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Start in Barcelona, erstes Ziel die Camarqué, hier zwei Monate unter Zigeuner im Wohnmobil leben. Weiterreise die Küsten der Rivera genießen. In Kalabrien eine Zisterne bauen, Aufenthalt 4 Monate. Dann Griechenland, alte Erinnerungen ausgraben. Euböa besuchen der Ort meiner ersten großen Liebe. Zurück nach Italien an der Adria alte Erinnerungen auffrischen. Ravenna einen Malkurs besuchen, Venedig und Jesolo die Orte meiner Jugend besuchen. Weiter über den Gardasee nach Österreich, Schweiz und schlussendlich das Ziel München. Reisedauer 28 Monate u. ca. 50.000 Kilometer.
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Seitenzahl: 412
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Michael Geigenberger
Shoel - endlich frei!
eine ungewöhnliche Reise
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Weitere Bücher von Michael Geigenberger:
Vorwort
1. Die Abreise
2. Reise in die Camarqué
3/4. Die Zigeunerin, ein Zigeunerleben
5. Die Sperrmüllaktion, ein Bilderfund
6. Eine Zigeunerhochzeit
7. Weiterreise in die Provence
8. Abschied von Beatrix
9. Mit dem Drahtesel ins Hinterland
10. Ab in die Toskana
11. Ein altes Stadthaus zum Herrichten
12. Shoel ein Erntehelfer?
13. Stadtrundfahrt ROM
14. Anna kommt zu Besuch
15. Pompei
16. Eine Vespa, gebraucht kaufen
17. Richi hat einen Herzinfarkt
18. Der Zisternenbau
19. Mit der Fähre nach Patras
20. Zurück an die Adria
21. Ravenna und Venedig
22. Lazise am Gardasee
23. Das Geschäft mit dem alten Bugatti
24. Beatrix ist wieder da
25. Kärnten und ein Neuanfang
26. München
Mehr über den Autor
Impressum neobooks
Wenn nicht jetzt, wann dann?
Der Fall Lena K.
Mutter es reicht!
Tres Amigos - Das Tafelsilber
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
Eigentlich ahnte es Shoel schon seit seiner frühen Jugend, in seinem Blut fließt ein wenig Zigeunerblut, nicht viel, aber genug um seit einiger Zeit die Oberhand über ihn zu gewinnen. Seine Großmutter war eine Roma. Am deutlichsten erkannte Shoel es an seiner Tante. Sie war das Abbild einer echten Zigeunerin. Auch das Leben was sie führte, vor allem, wie sie es führte, glich dem einer rassigen Zigeunerin. Ein chaotisch geführter Haushalt und eine begnadete Künstlerin.
Ziemlich exakt vor einem Jahr, es war für Shoel ein runder Geburtstag, da beschloss er sein Leben nochmals komplett umzukrempeln. Nicht dass diese Idee neugeboren wurde, oft schon hat Shoel in seinem Freundeskreis darüber geredet eine lange Reise mit einem Wohnmobil unternehmen zu wollen. Eine Bedingung stellte er sich, es wird keine Reise, wie sie in so etlichen Reisebüchern beschrieben wird. Er stellt an sich selbst Bedingungen.
Wie: Wann immer es sich ergibt, wird er Geld hinzu verdienen, egal, ob es ein Gelegenheitsjob ist oder ob er durch ein gutes Geschäft zu mehr Geld kommt. Des Weiteren möchte er einen Roman schreiben, nicht immer nah an der Wahrheit, aber immer noch real genug um seiner tatsächlichen Reise folgen zu können. Viel weitere Vorsätze gibt es eigentlich nicht, außer vielleicht, dass er auf seiner Reise auf keinen Fall verschlampen will. Immer Gentleman, mit ein bisschen abenteuerlichen Touch, das soll die Devise sein.
Shoel ist in seinem realen Leben ein seriöser Geschäftsmann, immer gut gekleidet und sein bisheriger Lebensstil hatte auch nichts mit einem Zigeunerleben zu tun, auch wenn seine Devise lautet: „Leben und leben lassen!“ und „Lieber mal ein Auge zudrücken, als mit dem Finger auf einen Anderen zeigen!“
Shoel war immer selbstständig und seine Kunden, schätzten ihn immer sehr.
Shoel war in der Welt zuhause. Egal ob Fernost oder Südamerika er wusste immer einen Rat und hatte die notwenigen Kontakte zur Hand. Seine Netzwerke waren gut mit einander verknüpft.
So beschloss er nun tatsächlich und unumstößlich, für mindestens ein Jahr auf eine Selbstfindungsreise zu gehen. Ein Jahr so zu leben, wie es ihm vorbestimmt, oder wie es die tägliche Situation herausfordert und wenn ein Jahr nicht ausreichend ist, dann können es gut und gerne auch zwei werden.
Kein wirklich festes Ziel vor Augen, von Tag zu Tag neu zu entscheiden, Aber nun folgen Sie Shoel auf seiner Reise…
Es war im Frühjahr als Shoel begann sein Hab und Gut nach nützlichem und unwichtigen zu sortieren. Denn nur was unbedingt zum Überleben notwendig ist, sollte ihn auf seiner Reise begleiten.
Ein Wohnmobil hat einfach nur einen sehr begrenzten Raum auch wenn man der Versuchung unterliegt, es sich schön zu reden, es hilft nichts, wenn der Schrank im Fahrzeug einfach zu klein ist, dann ist das eben so.
Selbstverständlich nahm er auch zwei ordentliche Anzüge mit. Gepflegte Hemden, ordentliche Schuhe, sogar sein Golfset kam mit auf die Liste. In der Garage wurden die Dinge zusammen getragen und nach Wichtigkeit sortiert. Natürlich gibt es Dinge, die Vorrang haben, wie zum Beispiel eine Kaffeemaschine oder die Wanderstiefel.
Immer wieder rief sich Shoel seine Reisen aus seiner Jugendzeit in Erinnerung. Mit einer Vespa nach Venedig und Jesolo, die Adria auf und ab getuckert.
Auch damals schon galt es, nur wichtige Dinge mit sich zu nehmen. Ein Zelt, Regenhaube und festes Schuhwerk. Mehr war es nicht, was Shoel auf diese Reisen begleitete.
Er wiederholte dies Touren einige Male. Oft begleiteten ihn Freunde, die sich alleine so eine Reise nicht so zutrauten und lustiger fanden.
Einen Hauch von Luxus bekamen seine Reisen, als Shoel die Vespa gegen eine Isetta tauschte. Von dem Punkt an, konnte er das Regencape in eine Nische verbannen. Shoel erinnert sich noch gut, als er seine erste Nacht in diesem Fahrzeug verbrachte.
Zuerst begann es nur leicht zu tröpfeln. Der Scheibenwischer tat seine Aufgabe zuverlässig, aber kurz darauf stieß er an seine Grenzen. So entschloss er sich einen kleinen Parkplatz anzusteuern und eine Pause einzulegen. Immer in der Hoffnung, dass es nur ein kurzer Schauer sein wird. Nur die Wolken am Himmel deuteten anderes an. So suchte er sich seine warme Decke und begann sich gemütlich in seiner Knutschkugel, wie sie in Schwabing genannt wurde, einzurichten und sich hinein zu falten. Bei einer Größe von einsachtzig, kein leichtes Unterfangen. Wirklich gemütlich ist natürlich etwas anderes.
Es regnete Bindfäden aber er war einfach zu müde um weiterzufahren. Damals im Gegensatz zu heute, hatte Shoel konstant Untergewicht, so war das Falten noch möglich.
