Sepp Kerschbaumer in einem Brixner Porzellangeschäft die Kaufmannslehre; wäre er nicht im Mai 1933 zum Militärdienst eingezogen worden, hätte er nun bald das vom Vormund verwaltete Gemischtwarengeschäft übernehmen können. So führte das Geschäft vorläufig Martin Alessandri aus Frangart weiter. Auch nach der Entlassung aus dem Militärdienst war es ihm nicht möglich, sich beruflich selbstständig zu machen. Jetzt war es die Politik, die ihm einen Strich durch die Rechnung machte. Es ist nicht bekannt, ob sich Sepp Kerschbaumer in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren viel mit Politik befasst hat. Sicher ist, dass sich die Lage in Südtirol um 1933/34 verschärfte und dabei oft der Friedfertigste vom Sog der Zeit erfasst wurde. Der im Herbst ins Land gekommene neue Präfekt Giuseppe Mastromattei schlug einen Kurs ein, der den Menschen in Südtirol das Leben schwer machte. Eine forcierte Zuwanderung sollte das ethnische Verhältnis auf den Kopf stellen und das deutsche Element an den Rand drücken. Letztes Ziel dieser Politik war die Assimilation der einheimischen Bevölkerung. Die Südtiroler führten damals ein Leben zwischen Resignation, äußerer Anpassung und Hoffnung. Die ältere, mehr an den Männern des aufgelösten Deutschen Verbandes und am Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA) orientierte Generation sah in den Diktaturen in Italien und in Deutschland vorübergehende Erscheinungen. Ihr war daran gelegen, die Stürme möglichst gedeckt und in Passivität durchzustehen, bis eine bessere Zeit anbrach. Vom Nationalsozialismus erwartete sie sich keine Erlösung aus der Notlage. Im Unterschied dazu setzte die Jugend, vornehmlich die im Völkischen Kampfring Südtirols (VKS) organisierte, ihre Hoffnungen auf das aufstrebende nationalsozialistische Deutschland.

Sepp Kerschbaumers Eltern

Nur das von Hitler geführte Deutschland, niemals das kleine Mussolini-hörige Österreich, schien in die Lage zu kommen, das Unrecht von Saint Germain und Versailles zu beseitigen und Südtirol zu befreien. Neue Nahrung erhielten diese Tendenzen im Herbst 1934 durch Gerüchte über eine bevorstehende Volksabstimmung im Saargebiet. Das Saarstatut (Art. 45 bis 50 des Versailler Vertrags) hatte das Saargebiet ab 1920 für 15 Jahre dem Völkerbund treuhändisch unterstellt. Artikel 49 dieses Abkommens sah vor, dass nach Ablauf dieser Frist die Bevölkerung dieses Gebietes befragt werde, „unter welche Souveränität sie zu treten wünscht“.2 Das Saarvolk konnte also entscheiden, ob das Saargebiet an Frankreich fallen oder heim ins Reich kommen solle. Das Datum für die Abstimmung war auf den 13. Jänner 1935 festgesetzt. Solche Vorgänge wurden in Südtirol aufmerksam verfolgt. In St. Pauls hatte der Dopolavoro der Gemeinde einen Radioapparat geschenkt, der angeblich so eingestellt war, dass er alle Sendungen aus dem Deutschen Reich übertrug. Man war daher gut informiert über all das, was sich in Deutschland ereignete, ab 1933 freilich immer im Sinne der nationalsozialistischen Propaganda. In St. Pauls gab es keine Carabinieri-Station. Daher konnte sich dort auch unter der Führung von Franz Schweigkofler eine starke Ortsgruppe des VKS etablieren und entfalten. Diese Ortsgruppe veranstaltete am 9. September 1934 in St. Pauls ein Wiesenfest. An diesem Fest nahm auch Sepp Kerschbaumer im Verein mit mehreren Burschen aus Frangart teil. Und dies sollte ihm zum Verhängnis werden.

Dieses Schulzeugnis beweist, dass Sepp Kerschbaumer ein begabter Schüler war. Er führte nicht nur eine gute Feder, sondern war euch ein ausgezeichneter Kopfrechner, „schnell und genau wie ein elektronischer Taschenrechner“, erinnern sich seine Töchter.

Die Veranstaltung war nämlich von VKS-Leuten „ferngesteuert“ und nahm bald den Charakter einer NS-Kundgebung an.3 Es wurden Hakenkreuze gestreut, das Horst-Wessel-Lied gesungen, die Heimkehr der Saar im Voraus gefeiert und Hochrufe auf den Führer ausgebracht: alles Dinge, die streng verboten waren. Ein Angestellter der Gemeinde Eppan, ein Südtiroler Renegat, meldete diese Vorgänge den Carabinieri. Aus Bozen kam ein Überfallskommando herbei, das die jungen Männer verhaften wollte. Doch die wehrten sich. Nach heftigen Auseinandersetzungen sah man „die kreidebleichen Beamten mit gezogenen Pistolen den Rückzug antreten“.4 Der Denunziant bekam eine Tracht Prügel; zudem wurden die Reifen seines Autos aufgeschlitzt. Doch die Rache folgte auf den Fuß. Schon am nächsten Tag wurden 15 Personen – darunter zwei Mädchen – aus St. Pauls und Umgebung verhaftet und in das Gefängnis von Bozen eingeliefert. Mitte Oktober fällte die Konfinierungskommission in Bozen unter dem Vorsitz des Präfekten Mastromattei das Urteil: Von den Frangartern wurden nach Süditalien in die Verbannung geschickt: Josef Paizoni, Alois und Anton Tartarotti, Amalia Roner, Gottfried Stampfer, Heinrich Spitaler und Josef Kerschbaumer.5 Das Strafausmaß belief sich auf zwei bis vier Jahre. Kerschbaumer erhielt zwei Jahre. Heinrich Spitaler war übrigens der Bruder der zukünftigen Frau Kerschbaumers, die sich in dieser Sache zum ersten Mal für ihren Sepp schlagen durfte.Sie eilte auf Geheiß ihres Vaters sofort hinein nach Bozen zum Präfekten Mastromattei, um das Schlimmste zu verhüten. „Ich muss sie einfach bestrafen“, soll der Präfekt zu ihr gesagt haben. „Das kann ich nicht durchgehen lassen.“ Er habe ihr aber versprochen, so Maria Kerschbaumer, dass er die Verurteilten „in einem Privathaus gut unterbringen wird und dass sie sonst nichts zu befürchten hätten“.Präfekt Mastromattei hat Wort gehalten, und so haben ihr späterer Mann und ihr Bruder bei Potenza „die schönsten Monate ihres Lebens verbracht“.Wenn die Anzeichen nicht ganz trügen, so war Sepp Kerschbaumer an dem Vorfall in St. Pauls nicht mit Überzeugung beteiligt gewesen. Robert Helm, einer der maßgebendsten Aktivisten des VKS, bekennt in seinem Abriss über die Geschichte des VKS ganz offen, dass das Wiesenfest „ferngesteuert“ war. Die als Herbstfest getarnte Veranstaltung war eine „n. s Kundgebung“. Somit wären einige Teilnehmer ahnungslos in die Affäre hineingeraten, unter ihnen vielleicht auch Kerschbaumer. Eines steht jedenfalls außer Zweifel: Sepp Kerschbaumer hat von seiner Verbannung nie ein Aufhebens gemacht. Im Gegenteil, ihm schien es gar nicht recht, dass man darüber sprach und ihn nach den genaueren Umständen fragte. Pepi Fontana suchte bei einem der vielen Rundgänge im Gefängnishof von ihm den Grund für die Verbannung zu erfahren. „Ein Blödsinn“, war die Antwort. Er versuchte es ein zweites und ein drittes Mal, jedoch immer mit dem gleichen Erfolg: „Ein Blödsinn“. Anspruchslos, wie er war, bezeichnete auch er die Zeit der Verbannung als die schönste Zeit seines Lebens. Er war bei einfachen, aber netten Bauers- oder Pächtersleuten untergebracht, für die Südtirol ein spanisches Dorf war. Einmal am Tag musste er sich bei der Polizei melden. Auch dort fand er freundliche Menschen vor.

Der Polizei war wichtig, dass er keine Schwierigkeiten machte und die vorgeschriebene Ordnung einhielt. Da bestand bei Sepp Kerschbaumer keine Gefahr. Er war verlässlich und pünktlich wie eine Uhr. Vom Staat erhielt er ein Tagegeld, von dem er Kost und Unterkunft bestreiten musste. Er lebte so sparsam und genügsam, dass er sich noch ein paar Lire auf die Seite legen konnte. Doch einmal geht, um mit Kerschbaumer zu reden, „auch die schönste Zeit“ vorbei. Im August 1935 hielt das italienische Militär in Südtirol große Manöver ab. Zu diesem Anlass berief Mussolini eine Sitzung des Ministerrats nach Bozen ein. Um dem Ganzen einen schönen Abschluss zu geben, begnadigte er mit einem Federstrich 50 verbannte Südtiroler. Und so konnte auch Sepp Kerschbaumer im Herbst 1935 nach Südtirol zurückkehren.6

Gründung eines eigenen Hausstandes

Nach seiner Rückkehr aus der Verbannung konnte Sepp Kerschbaumer endlich das Geschäft in Frangart von seinem Vormund übernehmen. Sein Stand als Vollwaise legte ihm nahe, so bald wie möglich eine Familie zu gründen. Bereits in der Bibel heißt es, dass es nicht gut sei, dass der Mensch allein sei. Und die Bibel nahm Kerschbaumer schon als junger Mann ernst. Aber auch politische Überlegungen dürften ihm diesen Entschluss nahegelegt haben. Die Verbannungsgeschichte hatte deutlich genug gezeigt, dass man von einem Tag auf den anderen aus dem Arbeitsleben herausgerissen werden konnte.

