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Dies ist der erste Teil der Geschichte der Ursula Granz. Als fröhliches und liebenswertes Mädchen wächst sie im Breslau der 1920iger und 30iger Jahre heran mit einer Schar von Geschwistern und träumt von sportlichen Erfolgen und Wettkämpfen. Später begegnet sie Fred, einen jungen Architekten, der sich in sie verliebt. Wird sie sich für ihn entscheiden? Doch der Krieg holt sie ein, der ihr Leben und das ihrer Familie bedroht und Träume und Wünsche zerstört. Schlimme Zeiten brechen an, in denen ein Menschenleben nichts wert ist. Wie wird das Schicksal mit Ursula verfahren?
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Seitenzahl: 800
Veröffentlichungsjahr: 2018
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In Gedenken an meine Mutter
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Zittrig klagend klang ihr erster Schrei, zittrig und leise, irgendwie wehmütig. Mit zarter Stimme kam die Kleine zur Welt, so als müsste sie vorsichtig abwarten, was da in dieser plötzlichen Helle auf sie zukommt.
Zärtlich strich Friede dem kleinen Mädchen, das ihr die Hebamme auf den Bauch gelegt hatte, die feuchten blonden Härchen aus der Stirn und lächelte. Die Kleine steckte einen Daumen in den Mund, lutschte schmatzend daran und blinzelte mit ihren dunkelblauen, verhangenen Neugeborenenaugen in das Licht der kleinen Lampe auf dem Nachtschrank neben dem Bett. Willkommen in unserer Welt, dachte Friede, willkommen, mein Kleinstes! Du bist ein süßes kleines Wesen, wie werden sich deine Geschwister freuen, dich zu sehen.
Jedes ihrer Kinder hatte sie so begrüßt. Und Briefe hatte sie vorher geschrieben, sobald sie es gewusst hatte, dass sie schwanger war, Briefe an ihre Mutter und die Schwester im fernen Königsberg, ihrer Heimatstadt, in denen sie ihnen mitteilte, dass Gott ein kleines Wunder hatte geschehen lassen. Und jedes Mal hatten die beiden gewusst, dass ein Kind unterwegs war, und sie hatten die Köpfe geschüttelt, die Mutter und Elsa, ihre Schwester, die Mutter traurig, Elsa verwundert, bei jedem Kind mehr. Sie konnten nicht verstehen, wenn Friede schon wieder Nachwuchs erwartete, in diesen schweren Zeiten, wo doch so schon das Geld weder vorn noch hinten reichte bei Friede und ihrem Mann Martin in Breslau.
Gott sei Dank hatte Martin Arbeit, ging es ihm nicht so wie vielen anderen in dieser unruhigen, unsicheren Zeit. Doch das Gehalt war schmal, wenig für eine Familie mit nun wieder vier Kindern. Viele Nachbarn und Bekannte mussten stempeln gehen, wussten nicht wie sie ihre Familien durchbringen sollten. Martin war gelernter Kaufmann, hatte bis zum großen Zerwürfnis im Betrieb eines Onkels in Königsberg gearbeitet, um sich fern von Breslau ein wenig den Wind um die Nase wehen zu lassen. Dort hatten sie sich kennen gelernt.
Vor die Wahl gestellt, Friede zu heiraten oder die Wünsche seiner Familie zu erfüllen, entschied er sich für seine große Liebe. Mit Friede wollte er leben und alt werden, Kinder haben, sich etwas aufbauen, vielleicht ein eigenes Geschäft. Seine Eltern und Geschwister hatte er seit Ewigkeiten nicht gesehen, sie hatten jeden Kontakt zu ihm und seiner Familie eingestellt, und das nicht nur, weil sie strenggläubige Katholiken waren, Friede aber im protestantischen Glauben erzogen worden war. Eine große Rolle spielte wohl auch, dass sie zwei Töchter mit in diese Ehe gebracht hatte. Nicht einmal seine Schwester Hedwig, zu der er immer ein sehr liebevolles Verhältnis gehabt hatte, war auf seiner Seite gewesen.
Sie, Friede war in den Augen seiner Familie nicht standesgemäß, eine Ehe mit ihr kam nicht in Frage, und man nahm es ihm sehr übel, dass er sich über den Willen der Familie gestellt und eine Frau geheiratet hatte, die aus armen Verhältnissen stammte, schon früh der Mutter hatte helfen müssen, die kleine Familie durchzufüttern, weil deren Ehemann schon viel zu jung an den Folgen einer Bleivergiftung, einer Berufskrankheit, verstorben war.
Ja, es war alles andere als standesgemäß, wenn sie die Wäsche, welche die Mutter für die besseren Familien wusch, austrug und zudem auch noch in reicheren Haushalten putzte. Damit stand sie in den Augen von Martins Familie auf der untersten Stufe. Aber ohne Friedes Hilfe hätte es die Mutter nicht geschafft, die kleineren Geschwister nach dem frühen Tod des Vaters allein groß zu ziehen. So hatte Friede keine Möglichkeit gehabt, länger die Schule zu besuchen oder gar einen Beruf zu erlernen, sie musste für die Mutter und ihre Geschwister da sein und sie hatte es gern getan und nie geklagt. Doch selbst die Tatsache, dass sie vor Jahren eine Anstellung als Telefonistin in der Fabrik jenes Onkels gefunden hatte, wo sie Martin dann bei der Arbeit begegnet war, half ihr wenig, man wusste um ihre Herkunft.
Als leichtes Mädchen war sie beschimpft worden von Martins Familie, man hatte ihm sogar verboten, sie nochmals mitzubringen. Noch heute sah sie das abweisende Gesicht von Martins Mutter, ihre zusammengekniffenen schmalen Lippen, vor sich, die spöttisch nach oben gezogen Brauen und das geringschätzige Lächeln, das ihren Mund umspielte und mehr einer Grimasse glich. Der alte Herr Granz hatte damals schon nicht mehr gelebt, aber seiner Frau eine stattliche Pension und ein kleines Vermögen hinterlassen gehabt. Auf den ersten Blick hatten Mutter und Geschwister Friedes Armut gesehen, obwohl sie immer sauber und ordentlich gekleidet ging. Darauf legte sie den größten Wert. Den Ausschlag für deren Ablehnung, Abneigung, ja vielleicht sogar Hass, gaben jedoch ihre beiden kleinen Mädchen. Einem anständigen, gottesfürchtigen Mädchen passierte so etwas nicht!
Doch in Friede war keine Bitterkeit, als sie jetzt daran dachte, sie war ruhig und ein wenig schläfrig, die Entbindung hatte ihre Kraft gekostet.
Das hellere roséfarbene Deckenlicht hatte die Hebamme vorhin ausgeschaltet, nachdem sie die Kleine gebadet hatte. Nun trat sie aus dem Halbdunkel des Schlafzimmers an das Ehebett und fragte ob Friede noch etwas brauche. Die Kleine nuckelte noch immer an ihrem Daumen und döste vor sich hin.
Friede blickte in das gütige, faltige Gesicht der alten Frau und schüttelte langsam den Kopf. Nein, sie brauchte nichts, nur dieses winzige Etwas auf ihrem Bauch, das so friedlich nuckelte, und ein klein wenig Ruhe von der Anstrengung der Entbindung. „Soll ich jetzt Ihren Mann rufen, Frau Granz?”
„Warten Sie noch ein paar Minuten, es ist gerade so friedlich hier, so harmonisch!”, seufzte Friede.
Die Hebamme nickte.
„Das ist das Kind, Frau Granz, es ist so ruhig, ein kleiner Sonnenschein, es spürt schon jetzt, dass es geliebt wird und es wird diese Liebe mitnehmen in sein Leben. Es wird sie weitergeben an alle um es herum!”
Sinnend betrachtete Friede ihre Jüngste. Ein zartes, ruhiges Geschöpf, klein und bezaubernd.
Doch du wirst auch Mut und Kraft brauchen, dachte sie, mehr als deine beiden kleinen Schwestern Hedwig und Erna hatten, die uns im letzten Jahr für immer verlassen haben, die nicht genug Kraft hatten, die tückische Krankheit zu besiegen. Innerhalb von nicht einmal zwei Wochen sind sie von uns gegangen, unsere beiden Sonnenscheine. Sie waren doch noch so klein und hilflos, noch nicht einmal zwei und drei Jahre, so süß, so lieb, zwei zierliche Mädchen mit feinem blondem Haar. Es tut noch immer so weh, ja so furchtbar weh!
