Sonnenkreis - Jörg Kastner - E-Book

Sonnenkreis E-Book

Jörg Kastner

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Beschreibung

Eine junge Frau im Strudel der Zeit und das Geheimnis von Mozarts »Zauberflöte«: Zum ersten Mal in Wien, um die Pamina in Mozarts »Zauberflöte« zu singen, vermischen sich für die junge Sopranistin Pamela bald Vergangenheit und Gegenwart. Auf geheimnisvolle Weise gelangt sie ins Wien des 18. Jahrhunderts, als einfache Putzmacherin. Ein unheimlicher Frauenmörder streift durch die nächtlichen Gassen, auch Pamela muss um ihr Leben fürchten. Denn ohne ihr Wissen ist sie in eine Verschwörung hineingeraten, in deren Zentrum Freimaurer und ihre Rituale stehen. Auch Wolfgang Amadeus Mozart scheint eine mysteriöse Figur in diesem Spiel zu sein. Pamela aber wird klar, dass der Weg zurück in ihre eigene Zeit nur über ihn zu führen scheint. Und die junge Sängerin ist nicht nur von Mozarts Musik angetan – doch kann sie ihm, der selbst ein Freimaurer ist, auch trauen?

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Seitenzahl: 565

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Jörg Kastner

Sonnenkreis

Roman

Für Corinna zur Erinnerung an Wien

1. Kapitel

Alles begann an einem sonnigen Mittwoch im August, als ich gerade mal vierundzwanzig Stunden in Wien war. Eben noch hatte ich mich im Theaterfoyer unbeschwert den Journalistenfragen nach meiner Meinung zur Wiener Opernwelt und nach meiner Interpretation der Pamina gestellt, da trat durch eine unscheinbare Seitentür zu meiner Linken Marcus zurück in mein Leben, so unerwartet, dass mir buchstäblich die Spucke wegblieb und meine letzte Antwort in einem unverständlichen Krächzen endete. Den Journalisten entging meine plötzliche Erregung nicht, und als sie Marcus bemerkten, brach ein Blitzlichtgewitter los, prasselten von allen Seiten Fragen auf ihn herab. Ich war, zumindest vorübergehend, vergessen, und das machte mich alles andere als unglücklich. Denn auch mich interessierte, was eine blond gefärbte Journalistin Marcus auf Englisch zurief: »Mr. Reardon, was tun Sie in Wien?«

»Nur die Ruhe, meine Damen und Herren! Mr. Reardon wird all Ihre Fragen beantworten – nacheinander!«

Die Antwort kam auf Deutsch und nicht von Marcus. Der Koloss von Mann, der sich hinter ihm durch die Tür zwängte, war Professor Karl-Leopold Lohner, der Intendant des nagelneuen Pegasos-Theaters. Obwohl seine unglaublichen Fleischmassen den grauen Dreiteiler bei jedem Atemzug zu sprengen drohten, bewegte er sich erstaunlich leichtfüßig durch die Schar der Journalisten.

Verwirrt sah ich zu, wie Marcus und Lohner rechts von mir auf dem Podest Platz nahmen. Dann wandte ich den Kopf nach links, zu Susan. Ein Blick in ihr leicht gerötetes Gesicht zeigte mir, dass sie nicht minder verblüfft war. Im Gegensatz zu Susan und mir hätten Marcus und Lohner nicht gelassener sein können. Sie hatten diesen Auftritt offenbar gut vorbereitet, hatten die Journalisten, Susan und mich überrumpelt wie eine in den Hinterhalt gelockte feindliche Armee. Während ich, um meine Unsicherheit zu verbergen und Zeit zu gewinnen, etwas zu hastig das Glas Mineralwasser leerte, das man mir vor Beginn der Pressekonferenz gebracht hatte, wurde mir klar, dass ich das Opfer eines abgekarteten Spiels war, dass man mich vor vollendete Tatsachen stellen wollte.

Die blondierte Journalistin setzte sich durch, diesmal auf Deutsch: »Was hat Mr. Reardons überraschendes Erscheinen zu bedeuten? Ich dachte, Professor Harbiger soll die ›Zauberflöte‹ inszenieren.«

Sie fixierte Lohner, der ruhig die fleischigen Hände auf der weit vorgewölbten Kugel seines Bauches verschränkte. Mit sonorer Stimme erwiderte er: »Es hat ein paar kleine Unstimmigkeiten mit Professor Harbiger gegeben. Um den Premierentermin nicht zu gefährden, haben wir den Vertrag in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst. Zum Glück ist es unserem Theater in der gebotenen Eile gelungen, in Mr. Reardon einen, wie ich sagen möchte, mehr als vollwertigen Ersatz zu finden.«

»Mr. Reardon wird also die Oper inszenieren?«, vergewisserte sich die Journalistin.