Wäre da nicht die Müdigkeit gewesen die ihn übermannte, ein wirklich fast aussichtsloses Unterfangen. Immer wenn er glaubte, eine erträgliche Haltung gefunden zu haben, spürte er einen kühlen Luftzug.
Die mitgenommene Decke, war einfach etwas zu kurz, da gab es keinen Zweifel. Nach weiteren zehn Minuten begannen die Fensterscheiben anzulaufen, dann überzogen sich die Fenster mit einem Hauch von Nebel. Die Nacht brach herein und der Sandmann kam Gott sei Dank vorbei. Shoel schlief trotz aller Unbequemlichkeiten tief und fest bis zum nächsten Morgengrauen.
Es war so gegen halb fünf, als Shoel von einem neugierigen Sonnenstrahl geweckt wurde, der ihn an der Nase kitzelte. Ein starkes Niesen folgte als logische Konsequenz aber dieses Niesen erschütterte das kleine Fahrzeug so sehr, dass Shoel von einer Sekunde zur anderen hellwach war. Fast glaubte er, dass ihn ein Lastwagen gerammt hätte. Die kleine Isetta benötigte Stunden um sich von dieser Erschütterung zu erholen. Sie verweigerte zum ersten Mal das Starten des Motors. Wie sich später herausstellen sollte, war es die Zündkerze, die gereinigt werden wollte.
Nun aber folgte die eigentliche Schwierigkeit. Ganz langsam musste Shoel sich sortieren. Wo waren seine Beine geblieben? Wo seine Arme?
Er war sich sicher, dass er in dieser Nacht die Basis für sein späteres Rückenleiden gelegte hatte. Irgendein Wirbel nahm ihm diese Nacht ziemlich übel und dachte sich: „Das werde ich dir noch heimzahlen, du wirst noch an mich denken!“
Jetzt aber zurück zu seiner Garage und der Gegenwart, der sogenannten „Jetztzeit“. Es ist der 26. April. Nun musste er erkennen, dass die wichtigen Dinge in seinem Leben nochmals einer Nachkontrolle unterzogen werden mussten. Denn der Platz in seinem Fahrzeug war trotz der Größe, stark begrenzt.
Je näher der Abreisetag kam, umso mehr begann er zu überlegen, ob er wirklich das Richtige machen will. Muss er es sich wirklich beweisen, dass er wie ein Zigeuner leben kann, mit einem Minimum an Geld, finanziell stark eingeschränkt?
Leben in einem Wohnmobil? Zugegeben, im Vergleich zu einer Isetta, ist ein Wohnmobil ein komfortables und geräumiges Apartment.
Er war sich sicher! Er wollte und will es wissen. Es sollte ein ganz neuer Abschnitt in seinem Leben werden.
Er durfte nicht lange überlegen oder gar zweifeln, sein Vorhaben würde scheitern. Die Vernunft würde siegen und er würde das Wohnmobil zurückgeben. Aus und vorbei, nichts mit Zigeunerleben!
Die Abreise hatte aber auch damit zu tun, dass Shoel seinen Spanienaufenthalt beenden oder wenigstens für längere Zeit unterbrechen wollte. Zu sehr hatte er mit der Korruption zu kämpfen.
Die Willkür treibt dort farbige Blüten und die Farbe hat immer etwas mit Geld zu tun. Wie sagte ein langjähriger Freund: „Wie machst du ein kleines Vermögen in Spanien? Antwort: In dem du mit einem großen Vermögen nach Spanien kommst!“
Das trifft tatsächlich den Nagel auf den Kopf. In den langen Jahren die Shoel in Spanien lebte, musste er immer wieder erfahren, dass gute Freunde ihr Handtuch warfen.
Aber zurück auf die bevorstehende Reise. Der in meinem Kalender angekreuzte Tag, der dritte Mai, war ein festgelegtes Datum.
Die Fähre für die Überfahrt von den Balearen nach Barcelona war gebucht und an diesem Datum sollte auch nicht mehr gerüttelt werden.
Am ersten Mai begann er sein Fahrzeug zu beladen. Zuerst mal testweise, dann kam die Realität. Einige notwendige Umbauten waren längst abgeschlossen. Nur ein bequemes Bett stand zur Verfügung, dass zweite wurde umgelegt und als Staufläche verwendet.
Plastik-Container und Koffer wurden verstaut. Die notwendige Essenration und die Getränke fehlten noch. Diese Dinge sollten am letzten Tag an Bord gebracht werden.
Er vertiefte sich in endloses Kartenmaterial. Barcelona war die Ausgangsbasis, von hier sollte die abenteuerliche Reise beginnen. Zuerst mal nach Norden, immerhin stand ja der Sommer vor der Türe. Eine festgelegte Route gab es aber nicht.
Es war ein Samstag, als er sich von seinen Freunden verabschiedete. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, sagte er zu sich, so als würde er noch etwas Mut brauchen um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Als Shoel sein Wohnmobil durch die schmale Zufahrt der kleinen Finca lenkte, musste er darauf achten, dass er den breiten Betonpfeiler nicht touchierte.
Immer noch etwas verunsichert, fährt er auf die nahegelegene Autobahn in Richtung „Port“. Zwanzig Minuten, länger war es nicht, als er sich mit seinem Fahrzeug in die Schlange der wartenden Fahrzeuge am Fährhafen einreihte. Noch könnte er umdrehen, seine innere Stimme war sich wirklich nicht sicher, ob sein Vorhaben überhaupt Sinn macht. Es wäre also noch Zeit alle Dinge die wichtig sind durchzugehen. Der Reisepass – im Safe. Das Reservegeld – im Safe. Die zweite Kreditkarte – im Safe. Die Kamera, das Werkzeug, das Handy – in der Fahrzeugsteckdose. Alles da, na dann kann es endgültig losgehen!
Zwei Stunden später fährt er mit seinem Wohnmobil über eine Rampe, die ihn in den Bauch der Fähre führt eine Einfahrt wie ein großes Walfischmaul. Es verschlingt etliche Lastwagen und als Kleinvieh hunderte von Personenwagen. Leider darf man nicht im Fahrzeug übernachten, aus Sicherheitsgründen, wie der Lademeister erklärt. Nach dem alle Passagiere an Bord sind, genießt Shoel bei einem Rundgang noch den Blick auf seine Insel. Wunderschön…Doch dann bleibt ihm nur der Aufenthaltsraum, in dem ein Sessel an den anderen gereiht ist. In eine flache Position gestellt und schon wird Shoel durch das monotone Motorengeräusch des Fährdiesels ganz von alleine in den Schlaf gebrummt.
Die Morgensonne und der Blick auf Barcelona, ließen ihn hellwach werden. Barcelona ist übrigens eine gigantische Stadt. Obwohl es erst halb sieben ist, tobt hier schon heftig der Verkehr. Polizeisirenen, Krankenfahrzeuge in Eile um Leben zu retten und etliche Lastwagen mit Kennzeichen aus allen Herren Länder. Das ist Barcelona. Die Stadt des Fluchs, der Liebe und der Kriminalität, ach ja, die Korruption darf man auch hier nicht vergessen. Die gehört zu Barcelona wie der Pfarrer in die Kirche.
In früheren Jahren versuchte Shoel immer möglichst schnell aus diesem Moloch von Großstadt zu entfliehen. Diesmal folgte er dem Hinweisschild: Carretera Girona. Ganz in Ruhe wollte er sein Vorhaben starten. Eine Pause einlegen, wann immer es sein Gefühl verlangte. Seine Zweifel für diese Reise sind zu diesem Zeitpunkt bereits in weite Ferne gerückt.
