Sie er & ich: Sammelband 3 - Adelina Zwaan - E-Book

Sie er & ich: Sammelband 3 E-Book

Adelina Zwaan

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Beschreibung

Sammelband 3 enthält die Bände 8 - 10 +++ Milla, alias Maxi, setzt alles auf eine Karte und kehrt zurück zur Familie Schlatt. Als Helene. Thies kämpft jedoch mit seinen inneren Dämonen, die Lene einst mit ihrer Untreue heraufbeschwor. Isabel bricht den Burgfrieden auf die ihr eigene Art und beschwört unbewusst durch ein gut gehütetes Geheimnis, welches keins bleibt, weiteres Chaos herauf. Carl ist immer mehr der Schatten seiner selbst. Einzige Konstante in diesen Zeiten ist die täglich gespielte Mondscheinsonate von Thies, die idyllische Veranda. Und Kim, die ihre "Mutter" mit offenen Armen begrüßt. Auf der Buchvorstellung im örtlichen Buchladen lernt Maxi eine junge Frau kennen. Ist sie ein aufdringlicher Fan oder steckt etwas anderes hinter dem auffallenden Interesse für die Familie Schlatt? Als Lorenz sein Atelier in die Scheune verlegen will, scheint der große Paukenschlag unvermeidbar und beendet die Serie mit allen offenen Antworten. +++ Romantik, Humor und viel Gefühl gepaart in einem zeitgenössischen Liebesroman. Weitere ebooks von Adelina Zwaan gibt es in allen gängigen Onlineshops.

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Adelina Zwaan

Sie er & ich: Sammelband 3

Liebesroman Bundles Band 8 - 10

Inhaltsverzeichnis

Sie er und ich - Bei Verwechslung Liebe Sammelband 3

Band 8

Widmung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Band 9

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Band 10

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Impressum

Sie er und ich - Bei Verwechslung Liebe Sammelband 3

Band 8 - 10

Adelina Zwaan

AZ Books

Band 8

Widmung

Der Baum hat gelernt, dem Blitz nicht mehr böse zu sein, und tat gut daran. Blitze treffen nun einmal in Bäume, weil es ihrer Natur entspricht. Da kann der Baum traurig und verletzt sein, wie er will. Ein Blitz fährt bei jeder Gelegenheit in den Baum. In diesen hier oder in dem dort. Je nachdem. Das passiert oft.

Adelina Zwaan

Prolog

Die Vögel in ihren Bäumen sind nicht einmal munter, so früh bin ich mit meiner Tochter unterwegs. Die sitzt schmollend auf der Hinterbank in unserem grünen Familienkombi und zieht bis zur Grenze der guten Laune eine Flunsch, als hätte es gestern den ganzen Tag gewittert.

Ich versuche, es zu hintanzustellen und mich auf die Schnellstraße zu konzentrieren, was mir ehrlich gesagt mittelprächtig gelingt. Der Spagat, Vater und Mutter in einer Person zu sein, fordert immer mehr seinen Tribut. Vor allem zur besten Schlafenszeit. Momentan fühle ich mich völlig ausgelaugt, als käme ich an Grenzen der Machbarkeit, was definitiv an nicht unbeträchtlichen Schlafmangel liegt.

Stundenlang grübelte ich bei einem Glas Wein über die Papiere von Jugendamt, die vor mir auf dem Klavier lagen. Statt zu unterschreiben, spielte ich einen Walzer, dabei wäre es ein Klacks und schlich mir schon monatelang durch den Kopf. Lene reagiert auf rein gar nichts, haut aus der Entzugsklinik ab und taucht unter.

Ich habe sie eindringlich gewarnt. Verkackt sie es erneut, verlange ich beim Jugendamt das alleinige Sorgerecht. Sie hat es verkackt, daran besteht kein Zweifel mehr. Während ich Nägel mit Köpfen machen wollte, kam der Anruf von Darias Mutter. Sie bat mich, Kim abzuholen, da sie schrecklich Heimweh hätte.

Ich trank die Neige des Glases aus, unterschrieb den Schriebs, mit dem ich mir Lene zukünftig von der Backe halte, nahm meine Jacke und fuhr hundemüde nach Berlin.

»Vorhin sagte ich dir doch schon, dass es mir tierisch unangenehm ist, wenn du jedes Mal so ein Theater veranstaltest, wenn du bei Daria übernachtest. Dabei ist es heute ihre Geburtstags-Pyjama-Party. Überleg mal, wie traurig sie sich bei eurem Abschied gefühlt hat. Es ist nicht einmal vier Uhr morgens und keiner von uns gehört um diese Uhrzeit auf den Beinen, sondern ins Bett.«

»Wir sitzen und sind nicht auf den Beinen.«

»Scheiß jetzt hier ja nicht klug, Kimberly Schlatt, denn es ist die falsche Zeit für halbseidene Sprüche von einem Dreikäsehoch.«

»Schrei mich nicht an, ja! Ich bin empfindlich. Und nenn mich bloß nicht Dreikäsehoch, sonst flippe ich gleich tierisch so was von aus! Überhaupt: Du hast mich nicht lieb! Das merkt sogar ein Baby. Wenn ich schon daran denke, wie krass drauf du mich vor Darias Augen durch die Haustür gezerrt hast. Ihre Mutter hat geschaut, als hätte ich einen Feuer speienden Drachen zum Vater.«

»Kimi, wie kommst du denn jetzt darauf? Habe ich dich nicht, so schnell es geht von der Pyjama-Party abgeholt, obwohl du all die Wochen ganz unbedingt bei Daria schlafen wolltest und mir gestern den halben Tag deswegen in den Ohren gelegen bist? Jetzt redest du mir ein schlechtes Gewissen ein und ich habe nicht einmal Nerv dazu, mich zu streiten.«

»Dann tu es doch nicht. Du redest immer nur, satt mal was zu machen. Bei der Strunze doch auch, oder etwa nicht? Ich sage: Du hast mich nicht lieb, weil du mir keine Mama bringst. Darias Mama finde ich nett.«

Radikal scharf und geräuschvoll sauge ich die Luft ein und höre jetzt endlich die Worte, die ich jedes Mal ahne, wenn ich mitten in der Nacht einen Anruf bekomme und vollkommen übermüdet nach Berlin kutschieren muss, als sei ich ein Taxiunternehmen. »Du hast eine Mutter.«

Ich zische die Worte. Nein, ich presse sie hervor, umklammere krampfhaft das Lenkrad und sage mir immer wieder, dass Kim völlig übermüdet, aufgekratzt ist und es nicht so meint. Dabei sind meine Worte wahr. Zynisch, aber leider wahr.

