Sie raubten mir die Unschuld - Madeleine Vibert - E-Book
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Sie raubten mir die Unschuld E-Book

Madeleine Vibert

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Beschreibung

Das Waisenhaus sollte ein Zufluchtsort sein. Doch es war die Hölle ...

Als Madeleine fünf Jahre alt ist, kommt sie in das Waisenhaus Haut de la Garenne. Hier geschieht jahrelang Unvorstellbares unter dem Mantel des Schweigens: Madeleine und viele andere Kinder sind regelmäßigen Misshandlungen und sexuellem Missbrauch ausgesetzt. Schlimmer noch: Die Kinder werden an Männer verkauft, um deren perverse Wünsche zu erfüllen. Doch Madeleine kann der Hölle des Waisenhauses entfliehen ...

Die Autorin Toni Maguire hat in dem erschütternden Bericht "Kein Wort zu Mami" die Geschichte ihrer eigenen Missbrauchserfahrungen verarbeitet. Das Buch wurde ein internationaler Bestseller. Seitdem widmet sie sich der Aufgabe, als Schriftstellerin anderen Missbrauchsopfern eine Stimme zu geben. Sie lebt heute in Norwich in Großbritannien.

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Seitenzahl: 351

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

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Über dieses Buch

Titel

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Über die Autorin

Weitere Titel der Autorin

Impressum

Über dieses Buch

Das Waisenhaus sollte ein Zufluchtsort sein ... Doch es war die Hölle

Als Madeleine fünf Jahre alt ist, kommt sie in das Waisenhaus Haut de la Garenne. Hier geschieht jahrelang Unvorstellbares unter dem Mantel des Schweigens: Madeleine und viele andere Kinder sind regelmäßigen Misshandlungen und sexuellem Missbrauch ausgesetzt. Schlimmer noch: Die Kinder werden an Männer verkauft, um deren perverse Wünsche zu erfüllen. Doch Madeleine kann der Hölle des Waisenhauses entfliehen ...

Toni Maguiremit Madeleine Vibert

Sie raubten mir die Unschuld

In der Hölle eines Waisenhauses

Aus dem Englischen von Marie Henriksen

Es gibt Gründe, warum meine Erinnerungen so wirr sind. Wenn ich versuche, sie zu ordnen, tauchen immer zuerst die schlimmen Dinge auf. Es kann also sein, dass ich Daten verwechsle oder dass die Ereignisfolge nicht stimmt, wenn ich erzähle. Aber alles, was ich hier berichte, hat sich so zugetragen.

Mein Name ist Madeleine. Das hier ist meine Geschichte. Eine Geschichte, von der ich nie gedacht hätte, dass sie erzählt würde. Jahrelang habe ich sie tief in mir verborgen, denn es ist nicht nur meine Geschichte. Andere, die Ähnliches erlebt haben, sind noch auf der Insel. Aber unausgesprochen waren wir uns immer einig, dass wir nie davon erzählen durften.

Einige haben sich aus lauter Sehnsucht, ihre Erinnerungen auszulöschen, selbst verloren. In Alkohol, Beruhigungsmitteln oder andere Mittel, die dazu führten, dass die Vergangenheit nur noch durch einen Nebelschleier zu sehen war. Und wenn gar nichts mehr half, war Selbstmord immer noch eine Möglichkeit. Natürlich haben ein paar Glückliche die Tür zu jenem dunklen Zimmer hinter sich geschlossen, in dem sie ihre Erinnerungen aufbewahren. Aber ich gehöre nicht zu ihnen.

Jahrelang, ein halbes Leben lang, habe ich geglaubt, ich wäre in Sicherheit und das, was ich tief vergraben hatte, würde vergraben bleiben. Dann hat die Polizei uns ausfindig gemacht. Wir wurden nacheinander befragt, sie wollten Namen und Daten wissen. Sie wollten die Wahrheit wissen – jedenfalls behaupteten sie das.

Ich könnte meine Geschichte anfangen, als ich drei Monate alt war und in eine Pflegefamilie kam. Ich könnte mit meinen frühesten Erinnerungen an die glücklichen Zeiten in meiner Kindheit beginnen, als ich zwei Frauen mit Mama anreden konnte. Oder mit dem Moment, als ich fünf Jahre alt war und in das große, düster graue Gebäude einzog, das Haut de la Garenne heißt. Vielleicht sollte ich an dem Tag anfangen, als Colin Tilbrook mich holen ließ und die Angst sich in meinem Leben ausbreitete, oder an dem Tag, als ich zum ersten Mal den Männern begegnete, die Haut de la Garenne als ihre ganz persönliche Spielwiese ansahen.

Aber tatsächlich fängt meine Geschichte schon vor meiner Geburt an. Als eine junge Frau Irland verließ, um ein besseres Leben zu finden. Und als in einer anderen irischen Kleinstadt ein Mann Abschied von seiner Familie nahm und auf die Insel Jersey reiste.

Jahre später hat mir meine Mutter erzählt, dass sie an diesem Tag das neue Lied von Doris Day hörte: »Que sera sera«. Sie bewegte sich zu der Musik und legte sorgsam ihre wenigen Kleidungsstücke in einen abgestoßenen braunen Koffer. Und dabei träumte sie von der rosigen Zukunft, die ihr Schicksal sein sollte. Lächelnd hörte sie dem Lied zu. Sie musste nicht ihre Mutter fragen, um zu wissen, dass sie mehr als hübsch war mit ihren üppigen Kurven, dem schulterlangen rabenschwarzen Haar und den dichten Wimpern um ihre blauen Augen. Aber wie das Mädchen in dem Lied wollte sie auch wissen, ob sie eines Tages reich sein würde. Ob sie in einem großen Haus leben und sich kleiden würde wie die Frauen, die sie in den Hochglanzmagazinen gesehen hatte. Nicht, wenn sie in Irland blieb, dachte sie. Sie wollte auf die Insel Jersey, wo die Träume eines jungen irischen Mädchens wahr werden konnten.

Natürlich würde sie ihre Familie vermissen. Am Vortag hatten sich ihre Tanten, Onkel, Vettern und Cousinen im Haus gedrängt, um Abschied zu nehmen. Ihre Mutter hatte ihr Lieblingsessen gekocht, einen großen Topf Kanincheneintopf, von dem alle satt wurden. Das köstliche Aroma mischte sich mit dem Geruch des Torffeuers vom Vorabend. Abende wie diesen würde sie am meisten vermissen. Aber wenn sie sich eine bessere Zukunft wünschte, dann musste sie gehen.