Marcus beugte sich leicht vor und schenkte ihr sein unwiderstehlichstes Lächeln, während er mit starkem amerikanischen Akzent auf Wienerisch säuselte: »Ich habe die Ehre, Gnädigste.«

Gelächter wurde laut, und einige Journalisten spendeten sogar Beifall. Die Blondine starrte Marcus an, sie schien sich ganz in seinem Bann zu befinden. Ich verstand, wie sie sich fühlte. Nur zu gut verstand ich es.

Und dann wurde den Journalisten die Brisanz des eben Gehörten klar, und ihre Fragen prasselten auf mich nieder. Wie es sei, wieder mit Marcus zusammenzuarbeiten? Ob wir unseren Streit begraben hätten. Ob ich mich auf die Zusammenarbeit mit ihm schon lange gefreut hätte. Als ich ihre neugierigen Gesichter einfach nur anstarrte, schien ihnen zu dämmern, dass ich von Lohners und Marcus’ Erklärung ebenso überrascht war wie sie.

Susan sprang in die Bresche, wie sie es immer tat, wenn ich nicht weiterwusste: »Miss Morton ist von der Reise ein wenig erschöpft und wird sich jetzt zurückziehen. Professor Lohner und Mr. Reardon stehen Ihnen weiterhin zur Verfügung. Vielen Dank für Ihr Verständnis.«

Wir verließen den Raum durch einen Nebenausgang; ich kam mir vor wie eine Verbrecherin auf der Flucht. Erst als wir im Taxi zum Hotel saßen, atmete ich ein wenig auf.

Wir hatten eine der teuersten Suiten im Hotel Ambassador. Der Blick ging hinaus auf die breite, belebte Kärntner Straße und auf die Silhouette Wiens mit dieser beeindruckenden Mischung aus alten Türmen und Dächern und modernen Hochhäusern. Kaum hatten wir die Suite betreten, schlug das Telefon an, passenderweise mit der Melodie von Mozarts Kleiner Nachtmusik.

Susan ging zum nächsten Apparat, aber ich rief: »Geh nicht dran! Er ist es sicher!«

»Wer, Pam? Sprichst du von Marcus?«

»Von wem sonst!«

Susans grüne Augen musterten mich zweifelnd. »Du siehst Gespenster, Kleines.«

Ich mochte es nicht, wenn sie »Kleines« zu mir sagte. Für mich kam es einer Verwandlung gleich, aus Freundinnen wurden Mutter und Tochter. Es war nicht unpassend, war Susan doch beides für mich, Freundin und Mutterersatz. Aber ich mochte nicht behandelt werden wie ein kleines Mädchen, vielleicht, weil es mich an meine Zeit auf Grainers Schule erinnerte.

Susan nahm den mattschwarzen Hörer ab, meldete sich mit einem knappen »Hallo?« und nannte ein paar Sekunden später ihren Namen.

War Marcus am anderen Ende der Leitung? Ich versuchte, die Antwort in ihrem Gesicht zu lesen, vergeblich. Und auch aus ihren Worten ging es nicht hervor. Sie beschränkte sich auf kurze, zumeist einsilbige Bemerkungen, während der Anrufer sich offenbar in wahren Wortschwällen erging.

Nervös wandte ich mich um und blickte durch das breite Fenster hinunter auf Wien. Im Gegensatz zu Susan kannte ich die Stadt nur aus Reiseführern. Berlin, London, Paris und die Metropolitan Opera in New York waren die bisherigen Stationen meiner Karriere. Zu Wien hatte ich mich aus einem unerklärlichen Gefühl immer hingezogen gefühlt, als hätte ich eine angeborene Sehnsucht nach Fiakern, Kaffeehäusern, Heurigen und Schrammelmusik. Aber persönlich kannte ich die Stadt erst seit vierundzwanzig Stunden – und was hieß da schon kennen?

Unten auf der Kärntner Straße schien, angelockt vom sommerlichen Wetter, halb Wien zu flanieren. Touristen wie Einheimische bestaunten die Auslagen von Juwelieren und Luxusboutiquen, die im Freien aufgestellten Tische der Kaffeehäuser waren dicht umlagert, und vor den Ständen der Eisverkäufer hatten sich lange Schlangen gebildet. An mehreren Plätzen buhlten Straßenkünstler um Aufmerksamkeit. Fast direkt unter unserer Suite schwitzte ein Streichquartett im Rokoko-Look: gepuderte Perücken, goldbetresste Röcke, enge Kniehosen, weiße Seidenstrümpfe und schwarze Spangenschuhe.

Die Doppelglasfenster und der allgemeine Straßenlärm verschluckten die Musik, aber mein Blick ruhte lange auf den vier Männern. Mir war plötzlich flau im Magen, und ein eigentümliches Gefühl ergriff von mir Besitz, überschwemmte mich wie eine Flutwelle. Ein Déjà-vu-Erlebnis, und zwar ein ziemlich verrücktes: Die Straße unter mir veränderte sich, moderne Gebäude nahmen ein altertümliches Aussehen an. Auch die Menschen verwandelten sich, auf einmal ähnelten sie den vier Streichern. Statt T-Shirts trugen die Männer lange Gehröcke, statt leichter Sommerhosen die engen, dicht unterm Knie abschließenden Hosen des 18. Jahrhunderts. Und die Frauen: Luftige Blusen und kurze Röcke verschwanden zugunsten rüschenverzierter Kleider mit kuppelförmig ausladenden Röcken, Tüllhauben krönten turmartige Frisuren. Menschen aus einer anderen Zeit!