Sepp Kerschbaumer als Klarinettist der Musikkapelle Frangart um 1934. Zweite Reihe von oben, fünfter von links

Ob sich dann wieder sofort jemand fand, der einsprang, war erst die Frage. Es sprach also alles dafür, ans Heiraten zu denken. Seine Wahl schien schon seit längerer Zeit festgestanden zu sein: Maria Spitaler aus Frangart wollte er zum Traualtar führen. Der Vater der Braut, Franz Spitaler, hatte gegen das Ehevorhaben an sich nichts einzuwenden, wäre da nur nicht diese Konfinierungsgeschichte gewesen. Franz Spitaler hatte das Ereignis wie einen Schuss vor den Bug aufgefasst. Das Familienschiff seiner Tochter sah er bei den heftigen politischen Leidenschaften seines zukünftigen Schwiegersohnes und den Zeiten voller Ungewissheiten großen Gefahren ausgesetzt. Deshalb verlangte er von ihm, dass er Haus und Geschäft noch vor der Hochzeit auf seine Tochter überschreibe, ansonsten könne er sein Einverständnis zu dieser Ehe nicht geben. Sepp Kerschbaumer ist dieser Verzicht wohl nicht schwergefallen.7 Denn zum Ersten wusste er den Besitz bei seiner Frau in guten Händen, und zum Zweiten lag ihm als franziskanischem Menschen nicht viel an irdischen Gütern. Nur eine kleine Obstwiese, die er Jahre später kaufte, behielt er für sich. Die war sein buen retiro, wenn die Politik oder sonstige Ereignisse ihn um die Ruhe brachten. Wahrscheinlich hing er deshalb so an diesem Grundstück, weil es ihm harte Arbeit abverlangte, bis er dort anpflanzen konnte. Ursprünglich ein Schilffeld (Strebmoos), musste er den Grund erst entwässern und „aufbessern“, damit er etwas abwarf. Mit Pickel und Schaufel zog er Gräben, füllte die Gräben mit Schotter auf und deckte das Ganze mit einer dicken Schicht Erde zu.8

Sepp Kerschbaumer mit Freunden am Tonalepass, um 1930

Sepp Kerschbaumer mit einem Freund vor dem Petersdom in Rom im Zuge einer Radtour Anfang der 1930er-Jahre

Sepp Kerschbaumer als stolzer Familienvater

Zur Heirat kam es am 29. April 1936. In der jungen Ehe stellte sich bald auch schon der Kindersegen ein. 1937 kam Seppl auf die Welt, 1939 Marialuisa, 1940 Mali, 1942 Helga, 1948 Franz und 1956 Christl. Sechs an der Zahl wurden es innerhalb von zwanzig Jahren.

Die Kriegszeit 1939 bis 1945

1939: Gehen oder bleiben?

Die Zeitläufte brachten es mit sich, dass die junge Familie Kerschbaumer schon bald – wie mehr oder weniger alle Familien in Südtirol – schweren Stürmen ausgesetzt wurde. Bekanntlich wollten Mussolini und Hitler das Südtirol-Problem ein für alle Mal aus der Welt schaffen. Etwas drastisch, aber durchaus angemessen ausgedrückt, sollte das Land an Etsch und Eisack als Schmiere für die Achse Rom–Berlin dienen. Das Abkommen vom 23. Juni 1939 stellte die Südtiroler vor eine grausame Alternative: Verbleib bei Italien und damit Verlust der Nationalität und möglicherweise Umsiedlung nach Süditalien oder gar nach Afrika oder Auswanderung nach Deutschland und damit Erhalt des Volkstums. „Hinaus oder hinunter“, „Germania o Abissinia“ lauteten die Schlagworte, die damals die Menschen um den Schlaf brachten und die Geister entzweiten. Niemand konnte sich einer Entscheidung entziehen. Denn auch eine Nichtoption galt als Option, nämlich als Option für die Beibehaltung der italienischen Staatsbürgerschaft. Leider finden sich keine Briefe, privaten Aufzeichnungen oder amtlichen Dokumente, die es ermöglichten, Kerschbaumers Drama aus der Optionszeit genauer nachzuzeichnen. Man ist hier gänzlich auf mündliche Auskünfte und Überlieferungen angewiesen. Laut Aussage seines Schwiegersohnes Peter Kerschbaumer9 sei Sepp Kerschbaumer in dieser Zeit ein „recht heftiger Hitlerschreier“ gewesen, er habe unbedingt auswandern wollen. Auch seine Frau weiß zu berichten, dass Sepp Kerschbaumer für das Auswandern Propaganda gemacht und viele Familien unterstützt hat, die ausgewandert sind. „Selbst sind wir aber nicht gegangen, da hab ich ihm nicht mitgetan.“ Ihr sei es auch gelungen, seinen Antrag um vordringliche Auswanderung zu blockieren, worüber er eigentlich nicht unglücklich gewesen sein soll. „Denn ganz wohl ist ihm ja auch nicht gewesen bei der Angelegenheit.“ Kaum war diese Aufregung vorbei, erfasste ihn eine neue Welle. Anfang September 1939 brach der Krieg aus. Sepp Kerschbaumer machte sich Vorwürfe, weil er immer noch daheim war, während andere schon im Feld standen. „Vor lauter Deutschtum im Kopf“, erzählt seine Frau, „hat er gesagt: Ich muss für die Heimat etwas tun. Ich sehe nicht ein, daß die anderen alle einrücken müssen, und wir sitzen bequem daheim. Er wollte ins Feld und hatte sich mit anderen Eppanern schon freiwillig gemeldet.“ Ihr soll es dann aber gelungen sein, diesen voreiligen Schritt rückgängig zu machen und Sepp vor dem Einrücken zu bewahren.

Sepp Kerschbaumer Ende der dreißiger Jahre

Mit der Zeit kühlte die Begeisterung Kerschbaumers für das Deutsche Reich ziemlich ab. Einen ersten nachhaltigen Dämpfer erhielt sein Enthusiasmus im Jänner 1942, als er in Berlin mit Willy Alessandri und Sepp Kaseroler einen landwirtschaftlichen Lehrgang besuchte. Da war Schmalhans Küchenmeister, zu essen gab es wenig, und das wenige war mager.

Das Arbeitsprogramm war aber streng und dicht. Für viele Beobachtungen fand sich weder Zeit noch Gelegenheit.10 Aber eines war nicht zu übersehen: Die Versorgung mit Nahrungsmitteln war nicht mehr die allerbeste im Reich, und Sepp Kerschbaumer war sichtlich froh, wieder zu Hause zu sein, wo an Kartoffeln noch nicht gespart werden musste. Er ist von Berlin recht bedrückt und nachdenklich zurückgekommen, erzählen einige Familienangehörige.

Die große Verweigerung?

Eine neue Wende ins Positive schien die Politik für Südtirol im Sommer 1943 zu nehmen. Italien scherte aus dem Bündnis mit Deutschland aus. Die Wehrmacht besetzte Südtirol und Italien. Wie für die meisten Südtiroler war dieser Tag auch für Sepp Kerschbaumer ein Festtag. Jahrzehnte der Demütigung und Erniedrigung, der gewaltsamen Entnationalisierung schienen wie weggeblasen. Man war allgemein der Auffassung, das nunmehr von den Deutschen besetzte Land werde nie mehr unter italienische Oberhoheit kommen. Kurzum, die Südtiroler fühlten sich wieder als Herren im eigenen Lande. Dass aber nur Beelzebub den Teufel verjagt hatte, das sahen die allerwenigsten.

Es dauerte denn auch nicht lange, dass alles ganz anders kam als erhofft und erwartet. Wohl erhielt man wieder deutsche Schulen, konnte man in den Ämtern wieder Deutsch sprechen, nahm das kulturelle Leben im Lande einen neuen Aufschwung. Aber Südtirol blieb nach wie vor bei Italien. Hitler wollte seinen Bundesgenossen Mussolini nicht vor den Kopf stoßen. Sepp Kerschbaumer gefiel aber noch so manches andere nicht. Da war schon einmal der schnarrende Ton, den nicht wenige Landsleute von den deutschen Behörden und Militärs übernahmen. Dieser Ton war dem empfindsamen Menschen bis in die Seele hinein zuwider. Die plötzliche Machtfülle schien manchem zu Kopf gestiegen zu sein. Am meisten aber litt Kerschbaumer, wenn er zusehen musste, wie Leute von den neuen Behörden mit zweierlei Maß behandelt wurden. Ihn plagte mehr und mehr die Angst, eines Tages in irgendeine Schweinerei hineingezogen zu werden. Ob man schuldig wurde oder nicht, hing damals ja vielfach nicht vom eigenen Willen, sondern vom Zufall ab. Sepp Kerschbaumer war erleichtert, als er mit einer Kompanie des Polizeiregiments Bozen nach Belluno zum Partisaneneinsatz kam. Er war zwar vorher ausgebildet worden, doch ein tüchtiger Soldat dürfte er nicht gewesen sein. Ihm haftete nicht nur bei der landwirtschaftlichen Arbeit eine gewisse Ungeschicklichkeit an, ihm bereitete alles, was mit Technik zu tun hatte, Schwierigkeiten. Daher war er auch zum Sprengen nicht zu gebrauchen. Pepi Fontana fragte ihn einmal: „Sepp, soll ich dir zeigen, wie man das macht?“ „Nein, nein“, wehrte er ab, „das hat keinen Sinn, i derlearn deis decht nit.“ Schwer vorzustellen, wie er mit einem Schießgewehr zurechtkam. Wie er Pepi Fontana erzählte, kam er nie zu einem eigentlichen Partisaneneinsatz. Er musste viel Posten schieben und eingefangene Partisanen bewachen. „Jetzt erst weiß ich, was es heißt, mit erhobenen Armen stundenlang dastehen zu müssen“, meinte er einmal. Was das heißt, hat er nämlich im Juli 1961 in der Carabinieri-Kaserne von Eppan an sich selbst erlebt. Im Übrigen hatte er auch in Belluno erfahren müssen, dass nicht immer Tatbestände, sondern oft Zufälle oder gewisse Verbindungen über Leben oder Tod eines Menschen entschieden. Es kam vor, dass mehrere Partisanen eingeliefert wurden. Plötzlich kam ein Befehl, der und der seien sofort freizulassen. Sie seien irrtümlich verhaftet worden. In Wirklichkeit hatte die Schwester eines dieser Männer mit dem Kommandanten ein Verhältnis.