Sie wusste nur zu gut, wie ihre Zukunft aussehen würde, wenn sie bliebe. Sie hatte zu viele hübsche junge Mädchen gesehen, die auf Schmeicheleien hereingefallen waren, den Rat ihrer Mütter in den Wind geschlagen und irgendeinen gut aussehenden Typen geheiratet hatten. Nach einem Jahr sahen sie aus wie ihre Mütter: bleiche Wracks, die kaum noch aus dem Haus gingen, außer zur Messe oder zum Einkaufen.

Dann war es vorbei mit dem Tanz unter weißen Zeltbahnen am Samstagabend auf irgendeiner Wiese. Sobald sie den Trauring am Finger hatte, bestand das Leben einer Frau nur noch daraus, Jahr für Jahr ein schreiendes Baby zu bekommen, stinkende Windeln zu waschen und vom frühen Morgen bis in die Nacht zu arbeiten, zu kochen und zu putzen. Dann war es auch vorbei mit den Schmeicheleien, sie waren nur noch Hausfrauen mit rauen Händen, strähnigen Haaren und zu viel Speck auf den Hüften.

Für die Männer, die ihre Zeit und das Haushaltsgeld in Seamus‘ Bar verschwendeten, war die Heirat eine gute Sache. Sie saßen da und kippten ein Guinness nach dem anderen, während ihre Frauen zu Hause saßen und flickten und stopften. Meine Großmutter nannte diese Kerle »Irlands Fluch«. Meine Mutter hatte begriffen, warum sie so zufrieden waren. Niemand sagte ihnen, was sie zu tun und zu lassen hatten, schließlich waren sie der Herr im Haus. Wenn sie nach Hause kamen, stand das Essen auf dem Tisch, ihre Kleider waren gewaschen und gebügelt, und ihre Kinder wagten keine Widerworte. Sklavinnen der Männer, das waren diese Frauen in den Augen meiner Mutter.

So wollte sie nicht leben, und wer konnte schon wissen, was passieren würde, wenn sie erst einmal ihr Elternhaus verlassen hatte? Man musste sich doch nur Marilyn Monroe ansehen. Die stammte auch aus ganz kleinen Verhältnissen, und mehr als ein Junge hatte zu meiner Mutter gesagt, sie sei genauso sexy wie Marilyn. Obwohl sie ja fand, sie sah Elizabeth Taylor ähnlicher. Das hatte Patrick O’Malley ihr bestätigt, als er mit ihr im Kino The Last Time I Saw Paris gesehen hatte.

Jetzt würde sie an den richtigen Ort kommen: auf eine sonnige Insel, wo es Arbeit gab und wo die Leute in hübschen Häusern mit Innentoilette wohnten. Nicht wie das kleine Steinhaus ihrer Eltern mit seinem Klohäuschen und er Zinkbadewanne. Sie hasste das allwöchentliche Baderitual ihrer Familie, wenn sie ihrer Mutter half, einen Kochtopf voll Wasser nach dem anderen auf dem Herd zu erhitzen, um die Wanne zu füllen. Nie mehr würde sie sich in Badewasser legen müssen, das von mehreren Benutzern vor ihr schon schmutzig war. Bald würde sie jeden Tag ein heißes Bad nehmen, sich hübsche Kleider kaufen können, und wenn sie irgendwann heiratete, dann einen wohlhabenden Mann, der ihr jeden Wunsch erfüllte.

Ja, meine Mutter war glücklich an diesem Tag. Vielleicht zum letzten Mal in ihrem Leben.

Als sie das Haus verließ, stand ihre Mutter auf der Schwelle, küsste sie zum Abschied und sagte ihr wie alle irischen Mütter, deren Töchter das Nest verließen, sie solle jede Woche schreiben, brav sein und »nichts mit irgendwelchen Kerlen anfangen«.

Ihr Vater trug ihr den Koffer bis zur Bushaltestelle. Als der Bus kam, sagte er mit rauer Stimme, sie hätte immer ein Zuhause hier, wenn sie zurückkommen wolle. Dann stieg sie mit einem Kloß im Hals ein und starrte aus dem Fenster, während das Dorf immer kleiner wurde. Das Dorf, in dem sie geboren und aufgewachsen war.

Der endlose Regen der Wintermonate hatte gerade aufgehört, die Hecken waren üppig grün, die Blätter leuchteten im Sonnenlicht und überdeckten fast die Wildblumen, die ihre kleinen gelben und rosa Gesichter herausstreckten. Während der Bus auf der Straße dahinfuhr, sah sie ein paar Jungs mit Sommersprossen, die dastanden und angelten. Ihre Hemden hingen halb aus der Hose. Als der Bus vorbeifuhr, blickten sie auf und winkten. Meine Mutter winkte zurück. Dann waren auch sie verschwunden.

1

An einem warmen, sonnigen Morgen kam meine Mutter gemeinsam mit sieben weiteren Frauen auf Jersey an. Der Himmel war hellblau, die Sonne stand schon hoch am Himmel und schien auf die felsige kleine Insel, wo das graue Steinschloss steht. Das Meer funkelte wie ein Teppich aus Edelsteinen. Die leichte Seekrankheit verging, meine Mutter war sehr aufgeregt. Alles war fast zu strahlend, zu lebendig, um wahr zu sein. Aber so unglaublich schön!

Eine der anderen Frauen griff nach ihrem Arm. »Schau nur, Maureen, da drüben! Kannst du das sehen? Das ist Frankreich.« Alle drehten sich um und beschirmten ihre Augen gegen die helle Sonne. Aufgeregtes Gemurmel lag in der Luft.

»Wir könnten an unserem freien Tag nach Paris fahren!«, sagte meine Mutter, die keine Ahnung hatte, wie weit Paris von der Küste der Normandie entfernt war.

In diesem Moment legte das Schiff mit einem kleinen Rucker an, die Rampe wurde heruntergelassen. Die Frauen gingen mit ihren Koffern von Bord und betraten zum ersten Mal die Insel.

Suchend schauten sie sich nach den Leuten auf, die sie abholen sollten. Sie wussten, für Unterkunft war gesorgt, und ihre Sachen würden dorthin gebracht. Sie könnten ein heißes Bad nehmen und würden sich dann treffen, um die Stadt zu erkunden.

