Jörn Pfeifer
SOKO Brücke
Der Frauenmörder von Leipzig
über den Autor
Jörg Pfeifer arbeitet seit über drei Jahrzehnten als Journalist, Filmemacher und Doku-Regisseur. Er hat für viele Fernsehsender Reportagen über Kriminalfälle gedreht. Manche Fälle begleitet er jahrelang – bis endlich eine TV-Dokumentation oder ein Buch entsteht.
“Mich interessieren nicht nur die Tatumstände und die Fahndung nach dem Täter. Mich interessiert vor allem die menschliche Komponente. Warum tut ein Mensch das, was er tut? Und was macht das mit ihm?“
Geboren in Bayern, lebt und arbeitet Jörg Pfeifer seit vielen Jahren in Leipzig.
IMPRESSUM
1. Auflage 2025
© 2025 by hansanord Verlag
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ISBN E-Book: 978-3-947145-95-9
ISBN Buch: 978-3-941745-96-6
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Leuchtreklame
Baufolie
21. April 2016 – Tag 0
Tag 0 – 18:10 Uhr
Tag 0 – 18:31 Uhr
22. April 2016 – Tag 1
22. April 2016 – Tag 1, 11 Uhr 10
Atmen
Tag 1 – 14 Uhr 45
18 Uhr 45 – Tag 1
Fünf Zitronen
00:05 – Tag 2
2. Mai 2016 – Tag 11
Innereien
Rechtsmedizin
Tauchen
7. Mai 2016, 17:34 – Tag 16
Holzverschlag
Das große Ganze, Teil 1
Knochen
11. Mai 2016, 4:35 Uhr – Tag 20
Tag 21
Köder
28. Juni 2016 – Tag 68
8. Juli 2016
28. Juli 2016. Leichenteile im Baggersee
Markkleeberg im Herbst
24. November 2016 – Tag 217
Blue Moon, 29. November 2016, Nachmittag
2. Dezember 2016
Grüne Gardine
Mitte Dezember 2016
Verwesung
Kurz vor Weihnachten
Portugiesische Puddingtörtchen
Neustart
Dimitroffstraße
Vernehmung. 22. Februar 2017
Rückschlüsse
26. Februar 2017
Das große Ganze, Teil 2 – Tag 312
Apostelhaus
Das kleine Gesicht
28. Februar 2017 – Wohnhaus Demmeringstraße
28. Februar 2017 – Apostelhaus
Box 13
29. November 2016
Der Stückelmord
Blue Moon, Endersstraße. Mitternacht.
Das große Ganze, Teil 3
Zu Hause
Verachtung
Bruder
Grenzen
Maria
Fischgräten
Nina
Urteil – Tag 683
Tachi
Nachwort
Bildteil
Dank
Vorwort
Als ich 2016 zum ersten Mal einen Presseartikel zu diesem Fall las, ging es mir wie vielen anderen Leipzigern: Ich empfand pures Entsetzen. Wie konnte jemand eine solche Tat begehen? Wie konnte ein Mensch einem anderen Menschen so etwas antun? Nicht irgendwo auf der Welt, sondern direkt in meiner, in unserer Nachbarschaft?
Durch Kriminalromane und Filme sind wir geschult, hinter einer solchen Tat eine Welt des Bösen zu vermuten. Einen Wahnsinnigen, einen Ritualmörder, einen gefährlichen Trieb- und dazu womöglich noch einen Serientäter.
Abgründe ziehen die Menschen an, auch mich. Als Filmemacher habe ich im Laufe der letzten zwanzig Jahre eine lange Reihe an TV-Reportagen und Crime-Dokumentationen gedreht. 2021 bekam ich den Auftrag, einen zweiteiligen Film über den »Leipziger Frauenmörder« zu drehen, von dem dieses Buch handelt. Mir war das Grauen noch in Erinnerung, das ich fünf Jahre zuvor empfand, als die Polizei lange Zeit erfolglos nach dem Unbekannten fahndete.
Während der Dreharbeiten interviewte ich die Ermittler und Kriminaltechniker, den leitenden Staatsanwalt und Menschen, die in irgendeiner Form von der Geschichte betroffen waren. Ich sprach mit Menschen, die Täter und Opfer kannten.
Am Ende lag das wahre Grauen in der Banalität der Umstände. In ihrer furchtbar normalen Alltäglichkeit. Es entstand ein Bild des Täters, der Lebensumstände und Hintergründe, die plötzlich gar nicht mehr so fremd waren.
Meine Motivation für dieses Buch war, einen Blick auf die (mögliche) Entwicklungsgeschichte der Taten zu werfen. Wenn so etwas überhaupt möglich ist.
Doch bei allen Erklärungsversuchen: Tötungsverbrechen sind in letzter Konsequenz nicht zu begreifen. Es mag Gründe für eine Tat geben, doch sie letztendlich auszuführen, führt in ein psychisches Geflecht, das kaum zu durchdringen ist.
Ziel des Buches ist es auch, die einzelnen Schritte der polizeilichen Ermittlungen zu schildern. Herausgekommen ist ein Tatsachenroman, ein Gedankenspiel zu einem Aufsehen erregenden Fall. Jedoch kein journalistisch korrekter Bericht.