Oh Gott, warum hast du sie uns genommen, unsere kleinen Engel? Warum? Wir haben sie so geliebt, wir alle, so sehr. Warum? Wir mussten zusehen und konnten ihnen nicht helfen. Bei der kleinen Erna hatten die Ärzte noch mit einem Luftröhrenschnitt versucht, ihr Leben zu retten. Doch als das Kind aus der Narkose erwachte, hatte es nicht gewusst wo es war, so benommen war es noch gewesen. Die dicken Verbände hatten es wohl gestört und so waren sie von den kleinen Händen abgerissen worden. Überall war das Blut verspritzt, keine Krankenschwester war im Zimmer gewesen, die es hätte verhindern können. Nur die ein Jahr ältere Hedwig hatte im Bett daneben gelegen, weinend und selbst nach Luft ringend, ihr knapp dreijähriges, kurzes Leben am seidenen Faden hängend. Und zwölf Tage später war auch sie ihrer Schwester in den Tod gefolgt. Zurück waren Friede und Martin geblieben, weinend, todtraurig und am Boden zerstört, nur aufrecht gehalten durch die Anwesenheit ihrer anderen Kinder, für die sie gerade jetzt hatten stark sein müssen.
Lange war es Friede nicht einmal möglich gewesen an der Kinderklinik Sankt Anna vorbei zu laufen, in der die beiden kleinen Mädchen im gemeinsamen Zimmer bis zu ihrem Tode behandelt worden waren. Heute noch sah sie die beiden kleinen weißen Särge vor sich, in denen ihre beiden kleinen Sonnenscheine gelegen hatten. Sie würden immer bei ihr sein, tief in ihrem Herzen trug sie alle ihre Kinder, auch die beiden toten.
Ja, du brauchst nicht nur Liebe, kleines Mädchen, stark und furchtlos wie ein Bär wirst du sein müssen, wie eine Bärin. Meine kleine Bärin, Ursula, dachte sie und schaute zärtlich in das kleine Gesichtchen. Ursula, ist ein guter Name für dich. Du bist ein ganz besonderes Mädchen. Kämpfe, kleine Ursula, kämpfe, damit es dir besser geht als deinen beiden kleinen Schwestern, die es nicht geschafft haben. Kämpfe, du musst leben!
Draußen war es hell geworden, ein Stück blauer Morgenhimmel sah zum Fenster herein und ein paar Sonnenstrahlen huschten über das Nachtschränkchen und streiften an einer Ecke das Bett. Sicher würde heute wieder ein schöner frühherbstlicher Tag werden, wie die ersten beiden Oktobertage auch schon.
Martin saß am Bett und hielt Friedes Hand. Behutsam streichelte er ihren Arm und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Na, mein Friedelchen! Hast du es geschafft?! Und es ist ein Mädchen, ja?! Wie wollen wir sie nennen, diese Kleine?”, fragte er mit warmer Stimme und strich behutsam mit der Hand über den weichen Flaum auf dem Kopf des Säuglings.
Die Hebamme legte ihm die Kleine, die, eingehüllt in weiße, saubere Tücher und eine leichte kleine Decke, noch immer den Daumen im Mund, schlummerte, in den Arm und er hielt eins der kleinen, zarten Händchen und streichelte mit der anderen die fast durchsichtigen Finger des Säuglings.
Friede blickte auf seine Hände und sah ihm dann in die braunen Augen, die unter dichten, dicken dunklen Brauen glücklich blitzten.
„Weißt du, Martin, vorhin ist mir ein hübscher Name für sie eingefallen. Was hältst du denn von Ursula?”
„Wenn er dir gefällt, warum nicht?! Weißt du, ich bin so froh, dass ihr zwei alles gut überstanden habt! Ja, und die anderen Kinder warten auch draußen, sie sind schon lange wach und möchten ihre Schwester sehen. Dürfen sie herein oder bist du zu müde, mein Herz? Vielleicht möchtest du lieber erst mal eine Weile schlafen?”, fragte er besorgt.
Müde, doch glücklich lächelnd schüttelte Friede den Kopf.
„Lass sie nur mal für einen Moment herein, sonst bringt die Neugier sie noch um! Sie möchten die Kleine doch auch begrüßen.”
Als Martin die Tür öffnete, drängten sich die Kinder herein.
„Mama, Mama, wo ist denn das Kindchen?”, fragte Magdalena, genannt Lene, mit ihren acht Jahren die Älteste.
Ihren kleinen Bruder Sievert, der in wenigen Tagen seinen zweiten Geburtstag feiern würde, schleppte sie auf den Armen zum Bett der Mutter.
„Mama, was ist es für ein Kind, eine Schwester oder ein Bruder?
Und wie wird es heißen? Und ist es auch nicht krank wie die Hedwig und die Erna waren? Mama, sag doch!” rief sie aufgeregt.
Der kleine hellblonde Junge blickte verwundert seine aufgedrehte, ziemlich laut fragende große Schwester Lene an. Seine Augen strahlten groß in seinem kleinen Gesicht, als er das Baby in den Armen seiner Mutter erblickte. Er streckte die Hände aus.
„Haben!”
„Da bist du noch zu klein! Das dürfen nur die Liesel und ich! Wir sind schon viel größer als du!”, empörte sich Lene und ihre hellblauen Augen blitzten. Aufgeregt spielte sie mit den großen weißen Schleifen in ihren langen braunen Zöpfen.
Doch die kleine Liesemarie stand ganz still am Bett der Mutter, mit ihren sechs Jahren ein sehr ruhiges und liebevolles Mädchen, das immer ein wenig nachdenklich wirkte, und betrachtete verträumt mit ihren großen braunen Augen das neue Schwesterchen. Lenes Worte hatte sie gar nicht wahrgenommen. Lächelnd sah Friede ihre Kinder an.
„Es ist ein gesundes und niedliches, kleines Schwesterchen für euch und bis jetzt ist es auch ein liebes kleines Ding, das euch bestimmt viel Freude machen wird, genauso wie Papa und mir.” „Mama, sieh doch, jetzt hat die Schwester die Augen aufgemacht und sieht mich an!”, sprudelte Lene heraus.
„Sie hat mich auch angesehen, Mama.”, sagte nun auch Liesel leise.
Friede lachte.
„Ja, sicher hat sie euch angesehen, aber sie kann euch noch gar nicht erkennen, dazu ist sie noch viel zu klein. Doch wartet nur ab, wenn sie erst größer ist und ihr mit der Kleinen spielen könnt! Das wird euch gefallen. Aber nun lasst eure Muttel mal wieder ein wenig allein. Ich bin doch recht müde. Helft dem Papa beim Frühstück machen, ja, meine großen Mädchen, und passt auf Sievert auf!”
Erschöpft lehnte sie sich im Bett zurück, Martin verließ mit den Kindern den Raum. Von fern hörte Friede die vier in der Küche rumoren, bevor sie in den Schlaf sank.
Vorhin war die Sonne wieder hinter dicken Regenwolken hervorgekommen, die der Wind schnell vom Himmel gewischt hatte, welcher nun im schönsten Blau leuchtete. Schon seit dem frühen Morgen wechselten sich Wolken und Sonnenschein ab, ein Schauer nach dem anderen verfinsterte die strahlende Aprilsonne, die Mühe hatte, bis zum nächsten alles wieder trocken zu lecken.
In der Grünstraße standen noch kleine Pfützen im Rinnstein, doch sie spiegelten schon den blauen Himmel, als Familie Granz im Sonntagsstaat aus der Haustür trat. Friede trug ihr dunkelblaues Kleid mit dem weißen Kragen, welches Martin so an ihr mochte. Den hellen Sommermantel, den er ihr ein paar Monate nach der Hochzeit gekauft hatte, trug sie darüber. Liesel und Lene strahlten mit ihren weißen Schleifen in den langen Zöpfen um die Wette und hielten Sievert fest an ihren Händen. Zur Feier des Tages hatten beide ihre blauen Kleider und die weißen Strümpfe angezogen. Selbst Sievert trug eine neue kurze Hose mit langen Strümpfen darunter. Der schwarze Anzug, den Martin bei seiner Hochzeit mit Friede in Königsberg getragen hatte, stand ihm immer noch ausnehmend gut. Er trug die kleine Ursula auf seinen Armen. Das Baby blinzelte in die helle Sonne, als sie ins Freie traten, sah den Vater an und gähnte. In ihrem weißen Kleidchen würde sie heute ohne die warme Jacke frieren müssen, wenn auch der Weg bis zur Kirche Maria Magdalena nicht allzu weit war. Gut, dass Friede sie ihr angezogen hatte. Martins Augen wanderten zum Frühlingshimmel hinauf, hoffentlich wird das Wetter nun halten, damit man wieder trocken nach Hause kommt.
„Kinder passt auf die Pfützen auf, sonst müsst ihr mit nassen Füßen in die Kirche gehen!“
Die beiden Mädchen blickten den Papa mit ihrem liebsten Lächeln an und nickten ernsthaft. Aufmerksam führten sie ihren kleinen Bruder um die nächste blinkende Pfütze herum.
So bewegte sich die kleine Familie langsam die Grünstraße entlang in Richtung Kirche.
Nachdem man das Gotteshaus ohne weitere Regenschauer und mit trockenen Füßen erreicht hatte, sah sich Martin suchend um, doch niemand war zu sehen. Nun, vielleicht kommen sie etwas später, es ist ja noch Zeit, wir sind zu früh von zu Hause losgegangen, der Kinder wegen, denn man weiß ja nie was unterwegs passiert.