Für sie war es nicht nur ein Neuanfang, sondern eine Befreiung. Zum ersten Mal in ihrem Leben waren sie frei, denn Irland ging mit seinen Töchtern sehr streng um. Hochprozentiger Alkohol war verboten, und nur leichtfertige Frauen hätten sich in die Männerdomäne, den Pub gewagt. Selbst bei Tanzveranstaltungen durften die Mädchen – wenn sie überhaupt die Erlaubnis bekamen, hinzugehen – nur Limonade trinken. Und an diesen Abenden blieb immer mindestens ein Elternteil auf, um darauf zu achten, dass die Tochter ohne Umweg nach Hause kam und nicht womöglich nach Alkohol roch. Jetzt fielen all diese Beschränkungen. Keine festen Uhrzeiten, wann sie zu Hause sein mussten, keine Eltern, die die Uhr im Blick hatten. Ein unglaubliches Gefühl. So hat es mir meine Mutter erzählt.

Sie standen noch da und plauderten, als zwei Männer auf sie zukamen. Der eine war in den Dreißigern, untersetzt, mit einem geröteten, wettergegerbten Gesicht und fettigem dunklem Haar. Meine Mutter achtete kaum auf ihn, sondern konzentrierte sich auf den zweiten Mann. Er war um Einiges größer und hatte glattes hellbraunes Haar, das selbst einem Dreißigjährigen noch ein jungenhaftes Aussehen verleiht. Und wenn er lächelte, sah man seine weißen Zähne. Die Natur hatte ihm ebenmäßige Gesichtszüge, ein Grübchen im Kinn und warme braune Augen geschenkt. Und die Sonne war ebenfalls großzügig mit ihm umgegangen. Er war – im Gegensatz zu seinem rotgesichtigen Freund – richtig braun. Jahre später sagte meine Mutter mir, er sei einfach der schönste Mann gewesen, den sie je gesehen hatte.

»Ihr seid die aus Irland?«, fragte er, und als sie begeistert nickten, lächelte er wieder. »Ihr könnt mich Jim nennen«, sagte er, deutete auf seinen schweigsameren Freund und stellte ihn als Ben vor. Nach den Namen der Frauen fragten sie nicht.

»Also, Mädchen, wir sollen euch in euer Quartier bringen. Ich denke, ihr wollt schnell dorthin, also folgt uns einfach.« Und mit großen Schritten ging er zu einem offenen Lastwagen mit Holzbänken an den Seiten der Ladefläche. »Springt rauf«, sagte er ihnen, dann stieg er zu dem anderen Mann ins Fahrerhaus. Ben ließ den Motor an, immer noch, ohne einen Ton zu sagen. Die letzte Etappe ihrer Reise hatte begonnen.

Ich kenne das Jersey dieser Zeit nur aus den Erzählungen meiner Mutter, aber dieser Tag steht mir so deutlich vor Augen, als wäre ich selbst da gewesen. Der Hafen sah damals noch ganz anders aus. Ich kenne ihn heute, mit seinen schnittigen Yachten, wo tagsüber Männer in sauberen weißen Jeans und T-Shirts mit Tauen und Ketten hantieren. Auch die Stadt St. Helier muss sich sehr verändert haben. Heute gibt es dort jede Menge Straßencafés, hell erleuchtete Restaurants, Designerläden und beeindruckende Hotels. Als meine Mutter dort ankam, sah das noch anders aus.

Ich stelle mir das blaue Meer vor, den Himmel, der sich darin spiegelt, und die Gruppe Mädchen in ihren von der Reise zerknautschten Kleidern. Die Haare wehen im Sommerwind, die Gesichter leuchten erwartungsvoll. Und mittendrin meine Mutter mit ihrem kehligen Lachen und den funkelnden Augen. Sie strahlte am meisten.

Die Mädchen warfen ihre Koffer auf die Ladefläche und kletterten kichernd und scherzend hinauf. Auf der Fahrt atmeten sie Dieselabgase und salzige Seeluft ein, und statt der großen, hellen Häuser mit den kurz geschnittenen Rasenflächen, Tennisplätzen und Swimmingpools, die heute dort stehen, sahen sie grüne Wiesen mit Kühen auf der einen Seite und weite goldene Strände auf der anderen.

Der Lastwagen fuhr über enge Landstraßen, und am Ende einer dieser Straßen tauchte ein großer Bauernhof auf.

»Wir sind fast da«, sagte der Fahrer.

»Wo?«, murmelte Marie. »Wir werden doch wohl nicht alle in diesem Haus arbeiten.« Sie wandte sich zu meiner Mutter um. »Was haben sie dir denn erzählt, Maureen? Die Leute, die dir die Arbeit vermittelt haben.«

»Sie haben gesagt, ich würde am Anfang auf einem Bauernhof arbeiten, und wenn meine Reisekosten bezahlt sind, dann könnte ich mir auch eine andere Arbeit suchen. Sobald ich ein bisschen was gespart habe, um eine Wohnung zu mieten.«

Der Fahrer lachte. »Mein Gott, was für Geschichten die erzählen«, sagte er über seine Schulter hinweg.

Meine Mutter beschloss, nicht auf ihn zu achten. Mehr Sorge machte ihr die Frage, wo sie eigentlich waren. »Wir wollten uns noch ein bisschen in der Stadt umsehen, wenn wir eingezogen sind«, sagte sie. »Wie weit ist das denn?«

»Auf Jersey kann man alles zu Fuß erledigen«, sagte Jim. »Die Insel ist ja nur ein paar Meilen lang.«

»Außerdem seid ihr in Irland es doch gewöhnt, zu laufen, oder?«, fügte sein Freund hinzu. »Und erst mal wollt ihr doch sicher euer neues Zuhause sehen.«

Irgendwie war der Ton, mit dem die Männer sprachen, meiner Mutter unheimlich. Untereinander benutzten sie eine Sprache, die sie nicht verstand, aber sie spürte an ihrem Gelächter und den Blicken, die sie über die Schulter warfen, dass sie sich über die Frauen lustig machten. Auch die anderen Mädchen schienen das zu merken und schwiegen.

Aber als Jim sich umdrehte und sie anlächelte, war ihnen schon wieder etwas wohler. Er zwinkerte ihnen zu. »Lasst den Kopf nicht hängen, Mädchen, nicht an eurem ersten Tag hier auf der Insel. Wir wollten euch nur ein bisschen ärgern. Seid wieder fröhlich, dann lasse ich mich am Wochenende vielleicht überreden, euch in die Stadt zu fahren und euch St. Helier zu zeigen.«

Sie bedankten sich lautstark, und ein paar Minuten später kam der Wagen vor einer Reihe langgezogener Hütten zum Stehen. »So, die Damen, hier ist euer neues Zuhause«, sagte Bob, ohne die Miene zu verziehen, und stieg aus.

Meine Mutter bemerkte das böse Funkeln in seinen Augen, als er ihre Gesichter sah.