Die Ermittlungsdetails stimmen, soweit ich sie recherchieren konnte, mit der tatsächlichen Fahndung der Jahre 2016 und 2017 überein. Einige wenige Punkte habe ich aus dramaturgischen Gründen verändert. Den tatsächlichen Verlauf der Ermittlung beeinflussen die Hinzufügungen nicht.
Die vielen Gespräche, die ich während der Recherche zur FilmDokumentation und später zu diesem Buch geführt habe, zeichneten mehr oder weniger detaillierte Bilder der handelnden Personen. Diese Eigenschaften und Wesensmerkmale habe ich versucht, in den fiktiven Teilen widerzugeben – so, wie sie sich mir dargestellt haben. Diese Eindrücke sind natürlich subjektiv und kommen der Realität nur bedingt nahe.
Die Ermittlungsarbeit der Polizei ist bei komplexen Kapitalverbrechen ein Zusammenspiel unterschiedlichster Fachrichtungen. »Nur mit einem guten Team können Sie einen solchen Fall aufklären und eine angemessene Strafe erwirken«, sagte mir Kriminaldirektor Lutz Mädler in einem Gespräch. Er war einer der beiden Leiter der SOKO Brücke, die 2016 und 2017 nach dem Täter fahndete. Denn auch das Urteil ist maßgeblich von der Qualität der Ermittlung und Spurensicherung abhängig. Ohne belastbare Spuren, belegbare Theorien zu Tatabläufen, glaubhafte Aussagen und Gutachten kann ein cleverer Verteidiger für seinen Mandanten ein Strafmaß erwirken, das der tatsächlichen Tat womöglich nicht angemessen ist.
Um die Erzählung greifbarer, die Fahndung nachvollziehbarer zu machen, habe ich einige der im Buch handelnden Ermittler erfunden. Sie bestehen aber im Kern aus den vielen engagierten Kriminalbeamten, die ich im Laufe der Jahre im Rahmen von Recherchen und Dreharbeiten kennen gelernt habe. Diejenigen Ermittlungsbeamten und Mediziner, von denen ich die echten Namen verwende, haben dies genehmigt.
Die Zitate aus den Interviews, die ich mit ihnen geführt habe, sind mit einem individuellen TC (Timecode) versehen. Das vereinfacht das Auffinden der jeweiligen Stelle in den umfassenden Abschriften.
Die Namen der Opfer, ihrer Angehörigen und Freunde wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes verändert.
Um den Text lesbarer zu halten, wurde auf das Gendern verzichtet. Wenn ich von Polizisten, Ermittlern usw. schreibe, sind immer weibliche UND männliche Personen gemeint.
Leuchtreklame
Sie saß in der Ecke, hinten rechts, an einem dieser versifften, hellbraunen Tische, die aus irgendeiner Brauerei-Ausstattung übriggeblieben waren. Manche Schmiererei auf der Tischplatte konnten selbst schärfste Putzmittel nicht entfernen. Unförmige Herzchen, Hakenkreuze und Brandflecken. Die Tische klebten. Schon mittags, wenn der Laden aufmachte. Es interessierte niemanden.
In der Kneipe roch es nach Bier und Zigarettenqualm, der sich manchmal vom Eingang und den Rauchern dort draußen in den Gastraum hereinschlich.
Zu Hause.
Sie hatte diesen scheuen, unsteten Blick … und das dritte Bier vor sich.
Sie tippte irgendwas in ihr 2er Galaxy und murmelte leise vor sich hin. Flüsterte fast. Sie konnte auch anders. Jeder hier hatte das schon erlebt. Aber noch war bei ihr alles ruhig. Der Abend hatte gerade erst begonnen.
»Maria, willste ’nen Schnaps rein? Geht vor 6 aufs Haus!«, rief Max, der Wirt, von der Bar herüber.
»Hastwohlngutntag, Max?«, grinste Mario. Jeder nannte ihn den Gipser. Warum auch immer.
»Na klar. Heute issn super Tag. Warum nicht?«, brummte Maria mit rauchiger Stimme.
Das Henne-Ei-Problem. Super Tag, weil der Schnaps gratis war … oder andersrum, dachte der Mann am Spielautomaten und warf zwei Euro ein. Als Maria sich den Schnaps von der Theke abholte, blickte sie zu ihm hinüber und lächelte. Er lächelte zurück.
Hinter ihrem schon etwas trüben Blick verbargen sich hübsche Augen. Augen, die lächeln konnten und leuchten. Sie bemerkte seinen Blick und zwinkerte. Sein Puls stieg.
Unverhofft blieben fünf Herz-Damen zitternd vor ihm stehen. Mit einer armseligen Fanfare rasselten ein paar Euro-Münzen in das Gewinnfach des Automaten.
»Bist wohl auf der Gewinner-Straße!«, rief ihm Maria mit heiserer Stimme von der Theke aus zu.
»Hey Kurt, haste gehört? Sie hält dich fürn Gewinner!«, rief Max.
»Gewinner … für ’n Arsch!«, murmelte Ärmel vor sich hin. Offenbar ohne Zusammenhang. Er saß schon seit Mittag an der Theke.
Mit einer Handvoll Zwei-Euro-Münzen kam Kurt von den Spielautomaten zur Theke. »Krieg ich auch ’n Gratis-Schnaps?«
»Für Gewinner-Typen ist Happy Hour vorbei!«, stellte Max klar. Logik.
»Dann noch ’n Helles. Und für Maria auch noch.« Er schob drei Münzen über die Theke.
»Obrigado, amigo!«
Max stellte zwei Bier auf die Theke und zwinkerte Maria zu. »Prösterchen.«
Mit jedem weiteren Bier stieg die Stimmung. Kurt hielt sich zurück, zumindest bei den Schnäpsen. Von dem harten Zeug vertrug er nicht viel. Ganz anders Mario, der Gipser. Erst jenseits von zwei Promille sprach er zusammenhängende Sätze. Sätze wie: »Wollt ihr mein Arsch-Tattoo sehen?«
* * *
Kurz nach 21 Uhr verließen Kurt und Maria das »Blue Moon«. Sie hielt sich rechts an Kurt, links am eisernen Handlauf fest und wankte die Stufen vor dem Eingang hinunter. Ärmel stand draußen und rauchte eine.
»Der Mond ist wie ’ne Leuchtreklame für den Laden!«, brummte er.
»Vollmond. Ist für Romantiker und Werwölfe«, sagte Uli, der neben ihm stand und an einer Selbstgedrehten zog. Uli hatte von allem Ahnung. Hatte mal studiert. War bei der Bahn. Nach einem Schlaganfall kam er nicht mehr richtig auf die Beine.
»Bist wieder ’n ganz Cleverer, Uli! Werwölfe. Für ’n Arsch!«
Maria zog ihre Jacke zu, pulte ihr goldenes Halskettchen hervor und drapierte es mit fahrigen Bewegungen über dem Reißverschluss. Dann hakte sie sich bei Kurt ein und sie schlenderten die Endersstraße hinunter. »Aber voll isser. Ganz schön voll«, sagte Kurt und schaute zum Mond. Maria lachte heiser.
Es ging in ein kräftiges Husten über. Sie wischte sich die filzigen Haare aus dem Gesicht. Einige verfingen sich in der Kette. »Puta merda! Puta merda …« Husten.
Kurt sah sie von der Seite an. Nein, schön war sie nicht. Schön war anders.
Aber er lächelte.
Baufolie
Der rasende Puls bereitete ihm Kopfschmerzen. In kleinen Schritten gewann er wieder Kontrolle. Er schloss die Augen, versuchte an nichts zu denken, alles auszublenden. Dann blickte er sie an.
Die Schnittwunde sprang zaghaft auf. Das Messer war ungeeignet. Zu wenig Kraft. Das würde zu lang dauern. Und funktionierte an den Gelenken vermutlich gar nicht. »Arbeite mit dem richtigen Messer!«, erinnerte er ihn.
Als der Motor hochfuhr, verzog sich der Kater tief unter das Regal. Viel mehr Möglichkeiten, sich zu verstecken, hatte das Tier in dem kleinen Zimmer nicht.
Es floss weniger Blut, als er gedacht hatte. Es sammelte sich in den
Falten der grauen Baufolie. »Alles auffangen, hörst du?«
Er traf den Knochen oberhalb des Schenkelhalses. Die Trennscheibe fraß sich durch. Keine fünf Sekunden.
»Jetzt das andere Bein.« Ging genauso schnell.
Dann der Arm rechts, der Arm links.
Umdrehen. Vorsichtig, damit das Blut nicht von der Baufolie fließt. Schon passiert. Lappen. In der Kaufland-Tüte.
Dann Bauchhöhle mit dem Messer öffnen. »Halte das Messer flach! Achte auf die Eingeweide, Junge!«
Kein Blick ins Gesicht. Das kleine goldene Kettchen baumelte in der Achselhöhle.
»Sieh zu, dass du alles rausbekommst. Die Innereien verwesen zuerst. Dann erst die Wirbelsäule.« Stück für Stück in die Toilette. Der Geruch war ihm vertraut.
Lärm vor der Wohnungstür. Dumpfes Kichern. Er schloss die Augen, atmete. Der Puls war ruhig. Niemand klopfte.
Stille.
Der Kater konnte seinen Blick nicht von dem geschundenen Körper lassen.
Als Nächstes die Wirbelsäule durchtrennen.
Torso und Kopf lagen auf der Bauchseite. Er schlug alle Teile in die Baufolie ein. Dann noch eine drüber.
Geschafft. »War ein kräftiges Stück Arbeit. Kannst dich gleich ausruhen. Aber reinige vorher noch das Werkzeug.«
Das Messer. Zurück in die Schublade. Schwierig, das raue Eisen der Trennscheibe sauber zu bekommen.
Das Blut auf dem Vinylboden war einfacher zu entfernen. Wischwasser lief in die kleinen Ritzen. Noch die Badezimmerfliesen. Da war kaum Blut. Er sparte nicht mit Reinigungsmittel. Er hatte viel Zeit. »Jedes Detail ist wichtig, Junge!«
Er schrubbte die Dusche und die Toilette. So lange, bis er zufrieden war. Bis er nichts mehr roch.
Dann schloss er die Augen und hörte auf seinen Atem. Er war völlig ruhig.
Unsicher kam der Kater unter dem Regal hervor. Reste eines Spinnennetzes klebten in seinem Fell. Er schnupperte an einigen Stellen.
Der Trennschleifer kam zurück in die Kaufland-Tüte. Die Flasche mit dem Reiniger in den Putzeimer. Der Lappen in den Müll.
Der Kater entspannte sich und nahm einen Schluck aus dem Wasserschälchen.
Alles war gut.
Nichts war gut.
Alles wurde immer schlimmer.
21. April 2016 – Tag 0
Johannes Neiss saß in seinem Büro und blickte niedergeschlagen hinaus auf die Leipziger Probsteikirche und das Rathaus. Der Ausblick war gut, keine Frage, die Innenstadt lag in strahlendem Sonnenschein. Es würde ein schöner Frühlingstag werden.
Allein das Abarbeiten der Vernehmungsprotokolle, die nach dem Mord an einem Reiterhofbesitzer im letzten Dezember angefertigt wurden, frustrierte ihn. Die Neuen hatten immer erstmal übrig gebliebenen Papierkram abzuarbeiten, Akten für die Verhandlungen vorzubereiten. »Mach’sch Kehrwoche!« hieß das damals in Stuttgart. Später in Chemnitz war das nicht anders. Teamwork in Deutschland. Aber es war Arbeit, die gemacht werden musste. Zeugenaussagen vergleichen, Timelines erstellen, Bewegungsprofile herausarbeiten. »Der größte Teil der Fahndung geschieht am Schreibtisch. Seien Sie dankbar für ein helles Büro!«, hatte einer der Ausbilder im Kriminal-Fachlehrgang zu ihm gesagt. Als ob er das nicht wüsste, nach sechzehn Jahren bei der Polizei.
Seit Neiss sechs Wochen zuvor nach Leipzig versetzt wurde, saß er an den Vernehmungen. Zum Kern der Ermittlungsgruppe gehörte er nicht. Noch war man vorsichtig mit dem Neuen aus dem Westen. Wollte ihn noch nicht im engeren Kreis haben. Neiss spürte das in jedem Gespräch.
Im vergangenen Februar, kurz vor Ende seiner Dienstzeit in der Polizeidirektion Chemnitz, war er am Einsatz in Claußnitz beteiligt gewesen. Das machte die Sache nicht einfacher. Der Schutz eintreffender Asylbewerber war für die Beamten damals ziemlich aus dem Ruder gelaufen. Die Polizeiführung schob die Schuld den Flüchtlingen zu, die den rechten Mob vor den Bussen provoziert hätten. Neiss war am Einsatz zwar nicht direkt beteiligt, hatte das harte Vorgehen der Polizei gegenüber den Flüchtlingen aus Syrien aber befürwortet und mitentschieden. Es war ein Fehler.
Und so wie es aussah, war das nicht gut für seine Karriere.
Tage danach hatte er versucht, mit den zum Teil minderjährigen Flüchtlingen Kontakt aufzunehmen. Zu sprechen. Es war ihm ein echtes Anliegen. Aber der Dolmetscher bekam aus den Flüchtlingen nichts raus. Da war nur Stille. Und Angst.
Sein Umzug nach Leipzig hatte mit dem Einsatz in Claußnitz nichts zu tun. Der war schon Wochen vorher in Sack und Tüten. Aber es sah trotzdem irgendwie nach Strafversetzung aus. Man konnte nie wissen, ob irgendwo ein linker Social-Media-Schreiberling nicht doch noch eine Chance auf einen »Aufreger« witterte. Versetzungen nach problematischen Polizeieinsätzen waren immer verdächtig.
Schlechte Presse, das hatte ihm sein Vorgesetzter Andreas Beringer schon bei der Vorstellung in Leipzig klargemacht, das mochte man hier gar nicht. »Schlechte Presse behindert die Ermittlungen.« In Leipzig gab es zwar eine gut funktionierende Pressestelle, die neugierige Anfragen von den Ermittlern fernhielt, doch auch Polizisten lesen Zeitung, scrollen auf Instagram, stöbern auf YouTube und sind vor öffentlichem Druck nicht gefeit. Das kostet Kräfte. Ermittlungen zehren schon genug an den Nerven. »Wir wollen uns voll und ganz auf die Ermittlungen konzentrieren! Warten Sie’s ab. Es gibt Fälle, die passieren nur in New York … oder in Leipzig.«
Bei Beringer wusste man nie so ganz, wann der Schalk durchkam. Aber er grinste. Immerhin.
Tag 0 – 18:10 Uhr
Abends gegen sechs, wenn Rolle seine Runde drehte, ließ er Hermann gern mal von der Leine. Ist in Leipzig sonst nicht so einfach. Kostet. Wenn’s hochkommt bis zu 25.000 Euro. Kommt aber selten hoch und abends sowieso nicht. Vom Cottaweg auf kleinen Pfaden rein in den Wald. Runter zum Elsterbecken.
Manchmal paddeln Biberratten vorbei. Auf die war Hermann ganz heiß. Erwischte sie aber nie.
Ein Flussregenpfeifer flatterte erschrocken zum anderen Ufer hinüber. Ein paar Angler saßen herum und starrten aufs Wasser, das dunkel und träge an ihnen vorbeifloss. Die Angler waren vor allem Exil-Russen. Denen war es egal, ob ein Hund durchs Gestrüpp schoss. Sie hatten sich eine kleine Wohnstube aus morschen Stämmen, Ästen und alten Paletten ins Unterholz gebaut. Ein kleines Versteck. Vor wem auch immer. Vor dem Ordnungsamt oder der Familie – es kam aufs Gleiche raus.