Im Zusammenhang mit Kerschbaumers Einsatz in Belluno ist ein Ereignis erwähnenswert, das allerdings nicht endgültig rekonstruiert werden konnte. Sepp Kerschbaumer soll dort laut Aussage seines Schwiegersohnes Peter Kerschbaumer zu einer Hinrichtung abkommandiert worden sein. Kerschbaumer hätte aber Gewissensgründe geltend gemacht und die Teilnahme an der Erschießung verweigert. Peter Kerschbaumer hat diese Information von einem gewissen Ernst Deisinger aus Roßdorf bei Darmstadt, der damals Bursche des Kompaniechefs gewesen war. Deisinger war nach dem Krieg mit seiner Familie öfters Gast bei Sepp Kerschbaumer in Frangart, unter anderem auch in den Tagen der Verhaftung. Er ist aber schon im Jahre 1990 gestorben. Es ist daher nicht möglich, diese Aussage zu überprüfen. Kerschbaumer selbst soll in seiner Familie nie über diese Episode gesprochen haben. Er erwähnte sie auch nie in den Gesprächen mit seinen Mithäftlingen im Gefängnis. Dies hat aber nichts zu sagen. Sepp Kerschbaumer war in allen Dingen, die ihn selbst betrafen, ein außergewöhnlich verschlossener Mensch. Es könnte daher durchaus sein, dass er diesen Vorfall in seiner Bescheidenheit verschwiegen hat.

Eines jedenfalls scheint sicher zu sein: Der Charaktermensch Sepp Kerschbaumer, dem später dann als Angeklagtem vor Gericht selbst die Richter und Staatsanwälte Respekt bekundeten, scheint in diesen beiden letzten Kriegsjahren seine endgültige Lebenslinie gefunden zu haben. Aus dem „recht heftigen Hitlerschreier“ von 1939 ist in den Jahren 1943 bis 1945 ein entschiedener Hitlergegner geworden. 1961 sagte er einmal zu Pepi Fontana im Gefängnis: „So wie wir jetzt alles überblicken, müssen wir froh sein, dass Deutschland den Krieg verspielt hat. Nicht auszudenken, wie das Leben heute in Europa wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte.“

Enttäuschte Hoffnungen

Der Neubeginn von 1945

Vornehmlich Männer aus Dableiberkreisen gründeten am 8. Mai 1945 in Bozen die Südtiroler Volkspartei. Nach über zwei Jahrzehnten Fremdbestimmung bekamen so die Südtiroler wieder eine eigene politische Führung. Das Programm der jungen Partei war kurz, aber durchdacht und klar. Sie setzte sich zum Ziel:

1. Nach 25jähriger Unterdrückung durch Faschismus und Nationalsozialismus den kulturellen, sprachlichen und wirtschaftlichen Rechten der Südtiroler auf Grund demokratischer Grundsätze Geltung zu verschaffen.

2. Zur Ruhe und Ordnung im Lande beizutragen.

3. Ihre Vertreter zu ermächtigen – unter Ausschluß aller illegalen Methoden – den Anspruch des Südtiroler Volkes auf Ausübung des Selbstbestimmungsrechtes bei den alliierten Mächten zu vertreten.

Am 5. Mai 1946 demonstrierten auf Schloss Sigmundskron rund 20.000 Südtiroler für die Rückkehr ihres Landes zu Österreich.

Im Aufruf, der zugleich mit dem Programm erschien, hieß es: „Nicht Haß, Gewalt und nationale Überheblichkeit, sondern gegenseitiges Verstehen, Freiheit der Persönlichkeit, Achtung vor der Menschenwürde und ein auf ewigen, göttlichen und menschlichen sittlichen Gesetzen beruhendes Handeln sichern nicht nur dem einzelnen, sondern auch einem Volke die Kraft, sich zu behaupten und zu erhalten.“11 Dies waren Grund- und Leitsätze ganz nach dem Herzen Sepp Kerschbaumers.

Es finden sich keine Unterlagen, die Aufschluss darüber geben könnten, wie Sepp Kerschbaumer diese Zeit des Hoffens und Bangens erlebt und beurteilt hat. Man geht aber sicher nicht fehl in der Annahme, dass er sich Hoffnungen machte, Hoffnungen auf eine grundsätzliche Wende, konkret auf die Gewährung des Selbstbestimmungsrechtes, noch genauer: auf die Rückkehr Südtirols zu Österreich. Doch es kam anders. Der Wunsch der Südtiroler war eines, das Spiel der Mächte etwas anderes. Die Außenministerkonferenz beschloss am 30. April 1946, zwischen Österreich und Italien keine größeren Grenzverschiebungen vorzunehmen. Das hieß mit anderen Worten, dass Südtirol bei Italien zu verbleiben hatte. Ganz Tirol reagierte auf diese Entscheidung mit einer Welle von Demonstrationen. In Innsbruck trat die Landesregierung zurück. In ganz Nordtirol wurde ein Generalstreik ausgerufen. In Südtirol kam es zu einer Reihe von Kundgebungen: Am 5. Mai 1946 forderten in Sigmundskron, in Brixen und in Meran Zehntausende Südtiroler eine Volksabstimmung. Am 12. Mai vereinigten sich die Wipptaler in Sterzing, am 19. Mai die Eisacktaler in Klausen und die Vinschgauer in Schlanders, am 28. Mai die Pusterer, die Enneberger, die Ampezzaner und die Buchensteiner in Toblach zu Kundgebungen für das Selbstbestimmungsrecht.12 Alles umsonst. Auf der Friedenskonferenz in Paris konnte der österreichische Außenminister nur mehr mit Italien ein Abkommen schließen, das Südtirol eine Autonomie in Aussicht stellte. Der Volksbote in Bozen bedauerte, dass Südtirol die Entscheidung über seine staatliche Zugehörigkeit verweigert worden war. Doch machte er den Lesern auch etwas Mut. Immerhin, meinte das Blatt, sei den Südtirolern das beschränkte Recht eingeräumt worden, sich selbst zu regieren.13

Vom Pariser Vertrag bis zum Autonomiestatut

Wurde Südtirol wirklich das Recht eingeräumt, sich selbst zu regieren? Darüber kamen schon in Paris Zweifel auf. Die Tinte der Unterschriften war noch nicht trocken, da wartete der italienische Ministerpräsident Alcide Degasperi mit einer Interpretation auf, die Schlimmes ahnen ließ. Und in der Tat nahm Rom bei der Umsetzung des Abkommens Abstriche vor, die den Autonomiegedanken in sein Gegenteil verkehrten. Statt der allseits erwarteten Landesautonomie wurde praktisch nur eine Regionalautonomie gewährt, in der die Trentiner das Sagen hatten und die Italiener insgesamt über eine Zweidrittelmehrheit verfügten. Dass eine von Christdemokraten geführte Regierung die Politik der Entnationalisierung und Unterwanderung der Faschisten fortsetzte, das war für den katholischen Fundamentalisten Sepp Kerschbaumer wohl eine der größten Enttäuschungen seines Lebens. Denn für ihn war es nicht nur eine Selbstverständlichkeit, dass sich die Politik an christlichen Grundsätzen zu orientieren hatte. Ein ebenso selbstverständliches Gebot war es ihm, Religion und Lebensführung grundsätzlich in Einklang zu bringen, im Großen wie im Kleinen. Wie kann die freie Welt ihrem Hauptfeind, dem Weltkommunismus, offen entgegentreten, wenn in ihrem Innern grundsätzliche Freiheitsrechte missachtet werden, fragte er sich immer wieder. Dass selbst christliche Demokraten nur Machtpolitik betrieben und nur die Interessen ihres Staates sahen, machte Sepp Kerschbaumer schier fassungslos.