Die Hütten waren aus Beton und hatten verrostete Wellblechdächer. Solche Häuser hatte meine Mutter noch nie gesehen. In Irland wurden in solchen Schuppen die Hühner gehalten.

»Ach, so schlecht ist das gar nicht, Mädchen«, sagte Jim, der bemerkte, wie verstört sie waren. »Kommt rein, seht es euch an. Man kann es sich darin ganz gemütlich machen. Lebensmittel sind auch da, ihr könnt euch also was zu essen machen und euch ein bisschen ausruhen. Aber denkt dran, hier wird früh aufgestanden.«

»Wie früh?«, fragte Marie.

»Pünktlich um halb sieben.« Ohne auf ihr lautes Stöhnen zu achten, stieg Jim wieder in den Wagen und brauste davon.

Von innen sahen die Hütten entgegen seinen Worten genauso schlimm aus wie von außen. Durch die Tür betrat man einen düsteren Raum, der in einem schmutzigen Beigeton gestrichen war. Er war spärlich möbliert mit einem dunklen Holztisch, vier Stühlen und einem durchgesessenen Zweiersofa. Unter dem einzigen Fenster, vor dem eine dünne Blümchengardine hing, befanden sich ein Kocher und ein Abfluss. Zwei Schlafzimmer gingen von dem Hauptraum ab, aber sie waren so klein, dass zwischen den schmalen Einzelbetten kaum Platz blieb.

Am nächsten Morgen wurde ihnen klar, wofür sie die Armut Irlands hinter sich gelassen hatten. Sie waren als Landarbeiterinnen angeheuert worden, nicht als Hausangestellte. Je nach Jahreszeit sollten sie Kartoffeln setzen oder ernten, sie scheuern oder verpacken. Im Winter, wenn die Leitungen einfroren und der Frost unter ihren Füßen krachte, zogen sie alles an, was sie finden konnten, wenn sie in den ungeheizten Scheunen arbeiteten. Mit steifen Fingern vor Kälte packten sie die Kartoffeln in Holzkisten, damit sie fürs Setzen bereit waren, wenn der Frühling kam.

»Und dafür waren wir aus Irland weggegangen«, seufzte meine Mutter, als sie mir davon erzählte. »Wir waren so leichtgläubig! Wir hatten wirklich gedacht, wir würden in schicken Läden oder im Büro arbeiten. Aber es war nicht allein unsere Schuld, schließlich hatte man uns gefragt, welche Fähigkeiten wir mitbrachten. Und irgendetwas hatten wir ja alle gelernt. Aber letztlich landeten wir alle in den Kartoffelscheunen, wo wir von früh bis spät schuften mussten. Der einzige Lichtblick war der Zahltag. Dann gingen wir in die Stadt. Nur fanden wir dort schnell heraus, was die Einheimischen von uns hielten. Für sie waren wir Abschaum. Dreckiger irischer Abschaum. Sie zeigten auf uns, wenn wir durch die Straßen gingen, auf all die Einwanderer, die sich die Hände schmutzig machten und die Arbeiten erledigten, für die sie sich zu fein waren.« Wie immer, wenn sie über diese Zeit sprach, starrte sie träumerisch ins Leere.

»Na ja«, fuhr sie fort. »Wenn die mit uns nichts zu tun haben wollten, dann wollten wir uns auch nicht mit ihnen abgeben. Wir eroberten uns einen Teil von St. Heliers und verwandelten ein paar kleine Lokale in irische Pubs. Die Franzosen hielten sich im anderen Teil der Stadt auf, French Lane genannt. Und in diese Lokale gingen die Landarbeiterinnen und – arbeiter am Zahltag. Nicht nur die Iren, sondern auch die Franzosen und später die Portugiesen. Da drin herrschte ein Stimmengewirr aus verschiedenen Sprachen. Und ich kann dir sagen, die Einheimischen machten einen großen Bogen darum. Wir Mädchen kamen uns mächtig schick vor, wie wir in den Bars saßen, ein Radler in der einen Hand und eine schwarze Gauloises in der anderen.«

»Und da hast du zum ersten Mal Alkohol getrunken?«, fragte ich sie.

»Ja, mein Schatz«, erwiderte sie. »Aber leider nicht zum letzten Mal.«

2

2008

Als ich zum ersten Mal von der Polizei aufgefordert wurde, bei den Ermittlungen zu helfen, fand die Befragung nicht auf der Polizeistation auf Jersey statt, sondern in einigen extra dafür angemieteten Räumen im Rundfunkhaus. Sie meinten, da wäre die Atmosphäre entspannter.

Bei meiner Ankunft wurde ich in eine Art gemütliches Wohnzimmer geführt, mit Couch, Sesseln und einem niedrigen Tisch. Aber dann sah ich das Diktiergerät. Zwei Leute sollten mich befragen, ein Mann und eine Frau. Sie saßen in den Sesseln, ich nahm auf dem Sofa Platz. Ich erinnere mich noch, wie unbequem es war. Es war niedriger als die Sessel und ein wenig nach hinten geneigt, sodass man gar nicht richtig aufrecht sitzen konnte. Man brachte uns Becher mit Tee, und weil ich die Befragung so weit wie möglich herauszögern wollte, rührte ich den Zucker ganz langsam ein, bevor ich einen ersten Schluck trank.

Erleichtert stellte ich fest, dass auf dem Tisch ein Aschenbecher stand, und ohne um Erlaubnis zu fragen, steckte ich mir eine Zigarette an. Ich zog heftig daran und ließ den bitteren Rauch meine Nerven beruhigen. Dann blies ich den Rauch aus und wappnete mich für die erste Frage.

Das Diktiergerät wurde eingeschaltet. Dann fragte mich die Polizistin, ob ich bereit sei. Ich schaute sie an, aber ich konnte ihr nicht in die Augen sehen. Ich hatte in meiner Nervosität gar nicht gesehen, dass sie schwanger war, und das war mir jetzt so peinlich, dass ich feuerrot wurde. Sie war sogar hochschwanger, ihr Bauch war deutlich zu sehen.

»O Gott«, sagte ich und drückte mit zitternden Fingern die Zigarette aus. »Tut mir leid, tut mir sehr leid, ich hab das nicht gesehen.« Mit jedem Wort, das ich stotterte, löste sich mein bisschen Selbstvertrauen wieder in Luft auf. Sie unternahm keinen Versuch, mir meine Befangenheit zu nehmen. Eigentlich hatte ich eher das Gefühl, es wäre ihr ganz recht so. Sie fragte mich nur noch einmal, ob ich bereit sei.

Sie wollten etwas über Colin Tilbrook und die reichen Geschäftsleute erfahren, die das Heim besucht hatten, dachte ich.