Freilich sollte sich eine Mutter kümmern, statt …

Kim vermisst ihre Mutter, die ihre Verantwortung allerdings weiß Gott nicht wahrnimmt und sich einen Scheißdreck interessiert. Von daher beiße ich mir jetzt auf die Zunge, statt weitere, boshafte Dinge aus meinem Mund rutschen zu lassen, die Kim ohnehin kränken. Ihr kleines Herz ist zu verletzt, um zu begreifen, warum ich ihr nicht irgendeine Frau vor die Nase setzte und ihr diese als Ersatzmutter präsentiere.

Als ginge das.

Nein, für mich geht das nicht. Ich habe Lene immer geliebt und fürchte, diesbezüglich lerne ich nie meine Lektion und kann diese Frau nicht ziehen lassen. Für mich käme es einem gewaltigen Versagen gleich. Für Kim und für mich.

Wie kann eine andere Frau das ersetzen?

Schwieriges Thema, denn ich bin gerade dabei, einen dicken, fetten Schlussstrich unter dieser Beziehungskiste zu ziehen. Im Moment habe ich mit Frauen abgeschlossen. Besonders mit jener, für die ich mich in meinem Heimatdorf zum Affen mache, seit ich mich erinnern kann.

Der Grund: Kim. Kinder brauchen beide Elternteile.

Grund zwei. Ich Idiot liebe sie in einer Ecke meines Herzens leider noch immer. So ist das. Fühlt sich beschissen an, ist aber leider wahr. Für die Zukunft wünsche ich mir jedoch ein ruhiges, solides Leben ohne Beziehungsstress, Betrug und der ganze Mist, der jeden Tag ein wenig anstrengender zwischen ihr und mir wird.

»Ich habe gar keine Mutter«, kreischt sie hysterisch und beugt sich extra weit vor, damit mein Trommelfell möglichst explodiert. »Ich habe eine Strunze, will aber eine Mama. Eine liebe Mama, so wie Darias.«

Ich seufze, drossele das Tempo, konzentriere mich auf die dunkle Fahrbahn der Schnellstraße und überlege fieberhaft, wie ich meiner Tochter die knifflige Sache mit der Liebe erkläre. Klar finde ich Darias Mutter nett. Allerdings ist weder sie noch ich interessiert.

»Aber bei dieser Art Entscheidung habe ich doch wohl auch ein Wörtchen mitzureden, oder etwa nicht?«

Ich schaue in den Rückspiegel. Es ist nicht viel zu sehen. Kim schaut aus dem Fenster. Ihre wilden Locken fliegen durch die Gegend, weil sie ihren Kopf vehement schüttelt, um zu verneinen. Irgendwie finde ich den Anblick süß, aber das bekomme ich jetzt nicht über meine Lippen, weil mir nicht nur die Worte fehlen.

»Eins, aber nur ein Wörtchen. Ein vernichtend kleines und unbedeutendes Wörtchen will ich meinen«, schmollt sie und verschränkt ihre Arme vor dem Brustkorb.

Ich beobachte sie wieder im Rückspiegel, jedoch sieht sie aus dem Fenster und meidet den Blick zu mir. »Und das lautet?«, erkundige ich mich mit einem amüsierten Schmunzeln auf den Lippen.

»Lass mich bloß in Ruhe! Ich habe eben beschlossen, dass ich für eine Stunde schmollen will.«

»Nur eine Stunde?«

Auf der Stelle trifft mich, von etlichen Fluchwörtern begleitet, eine Packung Papiertaschentücher. Gelegentlich amüsieren mich ihr Temperament und das trotzig nach vorne gestreckte Kinn, wie es ihre Mutter ebenfalls immer zustande bringt.

Zuckersüß, aber das erzähle ich ihr jetzt ebenfalls nicht. Stattdessen fahre ich noch langsamer, damit ich sie im Rückspiegel beobachten kann und nicht von der Spur abkomme. In nicht absehbarer Zeit geht sie auf Partys, statt ihre Zeit mit mir zu verbringen. Ich sag es ungern, aber auf irgendeine Weise werde ich bei diesen oder ähnlichen Gedanken absolut rührselig.

»Ich schlage vor, wir machen Folgendes: Wenn wir ankommen, schmiere ich dir eine kleine Scheibe Honigbrot, kuscheln uns ins Bett und quatschen noch eine Runde über Darias Geburtstagsfeier und machen unsere eigene Pyjama-Party. Wie klingt das?«

»Als hättest du als Kind zu heiß gebadet.«

»Ich weiß nicht, wie du darauf kommst, aber so langsam fällt mir nicht mehr ein, womit ich dich halbwegs über deinen verkorksten Abend trösten kann.«

»Besorge mir eine ordentliche Mama. Damit kannst du mich trösten.«

»Kimi«, versuche ich es erneut. Inzwischen fahre ich dreißig, obwohl achtzig erlaubt sind. »Mamas fallen nicht vom Himmel.«

»Doch«, widerspricht sie und tritt gegen die Lehne. Da die Straße durch die morgendliche Stunde relativ menschenleer ist, drossele ich das Tempo auf Schritttempo und greife tastend mit meinen Händen nach hinten, um sie davon abzuhalten.

»Höre auf damit! Ich muss den Wagen lenken, mich konzentrieren und Mamas fallen nicht von Himmel.«

Kimi kichert, weil sie jetzt ihren Spaß daran entdeckt, die Fahrt ein wenig hinauszuzögern und Aufmerksamkeit zu erheischen.

»Nein, fallen sie nicht!«

»Doch!«

»Nein!«

»Doch, doch, doch …«

Seufzend sehe ich durch die Frontscheibe, kassiere einen Tritt und ihr letztes Wort. Genau, lieber Herrgott. Lass eine gescheite Mama vom Himmel fallen! Schicke eine Mama, die unser Kind liebt, keine Termine beim Jugendamt platzen lässt, sich für uns interessiert. Im Gegenzug dafür überlege ich mir im, ob ich meine Meinung ändere, was Frauen betrifft.