Es scheint, dass sich Sepp Kerschbaumer in der ersten Nachkriegszeit primär lokalen Aufgaben widmete. Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit, dass er der Südtiroler Volkspartei beitrat. Wie bei allen Dingen war auch hier sein Einsatz total. Halbheiten gab es keine. Schon 1946 wurde er zum Fraktionsvorsteher von Frangart bestellt. Diese Funktion übte er bis 1956 aus. Überzeugt, dass eine gute Schulbildung das größte Kapital ist, das man einem jungen Menschen auf den Lebensweg mitgeben könne, setzte er sich als Fraktionsvorsteher mit ganzer Kraft für den Bau eines Schulhauses in Frangart ein. Wenn er sich ein Projekt dieser Art vornahm, dann zog er es rasch durch. Für bürokratische (manchmal auch vom Gesetz vorgeschriebene) Umständlichkeiten hatte er kein Verständnis. Die Gemeindeverwaltung in Eppan hatte es da nicht immer leicht mit ihm. „Anfangen und fertig machen“, war seine Devise. Bereits 1948 wurde das neue Gebäude eingeweiht und bezogen.14 Ungefähr von 1946 bis 1958 – Anfang und Ende lassen sich nicht mehr genau ermitteln – war er auch Obmann der SVP-Ortsgruppe von Frangart. Auch diese Funktion nahm er ernst. Hermann Nicolussi-Leck berichtete 1957 dem Parteiausschuss, dass Kerschbaumer seine Ortsgruppe „ausgezeichnet beisammen“ hat; er genieße volles Vertrauen; ganz Frangart stehe hinter ihm.15 Es gibt Hinweise, die den Schluss nahelegen, dass er um 1958 diese Funktion niederlegte, weil er die SVP nicht gefährden wollte. Im Laufe dieses Jahres war er nämlich zu der Überzeugung gelangt, dass der italienischen Majorisierungspolitik nur mehr mit Dynamit Einhalt geboten werden könne. Und daraus zog er die ihm erforderlich scheinende Konsequenz. Mit seinem Rücktritt als Ortsobmann setzte er sich aber innerlich nicht von der Südtiroler Volkspartei ab. Sie war und blieb – allem Ärger und allen Enttäuschungen zum Trotz – seine politische Heimat.

Halt in der Familie

Wie war der Mensch und Familienvater Sepp Kerschbaumer? Da ist einmal seine Religiosität, die sein Denken und Handeln bestimmte. Für die Tochter Helga sind die Wurzeln hierfür wahrscheinlich im Heim gelegt worden. Disziplin, Pflichtbewusstsein und Strenge – vor allem Strenge gegen sich selbst – waren für ihn immer selbstverständliche Leitlinien; auch das wahrscheinlich ein Erbe der Heimerziehung.

„Früh aufstehen und hart arbeiten, das war das Motto seines Lebens. Er hat gerne hart gearbeitet“, erinnert sich die Tochter. Vor allem die Arbeit in den Obstwiesen machte ihm Freude. Doch ein Bauer sei aus ihm nie geworden: „Dem Vater haftete einfach eine gewisse Ungeschicklichkeit an, er konnte besser mit der Feder als mit der Sense umgehen.“ Von seiner äußeren Erscheinung her aber war er der Bauer. Kam er in der blauen Schürze und im abgetragenen karierten Jöppl daher, glaubte man, er trage das Festtagsgewand. Zog er den schwarzen Anzug an und band er sich eine Krawatte um, so stellte er nichts Besonderes vor.

In den Jahren bevor er sich intensiv mit Politik befasste, ergriff er verschiedene Initiativen, um das Einkommen zu verbessern. Er war ein Mensch voller Ideen und Tatendrang. Einmal verlegte er sich auf eine Hasenzucht, dann ging er zur Schafzucht über, schließlich widmete er sich dem Gemüseanbau. Und so nebenbei erbaute er, um 1956/57, das Gasthaus Schloßwirt in Frangart.16 Wenn er glaubte, dass es sich arbeitsmäßig gerade gut ausgehe, konnte er für ein paar Tage auch alles hinwerfen und eine Fahrt unternehmen. Solche Entschlüsse waren nicht das Ergebnis langer Planung, sondern eines spontanen Einfalls. So unternahm er 1950 ganz plötzlich mit seinem Freund Willy Alessandri einen Ausflug zum Gardasee, und weil es so schön war, vom Gardasee nach Genua, und von Genua ging die Reise auch noch nach Mailand.17 Nicht immer glücklich über solche Initiativen war seine Frau, die sich von einem Tag auf den anderen darauf einstellen musste, dass sie den Laden für mehrere Tage oder für eine ganze Woche allein weiterzuführen hatte. Wenn die Tochter Helga sagt, dass aus ihm nie ein Bauer geworden sei, hat sie noch in einem weiteren Sinne recht. Bei der Arbeit in den Feldern war er mit seinen Gedanken mehr bei der Politik als bei der Arbeit. Beim Umstechen oder beim Baumschneiden in der Obstwiese, so erzählte er einmal Pepi Fontana, seien ihm meistens die besten Gedanken gekommen. Er trug stets Bleistift und Papier bei sich. Fiel ihm ein Gedanke für das nächste Rundschreiben ein, so hielt er ihn sofort fest. Er hatte nämlich die Erfahrung gemacht, dass die beste Idee und die glänzendste Formulierung unwiederbringlich weg waren, wenn er sie nicht gleich zu Papier brachte.

Sepp Kerschbaumer und Willy Alessandri vor dem Mailänder Dom bei der Motorradfahrt Frangart–Genua–Mailand–Frangart, um 1950

Sepp Kerschbaumer in seiner Obstwiese

So etwas wie einen Achtstundentag kannte Sepp Kerschbaumer nicht. Er war ein Frühaufsteher und blieb es sein Leben lang. Jeden Tag, ob der Himmel klar war oder trüb, ob es regnete oder schneite, fuhr er mit dem Fahrrad oder mit dem Vicky nach Bozen zur Fünf-Uhr-Messe. „Mit Vorliebe besuchte er die Herz-Jesu-Kirche oder verweilte im Gebet vor dem historischen Herz-Jesu-Bild im Dom.“18 Dass er unter keinen Umständen die Sonntagsmesse ausließ, versteht sich von selbst. Der Sonntag gehörte dem Herrgott, der Familie und – in zunehmendem Maße – der Politik. Seine Tochter Helga erinnert sich, dass er jede freie Minute nützte, um zu lesen oder zu schreiben. „Die Sonntage vor allem, da war er den ganzen Tag zu Hause und hat geschrieben“. Er dürfte es immer als Mangel empfunden haben, keine höhere Schulbildung genossen zu haben. Umso mehr war er darauf bedacht, seine Kinder mit guter Lektüre zu versorgen. „Er hat uns Bücher gekauft und ist auch in die Bücherei gegangen, um sie auszuleihen“, erzählt Helga Kerschbaumer. Das sei damals in den 1950er-Jahren nicht üblich gewesen bei den Familien der Umgebung. Auch ein Grammofon hat es bei den Kerschbaumers gegeben, und das hatte zur Folge, dass die Familie automatisch der Treffpunkt für die Jugend von Frangart wurde. „Vielleicht wollte er uns unter Kontrolle haben“, deutet die Tochter die Großzügigkeit des Vaters. Eine Zeit lang lernte er sogar Ziehorgel spielen, um daheim musizieren zu können.19 Wahrscheinlich waren es später die steigenden Ansprüche der Politik, die ihn zwangen, das Musizieren aufzugeben.

Dem disziplinierten, ernsthaften Menschen bedeutete die Familie alles. Die Familie war ihm vielleicht auch deshalb wichtig, weil er die eigene so früh verloren hatte. „Er war immer daheim“, erinnert sich die Tochter. Die Erziehung der Kinder habe eindeutig der Vater bestimmt, wobei die Strenge, die er sich selbst zumutete, auch für die Familie zur Richtschnur wurde. Bei aller Bescheidenheit und Demut: Herr des Hauses blieb er. Die Geschäftsführung hat er nie abgegeben, selbst in den Zeiten nicht, als die Politik und die Vorbereitung des Kampfes im Untergrund ihm praktisch kaum mehr Zeit für das Geschäft ließen. Doch wusste er immer, dass seine Frau und die Töchter den Laden schon schmeißen würden.

Wenn man sagt, dass Sepp Kerschbaumer ein Familienmensch war, dann ist das in einem etwas weiteren Sinn zu verstehen. Zur Familie gehörten auch die Nachbarsleute. Die Grenzen von seinem eigenen Hausstand zur Dorfgemeinschaft waren fließend. Wenn auch im Auftreten bescheiden und zurückhaltend, war er ein kontaktfreudiger und geselliger Mensch, der die Bekanntschaften und Freundschaften pflegte. Freilich war es nicht die laute Gesellschaft, die er suchte, sondern das abendliche Gespräch mit Freunden und Nachbarn, kurz mit Leuten, mit denen er sich gut verstand.