Während ich auf die erste Frage wartete, dröhnte die Stille in meinen Ohren. Ich konnte meinen Herzschlag hören, meine schweißfeuchten Hände spüren, und plötzlich kam mir das Zimmer unerträglich heiß vor. Ich wünschte, ich hätte um ein Glas Wasser gebeten, dann hätte ich mir das kalte Glas an die Wangen drücken können.

Dann kam die erste Frage. Nicht von der Frau, wie ich erwartet hatte, sondern von dem Mann mit den scharfen Gesichtszügen und Augen von der Farbe nasser Kieselsteine.

»Erzählen Sie uns von den Jordans, Madeleine«, sagte er.

Die Jordans waren in der Zeit ins Heim gekommen, als Tilbrook dort regierte. Ich musste bei diesem Namen an Schreie denken, an nur noch halb lebendige, verletzte Kinder, gebrochene Knochen, nicht stärker als die eines Vogels, und an das hilflose Schluchzen derer, die wussten, dass ihr Schicksal niemanden kümmerte.

Aber ich verstand nicht – jedenfalls noch nicht –, warum sie ausgerechnet nach den Jordans fragten. Die Jordans waren viel später in meinem Leben aufgetaucht als diejenigen, von denen ich dachte, sie wären hinter ihnen her. Und so böse sie waren, unter all denen, die Schmerz und Leid verbreitet hatten, waren sie bei Weitem nicht die Wichtigsten.

»Wir wollen feststellen, ob es genug belastendes Material gegen sie gibt, um sie zu einem Verhör hierher zu bringen«, sagte die Frau. Vielleicht hatte sie die Verwirrung in meinem Blick gesehen.

»Nur sie?«, fragte ich ungläubig. Aber ich musste die Antwort nicht abwarten. Brennender Zorn stieg in mir hoch. Ich war doch nicht hierhergekommen, um eine Aussage über diese zwei Leute zu machen. Wenn man uns zugehört hätte, wenn man irgendetwas unternommen hätte, dann hätte ich die Jordans nie kennengelernt. Damit platzte ich heraus, bevor ich wusste, was ich sagte.

»Wenn Ihre Mutter nicht so krank gewesen wäre, dass Sie im Interesse Ihrer eigenen Sicherheit in Pflege gegeben werden mussten? Meinen Sie das?«

Wieder hatte die Frau gesprochen. Ich sah sie wütend an. Sie würde bald Mutter werden, vielleicht war sie es schon. Sie musste doch verstehen, was ich, was wir alle durchgemacht hatten. Aber in ihrem Gesicht war kein Mitgefühl zu erkennen. Sie schien lediglich entschlossen, mich dazu zu bringen, ihre Fragen zu beantworten.

Da begriff ich, dass sie und dieser Mann in dem dunkelblauen Anzug und dem strahlend weißen Hemd erst dann zufrieden sein würden, wenn sie die harte Schale geknackt hatten, die ich mir über die Jahre zugelegt hatte. Wenn sie auch noch das letzte meiner Geheimnisse ausgegraben hatten. Und dann würden sie entscheiden, was sie damit machten. Ich hatte keinen Einfluss darauf.

Die Stimme des Mannes durchdrang meine Gedanken. Das schmale Lächeln war verschwunden, seine harten Augen sahen mich kühl und ohne jede Regung an. »Ihre Eltern waren Kriminelle. Sie waren im Gefängnis. Deshalb haben Sie den größten Teil Ihrer Kindheit in einer Einrichtung verbracht. Machen Sie uns dafür nicht verantwortlich, Madeleine.«

»Nein«, protestierte ich nachdrücklich. »Meine Mutter war keine Kriminelle.«

»Was sonst?«

»Sie war traurig«, erwiderte ich.

3

Die frühen Erinnerungen an meine Mutter gehörten mir allein, die würde ich mit niemandem teilen. Alle Wahrnehmungen von Klang und Geruch sind immer noch lebendig, obwohl so viel Zeit vergangen ist.

Als sie mir erzählte, warum sie uns verloren hatte, war Marilyn Monroe tot und sie wurde nicht mehr mit Elizabeth Taylor verglichen. Ihr fester, jugendlicher Körper war verschwunden, sie war älter geworden und eher hager. Die hohen Wangenknochen, die früher so viel Bewunderung hervorgerufen hatten, waren in ihrem aufgeschwemmten Gesicht kaum noch zu erkennen.

Der Alkohol, die Männer, die gekommen und wieder gegangen waren, vier Schwangerschaften – all das hatte seinen Tribut gefordert, aber ihre Augen waren immer noch dunkelblau und ihr Haar fiel zwar nicht mehr in schimmernden Wellen, aber es war immer noch schwarz. Sie duftete nicht mehr nach Seife und dem Maiglöckchenparfüm, an das ich mich aus meiner frühen Kindheit erinnerte. Diese Gerüchte gehörten zu einer jüngeren Mutter mit strahlendem Lächeln und vielen Versprechungen. Die Mutter, die ich inzwischen kennengelernt hatte, roch nach Gin und Tabak, nach Trauer und Desillusionierung.

Die Mutter meiner Kindheit hatte gehofft, eines Tages einen wohlhabenden Mann zu finden, der für sie sorgte. Die ältere hatte begriffen, dass eine Mischung aus Habgier und Naivität sie in die Tragödie geführt hatte. Nur der Alkohol, von dem sie immer zu glauben schien, er sei nur eine vorübergehende Episode in ihrem Leben, ließ sie immer noch von einer rosigen Zukunft träumen. Bis dieser »beste Freund« ihr schlimmster Feind wurde, der sich lustig machte über ihre Abhängigkeit.

Ich hatte sie gefragt, warum sie nicht nach Irland zurückgekehrt war. Hätte sie es getan, wäre mein Leben ganz anders verlaufen. Die andere Frage, die sie mir beantworten sollte, lautete: Warum hatte sie, sobald sie ihrer engen Welt entkommen war, den erstbesten Kerl geheiratet? Es musste doch mehr für ihn sprechen als die Tatsache, dass er ein so schöner Mann gewesen war!

Denn tatsächlich ging sie mit Jim aufs Standesamt, kaum dass sie drei Monate auf Jersey lebte. »Er war ein Einheimischer«, sagte sie mit ihrer tiefen, heiseren Stimme. »Kein Ire. Ich wollte keinen Iren, verstehst du. Wenn du mit einem Iren ausgehst, sitzt du da und redest mit den anderen Frauen, während er mit seinen Freunden Darts oder Billard spielt. Jim wusste, wie man eine Dame behandelt. Und er nannte mich tatsächlich so, eine Dame.« Wenn sein Name fiel, starrte sie wie benebelt in die Ferne und lächelte. Dann war sie auf einmal wieder neunzehn.