Sie gingen an mir vorüber, und ich hörte ihre Stimmen. Ich stand nicht länger als Beobachterin hoch über ihnen an einem Fenster. Auch das Hotel Ambassador war verschwunden. Mein Standort war mitten auf der Straße, zwischen klappernden Pferdefuhrwerken und Menschen in Kleidern, die anachronistisch auf mich wirkten, aber nicht wirklich fremd. Es waren die Kleider, Häuser und Menschen meiner Zeit – jedenfalls für den Bruchteil einer Sekunde, bis eine durchdringende Stimme den Traum zerstörte.

»Pam, was ist los? Du stehst da wie hypnotisiert!«

Langsam drehte ich mich zu Susan um. Sie hatte den Telefonhörer noch in der Hand und betrachtete mich mit befremdetem Blick. Fast hätte ich laut losgelacht, so komisch war der Anblick. Das Telefon wollte so gar nicht zu ihrer Kostümierung passen. Nicht zu dem mit goldenen und silbernen Stickereien überfrachteten Kleid, das in einer gigantischen Glocke von Reifrock mündete. Nicht zu der weißblonden Turmfrisur mit kunstvoll in den Nacken gerollten Locken, die mit Schleifen und Bändern geschmückt war wie ein Weihnachtsbaum. Nicht zu dem bunten Fächer, den sie in der anderen Hand hielt. Nicht zu dem mit unnatürlich viel Rouge und einem fingerkuppengroßen Schönheitsfleck maskierten Gesicht. Sie sah aus wie im Karneval. Ich hatte Susan noch nie so gesehen, und doch schien sie mir auch in dieser Aufmachung vertraut. Die Lippen in dem rougegetünchten Gesicht öffneten sich, aber die Worte gingen im Rauschen des Wasserfalls unter, der plötzlich in meinem Kopf ertönte. Gleichzeitig begann sich das Zimmer um mich herum zu drehen, tanzten die Einrichtungsgegenstände wie entfesselte Derwische. Der Fußboden raste mir entgegen, als wollte der dunkelblaue Teppich mich verschlingen.

»Ausweichen!«, riet mir eine innere Stimme.

Zu spät! Ich fiel zu Boden, und der wilde Tanz endete in einer heftigen Kollision. Ein stechender Schmerz in meinem Kopf löschte alles andere aus.

Schmerz war Gegenwart, Schmerz war Vergangenheit. Schmerz war ein so fester Bestandteil meines Lebens, dass er mir ganz normal erschien. Seelischer Schmerz ebenso wie körperlicher Schmerz. So normal wie das Zwitschern der Vögel morgens in den Wäldern am Deerhunter Lake. Wie das Rauschen der mächtigen alten Kiefern und Pappeln, wenn die Herbststürme über die Rocky Mountains fegten. Wie das Kichern von uns Mädchen, wenn wir unter uns waren. Und wie das schreckhafte, angstvolle Verstummen, wenn wir draußen auf dem Gang die schweren, schleppenden Schritte hörten.

Die Schritte von Mr. Grainer. Raymond O.R. Grainer. Ich hatte nie herausgefunden, wofür das »O.R.« stand. Aber es machte sich gut, verlieh dem Namen Gewicht. Ein »Ray Grainer« hätte Schuhverkäufer oder Tankwart sein können, nicht aber ein »Raymond O.R.«, sicher nicht. Der Name war so wuchtig wie alles an ihm: seine Art zu gehen, seine Holzfällerstatur mit den riesigen Händen, seine tiefe Stimme, die wie über den Bergen heranrollender Donner klang. Und wie sein fester Griff, wenn die Wut ihn übermannte. Zwischen den Pranken eines Grizzlys gefangen zu sein, konnte nicht schmerzhafter sein. Aber Schmerzen waren wir gewohnt, die hoffnungsvollen Mädchen im GHMGG – in »Grainer’s Home for Musically Gifted Girls«.

Fast meine ganze Jugend verbrachte ich dort. Meine frühe Kindheit hatte ich so gut wie vergessen. Sie gehörte zu einem anderen Leben, das mit dem schrecklichen Unfall meiner Eltern ein jähes Ende gefunden hatte. »Weihnachtstragödie auf dem Highway 76«, hatten die Zeitungen getitelt, wie ich Jahre später nachlas. Drei Tage vor dem Fest wollten meine Eltern für die letzten Weihnachtseinkäufe nach Denver fahren. Es war kalt und regnerisch, das richtige Wetter für plötzlich auftretendes Glatteis. So erklärte es sich die Polizei, als sie an den Unfallort kam. Mammy und Dad waren tot. Die Medien nannten es einen Glücksfall, dass ich bei einer Nachbarin, Mrs. Simpson, zurückgelassen worden war. Ich hatte es später oft anders gesehen, besonders als ich mangels näherer Angehöriger in Grainers Heim für musikalisch begabte Mädchen kam. Bis heute weiß ich nicht, wie Grainer auf mich aufmerksam wurde.