Das Gebot, dass man den Sonntag heiligen müsse, stand für Sepp Kerschbaumer außer Diskussion. „So war ihm besonders die Sonntagsarbeit ein Dorn im Auge. Und zwar hätten nach ihm nicht bloß die knechtlichen Arbeiten an Sonn- und Feiertagen abgeschafft werden sollen, sondern auch die Nachtarbeit.“20 Konsequent wie er war, aß er sonntags nie frisches Brot, weil er es nicht für richtig fand, dass die Bäcker in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag arbeiten mussten. Streng hielt er sich auch an das Gebot, dass man den Namen Gottes nicht verunehren dürfe. Er war gewiss nicht die personifizierte Sanftmut. Im Gegenteil, man konnte ihn auch aufbrausend und zornig erleben. Nie aber kam ein Fluchwort über seine Lippen, selbst in der höchsten Erregung nicht. Gerade die Politik bietet Anlässe, sich aufzuregen und die Beherrschung zu verlieren. Aber da gab es für ihn Grenzen, die nicht überschritten wurden. Das schärfste Kraftwort, das er sich durchgehen ließ, war Porzellana.21

Zu den Wesenszügen Kerschbaumers gehörte, dass er ehrlich war. Das hatte dann aber zur Folge, dass er auch ein ehrlicher Steuerzahler war. Gib Gott, was Gottes ist, und dem Staat, was des Staates ist. Ein Grundsatz, der aber nur selten wörtlich genommen wird. Im Allgemeinen herrscht die Meinung vor, dass sich der Staat eh schon mehr nehme, als ihm zustünde. Dieser Ansicht war auch Kerschbaumers Steuerberater, ein Nonsberger, der mit ihm nicht sehr zufrieden war. Mehrmals bemerkte er: „Herr Kerschbaumer, es ist richtig und in Ordnung, dass Sie ein guter Tiroler sind, aber beim Steuerzahlen müssen Sie ein guter Italiener sein. Nur in diesem einen Falle, wohlgemerkt!“22 Für Sepp Kerschbaumer aber war es nicht einfach, seine Persönlichkeit in diese zwei Hälften aufzuspalten.

Sepp Kerschbaumer hielt auch Maß im Essen und Trinken. Alkohol trank er von einem bestimmten Tag an überhaupt keinen Tropfen mehr. Und das aus einem ganz bestimmten Grund. Es war im Frühjahr 1957 oder 1958, dass er mit einigen Freunden die Weinkost im Hotel Laurin in Bozen besuchte. Als das ganze Ritual der Verkostung durchgespielt war, verließ die Runde leicht angesäuselt und in herrlicher Stimmung das Hotel. Die frische Luft dürfte dazu beigetragen haben, dass die gute Laune bei Kerschbaumer in Übermut umschlug. Er erblickte auf der anderen Straßenseite einen Polizisten. Da überkam ihn die unbändige Lust, den Mann zu provozieren. Er ergriff einen Ligusterstock am Gehsteig und wälzte ihn in die Straßenmitte. Prompt eilte der Polizist herbei und fragte ihn, was ihm denn einfalle, ein solches Verkehrshindernis hier in den Weg zu stellen. Er hieß ihn ihm auf die Quästur zu folgen, die damals im Palais Widmann ihre Büros hatte. Bei der Durchsicht der Papiere stellte der Polizist fest, dass Kerschbaumer Vater von sechs Kindern war. Zu seinem Kollegen gewandt bemerkte er: „È padre di sei figli, lasciamolo andare – Er ist Vater von sechs Kindern, lassen wir ihn gehen.“ Der andere nickte. Dann zu Kerschbaumer: „Vada a casa Kerschbaumer, man non faccia più questi scherzi – gehen Sie nach Hause, Kerschbaumer, aber mache Sie keine solchen Scherze mehr.“ „Da waren sie doch wieder menschlich“, bemerkte er Pepi Fontana gegenüber. In der Tat: Ein verknöcherter Bürokrat oder ein Fanatiker hätte den Fall zu einem Skandal hochspielen können. Sepp Kerschbaumer war der Ausrutscher eine Lehre fürs ganze Leben. Er hatte zum ersten Mal erfahren, dass ihn der Alkohol zu einer Handlung verleiten konnte, die ihm sonst gar nicht in den Sinn gekommen wäre. Von diesem Tag an trank er keinen Tropfen Wein mehr, gar nicht zu reden von Spirituosen. Keine Runde und kein Anlass konnten ihn bewegen, auch nur an einem Glas zu nippen. Der Grundsatzmensch Kerschbaumer hatte einen Beschluss gefasst, und dabei blieb es.

Kerschbaumer und die Italiener

Eigenartigerweise hat die Politik in der Familie Kerschbaumer keine Rolle gespielt. Sepp Kerschbaumer, der so leidenschaftlich gern diskutierte und sich stunden- und nächtelang mit Freunden und Bekannten über die Landes- und Weltpolitik streiten konnte, hatte diesbezüglich in der Familie keinen Ansprechpartner. „Wir waren absolut unpolitisch und sind es auch heute noch“, betont Helga Kerschbaumer. Es wäre auch für seine Söhne und Töchter nicht ganz einfach gewesen, das Verhalten des Vaters zu verstehen. Er hatte eine Wut und oft auch so etwas wie einen heiligen Zorn auf das offizielle Italien, gleichzeitig aber griff er italienischen Zuzüglern unter die Arme, wenn sie in Not waren. Er unterschied nämlich streng zwischen den Menschen und der Politik. Das wird von allen, die ihn kannten, herausgestellt. Obwohl der ständige Zustrom von Neueinwanderern einer der Hauptgründe für die Radikalisierung innerhalb der deutschen Volksgruppe war und das Verhältnis zwischen den Sprachgruppen schwer belastete, hat dies Kerschbaumer nicht daran gehindert, dem einen oder anderen italienischen Industriearbeiter aus der Verlegenheit zu helfen, wenn er einmal ohne Mittel dastand.

Um die italianità Südtirols zu unterstreichen, veranstalteten nationalistische Kreise am 4. November 1955 in Bozen einen plebiscito tricolore. Associazioni patriottiche verteilten diese Karte mit der Aufforderung „Ad ogni finestra una bandiera“. Die Veranstaltung nahm den Charakter eines widerlichen faschistischen Spektakels an.

Einige von ihnen hatten sich auf der Suche nach billigem Wohnraum Ende der 1950er-Jahre auch in Frangart niedergelassen und so mit dem wohltätigen Menschen Sepp Kerschbaumer Bekanntschaft und auch Freundschaft geschlossen. Einem mittellosen Zugewanderten gab er in der ersten Zeit seines Aufenthaltes in Südtirol Lebensmittel auf Kredit. Einem anderen Italiener gewährte er ein Darlehen, ohne auch nur eine Quittung zu verlangen. Und wieder einem anderen schenkte er ein Fahrrad, damit er den weiten Weg zum Arbeitsplatz nicht zu Fuß gehen musste.23 Ein Industriearbeiter und ein Angestellter bei der Post haben ihm das auch vergolten, indem sie dann beim Mailänder Prozess für ihn ausgesagt haben, obwohl er das selbst nicht wollte, denn „was die Rechte getan hat, darf die Linke ja nicht wissen“.

„Der Einzelne kann ja nichts dafür“, lautete stets der Leitspruch des Christenmenschen Sepp Kerschbaumer. Die Politiker und die Regierung waren für ihn verantwortlich für die gespannte Situation in Südtirol.

„Mein Vater war mit mehreren Italienern regelrecht befreundet“, weiß Helga Kerschbaumer zu berichten. Ein Bekannter aus Süditalien, mit dem er in Kriegszeiten Bekanntschaft geschlossen hatte, sei immer wieder auf Besuch gekommen. „Es hat bei uns kein fanatisches Klima gegeben“, betont sie, „denn das wäre schon aus religiösen Gründen niemals möglich gewesen.“ Ein Klima selbstverständlicher Toleranz, und das in einer Zeit größter Spannungen, in der der BAS-Chef schon konkret ans Bombenlegen dachte: Dass das möglich war, hat mit der religiösen Geistigkeit von Sepp Kerschbaumer zu tun.

Eine Italienerin näht Fahnen am laufenden Band für den plebiscito tricolore. Im Hause Kerschbaumer in Frangart ist es Basl Moidl, die jedes Jahr vor dem Andreas-Hofer-Tag und dem Herz-Jesu-Sonntag Tiroler Fahnen herstellt.

Diese tolerante Haltung im Hause des Chefs der Südtiroler Untergrundbewegung war aber im damaligen Südtirol gewiss nicht die Regel und hätte auch noch heute Vorbildcharakter. Die Haltung Kerschbaumers mag vielleicht auch ein bisschen damit zusammenhängen, dass er sein Tirolertum trotz aller Einschränkungen stets in aller Offenheit zur Schau trug und deshalb auch keine versteckten Aggressionen zu entwickeln brauchte.

Aber Sepp Kerschbaumer hat nicht nur italienische Industriearbeiter unterstützt, indem er sie in seinem Geschäft immer tüchtig aufschreiben ließ. Er hatte noch einen weiteren Wesenszug: die tätige Nächstenliebe. „Manchmal hat es uns schon gestört, dass er so großzügig war“, erzählt Helga Kerschbaumer. „Er hat immer alles verschenkt für wohltätige Zwecke, und selbst aus dem Gefängnis hat er immer wieder geschrieben, dass die Mama ja fleißig spenden soll.“ Der Ärger ist mehr als verständlich, weil er seiner Familie gegenüber eine Sparsamkeit an den Tag legte, die manchmal schon an Geiz grenzte. „Brauchten wir ein Paar neue Schuhe“, erinnert sich seine Tochter Helga, „so mussten wir ihn ein Jahr lang bearbeiten, bis wir sie kaufen durften.“ Kann sein, dass er seine Kinder vor Verschwendungssucht bewahren wollte. Bevor sie etwas erwarben, sollten sie ganz sicher sein, ob sie es auch wirklich benötigten.