»Er sagte mir, ich wäre zu gut für die Arbeit auf den Kartoffelfeldern«, erzählte sie stolz. »Und ich wollte doch was Besseres sein. Oh, Madeleine, du hättest ihn damals sehen sollen, wie er mir die Türen aufhielt und mir Blumen schenkte. Er sagte, schon im ersten Moment hätte er sich in mich verliebt. Er versprach mir das Blaue vom Himmel herunter, erzählte mir, er würde Karriere machen, sein Chef hielte große Stücke auf ihn. Und wenn ich erst mal seine Frau wäre, würde mich niemand mehr als irischen Abschaum bezeichnen.«

»Und du hast ihm das alles geglaubt?«

»Ja, das habe ich. Vielleicht hätte ich ihn fragen sollen, warum wir nur standesamtlich heirateten, aber er war nun mal nicht katholisch. Und ich war jung, und er sah so unglaublich gut aus.«

Also ließ sich meine Mutter auf das ein, wovor sie aus Irland geflohen war: Sie fiel auf die Schmeicheleien eines gut aussehenden Kerls herein, der ihr das Gefühl gab, etwas Besonderes zu sein.

Ihre Eltern kamen nicht zur Hochzeit. Seine auch nicht. Das hätte ihr die Augen öffnen sollen, aber sie schob alle schwierigen Gedanken zur Seite. Weniger als ein Jahr nach der Hochzeit war sie damit beschäftigt, vom frühen Morgen bis in die Nacht Windeln zu waschen, zu kochen und zu putzen. Die Romantik löste sich in Luft auf, und nach zwei Schwangerschaften war nichts mehr davon übrig. Meine Mutter ging am Samstagabend nicht mehr zum Tanzen in die French Lane, sondern sie saß da und stopfte und nähte, während ihr Mann das Geld für Bier und Whisky ausgab.

Weniger als fünf Jahre nach dem Jawort verließ der Mann, der ihr das Blaue vom Himmel herunter versprochen hatte, die Insel und machte sich zu neuen Jagdgründen auf. Und in diesen Jagdgründen war eindeutig kein Platz für eine Ehefrau und zwei kleine Söhne.

Doch ohne ihn war sie wieder, was sie vorher gewesen war: eine irische Einwanderin.

Sie hatte keine Verwandten dort, niemanden, der ihr Geld geliehen hätte, damit sie ihre Miete bezahlen oder etwas zu essen kaufen konnte. Und vor allem war niemand da, der sie moralisch unterstützt hätte. Ihre Mutter, ihre Tanten, Cousinen und Geschwister waren in Irland, und so viel Heimweh sie auch hatte, so einsam und verzweifelt sie auch war, sie konnte nicht zurück. Es war Ende der Fünfzigerjahre, und ihre standesamtliche Heirat wurde von der katholischen Kirche in Irland nicht anerkannt. Nach Ansicht der Kirche hatte sie auf Jersey in wilder Ehe gelebt und zwei uneheliche Kinder bekommen. In dem Dorf, aus dem sie stammte, war dafür keine Vergebung möglich, so viele Rosenkränze sie auch beten mochte.

Meine Mutter hatte also keine große Wahl. Sie musste auf Jersey bleiben, und wenn sie etwas zu essen brauchte, dann musste sie wieder arbeiten. Ihre zwei Kinder wurden mit Hilfe der Schwiegereltern in Pflegefamilien untergebracht. Als Söhne eines Mannes von der Insel schickte man die beiden nicht nach Haut de la Garenne, wo die Problemkinder hinkamen, vor allem die Söhne und Töchter der Einwandererfamilien. Immerhin das hatte ihnen ihr Vater hinterlassen: seinen Namen.

4

Meine Mutter kehrte wieder zur der elenden Arbeit auf der Farm zurück. Ihre einzige Chance bestand darin, wieder einen Mann zu finden, das wusste sie. Außerdem war ihr klar, dass es diesmal kein Einheimischer sein würde. Sie brauchte jemanden, der gerade aus Irland gekommen war. Jemanden, der nicht allzu viel über sie wusste.

Nachdem sie einen ganzen Frühling lang Jersey Royals gesetzt hatte, wusste meine Mutter, sie sah gut aus. Die harte Arbeit hatte ihren Körper sehnig gemacht, ihre Wangen leuchteten. Anders als die anderen Mädchen, mit denen sie arbeitete, hatte sie dafür gesorgt, dass ihr Gesicht und ihre Hände nicht vom Wetter und von der schwarzen Erde entstellt waren. Sie schrubbte ihre schmutzigen Fingernägel mit Seife und Zitronensaft und schmierte sich überall, wo die Sonne hinkam, mit Cold Cream ein.

Ja, sie sah so gut wie neu aus, fand sie, als sie zum Tanzen in den irischen Teil der Stadt ging. An dem Abend, von dem sie mir erzählte, trug sie ein rot und blau kariertes Kleid mit tiefem, eckigem Ausschnitt und einem weiten, schwingenden Rock über steifen Petticoats. Lachend hatte sie ein anderes Mädchen zum Tanzen aufgefordert. »Weißt du, Madeleine«, sagte sie zu mir. »Wenn ich nur bescheiden auf einem Stuhl gesessen und darauf gewartet hätte, dass mich jemand aufforderte, dann hätte mich ja keiner bemerkt.«

Und es klappte. Irgendwann klopfte ihr eine Hand auf die Schulter, sie drehte sich um und schaute in die grünen Augen jenes Mannes, der mein Vater werden sollte. Im silbrigen Licht der Diskokugel lächelte sie, zog einen Schmollmund und schwang ihre Hüften. Dann wurden die Lichter gedämpft, und die Band spielte ein langsameres Lied, Paul Ankas neuesten Hit. Sie lächelte dem Mann mit den grünen Augen zu, legte ihm den Kopf auf die Schulter und schmiegte sich an ihn.

Als sie endlich geschieden war, machte ihr der Mann mit den grünen Augen einen Antrag und sie nahm ihn freudig an. Der katholische Pfarrer, der wusste, was sich meine Mutter wünschte, sorgte dafür, dass sie die Erlaubnis zu einer kirchlichen Trauung erhielt. Das war möglich, weil die standesamtliche Trauung mit Jim nicht anerkannt wurde. Genau wie Jim, versprach ihr auch ihr neuer Ehemann eine Zukunft. Er schwor, er würde nicht immer als Arbeiter schufen und ihr eines Tages ein schönes Haus bauen. Sie mussten nur ein bisschen sparen.

Ihr Eheleben begann in einer Wohnung mit geteilter Küche, zwei Treppen hoch. Es roch nach Kohl und gebratenen Zwiebeln aus der Küche der irischen Einwanderer. Später, als die Portugiesen kamen, fluteten die Gerüche von Knoblauch, Olivenöl und Espresso das Haus. Im Flur lag schmutziges, rissiges Linoleum, und das Muster auf dem zerschlissenen Treppenläufer war nicht mehr zu erkennen. Im ersten Stock gab es ein gemeinsames Telefon, überall waren Nummern an die Wand gekritzelt. Und auf der anderen Seite des Flurs lag das gemeinsame Bad mit dem Münzautomaten für warmes Wasser.

Auf dem nächsten Treppenabsatz führte eine Tür zu ihrer Wohnung: Ein länglicher Raum mit zerkratzten Holzmöbeln und einem durchgesessenen Sofa, hinter einem Vorhang ein Doppelbett und unter dem Fenster ein Kocher und ein Abfluss.

Meine Mutter brauchte nicht lange, bis sie erkannte, dass sie wieder mal einen Taugenichts geheiratet hatte. Einen, der erwartete, dass sie ihm etwas zu essen vorsetzte, wenn er kam, und ihm keine Fragen stellte, wenn er spät am Abend nach Hause getorkelt kam. Das war kein Leben für sie, beschloss sie, und weigerte sich, ihre Arbeit aufzugeben und ihm ihren Lohn zu überlassen. Am Zahltag zog er durch die Bars, aber diesmal ließ sich meine Mutter nicht in der kleinen, traurigen Wohnung einsperren. Das brave Mädchen, das keinen Alkohol anrührte, war zusammen mit ihren Träumen in Irland geblieben. Wie ihr Mann zog sie jetzt durch die Lokale, wo die Drinks billig und die Gesellschaft grob war.

In einer dieser Nächte wurde ich gezeugt. Ich glaube, dass meine Mutter mich von dem Moment an liebte, als sie mich das erste Mal im Arm hielt – so hat sie es mir erzählt. Aber leider waren meine Eltern vollkommen überfordert damit, in diesen beengten Verhältnissen und mit ihrer ständigen Geldnot ein Kind aufzuziehen. Sie tranken, sie stritten, sie schrien sich an und fluchten, bis ein Nachbar, der sich Sorgen um das drei Monate alte Baby machte, die Polizei rief. Und die Polizisten, die sich zwei betrunkenen Erwachsenen und einem brüllenden Kind in einem provisorischen Bettchen gegenübersahen, verhafteten meine Eltern und zeigten sie wegen Trunkenheit und Erregung öffentlichen Ärgernisses an. Sie wurden zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Über mein Wohlergehen machte sich niemand groß Gedanken. Ich kam in ein Heim.

Bei ihrer Entlassung wollte meine Mutter mich unbedingt zurück haben. »Erst wenn Sie eine anständige Wohnung haben«, sagte man ihr, ohne ihr zu erklären, wie sie und mein Vater das mit ihrem niedrigen Lohn zustande bringen sollten. Sozialwohnungen gab es nur für Leute, die mindestens seit zehn Jahren am Ort wohnten, und freie Wohnungen waren unerschwinglich. So blieb ich in dem Heim für Kleinkinder, Westaway Crèche.

5

2008

»Nun, Madeleine, es kann ja sein, dass die Behörden Ihre Mutter nicht für kriminell hielten, aber man war auf jeden Fall der Ansicht, sie sei als Mutter ungeeignet. Alle ihre Kinder wurden ihr weggenommen. Sie scheinen der Ansicht zu sein, dies sei ein Fehler des Fürsorgesystems gewesen und was Ihnen passiert ist, sei auf staatliches Versagen zurückzuführen. Aber lassen Sie uns kurz rekapitulieren, was wirklich passiert ist.

Sie kamen im Alter von drei Monaten in die Westaway Crèche. Wissen Sie, warum, Madeleine? Nicht, weil Jim Ihre Mutter verlassen hatte, nicht wahr? Er war ja auch gar nicht Ihr Vater. Deshalb wurden ihr die Söhne weggenommen, Sie nicht. Sie hatte wieder geheiratet, und Ihre Eltern waren noch zusammen, als Sie geboren wurden.«

Die Polizistin sprach jetzt, schleuderte mir die Worte wie scharfe Waffen entgegen. Und jedes Wort fand sein Ziel und tat mir weh. Ich spürte, wie mir die Tränen kamen, aber ich schluckte sie herunter. Diese Leute sollten mich nicht weinen sehen.

»Aber warum wurde ich nach Haut de la Garenne gebracht?«, wollte ich gern fragen. Ich hatte doch nichts getan. Ich war erst fünf Jahre alt.

»Madeleine, ich gehe davon aus, dass Sie in Westaway gut versorgt wurden.«

Das stimmte. Die Erinnerungen an meine ersten Lebensjahre waren undeutlich und unter den späteren Ereignissen verschüttet, aber ihre Fragen brachten ein paar Bilder aus dieser frühen Zeit an die Oberfläche. Die jungen Schwestern, die kamen und gingen und nett zu uns waren, uns aus großen Bilderbüchern vorlasen, mit uns spielten, Sandburgen bauten, uns Ketten aus Gänseblümchen um den Hals hängten, aufgeschlagene Knie verpflasterten, Tränen abwischten, uns die Nase putzten und ins Bett packten. Sogar Gutenachtküsse gab es dort.

Die Konstante in unserem Leben war Mrs Peacock, Mummy Peacock, wie ich sie nannte. Sie war streng, aber sie ließ uns auch mit ihren Hunden spielen und schaute weg, wenn wir von einer der jüngeren Schwestern zu viele Süßigkeiten bekamen. Es gab viel Spielzeug dort, das meiste Spenden, ebenso wie die Kleider und Bücher. Wir waren dreißig Kinder dort, und fast jede Woche gab es ein Geburtstagsfest. Mit Wackelpudding, Kuchen und Eis und Kerzen, die wir ausblasen durften. Es waren ja nie mehr als fünf.

Abgesehen vom Weihnachtsfest, wenn großzügige Einheimische mit Einzelpäckchen kamen, gehörten die Spielsachen allen und wurden am Abend in der großen Kiste verstaut, die in einer Ecke des Spielzimmers stand. Die Kleinsten, die noch lernen mussten, wie man teilt, schnappten sich öfter mal etwas, schubsten und weinten, wenn sie warten mussten.

