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Und was ist, wenn er unschuldig war? Dieses Buch bietet eine Analyse der größten Kontroverse um Michael Jackson: die Vorwürfe von Kindesmissbrauch. Es ist ein Porträt der Ankläger, eine Chronik juristischer Strategien und beschreibt die Kluft zwischen Realität und Manipulation durch den Einfluss der Medien. Auszüge aus Gerichtsprotokollen und FBI-Akten zeigen, was gegen Jackson bewiesen wurde und was reine Anschuldigung bleibt. Das Buch eröffnet eine neue Sicht auf die Vorwürfe, ist ein Plädoyer für Objektivität im Umgang mit öffentlicher Vorverurteilung und eine Geschichte über den Menschen Michael Jackson.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Skandal. Die Anschuldigungen gegen Michael Jackson
Sabine Köcher
1. Auflage, veröffentlicht 2026.
ISBN: 9783819494314
Impressum
Sabine Köcher, Wegemanns Feld 4, 45527 Hattingen. partofhistory[at]t-online.de Webseite: Part of History. Die aRt des Michael Jackson. partofhistory.de Titelbild: Köcher
Verlag: via tolino media
© Copyright 2026 Sabine Köcher. Alle Rechte vorbehalten. Es ist nicht zulässig, Teile dieses Dokuments elektronisch oder in gedruckter Form zu reproduzieren, duplizieren oder zu übertragen. Die Aufzeichnung dieser Publikation ist untersagt. Haftungsausschluss Dieses Buch enthält Links zu Webseiten Dritter. Diese Links werden ausschließlich zu Informationszwecken bereitgestellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Rechtmäßigkeit der verlinkten Inhalte und eventuelle Schäden, die aus der Nutzung dieser Webseiten entstehen können, kann keine Verantwortung übernommen werden. Es haftet allein der Anbieter der Webseite, auf die verwiesen wird. Dieses Werk wurde mit größter Sorgfalt erstellt, Übersetzungen stammen von der Autorin. Für Aktualität, Richtigkeit, Vollständigkeit der Informationen wird keine Gewähr übernommen. Druckfehler, unbeabsichtigte Auslassungen oder inhaltliche Ungenauigkeiten können nicht ausgeschlossen werden. Eine Haftung für etwaige Schäden, die aus der Nutzung der Inhalte entstehen, ist – soweit gesetzlich zulässig – ausgeschlossen.
– 540 Seitenumbruch nur für E-Book –
Buchbeschreibung
Und was ist, wenn er unschuldig war? Dieses Buch bietet eine Analyse der größten Kontroverse um Michael Jackson: die Vorwürfe von Kindesmissbrauch. Es ist ein Porträt der Ankläger, eine Chronik juristischer Strategien und beschreibt die Kluft zwischen Realität und Manipulation durch den Einfluss der Medien. Auszüge aus Gerichtsprotokollen und FBI-Akten zeigen, was gegen Jackson bewiesen wurde und was reine Anschuldigung bleibt. Das Buch eröffnet eine neue Sicht auf die Vorwürfe, ist ein Plädoyer für Objektivität im Umgang mit öffentlicher Vorverurteilung und eine Geschichte über den Menschen Michael Jackson.
Über die Autorin
Sabine Köcher, geboren 1966, arbeitete mehr als drei Jahrzehnte in der Justiz. Mit Michael Jacksons Tod, der 2009 Google zum Absturz brachte, begann ihre Recherche über den Entertainer mithilfe von Literatur, Gerichtsprotokollen und Interviews. Sie nahm Kontakte zu Jacksons Musikern auf und zu Menschen, die ihm nahestanden. Sabine Köcher ist verheiratet und genießt das Leben mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn. Bisherige Veröffentlichungen: I’ll Be There: Die aRt des Michael Jackson. In deutscher Sprache. I’ll Be There: The aRt of Michael Jackson. In englischer Sprache. Website: PaRt of History - Die aRt des Michael Jackson. Ein Blog mit Analysen zu Jacksons Kunstwerken YouTube: Kanal PaRt of History - Michael Jackson BlueSky: PaRt of History: Michael Jackson aRt Facebook: PaRtofhistory.de. Die Art des Michael Jackson.
– 540 Seitenumbruch nur für E-Book –
Danke an meinen Ehemann und an meinen Sohn. Ohne euch wäre dieses Buch nicht möglich gewesen.
Sie inszenierten um Michael Jackson einen Skandal, sie durchwühlten sein Leben und die Welt fühlte sich unterhalten. Doch was wissen wir schon? Wir haben Schriftsteller, die „ultimative“ Biografien aus der Regenbogenpresse oder aus drehbuchreifen Skripten der Ankläger kreieren und uns als Wahrheit präsentieren. Wir haben Zeugen, die in Tabloid-Deals geboren sind. Wir haben gerichtliche Aussagen, die als Fakten gehandelt werden, aber nichts weiter als Aussagen sind. Wir haben Gerichtsdokumente, die erschaffen wurden, um Geld in Prozessen zu gewinnen und nicht, um die Wahrheit zu erzählen. Was uns bleibt, sind die Storys der Geschichtenerzähler, der Schauspieler, der bezahlten Zimmermädchen. Für uns bleiben die Talkshows und Tabloids und die von ihnen teuer bezahlten „Zeugen“, die nie welche waren. Für uns bleibt nicht mehr länger Michael Jackson, für uns bleibt der Skandal. Und der Verlust eines Helden. Im Moment der Anschuldigung hatte er verloren. Beweise brauchte niemand, denn mit der Vergleichszahlung 1994 vor einem amerikanischen Zivilgericht galt er als schuldig. Jackson stand unter konstanter Beobachtung von Medien, Volk und Staatsanwaltschaft. Er tat uns den Gefallen und benahm sich verdächtig. Oder? Jackson musste in seinem Leben 7 Razzien seines Eigentums über sich ergehen lassen. Seine gesamte Habe wurde dabei auf den Kopf gestellt. Vier Razzien fanden 1993 statt, weitere folgten 2003 und 2004 und eine letzte nach dem 25.06.2009, da hatte man ihn endgültig umgebracht. Der Mann war nie vorbestraft. 70 Sheriffs marschierten 2003 mit Staatsanwalt Sneddon an der Spitze auf Michael Jacksons Grundstück, 45 davon in sein Haus. 1 1993 hatten sie seine Eigentumswohnung und sein Hotelzimmer durchkämmt. 16 Polizeibeamte stürmten auch sein Elternhaus. Anschließend durchsuchten sie Neverland. Sie durchwühlten seine Kartons, seine Schränke und bohrten sich in seine Safes. Sie brachen seine Türen auf, nahmen seine Matratzen und seine Bilder. Sie vermaßen seinen Körper und untersuchten seine Körperöffnungen. Sie analysierten seine 10.000 Bücher, seine 23 Computer, seine Videothek und seine Aktentasche. Dabei fotografierten sie Jacksons geöffnete Weinflasche, sein Duschgel und seinen Penis. 2004 durchkämmten sie Neverland aufs Neue und nahmen seine DNA. Über 12 Jahre suchten 150 Polizisten, das FBI und Medienvertreter weltweit nach der Nadel in Jacksons Heuhaufen. 430 Zeugen, darunter 30 Kinder, die nichts zu bezeugen hatten, verhörten die Ermittler allein von 1993 bis 1994. Manche von ihnen verhörten sie bis zu vier Mal. 2 2003 vernahmen sie 140 weitere Personen und auch die hatten wieder nichts zu bezeugen.
„Die Staatsanwaltschaft gab mehr Geld und Zeit dafür aus, um Michael Jackson zu verurteilen, als jede andere Staatsanwaltschaft der Geschichte.“ Rechtsanwalt Thomas Mesereau. 3, 4
Von 2003 bis 2005 orderte die Staatsanwaltschaft allein neun Experten für Fingerabdrücke. Sie beauftragten Sachverständige für DNA-Analysen, für Computer, Unfallrekonstruktionen, Wirtschaftskriminalität, Finanzen, Telefone, Akustik, Sicherheitssysteme, Fachleute für Psychologie, Pathologie. 5 Und sie bezahlten Experten für Kindesmissbrauch, weil man uns sagte, darum sei es eigentlich gegangen. Ausgegebene Steuergelder schätzt man auf mehrere Millionen. Über Jackson saßen im Laufe seines Lebens mindestens vier Richter, um die 50 Jurymitglieder, 5 Staatsanwälte und die öffentliche Meinung zu Gericht. 6 Ungezählte Rechtsanwälte verdienten an ihm ungezählte Dollars. Am 13.06.2005 wurde der auf ewig Beschuldigte von einem ordentlichen Gericht für „Nicht schuldig“ erklärt. Sie fanden:
„Nichts. Nichts. Nichts. Nichts!“ Michael Jackson 1995. 7
Jacksons Freispruch 2005 in einem absurden Prozess, gilt nicht für sein Ansehen in der Öffentlichkeit. Man hatte ihn zerstört. Vier Jahre später war er tot. Wer hatte sich eigentlich bei ihm entschuldigt? Das ist der wahre Skandal. Am 20. August 1993 brach zum ersten Mal die Hölle los und die Medien nahmen sich die Erlaubnis, den Entertainer zum Abschuss freizugeben. Sie erschufen Skandale, die trotz Einsatz von Staatsanwaltschaft und FBI seit Jahrzehnten ins Leere laufen. Anschuldigungen wurden erhoben, fehlende Beweise durch Spekulationen ersetzte. Sie beschimpfen ihn einen Kinderschänder. Sie stellten ihn an den Schandpfahl und nahmen ihm die Würde. Sie warfen ihm so effektiv Kindesmissbrauch vor, dass sich seine Karriere davon nie mehr erholte. Im August 1993 hatte das Drehbuch zum Eröffnungsakt ein Zahnarzt geschrieben. Und der erste Akt einer Aufführung begann.