Für Arme und Hilfsbedürftige gab Sepp Kerschbaumer jedenfalls mehr als den berühmten Zehnten. „Einmal“, so Tochter Helga, „da ist es sogar dem Pfarrer zu viel geworden.“ Sepp Kerschbaumer hatte nämlich im Gefängnis vernommen, dass der Pfarrer das Kirchendach in Frangart neu decken wollte. Sofort ließ er seine Frau wissen, dass er den Jahresertrag seiner Obstwiese für diesen Zweck spenden wolle. Sepp Kerschbaumer schreibt am 30. Oktober 1964 vom Trienter Gefängnis aus nach Hause:

Helga hat mir gestern auch erzählt, daß der Herr Pfarrer das Kirchendach reparieren lassen muß, weil es vielfach nicht mehr regendicht ist. Mit dieser Arbeit sind freilich große Auslagen verbunden, und wo soll er das Geld auch hernehmen als von den Dorfleuten. Und schließlich ist es eine heilige Pflicht eines jeden Christen, im Dorfe mitzuhelfen, dass das Gotteshaus gut und fest dastehe. Diese Ausbesserung soll anscheinend einige Millionen Lire kosten. Gut, es wird nicht gerade von alleine gehen, aber wenn überall, besonders bei den Besitzern und Gutstehenden der gute und christliche Wille vorherrscht, dann darf es keine großen Schwierigkeiten machen. Auch ich möchte mich dieser Hilfeleistung gerne anschließen. Es ist also mein Wunsch und Wille, dass der Franz dem Hochw. Herrn Pfarrer als Spesenbeitrag 250.000 Lire übergibt. Ich hoffe, daß Ihr als meine Kinder auch dafür seid. Wenn schon, ist es nur zu unser aller Segen, und den brauchen wir notwendiger als manche andere.24

Doch dem Pfarrer ging diese Spende zu weit, und er erinnerte seine Frangarter Schäfchen daran, dass es ja nicht nur den Kerschbaumer gebe. Und so wie er vom Gefängnis aus die Familie immer wieder angehalten hat, „tut, wenn die Stunde es verlangt, ein gutes Werk an armen Menschen“, hat er auch im Gefängnis selbst gehandelt. „Ob Schwerverbrecher oder nicht, vom Kerschbaumer hat jeder einen Teil erhalten“, bezeugt Luis Gutmann. Dass Sepp Kerschbaumer auch die Tätigkeit des BAS, soweit es nur irgendwie ging, mit gar einigen Millionen aus der eigenen Tasche mitfinanziert hat, ist zwar nicht seiner Nächstenliebe zuzuschreiben. Von einem gewissen Hang zum Altruismus zeugt aber auch diese Haltung.

Von der zivilen Auflehnung zur Gewaltanwendung

Todesmarsch und Existenzängste

Rom und Trient machten von ihrer Macht über Südtirol einen denkbar schlechten Gebrauch. Wie bereits angedeutet, hatte das Pariser Abkommen eine Auslegung erfahren, die seinen Sinn und Zweck in das Gegenteil verkehrte. An Stelle einer Region Südtirol war die Doppelregion Trentino-Tiroler Etschland mit je einem Landtag in Bozen und Trient und einem übergeordneten Regionalrat geschaffen worden. Im Regionalrat waren die Südtiroler im Verhältnis zwei zu fünf vertreten, daher den Launen der Italiener völlig ausgeliefert. Vor allem aber waren es die Trentiner, die bestimmten, was wie über die Bühne ging. Dies begann schon bei der Zuteilung der Gelder. Mit ihrem Übergewicht konnten sie den Hauptanteil des Budgets in ihre Provinz verlagern. Zwar räumte das Autonomiestatut den Südtiroler Abgeordneten die Möglichkeit ein, gegen das Regionalbudget Einspruch zu erheben. Diese Bestimmung hatte aber nur einen dekorativen Wert. Denn immer, wenn die Südtiroler von diesem Recht Gebrauch machten, genehmigte der Innenminister den Haushalt so, wie ihn die Trentiner erstellt hatten.25 Ähnlich war es mit Artikel 14 im Regionalstatut. Die Region konnte auf die Provinz, auf die Gemeinden und auf andere Körperschaften bestimmte Verwaltungsbefugnisse übertragen.26 Dies war aber keine Muss-, sondern nur eine Kann-Bestimmung, eine Kann-Bestimmung freilich, die lange Zeit die Hoffnung aufrechterhielt, dass wenigstens auf dem Gebiet der Verwaltung ein gewisses Maß an Autonomie zugestanden werde. Aber bis 1960 blieb dieser Artikel toter Buchstabe; später wurde er nur in Ausnahmefällen angewandt.27

Zur Enttäuschung über die verweigerte Autonomie kam die Sorge über die Zuwanderung, die bereits 1945/46 massiv eingesetzt hatte und in den 1950er-Jahren beängstigende Ausmaße annahm. Dieser Zustrom aus dem Süden folgte nicht einem Naturgesetz, sondern war gelenkt. System steckte auch hinter der Praxis, den Südtirolern den Zugang zu den staatlichen und halbstaatlichen Stellen zu versperren. Diese Ausgrenzung erzeugte allmählich einen gefährlichen Druck. Bedingt durch den Einzug der Technik in die Landwirtschaft, setzte der Bauernstand immer mehr Arbeitskräfte frei. Zudem strebten Jahr für Jahr stärkere Geburtenjahrgänge in das Erwerbsleben. Stellen hätte es ja in Südtirol gegeben, aber sie waren Italienern vorbehalten. Und so blieb oft nur mehr der Weg ins Ausland offen. Um 1958 verließen jährlich rund 7.000 Südtiroler ihre Heimat, um in Deutschland oder in der Schweiz Arbeit zu suchen.28 Nur ein kleiner Prozentsatz von ihnen kehrte nach Südtirol zurück; die meisten blieben für immer weg. Potenziert wurde diese Verdrängungs- und Überfremdungstendenz durch eine gezielte Wohnbaupolitik. In den 1950er- und 1960er-Jahren war es für einen Südtiroler fast unmöglich, eine Sozialwohnung zu bekommen. In der Zeit von 1945 bis 1956 wurden in der Provinz Bozen 4.100 Volkswohnungen errichtet, aber nur 246 davon gingen an Südtiroler.29

Auf die Gefahr, die Südtirol vom Süden her drohte, machte Kanonikus Michael Gamper schon im Oktober 1953 aufmerksam. Der Prozentsatz der einheimischen Bevölkerung sinke von Jahr zu Jahr steil ab, „gegenüber dem unheimlichen Anschwellen der Einwanderer“. „Fast mit mathematischer Sicherheit können wir den Zeitpunkt errechnen, zu dem wir nicht bloß innerhalb der zu unserer Majorisierung geschaffenen Region, sondern auch innerhalb der engeren Landesgrenzen eine wehrlose Minderheit bilden werden … Es ist ein Todesmarsch, auf dem wir Südtiroler seit 1945 uns befinden, wenn nicht noch in letzter Stunde Rettung kommt.“30 Michael Gamper, ein Mann des Volkes in des Wortes positivem Sinn, hatte hier die Problematik um Südtirol auf den Punkt gebracht. Dass Gamper mit der Parole vom Todesmarsch keine leere Worthülse in die Welt gesetzt, sondern ein Schlagwort mit Inhalt geprägt hatte, zeigte sich spätestens bei der Landtagswahl von 1956: Verglichen mit 1948 verzeichneten die italienischen Parteien einen Stimmenzuwachs von 32,8 Prozent (rund 16.000 Stimmen), die Listen der Südtiroler Parteien hingegen nur einen Stimmenzuwachs von 16 Prozent (17.000 Stimmen).31 Zu diesen Fakten kam dazu, dass sich in den 1950er-Jahren ganz allgemein das politische Klima verschlechterte. Es wurde für die Südtiroler zusehends unbehaglicher, in Südtirol zu leben. „Politik, Exekutive und Justiz arbeiteten Hand in Hand, um in Südtirol eine Atmosphäre präpotenter Repression zu erzeugen.“32 Reine Lappalien gaben Anlass für Anzeigen, umständliche Untersuchungen und für Verurteilungen. Jede Schwurgerichtssession hatte eine Reihe von Schmähprozessen im Programm, reine Grotesken im Nachkriegseuropa, in Südtirol aber harte Wirklichkeit. Die Erbitterung über solche Verfahren steigerte sich von Mal zu Mal, weil sich die Italiener den Südtirolern gegenüber alles leisten konnten – Verhöhnungen, Diffamierungen33, Störaktionen, Überfälle und Verprügelungen34 – ohne Gefahr zu laufen, von Polizei und Justiz jemals zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Wie haben die Südtiroler auf alle diese Diskriminierungen und Provokationen reagiert? Die meisten taten das, was sie oder ihre Väter unterm Faschismus getan hatten: Sie duckten sich und machten die Faust im Sack. „Zu Beginn der fünfziger Jahre“, sagt der Bozner Unternehmer und Landwirt Franz Widmann, „da haben wir noch aus der Faschistenzeit diese Angst in den Knochen gehabt, diese kolonialistischen Minderwertigkeitskomplexe. Wir haben uns nicht losgesagt von dieser Hypothek. Wir haben ja alle nach dem Krieg unter diesem deutschen Komplex gelitten. Auch aus dieser Situation heraus läßt es sich erklären, warum wir nicht die Forderung nach Selbstbestimmung beibehalten haben, warum die Politik der Volkspartei so konziliant war. Alles Deutsche befand sich ja praktisch in einem halbkriminellen Raum. Österreich war noch nicht handlungsfähig, ein besetztes Land, Südtirol auf sich allein gestellt.“35

Kanonikus Michael Gamper gab mit seinem Leitartikel „Todesmarsch“ der Südtirol-Politik eine neue Richtung

Die SVP-Führung hatte nicht die Kraft, mit Rom einen Kampf auf Biegen und Brechen aufzunehmen. Wohl machte sie die Regierung auf die unhaltbaren Zustände in Südtirol aufmerksam, forderte sie die Rechte des Landes ein, drängte sie auf die Einhaltung von Versprechungen. Rom konnte sich gewiss nicht darauf hinausreden, dass es nicht wusste, wo die Südtiroler der Schuh drückte. Aber solange die Südtiroler Abgeordneten und Senatoren jede Regierung „in allem und jedem“36 unterstützten, ihre Klagen in höfliche Denkschriften fassten und sich mit vagen Zusicherungen zufriedengaben, nahm sie in Rom niemand ernst.