Sie werden bald da sein, dachte er erneut, während er das Baby an seine Frau weiterreichte und Liesel und Lene über die Köpfe strich. Dann nahm er seinen Sohn auf den Arm, denn der Kleine wollte nicht mehr laufen. Friede hatte seinen fragenden, kummervollen Blick bemerkt und wusste, dass er auf sie wartete. Aber genauso gut wusste sie, dass er vergeblich warten würde. Sie konnten ihm nicht verzeihen, dass er sich über ihren Willen, ihre Wünsche hinweggesetzt hatte und sein Leben mit ihr verbrachte. So hatte er auch vor fünf Jahren bei ihrer Hochzeit in Königsberg vergeblich gewartet. Als Hedwig und Erna getauft wurden, waren sie ebenfalls eingeladen, aber nicht erschienen, und auch nicht, als sie ihre beiden kleinen Mädelchen zu Grabe hatten tragen müssen. Auch zu Sieverts Taufe war keiner gekommen. Warum sollten sie gerade heute hier sein? Nein, Friede wusste genau, dass Martins Mutter und seine Geschwister auch heute nicht kommen würden. Sie musste nur in die traurigen Augen ihres Mannes sehen, um zu wissen, dass er wieder vergeblich hoffte.
Und doch blieb er immer treu an ihrer Seite. Sie war die Frau, die er wollte, die er liebte, egal was kommen würde, für sie würde er immer da sein, auch wenn er seine Familie nie wieder sehen würde. Er liebte sie!
Und Friede? Oh ja, sie liebte ihren Martin! Auch sie würde für ihn durchs Feuer gehen. Sie gehörten zusammen, das hatten sie beide sofort gespürt und ihre Liebe gegen alles und jeden verteidigt. So wird es immer bleiben, da war sie sich sicher. Und sie wünschte sich, dass diese Ehe voller Liebe und Respekt voreinander noch bis ans Ende ihrer Tage dauern möge.
Friede streichelte Martins Wange.
„Komm, lass uns hineingehen! Es wird Zeit.”
Ernst sahen seine dunklen Augen aus und auch die Gläser seiner Brille konnten den feuchten Schimmer darin nicht verbergen. Er liebte seine Friede, er konnte und wollte nicht ohne sie sein, davon vermochte ihn seine Familie auch mit ihrer Sturheit nicht abzubringen.
Er schluckte, doch der dicke Kloß im Hals ließ sich nicht so schnell beseitigen. Nun sollte er seine jüngste Tochter also auch ohne seine Familie ans Taufbecken tragen. Konnten sie ihn denn nie verstehen?
In der Kirche herrschte eine feierliche Stille, als das
Glockengeläut verstummt war. Das kleine Mädchen im weißen Taufkleidchen blickte mit ihren großen blauen Augen um sich. Friede hielt sie auf dem Arm und lächelte. Diese Kleine war ein echter Schatz! Immer freundlich, immer lachend, nur höchst selten hörte man das Kind weinen. Aufmerksam betrachtete sie ihre Umwelt und freute sich über jede Zuwendung. Man konnte sie nur gern haben.
Als das Taufwasser den Kopf der kleinen Ursula benetzte, sah sie die Mutter erschrocken an und holte ganz tief Luft, doch kein Laut kam aus dem kleinen Mund.
Liesel stand auf Zehenspitzen und streckte vorsichtig ihre Hand ins Taufbecken. Erstaunt zog sie diese zurück und zu Lene gewandt flüsterte sie:
„Warum kriegt die Uschi jetzt Wasser auf den Kopf? Da wird sie doch ganz nass!”
Martin lachte und legte den Finger auf die Lippen.
„Pst!”
„Sie kriegt doch heute ihren Namen, Ursula, und da macht das der Pfarrer so.”, flüsterte Lene der Kleinen ins Ohr und legte dann ebenfalls wie der Papa den Finger auf den Mund.
„Dürfen wir dann gar nicht mehr Uschi zu ihr sagen?”, flüsterte Liesel aufgeregt und hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund, als Lene sie strafend ansah.
„Doch!”, sagte Martin Granz leise und strich der Kleinen sacht übers Haar.
Nachdenklich blickte Liesel vor sich hin. Noch auf dem Heimweg blieb sie still und in sich gekehrt.
Am Abend saß Liesel auf den blank gescheuerten Holzdielen in der kleinen Küche und spielte mit Sievert und seinen Holzautos. Ihr Gesichtchen glühte. Friede musterte das Mädchen besorgt. Schon öfter hatte Liesel in letzter Zeit Fieber gehabt, über Schmerzen in Gelenken, Armen und Beinen geklagt und war ständig müde. Manchmal konnte sie sich kaum auf den Beinen halten und sah die Mutter nur traurig an. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr.
Fünf Monate später. In der Zwischenzeit waren wieder Briefe in Königsberg bei Friedes Mutter Auguste Berger angekommen, jede Menge Briefe. Einer war dabei, in dem Friede von einem neuen Wunder berichtete, doch die anderen waren ganz und gar nicht erfreulich gewesen und hatten das Herz von Auguste Berger mehr als einmal hart und schnell gegen ihre Rippen schlagen lassen, dass sie vor Schmerz die Hände gegen ihre Brust drücken musste und kaum noch atmen konnte. Gut, dass sie in Elsa eine Stütze hatte, einen Menschen, der den Kummer mit ihr teilte und ihr in ihrer Entscheidung, die sie zu treffen gezwungen war, zur Seite stand. Es ging nicht anders, wenn sie ihrer Tochter Friede und deren Familie helfen wollte, nein, helfen musste. So saßen nun Mutter und Tochter im Zug nach Breslau und wollte Gott, so fuhren sie nicht allein zurück.
Elsa blickte in das sorgenvolle Gesicht der Mutter und nahm ihre Hand.
„Alles wird gut Muttelchen, glaube mir. Wir werden das schon hinkriegen. Sieh mal, ich habe meine Arbeit auf der Werft und Wilhelm bringt uns doch immer Sachen von seinem Hof, Kartoffeln, Obst, Wurst, Schinken, Speck, na du weißt schon. Und mit der Schule, das ist kein Problem, da kümmere ich mich drum. Ja, alles andere wird auch werden, du wirst schon sehen!” Ja, das Marjellchen hat recht, wir werden es schon schaffen, dachte Auguste Berger. Ich habe schon so oft gezweifelt in meinem Leben, doch es ist immer wieder weitergegangen. Wie oft hat Friede mir geholfen, als sie noch in Königsberg lebte. Immer konnte ich mich auf sie verlassen, nun bin ich halt mal wieder dran, auch wenn mir das nicht mehr leicht fällt, mit meinen beinahe neunundfünfzig Jahren. Seufzend blickte sie aus dem Fenster. Abgeerntete Felder flogen abwechselnd mit Wiesen, Wäldern und kleinen Dörfern vorbei, ab und zu eine Stadt. Bald würden sie ankommen.
Noch zehn Minuten, hatte der Beamte auf dem Bahnsteig gesagt, dann kam er endlich, der Zug mit ihrer Schwester und der Mutter. Friede erhob sich von der Bank. Die letzten Minuten konnte sie stehen, wenngleich sie schrecklich müde war, wie stets in den letzten Wochen. Unter ihrem Kleid wölbte sich der Bauch. Ja, das kleine Wunder war schon recht deutlich zu sehen. Im Dezember würde ihr jüngstes Kind geboren werden. Uschi wird nächsten Monat ein Jahr, Sievert fünf Tage später drei, Lene hatte gerade ihren neunten Geburtstag gefeiert und Liesel war im Sommer sieben. Ja, weiß Gott, sie hatte alle Hände voll zu tun. Doch das war nicht das Schlimmste. Deswegen hatte sie die Mutter nicht um Hilfe gebeten. Nein, eigentlich war es ein Hilfeschrei gewesen. Sie wusste wirklich nicht wie es sonst weitergehen sollte.
Ein Pfiff ertönte, die Menschen wichen von der Bahnsteigkante zurück, ein Fauchen, Stampfen, Quietschen und Zischen beherrschte den Bahnsteig. Der Zug aus Königsberg fuhr ein und kam langsam zum Stehen. Weißer Dampf quoll unter der riesigen schwarzen Lokomotive hervor, dann öffneten sich die Türen. Aus dem dritten Waggon stieg Elsa Berger freudig winkend aus, drehte sich um und half der Mutter die Gitterstufen herunter.
Friede umarmte und küsste Mutter und Schwester.
„Ich bin so froh, dass ihr hier seid! Wie schön, euch zu sehen! Es ist schon so lange her.“, flüsterte sie.