„Nichts in dieser bizarren Geschichte geschah zufällig.“ Der Zahnarzt, der ein Drehbuchschreiber werden wollte. 8
„Man kann nicht einfach davon ausgehen, dass jemand schuldig ist, nur weil eine Anschuldigung erhoben wird. Man muss sich anschauen, warum die Person die Anschuldigung erhebt. Was hat sie dazu motiviert, und was will sie damit erzwingen?“ Thomas Mesereau, Rechtsanwalt und Verteidiger. 9
Michael Joseph Jackson war ein Ausnahmekünstler. Er galt als Genie und war ein Allroundtalent. Seine Stimme besaß unzählige Facetten, sein Tanz war mitreißend. Er war Schauspieler, Musiker, Tänzer, Sänger, Filmemacher, Dichter, Maler und Mode-Ikone. Er war alles zusammen. Und in allem war er einsame Spitze. Seine Auszeichnungen sind nicht mehr zählbar. Michael Jackson verstand das Showgeschäft. Er wusste, was ihn interessant machte und wann es Zeit war, sich zurückzuziehen. Jackson galt als höchst erfolgreicher Geschäftsmann. Er war ein Mann, der sich sein Leben lang für Wohltätigkeit einsetzte. Nie sah er weg, wenn Not herrschte. Er stellte sich ihr und half, wo er nur helfen konnte. Geboren 1958 unterhielt Michael seit seinem 5. Lebensjahr als tanzendes Wunderkind mit einer Ausnahmestimme nicht nur sein Publikum, sondern zunächst auch seine Familie. Als der Junge in den 70ern in die Pubertät kam, erklärte die Industrie den Kinderstar für erledigt. Michael aber war anderer Meinung und kreierte bald gemeinsam mit seinen Brüdern in der Formation der „The Jacksons“ musikalische Juwelen, die Geschichte schrieben. Als Michael 1979 volljährig geworden war, verkündete er äußerst erfolgreich seine Unabhängigkeit und Unangepasstheit mit seinem Soloalbum „Off The Wall“ und beschloss, zum Phänomen zu werden. Jackson zog diesen Beschluss durch, erschuf mit „Thriller“ das meistverkaufte Album aller Zeiten und machte die Bezeichnung „Bester“ zum festen Bestandteil seines Namens. Seinen Nachnamen erweiterte er um den Titel: „King of Pop“. Nicht lange nach seinen Welterfolgen nannten Spötter den jungen Mann „Freak“. Sie behaupteten, er sei nicht „männlich“ genug. Michael, mittlerweile 29 Jahre alt, antwortete seinen Kritikern kettenklirrend mit dem Album „Bad“ und tanzte seine Gegner in Grund und Boden. Nebenbei kaufte der Afroamerikaner für 50 Millionen Dollar einen Teil der weltweiten Musikindustrie auf und ließ als einziger Mensch auf dieser Erde das „Niemalsland“ als „Neverland“ auf den Namen Jackson registrieren. Anno Domini 1991 erschien er der Öffentlichkeit mysteriöser als je zuvor und hob endgültig konventionelles Denken aus den Angeln: 1991 beherrschte Jackson die Charts, die Schlagzeilen und einen gewaltigen Teil der Musikindustrie. 1992 hatte er die erste Hälfte seiner „Dangerous“-Welttournee erfolgreich durch die Kontinente geführt. 1992 lernte Michael Jackson June Chandler und ihre zwei Kinder kennen.
„They really want to use me and then falsely accuse me” Michael Jackson 1995. 10
– 540 Seitenumbruch nur für E-Book –
„June war eine attraktive Frau - das ehemalige Modell mit den langen dunklen Haaren war so schön, dass sie den Verkehr zum Erliegen bringen konnte.“ Joseph Walter Jackson, Michael Jacksons Vater. 11
June Chandler sah man 1993 an der Seite von Michael Jackson in der Öffentlichkeit. Sie wurde mit ihren zwei Kindern an die Boulevardpresse als Michaels „geheime Familie“ verkauft. Die gut aussehende June fühlte sich Michael „ganz nahe“ und fand „enormen Gefallen“ an ihm.
„[Michael Jackson] war der netteste Mann, den sie jemals getroffen hatte.“ Über June Chandler 1992. 12
„Ich hatte den Eindruck, dass June Chandler Mistress auf Neverland sein wollte; sie befehligte die Angestellten herum, als gehöre Neverland ihr; sie wollte alles, was dazugehört.“ Joy Robson 2005. 13
In Michaels Welt brachte June ihren Ex-Ehemann Evan mit. Evan Chandler war Zahnarzt, aber er träumte von einer Karriere als Drehbuchautor in Hollywood. Berühmt wurde Chandler dann tatsächlich: Er ging weltweit als der Mann in die Geschichte ein, der 1993 ein „Massaker“ um Michael Jackson anrichtete. Bis es so weit war, gab Evan sich den Namen „Zahnarzt der Stars“.
„[June und Evan] wollten dieselben Dinge vom Leben - schöne Kleider, teure Autos, ein schönes Haus.“ Raymond Chandler, der Bruder des Evan Chandler. 14
Nach der Scheidung von Evan 1985 hatte June zum Ende der 1980er Dave Schwartz geheiratet. Schwartz war Inhaber der „Rent-A-Wreck“ Agentur, eine Firma die Autowracks vermietete. Man beschrieb ihn als Arbeitstier in Schlabber-Shirts und Turnschuhen. 15 Er soll „Millionär“ gewesen sein. 1992 aber steckte er in Geldschwierigkeiten. Aus June Chandlers Ehe mit Evan stammt der 1980 geborene Sohn Jordan, aus ihrer Ehe mit Dave Schwartz die 1988 geborene Tochter Lily. 1992 trennte sich June Chandler von Ehemann Nummer zwei. Und trat endgültig in das Leben des Michael Jackson. Seit 1984 hatte sie den Kontakt zu Michael gesucht. Zu dieser Zeit feierte der King of Pop Welterfolge mit seinem Album „Thriller“, lag aber wegen erlittener Verbrennungen an seiner Kopfhaut im Hospital. Die Verletzungen waren ihm während der Dreharbeiten zu einer Pepsi-Werbesendung zugefügt worden. Während des Krankenhausaufenthaltes organisierte es June irgendwie, über Sicherheitsleute dem Star einen persönlichen Brief zukommen zu lassen. Das Bild ihres vier Jahre alten Sohnes Jordan fügte sie diesem Brief ebenso bei wie die eigene Telefonnummer. Ihre Bemühungen sollten sich Jahre später auszahlen. Buchstäblich. Im Jahr 1992 erlitt Michael eine Autopanne in Los Angeles in der Nähe von David Schwartz’ „Rent-A-Wreck“ Autoagentur. Diese Panne bescherte ihm den ersten Deal mit den Chandlers: Sie nahmen ihm das Versprechen ab, Junes damals zwölf Jahre alten Sohn Jordan anzurufen. Jordan war ein Fan des King of Pop. Jackson sollte im Gegenzug für diese Gefälligkeit eines von Schwartz Autowracks erhalten, um seine Fahrt fortsetzen zu können. Michael, der für seine Freundlichkeit den Fans gegenüber bekannt ist, ging auf den Deal ein. Später folgten seine Anrufe in Junes Haus. Eine Beziehung entwickelte sich und irgendwann flog June mit Michael nach Neverland. Und ihre beiden Kinder nahm sie mit. Neverland war seit 1988 Michael Jacksons Zuhause in Kalifornien. Neverland ist elf Quadratkilometer groß, und Michael erschuf dort einen wunderschönen Ort. Ein Ort, an dem Tiere und Menschen zwischen Kino und Karussells eine Heimat fanden. In Neverland genossen June, Jordan und Lily Michaels Gastfreundschaft. Und sie alle hatten Spaß. Irgendwann landete June Chandler wie alle anderen im Schlafzimmer des Michael Jackson.
„Hatten Sie ihre Kleidung ausgezogen?“ „Oh, das könnte ich getan haben. Ich erinnere mich nicht.“ „Haben Sie sich je darin aufgehalten und TV oder Ähnliches gesehen?“ „Ja.“ „Wie oft haben sie das getan?“ „Ein paar Mal.“ June Chandler im Kreuzverhör 2005. 16
Exklusive Besucher in Michaels Neverland waren die Chandlers wohl nie, denn der Ort war stets bevölkert mit weiteren, vielköpfigen Familien. Jacksons großzügige Gastfreundschaft ist historisch belegt. Und so folgten für June und ihre Kinder Ausflüge mit der gesamten Besatzung aus dem Umfeld Michaels. Das waren Ausflüge, an denen Kameramänner teilnahmen, zahlreiche Fans des King of Pop, Sicherheitsleute, Manager und viele andere mehr. June genoss auf diesen Ausflügen Luxushotels, Disneyland und Neverland. 1993 flog sie gar an der Seite Jacksons zu den “World Music Awards“ nach Monaco und dinierte mit den fürstlichen Hoheiten vor Ort. Und so kam es, dass sie sich Michael ganz nahe fühlte, „enormen Gefallen“ an ihm fand und ihn für den „nettesten Mann“ hielt, den sie je getroffen hatte. Auch mit in seine umfangreiche Mannschaft zur anstehenden Welttournee ab August 1993 soll dieser nette Mann June und ihre Kinder eingeladen haben: Singapur, Japan, Moskau, Mexiko ... Die vielköpfige Familie Cascio hatte Jackson ebenfalls eingeladen, auch seine jugendlichen Neffen, zahllose Freunde und Familien, Elizabeth Taylor und viele andere mehr. June schwelgte an Michaels Seite in Shopping-Events und kaufte sich Handtaschen. Die Rechnungen dazu ließ sie auf Jacksons Kreditkarte setzen. 17
Bild 1: Michael Jackson 1993 mit einer glücklich aussehenden June Chandler, ihrer Tochter Lily, die von Michael auf dem Arm getragen wird. Rechts Sohn Jordan. Anlass: World Music Awards in Monaco, Quelle: MJJ Pictures.
„Mein Eindruck von June Chandler war, dass sie ein Goldgräber war.“ [...] „Hatten Sie das Gefühl, dass sie Mr. Jackson ausnutzte?“ „Absolut.“ Joy Robson 2005.