Tief war das Wasser des Elsterbeckens nicht. An einigen Stellen nur 40, 50 Zentimeter. Es floss durch ein riesiges Parkgelände westlich der Leipziger Innenstadt. Das Becken war vor über hundert Jahren als Hochwasserschutz angelegt worden. Durch die Schlickablagerungen wurde es jedes Jahr seichter. In der Mitte des Beckens konnte man schon das Sandbett sehen.
Vom Ufer her ging es seicht ins Flutbecken hinein. Diese Bereiche waren an vielen Stellen dicht mit hohem Schilfgras bewachsen. Dazwischen Rohrkolben. Es war sumpfig und auf zehn, fünfzehn Metern Breite nahezu undurchdringlich.
Da drin steckte jetzt Hermann. Rolle konnte ihn nicht sehen, aber er hörte das Platschen. Und das aufgeregte Quaken einer Stock-Ente. Helfen konnte er seinem Hund nicht, mit seinen 120 Kilo. »Hermann, aber jetze!«, rief er immer wieder ins Dickicht hinein. Hermann war das egal. Er hatte irgendetwas gefunden und kämpfte sich offenbar im flachen Wasser Stück für Stück voran. Erst als Rolle mit der Futtertüte raschelte, ließ Hermann von seiner Entdeckung ab. Er kämpfte sich zum Trampelpfad und kam hechelnd und nass bis zum Halsband zu Rolle zurück.
»Was war ’n dorte, du Klapperkopp?« Rolle leuchtete mit seiner LED-Taschenlampe ins Dickicht, sah aber nichts. Er leinte den Labrador an und keuchte zurück zum Cottaweg. Dann rechts auf die Landauer Brücke. In der schattigen Uferböschung unterhalb der Brücke war kaum etwas zu sehen. Mit grauem Star sowieso nicht. Von oben ließ Rolle das kräftige LED-Licht über die Uferböschung wandern. Die Stock-Ente meldete sich wieder.
Die Landauer Brücke ist 200 Meter lang und steht auf fünf Betonbögen. Neben dem ersten Bogen, ein, zwei Meter vom Brückenpfeiler entfernt, entdeckte er etwas im Wasser. Länglich. Rolle warf ein kleines Betonstück von der Brücke hinunter. Im Wellenschlag sah er, dass sich in den Uferpflanzen ein menschlicher Körper verfangen hatte.
Tag 0 – 18:31 Uhr
Das Telefon klingelte. Elke vom Dauerdienst war dran. »N’abend,
Johannes. Hast du Spät heute?«
»Jep.«
»Am Flutbecken wurde eine Leiche gefunden.«
Neiss spürte das Adrenalin und klappte die Vernehmungsakten zu. »Irgendwas Konkretes?«
»Sie ist nackt und liegt im Wasser. Die Arme fehlen. Mehr weiß ich noch nicht.«
»Okay, ich komme. Ist schon jemand von uns draußen?«
»Wird gerade abgesperrt. Weißt du, wie du hinkommst? Ist direkt auf der Landauer Brücke. Am Stadion vorbei …«
Er zog die Jacke von der Stuhllehne, war in Gedanken schon am Fundort. »Welches Stadion? …« »Na, RB! Hastes nicht so mit Fussball, oder?«
»Wenn man aus Stuttgart kommt …?«
»Stimmt. Ich vergaß … Wir sehen uns draußen.«
Auf der Fahrt durch die Stadt fiel ihm die kleine Frotzelei wieder ein. RB war 2. Liga, VFB erste. So viel wusste er. Diese Sachsen und ihr Nationalstolz …!
Nach wenigen Minuten fuhr er an der RB-Arena vorbei. Hinter ihm ein Streifenwagen mit Blaulicht. Aus der Gegenrichtung kamen ihm viele Pendler entgegen. Die Landauer Brücke war bereits gesperrt, der Feierabendverkehr wurde umgeleitet so gut es ging. Neiss parkte am Sportforum und ging durch die flatternde Absperrung.
Auf der anderen Seite der Brücke, am Cottaweg, sah er Katja stehen. Sie wies gerade den Fahrer eines Rettungswagens der Feuerwehr ein. Die wurden als Unterstützung immer mit rangeholt. Klang aber nicht so, als ob es hier etwas zu retten gab.
Kriminaloberkommissarin Elke Welitz, die heute Bereitschaft beim Dauerdienst hatte, und Beatrix Trenschel von der K41/ Tatortgruppe kamen auf ihn zu. Sie begrüßten sich kurz. Viel gab es im Moment nicht zu tun. Es wurde schon dunkel und die Lampen der Brücke gaben nur ein diffuses, orangefarbenes Licht. Trenschel hatte Gummistiefel an und war auf dem Weg zur Fundstelle. Dort bauten einige Feuerwehrleute bereits Scheinwerfer auf.