Je mehr sich die Lage im Lande verschärfte, umso weniger war die alte SVP-Garde geneigt, die Realität in Südtirol zur Kenntnis zu nehmen. Was nicht sein sollte, durfte nicht sein. Wer die Hand auf die Wunde legte, galt als Unruhestifter und Quertreiber. In den Monaten Jänner und Februar 1957 hatte sich in Südtirol einiges zugetragen, das nicht mehr hätte ignoriert werden dürfen. Im Vorjahr war es in mehreren Gegenden Südtirols zu Anschlägen gekommen, deutliche Signale dafür, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Am 19. und 20. Jänner 1957 verhaftete die Polizei die Täter, am 1. Februar auch Friedl Volgger, damals verantwortlicher Schriftleiter der Dolomiten und namhafter Exponent der SVP. Dabei geriet auch die Partei in das Schussfeld der italienischen Presse. Für die Parteigremien Gründe genug, sich mit der politischen Lage zu befassen und die entsprechenden Konsequenzen daraus zu ziehen. Die Parteileitung trat dann auch am 4. Februar zu einer Sitzung zusammen. Doch hatte man schlicht und einfach vergessen, den Punkt „Bericht über die politische Lage“ auf die Tagesordnung zu setzen. Zwölf Tage später traf sich der Parteiausschuss. Aber die Sitzung begann nicht mit einem „Bericht über die politische Lage“, sondern mit einem Anliegen Raffeiners. Senator Josef Raffeiner beunruhigten nicht die Ereignisse der letzten Wochen, nein, was ihm im Magen lag, war ein „Rundschreiben des SVP-Ortsgruppenobmannes von Frangart, Herrn Sepp Kerschbaumer, mit welchem die SVP-Führung scharf kritisiert wird“. Raffeiner muss die Klagen und Anklagen Kerschbaumers als eine Art Majestätsbeleidigung aufgefasst haben. Er beantragte nämlich nichts weniger als die „Suspendierung Kerschbaumers und die Einleitung einer Untersuchung“.37 Doch die Mehrheit im Parteiausschuss war nicht der Meinung, dass man wegen dieses Rundschreibens gleich eine Art Inquisitionsverfahren in Gang setzen müsse. Nach einigem Hin und Her beschloss der Parteiausschuss, dass Silvius Magnago, Josef Raffeiner und der Bozner Bezirksobmann Josef Rössler mit Kerschbaumer eine Aussprache führen sollten. Eine solche Unterredung wäre Kerschbaumer sicher recht gewesen. Er wollte ja, dass man sich mit der Situation im Lande befasse – gründlich befasse, er wollte freilich auch, dass man gegen das Unrecht etwas unternahm. Doch die Unterredung kam nie zustande. Magnago entledigte sich der Aufgabe viele Monate später bei einem zufälligen Zusammentreffen mit Kerschbaumer. Er eröffnete ihm, dass der Parteiausschuss ihn, Magnago, beauftragt habe, mit ihm, Kerschbaumer, über eines seiner Rundschreiben zu reden. „Was hiermit geschehen ist“, meinte er. Und die Sache war vom Tisch.

Der Justizpalast in Bozen, faschistische Einschüchterungsarchitektur

Die Palastrevolution von 1957

Für jeden Menschen in führender Stellung kommt eines Tages der Augenblick, in dem er erkennt, dass es Zeit ist, abzutreten und Jüngeren Platz zu machen. Zieht er aus dieser Einsicht nicht die erforderliche Konsequenz, so kommt der Augenblick, in dem auch andere erkennen, dass es Zeit wäre, das Feld zu räumen. Klammert er sich dann immer noch an seine Position, dann wird es schlimm, denn dann erkennen nur mehr die anderen, dass es Zeit wäre, dass der Mann endlich „von den Haxen“ gehe. Dies hängt nicht immer vom physischen Alter ab, sondern mehr vom Vermögen oder Unvermögen, aus der eigenen physischen und geistigen Verfassung die entsprechenden Folgerungen zu ziehen. 1957 war die alte Führungsgarnitur der SVP bei dieser letzten Phase angelangt. So verdient sie sich in den ersten Nachkriegsjahren um Südtirol gemacht hatte, ihre Zeit war abgelaufen. Sie hatte nicht die Kraft und nicht den Willen, Rom gegenüber eine härtere Gangart einzuschlagen. Da die Mannschaft aber auch keine Anstalten machte, abzutreten, blieb keine andere Wahl, als ihr die Basis und den Rückhalt in der Partei zu entziehen. Das oberste Entscheidungsgremium der SVP war der Parteiausschuss. Den Parteiausschuss wählte die Landesversammlung. Es kam daher darauf an, die Fäden so zu ziehen, dass die Wahl nach Wunsch ausging. Der Bozner Unternehmer Franz Widmann und der Landtagsabgeordnete Hans Dietl begannen, sehr vorsichtig die Weichen für die Ablöse zu stellen. Nach einigem Hin und Her legte der Parteiausschuss den Termin für die Landesversammlung auf den 25. Mai 1957 fest. Am 14. Mai trafen Hans Dietl und Franz Widmann die letzten Vorbereitungen. Eine Tagebucheintragung von Hans Dietl belegt, dass auch Sepp Kerschbaumer mit von der Partie war:

15.30 Uhr, Besprechung bei Widmann bis nach 18 Uhr (Stanek, Kritzinger, Eschgfäller, Kerschbaumer, Neuhauser, Baur, Weiß, Trientbacher und zum erstenmal auch Brugger).38

Ungewollt eine gute Stimmung für die bevorstehende Wahl schuf der Obmann Toni Ebner. Nicht einen einzigen nennenswerten Erfolg, wohl aber eine Reihe von Rückschlägen und Niederlagen wies sein Jahresbericht aus. Eine Bilanz, die die Debattenredner geradezu aufforderte, eine neue Politik zu verlangen. Sepp Kerschbaumer etwa meinte:

Ich würde in die heutige Entschließung hineinschreiben: „Los von Trient!“ Und das müßte auch schneidig durchgeführt werden. Es ist schon viel zu viel um den heißen Brei herumgeredet worden, es wäre bald Zeit, den Brei selbst einmal in die Hand zu nehmen.39

Die Wahl, bisher eine reine Formsache, erbrachte den ersehnten Umschwung. Von den Kandidaten, die der Parteiausschuss aufgestellt hatte, fielen elf durch. An ihre Stelle rückten ebenso viele „Durchfallkandidaten“. Alles Vertreter einer harten Linie. Magnago wurde zum Obmann gewählt, Karl Tinzl, Hans Dietl, Alfons Benedikter und Friedl Volgger traten ihm als Vizeobmänner zur Seite. „Eine neue Garnitur übernahm die Parteiführung, eine neue Ära brach an.“40 Sepp Kerschbaumer vertrat in einem später verbreiteten Flugblatt die Ansicht, der 25. Mai 1957 werde als „Ehrentag unseres Volkes in die Geschichte eingehen“. „Hier hat das Volk mit unmißverständlicher Deutlichkeit gesprochen.“41

Die Kundgebung von Sigmundskron

Wenn die Politiker in Trient und Rom auf der Höhe ihrer Aufgabe gewesen wären, hätten sie erkennen müssen, dass mit der Wachablöse in der SVP eine neue Ära begann. Die Zeit des Zurückweichens und des Leisetretens war vorbei. Dass die neue Führung bereit war, den Fehdehandschuh aufzugreifen, zeigte sich spätestens im Herbst 1957. Der Minister für öffentliche Bauten, Giuseppe Togni, schickte am 15. Oktober um 17 Uhr an den Bozner Bürgermeister, Giorgio Pasquali, ein Telegramm ab. Die Optimisten im Lande glaubten, dass es sich um die vom Minister versprochene Soforthilfe für die von der Unwetterkatastrophe Betroffenen handle.42 Im August hatten schwere Unwetter das Land heimgesucht.43 Sepp Kerschbaumer hatte sich nicht wenig darüber gegrämt, dass die meisten Landespolitiker in diesen Tagen höchster Not und Gefahr durch Abwesenheit geglänzt hatten. In einem an die Führenden Männer unserer Volksgruppe gerichteten Rundschreiben warf er im Namen vieler Landsleute die Frage auf, wo denn „unser Landesvater, unser Landeshauptmann mit seinen vom Volk gewählten Vertretern“ sei. „Haben wir nur zwei Männer im Lande, die ein Verantwortungsbewußtsein haben? Landeshauptmannstellvertreter Fioreschy und Vizebürgermeister von Bozen Riz?“

Er gönne jedem seine Sommerfrische, aber in der Zeit höchster Not wäre es schon erste Pflicht eines Verantwortlichen, bei seinem Volke zu sein. Die Absenz der Landespolitiker konnte seiner Ansicht nach auch politische Folgen haben: „Soll das Südtiroler Volk sich in seiner Not an die ANDEREN wenden, die es mit ihm so GUT meinen und sofort zur Stelle sind, wenn es darum geht, im trüben zu fischen?“44 Zumindest in dieser Hinsicht hätte Kerschbaumer beruhigt sein können. Das Togni-Telegramm hatte keine Katastrophenhilfe, sondern eine Katastrophenmeldung zum Inhalt:

Die Kundgebung von Sigmundskron

Dem Herrn Bürgermeister von Bozen und zur Kenntnis an S. Exz. den Präfekten von Bozen.