Die Landstraße nach Girona hat Shoel in den Achtzigern schon mal unter seine Räder genommen, es sollte eine Erinnerungstour sein. Das erste Mal, als Shoel schon mal diese Strecke befuhr, war es mit einem schwarzen 54er Export-Käfer, dem Nachfolger seiner heiß geliebten Isetta. Es war das Jahr 1966. Das Schiebedach weit geöffnet und die offenen Seitenfenster sorgten für starken Luftdurchzug. Das Kofferradio auf voller Lautstärke.
Was es trällerte, daran kann sich Shoel nicht mehr erinnern. Eine kleine Familienpension in Lloret de Mar, das war damals sein Reiseziel.
Wie Perlen an einer endlosen Schnur reihen sich hier touristische Urlaubsorte wie
Badalona, Mataro, Pineda de Mar, Lloret de Mar, Sant Feliu, Palafrugell, Roses und viele andere an einander. Es sind alles Orte, die besonders in den Fünfzigern und Sechzigern gerne von deutschen Touristen mit dem eigenen Wagen besucht wurden.
Es war schon spanisch und trotzdem nicht allzu weit von Deutschland entfernt. Nach Spanien zu fahren, galt seiner Zeit als etwas Besonderes. Es ließ sich in einem Rutsch erreichen. Es klang wie ein Abendteuer, wenn man zum Nachbarn sagte: „Diesmal geht es nach Spanien mit dem eigenen Wagen!“
Etliche Deutsche erwarben in Spanien Eigentum. So dass sich ihre zukünftigen Reisen ohne großes Reisegepäck bewältigen ließen. Ähnlich sind auch die Urlaubsorte geprägt. Überall erkennt man deutsche Vergangenheit. Sei es eine Würstelbude, sei es eine Strandkneipe. Liest man ein Schild mit dem Hinweis „Pizza“ muss es sich nicht unbedingt um einen Italiener handeln. In den Siebzigern fuhr man dann gerne schon etwas weiter in das spanische Land hinein. Man wagte sich nach Süden bis an die Costa del Sol vor. Sonderflüge wurden angeboten und man ließ auch schon mal ein Fahrzeug am Urlaubsort zurück, so dass man sich schon als Insider fühlten durfte.
Die Kennzeichen der Fahrzeuge deuten ebenfalls auf eine deutsche Invasion hin. Nur die Franzosen, treten hier in noch größeren Mengen auf. Für sie ist es ein Katzensprung. Billiger wie die Coté Azur, aber doch die gleiche wärmende Sonne.
Nach einer guten Stunde des Fahrens, entschließt sich Shoel einem Wegweiser zu folgen, der auf einen großen Touristenstrand hinweist, nämlich Pineda de Mar.
Er erinnert sich noch gut, dass er hier mit seinem Fahrzeug fast bis an den Strand heranfahren kann. So ist es dann damals auch tatsächlich passiert.
Unzählige fliegende Händler haben sich hier auf Touristen eingerichtet.
Über dem Strand weht ein Duft von gegrilltem Fisch, Fleisch und natürlich auch deutschem Bier, angebranntes Sonnenöl lässt sich ebenfalls deutlich wahrnehmen.
Es ist der Geruch des Südens, wie es die Urlauber aus allen Herrenländern nennen.
Shoel sucht sich einen Stellplatz der etwas im Abseits liegt. Vielleicht will er sich ja auch gleich für die kommende Nacht häuslich einrichten. Noch sieht er sich um, hält Ausschau nach einem Verbotsschild, aber er beruhigt sich, nichts deutet auf etwas Verbotenes hin. Das Fahrzeug noch etwas ausgerichtet, so dass er am nächsten Morgen von südlicher Sonne geweckt wird.
Auf einen Campingplatz will Shoel eigentlich nur im Notfall. Seine Vorgabe ist, dass er sich so oft wie möglich auf öffentliche Stellplätze begibt. Ein Zigeuner kann sich ja einen Campingplatz gar nicht leisten. Shoel hat sich ausgerechnet, dass er sich nur zweimal pro Woche auf einen Campingplatz begibt. Hier kann er Wasser bunkern und das WC und den Abwassertank entleeren. Wäsche muss gewaschen werden und das Fahrzeug sollte jede Woche einer Reinigung unterzogen werden. Shoel hat für dieses Vorgehen extra einen kleinen Staubsauger im Gepäck. Mal sehen, ob er das wirklich so durchziehen kann. Improvisation ist alles, das weiß jeder Freund vom Camping.
An diesem Abend gesellt sich noch ein weiteres Fahrzeug an seine Seite. Ganz nach dem Motto, „Wenn da schon einer steht, kann es nicht verboten sein!“
Ein Holländer, wie er unschwer an seinem Kennzeichen zu erkennen ist. Ein betagtes Fahrzeug und die vielen fremdländischen Aufkleber erzählen von einem aufregenden Camperleben. Auch die beiden Personen, sind deutlich gezeichnet. Braungebrannt und faltig sind ihre Gesichter. Die Haare etwas verwegen gen Himmel stehend. Kaum haben sie sich häuslich auf ihrer schmalen Stellfläche eingerichtet, klopft es auch schon an Shoels Fahrzeugtüre.
Mit einem freundlichen Lächeln, steht der neue Nachbar mit einem Bier in der Hand an Shoels Fahrzeugtüre. Was folgt ist eine herzliche Begrüßung und heftiges Händeschütteln.
Keine Frage, Shoel kann sich diesem freundlichen Gesicht nicht verschließen. Gerne folgt er der Einladung und steuert einen Teil seines Kühlschrankinhalts zum abendlichen Festschmaus bei. Bis spät in die Nacht wird gelacht, erzählt und ein Bier folgt dem nächsten. Erst als der neue Freund mit seiner Frau eine Schnapsflasche auf den Tisch stellt, meint Shoel, dass er nun in seine Koje muss.
Einen Blick auf die Uhr, verrät ihm, dass es zwischenzeitlich schon halb zwei ist. Die warme Luft hat sämtliches Zeitgefühl verdrängt. Es ist nun wirklich Zeit, um an der Matratze zu horchen. Auch wenn man an so einem angenehmen Ort, die Nacht zum Tag machen möchte.
Am nächsten Morgen glaubt Shoel seinen Augen nicht, halb zehn, so lange hat er schon lange nicht mehr geschlafen. Ein Blick aus dem Fahrzeug, verrät ihm, dass seine Nachbarn bereits das Strandleben genießen.
Anfangs erkennt er nur zwei dicke von Öl triefende nackte Oberkörper. Es kommt ihm fast automatisch ein Bild in den Sinn, das ihn an die Schaufenster seines Metzgers mit der Wurstauslage erinnert. In seinem Kopf folgen Bilder wie, Weißwurst und Schinken. Schnell schließt er seinen Vorhang, will er doch eigentlich an das Frühstück mit frischen Croissants denken.
In seinem Blickfeld zur Linken erkennt er Campingliegen, ein Grillgerät samt einem passenden Sonnenschirm in hellem Beige, damit ist wohl tatsächlich der diesjährige Sommer eingeläutet.
Auf diesen Anblick hätte Shoel gerne verzichtet, dachte er doch eigentlich an einen weiten Sandstrand, mit Strandcafé und frischen Baguette, belegt mit Serrano Schinken und einem von weitem heranziehenden Duft eines „Café con leche“.
Seine Enttäuschung über die zwei aufgequollenen Wursthälften in seinem Blickfeld gibt ihm den klaren Hinweis, an diesem Platz nicht ewig zu verweilen.
Shoel hat den Eindruck, dass seine neu gewonnen Freunde hier für die nächsten Wochen einen festen Standplatz gefunden haben.