Junes verflossene Ehemänner Evan Chandler und Dave Schwartz, hatte Jackson nirgendwohin eingeladen. Auch nicht ins Niemalsland. Alles, was diesen Zurückgebliebenen blieb, war 1993 eine Schlagzeile im Klatschblatt „National Enquirer“:
„Michael Jacksons geheime Familie - die Frau eines Millionärs und ihre beiden Kinder [...] Superstar ist unglaublich hingezogen zu June Chandler-Schwartz. [...] Michael „adoptierte“ June und ihre zwei Kinder [...] „Ich betrachte euch als meine eigene Familie. Und ich sorge für euch“ erklärte Michael Jackson June Chandler. [...]“ Aus dem Artikel des „National Enquirer“ im Mai 1993. 18
Worauf der von June in Trennung lebende David Schwartz gebrüllt haben soll:
„Das Arschloch ruiniert mein Geschäft und meine Familie!“
Zu diesem Zeitpunkt sollen Geschäftsleute Schwartz über den Artikel in der Tabloid-Presse bereits ihr tiefstes Beileid zum Verlust von Frau und Familie bekundet haben.
„Aber auch wenn sich Michael sofort zu ihr hingezogen fühlte, so wäre er doch nie auf den Gedanken gekommen, in eine Ehe einzubrechen.“ Joseph Walter Jackson über seinen Sohn Michael. 19
Als aber auch angeblich Bankinstitute dem Schuldner Schwartz aufgrund der schlagzeilenträchtigen „instabilen Familienverhältnisse“ die Kreditwürdigkeit abgesprochen haben sollen, soll schon in diesem frühen Stadium von einer typisch amerikanischen Schadenersatzklage gegen Jackson wegen eines „erlittenen emotionalen Schadens“ des Autohändlers die Rede gewesen sein. 20 Und nicht mehr lange sollte es dauern, bis Schwartz, der mit ungefähren $5 Millionen verschuldet war, seine in Scheidung lebende Frau June erfolglos bat, Jackson um ungefähre $4 Millionen anzupumpen. 21 1993 soll sich June Michael gegenüber zu folgender Erklärung veranlasst gefühlt haben:
„Ich hatte Männer in meinem Leben, die mich enttäuscht haben. Wie kann ich dich in meinem Leben haben und du sagst, dass du dich um uns kümmern wirst [...], dass alles gut werden wird, wie soll ich das machen?“ June Chandler 2005. 22
Er würde sie lieben, soll Michael ihr gesagt haben. Und: „Keine Sorge, ich werde mich um dich kümmern.“ Und June empfand den Entertainer als „Teil ihres Lebens - definitiv“. „Unglaublich nett!“ „Der beste Mann ...“. 23 Irgendwann soll Michael June ein „Liebesarmband“ von Cartier geschenkt haben. Ein Kästchen mit Halskette und Ohrringen legte er später in ihr Haus. Auf ihr Bett. 24 Wert: $18000. Oder so.
„18.000 Dollar oder so etwas in der Art. […]“ Aussage von Gary Hearne, Michael Jacksons langjährigem Chauffeur.
Frage: „Hat Ihnen jemand gesagt, warum Sie diesen teuren Schmuck für Miss Chandler gekauft haben?“ Antwort Gary Hearne: „Ich erinnere mich genau daran, einfach wegen der Umstände. Ich wusste, dass Michael Geschenke machen wollte, wie er es oft tat, also hat mich das nicht überrascht. Und er hatte tatsächlich - ich erinnere mich, dass er sich an diesem Tag eine Zeitschrift ansah, in der eine Anzeige von Tiffanys abgedruckt war, in der ein Schmuckstück abgebildet war, eine Art Anhänger, der ziemlich teuer war. Und seine ursprüngliche Idee war, dass ich losgehen und so etwas besorgen sollte. Und aus irgendeinem Grund war ich nicht in der Lage, das zu tun. Vielleicht hatten sie es nicht auf Lager oder so. Aber er war, glaube ich - wenn ich mich recht erinnere, wollten sie [Anm.: June Chandler und Michael Jackson] wohl gerade eine Reise machen oder im Juni oder so. Ich weiß es nicht. Aber es war so etwas wie ein besonderer Anlass. Also wollte er offensichtlich etwas wirklich Schönes für sie kaufen. Wir fuhren zur Century City Mall, und die Idee war, dass wir hineingehen und er dort ein Juweliergeschäft aufsuchen wollte. Ich glaube nicht, dass er überhaupt ein bestimmtes Geschäft im Sinn hatte, aber er wollte das tun. [Doch dann] führte er ein geschäftliches Telefonat und bat einfach mich, ein Schmuckstück für sie zu kaufen. Ich wusste, welche Preisklasse ihm vorschwebte, also suchte ich ein Juweliergeschäft auf, nahm mir etwas Zeit und fand - es gab eine Halskette und eine Art Set mit Rubinen, denn ich glaube, es war mehr als nur eine Halskette. Und ich fand sie sehr schön und dachte, das wäre ein schönes Geschenk. Also habe ich es ausgewählt. Und ich hatte - ich muss damals die Kreditkarte gehabt haben, um es gleich bezahlen zu können. Das sorgte für Aufregung im Laden, dass jemand einfach reinkommt, und so schnell so etwas kauft. Also kaufte ich es, nahm es mit zum Auto und zeigte es Mr. Jackson, und er schien damit einverstanden zu sein.“ Michael Jacksons langjähriger Chauffeur Gary Hearne, Zeugenaussage 2016. 25
Den Schmuck wählte Michael als Geschenk aus, nachdem er von Mitte April bis Ende Mai bei June gewohnt haben soll. Für „ungefähr 30 Nächte insgesamt“. Eine Anzahl von Übernachtungen, die seit 1993 Schlagzeilen machten.
Frage: „Und ich gehe davon aus, dass Sie ihn mindestens einen Monat lang immer wieder für eine Nacht dorthin gebracht haben, richtig? 30 Tage?“ Antwort Gary Hearne: „Ich erinnere mich, dass das eine der Schlagzeilen in der Zeitung über diese Aussage war. Deshalb erinnere ich mich an die Zahl. Ich glaube, die Frage, die mir in diesem Zusammenhang gestellt worden war, bezog sich auf meine bestmögliche Schätzung der Anzahl. Und ich sagte damals, es könnten 20 oder 40 gewesen sein. Ich weiß es nicht. Ich wusste es nicht. Ich hatte sieben Tage die Woche gearbeitet, und die Tage sind irgendwie ineinander übergegangen, was die Anzahl angeht. Und ich sagte, es könnten 20, 40 gewesen sein. Ich weiß nicht… Ich wusste es nicht. Ich habe sieben Tage die Woche gearbeitet und die Tage sind irgendwie ineinander übergegangen.“ Gary Hearne, Jacksons Chauffeur über 15 Jahre, Zeugenaussage 2016. 26
Michael brachte in das Haus der June Chandler seine Verletzungen mit. Vielleicht nicht nur die aus seiner schlecht verheilenden Kopfhaut-Operation vier Wochen zuvor. Mit in seinem Gepäck befand sich auch seine Abhängigkeit von Schmerzmitteln, die ihren Ursprung 1984 fanden. 1984 hatte Michael bei den Dreharbeiten zu einer Werbesendung für den Softdrink-Konzern Pepsi Verbrennungen an der Kopfhaut erlitten. Die schmerzhaften Folgen seiner Verletzungen bestanden aus verstärkter Narbenbildung, Operationen, Haarverlust und Migräneanfälle. Im März 1993 rieten ihm Ärzte zu einer weiteren OP: Jacksons vernarbte Kopfhaut wurde dabei aufgeschnitten, ein Ballon darunter geschoben, die Kopfhaut über den Ballon wurde gedehnt und die dadurch geweitete, vernarbte Haut sollte abgeschnitten werden. Die Ärzte experimentierten und hofften, dass gesunde Kopfhaut entstehen würde und die alten Verletzungen in folgenden Operationen endgültig entfernt werden könnten. Diese OP, in einer Reihe von vielen wurde im März 1993 an Michael durchgeführt, während er sich auf die zweite Hälfte seiner DANGEROUS-Welttournee vorbereiten musste. Zeit für den Heilungsprozess stand ihm kaum zur Verfügung. „Unerträgliche Schmerzen“ bei den Proben behandelten seine Ärzte mit Medikamenten. Jackson geriet in eine Abhängigkeit von Schmerzmitteln, die er mithilfe seiner späteren zweiten Ehefrau und Krankenschwester Deborah Rowe kurz vor dem Start seiner Welttournee im August 1993 in seinem Appartement bekämpfte. Als Jackson im April/Mai 1993 angebliche dreißig Tage in Junes Haus verbrachte, mussten die Nachwirkungen seiner schlecht verheilenden Operation allgegenwärtig gewesen sein. Die Ärzte versorgten ihn in dieser Zeit mit Morphin/Demerol. Versuchte Jackson von diesen Medikamenten in eigener Verantwortung Abstand zu nehmen, während er sich bei June einquartierte?