Noch schlimmer war das Protestgeheul, wenn sie auf dem Schaukelpferd reiten wollten, das ein lächelnder Wohltäter uns gebracht hatte. Ich liebte dieses Pferd auf Anhieb, und während ich mich jetzt, bei meiner Befragung, daran erinnerte, musste ich lächeln, wenn ich daran dachte, wie laut ich gekreischt hatte, als ich einem anderen Kind den Platz überlassen musste. Eine Schwester hatte mich hochgehoben. Ich glaube, sie war nach diesem ersten Tag mit dem Schaukelpferd einigermaßen erschöpft von dem Versuch, Vorschulkindern so etwas wie Großzügigkeit beizubringen. Tatsächlich war das Pferd immer wieder für Tränen und Streit verantwortlich.

»Nein«, sagte ich nun also. »Dort hat es uns an nichts gefehlt. Ich war glücklich dort.«

Einen Wunsch hatte ich durchaus gehabt, aber davon wollte ich den Polizisten nichts erzählen. Ein Zuhause hatte ich mir gewünscht, mit einer Mutter und einem Vater, einem eigenen Zimmer und einem eigenen Schaukelpferd und eigenen Spielsachen. Ich wusste, andere Kinder fanden ein solches Zuhause. Sie wurden adoptiert. Ich kannte die Bedeutung dieses Wortes, genau wie alle anderen Kinder in meinem Alter. Adoption, das hieß, ein gut angezogenes Paar kam ins Heim, sah uns an, verschenkte Süßigkeiten und nahm kleine Kinder in den Arm. Ein paar Wochen darauf sagte man einem Kind – wenn es alt genug war, um so etwas zu verstehen –, es würde von jetzt an bei seiner neuen Mama und seinem neuen Papa leben. Dort bekamen diese Kinder das, wovon auch ich träumte: jemanden, der nur sie allein liebte und dessen Aufmerksamkeit sie nicht mit dreißig anderen bedürftigen kleinen Seelen teilen mussten.

Selbst Mrs Peacocks Hunde, zwei ziemlich mollige Labradors, die ich liebte, ließen sich von allen Kindern streicheln. Wenn also wieder einmal so ein lächelndes Paar ins Heim kam, wünschte ich mir mit aller Macht, es würde mich aussuchen. Aber das geschah nie. Was war falsch an mir?, fragte ich mich. Warum wollte mich niemand?

Eine Frau kam jede Woche zu Besuch. Sie hatte dunkles Haar, trug roten Lippenstift und wollte mich immer umarmen. Sie sagte mir, sie sei meine echte Mama und ich würde bald bei ihr leben, aber sie müsse erst ein Zuhause finden, das für uns beide groß genug sei. Ich glaubte ihr nicht. Sie hatte keine neuen Kleider an, und Mrs Peacock hatte mir nicht gesagt, dass ich eine neue Mama und einen neuen Papa bekommen würde.

Viele Jahre später fand ich heraus, dass meine Mutter sich geweigert hatte, mich zur Adoption freizugeben. Sie wollte ihre Kinder wieder bei sich haben, sagten mir die Sozialarbeiter.

»Also«, fuhr nun der Polizist fort. »Sie waren glücklich dort. Der Staat hat für Sie gesorgt, und Ihre Mutter hatte fünf Jahre Zeit, ihr Leben in Ordnung zu bringen. Soll ich Ihnen vorlesen, was die Sozialarbeiter geschrieben haben?«

Ich schüttelte den Kopf. Ich kannte den Bericht schon: ungeeignete Wohnverhältnisse, Alkohol und eine Ehe, in der Gewalt an der Tagesordnung war. Deshalb weigerten sich die Behörden, mich zurück zu meiner Mutter zu lassen. Der Bericht verschwieg allerdings auch, dass mein Vater kurz nach der Haftstrafe verschwand und meine Mutter praktisch mittellos zurückließ. Darum kümmerte sich niemand. Stattdessen nahm man ihr auch noch das letzte Kind weg.

Meine Mutter hatte alle Menschen verloren, die sie liebte. Aber darum kümmerten sich die Behörden natürlich nicht.

6

2008 fingen die Albträume wieder an.

Ich wache jede Nacht schweißgebadet auf, den Mund noch geöffnet vom letzten Schrei, das Bettzeug zerwühlt. Vergangenheit und Gegenwart stoßen zusammen.

»Was ist los, Madeleine?«, fragt mein Mann.

»Was ist los, Mutter?«, fragt mein Sohn.

»Was ist denn bloß los mit dir?«, fragt meine verwirrte dreizehnjährige Tochter.

Ich erzähle es Ihnen in kleinen Stücken.

Ihr Zorn angesichts dessen, was mir passiert ist, mischt sich mit der Enttäuschung darüber, dass ich Ihnen dieses Geheimnis vorenthalten habe. Ich verstehe den Kummer hinter dem Zorn. Er ist so schwer, dass die Sorge meines Mannes und die Liebe meiner Tochter darunter verschwindet.

Mein Sohn hält meine Hand und bringt mich zur Polizei. Er muss sich alles anhören, was ich zu berichten habe. Auch die Fragen, nicht nur die der Polizisten, sondern auch all derer, die sich durch mein jahrelanges Schweigen verraten fühlen. All diese Fragen hämmern in meinem Kopf, und ich kann mich nicht mehr erinnern, wer welche Frage gestellt hat.

Die Polizisten haben Fragen gestellt, die die Vergangenheit wieder zum Leben erwecken, aber was noch schlimmer ist: Sie bezweifeln wie alle anderen vor vielen Jahren, dass ich die Wahrheit erzähle. Alle wollten wissen, was mir in Haut de la Garenne passiert ist. Und ich habe diejenigen, die mich quälten, einen nach dem anderen angesehen, bis sie vor meinem Blick verschwammen und die Vergangenheit lebendiger wurde als die Gegenwart.

Keiner von ihnen konnte sich bildlich vorstellen, wie es mir ging, als ich an diesen schrecklichen Ort gebracht wurde.

Aber ich konnte es.

Es war ein Tag wie alle anderen. Ich hüpfte im Garten mit dem Seil und sang vor mich hin, als Mrs Peacock kam und mich ins Haus rief. Sie nahm mich mit in ihr Zimmer, und während ich in einem Lehnstuhl saß und ungeduldig darauf wartete, zu meinen Freunden zurückzudürfen, sagte sie mir, ich müsse das Heim verlassen. »Madeleine«, sagte sie sanft, »du hast diese Woche Geburtstag gefeiert. Wie alt bist du geworden?«