Shoel öffnet seine breite Schiebetüre um die morgendliche Sonne hereinzulassen. Seinen Klapptisch stellt er vor sein Fahrzeug und den Regiestuhl klappt er ebenfalls aus. Beginnt den Tisch zu richten und so sieht er einem traumhaften Tag entgegen.
Wolkenlos ist der Himmel. Seit einigen Minuten finden sich weitere Camper ein. Es scheint ein beliebter Platz zu sein. Nur mit einem Zigeunerleben hat das alles nichts zu tun, darüber ist sich Shoel im Klaren. Trotzdem wird er noch zwei Tage bleiben, nur so, um sich an sein Schneckenhaus zu gewöhnen.
Es ist ja doch ein völlig anderes Leben, wie sein bisheriges. Ein wenig improvisiert, oft fehlt das Gewohnte das den Alltag auch erleichtert. Aber es war Shoels Wunsch so zu leben und er wird sich daran gewöhnen, dass man mit dem Wasservorrat sparen muss oder dass man mit dem eingeschalteten Licht im Fahrzeug Innenraum sparsam umgeht um die Batterie zu schonen. Da ist sich Shoel ganz sicher. Für den morgigen Tag wird die Wäsche sortiert und die kurze Sommerhose wird aus dem Koffer gekramt. Ein wenig verknittert ist sie noch, aber das macht nichts.
Schnell ist die erste Woche vorüber und es hat sich vieles in Shoels Leben verändert. Er hat viel zu viel ausgegeben, er muss ein Haushalsbuch führen, sonst ist er bereits zur Monatshälfte pleite.
Pro Woche hat er sich vorgenommen, mit hundert Euro auszukommen. Dazu kommt zweimal im Monat ein voller Tank. Mehr ist nicht drin, das ist die Vorgabe für sein Zigeunerleben.
Mit einem vollen Tank kommt Shoel fast neunhundert Kilometer, das muss doch reichen.
Morgen wird Shoel seinen Standplatz an der Costa Brava verlassen. Aus drei, sind inzwischen sechs Tage geworden.
Seit gestern ist ein weiterer Holländer hinzugekommen. Mit dem freundlichen Österreicher, der vorgestern kam, sind wir nun vier Fahrzeuge, die sich die Abende gemeinsam verschönern.
Es wird viel Bier getrunken, unser österreichischer Neuankömmling bevorzugt Bier mit Korn, was zu späterer Stunde unweigerlich zu Missverständnissen führt.
Sein Humor ist etwas anstrengend, so dass meine Holländer zur Rechten sich beleidigt fühlen. Martin wollte aber gar nicht beleidigen, wie er meint, er wollte bloß einen unpassenden Witz über die Holländer mit ihren Wohnwagen loswerden. Was natürlich schwer daneben ging.
Schnell hat Shoel erkannt, dass es Zeit wird das Weite zu suchen. Am letzten Abend erhalten wir dann Besuch von einer Polizeistreife. Die Herren meinen, dass dies hier kein öffentlicher Campingplatz sei. Der befinde sich einen Kilometer weiter, sei übrigens gut ausgeschildert.
Sie blieben freundlich und mein Holländer zur Linken lud sie auch sofort auf ein kühles Bier ein. Die Beamten ließen sich nieder und es sollte eine gute Stunde dauern, bis sie sich wieder auf den Weg machten.
Gleich am nächsten Morgen brachte Shoel seine Campingartikel in den Wagen und kündigte seine Weiterreise an.
Die Spanisch Französische Grenze, ist nach einer guten Stunde erreicht. Shoel wollte in die Provence, mit einem Kurzbesuch in der Camarqué.
Ein Grenzhaus gibt es inzwischen nicht mehr. Der Übergang zwischen den Ländern ist fließend. Nur eine Tafel weist noch darauf hin, dass man sich nun in Frankreich befindet.
Shoel wirft noch einen kurzen Blick auf die Straßenkarte, aber im Grunde weiß er genau wohin er will.
Wie gut, dass er noch in Spanien getankt hat, Shoel ist geschockt von den Benzinpreisen die an einer Tankstelle in Frankreich angezeigt werden.
Montpellier ist bereits die nächste Ausfahrt, hier will Shoel von der Autobahn abfahren. Er befindet sich nun im Gebiet Languedoc-Roussillon. Das Meer ist zum riechen nah. Ohne lange nachzudenken steuert er sein Fahrzeug an einen nahe gelegenen Strand. Die Luft ist deutlich durchsetzt von einem Salzgeruch, kommend von den groß angelegten Salzseen. Salz zu riechen soll ja sehr gesund sein, denkt Shoel. Da gibt es doch in Deutschland Kurorte mit teuer installierten Salinen?
Ein großer Parkplatz ist angezeigt und so gibt es kein Halten mehr. Wolkenloser Himmel erinnert an den Satz, dass Gott ein Franzose gewesen sein muss. „Wie Gott in Frankreich!“ So fühlt sich Shoel, als er sich sein kleines Klapptischchen richtet. Eine Brotzeit ist angesagt. Wie gut, dass sich Shoel an der Grenze noch ein frisches Baguette mitgenommen hat.
Die Sonne ist so stark, dass er sogar die Markise herausdrehen muss um sich keinen Sonnenstich einzufangen. Vom Baguette bricht er ein breites Stück herunter, tunkt es in sein Kaffeehaferl. Eigentlich ist es ja eher ein Milchhaferl mit einem Schuss Kaffee darin. Genüsslich schlürft er an seinem Gebräu und beißt dann wieder von seinem Brot ab. Nebenbei betrachtet er den Strand an dem sich im Moment nur wenige Menschen tummeln. Noch ist es zu früh, in einer Stunde sieht das hier ganz anders aus. Der Mistral ist heute mild gestimmt, so gibt es sogar Touristen, die sich mit dem noch feuchten Sand des Strandes zu Architekten empor schwingen.
Shoel hätte richtig Lust auch mal wieder, so wie in seiner Kindheit eine mächtige Sand-Burg zu bauen. Vielleicht morgen früh, wenn noch keine Touristen am Strand sind?
Ganz in der Nähe muss etwas passiert sein. Shoel beobachtet ein unruhiges Treiben. Zuerst vernahm Shoel nur einen lauten Knall, ähnlich einer Explosion.
Vielleicht ist eine Gasflasche in die Luft geflogen? Er steht auf, geht um sein Fahrzeug und sieht wie einige Strandbesucher zur nahegelegenen Hauptstraße laufen. Ein Unfall, kein Zweifel! Bevor er nun den anderen folgt, räumt er seine Campingsachen in den Wagen. Einen Blick in das Fach mit dem Verbandskasten, hoffentlich ist er dort wo er hingehört. Shoel verschließt sein Fahrzeug und schließt sich den Neugierigen an. Es sind tatsächlich zwei Fahrzeuge an dem Unfall beteiligt. Eine junge Frau liegt am Straßenrand und Shoel geht zuerst zu ihr, vielleicht kann er ja helfen?
Tatsächlich kann er helfen. Seine Gedanken kreisen um den Erste-Hilfekurs, den er vor etlichen Jahren besucht hat. Seitenlage, Knie nach vorne ziehen. Arm anwinkeln, alles geschieht wie von Geisterhand. So als würde eine unsichtbare Person ihn leiten.
Die junge Frau schlägt die Augen auf, blickt ihn an, sie bewegt ihre Lippen, aber ein Ton ist von ihr nicht wahrzunehmen. Sie wird einen Schock haben, denkt Shoel.