„Ich dachte, ich kannte ihn und ich war im selben Haus mit ihm! […] Das hat Michael immer gesagt: „Ich kann niemanden erzählen, dass ich Kopfschmerzen habe, weil fünfzig Leute mir flaschenweise Aspirin bringen werden.“ June Chandler. 27
Und über Evan Chandler, Junes Ex-Mann seit 1985 und Vater des 13-jährigen Jordan ist in dieser Zeit zu lesen:
„Hey, vielleicht heiratest du Michael.“ Evan Chandler. 28
Aber nicht mehr lange sollte es dauern, bis Evan mit folgender Drohung auf einem Tonband zu hören war:
„Niemandem auf der Welt war es erlaubt, zwischen dieser Familie aus June, mir und Jordie zu kommen. [...] Das ist böse. Das ist einer der Gründe, warum er [Michael] böse ist. Ich habe mit ihm darüber gesprochen. [...] vor Monaten. Als ich ihn das erste Mal traf, habe ich ihm das gesagt. [...] So lautet das Gesetz. Das ist das Allererste, worüber er Bescheid wusste. Niemandem ist es erlaubt, das zu tun. Jetzt gibt es keine Familie mehr.“ Evan Chandler im Juli 1993. 29
Es ist nicht bekannt, wie lange Jackson, der auf Konflikte nie aus gewesen sein soll, überhaupt noch Interesse an der Begleitung von June und ihren Kindern an seiner Welttournee zeigte. Und so erlebte June Chandler Mitte 1993 nach einem ihrer letzten Flüge nach Neverland eine harte Landung: Ein verschuldeter Noch-Ehemann bot keine Perspektive auf eine finanziell sorgenfreie Zukunft, ein Ex-Ehemann, der Intrigen schmiedete und ihr um die 60.000 Dollar Kindesunterhalt schuldete, noch viel weniger. Und Michael Jackson setzte gerade zum Flug ans andere Ende der Welt an. Irgendwann hatte June erfahren müssen, dass der King of Pop sie nicht mehr mitnehmen würde. Und außerdem: Michael hatte sich bereits vor Mai 1993 einer anderen Frau zugewandt, mit der er eine romantische Beziehung begann. Diese Frau wurde seine zukünftige Ehefrau und trug den Namen Lisa-Marie Presley. Sie war die Tochter von Elvis Presley. Über das Verhältnis der beiden, das sich im Laufe des Jahres 1993 intensivierte, sagte Gary Hearne, Jacksons Chauffeur:
Frage: „Lebten [Michael Jackson und Lisa-Marie Presley] in einer Beziehung [vor ihrer Heirat im Mai 1994]?“ Antwort Gary Hearne: „Ja.“ F: Sie hatten eine Beziehung? A: Ja. F: Wie lange zuvor hatten sie eine Beziehung? A: Oh, es könnte über einen Zeitraum vom über einem Jahr gewesen sein. Ich erinnere mich nicht. F: Das ist Ihre beste Schätzung? A: Ja. -- nur um klarzustellen, sie waren langjährige Vertraute. F: Und woher wussten Sie dann, dass sie eine Beziehung hatten? A: Weil ich sie ausgefahren habe. F: Wohin ausgefahren? A: Zum Abendessen. F: Ich dachte, [Michael Jackson] ging nicht besonders viel aus zum Essen? A: Oft machte er es nicht. F: Wohin haben Sie sie zum Essen ausgeführt? A: Da gab es ein italienisches Restaurant in Brentwood und ein chinesisches Restaurant. Ich erinnere mich nicht mehr an alle Orte. Einen Ort in der Nähe des Beverly Center. Verschiedene Orte. F: Wie oft haben Sie sie zusammen ausgeführt in ein Restaurant? Ungefähr. A: Oh -- 12 bis 15 Mal. F: Und noch woanders hin außer in Restaurants? A: Ja. F: Wohin sonst? A: Ich erinnere mich nicht an alle Orte. Ich erinnere mich daran, dass sie [Lisa-Marie Presley] ziemlich oft mit im Auto war; dass sie ziemlich oft zusammen waren. Ich erinnere mich daran, sie beide gemeinsam zum Scientology-Gebäude in Hollywood gebracht zu haben, in eines ihrer Gebäude. F: Zu einer Verabredung? A: Ich weiß nicht, ob man das als Verabredung (Date) bezeichnen würde. F: Und das passierte alles, bevor sie heirateten, richtig? A: Vielleicht fand auch einiges davon statt, nachdem sie geheiratet hatten. F: Nun, bevor sie verheiratet waren, haben Sie sie jemals in romantischer Weise miteinander gesehen? A: Ja. F: Auf welche Weise? A: Sie saßen gemeinsam auf dem Rücksitz des Autos, in dem wir waren. F: Und was taten sie? A: Küssen. F: Wie oft? A: Einmal oder zweimal.“ Gary Hearne, Michael Jacksons langjähriger Chauffeur, Zeugenaussage 2016. 30
Die Liebe und die Beziehung von Michael Jackson zu Lisa (-Marie Presley) war 1993 der Öffentlichkeit noch nicht bekannt. Aber warum war sie schon im Juli 1993 ein Thema in der Familie Chandler? Ein Telefongespräch, das Evan Chandler mit Dave Schwartz im Juli 1993 führte, begann mit folgenden, gerichtlich protokollierten Worten:
„Evan Chandler: [unverständlich] ... diskutieren, warum es schaden könnte. Angenommen, ich habe recht? Ich meine, wenn Michael [Tonbandstörung] Lisa liebt, möchte sie wenigstens meine Meinung darüber hören, warum das, was hier passiert, schädlich sein könnte? Wenn man jemanden liebt, will man nicht, dass er verletzt wird.“ Dave Schwartz: „Willst du vor Jordy, darüber sprechen?“ Evan Chandler: „Hm?“ Dave Schwartz: „Willst du das vor Jordy besprechen?“ Evan Chandler: „Oh, ja, unbedingt. Er muss dabei sein …“ Evan Chandler Juli 1993 im Telefongespräch mit Dave Schwartz. 31
Wenn Michael Lisa liebt? Aber kurze Zeit später ließ Evan in der Öffentlichkeit gegen Jackson die Anschuldigung erheben, Jacksons sexuelles Interesse würde nicht Lisa-Marie Presley gelten, sondern dem 13-jährigen Jordan Chandler. Eine Anschuldigung, die auf ewig ihren Platz in der Geschichte bekam. In einer Zeit, in der Michael und Lisa eine turbulente, romantische Beziehung begannen, die stärker war, als die Öffentlichkeit ihnen je zugestehen wollte. Eine Beschuldigung des Evan Chandler, der darin erbittert eine letzte Chance sah, eine Drehbuch-Karriere in Hollywood finanziert zu kriegen. Michael und Lisa-Marie begannen spätestens 1993 ihre Liebesbeziehung, die bis 2003 andauerte. Und für June Chandler-Schwartz, dem Ex-Model, das vom Leben „schöne Kleider, teure Autos, ein schönes Haus“ erwartete, war die Reise nach Neverland beendet. Und es sollte nicht mehr lange dauern, bis auch sie nicht mehr dagegen protestierte, die Formulierung „Kindesmissbrauch“ in einer Zivilklage gegen Jackson zuzulassen. Wert: 30 Millionen Dollar.
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Zu Beginn des Jahres 1993 waren Evan Chandlers Aussichten auf die Erfüllung seiner Hollywood-Träume als Drehbuchautor durch die Kontakte von June und ihren Kindern zu Michael Jackson in die greifbarste Nähe gerückt. Aber dann wurde Evan enttäuscht, denn Jackson erfüllte seine Träume nicht. Und Evan verlegte sich auf … subtile Drohungen.
„Ich bin wirklich gut im Geschichtenerfinden.“ Evan Chandler 1993. 32
„Ich werde auf keinen Fall verlieren. Das habe ich von vorne bis hinten gecheckt.“ Evan Chandler 1993. 33
Im August 1993 ließ Evan Chandler „Michael Jackson Kindesmissbrauch“ verkünden. Medienwirksam. Geboren wurde Evan 1944 als Evan Robert Scharmatz. Sein Bruder Raymond beschrieb ihn als „gesegnet mit dem Aussehen eines Filmschauspielers“ und ausgestattet mit „einem ausgeprägten Sinn für Mode“. 34 Evans arbeitete zunächst als Zahnarzt. Seine Arbeit aber wurde begleitet von Schadenersatzklagen und Suspendierungen durch die Ärztekammer. So behandelte Chandler 1978 in einer einzigen Sitzung 16 Zähne seiner Patientin auf einmal. Chandlers Arbeitsweise führte zum temporären Verlust seiner Lizenz, zu 5 Jahren Bewährung und Zahlung von Schadenersatz in Höhe von $243 000. 1992 folgte eine weitere Patientenklage. Aber Evans Passion lag sowieso eher in Hollywood als Drehbuchautor. 35
Auch Hollywood erfüllte Chandlers Drehbuch-Traum nicht, und so blieb er dort weiterhin Zahnarzt. „Zahnarzt der Stars“ nannte er sich. Die Schauspielerin Carrie Fisher, bekannt als Prinzessin Leia aus dem Epos ‘Krieg der Sterne’, verewigte Evan gar in ihrer Biografie. Für eine Handvoll Dollar hatte er die Schauspielerin durch den Anästhesisten Mark Torbiner illegal mit Drogen versorgen lassen:
„Und da ich einer dieser Leute war, die unnötige Zahnbehandlung nur des Morphins wegen hatte, war [Chandler] einer dieser Leute, die solch einen Willkommen-Service arrangieren konnten.“ Schauspielerin Carrie Fisher 2011 über Evan Chandler. 36
War Evan Chandler, der „Zahnarzt der Stars“ auch der Drogen-Dealer der Stars?
Parallel zu seinen Diensten, Hollywood-Stars mit Morphin zu versorgen, arbeitete Evan Chandler weiter an seiner Drehbuchkarriere. Und im August 1993 schaffte er es mit dem Regisseur Mel Brooks auf die Leinwand: „Robin Hood: Männer in Strumpfhosen“.
„Ziemlich dumm, wirklich“ Evan Chandler. 37
Es soll allerdings Evans Sohn Jordan gewesen sein, der den kreativen Anteil der Chandlers am Drehbuch eingebracht hatte.
Als gewalttätig wird Evan beschrieben und das nicht nur der eigenen Mutter gegenüber, sondern auch gegenüber der Schwiegermutter und der zweiten schwangeren Ehefrau. 38 Auch den Ex-Ehemann seiner Ex-Frau June namens David Schwartz verprügelte Evan mal in der Garagenauffahrt, mal im Büro seines Anwalts. 39 Anlass der letztgenannten Keilerei waren Anwaltsgebühren. 1993 vertraute Evans dreizehnjähriger Sohn Jordan Chandler einem Freund an, sein Vater sei cholerisch und gewalttätig.
„Jordy hatte erzählt, dass Evan furchtbar jähzornig war, dass er, wenn er wütend war, schrie und mit irgendwelchen Sachen im Haus um sich schlug.“ Frank Cascio 2011. 40
Bild 2: Evan Chandler 1993 im Umgang mit der Presse, als er mit fletschenden Zähnen ausholt, den Fotografen mit einer Aktentasche zu schlagen. Quelle: „The Mirror“
.