»Big Ray hat vielleicht in einem Zeitungsbericht über den Unfall deiner Eltern gelesen, dass du schon im Kindergartenalter als Wunderkind bezeichnet wurdest«, versuchte Cora meine Anwesenheit im GHMGG zu erklären.

Cora Wilson kam kurz nach mir dorthin. Grainer hatte sie in einem Waisenhaus aufgespürt, wo Cora ihr ganzes bisheriges Leben verbracht hatte, nachdem ihre unverheiratete Mutter bei ihrer Geburt gestorben war. Wie Grainer auf sie gekommen war, blieb uns ebenfalls ein Rätsel. Aber als musikalisch begabt galten wir beide. Bei mir war es die Stimme, bei Cora das Talent zum Geigespielen. Ob mit Hilfe von Talentscouts oder aufgrund übersinnlicher Fähigkeiten, ich war sehr froh, dass »Big Ray«, wie wir Grainer unter uns nannten, Cora in die Einsamkeit der Berge geholt hatte. Sie wurde meine beste Freundin, das, was später Susan für mich bedeutete. Susan, die ich in jener Weihnachtszeit kennenlernte, als Cora starb.

Es war kurz vor Weihnachten, und in diesem Teil der Berge tobte ein heftiger Schneesturm. Trotz der Musik hörten wir das Tosen des Windes, das wütende Rütteln an den geschlossenen Fensterläden und immer wieder das Aufschlagen abgerissener Zweige auf dem Hausdach, ein Geräusch wie das Klatschen von Ohrfeigen. Zuckten einige der Mädchen deshalb jedes Mal zusammen, wenn ein Ast aufs Dach fiel? Erinnerten sie sich dabei an die strafenden Hände von Mrs. DeBourn, die jetzt am Bühnenrand stand und die Generalprobe fürs Weihnachtskonzert mit ihren stets wachsamen, kalten Augen beobachtete? Ganz in Schwarz gekleidet – eine andere Farbe gab es für sie nicht –, wirkte sie wie ein Dämon. Jedenfalls auf uns, die wir Mrs. DeBourn fürchteten wie der Teufel das Weihwasser.

Raymond Grainers rechte Hand war allgegenwärtig, schien niemals zu schlafen und alles zu wissen, was im Heim vor sich ging, selbst wenn es hinter verschlossenen Türen geschah. Erzählten wir uns in einer Pause tuschelnd einen unanständigen Witz, verrichteten wir die uns zugeteilte Hausarbeit nicht ordentlich, beschädigten wir versehentlich ein Musikinstrument, wir konnten sicher sein, dass Mrs. DeBourn es erfuhr und uns zur Rechenschaft zog. Eine Woche Strafdienst in der Küche oder beim Wäschewaschen war dann noch eine milde Sühne. Schlimmer waren Mrs. DeBourns Standpauken. Wenn sie uns mit eisigem Blick und nicht minder kalter Stimme unsere Undankbarkeit gegenüber dem großherzigen Raymond O.R. Grainer vorhielt. Am schlimmsten aber war es, wenn die fast immer kühl und beherrscht wirkende Mrs. DeBourn explodierte. Wenn ihre knochigen Hände in unseren Gesichtern landeten, schnell, hart, schmerzhaft, und brennende Wangen hinterließen, mit Tränen gefüllte Augen, verängstigte Herzen. Noch Tage später schreckte man bei dem geringsten Laut zusammen, der an das erinnerte, was Mrs. DeBourn »eine kleine Zurechtweisung« nannte.

Unter ihren wachsamen Augen geriet die Generalprobe zu einem Martyrium, als wären die Mädchen durch das Unwetter nicht schon genügend verunsichert gewesen.

»Und wofür der ganze Aufwand? Wenn der Blizzard tobt, kommt zu Weihnachten kein Schwein hierher, um unser Konzert zu hören, schon gar nicht die ehrwürdigen Damen und Herren aus Buttons und von der Stiftung.«

Das flüsterte Cora mir zu, während wir hinter der Bühne auf unseren Auftritt warteten. Dabei grinste sie, als wäre es ihr nur recht, wenn wir vor leeren Rängen auftreten müssten. Die seit Wochen andauernden Proben, die fast fertige Dekoration im Konzertsaal, das Einkaufen und Vorbereiten von Essen und Getränken, alles für die Katz, eine bittere Schmach für Big Ray und die verhasste Mrs. DeBourn.

Das Weihnachtskonzert im GHMGG hatte schon Tradition. Die oberen Zehntausend, wohl eher zweihundert an der Zahl, aus Buttons warfen sich in Schale, um uns zu beehren. Buttons war der nächste größere Ort in den Bergen. Eigentlich war es überhaupt der nächste Ort – und auch der einzige. Zumindest für uns. Es galt bereits als Ereignis, wenn eine von uns mal zum Einkaufen nach Buttons mitgenommen wurde.