Es freut mich, Ihnen mitteilen zu können, daß das Koordinierungskomitee für Volkswohnbau (CEP) eine schnelle Realisierung des zweiten Wohnbauprogramms beschlossen hat, in welchem die Errichtung eines neuen Stadtteiles in Bozen einbegriffen ist, und zwar für den Betrag von 2,5 Milliarden Lire für die Errichtung von 5000 Wohnräumen, zusätzlich Kirchen und die Gebäude für soziale und öffentliche Dienste.

Ich bin sicher, auf Ihre Mitarbeit bei der Verwirklichung dieser Initiative der Regierung rechnen zu können, und bezweifle nicht, daß dieser wesentliche Beitrag zur Durchführung des sozialen Wohnbauprogramms in dieser Stadt gewürdigt wird.

Togni, Minister für Öffentliche Arbeiten.

„Der Togni-Plan“, schreibt Franz Widmann, der diese Zeit als aufmerksamer Beobachter miterlebt hat, „ging wie ein elektrischer Schlag durch die Südtiroler Bevölkerung; er löste Entrüstung und Zorn aus über eine derart dreist und offenkundig fortgesetzte Zuwanderungspolitik, mit der die Südtiroler praktisch an die Wand gedrückt werden sollten.“45 Eine SVP-Delegation sprach schon am 24. Oktober 1957 beim Minister vor, um gegen dieses Großprojekt Einspruch zu erheben. Ihr Erfolg war gleich null. Togni erklärte ihr, dass das Vorhaben Teil eines für ganz Italien geplanten Volkswohnbauprogramms sei. Es habe lediglich sozialen und keinen politischen Charakter.46 Wer’s glaubte, konnte selig werden. Aber danach hatte zu der Zeit niemand ein Verlangen.

Wie sich diese Art von Sozialpolitik auswirke, konnten sich die Südtiroler an den Fingern ausrechnen. Der Parteiausschuss der Südtiroler Volkspartei beschloss in seiner außerordentlichen Sitzung vom 27. Oktober 1957, gegen den Togni-Plan eine Protestkundgebung abzuhalten. Die Demonstration sollte am 17. November vor dem Landhaus in Bozen stattfinden. Doch da legten sich die Neufaschisten quer, die drohten, am gleichen Tag zu gleicher Zeit und am gleichen Ort eine Gegendemonstration zu veranstalten.47 Der Querschuss zeigte Wirkung. Unter Berufung auf Artikel 18 des Polizeigesetzes verbot der Quästor Renato Mazzoni der SVP, die Landsleute, die die römische Volkswohnbaupolitik ablehnten, vor dem Landhaus zu sammeln. Als Ausweichplatz wies er ihr den Sportplatz zu. Magnago wäre der Grieser Platz lieber gewesen. Der aber schien wiederum Mazzoni zu gefährlich. In Wirklichkeit wollten die Behörden die Kundgebung überhaupt verbieten. Kurz nach dem Gespräch, das Magnago mit Mazzoni geführt hatte, nahm der Regierungskommissar Luigi Sandrelli die Genehmigung für die Abhaltung der Kundgebung auf dem Sportplatz zurück. Spätestens jetzt aber mussten die Behörden zur Kenntnis nehmen, dass sie es bei der SVP mit neuen Leuten zu tun hatten, mit Leuten, die Verbote nicht einfach hinnahmen. Die SVP hatte am 30. Oktober 1956 zum 10. Jahrestag des Pariser Vertrags in Bozen eine Großkundgebung veranstalten wollen. Doch der Regierungskommissar hatte ihr die Genehmigung verweigert. Und die SVP hatte sich in das Njet gefügt.48 Doch 1957 war nicht mehr 1956. Magnago und seine Leute gaben das Vorhaben nicht auf. In der SVP kam man auf den Gedanken, die Kundgebung auf Schloss Sigmundskron zu verlegen. Verkehrsmäßig lag der Standplatz ungünstig, aber er hatte eine starke Symbolkraft. Magnago musste sich dem Regierungskommissar gegenüber verbürgen, dass die Kundgebung geordnet verlaufen werde. Unter dieser Voraussetzung erhielt er die Genehmigung, die Demonstration auf Schloss Sigmundskron abzuhalten.

Hatten die Behörden mit ihrem Hin und Her auch die Nerven der Veranstalter arg strapaziert, so lieferten sie ihnen doch auch die Werbung frei Haus. Hätte es ihre Widerstände nicht gegeben, so wären 10.000, maximal 15.000 Südtiroler gekommen, nach Sigmundskron aber begaben sich 35.000. Von der Menge stürmisch begrüßt, trat Magnago ans Rednerpult. In einer der Wortwahl nach sehr zurückhaltenden Ansprache rief er das „Los von Trient!“ aus, „das den künftigen Kurs der Politik in Südtirol bestimmte“.49 Es bereitete ihm keine Schwierigkeiten, den Resolutionsentwurf durchzubringen, wohl aber musste er seine ganze Überzeugungskraft aufbieten, um die Massen von einem Marsch auf Bozen abzuhalten. Er habe als Verantwortlicher für diese Kundgebung und als Obmann der SVP sein Wort gegeben, „daß kein Marsch und kein Sonderprogramm“ nach dieser Kundgebung stattfinden werde. Zwischenruf aus der Menge: „Die anderen haben schon viele Worte gegeben!“ Magnago: „Ich aber habe mein deutsches Wort gegeben, und ich bitte euch, dieses mein deutsches Wort einzuhalten, denn das deutsche Wort hat bei uns immer noch Gültigkeit.“50 Das schlug ein. Die Veranstaltung klang ohne Zwischenfall aus. Claus Gatterer spricht von einer „feierlich-disziplinierten und gerade hierin unitalienischen Demonstration“.51

Die bestimmende Persönlichkeit der Sigmundskroner Kundgebung war ohne Zweifel Magnago. Doch hat ihr auch Sepp Kerschbaumer seinen Stempel aufgedrückt. Er muss damals Tag und Nacht tätig gewesen sein. Es ist wahrscheinlich, dass er auch die Aktion vor der Battisti-Büste in die Wege geleitet oder zumindest unterstützt hat. Luis Amplatz und Otto Petermair legten zum Auftakt der Sigmundskroner Großkundgebung am Bozner Siegesdenkmal einen Kranz mit einer Schleife nieder, die es in sich hatte: Dem Verfechter der Grenze bei Salurn! stand da drauf, und: CESARE BATTISTI die Südtiroler. Die Wachposten, ohne Deutschkenntnisse und ohne Ahnung von der Landesgeschichte, erfassten nicht, dass hiermit ein Protest gegen die Brennergrenze deponiert wurde.

Eine Huldigung an Cesare Battisti als Verfechter der Salurner Grenze

Kerschbaumer dürfte auch dafür Sorge getragen haben, dass auf Sigmundskron die verbotene Tiroler Fahne gehisst wurde, zuerst am Bergfried, dann auch an anderen Stellen, jedes Mal von der Menge mit Jubel begrüßt.52 Den stärksten Akzent aber setzte er mit einem maschinegeschriebenen Flugblatt, das er in Sigmundskron unter die Leute brachte:53

LANDSLEUTE!

Noch nie in den fast 40 Jahren italienischer Herrschaft hat sich unser Volk in einer so gefährlichen Lage befunden wie heute! Was dem Faschismus in nahezu 20 Jahren mit gewaltsamsten Unterdrückungsmethoden nicht gelungen ist, hat das demokratische Italien in 10 Jahren beinahe erreicht. Trotz des Pariser Vertrages! Noch 10 Jahre „christlich-demokratische Herrschaft“ in Südtirol, und sie haben es erreicht, was sie sich vom Anfang an zum Ziele gesetzt haben: Die Südtiroler im eigenen Lande in die Minderheit zu drängen und sie dann auf „demokratische Weise“ auszurotten, sie zu verwelschen!

L A N D S L E U T E !Es ist fünf vor zwölf! Wir rufen daher alle echten Tiroler auf, sich endlich zu besinnen und zu handeln, ehe es zu spät ist! Es ist das letzte Aufgebot! Die Welt weiß es, der alte, echte Tiroler Geist, er ist noch nicht tot, er kann nicht tot sein! Er schläft, er glimmt im Verborgenen, in Dörfern und Städten.

Hört unsern Ruf: Südtirol erwache! Rüstet euch zum Kampf! Zum Kampf um unsere Existenz! Es geht um Sein oder Nichtsein unseres Volkes! Es geht um den Bestand unsrer Kinder, unserer Kindeskinder!