2006 verfügte ein Richter, Evan Chandler habe dem - mittlerweile erwachsenen - Sohn Jordan fernzubleiben, den er mit Hantel und Pfefferspray angegriffen hatte. 41
1993 war Evan von seiner ersten Frau June seit acht Jahren geschieden und schuldete ihr $68000 Kindesunterhalt. Dem gemeinsamen Sohn Jordan schuldete er Zeit, Aufmerksamkeit und einen lange versprochenen Computer. 42 Dann traten die Chandlers in das Leben des Michael Jackson und der schenkte June und ihren Kindern Zeit, Geld, Aufmerksamkeit und dem Sohn einen Computer. Und Evan Chandler richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf Michael Jackson.
„[Jordan] erzählte mir, sein Vater [...] war äußerst eifersüchtig auf Michael […] es ist unschwer zu erkennen, dass Michael für Jordy eine Vaterfigur war.“ Frank Cascio 2011. 43
Der Dentist hatte zu dieser Zeit zufällig ein Drehbuch in Arbeit. Und nicht mehr lange sollte es dauern, bis der Zahnarzt sich die Zukunft mit dem filmbegeisterten Jackson und gemeinsamen Drehbüchern erträumte. Von einem Einzug Jacksons in Evans Haus soll gar die Rede gewesen sein, aber auch von der Finanzierung eines Anbaus an Evans Haus - seitens Jackson -, schließlich vom Bau eines neuen Hauses für Evan - von Jackson - und vor allen Dingen: ein Job für Evan in Jacksons Filmproduktionsfirma. 44
„(Evan Chandler) musste der Beste sein, und er hörte nie auf, bis er die Spitze erreichte.“ Evans Bruder Raymond 2004. 45
Es war auch allgemein bekannt, dass die Spitze Michael Jackson ist. Am Anfang aber stand Evans Wunsch, der King of Pop möge 1993 ein Wochenende in Chandlers Haus verbringen.
„Da war er, dieses Genie, sitzt einfach in meinem Haus. Michael und ich sitzen auf der Couch, reden über den Peter-Pan-Film und wie Michael das Musical wieder zurückbringen wird und dass er meinte, ich hätte eine Menge Talent. Er liebte meine Ideen und alles, und wie wir gemeinsam schreiben würden, und all das.“ Evan Chandler. 46
1993 brachte Michael in das Haus des Zahnarztes Chandler, der illegal Morphin arrangierte, auch seine „quälenden Schmerzen“ mit, resultierend aus seiner Kopfhaut-Operation von März 1993.
„Der Sänger ging im Kreis, hielt seinen Kopf.“ Raymond Chandler, der mit dem Verkauf dieser Geschichte 2004 Geld verdiente. 47
Die Mittel des Mark Torbiner kamen ins Spiel, des Anästhesisten auf Rädern, mit dem Autokennzeichen „SLPYDOC“. Dieser Narkosearzt, den die Stars mieteten, um Morphin zu bekommen. 48, 49 Michael soll er Demerol beschafft haben, das Chandler dem Star ins Gesäß spritzte. 50 Jackson verlor durch die Spritze das Bewusstsein und sang spätestens 1997 ein Lied über Morphin, Demerol und über Rivalitäten und Abhängigkeiten:
„Oh God, he’s taking Demerol [...] She never cook for me/She never bump, baby/I’ve gotten what, baby?/ You’re just a rival! ...“ Michael Jackson, 1997 im Song „Morphine“. 51
Es besteht der Verdacht, dass Evan bereits in dieser Zeit mit einem „Reporter“ namens Victor Gutierrez zusammenarbeitete, um eine „Story“ um den Namen Jackson zu verkaufen. Irgendwann aber gingen Gutierrez und Chandlers Interessen auseinander und Gutierrez verkaufte seine eigene fantasievolle Geschichte mit dem Namen „Michael Jackson“ im Buchtitel. Aus dieser Geschichte zeigte Gutierrez 1995/1996 im TV zur Promotion seines Buches einen Auszug. Bei diesem Auszug handelte sich um eine detaillierte Beschreibung der Medikamentengabe von Chandler an Michael an jenem Wochenende 1993. Eine Beschreibung, die nur von Evan selbst stammen konnte. 52 Denn Chandler war der Mediziner, Gutierrez aber nicht.
„I told him to lie down and try to relax and give the drug a little more time to work ...” Evan Chandler in Victor Gutierrez‘ Buch von 1995. 53
Diese Zeile aus Gutierrez Buch, die eher von Chandler selbst stammt, erinnert an Jacksons Verarbeitung in seinem Song „Morphine“ von 1997.
„Relax/This won’t hurt you/Before I put it in/Close your eyes and count to ten … Close your eyes and drift away …” Michael Jackson in seinem Song „Morphine“ von 1997. 54
Gutierrez Buch mit der Beschreibung der Medikamentenvergabe stammte von 1995. Evan Chandler veröffentlichte ein eigenes Buch mit jenem Bericht über das Wochenende von 1993 erst im Jahr 2004. Gutierrez musste den Bericht also von Chandler persönlich vor dem Jahr 1995 bekommen haben?
„Der Sänger ging im Kreis und hielt sich den Kopf. „Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen“, klagte er. „Ich habe starke Kopfschmerzen. Die habe ich ständig.“ „Weißt du, was sie verursacht?“, fragte Evan. „Ja, ich habe sie, seit mein Haar Feuer gefangen hat. Sie sagten, das käme von der Operation.“ [...] Da Evan in seiner Praxis kein Demerol verwendete, rief er Mark Torbiner um Rat. Der Anästhesist schlug eine Injektion von Toradol vor, einem nicht narkotischen Äquivalent zu Demerol, und bot an, etwas davon aus Evans Praxis abzuholen und es ihm nach Hause zu bringen. Evan spritzte 30 mg, die Hälfte der Höchstdosis, in Michaels Gesäß. Doch eine Stunde später klagte der Star, dass er immer noch starke Schmerzen habe, also verabreichte Evan ihm die restliche Hälfte und wies ihn an, sich hinzulegen und zu versuchen, sich zu entspannen. [...] „Als ich etwa zehn Minuten später wieder nach ihm sah“, erinnerte sich Evan, „benahm er sich seltsam, brabbelte unzusammenhängend und sprach undeutlich. Toradol ist ein ziemlich sicheres Medikament, und ich dachte, dass er entweder eine seltene Reaktion hatte oder ein anderes Medikament eingenommen hatte und nun eine Kombinationsreaktion zeigte.“ Abgesehen von den trunkenheitsähnlichen Symptomen waren Michaels Puls und Atmung normal, und er schien nicht wirklich in Gefahr zu sein. [...] Vier Stunden und einen schweren Fall von Mundtrockenheit später, begann Michael, nüchtern zu werden. [...] Evan beschloss, aus Michaels immer noch ungehemmtem, aber einigermaßen kohärentem Zustand Vorteil zu ziehen.“ Aus dem Buch des Evan Chandler in „All That Glitters - The Crime and the Cover Up“ von 2004. 55
Über den von Chandler höchstwahrscheinlich nicht beabsichtigten Umweg in das Buch des Victor Gutierrez, das gerichtlich wegen pädophiler Fiktionen 1997 aus dem Umlauf gezogen wurde, finden sich Evans noch detailliertere Aufzeichnungen über die Medikamente, die er Michael an diesem Wochenende 1993 gegeben hatte:
„Bevor ich das Toradol verabreichte, nahm ich eine mündliche Anamnese auf und gab Michael dann eine IM-Injektion von Toradol 30 mg. Nach etwa 45 Minuten sagte Michael mir, dass er nichts spüre. Ich gab ihm den Rest der Fertigspritze - weitere 30 mg. Ich sagte ihm, er solle sich hinlegen und versuchen, sich zu entspannen, damit das Medikament etwas mehr Zeit zum Wirken habe. Ich verließ den Raum und kam etwa eine [...] Stunde später zurück und fand Michael in einer Art Vollrausch vor. Ich fragte ihn, wie er sich fühle, und er antwortete mit einer betrunkenen Stimme: „Ich fühle mich viel besser, danke.“ Ich überprüfte seinen Puls und beobachtete seine Atmung. Er schien in Ordnung zu sein, sodass ich mir keine Sorgen machte, aber ich war ratlos, wie er so high geworden war. Ich fragte ihn, ob er noch andere Drogen genommen habe, und er verneinte. Ich las die Packungsbeilage von Toradol, in der unter „Nervensystem Schläfrigkeit, Schwindel, Krämpfe, Schwindel, Zittern, abnormale träumerische Halluzinationen, Euphorie, Parästhesie, Depression, Schlaflosigkeit, Nervosität, übermäßiger Durst, Mundtrockenheit, abnormes Denken, Konzentrationsschwäche, Hyperkinese, Stupor“ bestimmte unerwünschte Wirkungen aufgeführt waren. Ich hatte Toradol schon früher verwendet und nie eine dieser Reaktionen beobachtet. In der Packungsbeilage wurde die Häufigkeit dieser Reaktionen mit etwa 1 % angegeben. Für mich sah er aus und hörte sich an, als sei er ‚stoned’.“ Aus dem Buch des Victor Gutierrez in der Abschrift seines Textes, den er in der TV-Show von 1995/1996 präsentierte. 56
Verdiente Evan Chandler, der „Zahnarzt der Stars“, sein Geld damit, diese Stars illegal mit Medikamenten und Drogen zu versorgen, wie die Schauspielerin Carrie Fisher 2011 berichtete? War das der Grund, warum Michael Jackson 1993 überhaupt in Chandlers Haus gekommen war, um an Demerol/Morphin zu gelangen und damit seine Schmerzen zu betäuben? In den Prozessen gegen Jacksons letzten Leibarzt Murray von 2011 und dem Zivilprozess von Michaels Mutter Katherine Jackson gegen den Konzertpromoter AEG von 2013 wurde deutlich, dass Michael über Jahre von Ärzten über die gesunden Grenzen hinaus mit Schmerzmedikamenten versorgt worden war. In welcher Situation also befand sich Evan Chandler im Mai 1993 mit dem überdosierten Star im eigenen Haus? Geriet er in Panik, von Jackson verklagt zu werden? Geriet er in Panik, dass seine illegalen Methoden in seiner Zahnarztpraxis aufflogen und er vor Gericht gestellt werden könnte? Aber: Hätte Michael Jackson selbst gewollt, dass diese Situation in der Klatschpresse und in Talk-Shows breitgetreten wird?