Ein ohrenbetäubendes Poltern lässt mich aufschrecken.

Tonnenweise Adrenalin wälzt sich sofort durch meine Venen, lässt mich hellwach aus meinen Sehlöchern schauen. Mein Hirn geht rasend schnell alle Möglichkeiten durch, die Ursache für das markerschütternde Geräusch sein können.

Ein Reh.

Oje, das kann ich Kimi gar nicht zumuten.

Ein Hase.

Nun, um ehrlich zu sein, das noch weniger. Besonders, wenn eines der Räder es erwischt hat.

Ein Wildschwein.

Puh, da muss ich überlegen … Hat die Wildsau Frischlinge, würde die Begegnung sicher unerfreulich enden … Und ausgerechnet heute habe ich mein Tierabwehrspray nicht dabei.

Mist, verdammter!

Etwas rutscht vom Autodach und gleitet über die Motorhaube. Unter Schock stehend, nehme ich eine entsetzt und brettsteif eine Hand, fünf Finger, ja sogar Fingernägel wahr. Und verschwommen einen Körper. Es erscheint, als wäre ich mitten in einem schlechten Hollywoodfilm gelandet. Mir wird übel. Mein Herz rast, Gedanken schwirren durch den Kopf.

Kim schreit entsetzt los und starrt zur Frontscheibe. Zu meinem Entsetzen entdecke ich, wie der Frauenkörper nun seitlich vom Dach rutscht, obwohl der Wagen noch langsam rollt. Sofort lasse ich den Wagen an den Seitenstreifen ausfahren und bremse zeitgleich ab.

Mein Blick gleitet zu Kimi, die gottlob unverletzt ist, aber geschockt den Mund aufreißt, ohne einen Laut von sich zu geben.

»Schhh! Alles in Ordnung bei dir?«, frage ich atemlos und sehe zu, wie sie mit weit aufgerissenen Augen aus dem Fenster in die Dunkelheit starrt. »Kimi, sieh mich an! Sieh mich an! Ja, gut so. Hör mir zu! Ich geh nachsehen, was passiert ist und du rührst dich nicht von der Stelle, bis ich wieder bei dir bin, verstanden? Wir befinden uns mitten auf der Schnellstraße und es ist lebensgefährlich, wenn du an dieser Stelle aussteigst, gecheckt?«

Stumm nickt sie und bekommt kein einziges Wort heraus. Damit alles schnell geht, schalte ich rasch die Warnblinkanlage an, schnalle mich ab und sehe in den Rückspiegel, ob die Fahrbahn frei ist.

In Windeseile steige ich aus und suche im Kofferraum das Warndreieck und eine Taschenlampe. Jemand braucht dringend Hilfe, also taste ich an meiner Hosentasche, ob ich das Handy dabei habe. Bevor ich die Heckklappe zuknalle, mich zu der Unfallstelle umsehe, entdecke ich auf dem Dach eine fette Delle.

Scheiße!

Andererseits … egal, denn es ist nur ein Wagen … Wie kann jemand das überleben?

Was aber, wenn sich jemand das Leben nehmen wollte? Na danke auch und ausgerechnet, wenn ich mit meiner Tochter unterwegs bin. Die sitzt schlotternd im Wagen und beobachtet mich. Dabei bin ich gar nicht Bruce Willes. Nicht einmal annähernd.

Mir schlottern entsetzlich die Beine, meine Gedanken rasen paradoxerweise im Kreis, was wahrhaftig unpraktisch in solchen Momenten ist und … Egal, ich rechne mit allem …

Bemüht abgeklärt bewege ich mehrmals meine Hand sachte, damit Kim sich ein wenig beruhigt. »Bleib sitzen! Ich geh nachsehen, ob jemand meine Hilfe braucht.«

»Ist der tot?«

»Bleib sitzen, damit ich nachsehen gehen kann!«, entgegne ich und nähere mich mit weichen Knien der Verunfallten.

Meine Taschenlampe leuchtet hektisch den Grasstreifen neben der Schnellstraße ab, um den Selbstmörder zu finden. Ich zücke mein Handy, wähle den Notruf und suche fieberhaft das Unfallopfer.

Während ich mich nähere, stellt sich die Verbindung zur Leitstelle her und ich erreiche die Person, die exakt mitten auf mein Autodach aufschlug.

»Hier ist Matthias Schlatt und ich will einen Unfall melden.«

Die Taschenlampe beleuchtet eine Frau. Ich vermute, sie ist von der Brücke gesprungen, unter der ich soeben durchgefahren bin. Unnatürlich verdreht liegt sie mit dem Oberkörper im Straßengraben, bewegt jedoch ihre Finger, was ich an dieser Stelle mal als gutes Zeichen deute.

»Wo befinden Sie sich?«

Ich trete schnell näher und beuge mich über sie, ohne ihren spärlich bekleideten Körper zu bewegen. Der Lichtkegel erhellt dabei ihr Gesicht. Geschockt erkenne ich die Frau und schnelle umgehend in die Höhe.

Es ist die Frau, die mir mit mehr als einer lieblosen Geste das Herz aus dem Brustkorb gerissen hat, von der ich aber mein Leben lang nicht loskommen werde.

Weil ich ein Idiot unter Idioten bin.

Romeo Idiotus.

Vermutlich behalten die Urheber dieses Spitznamens recht, denn angesichts ihres Zustandes verfalle ich sogleich in Panik und schreie die Dame in der Notrufzentrale an, dass sie schnellstens einen Notarzt herschicken soll.

Kim erscheint neben mir und sieht leichenblass auf ihre Mutter hinab. »Was …? Oh.«

Ich beantworte alle Fragen der Dame gefasster und führe das geschockte und schlotternde Kind zum Wagen zurück. Bin halt eben dann doch hin und wieder Bruce Willis. Zumindest für meine kleine Tochter.