Ebenfalls zum Konzert kamen jedes Jahr ungefähr zwanzig Vertreter der »Stiftung«, wie wir sagten. Vermutlich war es auch nicht ansatzweise die korrekte Bezeichnung. Aber da wir gehört hatten, dass Grainers Heim durch Spenden und ähnliche Geldquellen finanziert wurde, nannten wir es so. Die Abgesandten dieser für uns nicht ganz durchschaubaren Organisation hießen bei uns Mädchen auch »die Weihnachtsmänner«, ganz gleich ob es sich um Männer oder Frauen handelte. Weil wir sie nur zu Weihnachten zu Gesicht bekamen, und weil sie für jede von uns Geschenke mitbrachten. Letzteres war der weitaus angenehmste Aspekt der ganzen Veranstaltung.

»Wenn wir Weihnachten vor leeren Plätzen auftreten, beißt die DeBourn sich in den Hintern«, fuhr Cora kichernd fort. »Obwohl sich das kaum lohnt, nur Haut und Knochen. Der fette Arsch von Big Ray wäre vielleicht appetitlicher.«

»Nicht so laut, Cora!«, zischte ich. »Du weißt, dass Mrs. DeBourn besser hört als der gesamte CIA-Abhördienst.«

»Aber nicht bei dem Krach.«

»Meinst du den Sturm oder die Musik?«

Cora sah mich mit hochgezogenen Brauen an, dann grinste sie. »Beides, wenn du mich fragst. Musizieren finde ich wunderschön, aber bei ›White Christmas‹ und ›Jingle Bells‹ muss ich kotzen.«

Kurz darauf stand sie auf der Bühne und spielte mit der Routine einer erfahrenen Violinistin. Vielleicht war es auch nur ihre Abneigung gegenüber der Weihnachtsmusik, die den Eindruck übergroßer Lässigkeit hervorrief. Zweimal konnte sie ein Gähnen kaum unterdrücken, während sie spielte. Oh Gott, wenn sie sich doch nur etwas zusammengerissen hätte!

Die Quittung erhielt sie ein paar Stunden später, als wir zu Bett gehen wollten. Vier Mädchen schliefen auf unserer Stube, neben Cora und mir noch Hannah Bidwell und Jayne Dobbs. Wir hatten gerade unsere Nachthemden übergestreift, da schwang die Tür auf, und Mrs. DeBourn betrat den Raum, der mir auf einmal viel zu klein vorkam.

Mein Herz klopfte im Stakkato, mein Puls raste. Den drei anderen Mädchen ging es vermutlich ebenso. Noch Jahre später schämte ich mich über die Erleichterung, die ich verspürte, als Mrs. DeBourns länglicher Kopf sich Cora zuwandte.

»Cora Wilson, ich habe mit dir zu reden!«

Das war keine bloße Mitteilung, sondern ein Befehl, ihr zu folgen. Ein Befehl, der keinen Widerspruch duldete. Trotzdem versuchte Cora es: »Ich … bin schon im Nachthemd, Mrs. DeBourn.«

Sie bemühte sich um einen festen Tonfall, konnte das Zittern in ihrer Stimme aber nicht ganz unterdrücken.

Mrs. DeBourn sah sie kalt an. »Ich habe Augen im Kopf.« Damit drehte sie sich um und verließ den Raum.

Cora warf mir einen letzten, verzweifelten Blick zu, bevor sie Mrs. DeBourn folgte.

Wir anderen löschten das Licht, wie es Vorschrift war, und gingen zu Bett. Ich weiß nicht, wie es Hannah und Jayne erging, aber ich konnte aus Sorge um Cora kein Auge zumachen. Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn, und meine Hände krallten sich krampfartig in die Bettdecke. Mir war speiübel. Ich glaubte, mich jeden Augenblick übergeben zu müssen.

An jenem kalten Dezemberabend, als der Schneesturm ums Haus tobte und die Angst mich im Würgegriff hielt, hatte ich das Gefühl, dass die Zeit unendlich langsam verrann, Sekunde für Sekunde für Sekunde. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, bis die Tür geöffnet wurde. Ohne das Licht anzuschalten, betrat jemand den Raum und schloss die Tür wieder. Ich erkannte Cora, als sie in den fahlen Lichtschein trat, der durch die Ritzen der Fensterläden fiel. Und bei ihrem Anblick bekam ich einen Schreck. Sie war eins der lebhaftesten Mädchen im Heim, aber jetzt war davon nichts zu sehen. Ihre Züge wirkten kalt, wie abgestorben. War Cora wirklich so bleich, oder war das matte Licht für den Eindruck verantwortlich?

Ohne ein Wort zu sagen, öffnete sie ihren Schrank, streifte das Nachthemd ab und begann sich anzuziehen.