Die Überdosierung Jacksons durch den Zahnarzt Chandler soll nach Evans Schilderung nicht absichtlich passiert sein. Aber während der Bewusstlosigkeit des Stars bot sich Chandler die einmalige Gelegenheit, ausgiebig die Anatomie Jacksons zu studieren, dessen Hautbild sich seit Jahren durch die Krankheit Vitiligo (Weißfleckenkrankheit) verändert hatte. Konnte Chandler womöglich zu diesem Zeitpunkt schon gewusst haben, dass Kenntnisse über Jacksons detaillierte körperliche Beschaffenheit bald zur Basis für 30 Millionen Dollar Verhandlungen wurden? 57, 58 Und bevor Jackson Stunden nach der Morphin-Spritze des Zahnarztes wieder langsam zu sich kam, beschreibt Evans Bruder Raymond, dass Evan aus dem durch Medikamente „ungehemmten“ Jackson „Vorteil zieht“.
„Evan entschied, Vorteil aus Michaels noch immer ungehemmtem, aber einigermaßen vernünftigen Zustand zu ziehen: „He, Mike, ich frage mich … Ich meine, […] ich weiß einige deiner Mitarbeiter sind schwul, und ich frage mich, ob du auch schwul bist.“ „Du wärest überrascht über einige Leute in dieser Stadt“, murmelte Michael, als er Namen einiger prominenter Hollywoodfiguren herunterleierte, die sich noch immer verheimlichten. […] [Evan] streichelte Michaels Haar und versicherte ihm. „Es ist mir egal, ob du schwul bist, Mike. Ich wollte dich nur wissen lassen, dass du es mir sagen kannst, wenn du es bist.“ „Mmm, mh,“ lallte Michael. „Ich nicht.“ Aus dem Buch der Brüder Raymond und Evan Chandler, die die Story 2004 verkauften. 59
Evan wird gewusst haben, wofür er Informationen wie diese über „prominente Hollywoodfiguren“ zu seinem „Vorteil“ nutzen wollte.
„They really want to use me ...“ Michael Jackson in seinem Song „This Time Around“aus dem Jahr 1995. 60
Sobald Michael Jackson an diesem Wochenende im Jahr 1993 wieder bei klarem Verstand war, nahm er Evans Gastfreundschaft nie wieder in Anspruch. Der King of Pop entzog Chandler aber auch alle weiteren Aufmerksamkeiten und so gingen des Dentisten Drehbuchpläne ebenso dahin wie sein Traum von Hollywood, vom Jackson-Haus und vom Job in einer der Firmen Jacksons.
„Es gab keinen Grund, warum er mich nicht mehr anrief. Er hätte mich anrufen können. [...] ich sprach mit Michael und ich erzählte ihm ganz genau, was ich von dieser ganzen Beziehung will, was ich will [...].“ Evan Chandler 61, 62
Michael, Chandlers Ex-Frau June mit Tochter Lily und Sohn Jordan blieben jetzt eher unter sich. Aber Chandlers Bruder Raymond beschrieb Evan, was Beziehungen - jeglicher Art - betrifft, als „ein Mann, der sich weigert, Schluss zu machen“.
„[…] eine entmutigende Aufgabe im besten Fall, und fast unmöglich mit einem Mann, der sich weigerte, Schluss zu machen […]“ Raymond Chandler. 63
„Ich erzählte June sogar, wie sehr ich verletzt bin. Ich sagte - „Ich bin verletzt, June. Ich weine jeden Tag. Ich sterbe“ [...] Weißt du, was sie zu mir gesagt hat? [...] „Nun, das ist wirklich zu schade. Fuck that. [...]“ Evan Chandler Juli 1993 über seine Ex-Frau June. 64
„Michael erzählte mir, Jordys Vater wollte, dass Michael in einen Film investiere, den er hatte machen wollen. Ursprünglich mochte Michael die Idee, während seine Berater dagegen waren. Sie lehnten ihn [Evan Chandler] ziemlich rücksichtslos ab, und Michael, der von Auseinandersetzungen nichts hielt, ließ ihn ebenfalls sausen. Michael war überzeugt davon, dass das, mehr als irgendetwas anderes Evan Chandler aufgebracht hatte. […]“ Frank Cascio. 65
Während Raymond Chandler die Leser über seinen Bruder aufklärt:
„Setzt er sich einmal etwas in den Kopf - und er setzt sich immer etwas in den Kopf - kann ihn nichts davon abbringen, sein Ziel zu erreichen. Er wird zielstrebig bis zum Punkt der Besessenheit.“ Raymond Chandler. 66
– 540 Seitenumbruch nur für E-Book –
Evan Chandler wollte „schöne Kleider, teure Autos, ein schönes Haus“. Rücksichtslosigkeit soll ebenso Teil seines Charakters gewesen sein wie Besessenheit und 1993 hatte Evan es sich in den Kopf gesetzt, in Hollywood Karriere zu machen. 1993 wollte Evan Michael Jackson. Und Evan wollte Geld. Seine Chancen auf Jackson sanken aber, als der ihm die Aufmerksamkeit entzog und sich 1993 auf seine DANGEROUS-Welttournee vorbereitete.
„Das diesem Mann am Vorabend seiner Welttournee anzutun, finde ich einfach nur verachtenswert“, sagte Pellicano. „Sie hatten die Gelegenheit…. Sie wussten, dass [Michael Jackson] gehen würde, und es war ein letzter Versuch, sie haben einen letzten Versuch mit mir unternommen, um das Geld zu bekommen, und als sie das Geld nicht bekamen, haben sie getan, was sie getan haben.“ Anthony Pellicano, der 1993 für Jacksons Anwalt Bert Fields arbeitete. 67
Evan wollte Jacksons Zuwendung. Und damit Evan bekam, was Evan wollte, legte er sein Begehren in die Hände eines Full-Service-Entertainment Anwalts: Rechtsanwalt Barry Rothman. Und die Geschichte über falsche Anschuldigungen von Kindesmissbrauch und Erpressung nahm ihren Lauf. Mit Rothman, dem Fachmann für „Entertainment-Recht“ ließ Evan Michael Jackson 1993 beschuldigen, den 13-jährigen Sohn Jordan sexuell missbraucht zu haben. Man kann darüber spekulieren, ob Evan den Entertainment-Anwalt tatsächlich erst im Juli 1993 einschaltete oder vielleicht schon, bevor er den größten Entertainer aller Zeiten in sein Wohnzimmer gebeten, betäubt, ausgefragt und studiert hatte. Denn für die Reputation dieses Anwalts wählte Chandler folgende Worte:
„Ich habe den übelsten Hurensohn genommen, den ich finden konnte.“ Chandler über seinen Anwalt Rothman. 68
Der „übelste Hurensohn“ Rothman begann seine Anwaltskarriere bei der Musikfirma Warner Brother Records, sein Spezialgebiet waren Geschäfte aller Art in der Unterhaltungsbranche. 69 Eines seiner Geschäfte endete in einer Hexenjagd der Medien auf Jackson. Rothman richtete mit seinem Mandanten Evan Chandler ein „Massaker an“, um dessen „Karriereinteressen“ sicherzustellen. Noch 2017 bot Rechtsanwalt Rothman auf seiner Webseite folgende Dienste an:
„Sicherstellung des bestmöglichen Weges zur Lösung strittiger Probleme in Bezug auf Karriereinteressen unserer Klienten und den Einfluss der Medienaufmerksamkeit.“ Aus der Werbung auf der Webseite von Evan Chandlers Anwalt Barry Rothman. 70
Im Sommer 1993 ließ Chandler unter Anleitung von Entertainment-Anwalt Rothman gegen den King of Pop die Anschuldigung „Kindesmissbrauch“ verkünden. In einer Zeit, in der Evan Kontakte zu Victor Gutierrez pflegte, diesem Reporter, der für seine pädophilen Tendenzen bekannt ist.
Barry Rothman war Zivilanwalt und „hungrig auf Publicity“. Rothman („Spezialgebiet Verleumdung“ 71) wollte 1993 „so groß wie möglich in die Öffentlichkeit“. Das war nicht gut für das Kind Jordan Chandler, sondern für Rothmans Karriere. Als 1993 Jackson Evans Visionen über eine Zusammenarbeit nicht erfüllte, folgten der Drehbuchschreiber und sein Anwalt „einem ganz bestimmten Plan“, um ihre Anschuldigungen medienwirksam gegen den King of Pop zu erheben. Evan hatte zuvor in einem Telefonat mit Dave Schwartz im Juli 1993 mit einem „Massaker“ gedroht, sollte er tatsächlich nicht bekommen, was er wollte. In Anwalt Rothman, den Evan als „hinterhältig“ und „grausam“ beschrieb, investierte er „eine Menge Geld“, denn Rothman wollte in den Schlagzeilen seinen Namen neben „Michael Jackson“.