»Hat jemand irgendwas gesehen?«, fragte Neiss. »Bisher gibt es nur den Mann, der die Leiche entdeckt hat. Oder besser: Sein Hund hat sie entdeckt!«, antwortete Welitz. »Aber wir wissen noch nicht, ob der Hund auch hineingebissen oder dran gezerrt hat.«
»Ist der Bestatter schon informiert?«, fragte Neiss. »Kommt. Rechtsmedizin weiß auch schon Bescheid«, antwortete Welitz kurz. Katja Werner von Streife 21/16 kam ihnen entgegen. War angespannt. Sie strich kurz über den Handrücken von Neiss. Sie hatten sich im Schichtwechselrhythmus zwei Tage nicht gesehen. Der eine kam, der andere ging.
»Reicht euch das Licht?«, fragte die Polizistin. »Erstmal ja. Und danke für die schnelle Absperrung«, antwortete Welitz. »Jep.«
An der Fundstelle ging es schräg hinab. Zwei Männer der Freiwilligen Feuerwehr Lützschena hangelten sich – mit einem Seil gesichert – hinunter. Im Gestrüpp war es finster, nur die Fundstelle war von den Scheinwerfern taghell erleuchtet. Die beiden Feuerwehrleute hatten eine Trage dabei und stapften durch das morastige Ufer zur Leiche. Die Polizisten schauten von oben zu. Der Körper schaukelte im Wasser und wirkte ungewöhnlich leicht. Die Männer zogen den Körper aus dem Wasser. Der Anblick war grauenhaft. Der Leiche fehlten nicht nur die Arme, der ganze Unterkörper war weg. Die Augen der Toten – vermutlich war es eine Frau – waren zur Hälfte geöffnet. Für einen kurzen Moment sah ihr Neiss in die Augen. Er fror.
Nachdem Feuerwehrleute den Torso auf der Trage festgeschnallt hatten, kämpften sie sich durch das Gestrüpp wieder hinauf zum Fahrweg.
Kriminalhauptmeisterin Trenschel nahm einen blauen Plastiksack aus ihrem Koffer und packte zusammen mit ihrem Kollegen den Torso ein. Beatrix Trenschel war seit drei Jahren bei der Kriminaltechnik. Vorher Bereitschaftspolizei, Streife, Ermittlungsdienst, das ganze Portfolio. Sie hatte viel gesehen. Aber ein derart zerstückelter Körper, das war schon ungewöhnlich.
Den eingepackten Torso übergaben sie dem Fahrer eines Bestattungswagens. Der sollte ihn schnellstmöglich zu Rechtsmedizin bringen.
»Sie kommen bitte danach noch einmal zu uns … falls wir noch etwas finden«, wies Neiss den Fahrer an. »Okay, Scheff. Fehlt ja noch das ein oder andere, Scheff.« Neiss drehte sich um. Sprücheklopfer. Katja Werner hatte zugehört und verdrehte die Augen. Dann ließ sie den schwarzen Wagen durch die Absperrung.
»Wir müssen die gesamte Brüstung der Brücke untersuchen. Vielleicht wurde der Körper von hier oben ins Wasser geworfen«, sagte Welitz mit einem Blick auf das seichte Elsterbecken. Trenschel nickte kurz.
Die Feuerwehr hatte inzwischen weitere Scheinwerfer aufgestellt und leuchtete den Uferbereich großflächig ab. Leichter Nebel stieg vom Wasser auf. »Gespenstisch …«, murmelte Welitz.
Einer der beiden Männer, die kurz zuvor den Torso geborgen hatten, war schon wieder unten am Wasser und suchte unter den Brückenpfeilern. »Hier ist noch was!«, rief er. Dumpf kam seine Stimme vom Sockel des zweiten, im Wasser stehenden Pfeilers. Trenschel hielt sich am Sicherungsseil fest und kletterte hinunter. Der Feuerwehrmann angelte mit einer Stange ein Bein aus dem Wasser. Die Kriminaltechnikerin zog es vorsichtig zu sich heran. Es war an der Hüfte sauber abgetrennt. »Kreissäge«, dachte Trenschel sofort.
Am Bein waren zwei Ziegelsteine mit Draht befestigt »Hat mit dem Versenken nicht ganz geklappt«, dachte Neiss, der von der Brüstung aus zusah.
Trenschel packte das Bein samt Beschwerung in einen blauen Plastiksack und gab das Paket zwei Feuerwehrleuten, die es die Böschung hinauftrugen.
»Ein Puzzle für die Rechtsmedizin …«, dachte Neiss. Er wählte die Nummer von Andreas Beringer, seinem Chef. Vor ihnen lag viel Arbeit. Das »große Besteck« rückte an. Ein weiterer Technikwagen der Feuerwehr traf ein, mit noch mehr Licht. Die weitere Absuche des Ufers aber blieb erfolglos. Noch gab es keine weiteren Leichenteile.
Die Polizeitaucher wurden alarmiert. Früh am nächsten Morgen sollten sie die Suche fortsetzen.
22. April 2016 – Tag 1
Um 7 Uhr begann die erste Besprechung der Leipziger K11 zur Leiche im Elsterbecken. Einundzwanzig Ermittler waren der SOKO Brücke zugeteilt. Einige steckten noch in anderen Fällen. Die volle Stärke würde die Sonderkommission erst in einigen Tagen erreichen.
Neiss saß ganz hinten. Er wollte nicht als Streber rüberkommen, wusste aber neben Elke Welitz natürlich das meiste über die aktuelle Lage. Die Kriminaloberkommissarin war im Moment noch in der Rechtsmedizin, um bei der ersten Leichenschau dabei zu sein. So würde Johannes das Briefing übernehmen.