Kapitel 1

Nur wenige Stunden, nachdem mir Jana und Lorenz die Schlüssel und Papiere von dem uralten VW Bus in die Hand gedrückt haben, parke ich mit klopfendem Herzen vor dem weißen Wohnhaus. Ich atme tief durch und löse langsam den Gurt, der mich während der Fahrt gesichert hat.

Das kleine Haus mit der weißen Fassade und den zwei Schildern ist mir noch lebhaft in Erinnerung. Inzwischen bekam das Tor einen neuen Farbanstrich. Das Graffito ist damit Geschichte. Fraglich bleibt, ob die Botschaft verstanden wurde.

Auf dem Bürgersteig ist weit und breit Niemand zu sehen, denn es sind Frühjahrsferien und noch zeitig am Morgen. Oder der schmale Fußweg dient optischen Reizen und wird so gut wie nie benutzt.

Ich öffne die Autotür, wobei mein Blick auf das Haus geheftet bleibt. Ländliche Stille umgibt mich, nachdem ich aussteige und mich mutterseelenallein auf der Welt fühle.

Quasi verloren.

Gescheitert.

Um dies jedoch zu ändern, kam ich her, denn ich scheitere ungern. Mit einem Foto in der Hand schreite ich entschlossen auf die Haustür zu. Das Klingelschild mit dem Namen von Thies ist mein Ziel. Ich drücke fest und warte ewig auf ein Zeichen. Es scheint im Haus genauso wie auf der wenig befahrenen Straße.

Unentschlossen, weil niemand reagiert, will ich mich abwenden und mir eine neue Strategie ausdenken. Es ist früh am Vormittag. Unter Umständen erledigen sie den Wocheneinkauf, bringen Sperrmüll fort oder …

Eine lieblich klingende Stimme meldet sich aus der Wechselsprechanlage. »Ja?«

Kim.

Meine kleine Elfe.

Ich trete näher und spüre schlagartig, wie urgewaltig die Aufregung in mir aufsteigt. Ihre Stimme löst allerlei bunte Gedanken aus. Augenblicklich vergesse ich alle einstudierten Reden.

»Kimi, hier ist Milla«, überschlage ich mich und packe den erstbesten Gegenstand, der mir zwischen die Finger kommt. Die Hauswand. »Ich wollte Thies sprechen. Nur fünf Minuten. Fragst du mal, ob er kurz nach unten kommt?«, erkundige ich mich alle Wörter überschlagend, denn mein Hals scheint aus einem einzigen und pochenden Kloß zu bestehen.

Es klappert und rauscht im Lautsprecher der Wechselsprechanlage. Weit entfernt höre ich aus der Anlage, wie sie Thies ruft. Anscheinend entfernt sie sich vom Hörer und sucht ihn im Haus. Angespannt horche ich, ob gesprochen wird, was gesprochen wird, doch auch nach endlos langen und quälenden Minuten regt sich nichts. Es bleibt totenstill. Mich beschleicht das ungute Gefühl, dass er mich nicht sprechen will.

Seufzend und mindestens genauso ratlos schaue ich mich um. Ewigkeiten stehe ich nun schon hier und höre der Geräuschlosigkeit der Wechselsprechanlage zu, was mein Nervenkostüm nicht eine Sekunde aushält.

Muss ich mir etwas anderes überlegen?

Ihn irgendwo abpassen? Einen geheimen Weg in das Haus finden? Alarm schlagen? Mit Gewalt drohen?

Nun, innerlich ist mir nicht danach. Es ist, wie es jetzt ist und ich kann ihn schließlich nicht zwingen, mit mir zu sprechen oder mich anzuhören. Vermutlich ist es noch zu früh für meinen Vorstoß. Geknickt trotte ich zum bunten Kleinbus, um dort in aller Ruhe über weitere Schritte nachzudenken.

»Du willst mich sprechen, sagt Kim?«

Sofort bleibe ich stehen. Neuerlich, und eigens für mich, vollführt mein Herz kunstfertig einen Salto mortale. Es ist das eine, seine Stimme zu hören, etwas ganz anderes ist es, zu wissen, dass ich ihn gleich ansehen kann. Schnell drehe ich mich um. Gleichzeitig entfliehe ich auf diese Weise meinen chaotischen Empfindungen, weil neuerlich tausend wohlige Eindrücke auf mich niederprasseln.

Für Mitte April ist es sehr warm und er entsprechend gekleidet. Der blaue kurzärmlige Pulli unterstützt perfekt seinen Teint. Unfähig ein Wort herauszubringen, starre ich diesen umwerfend aussehenden Mann an.

Sein Gesichtsausdruck wirkt abweisend, trotzdem wird mir schlagartig warm ums Herz. Wie könnte ich vergessen, wie liebevoll er mich es vor sechs Monaten angesehen hat? Ähm … Lene, nicht mich. Mich hatte er gar nicht auf dem Bildschirm.

Überfordert mit der Flut an all meinen Gefühlen bin ich allemal, denn sein Blick gleitet kurz zu meinem Unterleib, der in der einen Woche wieder gehörig gewachsen ist. Wie fühlt es sich wohl an, wenn er mich liebevoll anschaut und dabei weiß, dass ich Maxi bin?

Langsam nähert er sich. »Du hast fünf Minuten. Ich höre!«

Sofort strecke ich meine Hand aus, in der das Foto beinahe aufweicht, weil ich inzwischen feuchte Hände bekommen habe. »Ich wollte dir das hier geben und dich bitten, es dir anzusehen.«

Er nimmt das Foto entgegen und schaut finster dreinblickend darauf, als hätte er nicht wirklich Lust dazu. Die Augenbrauen ziehen sich zusammen, als er erkennt, dass es ein Hochzeitsfoto ist. Flugs gleitet der Blick zu mir. Sein Augenausdruck deutet darauf hin, dass er am liebsten fragen würde, ob ich noch ganz bei Trost bin. In Zeitlupe sehe ich zu, wie sich das Gesicht zusehends verfinstert.

»Milla und Olli. Schon eine ganze Weile vor der Hochzeit wünschte sich Milla ein Baby und hat dafür die Pille abge...«

»Bist du gekommen, um mir eine rührselige Geschichte zu erzählen?«, unterbricht er mich ungeduldig und wechselt gereizt das Standbein. Der Blick ist noch immer finster auf mich gerichtet, die Augenbrauen zusammengezogen und der Mund fest aufeinandergepresst.

»Unterbrich mich nicht, wenn du mir schon fünf Minuten Sprechzeit gewährst! Diese Geschichte ist alles andere als rührselig und ich bekam fünf Minuten, in denen du mir zuhören wolltest. Ich mag es nicht, wenn mir meine ohnehin knappe Zeit gestohlen wird.«

Der Kopf legt sich drehend in den Nacken, denn es ist ihm ganz und gar nicht recht, dass er mir jetzt zuhören muss.

In der Tür erscheint Kim. Neugierig und mit verschränkten Armen blickt sie zu uns. Mir scheint, als sei sie ein diensteifriger Bodyguard, der penibel darauf achtet, dass er sich an die Spielregeln hält.

Ich betrachte das Hochzeitsfoto, knicke eine Ecke und biege sie anschließend wieder glatt. »Mitunter stellt sich das, was anfangs als Unglück empfunden wird, am Ende als größtes Glück heraus. Hinterher ergibt vieles Sinn. Milla wurde nicht von Olli schwanger, denn er wollte keine Kinder und traf hinter ihrem Rücken Vorkehrungen.«

Vorsichtig nähert sich Kim und mustert auf meinen Bauch. Erkennend hebt sie ihren Blick, strahlt mich an und stürmt freudestrahlend auf mich zu. Bei mir angekommen umarmt sie mich und drückt ihren Kopf an den gewölbten Unterleib. Wie beim ersten Blick in ihre moosgrünen Augen schmelze ich auch heute und würde alles für sie tun.

»Du bekommst wirklich ein Baby?«

»Zwei, Kimi«, berichtige ich und sehe dabei zu Thies, der seine Augen melancholisch hängen lässt.

Kim legt ihre Hand auf meinen Unterleib und streichelt ihn hingebungsvoll. Während der Liebkosungen für die Ungeborenen hefte ich meine Augen auf Thies. »Ich mache ein paar Tage Urlaub und möchte den Kopf auslüften. Ein paar alte Gedanken auskehren und unbedingt ein paar neue Ideen hineinlassen. Ich will sehen, was das Leben für mich bereithält. Auf dem Zeichenpapier wäre noch so unendlich viel Platz.«

Thies rührt sich nicht.

»Tja, dann«, murmele ich, nachdem er, trotz meiner Andeutungen, schweigsam bleibt.

Sanft, aber nachdrücklich schiebe ich Kim von mir. Ich streichele ihr die unbändige Lockenpracht zurück auf den Rücken. Meine kleine Elfe sieht mitgenommen aus, aber ihre Augen strahlen. »Es werden zwei Jungs, sagt die Ärztin.«

Mit freudig geweiteten Augen und Mund blickt Kim zu Thies. Ihrem Blick ist anzusehen, dass sie auf diese Nachrichten etwas von ihm erwartet. Ich schlussfolgere: Sie wechselt sie noch immer kein Wort mit ihm.

Unmittelbar nachdem sie seine Regungslosigkeit begreift, steigen Tränen in ihren Augen auf. Mit schmerzerfülltem und der Illusionen beraubtem Gesicht wendet sie sich ab und läuft herzergreifend wimmernd in das Haus. Ich will ihr etwas Tröstendes zurufen, werde aber von Thies unterbrochen, der sich mir in den Weg stellt und mir das Foto reicht.

»Noch etwas?«

Kopfschüttelnd schiebe ich seine Hand zurück. »Es ist für dich!«

Er senkt seinen Blick und sieht erneut hin, während ich mich zum Auto zurückziehe und einsteige. Hinter dem Lenkrad sitzend, sehe ich noch einmal zu ihm, bevor ich den Motor starte und losfahre. Im Handumdrehen zieht er sich in das Haus zurück.

Der Blinker, den ich nach wenigen Metern ansetze, klackt und schon ist er aus dem Sichtfeld verschwunden. Am Ende der Straße biege ich rechts ab, atme schwer aus und unterdrücke die aufsteigenden Tränen, damit ich dem Straßenverkehr folgen kann.

Nach der nächsten Abbiegung sehe ich, wie ein Kind winkend auf die Straße läuft und mittig darauf stehen bleibt. Der rote Schopf bringt mich schleunigst zum Bremsen, obwohl ich nicht schnell fahre.

Kim nähert sich. In der Hand trägt sie einen Laptop. Ich lächele, als sie mein Fenster erreicht, das ich herunterlasse.

»Für dich. Er war bei ihm im Zimmer, nicht mehr in der Veranda«, sagt sie und hebt den Laptop so, dass ich ihn bequem nehmen kann. »Schreib weiter!«

»Mach ich«, verspreche ich ihr. »Dein Comic muss ihm gefallen haben.«

»Es ist dein leeres Blatt Papier.«

»Ich weiß, Kimi«, entgegne ich und hebe ihre Zeichnung in die Höhe, die bis eben auf dem Beifahrersitz lag. »Zeichne weiter!«

»Mach ich. Probierst du es noch einmal?«

Mit der Fußspitze scharrt Kim in einem imaginären Haufen Kieselsteine herum und wirkt dabei unendlich zerbrechlich. Ich muss dieses Kind weiter nichts als ansehen, um zu verstehen, wie sehr sie sich anstrengt, die Tränenflüssigkeit zu unterdrücken.

»Na, logisch! Du auch?«

»Logo! Ich denke jeden Abend vor dem Einschlafen an dich«, entgegnet sie kaum hörbar, weil sie ihre letzten Worte beinahe verschluckt.

»Ich auch, Kimi. Alles passiert haargenau so, wie ich es dir damals gesagt habe, richtig?«

»Na ja, fast. Du bist nicht hier. Dabei ging es doch genau darum oder habe ich was nicht kapiert?«

»Du wirst sehen, alles wird gut«, verspreche ich ihr und strecke meinen Arm aus dem herabgelassenen Fenster. Sie tritt so nah heran, dass ich mühelos über ihre Wange streicheln kann.

Ihre Lippen fest aufeinandergepresst, genießt sie diese kleine, lieb gemeinte Zuwendung, die nicht einmal annähernd die gewaltige Feuersbrunst in ihr löschen kann, welche ihr immer mehr auf die Pelle rückt.

Genau in diesem sehr vertrauten Augenblick schwebt eine Wolke über uns. Sie besteht zu großen Teil aus dunklen Farben und will am liebsten auf der Stelle all ihre Energie entladen.

»Sprichst du noch immer nicht mit ihm?«

Oh, du meine Güte. Ich klinge stockheiser, was ich der emotionalen Situation zuschreibe. Beinahe zeitgleich empfinde ich Freude über das Wiedersehen und unerträglichen Abschiedskummer.

»Ich vermisse dich so«, jault sie und verzieht das Gesicht in schier grenzenlosen Herzschmerz.

»Ich dich auch, kleine Elfe.«

Mir ist danach, die Wagentür zu öffnen und sie stundenlang ganz fest in meine Arme zu nehmen. Vermutlich benötigt nicht nur sie Halt, allerdings ist sie das Kind von uns zweien und begreift die viel zu komplizierte Welt am allerwenigsten.

Bevor ich mein Vorhaben in die Tat umsetzen kann, lassen mich ein Geräusch, eine Bewegung und ein atemloses Schnaufen zusammenfahren. Und aufsehen.

Kapitel 2

Thies.

Er kommt aus dem Haus gestolpert, an deren Außenwand ein Baugerüst Bauarbeiten erahnen lassen. Es ist jenes Gebäude, welches er einst für sich und Lene umbauen wollte. Genau jenes, welches er seitdem verfallen ließ und für all seine Gefühle steht, die er diesbezüglich hegt.

Benommen und teils atemlos sieht er sich um und kommt schnell dichter. Kim entfernt sich vom Fenster, nachdem er den Bus erreicht und sich leicht durch das offen stehende Fenster beugt.

»Urlaub sagst du, ja?«

Ich bin entzückt, denn seine Frage stellt er unverfänglich und doch so, dass sie mich hoffen lässt.

»An einem ganz tollen See«, höre ich mich sagen. »In ein paar Wochen werde ich ganz andere Sachen im Kopf haben und nicht mehr so gut hinter das Lenkrad passen. Geschweige denn, dass ich dann noch weiß, wie ich liegen, stehen oder schlafen soll. Ich hörte Sachen von Zwillingsmüttern, da wird mir mulmig, wie zwei Kinder in einem flachen Bauch Platz finden können.«

Seine Mimik bleibt unbewegt, was mich zugegebener maßen irritiert und meinen Redeschwall abrupt unterbricht. Statt ohne Punkt und Komma von meinen Befindlichkeiten als werdende Mutter zu brabbeln, krame ich das neueste Ultraschallbild aus dem Stapel Unterlagen, die auf dem Beifahrersitz liegen und reiche es ihm.

»Das sind sie«, verkünde ich überglücklich und erwarte dennoch nicht, dass er Freudensprünge vollführt.

Eingehend studiert er die kleinen Gesichtchen. »Der Vater freut sich sicherlich.«

Meine Hände umklammern das Lenkrad. Versonnen schaue ich aus der Frontscheibe. Die Sonne flirrt durch die morgendliche Luft und kündigt allerbestes Campingwetter an. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, wie Thies mich seit geraumer Zeit mustert.

»Kann ich nicht beurteilen«, antworte ich wahrheitsgemäß und bringe es irgendwie zustande, ihn direkt in das umwerfende Gesicht zu schauen.

»Dann sage es ihm doch!«

Thies schwingt das Foto hin und her. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, stützt er sich dabei auf den schmalen Fensterrahmen ab.

»Glaube mir, den Plan hatte ich am Anfang, Thies. Ich verwarf ihn aber schnell wieder.«

Unruhig dreinblickend richtet er sich auf, umfasst den Fensterrahmen und stützt sich an ihm ab, was ich jetzt mal als erfreuliches Zeichen deute. Zumindest lässt es mich annehmen, dass zu diesem Thema das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

»Ich will nicht, dass der Vater der Kinder etwas aus Pflichtbewusstsein tut, denn so ein Typ Mann ist er, da kannst du Gift drauf nehmen. Es schien mir an einem bestimmten Punkt zu kompliziert und anstrengend, ihm andauernd Dinge zu erklären, die ich auch einer Parkuhr erzählen kann. Egal, was ich sagen würde, ich hätte immer das Gefühl, er sieht jemand anderen in mir und zieht Vergleiche. Bei denen kann ich nur verlieren und die ganze Situation ist ohnehin schon kompliziert genug. Das ist auf Dauer aber nicht das Leben, was ich führen will. Ich empfinde viel zu viel für diesen Mann, verstehst du?«

»Dann sage es ihm doch!«, bittet er jetzt leise, beugt sich wieder hinab und reicht mir das Bild zurück.

»Du kannst mir glauben, dass ich es mir mit dieser Entscheidung leicht gemacht habe, aber zu viele Gründe sprechen dagegen. Ich kann nicht von ihm erwarten, dass er uns zuliebe über seinen langen Schatten springt, auch, wenn ich es mir sehnlichst wünsche. Behalte das Foto! Ich habe ausreichend«, entgegne ich und lege meine Hand absichtlich auf die Ultraschallbilder, die ich im Mutterpass aufbewahre und mit den Ecken herausstehen. »Ich schicke dir bei Gelegenheit welche.«

Hinter mir hupt es. Durch meine spontane Pause mitten auf der Straße fühlt sich ein Autofahrer behelligt. Thies sieht dem Wagen nach, der hupend an mir vorbeirast.

Mein Blick fällt auf die kleine Stelle unterhalb des Kehlkopfes. Mein Herz setzt für drei Schläge aus. Eine kleine Stimme in meinem Kopf schimpft mich eine blöde Pute. Mein Magen führt spontan ein Eigenleben, will genau diese Stelle liebkosen, schreit und tobt bei diesem verführerischen Gedanken, als habe ich es mit einem unbeirrbaren Kind zu tun.

Um zu zeigen, wer hier das Sagen hat, atme ich kräftig durch, setze schnell meine Sonnenbrille auf und lege die Hand auf die Gangschaltung. Das Herz rast in meinem liebeskranken Brustkorb und zieht dennoch alle Register, die nötig sind, um dauerhaft glücklich zu werden.

»Ich muss los, Thies. Dummerweise stehe ich mitten auf der Straße und sollte es doch nicht, wenn ich kein Ticket kassieren will. Meine fünf Minuten sind ohnehin um und die besten Standplätze am Wasser heiß begehrt. Pass gut auf dich und Kim auf!«

Er sieht mich an, will etwas entgegnen, doch ich lege bereits den ersten Gang ein, trete das Pedal durch und fahre an, ohne, dass ihm Zeit bleibt, etwas zu äußern. Diesmal bleibt er auf der Straße stehen und sieht lange Janas knallbunten VW Bus hinterher.

Seit ungefähr zwei Stunden befinde ich mich nun schon auf dem idyllischen Campingplatz, zu dem ich letztes Jahr mit Thies und Kim gefahren bin und die beste Zeit meines Lebens erleben durfte. Zum Glück habe ich einen schattigen Platz erhascht, der nicht zu nah am Wasser liegt.

Ich war fleißig, habe es mir gemütlich eingerichtet und Zeit, mich aktuell um das leibliche Wohl zu kümmern. Dazu grille ich derzeit Brotscheiben, die ich mit Streichkäse und Hackfleisch bestrichen habe und nun herzhaft vom Grill duften.

Dampfend landet das letzte Grillbrot auf dem Teller, wo sich inzwischen ein Berg stapelt, den ich zufrieden anlächele, als wäre es meine neugeborenen Kinder. Theoretisch könnte ich mit dem Berg Grillbrote eine ganze Fußballmannschaft versorgen, dabei bin ich allein.

Macht aber nichts, denn kalt schmecken sie schließlich auch noch. Offen gestanden esse ich im Moment für drei Fußballer. Zur Not gibt es sie morgen zum Frühstück und mir bleibt mehr Zeit, das Leben zu genießen, das Buch zu beenden oder auf stundenlangen Spaziergängen die nähere Umgebung zu erkunden.

Ich schiebe den Teller neben den Laptop, den ich öffne, um an meiner Geschichte weiterzuarbeiten. Der Stuhl ist schnell näher gerückt, ich konzentriere und versetze mich in Gedanken an exakt die Stelle im Text, bei der ich stehen geblieben war.

Dazu schließe ich die Augen, spiele die Szene durch und filtere aus diesem Bild die Dinge, die ich dem Leser vermitteln möchte. Finde ich sie, suche ich nach passenden Wörtern, sammele mich und …

Ein Motorgeräusch lässt mich erahnen, dass ein neuer Nachbar auf Zeit eintrifft. Er kommt in dem Moment an, in dem ich ansetze und meine Gedanken niederschreibe. Der Wohnwagen hält genau neben meinem VW Bus.

Für meinen Geschmack parkt er viel zu nah und droht sogar, den geliehenen Bus zu tuschieren. Dann erkenne ich das Exe... Dingsbums. Mein Herz springt einen gewaltigen Satz in die Luft und überschlägt sich mindestens dreimal vor Freude. Kim springt aus dem Fahrerhaus und läuft mir freudestrahlend entgegen.

Thies steigt ebenfalls aus.

Schwungvoll schreitet er auf mich zu, bleibt unmittelbar vor mir stehen und baut sich breitbeinig auf. Mit entschlossenem Gesichtsausdruck sieht er mich an und streckt mir seine Hand entgegen, in der er ein Foto hält. »Du kannst es zurückhaben!«

Für eine Sekunde sehe auf das Hochzeitsfoto meiner Zwillingsschwester und anschließend zu der schmunzelnden Kim, die sich gerade ein frisch gegrilltes Brot mopst. In Windeseile verschwindet der erste Happen im Mund.

»Ich möchte es ebenso wenig. Du kommst extra mit deinem Wohnwagen hergefahren, um mir das Foto zurückzugeben?«

»Nein«, antwortet er mit tiefer, fester Stimme und einem tiefgründigen Blick, der mir unmittelbar Gänsehaut beschert. »Ich kam her, um dir noch etwas sagen.«

Kurzerhand zerreißt er das Foto. Die Einzelteile wirft er in die Höhe und überlässt sie dem Windhauch, der sie sogleich in alle Winde fortträgt.

»Ich brauche kein Foto von deiner Schwester.«

Mein Herz hüpft vor Freude im Kreis, denn er sah sich das Hochzeitsfoto doch sehr genau an. Insgeheim habe ich gehofft, er bemerkt, dass die Frau auf dem Foto ohne Narbe auf der Wange in die Kamera lächelt. Unvermeidbar ziehen sich meine Mundwinkel in die Höhe, womit ich ihn in nichts nachstehe. Sein Blick ruht jetzt nicht eiskalt auf mir, nicht abweisend oder reserviert, sondern demütig.

»Mit gelegentlichen Fotos von meinen Kindern lasse ich mich auch nicht abspeisen. Ich möchte sie aufwachsen sehen. Neben dir. Man mag mich im Dorf getrost den Vollidioten unter allen Idioten nennen, aber niemand kennt das Gefühl, das ich habe, wenn ich die Schwester meiner Frau ansehe.«

»Das willst du? Sie ansehen, nicht ihre Schwester?«

»Ja, das will ich«, haucht er mit erstickter Stimme, tritt einen Schritt näher und landet unmittelbar vor meinem Gesicht.

»Wenn dem so ist, du dir absolut sicher bist, schicke ich dir keine Fotos, denn du darfst sie machen.«

Er streckt seine Arme aus, in die ich mich sofort schmiege. Behutsam umschlingt er mich, während ich mich an dem Duft des würzigen Holzes erfreue, meine Finger seine schmale Taille umrunden und ich unglaublich erleichtert meine Lider schließe.

Eine Weile stehen wir eng in dieser Umarmung, bis er sich regt und minimal abrückt, weil er in mein Gesicht sehen will. Butterweich schweift sein Blick über jede Einzelheit meines Gesichts, nachdem er zärtlich mit einer Fingerspitze über die Narbe auf meiner Wange nachfährt.

»Ich habe ernsthaft versucht, dich aus meinem Leben zu verbannen, rechnete aber nicht mit der Beharrlichkeit und Wirkung einer Milla Wendt. Und erst recht konnte ich nicht ahnen, was sie wunderbares mit meinem Herzen veranstaltet.«

»Was den?«, kichere ich und umarme ihn.

Statt einer Antwort schenkt er mir einen gefühlvollen Kuss und haucht anschließend: »Das, was du gewiss auch fühlst.«

Neben uns ertönt ein Aufseufzen, welches eindeutig von Kim stammt. Schmunzelnd rücken wir voneinander ab, lassen uns jedoch nicht los.

»Erwachsene sind echt unlogisch«, seufzt sie und stibitzt sich ein weiteres Grillbrot vom Teller.

Thies knufft sie in die Seite: »Still, Dreikäsehoch!«

»Nichts da mit still. Das hättest du alles schon viel früher haben können. Aber nein, er will ja nie auf mich hören. Jetzt erkläre dem Dreikäsehoch doch einmal, was er nicht unlogisch an deinem Verhalten finden soll?«

»Das, meine liebe Tochter verstehst du, wenn du selbst erwachsen bist.«

»Ja, klar, nur werde ich nicht erwachsen, habe ich beschlossen. Ich geh zum Strand. Ihr dürft euch jetzt knutschen und befummeln. Ich muss mir das nicht reinziehen. Bis nachher.«

Losprustend schauen wir ihr hinterher, bis der Vorschlag für gar nicht mal übel befunden wird. Etliche Küsse, einer schöner und wohltuende als der zuvor, beflügeln Körper und Seele gleichermaßen. Allesamt lassen uns über den Dingen schweben, die Zeit vergessen und erst recht die Tatsache, dass wir uns auf einem Campingplatz befinden.

»Jana sagte, dass du und Lene … Wie geht das?«, erkundigt er sich in einer Pause, die wir nutzen, um den nötigen Atem zu schöpfen.

Ich löse mich, nehme seine Hand und führe ihn zum Klapptisch. Dort liegt eine Mappe, aus der ich Dokumente ziehe und sie nacheinander ausbreite, während ich erkläre: »Ich habe ihr das Angebot unterbreitet, unsere Leben zu tauschen. Seitdem habe ich alle notwendigen Unterlagen organisiert. Hier ist die beglaubigte Geburtsurkunde, Abschlusszeugnisse aus Schule und Beruf … Ach nein, die Ausbildung brach sie ab, also nur Schulzeugnisse. Weiter habe ich eine beglaubigte Heiratsurkunde und eine beglaubigte Geburtsurkunde meiner Tochter Kimberly Schlatt aufgetrieben. Ach, hier liegt mir das rechtskräftige Urteil meiner Scheidung von Matthias Schlatt vor. Wir sind also geschieden. Tja, wie das Leben so spielt, kann ich das natürlich überhaupt nicht nachvollziehen. Weiter habe ich die Krankenkassenkarte besorgt, den Sozialversicherungsausweis, die Identifikations-ID vom Finanzamt, den Führerschein und Personalausweis. Alles hat eine Weile gedauert, es zu beschaffen. Ich hatte eine Unmenge an Rennereien, weil die Unterlagen in einem katastrophalen Zustand waren. Einige Unterlagen fehlen noch, treffen aber in Kürze ein. Ich zahlte etliche Schulden und Bußgelder. Habe ich etwas vergessen? Nein? Wie gut.«

Thies setzt sich und besieht sich den Stapel Unterlagen. Kim, die vom Strand zurück ist, sieht ein weiteres Grillbrot kauend über die Schulter. »So sieht eine Scheidung aus?«

»Nein, Kimi. So sieht das amtliche Papier darüber aus, wenn die Ehe geschieden wird.« Seine Hand ruht auf dem Scheidungsurteil, während er fassungslos zu mir aufblickt. »Und was sagte sie zu alldem … deinem Plan, die Identitäten zu tauschen?«

Ich setze mich auf dem freien Stuhl neben ihm und sehe zu seiner Hand. Die Urkunde, die belegt, dass er und sie kein Interesse an einer gemeinsamen Zukunft hatten, nehme ich auf und lasse meinen Blick darüber schweifen. Garantiert sage ich ihm nicht, dass sie einwilligte, ohne eine Sekunde zu zögern. Oder mit der Wimper zu zucken.

»Sie führt in Zukunft ein extrem aufregendes Leben an der Seite von Olli. Na ja, und an der Seite von Victor. Alles ist wie vorher, nur in einem anderen Leben.«

»Nicht in meinem.«

Seine Hand gleitet zu meiner. Höre ich Erleichterung?

»Nein, nicht mehr in deinem Leben. Da wäre freilich aber noch eine winzige Sache. Ich muss mit deiner Mutter sprechen, denn die alten Röntgenaufnahmen von ihr müssen zerstört werden. Das wird kein Zuckerschlecken, wenn ich die Sache richtig einschätze.«

»Du machst das schon. Notfalls schleiche ich mich unbemerkt in die Praxis, finde und vernichte die Röntgenaufnahmen.«

»Ja, das glaube ich dir gerne«, schmunzele ich halbherzig wegen seiner urplötzlichen Begeisterung für den Rollentausch. Das geschieht nicht, weil ich ihm nicht glaube, sondern, weil mir die Mammutaufgabe bewusst wird. »Ich bin gespannt, wie sie reagiert.«

»Hauptsache die Zwillinge sind bei uns«, murmelt Kim und drückt mir, hinter mir stehend einen Knutscher auf meine Wange.

»Recht hast du. Hauptsache, die Zwillinge sind bei uns. Nun, Kimi? Was sagst du dazu, dass du eine Tante hast?«, will ich wissen.

Inzwischen hat sie das Hackfleischbrot aufgegessen und nimmt sich ein Neues vom gut gefüllten Teller. Sie kommt zu meinem Stuhl. Bei mir angekommen, krabbelt sie umständlich auf meine Knie, lehnt sich an und beißt in ihr Brot.

»Meine Strunzen-Tante interessiert mich nicht die Bohne. Genauso wenig, wie meine Klassenleiterin, die andauernd verliebte Augen macht, wenn Papa in der Nähe ist.«

Schallend lacht Thies los und bekommt sich nur schwer ein, während Kim ihn böse ansieht.

---ENDE DER LESEPROBE---