„Ich habe den übelsten Hurensohn genommen, den ich finden konnte. [...] Er ist eklig, er ist gemein, er ist clever, und er ist hungrig auf Publicity. [...] Alles, was er will, ist, das so schnell wie möglich, so groß wie möglich in die Öffentlichkeit zu kriegen und so viele Leute wie nur möglich niederzumachen. […] [Michael Jackson] wird unvorstellbar gedemütigt werden.“ Evan Chandler Juli 1993 über seinen Anwalt Barry Rothman 72, 73
Wieso wendet sich ein Vater, der später die Anschuldigung erhebt, sein Sohn sei sexuell missbraucht worden, an einen Rechtsanwalt, der sich auf Filmlizenzen spezialisiert? Warum wendet er sich nicht an die Polizei? Chandler wollte in Hollywood berühmt werden und setzte sich zum Ziel, den angeblichen Missbrauch am eigenen 13-jährigen Sohn „so groß wie möglich in die Öffentlichkeit zu bringen“. Mit dem Namen Jackson. Chandler porträtierte sich später als besorgter Vater. 1993 aber wählte er für seine Ziele Rothman, der sich noch 2019 promotete als „Full Service“ Entertainment - Anwalt im Fachgebiet Unterhaltungsbranche und Rechtsbeistand für das Aushandeln von Filmlizenzen zu besten Bedingungen seiner Klienten, die im Filmgeschäft Fuß fassen wollen. Rothmans Spezialgebiet waren Verleumdungen und Beleidigungsklagen. Rothman inserierte mit „aggressiv(em) Verfahrensaufbau, wenn Verhandlungen [...] zu keinem akzeptablen Auskommen führen“. Die Aufmerksamkeit der Medien zu erhalten, stand im Fokus von Rothmans Strategien. Rothmans Büro saß an der Quelle, in der „Avenue of the Stars“. Dazu Evan Chandler:
„Er kostet mich eine Menge Geld [...] Ich glaube, dass das großartig ist. Ich glaube, dass das grandios ist. Das Beste. [...] Es gibt ein Massaker, wenn ich nicht kriege, was ich will.“ Evan Chandler 1993 über seinen Anwalt Barry Rothman.
„Wir liefern konzentrierte, personalisierte Aufmerksamkeit auf erstklassigem Niveau, abgestimmt auf die Erfolgsvorstellung eines jeden Klienten.“ Barry Rothman zur Werbung in eigener Sache auf seiner Webseite 2017. 74
Rechtsanwalt Barry Rothman warb mit Mandanten wie Schauspieler Tony Curtis, Zsa Zsa Gabor, Musiker Ron Wood von den Rolling Stones, Ozzy Osborne, Little Richard, dem Plattenlabel Warner Bros. Records. Im November 1992 hatte Rothman allerdings Bankrott angemeldet und man berichtet von 30 unbezahlten Gläubigern, darunter eigene Angestellte. Um geschuldetes Geld zu verschieben, soll Rothman ein Netzwerk an Bankkonten und Scheinfirmen kreiert haben und seinen Rolls-Royce mit dem Kennzeichen „BKR 1“ verschob er wohl gleich mit. Als „professioneller Schuldner“ wird der Anwalt beschrieben, geschuldeter Kindesunterhalt inbegriffen. 75 1993 brauchte Rothman Geld. Und Jackson besaß welches. 2019 beschrieb sich Rothman als Fachmann auf dem Gebiet der finanziellen Pleiten:
„Unser Team von Anwälten hat umfangreiche Erfahrung, alle Formen von Bankrott und diversen anderen Optionen zu evaluieren, um finanzielle Stabilität zurückzuerlangen. [...] Anwälte unseres Büros haben verhandelt und waren involviert in allen Abwandlungen von Bankrotten und Insolvenzverfahren von Individuen und Firmen. [...]“ Aus der Webseite von Rechtsanwalt Barry Rothman 2017. 76
Berichtet wird von Rothmans Disziplinarverfahren, die 1992 in der Suspendierung seiner Lizenz endeten (eine Gemeinsamkeit mit seinem Mandanten Chandler). Rothmans Suspendierung wurde auf Bewährung ausgesetzt, aber der Anwalt stand unter Beobachtung der Rechtsanwaltskammer.
„[…] [Rechtsanwalt Barry Rothman] ist dafür bekannt, dass er Leute abzockt. „Er scheint ein professioneller Schnorrer zu sein… Er bezahlt fast niemanden“, schlussfolgerte der Ermittler Ed Marcus (in einem Bericht, der beim Los Angeles Superior Court als Teil einer Klage gegen Rothman eingereicht wurde), nachdem er das Kreditprofil des Anwalts überprüft hatte, in dem mehr als dreißig Gläubiger und Inhaber von Gerichtsurteilen aufgeführt waren, die ihn verfolgten. […] mehr als zwanzig Zivilklagen, in die Rothman verwickelt ist, wurden beim Superior Court eingereicht, mehrere Beschwerden wurden bei der Arbeitsaufsichtsbehörde eingereicht, und die Anwaltskammer des Bundesstaates Kalifornien hat wegen drei Vorfällen Disziplinarmaßnahmen gegen ihn eingeleitet.“ Marie A. Fischer 1994. 77, 78
Rothman unterhielt auch Beziehungen zu jenem Anästhesisten, mit dem Zahnarzt Chandler zusammenarbeitete: Mark Torbiner, der als bezahlten „Service“ auf Hausbesuchen Morphin arrangierte. 79
„... dieser Kerl [Rothman] wird einfach jeden hier auf jede hinterhältige, eklige, grausame Art zerstören, die er machen kann. Und ich habe ihm dazu volle Autorität gegeben.“ Evan Chandler 1993 über seinen Anwalt Rothman. 80
Während 1994 ein Anwaltskollege über Rothman erklärte:
„Mr. Rothman ist nicht die Art von Person, dessen Wort für bare Münze genommen werden kann.“ 81
Im Laufe der Ereignisse des Jahres 1993 war es Jackson, der die Staatsanwaltschaft mit einbezog und Strafanzeige gegen Rothman und Evan Chandler wegen Erpressung stellte. Während das Strafverfahren gegen Rothman lief, stand das Mandat Evan Chandler auf wackeligen Füßen. Und dann warf auch noch in einem Juristenjournal ein Rechtsanwaltskollege Rothman unethisches Verhalten vor. Rothman, der bereits wegen der vorherigen Disziplinarverfahren unter Beobachtung der Anwaltskammer stand, fühlte sich derartig von den kollegialen Vorwürfen angesprochen, dass er Evan fallenließ, wie eine heiße Kartoffel. Warum ein Anwalt so handelt, wenn er angeblich auf der Seite des Rechts steht, lässt sich nur vermuten. 82
„[...] sie könnten auch eine Anklage gegen dich erheben, Evan.“ 83
Ein Blick zurück in die Zukunft: Später, im Jahr 1994 verklagte Rothman Michael Jackson persönlich auf Zahlung von Schadenersatz. Jackson habe ihm seelischen Schaden zugefügt, heißt es in Rothmans Zivilklage. Jackson habe ihm, Rothman, aber auch finanziellen Schaden zugefügt, weil er, Rothman, 1993 das Mandat Chandler niedergelegt hatte, nachdem Jackson gegen den Anwalt Strafanzeige wegen Erpressung gestellt hatte. Deshalb sei Rothman nicht in den Genuss eines Millionen-Dollar-Honorars gekommen, das er durch den 1994 geschlossenen gerichtlichen Vergleich der Parteien Chandler/Jackson hätte erwarten können. Jackson habe ihm durch die Strafanzeige also das Geschäft vermasselt. Dafür solle Jackson zahlen. Außerdem habe der durch die Strafanzeige Rothmans Ruf geschädigt. Rothman fühle sich durch den Vorwurf der Erpressung durch Jackson beleidigt und verleumdet. (Das war, nachdem Rothman Michael Jackson zum Kinderschänder hatte erklären lassen.) Aber Rechtsanwalt Barry Rothman verlor auch diesen Prozess gegen Jackson, weil das Gericht seine Meinung nicht teilte. 84
Rechtsanwalt Thomas Mesereau 2005: „Rothman und Evan Chandler wurden von der Jackson-Seite der Erpressung beschuldigt. Anwalt Barry Rothman ist seitdem die Anwaltslizenz entzogen worden, korrekt?“ Antwort von Rechtsanwalt Larry Feldman: „Ich weiß nicht, ist sie das?“ Rechtsanwalt Thomas Mesereau: „Ja.“ 85
Noch im Jahr 2019 machte Rothman auf seiner Webseite Publicity, mit dem „vierzehn Jahre alten Minderjährigen im Michael Jackson Missbrauch Fall“. Welch treffliche Beschreibung des Skandals: der „Michael Jackson Missbrauch Fall“. Dazu die Erklärungen eines Anwalts, der 1994 June Chandler vertrat:
„Mein Eindruck ist, dass Jackson nichts Falsches getan hat, und diese Leute [Chandler und Rothman] eine Gelegenheit sahen und diese planten. Ich glaube, es ging um nichts anderes als Geld.“ Michael Freeman, Rechtsanwalt. 86
Und eine weitere Einlassung über Rothman von 2022:
„Ich weiß, dass Herr Rothman ernsthafte Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieser Anschuldigungen hatte, aber er besaß auch eine ethische Verpflichtung als Anwalt, das Beste für seinen Klienten zu tun. Woher diese Informationen stammen, wird wahrscheinlich in den nächsten Jahren an die Öffentlichkeit gelangen, aber Herr Rothman bemühte sich nach Abschluss des Prozesses 2005 darum, dass die richtigen Leute erfuhren, dass er den Anschuldigungen gegen Michael nie geglaubt hatte.“ Charles Thomson, britischer Journalist 10.09.2022 im Interview mit „The MJCast“. 87
1993 aber wollte dieser Rechtsanwalt viel Geld verdienen. Und ein „Millionen-Deal“ mit Jackson war, was seine Anwaltsgebühren betraf, mehr als lukrativ.
– 540 Seitenumbruch nur für E-Book –
“You don’t care, you’d do her for the money. Say it’s fair, you sue her for the money” Michael Jackson 1995. 88
Am 8. Juli 1993 führte Evan Chandler nach der Beratung durch seinen Anwalt Rothman mit Dave Schwartz ein Telefongespräch. Die Aufzeichnungen dieses Telefonats landeten auf Pressekonferenzen, in Talkshows und schließlich auf YouTube. 89 Das Protokoll des Telefonats und den anwaltlichen Schriftverkehr über ihre Anschuldigungen gegen Jackson verkauften die Chandlers 2004 im Internet. Das Telefonat mit Schwartz führte Chandler am 8. Juli 1993, nachdem er realisiert hatte, dass Jackson ihm nicht mehr länger zur Verfügung stand, nachdem er seine Träume auf einen Job in Jacksons Imperium zerplatzen sah und gemeinsame Drehbücher mit dem Superstar in weite Ferne rückten. In diesem Telefonat drohte Evan mit
„einem Plan, der nicht nur der meine ist“.