SOKO-Leiter Andreas Beringer spuckte seinen Kaugummi vorsichtig in ein Papiertaschentuch und ließ beides in den Mülleimer fallen.
»Wer von euch vor vier Jahren in diesem Raum saß, als die zerstückelte Leiche von Jonathan im Elsterbecken gefunden wurde, ahnt, was jetzt vor uns liegt. Von der Leiche, die gestern aufgetaucht ist, gibt es bislang nur den Torso mit Kopf und das rechte Bein. Hinweise auf einen sexuellen oder sogar rituellen Hintergrund haben wir aktuell nicht. Vielleicht kann uns die Rechtsmedizin in Kürze mehr sagen.
Es ist allem Anschein nach die Leiche eine Frau. Am Bein waren zwei Steine mit Draht befestigt. Im Moment gehen die Taucher rein. Sobald sie etwas finden, geben sie Bescheid. Elke und Johannes waren gestern draußen an der Landauer Brücke! Hast du für uns noch ein paar mehr Fakten, Johannes?«
Johannes Neiss berichtete von seinen ersten Eindrücken. »Obwohl die Brücke etwas außerhalb des Stadtkerns liegt, wird sie, neben den Berufspendlern, von vielen Radfahrern und Spaziergängern genutzt. Und von Hundebesitzern, die wie unser ›Auffinde‹-Zeuge durch die Grünanlagen am Ufer schleichen. Wir sollten uns bei den Schaulustigen an der Absperrung mal umhören. Vielleicht hat jemand was gesehen …«
»Kann man schon sagen, wie lange der Körper im Wasser gelegen hat?«, fragte Heck. Ein junger Kollege. Eifrig. Erste SOKO. Neiss hatte in der Vergangenheit hin und wieder Fälle mit Wasserleichen untersucht. Die meisten davon waren Unfälle. »Es sah nicht so aus, als ob die Teile schon sehr lange im Wasser lagen. Aber mehr kann man noch nicht sagen. Wenn Elke von der Rechtsmedizin zurück ist, gibt es vielleicht schon eine erste vage Einschätzung des Arztes.«
Erste vage Einschätzungen sind nicht die Sache unserer Rechtsmediziner, dachte Beringer. »Wir werden sehen …«
* * *
Dr. Carsten Babian, Oberarzt des rechtsmedizinischen Institutes, hatte schon früh am Morgen mit der Untersuchung der Leichenteile begonnen. Zusammen mit einem Kriminaltechniker, einem Vertreter der Staatsanwaltschaft und Elke Welitz, die am Nachmittag ihre Kollegen der SOKO Brücke darüber informieren sollte, was es an ersten Befunden gab.
* * *
Bevor sich die Ermittler zu einer zweiten Sitzung um 17 Uhr verabredeten, wurden noch die nächsten Schritte beschlossen: Passanten und Angler sollten befragt werden, die Tatortgruppe sollte alles sicherstellen, was sie rund um den Fundort – an beiden Ufern des Elsterbeckens – einsammeln konnte. Auch der Einsatz eines Hundes, eines Mantrailers, wurde geplant und für den kommenden Vormittag festgelegt. Zudem sollte ein Vertreter der Pressestelle an der Absperrung stehen. »Die Medien werden nicht lange auf sich warten lassen.« Damit beendete Beringer die erste Einsatzbesprechung der SOKO Brücke. Es war kurz nach 8 Uhr.
Zurück in seinem Büro rief Beringer den zuständigen Staatsanwalt an. Es war notwendig, die Staatsanwaltschaft gleich von Anfang an einzubinden. Jede Maßnahme musste juristisch abgesichert werden. Und wie es aussah, würde es eine Menge aufwändiger Maßnahmen geben. Keiner von ihnen ahnte jedoch, welche Herausforderungen mit diesem Fall vor den Beamtinnen und Beamten der SOKO Brücke lagen.
Nach der Frühbesprechung fuhr Neiss zusammen mit Simon Heck hinaus zur Landauer Brücke. Als sie dort gegen 8:45 Uhr eintrafen, war einer der Polizeitaucher bereits im Wasser. Seine Pressluftflasche war zu sehen. Am Ufer und in der Mitte des Beckens war es seicht. Dazwischen lag eine etwas tiefere, ausgebaggerte Fahrrinne.
Interview Polizeitaucher Matthias S., geführt im Juni 2021 – 5 Jahre nach der Tat.
TC 04:16:29
»Das Wasser im Elsterflutbecken fließt und es ist nicht sehr tief, an einigen Stellen maximal 3 m, aber es ist sehr schmutzig. Man hat also fast null Sicht. Man hat Sichtweiten gehabt von 20 cm, der Untergrund ist sehr schlammig, und sobald man da unten etwas aufwirbelt, dann ist wirklich null Sicht. Man sieht nichts mehr. Man kann nur noch tasten.«
Es war kühl an diesem Morgen. Neiss fror schon wieder. Zu früh die Wintersachen weggehängt, dachte er. Für eine einfache Softshell ist es noch deutlich zu frisch. Aber er war froh, draußen zu sein. Die frische Luft tat ihm gut. Er staunte über die Stille. Der Berufsverkehr floss durch die Absperrmaßnahmen an anderer Stelle in die Stadt. Ein Aggregat brummte leise am gegenüberliegenden Ufer … Das Schlauchboot der Taucher tuckerte zum Ufer zurück. Ein zweiter Taucher war jetzt im Wasser.
»Wir kommen nur langsam voran«, klärte ihn der Einsatzleiter der Taucher auf. »Das Flutbecken ist voller Schlick, Sand und verwesender Pflanzenreste. Naja, dazu kommt alles, was die Leipziger halt so reinwerfen. Ein Fahrrad, Stühle, ’ne gefüllte Thermoskanne und zwei, drei Knäuel von Angelschnüren haben wir schon rausgeholt.«
»Nehmen wir alles mit!«, rief Beatrix Trenschel, die Kriminaltechnikerin, im Vorbeigehen. Sie und ihr Team waren ebenfalls seit 7 Uhr in der Uferböschung unterwegs und sammelten alles ein, was irgendeinen Hinweis auf denjenigen liefern konnte, der die Leichenteile ins Wasser »verbracht« hatte, wie es im Polizeijargon hieß. Diverse Flaschen, Bierdosen, einige Werkzeuge, einen Schuh und viele aufgeweichte Zigarettenstummel hatten sie bereits in Spurensicherungsbeutel verpackt und für die Untersuchung im Labor vorbereitet.
* * *
Im Sektionssaal 1 des Leipziger Institutes für Rechtsmedizin wurden zur gleichen Zeit der Torso, der Kopf und das rechte Bein des Leichnams untersucht.
»Wieder mal ganz schönes Gedränge bei euch!«, feixte der anwesende Staatsanwalt. Er klang dumpf unter seiner Atemmaske. Er nestelte daran rum, bis sie dicht anlag. Wenn die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass es sich um ein Tötungsverbrechen handelt, verteilen sich sechs bis acht Personen in blauen OP-Anzügen um den Sektionstisch. Der süßliche Geruch im Saal war nicht angenehm. Man musste sich immer wieder neu daran gewöhnen.
Die Körperteile der unbekannten Toten hatte noch keiner von ihnen gesehen. Erst jetzt wurden sie aus den Plastiksäcken herausgeholt, in denen sie am Abend zuvor in das Institut gebracht worden waren.
Stille.
Auch wenn sie alle schon viel gesehen hatten: Der Anblick war schockierend. Jegliche Farbe war aus den Körperteilen gewichen. Die Venen und Adern längst ohne Blut. Das Bein – knapp 90 Zentimeter lang – wirkte wie das Bein einer riesigen Puppe. Sah aus wie Plastik, wächsern. Die Hautschichten sauber durchtrennt, das Körperfett gelblich, grau. Die langen Haare, das Gesicht mit den halb geöffneten Augen, die Brüste: Es waren zweifellos Körperteile einer Frau. Sie war schlank und hatte eine durchaus normale Körpergröße.
Zuerst waren die Kriminaltechniker dran. Sie machten unzählige Fotos, nahmen Faserproben, suchten nach Haaren und Abrieben, die trotz der Liegezeit im Wasser vielleicht noch fremdes DNA-Material trugen. DNA-Material, das nicht zur toten Frau gehörte. Dann schnitten sie die Ränder der Fußnägel ab. Alle Spurenträger wurden vorsichtig verpackt und akribisch dokumentiert. Aufwändige Vorbereitungen für die Analysen in den Labors der Kriminaltechnik.
Danach begann Carsten Babian mit der medizinischen Untersuchung. Zunächst die »Äußere Leichenschau«. Alle Auffälligkeiten wurden vermessen, fotografiert, die Daten und Beobachtungen in ein kleines Diktiergerät gesprochen. Besonders aufmerksam untersuchten Babian und die Ärztin, mit der er die Sektion zusammen durchführte, die Schnittränder an den Schultern und am Oberschenkel des Beines. Dort, wo die Gliedmaßen vom Torso abgetrennt worden waren.
Interview Dr. med. Carsten Babian, Institut für Rechtsmedizin, Leipzig, geführt im September 2021 – 5 Jahre nach der Tat.
TC 00:43:05
»Aufgrund der glattwandige Weichteildurchtrennung war klar, es muss ein sehr scharfes Instrument gewesen sein, am ehesten ein größeres Messer. Die Durchtrennung der Knochen erfolgte durch eine Säge bzw. einen Trennschleifer. Es fanden sich an den Enden der Knochen Spuren, wie sie durch eine schnell rotierende Scheibe verursacht werden. Das war für uns ein Hinweis darauf, dass die Durchtrennung vermutlich mit einem Trennschleifer durchgeführt wurde.«
Die Schnittstellen an den Knochen waren glatt. Die Durchtrennung geschah schnell, in einem Zug, ohne Unterbrechung.
»Was meinen Sie, wann wurden die Körperteile abgetrennt?«, fragte Welitz. »Sie war bereits tot«, antwortete Babian. »Wie groß der zeitliche Abstand zwischen dem Eintritt des Todes und der Zerteilung war, kann ich noch nicht sagen.«
»Und diese Schnitte?«, fragte Welitz und zeigte auf zwei Schnittstellen, die etwa 4,5 Zentimeter lang und einen Zentimeter tief waren. »Ebenfalls erst nach dem Tod«, sagte Babian.