Ich stieg aus dem Bett, legte eine Hand auf ihre linke Schulter und flüsterte: »Was tust du?«

»Ich verschwinde.«

»Jetzt?«, fragte ich nach einer langen Schrecksekunde. »Bei dem Unwetter?«

»Es lässt schon nach«, sagte Cora und zog sich einen dicken Rollkragenpullover über.

»Aber … wo willst du hin?«

»Nach Buttons. Von dort werde ich schon weiterkommen.«

Ihre Stimme und ihr Blick, soweit ich das in dem schwachen Licht sehen konnte, ließen kein Zögern und keine Zweifel erkennen. Ihr Entschluss, das Heim zu verlassen, schien endgültig zu sein. Panik überfiel mich, ohne dass ich hätte sagen können, was mich mehr erschreckte: der Gedanke an das, was Cora da draußen erwartete, oder die Überlegung, was Mrs. DeBourn mit ihr angestellt haben musste, um sie zu so einer Verzweiflungstat zu treiben.

Ich wartete darauf, dass Hannah und Jayne mir beistanden, dass sie die Worte fanden, die mir fehlten, um Cora zurückzuhalten. Aber die beiden lagen mucksmäuschenstill in ihren Betten. Hielten sie sich absichtlich heraus, um nicht bei Mrs. DeBourn anzuecken? Bei dieser Frau, die alles sah, alles hörte und alles wusste. Schon oft hatte ich mir überlegt, dass sie Spitzel unter uns haben musste. Vielleicht auch auf unserer Stube – Hannah oder Jayne?

Cora bückte sich, um ein Paar Schnürschuhe anzuziehen. Ich packte sie am Arm, um sie zurückzuhalten, aber sie schüttelte mich ab wie ein lästiges Insekt. Dann stopfte sie ein paar Habseligkeiten in einen alten Rucksack und schlüpfte in ihre dicke Holzfällerjacke mit den großen roten und schwarzen Karos, die eher zu einem Jungen gepasst hätte.

»Du kommst gar nicht aus dem Haus«, versuchte ich es noch einmal. »Alle Türen sind um diese Uhrzeit fest verschlossen!«

»Aber nicht alle Fenster. Die großen Fenster in der Turnhalle lassen sich leicht öffnen, und schon ist man draußen.«

Cora ging zur Tür. Ich brachte ein fast tonloses »Ich …« hervor, bevor ein dicker Kloß im Hals meine Stimme vollends erstickte.

»Pass auf dich auf«, sagte Cora und umarmte mich kurz, als wäre ich es, die sich auf ein gefährliches Vorhaben einließ. »Nimm dich in Acht vor Mrs. DeBourn!«

Und schon war sie verschwunden, verschmolz ihre schemenhafte Gestalt mit der Dunkelheit des lichtlosen Ganges. In wenigen Minuten würde Cora ganz allein Kälte und Sturm ausgesetzt sein, während ich mich in mein warmes Bett legte. Und doch dachte ich, konnte sie sich kaum einsamer und elender fühlen als ich in dem Moment.

»Sie ist verrückt! Sie wird sich verirren oder von einem umstürzenden Baum erschlagen werden.«

Das war Jayne, jetzt, wo es zu spät war. Hannah stimmte ihr zu und ersann noch allerlei Unglücke, die Cora da draußen zustoßen mochten. Ich achtete nicht auf das Geplapper der beiden. All meine Gedanken kreisten um die Frage, was ich tun konnte. Wenn ich nichts unternahm, ließ ich Cora dann in ihr Verderben rennen? Aber wenn ich Hilfe holte, verriet ich dann nicht meine beste – und einzige – Freundin?

Meine Sorge um Cora war größer als meine Angst, von ihr verachtet zu werden. Ich lief zu Miss Clayfield, unserer Gesanglehrerin, der ich von allen Lehrern am meisten vertraute.

Kurz darauf geriet das Haus in Aufruhr. Das Lehrpersonal und die Monahams, unser Hausmeisterehepaar, wollten erst nicht recht glauben, was ich Miss Clayfield berichtet hatte. Aber als sie Coras Bett leer vorfanden und das offene Fenster in der Turnhalle entdeckten, waren sie endlich überzeugt, dass es sich nicht um einen Schülerscherz handelte. Die männlichen Lehrer und Mr. Monaham zogen sich an und liefen hinaus in den Schneesturm. Der toste mit solcher Gewalt ums Haus, dass der Suchtrupp schnell von den herumwirbelnden, dicken Schneeflocken verschluckt wurde.

Am liebsten wäre ich ihnen nachgelaufen, so wie ich war, im Nachthemd. Miss Clayfield spürte das, hüllte mich in die wollene Stola, die sie sich übergeworfen hatte, und zog mich mit sanfter Beharrlichkeit zurück ins Haus. Auf ihrem Zimmer kochte sie uns eine heiße Schokolade. Sie wollte mich beruhigen, mich ablenken, aber das gelang ihr kaum. Immer wieder sah ich zu der dreieckigen Wanduhr hinüber, deren modernes Design nicht zu dem altmodisch-behaglich eingerichteten Raum passen wollte. Die Zeiger krochen unendlich langsam voran. Irgendwann verebbten Miss Clayfields beruhigende Worte, und wir saßen nur noch still da, lauschten dem allmählich leiser werdenden Heulen des Windes.