Chandler kündigte an,
„wenn ich das durchziehe, gewinne ich ganz groß.“
Chandler machte in seinem Vortrag am Telefon deutlich, dass er die Aufmerksamkeiten und Zuwendungen Jacksons verlangte, und legte dabei den gesamten Fokus seines Monologs auf: Evan Chandler. Und sollte dabei Evan nicht kriegen, was Evan will, kündigte er vorab das Ende der Karriere des King of Pop telefonisch an:
„Es wird ein Massaker geben, wenn ich nicht kriege, was ich will. [...] Da sind andere Leute beteiligt, die auf meinen Anruf warten, die extra in bestimmten Positionen sind -- Ich habe sie dafür bezahlt. [...] Alles geht nach einem bestimmten Plan, der nicht nur meiner ist. [...] Meine Instruktionen waren, zu töten und zu zerstören. [...] mit töten und zerstören, werde ich sie foltern, [...] weil June mir das angetan hat. Sie hat mich gefoltert. [...] Sieh dir ihr Verhalten an, ich sage nur, dass June eine brillante und gestörte Persönlichkeit ist. [...] Was man oberflächlich zu sehen kriegt, ist nicht annähernd, was wirklich darunter vor sich geht [...] das wird in einem Lügendetektor-Test herauskommen [...] den sie alle machen müssen. [...] Mit Reden erreiche ich gar nichts. Wenn ich das durchziehe, gewinne ich ganz groß. Ausgeschlossen, dass ich verliere. Ich habe das von allen Seiten gecheckt. [...] Ich werde alles kriegen, was ich will, und sie werden völlig -- sie werden für immer zerstört sein. Sie werden zerstört. [...] Ich habe [Jackson] nicht körperlich bedroht. Ich habe nicht gesagt, dass ich ihn töten werde [...]. Ich werde niemanden morgen töten. Das ist nicht der nächste Schritt. Sein Tod ist nicht der nächste (unverständlich) [...] es gibt keinen anderen Weg, um sie in die Gewalt zu kriegen [...].“ Evan Chandler in einer offensichtlich manischen Phase am 8. Juli 1993. 90, 91
Eine Anmerkung zu jenem autobiografischen Buch, das Evan Chandler mit seinem Bruder Raymond im Jahr 2004 verkaufte. Dieses Buch über Evans „Massaker“, das er 1993 gegen Michael Jackson angerichtet hatte. Chandler gab dem ersten Kapitel seines Buches tatsächlich den Namen „Part One - The Tangled Web“. (Teil Eins - Das verworrene Netz.) Dieser Begriff stammt aus einem Zitat von Sir Walter Scott, („Marmion“ 1808), das im Original wie folgt lautet:
„Oh, welch verworren Netz wir weben, wenn wir nach Trug und Täuschung streben“ Sir Walter Scott, „Marmion“ aus dem Jahre 1808.
Mit anderen Worten: Wenn du lügst, erschaffst du ein kompliziertes Netz, das irgendwann außer Kontrolle gerät. 92 Welch treffendes Zitat damit sein eigener Buchverlag und Ghostwriter 2004 für Evans Inszenierung von 1993 gegen Michael Jackson gewählt hatte ... 1993 setzte Evan Chandler in seinen Forderungen gegen Jackson den Fokus auf: Evan Chandler. Seinen telefonischen Vortrag hielt er zeitlich gesehen direkt nach der Ausarbeitung dieses „bestimmten Planes“ mit Zivilanwalt Rothman. In den Aufzeichnungen dieses Telefonats erwähnte Evan auch, dass er besorgt um seinen 13-jährigen Sohn Jordan sei, aber in seinem Monolog setzte der drehbuchschreibende Zahnarzt von 6029 aufgezeichneten Wörtern die Prioritäten wie folgt:
„I“ wie „Ich“ formulierte Chandler 1299-mal. „Me“ wie „mir“ oder „mich“ benutzte Chandler 300-mal. Der sich später als besorgter Vater Porträtierende erwähnte Sohn „Jordie“ nur 83-mal. Das Wort „money“ wie „Geld“ fällt Chandler schon an dieser Stelle 20-mal ein.
„He really thought he had a hold on me.“ Michael Jackson in seinem Song „This Time Around“1995 darüber singend.93
„[Evan Chandler] wirkte wie ein Kind im Körper eines Mannes. [...] Er war - meiner Meinung nach - ganz eindeutig ein Narzisst. […] Was ich mit diesem Ausdruck, ein Kind im Körper eines Mannes, meine, ist, dass dies ein erwachsener Mann war, offensichtlich, aber ich würde sagen, emotional, nicht voll entwickelt“ Gary Hearne, Michael Jacksons Chauffeur über 15 Jahre, Zeugenaussage 2016. 94
In dem Telefonat mit Dave Schwartz im Juli 1993 forderte Evan ein Meeting mit Jackson. Er kündigte an, in diesem Meeting seine Forderungen genauer zu formulieren. Warum Jackson darauf hätte eingehen sollen, deutete er allerdings nicht an. Die Interpretation seiner Drohungen überließ er anderen:
„Ich habe die Beweise [...] du wirst es auf dem großen fucking Schirm sehen [...] du wirst es auf Tonbändern hören. [...] Die Beweise sind bereits an einem sicheren Ort unter Verschluss - und es wird herauskommen, nur [Tonbandstörung] es herauskommen lasse, und das wars. Wenn sie morgen nicht mit mir reden, dann kommt es raus.“ Evan Chandler Juli 1993. 95
Die Beteiligten durften seit Juli 1993 spekulieren, womit Chandler tatsächlich drohte. Auch Gesprächspartner Dave Schwartz ließ er verwirrt zurück. Das hatte den Vorteil, dass Chandler keinerlei ausgesprochene Erpressung oder Bedrohung nachzuweisen war. Was Evan Jackson tatsächlich vorwarf, verriet er dem ratlosen Schwartz ebenfalls nicht. Vielleicht vermuteten Rothman und Chandler, dass das Gespräch aufgezeichnet wurde. Strafrechtlich gesehen war Chandler auf diese Weise abgesichert. Evan hatte schließlich einen erfahrenen Anwalt mit dem Spezialgebiet Verleumdungsklage im Bereich Entertainment.
„MR. CHANDLER: Lass es mich so formulieren: Ich habe eine feste Reihenfolge von Worten, die ich einstudiert habe und die ich sagen werde. MR. SCHWARTZ: Yeah. MR. CHANDLER: Okay? Weil ich nichts sagen will, was gegen mich verwendet werden könnte.“ Aufzeichnungen des Telefonats zwischen Evan Chandler und Dave Schwartz. 1993. 96
Aber was genau hatte Evan Chandler eigentlich zu befürchten, was gegen ihn verwendet werden könnte? Die Wahrheit?
In allen zivilen Gerichtsverfahren über die nächsten Jahre, in denen Chandler stets Geldforderungen gegen Jackson einklagen wollte - aus den unterschiedlichsten Ansprüchen - lieferte er niemals Beweise für irgendwas. So gerne er und seine Anwälte damit gegen Jackson auch operiert hätten. Da auch drei Jahrzehnte später und etliche Hausdurchsuchungen weiter, nie „Beweise“ wegen irgendwas gegen Jackson aufgetaucht sind, muss Chandlers Drohung am Telefon ein Bluff gewesen sein. Angedeutete subtile Drohungen, die er via Dave Schwartz an Jackson richtete, davon ausgehend, dass der die Aufzeichnungen des Telefonats umgehend zu hören kriegen würde. (Jackson bzw. Jacksons Anwalt Bert Fields hatte zu dieser Zeit Privatdetektiv Anthony Pellicano engagiert, der auf Wikipedia zu finden ist unter dem Stichwort „Telefonüberwachung“.)
„MR. CHANDLER: Was ist das für ein Piepton? Hörst du das? MR. SCHWARTZ: Yeah. MR. CHANDLER: Zeichnest du das auf? MR. SCHWARTZ: Nein. MR. CHANDLER: Hörst du das Piepen?“ Tonbandaufzeichnungen des Telefonats zwischen Evan Chandler und Dave Schwartz 1993.
1993 spielte man wohl nur Stunden später tatsächlich die Aufzeichnung dieses Telefonats Michael Jackson vor. „Sag ihm, Michael Jackson hat gesagt, er kann zur Hölle fahren.“, soll Michael Jackson dazu gesagt haben. 97 1995 ließ Jackson uns in einem Song an seinen weiteren Gedanken dazu teilhaben:
„Er dachte wirklich, er hätte mich in seiner Gewalt.“ Michael Jackson in „This Time Around”, Album HIStory. Seine Geschichte. 98
Eine auf Band aufgezeichnete Stimme am Telefon spielt Jackson uns im Song ebenfalls vor.
Doch womit eigentlich drohte im Juli 1993 Evan Chandler? Hier folgt reine Spekulation, aber vielleicht drohte Chandler mit den Aufnahmen eines mit Schmerzmitteln vollgepumpten Michael Jackson im Hause Evans? Drohte Chandler, Aufnahmen oder Bilder an die Medien zu verkaufen, die einen „ungehemmten“ Jackson zeigten, aus dem Evan entschieden hatte, „Vorteil zu ziehen“? Als Zahnarzt Chandler („Zahnarzt der Stars“) in seinem eigenen Haus Anfang 1993 Michael Medikamente gespritzt und ihn damit überdosierte, riskierte Chandler ein Strafverfahren. Jackson mochte nach Chandlers Anruf rätseln dürfen, ob Chandler Bilder oder Aufnahmen von ihm gemacht hatte, die in den Medien Höchstpreise erreicht hätten. Evan drohte mit angeblichen „Beweisen“, die „auf dem großen fucking Schirm“ zu sehen oder „auf Tonbändern“ zu hören wären. Chandler versuchte über Jahre, Geld von Jackson zu fordern. Nie produzierte er seine „Beweise“. Auch der Staatsanwaltschaft gegenüber nicht.