Die Zeit vergeht wie im Sekundentakt. Wann kommt endlich Hilfe, hat überhaupt schon jemand nach einem Krankenwagen und der Polizei gerufen. Shoel überlegt, ob er nicht besser sein Handy holen sollte. Er will aufstehen, aber die verletzte Frau greift nach seiner Hand. Ihr Blick sagt Shoel, dass sie seine Hilfe benötigt. Welche Nationalität wird sie haben, wird er mit ihr sprechen können?
Dann endlich hört man das Martinshorn eines Polizeifahrzeuges. Es hält dicht bei den verunfallten Fahrzeugen. Ein Beamter tritt an die Seite von Shoel. Er scheint anzunehmen, dass die Frau etwas mit Shoel zu tun hat.
Er meint, dass ein Krankenwagen gleich eintreffen wird und Shoel solange die Hand der Verletzten halten soll. Das gütige Lächeln eines Beamten beruhigt Shoel. Hat er doch anscheinend alles richtig gemacht.
Weitere Minuten vergehen, Minuten kommen einem in dieser Situation wie Stunden vor. Aber dann kommt ein Sanitäter an die Seite der verletzten Frau. Shoel will sich zurückziehen, aber die Frau lässt seine Hand nicht los. Krampfhaft versucht sie diese zu halten. Der Sanitäter meint, dass Shoel mit in den Krankenwagen steigen soll. Alle scheinen zu glauben, dass Shoel mit der verletzten Person etwas zu tun hat.
Wie abwesend geht Shoel neben der Trage her. Hält noch immer die Hand der ihm unbekannten Person. Dann bittet ihn der Sanitäter in den Wagen zu steigen. Shoel überlegt, sollte er nicht besser erklären, dass er die Verletzte gar nicht kennt, dass er nur helfen wollte. Wie wird er zu seinem Fahrzeug zurückkommen?
Wird es überhaupt noch da sein, wenn er zurück kommt? Die Gegend gilt nicht unbedingt als die Sicherste.
In dieser einsamen Gegend, könnte es durchaus sein, dass nach Einbruch der Dunkelheit gestohlen wird. Aber er entscheidet sich, bei der Verletzten zu bleiben.
Shoel ist erst beruhigt, als er feststellt, dass die Klinik in die die verletzte Person gebracht wird, nur wenige Kilometer vom Strand entfernt ist.
So könnte er durchaus mit einem Taxi zu seinem Fahrzeug zurückkehren. Also wird er bei der Frau bleiben, zumindest solange sie seine Hand fest hält. Im Krankenhaus angekommen, werden ihre Hände von einander getrennt. Noch ein fester Händedruck, dann verschwindet die Frau hinter einem großen Plastikvorhang.
Was tun? Soll er warten, bis er Bescheid weiß? Wie heißt sie eigentlich, wer ist sie?
Ein kurzer Blick auf die Uhr, dann entscheidet sich Shoel zu seinem Fahrzeug zurück zu kehren. Er wird es holen und dann wird er auf eine Nachricht warten. Die Ärzte werden sich um die Frau kümmern und was hat er eigentlich mit ihr zu tun fragt er sich immer wieder von neuem.
Das Taxi hält direkt neben seinem Fahrzeug und der Fahrer wirft einen kurzen Blick auf das praktische Wohnmobil, wie er sich ausdrückt. Praktisch? Ja praktisch ist es schon, wenn auch etwas eng, wie Shoel immer wieder feststellen muss. Shoel schließt sein Fahrzeug auf und erkennt, das er an seiner linken Hand etwas Blut von der jungen Frau hat.
Das muss ein Zeichen sein, so denkt er. Nun beginnt er die Dinge, die er vor etwa einer Stunde flüchtig in den Wagen geräumt hat ordentlich zu verstauen, so wie es sich als Camper gehört. Alles hat seinen festen Platz, da lässt Shoel keinen Zweifel aufkommen. Dann startet er sein Fahrzeug und überlegt nochmals, ob er tatsächlich nach dem Befinden der jungen Frau sehen soll. Sieben Kilometer, so steht es auf der Quittung des Taxis. Dann sieht er wieder das Blut an seiner Hand. Er will es abwaschen, entscheidet sich aber anders. Zuerst will er nach der Verletzten sehen.
Nach wenigen Minuten steht er vor dem Hospital. Sucht einen Parkplatz und geht auf das Portal zu. Am Empfang gibt es erste Verständigungsprobleme. Erst als eine Hilfsschwester kommt, kann Shoel seinen Wunsch vortragen. Nur wissen, wie es der jungen Frau geht, mehr will er nicht. Die Hilfsschwester überlegt und bittet ihn, ein wenig Geduld zu haben, sie wird sich erkundigen.
Dann kommt sie nochmal zurück und fragt Shoel, ob er der Ehemann sei, oder vielleicht ein anderer Verwandter. „Nein, ich wollte nur helfen und sehen, wie es ihr jetzt geht.“
Mehr bringt er nicht heraus. Aber die Schwester winkt und bittet um Geduld. Shoel überlegt, ob es wirklich richtig ist, hier zu bleiben.
Soll er nicht doch besser einfach weiterfahren? Diese Entscheidung wird ihm abgenommen, da bereits die Hilfsschwester auf ihn zukommt und ihn bittet ihr zu folgen.
Eine hilflose Person liegt nun vor ihm. In einem Krankenbett, mit dicken Verbänden an den Armen und Beinen, auch im Gesicht zeigen sich Schürfwunden.
Die ihm Unbekannte versucht Shoel die Hand entgegen zu strecken, was ihr aber nicht gelingen will. So ergreift er die ihre und hält sie kurz gedrückt.
Ein Lächeln zeigt sich auf ihren Lippen und dann zwinkert sie sogar noch mit dem linken Auge. Die Krankenschwester tritt an die Seite von Shoel und so kann er sie bitten zu übersetzen. Aber nach dem ersten Satz meint die Verletzte, dass sie ihn gut verstehen kann. Noch mit schwacher Stimme erklärt sie, dass sie vor einigen Jahren in Österreich gelebt hat, daher die Sprache recht gut spricht und auch versteht.
Shoel bleibt an ihrem Krankenbett und so erzählt er von seiner Reise und dass alles nur Zufall war, dass er kurz nach dem Unfall an ihre Seite kam. Dann aber kommt ein Arzt im weißen Kittel und bittet Shoel das Zimmer zu verlassen. Die Besuchszeit ist zu Ende. Morgen könnte er nochmal vorbeischauen, meint er mit einer Handbewegung, die ihm klarmacht, dass er den Raum verlassen muss.
An der Türe dreht sich Shoel nochmals um und winkt, so als wolle er sagen, dass er morgen früh wieder an ihrem Krankenbett sein wird.
„Sie ist eine Zigeunerin“, meint die zuständige Schwester am Empfang. „Sie können ruhig fahren, die Familie ist verständigt. Spätestens in einer Viertelstunde werden sie alle da sein, der gesamte Clan wird auftauchen. Machen sie sich also keine Sorgen, fahren sie ruhig!“
Zigeunerin? Shoel überlegt, so wie er, der wie ein Zigeuner leben will. Oder ist sie eine richtige Zigeunerin? So wie es hier in der Camarqué etliche gibt? Eine innere Stimme sagt ihm, dass er die Familie kennenlernen will.
Warum nicht, wenn sie ihn nicht mögen, dann kann er ja immer noch weiterfahren. Auf einen Versuch lässt es Shoel ankommen. Gleich am nächsten Morgen wird er sie erneut besuchen.
Shoel verzieht sich in sein Wohnmobil und parkt es ganz in der Nähe des Klinikums.
Noch einmal in ihre Augen sehen, noch einmal ihre Hand drücken. Dann wird er entscheiden. Aber was wohl?
Sein Fahrzeug steht so, dass er das Klinikum im Blick hat. Er glaubt sogar, dass er ihr Zimmer ausmachen kann. Im dritten Stock, das letzte Zimmer im langen Gang.
Shoel blickt auf seine Uhr, die ihm klar und deutlich sagt, dass es halb fünf früh ist. Also, um diese Zeit kann er auf keinen Fall in der Klinik auftauchen.
So beginnt er sich Gedanken darüber zu machen, wie er seine Reise fortsetzen wird. Eines ist inzwischen klar, gegen neun wird er sie besuchen, sich ihren Namen geben lassen und dann wird er sich verabschieden.
Sie hat eine Familie, vielleicht sogar einen festen Freund. Die Hierarchie bei den Zigeunerfamilien ist gefestigt, da kann man nicht einfach als Besucher eindringen, darüber ist sich Shoel sicher. Shoel beginnt damit ihr einen Namen zu geben. Überlegt, wie sie wohl heißen mag. Während er seinen Gedanken nachhängt, setzt er seinen Kaffee auf, richtet sich den Frühstückstisch.
Noch die Semmeln von gestern in den kleinen Backofen geschoben, dann lässt er seine Gedanken weiter um die Unbekannte kreisen. Als Shoel wieder auf die Uhr sieht, ist es kurz vor neun. Da hat er doch tatsächlich die ganze Zeit verträumt. In seinen Gedanken sieht er sich bereits an ihrem Krankenbett. Was für eine Augenfarbe hat sie eigentlich? Dunkel, ja dunkel waren sie, da ist er sich ganz sicher. Schwarz oder Braun, ja das glaubt er nun ganz sicher.
Dann aber, nachdem Shoel sein Fahrzeug geordnet hat, alle Frühstückssachen in die schmalen kleinen Schränke verräumt hat, zieht er noch seine leichten Wanderschuhe an und macht sich auf den Weg zum Hospital. Dreihundert Meter, mehr ist es nicht.
Sein Blick ist auf das vermeintliche Zimmer gerichtet. Er hofft, dass sie vielleicht am Fenster steht und ihn schon von weitem erkennen könnte.
Aber was hat er da für Gedanken, sie liegt ja bewegungslos in ihrem Bett. Zuerst müssen ja ihre Verletzungen heilen, bevor sie sich am Fenster zeigen könnte.
An der Rezeption des Krankenhauses, wird er nach seinem Namen gefragt und dann soll er einen Zettel ausfüllen, worin er erklären muss, wen er zu besuchen beabsichtigt.
Shoel überlegt kurz, versucht sich daran zu erinnern, welche Zimmernummer der Raum hatte. Es will ihm nicht einfallen, so fragt er das junge Fräulein nach einer Zigeunerin, die er hier gestern abgeliefert hat. „Ein Autounfall“, meint er noch erklären zu müssen.
„Dritter Stock, Zimmer dreihunderteinundzwanzig, aber die Eltern sind gerade gekommen.“
„Danke, dann werde ich etwas warten.“ Erklärt Shoel.
Shoel nimmt die Treppe, da er ja nicht stören will, wenn die Eltern zu Besuch sind.
Dann sieht er durch das Fenster in der Türe, dass nicht nur die Eltern im Raum sind, es sind mindestens fünf Personen, die um das Krankenbett herum stehen.
Die überwiegende Kleiderfarbe im Raum ist schwarz. Das liegt wohl daran, muss Shoel erkennen, dass es vier Frauen und nur ein Mann sind, die Frauen tragen bodenlange schwarze Röcke. Shoel überlegt, ob er wirklich eintreten soll. Was werden sie sagen, vielleicht vermuten sie, dass er, Shoel vielleicht mit im Fahrzeug gesessen hat. So könnten sie vielleicht einen falschen Eindruck von ihm bekommen.
Egal, denkt Shoel, drückt auf die Klinke der Zimmertüre und betritt den Raum.
Über die Reaktion der besuchenden Personen ist er doch sehr erstaunt. Als würden sie ihn kennen. Eine ältere Frau fällt Shoel um den Hals und küsst ihn auf die Wangen. Sie beginnen auf ihn einzureden, aber Shoel versteht kein Wort.
Dann sieht er, dass die junge Frau im Bett ihre Hand nach Shoel ausstreckt. Der Vater schiebt ihn dicht an das Bett und so gelingt es Shoel, die Hand von seiner noch immer unbekannten Frau zu drücken.
Shoel blickt ihr in die Augen um umgehend feststellen zu können, dass ihre Augenfarbe tatsächlich dunkel braun ist. Er bildet sich ein, dass sie eine Träne im Augenwinkel hat. Eine Freudenträne? Shoel ist gerührt und muss sich ernsthaft zusammen nehmen, damit ihm nicht Gleiches widerfährt.
Janine, ihr Name ist Janine, Gott sei Dank hat ihr Vater sie gerade so gerufen. Janine das Zigeunermädchen. Was nun folgt ist ein unmissverständliches Kauderwelsch von Worten. Bis der Vater von Janine einschreitet und nach Shoels Nationalität fragt.
So einigt man sich auf Deutsch. Schon nach wenigen Minuten erfährt Shoel, dass die ganze Familie mal für lange Zeit in Österreich gelebt hat.
Es wurde ihnen dort aber nahegelegt, das Land zu verlassen. Über zwanzig Jahre haben sie bei einem Weinbauer gelebt und ihm den Haushalt geführt. Als dieser verstarb, wurden sie vom Sohn des Verstorbenen vom Hof gejagt.
Er war ein Rassist, wie es schlimmer nicht sein könnte. So blieb ihnen nur die eine Möglichkeit, zu ihrer Familie in der Camarqué zurück zu kehren. Dort gibt es noch einen Schwager, der das kleine Anwesen etwas erweiterte und so seine Verwandschaft unterbringen konnte.
Janine hat während der gesamten Zeit, als ihr Vater von alten Zeiten erzählte, Shoel betrachtet. Der Mutter Janines ist dies natürlich nicht entgangen und so fragt sie ganz spontan, ob Shoel nicht mit zu ihnen kommen will. Für ein Wohnmobil haben sie immer einen geeigneten Platz, erklärt der Vater. Shoel soll doch wenigsten solange am Ort bleiben, bis sich Janine von ihrem Unfall erholt hat.
Shoel spürt, dass er nun nicht einfach weiterfahren kann. Die Familie von Janine hat ihn in seinen Bann gezogen.
Wollte er nicht ausziehen um das Leben der Zigeuner zu studieren? Nun ergibt sich eine Gelegenheit, die er so schnell nicht wieder kommen würde, das ist ihm inzwischen klar geworden. So willigt er ein, ohne von seinem Vorhaben, ein Buch über das Zigeunerleben schreiben zu wollen, zu berichten.
Er wird es zu einer passenden Gelegenheit erklären. Dann würden sie ihm vielleicht einen Einblick in ihre Lebensgewohnheiten geben. So zumindest ist seine Hoffnung.
Ein Weg, denn eine richtige Straße ist es nicht, führt Shoel und sein Wohnmobil in eine abgelegene Gegend der Camarqué. Vom Hospital sind es gute zwanzig Kilometer, bis sie endlich vor einem Eisengitter zum Stehen kommen. Es ist die Einfahrt zu einem Anwesen, welches Shoel für die nächsten Tage noch einiges an Rätseln aufgeben wird. Aus dem weitläufigen Garten kommen Kinder mit viel Geschrei zum Tor gelaufen. Sie schieben die Gitter beiseite.
So fahren der Vater mit seinem alten Citroen und Shoel mit seinem Wohnmobil durch den mit einem Bogen verzierten Eingang. Shoel bekommt eine Anweisung, wo er sein Fahrzeug abstellen kann. Im vorderen Bereich des Grundstückes, gibt es ein mit einer Gartenlaube verziertes Anwesen. Hier soll sein vorübergehendes Quartier sein. Er könne selbst entscheiden, ob er lieber in der Gartenlaube oder seinem Wohnmobil wohnen will.
Shoel betrachtet sich das kleine Häuschen und stellt fest, dass es sogar eine Dusche gibt. Der Vater von Janine zeigt ihm auch gleich die Steckdose, die er für sein Wohnmobil so dringend benötigt.
Nach und nach lernt Shoel die große Familie kennen. Alle scheinen zu wissen, das Shoel, der kleinen Janine, wie sie hier genannt wird, bei ihrem schweren Unfall geholfen hat.
Ihm selbst war es zwar nicht so bewusst, aber widersprechen will er nun auch nicht. Dass es doch für ihn eine Selbstverständlichkeit war und so gibt es da doch eigentlich nichts mehr zu reden. Deshalb schweigt er auch und die jüngere Schwester von Janine führt ihn im Anwesen herum.
Zwei riesige Wohnmobile stehen im hinteren Teil des Anwesens. Drei Wohnwagen sind in einer Reihe aufgestellt und miteinander durch Zeltplanen verbunden. Verschieden große Steinhäuser gibt es ebenfalls. Eines der Steinhäuser, muss früher eine Scheune gewesen sein. Nun ist sie aber ausgebaut und im hinteren Teil scheint eine Werkstatt installiert zu sein aus der man lautes Hämmern wahrnehmen kann.
Ein Blick in den Raum verrät ihm, dass hier wohl eine kleine Autowerkstatt betrieben wird. Ein junger Mann ist damit beschäftigt, an einem Unfallwagen die Türe auszubauen. Dann aber steht auch schon Janines kleine Schwester hinter ihm und erklärt ihm, dass es wohl Essenszeit ist.
Getafelt und so muss man es nennen, wird hier an einem langen großen Naturholztisch. Shoel spürt die Nähe zu den Zigeunern und er spürt auch, dass es ihm nicht unangenehm ist. In dem Gesicht einer älteren Frau, glaubt er Gesichtszüge seiner Tante zu erkennen.
Er betrachtet sich die Tischplatte und überlegt, vielleicht war es zu früheren Zeiten mal eine Türe, zumindest deuten die noch vorhandenen Beschläge darauf hin. Nur das Schloss selbst hat man wohl entfernt, vielleicht wurde es an einer anderen Stelle des Hauses benötigt. Dafür klafft hier ein größeres Loch. Shoel schiebt verstohlen sein Tischset darüber. Eines der kleinen Mädchen beobachtet ihn dabei und meint: „Das Loch im Tisch gehört dahin, denn da sitzt normalerweise die Oma und wenn sie ihre Suppe verschüttet, läuft diese hier ganz einfach ab.“
„Wie praktisch!“, meint Shoel zu dieser simplen Erklärung.
Große Teller mit Salaten und Meeresfrüchten werden herausgetragen. Schnell ist der Tisch mit leckeren Speisen gedeckt.
Zwei große Brotlaibe liegen zum Zerteilen auf dem Tisch. Der Hausherr greift zum Messer und beginnt mit der Aufteilung der großen Laibe.
Die Frauen am Tisch verteilen die Salate mit den dazugehörigen Saucen. Ein Stimmengewirr, eine Lebendigkeit, wie Shoel sie bisher nicht erlebt hat. Shoel ist begeistert von diesem Treiben am abendlichen Tisch.
Wie die Familien zusammen gehören hat er natürlich noch nicht herausgefunden. Er erkennt, dass es mindest noch drei weitere Schwestern von Janine geben muss. Dann gibt es drei ältere Frauen, die wohl für die Ordnung auf dem Anwesen zuständig sind. Oder ist vielleicht die Bezeichnung Chaos besser?
Shoel kann nach einiger Zeit beobachten, dass es sich um zwei Familien am Tisch handelt. Sie sitzen zwar durcheinander, aber von den vier jüngeren Kindern gehören zwei zu Janines Familie, da sie zwischendurch Deutsch sprechen. Die Ähnlichkeit ist sofort zu erkennen. Nur eines haben alle gemeinsam, es sind die dunkelbraunen Augen. Zwei, für Shoel ältere Männer sind wohl die Familienoberhäupter. Sie sitzen über Eck am Tisch und haben wohl gerade einiges zu besprechen. Sie stecken ihre Köpfe zusammen und es scheint wichtig zu sein, das erkennt Shoel an der Mimik. Die jüngeren Kinder sprechen teilweise ein sehr deutliches österreichisch. Sie scheinen sogar dort zur Schule gegangen zu sein. So erklärt eine, wohl die ältere von vieren, wie eine Rechenaufgabe zu lösen ist.
Zwei junge Männer stecken ihre Köpfe ebenfalls zusammen. Einen von beiden erkennt Shoel als den Burschen aus der Autowerkstatt. Soweit Shoel es versteht, kommt wohl in den nächsten Tagen ein weiterer Wagen, der für den Verkauf hergerichtet werden muss. Interessant ist für Shoel, dass alle reichlich zu tun haben. Eigentlich hatte er vermutet, dass sie von Staatlicher Hilfe leben würden, aber weit gefehlt, hier verdient jeder sein eigenes Geld.
Die älteren Frauen betreiben mit zwei jüngeren Frauen zusammen eine Töpferei. Da fällt Shoel ein, dass er im Unfallwagen von Janine eine Kiste mit Töpferware gesehen hat. Leider ist sie nun nicht mehr für den Verkauf geeignet.
Der Vater von Janine spricht Shoel auf den Unfall an. Die Polizei, die den Unfall aufgenommen hat, behauptet, Janine sei von der Straße abgekommen. Dagegen spricht aber, dass der zweite Wagen, der ebenfalls am Unfall beteiligt war, einen Schaden aufweist, der auf seine Schuld schließen lässt. Aber der Besitzer des zweiten Wagens kennt wohl einen der Polizisten, die den Schaden aufgenommen haben. So wurde der Unfall zu Gunsten des zweiten Fahrzeuges gedreht.
Der zweite Beteiligte ist in der Gemeinde tätig und hat natürlich die erforderlichen Möglichkeiten den Fall zu beeinflussen. Janines Onkel meint, dass sie den Schaden wohl selbst bezahlen müssen. Nur gut, dass Janine eine ordentliche Krankenversicherung hat. Diese stammt noch aus der Zeit, als sie in Österreich wohnten.
Die Tafel wird aufgehoben und Janines Vater bitten Shoel an seine Seite. Shoel vermutet, dass Janines Vater nun ein bisschen über sein Leben erfahren möchte.
Auf die Frage nach Shoels Beruf, antwortet dieser, dass er Autor verschiedener Bücher sei.
Die Enttäuschung ist Janines Vater anzusehen, er erhoffte sich wohl eher einen wohlhabenden jungen Mann. Shoel begreift schnell. Der Vater, der sich übrigens den Namen „Kaiser“ gibt, ist wohl auf der Suche nach einem geeigneten Schwiegersohn.
Shoel fragt ganz direkt nach Janines Alter. „Dreiundzwanzig? Ist sie da nicht noch viel zu jung?“
Der Kaiser, also Janines Vater ist fast verärgert, über diese Reaktion. So meint er mit grimmiger Miene, „Wie alt soll sie den noch werden. Normalerweise würden sich die jungen Frau schon mit neunzehn einen Bräutigam suchen.“
Um das Thema zu drehen, versucht es Shoel mit der Frage, Wie kommst du denn zu dem Namen Kaiser?“
„Das ist ein Spitzname, den hat er von seinem ehemaligen Chef in Österreich erhalten. Dann wurde er von diesem Tag an, nur noch der Kaiser genannt.“
Die Mutter nennen sie alle nur die „Chefin“. Sie trägt die Verantwortung für die Kinder und für alles was im Haus zu geschehen hat. Sie unterrichtet auch die Kinder in allen Fragen des öffentlichen Lebens. Seit einigen Monaten gibt es endlich einen Schulbus. So ist ein regelmäßiger Besuch des Unterrichts gewährleistet.
Der nächste Ort in dem sich eine Schule befindet ist Aigues-Mortes. Die Schule stammt noch aus den Fünfzigern und benötigt dringend eine Renovierung, meint der Vater.
Shoel ist mit dem Kaiser in ein Gespräch vertieft, als plötzlich die Chefin sich zu ihnen gesellt. Sie meint, dass sie nochmals ins Hospital fahren möchte und ob Shoel sie begleiten möchte. Schnell erkennt Shoel, dass er in das Familiengeschehen eingebunden wird. Vater wie auch die Mutter scheinen ihn für einen geeigneten Hochzeitskandidaten, für die beiden hübschen Töchter zu halten.
Noch hat ihnen Shoel nicht erzählt, dass er liiert ist. Aber er nimmt sich vor, es bei nächsten Gelegenheit zu klären.
Der tägliche Besuch im Krankhaus ist fast schon zur Gewohnheit geworden. Shoel muss nun nicht mehr Auskunft geben, nein die Schwester an der Rezeption winkt nur noch und fragt nicht weiter.
Die Mutter geht noch schnell beim Oberarzt vorbei, Shoel nutzt die Gelegenheit um allein mit Janine reden zu können. Als er die Türe zum Krankenzimmer öffnet, sieht er Janine am Fenster stehen. „Du darfst schon aufstehen? Bist du nicht noch zu schwach?“
Janine steht im Sonnenlicht und so kann Shoel ihre Körperkonturen genau erkennen, ist erstaunt, dass sie so zierlich, ja, man könnte sogar sagen fast zerbrechlich ist. Shoel ist in Gedanken versunken, als er ihre Konturen mit seinen Augen nachzieht.
Janine sieht in an und bittet ihn zu ihr ans Fenster zu kommen. „Ich wollte mich bei dir bedanken, dass du meine Hand gehalten und bei mir geblieben bist. Du musst wissen, ich hatte schreckliche Panik, als ich da so auf der Straße lag.“
Shoel spürt, dass es ihm näher geht, als er es eigentlich zulassen will. So antwortet er nur kurz. „Das war doch selbstverständlich, das hätte doch jeder gemacht!“
Janine meint, „Ich darf in drei Tagen nach hause, wirst du dann weiterziehen, oder noch ein paar Tage unser Gast sein?“
„Ich weiß noch nicht, du musst verstehen, dass ich nicht darauf eingerichtet war, als du so plötzlich in mein Leben getreten bist.“
Janine wendet sich etwas wackelig zu Shoel. „Lass mich nochmals deine Hand halten, ich möchte deinen Händedruck spüren.“
Shoel geht auf Janine zu und greift nach ihrer rechten Hand. Genau in diesem Moment geht die Türe auf und Janines Mutter steht im Eingang.
„Lasst euch durch mich nicht stören.“
Shoel ist es schrecklich peinlich und so meint er: „Nein, es ist nicht so wie es aussieht“, und geht er einen Schritt zurück.
So dass sich Janine und Shoel jetzt gegenüber stehen. Shoel spürt ihren Blick und würde diesen jetzt zu gerne erwidern, aber da die Mama, die Chefin im Raum steht, ist er lieber zurückhaltend.
Die Situation wird erst entspannt, als der Oberarzt an der Türe klopft und herein kommt. Die Mutter und Shoel werden gebeten den Raum zu verlassen, da jetzt Zeit für die Visite ist.
Sie gehen im Gang auf und ab, bis die Mutter das Wort ergreift. „Vielleicht war es eine Vorsehung, dass ausgerechnet du am Unfallort warst?“
Shoel meint, „vielleicht“ gibt aber ansonsten keine weitere Antwort. Er ist mit seinen Gedanken weit entfernt. Er überlegt, wie er sich verhalten soll. Zugegeben, die Familie ist wirklich „okay“, wie er immer zu sagen pflegt.
Natürlich will er die frische Freundschaft nicht einfach wegwerfen. Schließlich ist er auf der Suche nach einem richtigen Zigeunerleben.
Das kann er nun hautnah erleben und fühlen. Es tut ihm sogar gut, die jungen Burschen aus dem Clan sind zu ihm mehr als freundlich.
„Und wirst du noch etwas bleiben, wie hast du dich entschlossen?“ fragt ihn nun die Mutter ganz unvermittelt. „Wir könnten dir auch die Laube herrichten, dann kannst du direkt von deinem Fahrzeug hinübersteigen.“
Shoel erschrickt etwas, irgendwie geht ihm alles zu schnell, aber er weiß auch, eine Entscheidung wird spätestens auf der Rückfahrt zum Anwesen fallen.
Die Mutter wird nicht locker lassen. Sie sieht in ihm den richtigen Mann für ihre Tochter. Gut, dass er ausgerechnet einen brotlosen Beruf eines Schriftstellers hat. Das spräche eigentlich gegen ihn, aber einen richtigen Mann für Janine in der Camarqué zu finden wird nicht einfach sein, das weiß die Mutter ebenfalls. Auf der Rückfahrt zum Camp erzählt die Mutter, dass Janine ihre Jugend in Österreich verbrachte und es mangelte ihnen an nichts. Janine musste ihre Lehre bei einer Modedesignerin aufgeben, gerade zu einem Zeitpunkt, wo sie so richtig gefallen an ihrer Arbeit fand.
Kaum befahren sie das Grundstück, kommt ihnen schon einer der jüngeren Burschen entgegen und fragt Shoel ob er sich mit Technik auskennt. „Lass mal sehen, vielleicht kann ich ja helfen.“
Shoel geht an seiner Seite bis zur großen Halle. Das Problem, wo er vielleicht helfen könnte, ist eine marode Zündspule. Shoel betrachtet sich das gute Stück und holt sich einen kleinen Schraubenzieher und entfernt den Deckel. Ein kurzer Blick reicht um zu wissen, dass das alte Stück hinüber ist. „Wir brauchen Ersatz, mit diesem alten Stück ist kein Start zu machen.“
Janines Bruder führt ihn zu einem großen Regal, wo sich Ersatzteile zu Hauff befinden. Shoel beginnt zu kramen und wird tatsächlich fündig. Den fehlenden Deckel entnimmt er dem Altteil. „So jetzt versuch es mal, es könnte klappen.“
Beim Einsetzen des Teils ist Shoel noch behilflich und dann wird auch schon am Anlasser gedreht und der Wagen springt auf Anhieb an. „Super! Danke, du kennst dich anscheinend mit Technik aus. Du kannst bleiben, ein Techniker hat uns nämlich gefehlt.“
Shoel betrachtet sich das Anwesen nochmal auf dem Weg zu seinem Fahrzeug. Zwei Großfamilien sind hier untergebracht und man hat nicht das Gefühl, dass es eng wird.
Aber leben könnte Shoel in diesem Chaos nicht, da gibt es keinen Zweifel. Aber lustig findet er es trotzdem, dass er sich doch mit dem Gedanken beschäftigt, hier einzuziehen. Sein Lächeln fällt Janines Mutter auf.