Tränen rollten über ihre Wangen, Tränen der Freude und der Erleichterung, aber auch Tränen der Hilflosigkeit, der Müdigkeit. Oh ja, sie war furchtbar müde, die letzten Monate hatten ihre Kräfte verzehrt. Elend war sie, abgekämpft und mutlos. Sie hatte sich die Entscheidung, die Mutter und Elsa um Hilfe zu bitten, nicht leicht gemacht. Im Gegenteil! So schwer wie noch keine andere Entscheidung bisher war sie ihr geworden. Es hatte ihr das Herz zerrissen, doch es blieb nur dieser eine Weg und sie musste ihn gehen. Das hatte sie eingesehen, ob sie es wollte oder nicht, so war es das Beste.
Sie war Martin böse gewesen für den Vorschlag. Tagelang hatte sie kein Wort mit ihm gewechselt, hatte vermieden ihn anzusehen. Wortlos hatte sie jeden Abend das Essen auf den Tisch gestellt, sich nur mit den Kindern beschäftigt. Doch schließlich hatte sie das Unvermeidliche akzeptiert. Ihre eigene Hilflosigkeit und ihr angegriffener Zustand hatten es ihr bewiesen. Und nun waren die Beiden hier eingetroffen, es gab kein Zurück. Wollte sie das Wohl und Glück ihres Kindes nicht aufs Spiel setzen, dann musste sie nun handeln.
Auguste Berger blickte in die Tränen verschleierten Augen ihrer Tochter, sah ihre sorgenvolle Miene und die dunklen Augenringe. Der schon recht runde Bauch war das Einzige, was auf eine Frau in froher Erwartung deutete. Friede sah krank aus, ihr Gesicht war schmal geworden und der Kummer hatte sich darin eingegraben. Man sah auf den ersten Blick, dass es ihr nicht gut ging.
Die Mutter schob ihren linken Arm unter Friedes rechten und sie stiegen die Treppe vom Bahnsteig hinunter, liefen durch die Bahnhofshalle, vorbei an den Schaltern und traten hinaus auf den Vorplatz. Die späte, helle Septembersonne schien warm und Auguste Berger atmete unbewusst tief ein. Nun, das war also Breslau! Sie sah die Stadt, in der ihre Tochter eine neue Heimat gefunden hatte, zum ersten Mal.
Nur Elsa war schon zweimal hier gewesen. Als sie ihre Lehre beendet hatte, wollte sie unbedingt von ihrem ersten Gehalt auf der Werft ihre Schwester besuchen, hatte sich in den Zug gesetzt und war, mit den guten Wünschen der Mutter und kleinen Geschenken für Friede, Martin und die Kinder beladen, für ein paar Tage hierher gefahren. Damals lebten Hedwig und Erna noch, die beiden süßen Mädchen, in die sie sich sofort verliebt hatte. Als sie zum zweiten Mal hierher gefahren war, hatte sie zusammen mit ihrer Schwester deren kleine Mädchen zu Grabe getragen. Sie hatte die Schwester stützen müssen, damit sie nicht am Grab zusammenbrach. Wie hatten sie beide geweint, wie hatte Friede geschrien nach den beiden süßen Mädchen! Martin hatte stumm daneben gestanden, abwesend, in einer anderen Welt, in die er niemanden hinein ließ, allein mit seinem Kummer und der tiefen Trauer, die sich über seine Seele gelegt hatte. Es war schrecklich gewesen. Noch heute sah Elsa diese Bilder vor sich, eingebrannt für immer.
Elsa lief den Beiden, Mutter und Schwester, einige Schritte voraus. Der Weg bis zur Grünstraße war leicht zu merken gewesen, einfach immer geradeaus. Schon nach wenigen Minuten standen die Drei vor dem Haus.
Es war Samstag, Martin war schon daheim bei den Kindern. Er stand in der Tür, Uschi auf dem Arm, den kleinen Sievert fest an sein Hosenbein geklammert, hinter seinem Rücken versteckte sich Lene.
Martin lachte.
„Ich weiß nicht, liebe Schwiegermama, was ich falsch gemacht habe, aber die Kinder tun alle nicht das, was ich möchte. Die Kleine wollte ich gerade aufs Töpfchen setzen, da fing Sievert an zu weinen, weil Lene mit ihm geschimpft hatte.
Aber, nun kommt erst einmal herein! Schön euch hier zu haben. Ihr müsst doch müde sein von der langen Fahrt. Guten Tag, Elsa, lange nicht gesehen! Wann warst du das letzte Mal da? Ach ja, ich weiß…”, sagte er leise, ein Schatten huschte über sein Gesicht und ein Muskel zuckte an seinem Mundwinkel.
„Da haben wir sie dorthin auf den Weg gegeben, die Hedwig und die Erna.”
Er schluckte, umarmte Auguste Berger, küsste sie auf die Wange und drückte auch seine Schwägerin herzlich.
„Oma, komm mal mit!”, sagte Lene, ergriff die Hand der Großmutter und zog Auguste Berger hinter sich her.
„Du musst doch auch die Liesel sehen, sie wartet ja schon auf dich. Papa hat sie vorhin noch ein wenig hingelegt, sie ist doch krank, weißt du?”, damit öffnete sie die Tür zu der kleinen Kammer, in der sie gemeinsam mit Liesel schlief.
Die zwei Betten hatten gerade darin Platz und ein Schrank. An der Wand war ein Haken für Lenes Schultasche, darüber hatte Martin ein kleines Regal für Spielsachen angebracht. Auf der Fensterbank stand ein Blumentopf mit einem reich blühenden Fleißigen Lieschen. Ja, Friede hatte sich schon immer gern mit Pflanzen umgeben und überall vor den Fenstern standen sie und genossen ihre Pflege. Liesel lag auf dem Bett und sah der Großmutter erwartungsvoll entgegen. Auguste beugte sich zu ihr und küsste das blasse Mädchen auf die Stirn.
„Na, meine Kleine, was machst du denn für Sachen? Deine Mutter hat mir einen Brief geschrieben, du bist krank gewesen, Marjellchen, und sogar im Krankenhaus warst du eine Zeit. Wie geht’s dir denn jetzt? Wie geht es deinem Rücken, tut er noch weh, Marjellchen?”
Bei den Fragen der Großmutter waren abwechselnd Licht und Schatten über das kleine schmale Gesicht mit den großen braunen Augen gehuscht.
„Aber Oma, weißt du, mir tut immer alles so weh und der Doktor hat gesagt, ich muss ganz sehr aufpassen und viel draußen spielen.”, meinte Liesel und nickte ernst mit dem Kopf.
„Ja, und dann bin ich einmal in der Nacht aus dem Bett gefallen.
Oma, das hat ganz sehr weh getan und ich musste ins Krankenhaus. Denk mal, Großmutter, da hab ich in einem ganz harten Bett gelegen, sehr lange. Das war überhaupt nicht schön. Ja, und dann durfte ich wieder heim. Aber, sieh mal, ich hab jetzt ein Korsett an. Der Doktor hat gesagt, das ist nur was für sehr vornehme Damen. Bin ich nun etwa vornehm, Großmutter? So wie Papas Familie?”, fragte sie und Auguste Berger musste trotz der ernsten Lage lächeln.
Ach dieses Marjellchen! Was war das für ein süßes Kind gewesen, als Friede mit den beiden Mädchen noch in Königsberg lebte. Warum musste gerade dem Lieselchen so etwas Schlimmes passieren?
„Ja, mein Marjellchen, da hast du nichts Schönes erlebt! Aber nun geht’s dir doch wieder besser, Liesel, nicht wahr? Und das wird jeden Tag ein bisschen mehr. Du wirst sehen!
Na komm, ich helfe dir beim Aufstehen, du kannst wieder ein wenig umherlaufen. Du möchtest doch sicher auch die Tante Elsa sehen, sie ist ja auch mitgekommen und freut sich schon mächtig auf dich. Gib mir deine Hand!” Damit nahm sie eine Hand von Liesel, schob ihre Hand unter den Rücken des Kindes und half ihm aus dem Bett.
Zusammen mit Lene gingen sie ins Wohnzimmer.
Mit den Fingern der rechten Hand strich sich Martin über den kahlen Kopf. Nach seiner Verwundung im Krieg waren seine Haare ausgefallen. Damals war er Gott dankbar gewesen, dass er ihn am Leben gelassen und nicht, wie so viele Andere, im Schützengraben hatte sterben lassen. Was machte es da schon, dass er einen kahlen Kopf behielt? Noch lange hatte er im Lazarett mit dem Tode gerungen. Der Granatsplitter war tief in sein Hirn eingedrungen, doch er hatte sich verkapselt, nach einiger Zeit. Martin hatte sich ins Leben zurück gekämpft. Die Ärzte hatten ihn gewarnt. Man wisse nicht, wie lange er überleben werde, höchstwahrscheinlich werde er eines sehr frühen Todes sterben. Er solle sich keine großen Hoffnungen machen, ein Wunder, dass er nicht gleich gestorben sei.
Unerträgliche Kopfschmerzen, unter denen er auch heute immer wieder noch litt, hatten ihm lange Zeit das Leben zur Qual gemacht, oft konnte er nicht richtig sehen und auch so einige andere Dinge hatten ihn fast verzweifeln und mutlos werden lassen.
Erst seine große Liebe zu Friede hatte seinem Leben wieder einen Sinn gegeben, hatte sein Dasein wieder lebenswert gemacht. Ihr liebevolles Lächeln, ihre strahlenden Augen, wenn sie ihn ansah, hatten ihn bezaubert. Er hatte nicht mehr an den Tod gedacht, dem er schon so nahe gewesen war. Für Friede und mit ihr hatte er leben wollen, und nicht nur kurz, nein, ein langes, glückliches und erfülltes Leben an ihrer Seite hatte er sich ausgemalt. Und das hatte er schließlich auch gegen den Willen seiner Familie durchgesetzt.
Nun war Friede seine Familie, die einzige, die ihm noch blieb. Martin liebte seine Frau und die Kinder, die beiden Mädchen, die sie mit in die Ehe gebracht hatte, nicht minder, sie waren ihm wie eigene. Die kleine, zarte Liesemarie war ihm besonders ans Herz gewachsen, ein liebes, stilles und kluges Kind. So war es ihm sehr schwer gefallen, Friede diesen Vorschlag zu unterbreiten. Doch so wie bisher konnte es nicht weitergehen. Seine Frau war wieder schwanger, zum siebten Mal, und die Schicksalsschläge der vergangenen Jahre hatte sie nur schwer verkraftet. Hedwigs und Ernas Tod konnte sie nicht verwinden. Es nagte noch immer an ihrer Seele, dass diese beiden unschuldigen Wesen so früh hatten gehen müssen. Sie litt sehr darunter, als Liesel krank wurde, wochenlang im Gipsbett lag und Friede sich die schwersten Vorwürfe machte.
Nun war das Mädchen zwar wieder zu Hause, brauchte jedoch ständig Hilfe und Pflege und würde wohl auch erst im nächsten Jahr zur Schule gehen können, so bis dahin alles gut ging. Doch auf Hilfe und Pflege würde sie nach Auskunft der Ärzte noch Jahre, wenn nicht sogar ihr ganzes, wie prophezeit wurde, kurzes Leben angewiesen sein.
Friede hatte die beiden Kleinen und auch Lene zu versorgen und im Dezember kam das Baby dazu. Es war einfach nicht möglich, ohne dass jemand auf der Strecke blieb. Liesel würde unter diesen Umständen nicht die Pflege und Aufmerksamkeit bekommen, die sie dringend brauchte und Friede, seine liebe Friede, würde unter der Last der Pflichten unweigerlich zusammenbrechen. Er musste sie nur ansehen, um zu wissen, dass der Zeitpunkt sehr nah war, an dem das geschehen würde, viel zu nah.
Martin hatte Angst um beide und am Ende auch um die anderen Kinder. Nein, so konnte es nicht weitergehen! Er war froh, dass die Schwiegermutter gekommen war.
Abermals strich er sich über den Kopf, eine Angewohnheit, die ihm von seiner Verletzung geblieben war.
Auguste Berger hatte sich noch einmal alles in Ruhe berichten lassen. Den Großteil kannte sie aus Friedes Briefen, doch was sie nun an Einzelheiten zu hören bekam, zeichnete ein noch weitaus traurigeres Bild, als sie sich hatte vorstellen können. Liesels Anblick aber und die Gewissheit, dem kleinen Mädchen, und damit auch ihrer Tochter Friede, helfen und der Kleinen ein schöneres Leben ermöglichen zu können, bewogen sie, Martins und Friedes Vorschlag zuzustimmen, ihre Bitte zu erfüllen. Vor allem Liesel zuliebe hatte sie “ja” gesagt.
Friede saß am Tisch und weinte, ihre Finger spielten mit den Fransen der aus dünnem, feinem Garn gehäkelten Tischdecke, die sonst nur sonntags aufgelegt wurde.
An so manchem langen Winterabend in Königsberg hatte sie an dieser Decke gearbeitet. Doch darüber dachte sie jetzt nicht nach, das kleine Mädchen, das nebenan schlief, hatte sie die ganze Zeit vor Augen. Furchtbar fühlte sie sich! Was war sie? War sie überhaupt noch eine gute Mutter? Wenn sie das wäre, wie konnte sie dann überhaupt eine solche Entscheidung treffen?
Schluchzend nahm sie ihr Taschentuch und putzte sich die Nase. Doch die Tränen rannen erneut. Friede senkte ihren Kopf. Konnte sie denn überhaupt noch einem Menschen in die Augen sehen? Ihrer Mutter? Elsa?
Da, eine leichte Bewegung in ihrem Leib! Nachdenklich strich sie über ihren Bauch. Nein, sie hatte nicht so viel Kraft, sie konnte Liesel nicht alles geben, was sie brauchte, ihr ein einigermaßen normales und glückliches Leben ermöglichen. Dazu war sie nicht in der Lage. Hier würde das Mädchen untergehen, hatte doch keiner die Zeit, sich ausreichend um sie zu kümmern. Martin hatte Recht, alle hatten Recht. Es gab nur diese eine Lösung. Vorerst jedenfalls. Später würde man sehen, wenn die Kinder größer waren, es Liesel besser ging, dann würde alles wieder anders werden.
Elsa Berger erhob sich, ging um den schweren, dunklen Eichentisch herum, strich dabei der Mutter über die Schulter und nahm dann Friede in die Arme. Es war selten, dass man die sonst so kühl und überlegt wirkende junge Frau so aufgewühlt sehen konnte. Sie schmiegte sich an die ältere Schwester, streichelte behutsam deren Wange und sprach beruhigend auf sie ein.
„Friedel, nimm es nicht so schwer! Glaub mir, wir verstehen dich!
Jeder hier weiß, dass du es dir nicht leicht gemacht hast. Natürlich fällt es dir so verdammt schwer, das Lieselchen herzugeben. Aber sieh mal, es ist doch einfach das Beste für sie und für euch anderen alle auch. Sie wird es bei uns gut haben und so oft es geht, werden wir euch besuchen, das verspreche ich.
Irgendwann wird es ihr vielleicht auch wieder besser gehen, dann kann sie ja zurück. Man muss abwarten! Muttel sieht das auch so. Wir können uns doch viel besser um die Kleine kümmern. Muttel arbeitet zu Hause und ich verdiene mein Geld auf der Werft. Wenn man im Kontor arbeitet, bekommt man ein gutes Gehalt und wenn ich erst Prokuristin bin…! Na, im Moment sind wir natürlich noch auf unsren Wilhelm angewiesen. Er denkt immer an Muttel und mich und seit seine Frau den Hof geerbt hat, noch mehr. So oft er kann bringt er uns was vorbei, letztens erst wieder Äpfel, Möhren und Kopfsalat. Das hilft uns sehr viel. Da wird auch das Marjellchen noch satt, da geht es ihr besser als hier!”
Bei diesen Worten ahnte noch keiner im Raum, welch wichtige Rolle Wilhelm Berger, Elsas und Friedes Bruder, noch für Leben und Gesundheit von Liesel Granz spielen sollte.
Friede hatte sich wieder etwas beruhigt und die Tränen getrocknet. Martin, der neben ihr saß, hatte sie in den Arm genommen und streichelte nun vorsichtig ihren Bauch.
„Es wird alles gut, mein Friedelchen!”, murmelte er und drückte Friede einen Kuss auf ihr dunkelblondes Haar.
Als Liesel am nächsten Morgen erwachte, sich die Augen rieb und blinzelte, sah sie genau in Tante Elsas Gesicht.
„Guten Morgen, du kleine Langschläferin!”, meinte diese.
„Soll ich dir gleich einmal beim Aufstehen helfen? Dann geht es leichter mit deinem Korsett, kleine Dame. Was hältst du dann von einem ganz wunderbaren Sonntagsfrühstück, bevor wir alle zur Kirche gehen?”
Ihre Stimme klang freundlich und lustig. Liesel lachte und reichte der Tante die Hand. Elsa half der Nichte aus dem Bett, beim Waschen und Anziehen und saß dann auch am großen Frühstückstisch in der Stube neben ihr.
Friede beobachtete die Beiden und war froh, dass sie sich augenscheinlich gut verstanden. Das hatte sie nur hoffen können, denn dass Elsa sie hier besuchte war inzwischen zwei Jahre her, Liesemarie war noch ziemlich klein gewesen.
Heute Nachmittag wollte man mit dem Mädchen sprechen und Friede hoffte, dass es nicht zu schwer werden würde, Liesel zu überzeugen. Sie war ja noch klein und sicher wollte sie nicht so ohne weiteres weg von zu Hause. Wie konnte sie mit ihren sieben Jahren verstehen, dass es so, zumindest vorläufig, zu ihrem Vorteil, für ihr Wohl, ihre Gesundheit wichtig war, dass ihr weiteres Leben davon abhing, wie gut und aufmerksam sie in der nächsten Zeit gepflegt und betreut wurde. Nein, dazu war sie noch viel zu klein, ihr Marjellchen, ihr Lieselchen.
Friede machte sich nichts vor, ein ganzes Stück Arbeit lag vor ihnen, um Liesel zu überzeugen, oder besser gesagt zu überreden, mit der Großmutter und ihrer Tante Elsa mit nach Königsberg zu fahren. Und selbst wenn man das geschafft hätte! Die lange Fahrt mit der Eisenbahn bedeutete dann für das kranke Kind auch wieder eine ungewohnte, große Anstrengung, von der man nur hoffen konnte, dass sie die gut überstand.
Nein, dieser Tag und die folgenden, ja die ganze nächste Zeit, würden alles andere als einfach werden. Darin war sich Friede sicher. Mit der Zeit sollte es sich herausstellen wie goldrichtig für die Gesundheit und das Leben der kleinen Liesel diese Entscheidung der Familie gewesen war.
Friede küsste und umarmte ihre kleine Tochter. Sie drückte sie an sich, ihr Gesicht war blass, das Kinn zuckte, ihre blutleeren Lippen zitterten und sie versuchte ihre Tränen zu verbergen. Die sollte Liesel nicht sehen, auf keinen Fall! Fröhlich sollte sie auf die Reise gehen. Traurig und von Heimweh geplagt würde das Kind noch früh genug sein. Nein, gern sollte sie an ihr Zuhause denken, nicht traurig und voller Tränen, die weinenden Gesichter der Eltern und Geschwister vor Augen.
Lene drückte die Schwester und meinte:
„Du hast es gut, Lieselchen, du darfst mit der Oma und Tante Elsa mitfahren und ein wenig bei ihnen bleiben. Ach, ich wollte, dass ich auch mitkönnte! Das wäre dann lustig, ja? Und dann muss ich auch nicht mehr auf die Kleinen aufpassen. Vielleicht können wir ja mal tauschen!?” Und leise flüsterte sie Liesemarie ins Ohr:
„Morgen frage ich gleich mal den Papa!”
In Liesels dunklen, nun doch auch von Tränen feuchten Augen blitzte es kurz auf, doch sie schwieg.
Kurz darauf hob Martin sie zu Elsa und Auguste Berger in den Waggon. Als der Pfiff des Schaffners ertönte und der Zug anfuhr, saß sie am Fenster, stumm und leicht das weiße Taschentuch, das ihr Elsa gegeben hatte, in der Hand haltend, wie zum Winken, doch sie bewegte es nicht. Auch Friede stand wie erstarrt, nur ihre Hand winkte mechanisch, als gehöre sie nicht zu ihr. Erst als man den Zug schon nicht mehr sehen konnte, ließ sie den Arm sinken und sah blind vor Tränen noch immer in die Richtung. Uschi begann im Kinderwagen zu weinen, da kam langsam wieder Leben in Friede.
Es musste weiter gehen, die Kinder brauchten sie, die Kinder und Martin.
Gegen Ende der ersten Dezemberhälfte kam das neue Wunder der Familie Granz zur Welt, ein kräftiger Junge.
Obwohl es für Friede bereits die siebente Entbindung war, hatte die sie diesmal alle ihre Kraftreserven gekostet. Es ging und ging nicht vorwärts, geradeso, als wollte das Kind nicht kommen. Der alten, erfahrenen Hebamme, die auch schon der kleinen Ursula auf die Welt geholfen hatte, war es schließlich Angst geworden, als sie spürte, dass die junge Frau am Ende ihrer Kräfte war. Sie hatte Martin nach einem Arzt geschickt, der dann Schlimmeres verhinderte.
Friede hatte das Bewusstsein verloren, denn der Blutverlust war recht groß gewesen.
Den Kleinen legte ihr die Hebamme in die Arme, als sie wieder zu sich kam.
Strenge Bettruhe verordnete der Arzt und so blieb die Versorgung der Kinder zunächst einmal an Martin hängen. Drei Tage konnte er sich im Büro frei nehmen, dann musste es irgendwie gehen. Abends, wenn er von der Arbeit nach Hause kam, kümmerte er sich rührend um seine Familie, Lene half wo sie konnte. Tagsüber sah eine Nachbarin aus dem Haus, eine junge Frau, die selbst einen kleinen Sohn von eineinhalb Jahren hatte, nach den Kindern.
Vier Tage ging es so mehr schlecht als recht, dann stand Friede wieder auf.
Ganz fest hatte sie sich vorgenommen, wenn ihre Liesel zur Schule kam, dann würde sie nach Königsberg fahren. Friede wollte dabei sein am großen Tag ihres kleinen Mädchens. Das war das Wenigste, was sie für sie tun konnte.
Doch als das Frühjahr kam, war alles ganz anders, das Geld war knapp, Martin war im Büro unabkömmlich, auch Lene musste ja zur Schule gehen und Friede konnte die lange Reise nicht mit den Kleinen und einem Säugling allein machen. Außerdem ging es ihr auch gesundheitlich noch nicht wieder so gut. Seit der Entbindung hatte sie sich noch nicht wieder richtig erholt.
So kam statt der Familie Granz zu Liesels Einschulung nur ein Päckchen mit einer süßen Karte für Liesemarie und einem langen Brief für Auguste und Elsa Berger.
Darüber konnte sich Liesemarie allerdings nicht so richtig freuen. Ihr wäre es weitaus lieber gewesen, wenn Eltern und Geschwister an ihrem ersten Schultag bei ihr gewesen wären, wenigstens die Mutter. Für Liesel war dieser Tag doch viel schwerer als für die anderen Kinder in ihrer Klasse. Jeder konnte sehen, dass sie krank war, und sie war das Älteste, aber das Kleinste der Mädchen. Wie schön wäre es gewesen, wenn die Mutter hier wäre, sie trösten könnte, dafür hätte sie alles gegeben!
Aber sie war ja schon ein großes Mädchen, Tante Elsa und die Großmutter hatten es ihr doch erklärt, warum ihre Muttel nicht kam, nicht kommen konnte. Das musste sie schon verstehen. So ging sie denn zwischen den Beiden am ersten Tag in die Schule und sie schenkten ihr eine Tüte mit Süßigkeiten im Namen der Eltern und Geschwister.
Am Nachmittag saßen die Drei in der Küche zusammen, Auguste Berger hatte zur Feier des Tages einen Kuchen gebacken, und sie schwatzten und Tante Elsa erzählte von ihrem ersten Schultag, an dem sie vor Aufregung auf dem Schulhof gestolpert sei und sich die Knie aufgeschlagen hatte.
Später packten sie Liesels Fibel und das Rechenbuch in Papier ein, damit sie nicht schmutzig würden. Nun begann auch Liesel sich langsam auf die Schule zu freuen.
Anfang August 1926 wurde der der kleinste Granz-Junge in der Maria Magdalena Kirche auf den Namen Hannes getauft. Martins Familie war auch diesmal nicht gekommen. Martin stand am Taufbecken und schluckte seine Trauer und seinen Groll mühsam hinunter. Friede stand neben ihm, blickte in seine Augen und ahnte, welcher Kampf nun wieder in seinem Herzen tobte. Ihre Blicke begegneten sich, Martin ergriff ihre Hand und drückte sie. Er hatte seine Entscheidung nicht bereut, er brauchte Friede an seiner Seite, egal was kam, sie war der wichtigste Mensch in seinem Leben. Ohne diese Frau wollte er nie mehr sein, ganz gleich was seine Familie nun tat oder nicht tat. Der kleine Hannes weinte, als seine blonden Haare nass wurden. Tante Elsa, die ihn als Patentante über das Taufbecken hielt, schaukelte ihn. An ihrer Seite stand die kleine Liesel. Gemeinsam waren sie für eine Woche nach Breslau gekommen.
Liesemarie hatte große Sehnsucht nach den Eltern und Geschwistern, vor allem aber nach der Mutter. Seit fast einem Jahr war sie nun schon in Königsberg. Es sah nicht so aus, als ob sie bald wieder für immer nach Breslau käme. Den neuen Bruder
sah sie zum ersten Mal, und die Geschwister waren gewachsen.
Mit Sievert konnte sie sich richtig gut unterhalten und die kleine Uschi rannte ihr überall hin nach. Oh, wie gern würde sie hier bleiben. Bei der Großmutter und Tante Elsa gefiel es ihr gut, aber das Heimweh war dennoch zu ihr gekommen und ließ ihr oft keine Ruhe. Dann dachte sie an ihre Muttel, Papa, Lene, Sievert und Uschi, und nun würde sie auch an Hannes denken.
Leider brauchte sie noch immer Hilfe und Unterstützung im Alltag und die Mutter hatte mit den kleinen Geschwistern genug zu tun, so dass auch Lene ihr oft helfen musste. Nun, vielleicht ging es ja im nächsten Jahr besser. Liesel hoffte es so sehr. Sie gab sich ja so viel Mühe, schnell gesund zu werden. Doch das Korsett war sie noch nicht los geworden, denn obwohl sie es ständig trug, war ihr Rückgrat noch immer verkrümmt. Die Ärzte in Königsberg sagten, sie brauche eben viel Geduld, ihre Knochen seien noch immer zu weich.
Und so fuhr das kleine Mädchen fünf Tage später mit der Tante wieder zurück nach Königsberg. Tieftraurig saß sie am Fenster des Waggons und winkte mit einem weißen Taschentuch. Dicke Tränen kullerten ihre Wangen hinab, herzzerreißendes Schluchzen drang aus ihrer kleinen Brust. Wie lange würde sie ihre Muttel diesmal nicht sehen? Wann durfte sie denn endlich wieder nach Hause, wann war sie gesund? Wie lange musste sie noch darauf warten, bei ihren Geschwistern zu sein, mit ihnen zu spielen, zu lachen? Sie wollte endlich so wie alle Kinder sein, gesund, lebendig, fröhlich spielen, ihre Schwestern und Brüder jeden Tag um sich haben, bei ihrer Mama und Papa sein, endlich eine richtige Familie haben. Sie wollte nie wieder weg, nie, nie wieder!! Wann war es endlich so weit?
Friede war mit zum Bahnhof gekommen, auf die Kinder gab die junge Nachbarin acht, und so konnte auch sie sich die Zeit dazu nehmen. Sie winkte dem Zug leichenblass hinterher. Liesels Gesicht mit den großen, traurigen Augen und den Tränen auf den Wangen ging ihr den ganzen Tag nicht mehr aus dem Sinn.
Ende September fand wieder ein sehr langer und ausführlicher Brief seinen Weg von Breslau in die ehrwürdige Stadt Königsberg, ein sehr liebevolles seitenlanges Schreiben, in dem unter anderem davon die Rede war, dass wieder ein kleines Wunder der Liebe in Breslau geschehen würde, auf das man sich schon sehr freue. Mitte März wäre es soweit und man sei sicher, dass auch Liesel und die Bergers ihre Freude teilten.
Doch die kleine Liesel konnte sich nicht wirklich darüber freuen. Na schön, sie bekam also mal wieder ein neues Geschwisterchen, ja das war schön, aber wie viel lieber wäre es ihr, sie, Liesel, könnte wieder zurück nach Breslau, wäre wieder bei ihrer Mama und den Geschwistern. Wäre das für sie nicht das wunderbarste aller Wunder? Oh, wie sehr wünschte sie sich das, wie oft bat sie darum, doch nichts geschah.
Weihnachten kam schnell heran. Liesel hatte inzwischen schon fleißig gelernt, sie war ein kluges Mädchen und brachte nur gute Zensuren mit. So verwunderte es nicht, dass Großmutter und Tante sehr stolz auf sie waren. Dabei hatte es das Mädchen wirklich nicht leicht, denn es gab genügend Kinder, die sie hänselten und mit Schimpfwörtern bedachten. Mit viel Mühe kämpfte sie dagegen an, versuchte die Kinder für sich zu gewinnen, was allerdings furchtbar schwer war.
Umso mehr freute sie sich auf den Weihnachtsmann. Tante Elsa musste ihr jeden Abend die Weihnachtslieder vorsingen, welche auch ihre Muttel immer in der Vorweihnachtszeit gesungen hatte, wenn sie alle um den leuchtenden Adventskranz herum gesessen hatten, wenn es nach Tannennadeln und Plätzchen geduftet hatte. Ach, war das wunderschön gewesen! So wunderbar, so wie ein fernes Märchen. Ihre Muttel hatte eine sehr schöne Stimme und Liesel hatte immer andächtig gelauscht, später hatte sie mitgesungen. Nun saß sie mit Tante Elsa und der Oma und es klangen dieselben schönen, feierlichen Lieder. Doch oft war ihre Kehle dann wie zugeschnürt und ihre Stimme wurde immer leiser.
Zusammen hatten sie eine wunderschöne Karte geschrieben, Liesel hatte sie ausgesucht. Das Christkind, ganz in helles Licht getaucht, war darauf zu sehen, mit Spielzeug im Arm. Ein Mädchen und ein kleiner kniender Junge beteten und blickten erwartungsfroh auf die Gaben. So eine schöne Karte hatte Liesel bis dahin noch nie gesehen. Und ein kleines Päckchen für Eltern und Geschwister hatten sie gepackt. Das werden sie Weihnachten erhalten. Und Liesel malte sich ihre Gesichter aus, wenn sie es auspacken würden, ihre Augen schwammen in Tränen.
Liesel war sich ganz sicher, dass sie sich darüber freuten, denn Tante Elsa hatte ihr erzählt, dass es die Eltern nicht leicht hatten, mit nur sehr wenig Geld musste die inzwischen recht große Familie ernährt werden. Und es waren keine guten Zeiten für Familien mit vielen Kindern.
In diesem Jahr war Weihnachten sehr kalt. Am Heiligabend hatte Martin noch eine kleine, etwas krumme Fichte gekauft, die als einziger Baum gegen Nachmittag noch zu kriegen war und wohl deshalb fast umsonst war. Mehr hätte er auch nicht ausgeben können, doch einen Weihnachtsbaum wollte er schon für seine Kinder haben. Als er damit nach Hause kam, waren seine Finger ganz steif, der Frost war auch am Tag recht spürbar. Aber es war schön draußen, kalt und klar, die Sonne schien. Er freute sich auf den Abend, denn wie immer zu Weihnachten sorgte Friede für Wärme, Behaglichkeit und Harmonie. Ein Fest ohne sie konnte er sich gar nicht mehr vorstellen. Und in diesem Jahr würde zum ersten Mal auch Hannes unterm Baum sitzen und staunen. Schon jetzt konnte er seine großen freudigen Augen vor sich sehen, die sich am Weihnachtsbaum förmlich festsaugen würden.
Nur eine fehlte, die kleine Liesel. Heute Abend würden sie das kleine Päckchen auspacken, alle gemeinsam, welches das Mädchen zusammen mit seiner Schwägerin Elsa und der Schwiegermutter geschickt hatte. Er wusste, dass Friede oft an die Kleine dachte und sie viel lieber hier gehabt hätte. Und er wollte gar nicht wissen, wie viele heimliche Tränen seine Frau schon deswegen geweint hatte. Auch ihm tat es sehr leid, was mit dem Mädchen geschehen war, doch sie hatte es besser dort in Königsberg. Daran mussten sie immer denken, so schwer es ihnen auch fiel.
Der März war zur Hälfte vorbei, als Friede an einem Donnerstag gegen Mittag mit den Kindern zum Krämerladen lief. Sie brauchte Mehl, Zucker und Milch für die Kinder, und ein paar weitere Kleinigkeiten. Heute Mittag wollte sie ihrer Rasselbande Pfannkuchen backen, die mochten sie gern, vor allem Lene. Sie ließ dafür alles andere stehen.
Draußen war es nicht besonders kalt. Friede hatte die Kleinen aber trotzdem warm angezogen, besonders Hannes, der im Wagen saß. Denn was sie im Moment zu aller letzt gebrauchen konnte, war, ein krankes Kind pflegen zu müssen. Jeden Tag konnte es soweit sein. Wenn es nach den Kindern ging, dann konnte es lieber heute als morgen kommen, das neue Geschwisterchen.
Nur Lene war in letzter Zeit öfter still und in sich gekehrt, was man von dem lauten und fröhlichen Mädchen sonst gar nicht kannte. Ja, sie hat auch immer genug zu tun mit den Kleinen, seufzte Friede in sich hinein. Doch das ist nun einmal so, wenn man die Älteste ist. Sie hatte das am eigenen Leib spüren müssen, wie es ist, wenn man der Mutter helfen muss mit den jüngeren Geschwistern. Es hatte nicht immer Freude gemacht. Und wie traurig war sie gewesen, wenn sie statt mit den Freundinnen spazieren zu gehen Wäsche austragen musste. In diesen Gedanken versunken war sie an dem Geschäft angekommen, Lene mit Sievert und Ursula an der Hand war die Erste, Friede, die den Wagen mit dem kleinen Hannes schob, kam unmittelbar danach. „Guten Morgen, Frau Granz!”, grüßte die freundliche Frau Haber hinter dem Ladentisch, als die Glocke schellte. Sie mochte fünf, sechs Jahre älter sein als Friede und ihr Mann besaß den Laden schon bevor Friede hierher gezogen war.
„Ach Frau Haber, einen schönen guten Morgen auch!”, erwiderte Friede.
„Wir brauchen heute nicht viel. Aber mein Mann erhält erst heute Abend sein Geld. Könnten Sie uns das Wenige heute bitte anschreiben? Ich schicke dann auch gleich die Lene, wenn er kommt.”
Frau Haber nickte.
„Nehmen Sie nur was Sie brauchen, das geht schon in Ordnung, Sie zahlen doch sonst immer gleich. Hm, Frau Granz, nun kommt wohl auch das Kind bald? Es sieht ganz so aus, ja? Da haben Sie ganz schön zu tun, nicht wahr? Ich meine, Sie mit den ganzen Kleinen. Aber wissen Sie was? Schicken Sie doch einfach die Lene mit ‘nem Zettel. Und wenn was zu schwer wird für das Mädchen, dann kann ja unser Junge mal helfen. Das ist ein ganz Lieber und Fleißiger, unser Olaf, der macht das gern.”
Friede war vor Freude rot geworden. Das war ein wunderbarer Vorschlag. Zumindest in der ersten Zeit nach der Entbindung würde ihr das viel helfen. Die Frau Haber wusste gar nicht, wie viel. Sie drückte der Frau zum Abschied die Hand und verließ mit einem freundlichen Gruß und den Kindern das Geschäft. Ihre Einkäufe packte sie mit zu Hannes in den Wagen und hob die kleine Ursula noch mit obenauf. Sievert hielt sich am Wagen fest und Lene lief neben der Mutter.
Doch keine zwanzig Meter weiter durchfuhr ein starker, ziehender Schmerz Friedes Leib. Sie blieb stehen und presste ihre Hände dagegen. Schwer und stoßweise kam ihr Atem. Es war soweit! Sie lehnte sich an die Hauswand. Nur einen Augenblick! Lene blickte sie angstvoll an. Hoffentlich kam sie noch gut nach Hause! Friede holte mehrmals tief Luft und löste sich von der Wand.
„Kommt Kinder, eure Muttel muss nach Hause! Laufen wir weiter!”, presste sie hervor, schob den Wagen weiter und zog die Kinder mit.
Lene sah die Mutter von der Seite an und blieb immer dicht neben ihr.
Als sie vor dem Haus in der Grünstraße ankamen, hielt sich Friede einen Moment an der Hauswand fest, bis die nächste Wehe vorbei war.
Familie Krüger aus dem zweiten Stock im Vorderhaus trat gerade mit ihren beiden dreizehn - und fünfzehnjährigen Jungen zur Haustür heraus. Man wollte zum Bahnhof den Cousin von Herrn Krüger und dessen Ehefrau abholen. Frau Krüger hatte die Situation sofort erfasst und gemeinsam halfen sie Friede, den Wagen und die Kinder ins Haus zu bringen und Friedes Einkäufe in der Küche zu verstauen. Lene zog Ursula und Sievert die Jacken aus und brachte sie in das Zimmer, in dem sie früher mit Liesel gewohnt hatte, und das sie nun mit den beiden Kleinen teilen musste, was ihr überhaupt nicht gefiel. Frau Krüger kümmerte sich indes um Hannes und Friede. Der Junge weinte und wollte sich nicht von Frau Krüger beruhigen lassen, die ihn auf dem Arm durch die ganze Küche trug, von einer Ecke zur anderen und um den Tisch herum zum Fenster. Sie schaukelte ihn hin und her dabei und sang ihm ein Lied. Doch es war nichts zu machen, der Junge wollte zu seiner Mutter.
„Lassen Sie nur, Frau Krüger. Ich nehme ihn gleich wieder auf den Schoss, im Moment geht es ja wieder besser.”, meinte Friede gequält lächelnd.
Um keinen Preis wollte sie sich etwas anmerken lassen. Doch Frau Krüger wusste es besser.
„Frau Granz, aber wenn die Wehen stärker werden, brauchen Sie hier jemand. Die Lene kann Ihnen allein mit den Kindern auch nicht helfen. Wann kommt denn Ihr Mann nach Hause? Sicher erst abends. Und haben Sie denn schon etwas gegessen, und die Kinder?!”, fragte sie besorgt und aufgeregt.
Friede schüttelte den Kopf.
„Ich wollte ihnen Pfannkuchen backen, wenn wir vom Einkauf zurück sind. Und das werde ich auch gleich tun.”, verkündete sie und erhob sich schwerfällig von ihrem Stuhl.
Aus dem hellbraunen Küchenschrank holte sie einen Steinkrug und stellte ihn auf den Tisch, dazu einen Quirl, Mehl, Eier, Milch, Schmalz und die eckige Salzdose aus Porzellan mit dem Holzdeckel. Eine große Pfanne hing an der Wand über dem Herd, in dem noch ein kleines Feuer glimmte, an das sie vor dem Einkauf vorhin nachgelegt hatte.
Gerade als sie den Teig im Krug quirlte und Frau Krüger den kleinen Hannes einigermaßen beruhigt hatte, zerriss ein erneuter heftiger Schmerz ihren Bauch, dass sie vor Schreck nach Luft schnappte und sich am Tisch festhalten musste.
„Jetzt ist es aber gut!”, rief Frau Krüger erschrocken.
„Lassen Sie das jetzt! Den Kindern werde ich das Essen machen.
Sie kümmern sich um sich! Erst werde ich das Feuer etwas anheizen, wir müssen nicht nur Pfannkuchen backen, auch genug heißes Wasser werden wir brauchen. Die Lene kann dann inzwischen mal zur Hebamme laufen. Weiß sie den Weg dahin?” „Ja, sie war schon mehrmals mit dort. Das schafft sie, im September wird sie ja schon elf, ein großes Marjellchen.” Friede senkte den Kopf:
„Aber Frau Krüger, es tut mir so leid, dass ich Sie hier mit einspanne! Hoffentlich ist ihr Mann noch rechtzeitig zum Bahnhof gekommen, nicht dass Ihre Verwandtschaft auf ihn warten musste. Sie haben sicher auch genug zu tun, wenn Sie Besuch kriegen. Und nun sind Sie hier und helfen stattdessen mir! Ich kann Ihnen nicht genug danken! Was sollte ich jetzt ohne Sie tun?”
Dankbar sah sie die Krüger an.
„Danke können Sie später sagen, wenn alles gut vorbei gegangen ist! Das tu ich doch gern! Wie sollte das auch gehen, Sie allein mit den Kindern?”, meinte diese resolut und strich Friede über den Arm.
„Ja!”, seufzte Friede.
„Mein Mann wollte sich frei nehmen im Büro, aber das geht leider erst ab morgen. Heute früh hatte ich schon so ein Gefühl, so als ob es bald los geht. Aber ich dachte, bis zu Habers Laden kann ja nichts passieren, das ist nicht so weit. Ja, doch dann ging es auf dem Rückweg los. Nur gut, dass ich Sie vor dem Haus getroffen habe!”
Frau Krüger lachte, etwas Ähnliches sei ihr bei ihrem jüngsten Sohn auch passiert, deshalb könne sie das sehr gut verstehen. Als aus dem Zimmer der Kinder ein lautes Getöse zu hören war, lief die hilfsbereite Frau hinüber, den kleinen Hannes auf ihre Hüfte geklemmt.
Nach sechs qualvollen Stunden nickte die alte Hebamme zufrieden und hielt ein bläulich violettes, kräftig schreiendes, kleines menschliches Wesen in die Höhe.
„Es ist ein Junge! Ein kräftiger, gesunder Junge, Frau Granz!
Herzlichen Glückwunsch!”, sagte sie in ihrer ruhigen Art. Dann ging es ans Baden und Wiegen, ehe sie den Säugling, in frische weiße Tücher gewickelt, in Friedes Arme legte. Die begrüßte ihr jüngstes Kind genau so wie sie alle ihre Kinder begrüßt hatte und wünschte ihm viel Glück für sein Leben. Und bald nahm wieder ein Brief mit der genauen Beschreibung des geschehenen Wunders seinen Weg ins ferne Königsberg, wo Auguste und Elsa Berger und die kleine Liesemarie sich kopfschüttelnd und stöhnend in die Arme fielen.
Doch Liesels kleines Herz hüpfte auch vor Freude, denn Mitte August sollte die Taufe des kleinen Bruders sein und sie durfte dann mit der Oma und Tante Elsa nach Breslau zu den Eltern fahren, sie durfte wieder ihre Muttel drücken, durfte ihr ganz nah sein und den Geschwistern, und Papa . Das war wie Weihnachten, nur viel, viel schöner!
Doch bis dahin war noch eine lange Zeit, Liesel würde die Tage zählen.
Die kleine Uschi war schon mächtig aufgeregt, denn heute würden sie alle in die Kirche gehen und ihr jüngster Bruder erhielt seinen Namen. Gestern waren Tante Elsa und die Oma mit der Eisenbahn gekommen, sie war mit dem Papa auf dem Bahnhof gewesen und hatte die Beiden abgeholt. Und auch ihre Schwester Liesel hatten sie mitgebracht, die Mama hatte zu Hause geweint, als sie das Mädchen umarmt hatte. Uschi runzelte die Stirn. Das konnte sie nicht verstehen. Warum hatte die Mama da geweint?
Sievert unterbrach ihren Gedankengang indem er mit seinem Holzauto gegen ihr Bein fuhr.
„Tüüt, tüüt, rüber gehen! Hier ist die Straße, Uschi, du kannst nicht hier stehen, du musst aus dem Weg! Tüüt, tüüt, jetzt komme ich doch. Ach, mit Mädchen kann man nicht spielen, die haben keine Ahnung.”, meinte der kleine Kerl.