Nach einer Ewigkeit, oder zumindest kam es mir so vor, erklangen Schritte auf dem Gang, die vor Miss Clayfields Tür verstummten. Ein paar Sekunden verstrichen, dann ertönte ein zögerliches Klopfen. Hitzewellen durchströmten mich, und mir blieb fast das Herz stehen. Instinktiv wusste ich, dass die Person vor der Tür uns eine wichtige – die entscheidende – Nachricht brachte.

»Ja? Die Tür ist nicht verschlossen.«

Miss Clayfield sprach mit belegter Stimme. Das Warten auf eine Nachricht von Cora zerrte auch an ihren Nerven. Raymond Grainer betrat den Raum, sichtlich bedrückt. Seine aufgeworfenen, fleischigen Lippen bebten, als er nach Worten suchte.

»Das Mädchen … Cora …«, stammelte er. »Eben ist der Suchtrupp zurückgekehrt.«

Miss Clayfield schluckte schwer, bevor sie leise, fast widerwillig fragte: »Und?«

»Sie …« Der massige, sonst so selbstsicher auftretende Heimleiter stockte abermals, blickte hilflos um sich und setzte neu an: »Sie haben Cora gefunden, keine Meile von hier entfernt, am Indian Rock.«

Ich kannte den zerklüfteten Hügel, der sich nahe der nach Buttons führenden Bergstraße erhob. Bei einem Ausflug vor eineinhalb Jahren hatten Cora und ich uns dorthin abgesetzt, um allein zu sein. Die vielen Höhlen im Indian Rock bildeten einen idealen Unterschlupf. Daran musste Cora sich erinnert haben, als sie Schutz vor dem Blizzard suchte.

»Dann lebt sie also?«, atmete Miss Clayfield auf.

Noch bevor Grainer traurig den Kopf schüttelte, las ich die Antwort in seinen Augen.

Die folgenden Tage verbrachte ich wie in einem Fiebertraum. Ich hatte das Gefühl, neben mir zu stehen, konnte an nichts anderes denken als an Cora. Man hatte sie mit gebrochenem Genick in einer Erdspalte gefunden. Sie musste in einer der dunklen Höhlen ausgerutscht sein.

Je näher der Weihnachtstag rückte, desto mehr verwandelte sich meine dumpfe Trauer in Wut. In Wut auf Grainer und Mrs. DeBourn. Auf den Heimleiter war ich wütend, weil der die Weihnachtsvorbereitungen weiterlaufen ließ, mit der schalen Begründung, Cora hätte es so gewollt. Und Mrs. DeBourn, der ich die Schuld am Tod meiner Freundin gab, tat, als ginge sie der ganze Vorfall nichts an. Während des Weihnachtskonzerts stand sie ungerührt am Rand der Bühne, gab den auftretenden Mädchen Anweisungen und applaudierte nach jeder Nummer mechanisch.

Irgendwann konnte ich es nicht länger ertragen. Ich sprang auf und machte meinem Zorn auf Mrs. DeBourn vor versammeltem Publikum Luft. Ich nannte sie eine Sadistin und Mörderin. Immer wieder schrie ich es hinaus, bis mich ein paar Lehrer wegzogen und ins Konferenzzimmer schleppten. Dort fiel sämtliche Energie von mir ab, und ich sackte lethargisch auf einen gepolsterten Stuhl.

Kurz darauf hörte ich auf dem Gang eine Frauenstimme. Ich glaubte, Mrs. DeBourn sei gekommen, um mich zurechtzuweisen. Aber als die Tür geöffnet wurde, sah ich zum ersten Mal Susan Stratford.

»Pam? Pam, wie geht es dir?«

Etwas Ähnliches hatte Susan damals zu mir gesagt, und es war auch jetzt ihre Stimme, die ich wie durch dichten Nebel hörte: gedämpft, irgendwie undeutlich.

Ich schlug die Augen auf und sah dicht vor mir die besorgte Susan. Sie sah fast noch genauso aus wie damals, vor zehn Jahren. Dass sie in den Vierzigern war, konnte ein Fremder allenfalls erahnen. Sie hätte ebenso gut Mitte dreißig oder Anfang fünfzig sein können. Das dunkelblonde Haar war kurz geschnitten und umgab ein schmales, energisches Gesicht mit tief liegenden, geheimnisvollen Augen und schmalen, stets ein wenig ironisch wirkenden Lippen.

Auch der fragende Ausdruck in ihren Zügen erinnerte mich an unsere erste Begegnung in Grainers Schule. Nur saß ich jetzt nicht auf einem Stuhl, sondern lag, halb ausgezogen und bis zur Brust zugedeckt, auf dem großen Bett in meinem Hotelzimmer. Ich fühlte mich wie in Watte gepackt, und als ich sprechen wollte, kam meine Zunge mir schwerfällig vor, wie ein Fremdkörper.

»Wieso liege ich hier?«, brachte ich schließlich hervor. »Der Arzt und ich haben dich ins Bett gelegt, bevor er dir die Spritze gegeben hat.«

»Arzt? Spritze?«

Susan setzte sich auf die Bettkante und strich sanft über mein Haar. »Du bist plötzlich zusammengeklappt. So schnell, dass ich dich kaum noch auffangen konnte.«

Ich erinnerte mich: die Kärntner Straße, das Streichquartett im Rokoko-Look, das seltsame Gefühl, mich plötzlich in einer anderen Zeit zu befinden. Dann musste ich das Bewusstsein verloren haben. Oder besser gesagt: Mein Bewusstsein war vom Unterbewusstsein verdrängt worden, von der Erinnerung an Grainers Schule.

»Wie lange war ich ohnmächtig?«

»Du hast fast fünf Stunden geschlafen.«

»Was?« Ich war erschrocken.

Susan lächelte aufmunternd. »Das lag wohl hauptsächlich an dem Beruhigungsmittel, das der Arzt dir gespritzt hat.«

Ich zog meine Stirn in Falten. »Wäre ein Aufputschmittel nicht besser gewesen? Was war das für ein Arzt?«

»Ein sehr guter, von der Hotelleitung empfohlen. Weißbach ist sein Name. Nachdem er hörte, was auf der Pressekonferenz vorgefallen ist, hat er einen nervösen Zusammenbruch diagnostiziert.«

»Du hast ihm erzählt, dass … von Marcus?«

Meine Stimme klang nicht nur empört, sondern vorwurfsvoll. Das lag an Marcus. Oder eher an meinen Gefühlen für ihn. Ich versuchte, so wenig wie möglich an meine Zeit mit ihm zu denken. Denn obwohl wir den Schlussstrich schon vor zweieinhalb Jahren gezogen hatten, waren meine Wunden noch frisch. Und jetzt musste Susan unter meiner übergroßen Empfindlichkeit leiden.

Sie ließ sich jedoch nichts anmerken, sondern sagte in sachlichem Tonfall: »Soweit ich weiß, unterliegen auch österreichische Ärzte der Schweigepflicht. Eine Kapazität wie Dr. Weißbach wird seinen guten Ruf nicht durch eine Indiskretion aufs Spiel setzen. Außerdem weiß er nichts, was morgen nicht ohnehin in der Zeitung steht. Marcus und Lohner haben die Plattform, die sich ihnen durch die Pressekonferenz bot, sicher bestens genutzt.«

Susans letzte Bemerkung erinnerte mich an den Anruf, und ich fragte sie nach ihrem Gesprächspartner.

Sie lächelte schwach. »Es war nicht Marcus, Kleines, aber so falsch hast du mit deiner Vermutung – oder sollte ich sagen Befürchtung? – nicht gelegen. Es war Lohner. Er hat mir fast ein Ohr abgekaut.«

»Lohner?« Bei dem Gedanken daran, wie der Intendant mit Marcus gemeinsame Sache gemacht hatte, um mir eine Falle zu stellen, kochte Empörung in mir hoch. »Will er mich zum Bleiben überreden?«

»Selbstverständlich.«

»Vergiss es! Spätestens morgen fliegen wir zurück in die Staaten. Es sei denn, du hast bereits einen Rückflug für heute gebucht.«

Susan schüttelte den Kopf. »Angesichts deines Zusammenbruchs erschien mir das nicht angebracht.«

»Es geht mir wieder besser. Du kannst dich also gleich um einen Flug kümmern.«

Ich hörte mich an wie eine missmutige Lady in einem Hollywood-Kostümschinken, die ihre schlechte Laune an ihrer Dienerin auslässt.

Susan trug es mit Fassung. »Lohner sagte, du seist vertraglich gebunden, ganz gleich, wer die ›Zauberflöte‹ inszeniert.«

»Und?«, fragte ich gedehnt. »Du bist meine Managerin und für die Verträge zuständig. Wie ist die Rechtslage?«

»Ein Jurist würde sagen, es kommt darauf an.«

»Soll heißen?«

»Im Vertrag haben wir leider nicht fixiert, dass du nur auftrittst, wenn Harbiger die Oper inszeniert. Aber bei allen Vorgesprächen, und dafür gibt es mehrere Zeugen sowie den Inhalt belegende Schriftstücke, war immer von ihm die Rede. Wir könnten uns auf eine diesbezügliche Zusatzabsprache zum Vertrag berufen, aber das ist eine wacklige Konstruktion. Falls Lohner uns verklagt, könnte es teuer für uns werden.«

»Für unseren Geldbeutel. Aber wenn ich auftrete und mit Marcus zusammenarbeite, wird es teuer für meine Seele.«

Susan sah mich mitfühlend an. »So schlimm ist es?«

»Schlimmer«, sagte ich und senkte den Blick.

Ich brachte es nicht über mich, ihr zu verraten, dass Marcus mir alles andere als gleichgültig war. