Shoppingrausch - Tatjana Adler - E-Book

Shoppingrausch E-Book

Tatjana Adler

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Beschreibung

Shoppingrausch - Kaufsucht in Stationen - Endstationen. Und das alles nur, weil mir meine sonst so geliebte Arbeit, die Trennung von meinem Ex und der Tod meiner Mutter zu viel wurden. Hinzu kam die Unzufriedenheit mit all dem und dass ich nichts daran ändern konnte. Stattdessen musste ich feststellen, dass ich von vielen in mir lebenden Geistern bewohnt war, die nur eines im Schilde führten: mich süchtig zu machen und mich in den Wahnsinn zu treiben. Während dieser Zeit trat der Unternehmer Erik Bergström in mein Leben - Liebe auf den zweiten Blick -, der sich als mein persönlicher Schutzengel entpuppte. Das erste Mal so richtig verliebt, und doch schien alles so hoffnungslos ...

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Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Ich widme das Buch einem ganz besonderen Menschen

– einem Freund –,

der immer einen Platz in meinem Herzen haben wird,

egal ob auf Erden oder im Himmel.

Er hat mich stark gemacht,

hat Spuren hinterlassen, mein Herz berührt

und mich dazu animiert, das Beste aus allem zu machen,

auch wenn es noch so schwer erscheint.

Das Leben mit anderen Augen zu sehen und zu leben,

als wenn jeder Tag der letzte sei.

Der mich Augenblicke hat erleben lassen,

von denen ich nie ahnte, dass es sie gibt.

In dessen Nähe ich mich immer wohl

und geborgen fühlen durfte.

Ich danke für die vielen unvergesslichen Jahre

und deine Freundschaft,

die nie in Vergessenheit geraten wird.

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

mit meiner Buchserie, dem Titel »Shoppingrausch«, erzähle ich von meinen Erfahrungen mit der Kaufsucht in Stationen – Endstationen. Erfahren Sie, wie alles begann, wann es mit der Kauferei immer mehr und wann daraus der reinste Shoppingwahn wurde, der mich später fest im Griff hatte. So fest, dass ich – oder besser gesagt mein Körper – außer Kontrolle geriet. Ich lernte, dass ich von vielen in mir lebenden Geistern bewohnt war, die nur eines im Schilde führten: mich süchtig zu machen und mich in den Wahnsinn zu treiben.

Doch krieg mal einer die Geister aus dem kleinsten, aber dennoch größten Zentrum, dem Gehirn, raus! Die verstehen nicht, was es heißt, die Kündigung zu erhalten und auszuziehen. Nein, nein, sie protestieren und bleiben im »Köppken« wohnen, bis ihnen die Zwangsräumung droht. Und selbst dann verstecken sie sich noch so gut, dass nicht alle das Zentrum des Denkens verlassen.

Dabei fing es so harmlos an …

Ich kaufte gerne mal das ein oder andere ein. Das kennen Sie sicherlich selbst: Man geht durch die Stadt und findet etwas schön, denkt sich, dass man es für dies oder jenes verwenden oder zu einem gegebenen Anlass verschenken kann. So war es zumindest bei mir. Doch zunehmend, ohne dass ich es bemerkte, wurde es immer mehr, was ich kaufte. Geriet ich in Stress, fand ich prompt den Weg in die Geschäfte, um dort mein Geld auszugeben. Damit blendete ich meine Sorgen vorübergehend aus. Aber wehe, es war gerade geschlossen. Dann wurde ich unruhig und musste mich ablenken. Doch es gab ja noch die moderne Technik mit ihren Onlineversandhäusern – nicht zu vergessen die Shoppingsender, die den lieben langen Tag ihre Produkte, die sowieso in keinem Laden angeboten wurden, auf verführerische Art und Weise anpriesen. All das entdeckte ich für mich. Ja wirklich, das ist spannend! Kennen Sie nicht die flotten Du-musst-jetzt-zuschlagen-Sprüche? »Meine lieben Damen, greifen Sie zu beim Superangebotsschnäppchen. Nirgends sonst ist diese begehrte Küchenmaschine zu dem Preis für Sie zu haben. Ihr Mann wird Sie lieben!«

Dumm nur, wenn man keinen Mann hat! Aber vorausschauend handeln ist ja auch nicht schlecht – wer weiß schon, wie das Leben so spielt.

Lange Zeit löste ich meine seelischen Probleme mit Einkaufstouren mal dieser, mal jener Art. Für eine Weile ging das auch gut, doch irgendwann verlor ich nicht nur den Blick über meine Konten, nein ich sah auch vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.

Während einer beruflichen Auslandsreise lernte ich am Rande meiner Shoppingrauschtouren den Kunden und Unternehmer Erik Bergström kennen. Für mich war es Liebe auf den ersten – na ja okay, zugegeben, auf den zweiten – Blick.

Gibt es nicht? Der Meinung war ich auch, aber manchmal sieht man beim ersten Blick nicht lange genug hin. Dieser Mann entpuppte sich von Anfang an als mein persönlicher Schutzengel, denn er war stets an meiner Seite und fing mich auf, wenn ich mal wieder einen Absturz erlitt. Er bereicherte mein Leben mit so viel Liebe, Geborgenheit und vielem mehr – bis er sich keinen Rat mehr wusste, als es immer schlimmer wurde und ich nach einer krassen Shoppingtour …

Noch ein paar Worte zu mir:

Ich bin Tatjana Adler, Ende vierzig, verheiratet mit dem wunderbarsten Menschen, der mir je im Leben begegnet ist. Mein Mann und ich haben zwei Kinder – Jonas und Fynn –, die wir über alles lieben.

Beruflich gelte ich heute als ruhig, selbstbewusst und zielorientiert, privat hingegen kennt man mich als den legeren Typ, der in Stresssituationen nicht unbedingt auf seine Wortwahl achtet. Darum wundern Sie sich bitte nicht über meinen Schreibstil, der vielleicht das ein oder andere Mal aus der Kontrolle zu geraten scheint.

Zu Hause ist nicht da,

wo man wohnt, sondern dort,

wo einem Liebe & Geborgenheit widerfahren …

Ich wuchs auf dem Hof meiner Eltern auf, in einem kleinen Dorf, so einem richtigen Kaff, in dem man nichts weiter tun konnte, als die Feldwege entlangzulaufen und eins mit der Natur zu sein. Zum Einkaufen für den täglichen Bedarf musste man einige Kilometer weit fahren. Auch Nachbarn gab es in dem Sinne nicht, denn der nächste wohnte zu Fuß eine gute Viertelstunde entfernt.

Auf unserem Hof gab es Kühe, Schafe, Hühner und Pferde. Mein Vater betrieb eine eigene Schlachterei und bewirtschaftete zusammen mit meiner Mutter zahlreiche Felder, auf denen Mais, Weizen und vieles mehr wuchs. Hinzu kamen Obstbäume und ein ansehnlicher Gemüsegarten – ein Traum, wenn man von diesen Köstlichkeiten naschen durfte. Nichts war hier gespritzt oder sonst wie behandelt, und natürlich wurden Äpfel, Tomaten & Co. von Hand geerntet.

Meine Mutter hatte einen eigenen Hofladen, in dem sie neben Käse, Eiern und Wurst kreative und selbst gefertigte Dekorationsartikel verkaufte. Sie stellte sehr schöne Vasen her und malte sogar Bilder mit ihren Lieblingsmotiven: Sonnenblumen, Mais, Vögel, Vogelscheuchen.

Ich konnte froh sein, dass ich solche Eltern hatte. Sie liebten mich über alles und sorgten dafür, dass es mir gut ging. Allerdings forderten sie mich auch immer wieder auf, ihnen verschiedene Arbeiten auf dem Hof abzunehmen. So half ich im Stall, zählte Strohballen, sammelte Eier, kümmerte mich um die Wäsche und vieles mehr. Egal ob jung oder alt – jeder, der zwei gesunde Hände hatte, musste mit anpacken. Wenn meine Eltern mir erklärten, dass sich mein Einsatz schon noch auszahlen würde, verstand ich es zunächst nicht. Im Gegenteil, als Kind und auch als Teenager empfand ich es so manches Mal als Strafe, dass ich so viel arbeiten musste.

Auf unserem Hof waren rund zwanzig Mitarbeiter beschäftigt – zu den Saisonzeiten waren es weitaus mehr. Beispielsweise zur Spargelernte und zum Erdbeerenpflücken wurden Hilfsarbeiter angeheuert, die einen Knochenjob machten. Sie lebten während dieser Zeit auf dem Hof, und zwar in einem zweiten Gebäude, das meine Eltern eigens für diesen Zweck gebaut hatten.

Die Bauern halfen sich gegenseitig, wo sie nur konnten. So fuhr mein Vater als Lohnunternehmer für andere die Ernte ein und verdiente damit zusätzlich Geld. Schwere Landmaschinen konnte ja nicht jeder haben, da sie in der Anschaffung sehr teuer waren – und damit meine ich nicht nur ein paar Tausend Euro. Mal abgesehen davon, dass diese ihrem Besitzer bei Reparaturen die Haare vom Kopf fraßen.

Von nichts kommt eben nichts. Und genau das vermittelten meine Eltern mir schlauerweise damals schon. Was das aber genau bedeutete, lernte ich erst, als ich älter wurde und meine eigenen Erfahrungen machte.

Ohne mein Wissen hatten meine Mutter und mein Vater fleißig auf ein Sparbuch eingezahlt. Dieses händigten sie mir zu meinem achtzehnten Geburtstag aus. Das war es, was sie damit gemeint hatten, dass sich mein Einsatz auf dem Hof irgendwann auszahlen würde. Vor Freude kullerten mir Tränen aus den Augen, spürte ich doch den Dank, der mir mit diesem großzügigen Geschenk entgegengebracht wurde. Stolze vierzehntausend D-Mark konnte ich mein Eigen nennen – viel Geld für eine junge Frau wie mich. Ich kam mir vor, als wäre ich Millionärin. Zunächst finanzierte ich davon meinen Führerschein und versemmelte – eben weil es so schön war zu lernen – die Prüfung und drehte eine Ehrenrunde. Einen weiteren Teil des Geldes nahm ich für meine erste Wohnung, in der noch ein paar Sachen fehlten, und richtete mich nach meinen Wünschen ein. Aber ich schmiss mein Geld nie zum Fenster raus, war ich doch als sparsamer Mensch erzogen worden.

Nach meinem Abitur studierte ich BWL mit Schwerpunkt Marketing. Den erfolgreichen Abschluss in der Tasche, arbeitete ich als Vertriebsassistentin in einem Messe- und Kongresscenter. Im Anschluss an drei lehrreiche Jahre hatte ich mir einen eigenen Kundenstamm erarbeitet und betreute zahlreiche Projekte. Irgendwann stellte ich fest, dass das alles noch nicht die Erfüllung brachte, die ich mir vorgestellt hatte. Die Chance, in dem Unternehmen auf der Erfolgsleiter nach oben zu klettern, lag bei null, weil nur alte Hasen gefördert wurden. Ein Küken, wie ich es damals war, war allemal gut als Mitläufer. Dass ich aber von allen die meiste Arbeit machte und den Launen meiner Vorgesetzten und der Unternehmensleitung ausgesetzt war, interessierte niemanden. Aus diesem Grunde wechselte ich eines Tages zu einer anderen Firma. Diese kümmerte sich als Veranstalter um Messeausstellungen, aber nicht nur das, sie bot ihren Kunden exklusive Betreuung bezüglich Werbekampagnen an. Heute würde man sagen, dass es ein Start-up-Unternehmen war, in dem ich Fuß fasste und erfolgreich werden konnte.

Ich besuchte Fremdsprachenkurse, lernte fließend Spanisch – nicht nur in Form von Sangria kippen –, Französisch – nicht nur im Bett –, Japanisch – nicht nur als Genießerin von Miniaturen, die in gesäuertem Reis eingearbeitet waren – und Englisch – nicht nur als Vernichter fetttriefender Burger, denn auf meine Figur achtete ich immer. Es geht doch nichts über einen gepflegten und stilvollen Eindruck sowohl in der Optik als auch in der Sprache. Und weil Dolmetscher viel Geld kosteten und mein Arbeitgeber sich die Kosten dafür nur zu gern ersparte, übernahm ich diese Tätigkeiten gleich mit. Wer aber nun glaubt, dass man es mir dankte na ich schreibe dazu mal lieber nichts. Als Alleskönner wird man immer und überall nur ausgenutzt, und der Tritt in den Allerwertesten ist einem sicher. Ich war halt ein naives und ehrgeiziges Mädel, das nur ein Ziel im Kopf hatte: Karriere zu machen – zu einem Dumpingpreis für Arbeitgeber. Geld spielte nie wirklich eine Rolle für mich. Hauptsache bekannt werden und in Fachmagazinen genannt werden sowie die gute Fee des Unternehmens sein. So weit wäre ich, ohne dass ich arrogant wirken will, mit all dem sicherlich nicht gekommen, wenn ich nicht so engagiert gewesen wäre. Der Rest – das finanzielle Plus – würde sich später schon noch ergeben. Dachte ich… Wichtig war mir zunächst, dass ich meinen Lebensunterhalt bestreiten und meine Miete zahlen konnte, ebenso wie ich vorsorgte, indem ich ein Sparbuch eröffnete und eine Lebensversicherung abschloss. Und natürlich musste ich mir ein Auto leisten können. Schließlich wollte ich, was das betraf, unabhängig sein.

Aufgrund der Werbekampagnen mit den Kunden entstand ein enges Arbeitsverhältnis, weshalb es oft dazu kam, dass ich diese Kunden auch für Messen warb. Mit mir hatten sie ihren festen Ansprechpartner beziehungsweise Betreuer. So kam es auch zu dem ein oder anderen Malheur. Wobei im Nachhinein betrachtet einige lustige Erlebnisse dabei waren. Andere wiederum waren eher peinlich. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass mir eine pikante Panne passierte. Zwei Unternehmen, zwei Fotoshootings an einem Tag. Eine Firma vertrieb Drogerieartikel, eine andere Unterwäsche für Damen. Die Bilderserien beider Shootings landeten auf meinem Schreibtisch – ausgerechnet an dem Tag, an dem ich für ein hiesiges Unternehmen die Werbeplanen für dessen Lkw kreierte und ein flockiger Slogan meine Vorgabe war. Da ich neugierig auf die Unterwäschebilder war, schaute ich mir diese am Bildschirm an und spielte spaßeshalber etwas mit ihnen herum. Die Lkw-Plane als Basis, platzierte ich verschiedene Unterwäschedamen darauf. Viele sahen ansprechend aus, aber nur eines der Models war für meinen Geschmack wirklich spitze. Es war eine gut aussehende, schlanke Blondine, die, in Slip und BH gekleidet, mit Pumps und tollem Schmuck breitbeinig und leicht seitlich gedreht auf einem Stuhl saß. Ich setzte ihr Seifenschaum auf die Oberschenkel, sodass es aussah, als würde dieser an ihren Beinen zu Boden gleiten. Zwischen ihren Knien stand dann: »Wir machen den Weg frei!«, und einige Pfeile zeigten auf ihre Genitalien. Auf der zweiten Plane stand: »Mit uns kommen Sie schneller ans Ziel!« Darauf ersetzte ich die Pfeile durch eine Packung Kondome. Ich lachte mich schlapp über die Wirkung, die es auf den Betrachter haben musste, als mein Chef, Herr Meierhall, kurz hereinschaute und mich bat, ihm in sein Büro zu folgen. Es ging um einen Kunden, in Dubai und Deutschland als Immobilienmakler bekannt und Hersteller von Fenstern und Haustüren. Dieser hatte einen sehr guten Ruf, kam aber mit einem unserer Mitarbeiter nicht zurecht, weshalb Letzterer uns in Kürze verlassen würde. Seiner Meinung nach war der Kunde schwer zu händeln und extrem arrogant, und nun war es an mir, mich um ihn zu kümmern. Enttäuschte Kunden wieder für uns zu gewinnen und sie zufriedenzustellen war meine Spezialität. Mitten in diesem Gespräch mit Herrn Meierhall klopfte Kollege Hölzer aus der Druckabteilung an die Bürotür und wollte von mir wissen, ob meine Entwürfe für die Lkw-Planen fertig seien. Ich nickte und sagte: »Klar, die sind fertig, müssen nur noch gespeichert werden.«

Der Kollege ging daraufhin in mein Büro, speicherte die Entwürfe auf meinem Rechner und kam wieder zurück. »Entschuldige bitte«, hakte er nach, »aber bist du dir sicher, dass die Entwürfe fertig sind?« Seine Mimik war fragend und schmunzelnd zugleich. Ich nickte nur, denn ich hatte in dem Moment gar nicht mehr auf dem Schirm, dass ich Flausen im Kopf gehabt und gerade noch an den Entwürfen herumgespielt hatte.

Vierzehn Tage später – die Planen waren inzwischen produziert worden und beim Kunden eingetroffen – wurden diese von unseren erfahrenen Mitarbeitern an die Lkw-Anhänger angebracht. Und dann auf einmal das große Entsetzen: Groß und auffällig saß dort die halb nackte Frau mit dem Spruch zwischen ihren Knien. Alle, die das sahen, schlugen die Hände über dem Kopf zusammen. Und mir blieb, als ich davon erfuhr, fast die Spucke weg.

Anton Wasler, der Auftraggeber, war natürlich stinksauer. Er schimpfte und fluchte wie ein Verrückter. Sein Sohn, der Juniorchef, hingegen fand die provokante Werbung zum Kaputtlachen und bestens geeignet. Für die Nutzung des Bildes wurde schnell eine Lösung gefunden. Puh, Glück im Unglück!, dachte ich. Aber ich kann Ihnen sagen, dass meine Spielerei ganz schön riskant gewesen und mein spießiger Chef alles andere als begeistert war. Hauptsache, der Kunde war zufrieden.

Dieser Vorfall bescherte unserer Firma schließlich sogar neue Interessenten, wobei ich mir lieber nicht ausmale, was sich vor allem männliche Kunden beim Betrachten der von mir im Spaß entworfenen Werbung dachten. Die hatten bestimmt alle nur das eine im Kopf! Jedenfalls war ich von dem Tag an die gefragte Mitarbeiterin für »spezielle Kundenwünsche«, was provokante Werbung anging, öffnete der Firma weitere Türen und machte aus neuen Interessenten gern gesehene Kunden, indem ich sie mit meinen persönlichen, nicht alltäglichen Werbeideen zufriedenstellte. Nicht das, was Sie jetzt womöglich denken! Nullachtfünfzehn kann jeder, etwas Gewagtes jedoch kaum einer. Mir und meinen Kollegen war es verboten, Kunden privat kennenzulernen, geschweige denn etwas mit ihnen anzufangen. Selbst das Du war meinem Chef manches Mal ein Dorn im Auge. Aber damit musste er klarkommen.

Nach nur vier Jahren hatte ich meinen Kundenstamm beachtlich erweitert und war mit Freude bei der Arbeit. Dabei hätte ich mich vierfach klonen lassen können, es hätte nicht gereicht.

Neben vielen Qualifikationsangeboten, die ich wahrnahm und mit Bravour absolvierte, kletterte ich die Erfolgsleiter hinauf. Besser konnte es für mich beruflich nicht gehen! Der Verdienst war zwar nicht der Renner – er veränderte sich im Gegensatz zu der immer mehr werdenden Arbeit nicht –, aber wenn ich so sparsam lebte, wie ich erzogen worden war, kam ich gut damit klar. Eintausendfünfhundertachtzig Euro verdiente ich im Monat. Hinzu kamen Spesen und Auslagen. Dabei lernte ich die Welt kennen. Dubai, Neuseeland, die Vereinigten Staaten, Dänemark, Japan, Frankreich, Italien – ein absoluter Traum. Manche Menschen wissen nicht einmal, dass es diese Länder gibt, oder kennen sie nur aus dem Fernsehen, von der Landkarte, sehen diese wunderbare Welt aber nicht, erleben nicht, wie sie sich verändert. Ich hingegen nahm die Änderungen wahr. In Dubai zum Beispiel, als ich nach dem ersten Besuch ein weiteres Mal kam, gab es so viel Neues zu sehen und zu erleben. Nicht nur die Sandstrände luden zum Träumen ein, auch die Stadt entwickelte sich rasch – ein Wolkenkratzer nach dem anderen ragte in den Himmel.

Während meiner Geschäftsreisen blieb zwar nicht viel Zeit, um Städte und Länder zu entdecken, aber wenn ich auf ein paar Stunden Schlaf verzichtete, erlebte ich so manches einmalige Highlight. Einige meiner Kunden waren sehr nett, die führten eine Dame, wie ich es war – schlank, blond, blaue Augen, leicht gebräunter Teint, stets gut gekleidet – gerne zum Essen aus. So kam ich in den Genuss vieler Orte, die man unbedingt mal gesehen haben musste. Okay, ich hätte sicherlich auf das eine oder andere Ausflugsziel verzichten können, aber Geschmäcker sind eben verschieden. Die Geste, die meine Kunden mir damit erwiesen, war das, was zählte. Und so glich dieser Abschnitt meines Arbeitslebens einer spannenden Reise, für die ich sehr dankbar war.

Insgesamt zehn Jahre arbeitete ich für das Unternehmen von Herrn Meierhall, und ich reiste immer mehr in der Weltgeschichte umher. Das führte dazu, dass ich meine Eltern kaum noch sah – meine Besuche auf ihrem Hof wurden weniger. Irgendwann kam es nur noch an den Weihnachtstagen zu einem Wiedersehen, wenn überhaupt. Da konnte ich froh sein, wenn ich es schaffte, telefonisch zum Geburtstag zu gratulieren, ein Paket zu verschicken, überhaupt @ home zu sein. Meine Bude verstaubte mehr, als dass sie zum Leben genutzt wurde – bis ich eines Tages einen Partner an meiner Seite hatte, der wenigstens mit seinem Popöchen den Staub auf der Ledergarnitur wegschaffte. Ich lernte diesen Mann – Holger Wilhelm – in einem Geschäft für Businessmode kennen. Hier kaufte ich bevorzugt ein, was ich für meinen Job brauchte, denn mich überzeugte die Qualität der Kleidungsstücke ebenso wie der hauseigene Änderungsdienst. Holger verstand es zwar, die Kunden des Geschäfts fachgerecht zu beraten, dennoch interessierte er mich anfangs so gar nicht. Doch das legte sich, als ich feststellte, wie charmant er sein konnte. Erst da betrachtete ich ihn näher. Er war attraktiv, hatte braunes, kurz geschnittenes Haar und grüne Augen, die einen besonderen Glanz annahmen, wenn er lächelte. Als ich nach einem meiner Einkäufe ein paar Tage später die geänderten Kleidungsstücke abholte, fragte er mich, ob ich mit ihm essen gehen würde. Nein, ich wollte nicht, aber ablehnen konnte ich auch nicht, also nahm ich die Einladung an.

Zugegeben, es wurde ein amüsantes Date. Okay, ich hatte mit Männern nie viel am Hut gehabt. Immer wenn ich eine Beziehung angefangen hatte, war sie kurze Zeit später zerbrochen, weil mir kaum oder nie Zeit für gemeinsame Unternehmungen geblieben war. Was die Liebe anging, war ich so erfahren wie ein Bäcker, der sich ausnahmsweise mal als Friseur betätigt – ich hatte schlichtweg keine Ahnung. Ich meine, ich war immer ein lebensfroher Mensch. Bis auf wenige Ausnahmen kam ich mit allen Menschen gut klar, und die wiederum mit mir, doch wenn es um eine engere Bindung mit einem Mann ging, war es wie verhext.

Umso schöner war es, als ich während unseres ersten Dates fühlte, dass Holger mich begehrte. Unsere Unterhaltung während des Essens würde ich als interessant bezeichnen. Holger faszinierte mich mit seiner freundlichen Art. Lachen mussten wir, als er sich mitten im Gespräch immer wieder verhaspelte. Und Herzrasen pur spürte ich, als er mich an dem Abend zu Fuß nach Hause brachte, weil er noch keinen Führerschein besaß. Vor meiner Haustür küsste er mich zum Abschied. Spätestens in diesem Moment war es um mich geschehen, so dachte ich zumindest. Woher sollte ich wissen, was das für Gefühle waren? Wie sich wahre Liebe anfühlte, das durfte ich in Bezug auf einen Mann zu dem Zeitpunkt noch nicht erfahren.

Von da an trafen wir uns regelmäßig, um nicht zu sagen täglich. Was waren wir verliebt! So dauerte es nicht lange – wir waren noch keine drei Monate ein Paar –, bis wir beschlossen zusammenzuziehen. Während Holger eine Fortbildung besuchte und ich ausnahmsweise mal nicht selbst auf Reisen war, plante ich alles Weitere und überraschte ihn nach seiner Rückkehr mit einer wunderschönen Dachgeschosswohnung in einem gepflegten Mehrfamilienhaus. Den Mietvertrag unterschrieb er später gerne.

Von meinen Möbeln aus der alten Wohnung konnte und wollte ich mich nicht trennen. Also stellten wir sie in unser neues Arbeitszimmer und in den Raum, den wir für Gäste planten. Die Möbel für die Küche, das Wohnzimmer und das Schlafzimmer kauften wir auf Raten – sämtliche Verträge liefen auf mich. Die Anschaffungen waren nicht gerade günstig, dafür aber sehr edel und vor allem zum Wohlfühlen.

Holger verdiente als Modeverkäufer etwa eintausenddreihundert Euro im Monat. Das war nicht viel, aber er hatte einen sicheren Job, und das war die Hauptsache.

Auch die monatliche Miete, die wir uns teilen wollten, war nicht unbedingt ein Schnäppchen, denn mit vierhundertsiebzig Euro zuzüglich Nebenkosten kam so einiges zusammen. Nicht zu vergessen Telefon, Handy, Internet und so weiter.

Anfangs lief alles gut und Holger beteiligte sich an den Kosten. Doch nach einiger Zeit ließ sein Eifer nach. Entweder entrichtete er seinen Anteil erst viel später oder gar nicht, was von mir zunächst unbemerkt blieb, da ich wegen meiner vielen Reisen über meinen Kontostand und das, was er mir in bar gab, ehrlich gesagt nicht den nötigen Überblick hatte. Holger vergaß nicht nur einmal, seinen Beitrag zu leisten, sondern fand im Laufe der Zeit immer wieder eine Ausrede. Mal argumentierte er mit den Kosten für sein neues Fahrrad, das er in den Sommermonaten nutzte, im Winterhalbjahr waren es die Fahrkarten für öffentliche Verkehrsmittel, und schließlich wurde angeblich der Führerschein teurer als gedacht. Aber wenn man verliebt ist, dann vertraut man den Worten seines Partners: »Ich zahle es dir wieder zurück.«

Holger hatte Narrenfreiheit, wenn ich im Ausland war, und die meiste Zeit – wie man heute sagt – war er Strohwitwer. Das schien ihn auch nicht weiter zu stören, hatte er doch von Anfang an gewusst, dass ich kaum @ home sein würde. Er lobte meinen Einsatz sogar und war einige Male richtig neidisch, als es Reisen zu weit entfernten Zielen waren.

Wenn ich gerade nicht reiste, verlebten wir wundervolle Stunden und unternahmen viel gemeinsam. Auch fuhren wir oft zu meinen Eltern. Mit seinen Eltern hatte Holger kein gutes Verhältnis, weshalb ich sie nie kennenlernte.

Nach etwa drei Jahren nahm mich mein Job immer mehr in Anspruch. Der Personalmangel schien Herrn Meierhall nicht zu stören. Auch nicht, dass die Mitarbeiter ständig wechselten und man sich jedes Mal an neue Gesichter gewöhnen musste. Warum die Kollegen nicht lange bei uns im Unternehmen blieben, war mir ein Rätsel. Meiner Meinung nach hätten sie durchaus Perspektiven gehabt. Aber gut, ich hatte keinen Einfluss darauf und war ehrlich gesagt froh, dass ich einen Job hatte und mich nicht um die Belange meiner Kollegen kümmern musste.

Meine Aufenthalte im Ausland dauerten immer länger an und fanden immer öfter statt. Herr Meierhall hatte das Marketingkonzept für unsere Kunden in aller Welt so aufgebaut, dass Konzeptplanungen vor Ort stattfanden, damit die Bindung und das Vertrauen auf einer soliden Basis standen. Die Idee fand ich nicht schlecht, für mich war das ständige Reisen jedoch zunehmend anstrengend. Natürlich war es schön, die Welt zu sehen und rauszukommen, aber ich war nicht mehr allein in meinen vier Wänden und dem kuscheligen Bett und vermisste Holger. Und der Einzige, dem diese Art von Arbeit etwas brachte, war Herr Meierhall mit seinem Unternehmen, welches sich die Taschen vollmachte.

Na ja, man kann nicht alles im Leben haben.

Unsere Ausflüge und die Tage, die wir bei meinen Eltern verbrachten, waren für mich eine willkommene Abwechslung zu meinem stressigen Alltag. Mein Vater mochte Holger nicht, das ließ er mich und vor allem ihn deutlich spüren. Er bezeichnete ihn als einen »Anzugschnösel«, der nichts von einem echten Mann hatte. Meine Mutter akzeptierte Holger zwar, aber auch sie schien ihn nicht zu mögen. Vielleicht lag das daran, dass er nicht mit anpackte, wenn wir auf dem Hof zu Besuch waren. Für mich war es selbstverständlich, mich nützlich zu machen, weil ich wusste, dass jede Hand gebraucht wurde. Holger hingegen nutzte die Besuche, um zu relaxen, und fuhr, wie es schien, nur mir zuliebe mit. Wobei die Küche meiner Mutter sicherlich ein weiteres Argument war.

Jedenfalls machte Holger mir nach sechs Jahren einen Heiratsantrag. Ganz klassisch in einem Restaurant, bei Kerzenschein mit Ring im Dessert. Das werde ich nicht vergessen, denn ich wäre fast daran erstickt. Wie kann man einen Verlobungsring auch so unvermutet verstecken? Ich nahm den Antrag an, weil ich dachte, dass wir wirklich glücklich waren und es für immer sein würden.

Aber dann kam alles anders als erwartet …

In den letzten drei Jahren unserer Beziehung gingen, für mich völlig unbemerkt, unsere Wege immer weiter auseinander. Gott, war ich dumm, blind, naiv!

Kam ich von einer Geschäftsreise zurück, war mein Verlobter nicht zu Hause, und ich hatte keinen blassen Schimmer, wo er sich herumtrieb. Oft war er über mehrere Tage und Nächte nicht da. Holger erwähnte mehrfach, dass sich in nächster Zeit etwas ändern würde, aber was genau er damit meinte, das erfuhr ich nie im Detail.

Was sollte ich also allein? Kurzerhand ging ich aus, bummelte tagsüber in der Stadt, kaufte Kleinigkeiten ein, fing sogar das Rauchen an, weil es auch im Büro immer stressiger wurde. Ja, ich weiß, das ist sehr ungesund, aber es tat mir gut. Da ich sonst keine Laster hatte, war es für mich völlig in Ordnung. Ich würde irgendwann schon wieder damit aufhören.

Mit der Zeit kaufte ich immer mal wieder und immer mehr Zeugs ein, das ich nie in Gebrauch nahm, und bereute die Einkäufe hinterher. Doch mal ehrlich: Wer gibt sich die Blöße, so etwas wieder zurückzugeben oder umzutauschen? Für mich kam das nicht in Frage. Hätte ich das mal besser getan, dann hätte ich vielleicht bemerkt, wie absurd so viele Käufe waren, und mir wäre vieles erspart geblieben.

Im letzten Beziehungsjahr, das im Nachhinein betrachtet sehr turbulent war, drängte Holger mich dazu, eine Gehaltserhöhung zu verlangen, weniger zu arbeiten oder den Job zu kündigen und mich woanders zu bewerben, damit ich endlich mehr Zeit mit ihm verbringen konnte. Na, der hatte gut reden, er arbeitete ja nur sechs Stunden am Tag. Dabei trug er schon längst keinen Cent mehr zu unserem Lebensunterhalt bei und forderte auch selbst kein höheres Gehalt ein, um sich womöglich doch noch an den Kosten für Miete und Lebensmittel zu beteiligen. Das Abzahlen der Möbel – nein, einfach alles! – blieb an mir hängen. Für mich persönlich war am Ende des Monats kaum etwas übrig. Aber wen kümmerte das? Holger auf jeden Fall nicht! Hin und wieder musste ich eben meinen Dispokredit in Anspruch nehmen.

Eines Tages verlor Holger, für mich unerwartet, seinen Job. Nun musste ich auch für seine Wünsche aufkommen. Immer noch nicht alarmiert, löste ich mein Sparbuch auf. Gut, viel war nicht drauf, gute dreitausend Euro, aber besser als nichts. An das Sparbuch meiner Eltern, auf dem immer noch ein beachtlicher Betrag war, ging ich jedoch nicht heran. Schließlich hatten sie jeden Cent, den sie übrig gehabt hatten, für mich gespart. Als mein eigenes Erspartes irgendwann nicht mehr reichte, nahm ich einen Kredit bei der Bank auf. Aufgrund der laufenden Zahlungen zur Tilgung der Raten für die Möbel gewährte mir die Bank einen Kredit über gerade mal viertausend Euro. An meinem Dispo – mein Limit betrug zweitausend Euro – änderte sich nichts. Zudem hatte ich ja noch meine Kreditkarte. Für die vielen Auslandsreisen war die sehr hilfreich. Mit ihr konnte ich, wo immer ich wollte, bargeldlos bezahlen. Hier verfügte ich über ein Limit von dreitausend Euro.

Dass mittlerweile Ostern schon wieder vorüber war – meine Beziehung mit Holger dauerte inzwischen bereits zehn Jahre an –, merkte ich erst einige Tage später. Wieder einmal war ich auf Dienstreise gewesen. Wie Holger das Fest verbracht hatte, erfuhr ich nie. Auch für meine Freunde hatte ich weder Zeit noch ein Ohr. Ich dachte nicht mal an sie, weil ich bis über beide Ohren in meinem Job steckte. Schließlich übernachtete ich sogar des Öfteren im Büro, wenn ich nicht gerade im Ausland bei einem unserer vielen Kunden war.

Wenn ich mit Holger telefonierte, gab er an, sich um Arbeit zu bemühen, doch der Erfolg blieb aus. Ich verstand nicht, dass er keine Arbeit fand. Warum war er nicht bereit, einen anderen Job zu machen als vorher in dem Modegeschäft? Hauptsache, das Einkommen war erst mal wieder da. Aber nein, Holger sah es nicht ein, die Branche zu wechseln. Im Gegenteil, er träumte von einem eigenen Atelier für Mode nach Maß und war in dieser Sache ständig unterwegs. So staunte ich nicht schlecht, als ich zwei, drei Monate später nach einer anstrengenden Reise aus dem Ausland zurückkam und er mit einem edlen knallroten Schlitten vorfuhr. So eine Karre konnte er sich doch gar nicht leisten! Woher hatte er auf einmal so viel Geld? Ich bekam überhaupt nicht mehr mit, was während meiner Abwesenheit alles geschah. Doch anstatt mir die Wahrheit zu sagen – er und seine Mutter hatten sich versöhnt und sie hatte ihm sein Erbe vorzeitig ausgezahlt, zudem war er ohne mein Wissen längst mit einer anderen Frau zusammen –, teilte er mir mit, dass er einen Job als Exklusivfahrer für eine höhergestellte Dame angenommen hätte. Der teure Wagen sei sein Dienstfahrzeug. Einzelheiten erfuhr ich nicht. Er blieb an diesem Abend auch nicht lange, sondern warf sich in Schale und düste davon. So »busy«, wie Holger sein Handeln bezeichnete, so schmerzhaft traf es mich und mein Herz. Was ging da vor? Fragen über Fragen, die ich recht schnell abtat, weil ich mir weismachen wollte, dass er die Wahrheit gesagt hatte. Dennoch nagte der Zweifel an mir. In mir schrillten dumpfe Alarmglocken, die den Eindruck erweckten, er sei ein Callboy. Ich weinte und steigerte mich in meinen Schmerz hinein, bis ich vor Erschöpfung einschlief.

Es folgten drei Wochen – ungewisse Wochen –, in denen ich Holger kaum noch zu Gesicht bekam. Und wenn wir uns begegneten, dann immer nur zwischen Tür und Angel. Dass ein »Hallo« überhaupt noch ausgesprochen werden konnte, war echt ein Wunder. Zunehmend hörte ich, ganz gleich ob bei der Arbeit, in Stresssituationen oder während ich an Holger dachte, immer lauter und deutlicher werdende Stimmen in meinem Innern. Die einen kämpften darum, dass ich positiv dachte, die anderen versuchten mich zu etwas zu bewegen, was ich nicht richtig deuten konnte. Ich sag’s ja: Soll mal einer das menschliche Hirn verstehen. Ich kam mir richtig komisch vor und erschrak vor mir selbst. Ich war doch schließlich nicht verrückt!

Eines Tages fuhr ich wieder grübelnd und unzufrieden über die gesamte Situation in die Stadt. Ich war unruhig und es schien, als ob in mir Stimmen waren – so kleine außerirdische Bewohner des Gehirns, die mein Zentrum des Kopfes mit Tausenden von Kobolden belagerten. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Komm, kauf dir was Schönes!, sagten die einen. Andere Stimmen sprachen: Nein, Tatjana, lass den Mist da liegen, das brauchst du nicht!

Es war ein ständiges Hin und Her, das weiß ich noch, als wäre es gestern gewesen. Es zerreißt einen. Man geht durch die Geschäfte und möchte diese Stimmen wegjagen, denn sie verursachen unerträgliche Kopfschmerzen. Dumpf und leise schleichen sie sich ein und werden immer lauter, bis sie einen von innen heraus anschreien, sodass man einem Kollaps nahe ist. Als wenn das noch nicht alles wäre, kommen Schweißausbrüche, Unwohlsein, Zittern und Nervosität hinzu. Man fühlt sich fremdgesteuert, schaut sich in den Geschäften jeden Quatsch an, vor allem das, was einen früher nie interessiert hätte. Wirklich alles will auf einmal in die Einkaufstasche. Man greift hin und stellt die Sachen wieder weg. Unzählige Male. So lange, bis man davon überzeugt ist, nur damit Ruhe ist: Oh, ist die Vase aber schön! Die kann ich im Wohnzimmer auf den Schrank stellen! Oder: Das Kleid ist genau richtig für den Sommer! Und lauter so’n Zeugs.

In erschreckender Weise kaufte ich mich auf einmal durch die Läden. Ohne Ziel, Rast und ohne Plan. Manche Verkäuferin musste gedacht haben, dass ich nicht mehr alle Latten am Zaun hatte, so oft, wie ich die Sachen in die Hand nahm und wieder wegstellte, dann aber doch mit genau den weggestellten Teilen schließlich zur Kasse kam. Das Fiese an diesen Einkäufen war, dass sich, nachdem ich bezahlt und das Geschäft verlassen hatte, sofort das schlechte Gewissen meldete. Am liebsten wäre ich umgekehrt, um die Sachen zurückzugeben. Aus Scham tat ich es aber nicht. Stattdessen beruhigte ich mich mit dem Gedanken: Dann verschenke ich es eben.

Immer wieder überfielen mich diese Attacken, die mich nicht mehr mich selbst sein ließen. Das Miese daran war, dass innerhalb kürzester Zeit mein Konto schwer an chronischer Pleite erkrankte. Es drohte einem Herzinfarkt zu erliegen, wenn es nicht bald wieder mit schwarzen Zahlen therapiert würde. Das war schließlich sein Lebenselixier, für das ich mich Monat für Monat krumm machte. Jedoch wurde die Diagnose erst sehr spät gestellt, um genau zu sein, ein halbes Jahr nach dem Sturz ins ewige Minus. Und das auch nur, weil ich mit der EC-Karte bezahlen wollte, diese aber bereits gesperrt war. Gott, war das peinlich!

So eine EC-Karte ist sehr praktisch, wenn man schnell und unkompliziert bezahlen will. Auch die Kreditkarte, die ich im Ausland rege einsetzte. Der Nachteil ist, dass man leicht den Überblick über den Kontostand verliert. Was schreibe ich da! Das wissen die Leserinnen und Leser doch selbst nur zur Genüge! Oder etwa nicht?

Ich merkte irgendwann nicht mehr, in welch kurzen Abständen und wie viel Geld ich ausgab. Und so erhielt ich eines Tages einen Anruf von meinem Bankberater Kuntermann, der mich zu sich in die Bank bestellte, damit ich ihm den Zustand meines Kontos erklärte. Das inzwischen aufgelaufene Minus musste so schnell wie möglich ausgeglichen werden. Wie soll ich das machen?, fragte ich mich, als mir das Sparbuch meiner Eltern in den Sinn kam, auf dem immer noch ein paar Tausend Euro für Notfälle waren. Und dies war ein Notfall! Also versprach ich dem Banker, dass ich das Konto am nächsten Tag ausgleichen würde, und fuhr beschämt nach Hause, wo mich trotz der schön eingerichteten Wohnung eine gähnende Leere erwartete.

Wie immer war Holger nicht da. Ich erreichte ihn auch nicht per Handy, weshalb ich beschloss, die Sachen, die ich nach dem Gespräch mit Herrn Kuntermann auf dem Weg nach Hause noch schnell eingekauft hatte – ein paar Euro hatte ich noch im Portemonnaie gehabt –, zu all den Einkäufen der letzten Monate ins Arbeitszimmer zu stellen. Nichts von all dem hatte ich je benutzt, und nichts hatte ich verschenkt. Eben gekauft, waren die Sachen ein paar Stunden später vergessen. In dem Raum, den nur ich nutzte, Holger jedoch nie, war schon lange kein Durchkommen mehr möglich, weil nicht nur der große Schrank voller Einkaufstaschen, sondern auch davor alles vollgestellt war. Sobald ich das Arbeitszimmer wieder verlassen hatte, zog ich die Tür hinter mir zu und stellte mich unter die Dusche, wo ich das schlechte Gewissen von mir abspülte. In bequemer Kleidung saß ich wenig später da, ganz allein in der riesigen Küche, rauchte eine Zigarette und gönnte mir ein Glas Rotwein.

Als Holger nach mehr als einer Stunde immer noch nicht bei mir war, trank ich den Rest der Flasche auch noch leer. Dabei geriet ich in ein Gefühlschaos, das mich total aufwühlte. Es war so turbulent wie eine Achterbahnfahrt und ich hatte Mühe, mich zu halten. Wo bist du?, fragte ich einen Geist in meinem Kopf, der sich wie mein Verlobter anhörte. Warum lässt du mich allein? Liebst du mich denn nicht? Ich wollte nicht wahrhaben, dass mir mein Leben zu entgleiten begann. Was machst du? Warum tust du mir das an?

So wie ich mich in dieser Nacht selbst erlebte, kannte ich mich gar nicht. Es war, als stünde ich neben mir. Mich brachte doch sonst nichts so schnell aus der Fassung. Statt mich zu beruhigen, steigerte ich mich in die vielen unbeantworteten Fragen hinein, und schließlich weinte ich vor mich hin, bis ich beschwipst auf dem Sofa einschlief.

Mit fürchterlichen Kopfschmerzen und Restalkohol im Blut klingelte mich Herr Meierhall am nächsten Morgen um acht Uhr aus dem Bett. Telefonterror pur! Dabei hatte ich erst gegen Mittag einen Termin im Büro. Doch der Chef – mal wieder kurzfristig, wie immer – musste etwas übersetzt haben. Unbezahlt, versteht sich. Meine Dolmetscherfähigkeiten waren im Gehalt inklusive. Ich sagte ihm, dass ich einen Moment brauchen würde, nachdem ich mich frisch gemacht hatte aber umgehend in die Firma käme, und beendete das Gespräch. Erst als ich noch einmal ins Schlafzimmer ging, fiel mir auf, dass Holger die Nacht außer Haus verbracht haben musste. Wo zur Hölle ist der nur? Auf meinen Anruf reagierte wie so oft nur die Mailbox mit dem Piepton. Genervt eilte ich ins Bad, duschte und zog mich anschließend an. Nach einem kurzen Griff ins Arbeitszimmer – meine Aktentasche stand gleich hinter der Tür – holte ich das Sparbuch meiner Eltern aus der Kommode im Wohnzimmer und warf einen Blick hinein. Immerhin waren noch etwas über achttausend Euro drauf.

Auf dem Weg zur Arbeit ging ich zur Bank. Zweitausend Euro waren nötig, um das Minus auf meinem Girokonto auszugleichen, und ein weiterer Tausender, damit ich bis zur nächsten Gehaltszahlung über die Runden kam.

In der Firma holte ich mir als Erstes einen extra starken Kaffee. Schwarz mit vier Stücken Würfelzucker. Frau Schreiber, unsere Sekretärin, hätte mir zwar das Gewünschte gebracht, aber ich stehe – anders als beispielsweise mein Chef – auf dem Standpunkt, dass jemand in dieser Position für anspruchsvollere Aufgaben als für Kaffeekochen und Serviertätigkeiten eingestellt und bezahlt wird.

Kaum hatte ich mich auf meinem Bürostuhl niedergelassen, stürmte Herr Meierhall herein und pfefferte mir einen Stapel Unterlagen auf den Tisch. Hat der eine Laune! »Die Übersetzung brauche ich in einer Stunde, und zwar in perfektem Spanisch.«

Puh, und das auch noch so kurzfristig! Grollend machte ich mich an die Arbeit. Zum Glück ging es schneller, als ich erwartet hatte, sodass ich schon vor Ablauf der Stunde den Stapel Papiere kopiert hatte und auf dem Weg zum Büro meines Chefs war. Noch im Gang hielt ich inne und überlegte. Es war an der Zeit, nach einer Gehaltserhöhung zu fragen. Zunächst zögernd, dann fest entschlossen trat ich an die Tür und klopfte.

»Herein!«, hörte ich Herrn Meierhall von drinnen rufen.

Mit einem leicht angespannten Lächeln trat ich ein.

»Hallo, Chef, ich habe die Papiere ins Spanische übersetzt und einmal kopiert.«

»Ja wunderbar!«, rief er und sah mich freudig lächelnd an. »Auf Sie ist Verlass, Frau Adler! Mein fleißigstes Pferdchen im Stall.«

Zögernd übergab ich ihm die Unterlagen.

»Ist noch was?«, fragte er, und jetzt klang seine Stimme brummig.

»Ja, also … Ich würde Sie gerne sprechen.«

»Worum geht es?«

Ich druckste herum. »Ich … Ich … also ich arbeite jetzt schon so viele Jahre in diesem Unternehmen, bin immer mehr im Ausland unterwegs und …«

Ich kam nicht weiter, denn Herr Meierhall unterbrach mich: »Frau Adler, fassen Sie sich kurz, ich habe keine Zeit. Was wollen Sie?«

»Ich hätte gerne eine Gehaltserhöhung.«

Laut lachend lehnte er sich in seinem dicken Chefsessel zurück. »Sie haben doch gerade durchblicken lassen, dass Sie gar keine Zeit haben, um Ihr Geld auszugeben, weil Sie fast nur noch im Ausland sind. Und dort kommen unsere Kunden für Unterkunft und Verpflegung auf. Wozu also brauchen Sie mehr Geld?« Er wartete nicht erst auf eine Antwort, sondern fuhr gleich fort: »Antrag abgelehnt. Und jetzt gehen Sie, ich bekomme in ein paar Minuten Besuch von einem Kunden.«

»Sind Sie mit meiner Arbeit nicht zufrieden?«, hakte ich nach.

»Frau Adler, Sie können froh sein, dass Sie Arbeit haben. Geben Sie sich mit dem zufrieden, was Sie haben, oder suchen Sie sich einen neuen Arbeitgeber, der Ihnen das zahlt, was Sie sich vorstellen.«

Sauer und laut die Tür knallend verließ ich Herrn Meierhalls Büro. Der hat ja eine tolle Einstellung zu seinen Mitarbeitern. Ist das der Dank dafür, dass man jahrelang Tag und Nacht für ihn parat steht und springt, sobald er pfeift?

Ich holte tief Luft, mein Schädel brummte. In mir entwickelte sich eine nagende Unruhe. Ich dachte, das seien die Nachwirkungen des Weines, weshalb ich eine Kopfschmerztablette nahm und mich an meinen Schreibtisch setzte. Gute vierzig Minuten waren es wohl, in denen ich darüber nachdachte, ob ich in diesem Unternehmen noch etwas erreichen konnte – und wollte. Schließlich nahm ich ein Blatt Papier und einen Stift und erstellte eine Pro-und-Kontra-Liste:

Was spricht dafür, in diesem Unternehmen zu bleiben?

Die Arbeit ist die, die ich immer wollte.

Gibt es irgendetwas, was ich in all den Jahren nicht erreicht habe?

Nicht viel. Trotzdem träume ich immer noch von der Selbstständigkeit.

Die Kollegen verdienen mehr als ich, weil sie Männer sind. Habe ich keinen Anspruch auf mehr Geld?

Ich werde es erneut versuchen. Am besten zusammen mit dem nächsten Auftrag, den ich reinhole. Ich bin viel engagierter als andere im Unternehmen.

Was wäre die Alternative?

Vielleicht sehe ich mich wirklich nach einem anderen Unternehmen um. Gefallen lassen werde ich mir die Geschäftsgebaren jedenfalls nicht. In meinem Arbeitsvertrag ist klar geregelt, dass ich, wenn ich nicht auf Geschäftsreise bin, eine Vierzigstundenwoche habe, zwanzig Tage Urlaub und einen festen Überbrückungstag nach Flügen, bei denen mit Jetlag zu rechnen ist, wie zum Beispiel Thailand. Diese Tage konnte ich nie wirklich in Anspruch nehmen, weil schon der nächste Termin anstand oder ich vorzeitig in die Firma zitiert wurde, um Mädchen für alles zu spielen.

Habe ich überhaupt die Möglichkeit, in diesem Beruf noch mehr Karriere zu machen?

Ja, warum nicht? Ziel könnte es sein, Abteilungsleiterin und Messeleiterin zu werden!

Was sind meine Träume, Ziele, Wünsche?

Ein Privatleben zu haben. Mehr Zeit mit Holger und meinen Eltern zu verbringen. Einmal richtig Urlaub zu machen, ohne dass Arbeit ein Thema ist.

Während ich die Liste noch einmal durchlas, klopfte es an meiner Bürotür und Frau Schreiber trat ein. »Frau Adler, Ihr Termin ist da!«

»Ich bin schon unterwegs. Vielen Dank!«

Schnell rückte ich meine Kleidung zurecht und eilte zu Herrn Schneider, der im Wartebereich saß und Kaffee trank. Herrn Schneider gehörte, wie manch anderem unserer Kunden, ein Unternehmen in Deutschland und eins in Dubai. Er kam auf Empfehlung und erzählte mir von seinem familiengeführten Unternehmen, das er in dritter Generation leitete. Kinder hatte er nicht. In Dubai wurden Immobilien in der Vermietung betreut und gegebenenfalls auch verkauft. Und es gab genügend Menschen, die das beruflich machten. Ich wusste ja von Herrn Meierhall, dass ein inzwischen ausgeschiedener Kollege bis vor Kurzem einen Kunden in Dubai gehabt hatte, der ihn jedoch wegen seiner schlechten Arbeit ablehnte und deshalb mir zugeteilt worden war. Bei dem enttäuschten Kunden – sein Name war Erik Bergström – handelte es sich ausgerechnet um den bekanntesten Unternehmer vor Ort, einen Mann, dem sein guter Ruf vorauseilte. Und dessen Vertrauen sollte ich, nachdem er mit meinem Kollegen einen Fehlstart erlebt hatte, zurückgewinnen. Im Gegensatz zu ihm begleitete Herrn Schneider kein guter Ruf. Seine Bewertungen waren äußerst kritisch. Manche seiner Kunden schrieben, dass er keine Ahnung habe und ein Abzocker sei. Und für den sollte ich arbeiten – na bravo! Hoffentlich nahm dabei der Ruf unseres Unternehmens keinen Schaden. Herr Schneider war überschuldet und suchte dringend einen Weg, wieder in die schwarzen Zahlen zu kommen. Und wie machte er das? Indem er sich ein Unternehmen suchte, das sich hinter ihn stellte und für ihn warb, das quasi seinen Kopf hinhielt. Dieser Kunde wollte mit seinem Immobiliengeschäft verstärkt nach Deutschland expandieren, damit er an Einfluss gewann. Die Konkurrenz in Dubai, insbesondere sein Mitstreiter Bergström – nahm ihm die Luft zum Atmen. Als weiteren Zweig führten die Schneiders – federführend Frau Schneider – eine Modekette mit dem Namen »Slim Line« für Damen und Herren in Deutschland. Das Unternehmen war bereits in Dubai angemeldet, dort aber noch nicht angelaufen. Da hieß es, Modemessen zu veranstalten und den Vertrieb sowie die Werbung zu organisieren.

»Slim Line«, das war Mode, die bis maximal Kleidergröße vierzig bei Damen und vierundfünfzig bei Herren produzierte wurde. Alles darüber hinaus bezeichnete Herr Schneider als »fettleibig«, und das, obwohl der gute Mann selbst so einige Pfunde zu viel auf den Rippen hatte. Im Geschäft seiner Gattin kaufte der schon mal nicht, das stand fest. Und was bin ich dann für diesen Kunden? Fettleibig! Bei Größe vierzig, zweiundvierzig – der hat sie doch nicht mehr alle!

Zwei so unterschiedliche Firmen waren eine Herausforderung, der ich mich aber gerne stellte. Auch wenn ich dabei nicht vergessen durfte, dass der negative Ruf der Firma schaden konnte. Denn allein mit guter PR und Messen wurde man nicht erfolgreich. Es sei denn, man war wirklich nur Profitgeier und ignorierte die Kundenmeinungen. So schlossen wir an diesem Tag die Verträge, die garantierten, dass die Aufträge sicher waren und bei Vertragsauflösung der Kunde eine nicht unbeachtliche, sondern sehr empfindliche Geldstrafe zu zahlen hatte. Völlig überflüssig, wenn man wusste, dass dieser eh schon pleite war. Doch es waren die Vorgaben.

Bereits eine Woche später sollte ich nach Dubai fliegen, um mir vor Ort zusammen mit Herrn Schneider und seiner Gattin alles anzusehen und ihm meine Vorschläge zu präsentieren. Wohlgemerkt vor Ort! Na ja, der Kunde zahlte für diesen Extraaufwand, von daher sollte es mir egal sein.

Nach dem Termin hatte ich bezüglich der beiden Unternehmen einiges zu recherchieren, mich einzulesen und vieles mehr. Aber nicht mehr heute! Warum? Weil mein Chef mein Büro stürmte und unbedingt wissen wollte, ob ich beide Verträge im Sack hatte. Mann, war der aufgeregt! Zum Spaß sagte ich: »Herr Schneider überlegt noch.«

Sie hätten mal Herrn Meierhalls Gesicht sehen sollen, als er aufbrauste: »Nichts können Sie! Alles muss man allein machen. Sie sind zu blöd, einen Vertrag unterschreiben zu lassen!«

Da platzte mir der Kragen, denn das musste ich mir nicht gefallen lassen. Ich stand auf, nahm die beiden Verträge, ging zu ihm, drückte sie ihm vor den Brustkorb und schrie: »Wissen Sie was, machen Sie Ihren Scheiß doch allein, wenn Sie alles besser können!« Aufgebracht und innerlich fluchend verließ ich die Firma. Ich rannte regelrecht zum Auto, so sauer war ich. Was bildet der sich denn ein? Weinend saß ich auf dem Fahrersitz und verstand die Welt nicht mehr. Wieso macht er mich nieder? Er hatte es überhaupt nicht verdient, dass ich mich so intensiv um die Kunden kümmerte und meinen Job erledigte, mein Privatleben dabei jedoch nahezu auf Eis legte. Die Kunden schätzen meine Arbeit mehr als Meierhall, der sich die Taschen vollmacht. Ein weiterer Grund, sie nicht mit diesem Idioten allein zu lassen, jawohl! Es dauerte einen Moment, bis ich mich wieder gefangen hatte. Gleichzeitig wurde ich unruhig und hörte abermals diese Stimmen in meinem Kopf. Dieser Saftladen namens Gehirn macht mich noch wahnsinnig! Kurzerhand fuhr ich in die Stadt, schlenderte durch die Fußgängerzone und hatte es mir nach einem solchen Tag verdient, mal an mich zu denken – und zwar nur an mich. Mein Handy schaltete ich aus. Ich wollte für niemanden, vor allem nicht für diesen Möchtegernchef, erreichbar sein. Trotzdem quälte mich mein Gewissen. Tatjana, was machst du bloß? Das gibt Ärger! Du kannst dich doch nicht, nur weil etwas nicht so läuft, wie du es gerne hättest, derart gehen lassen!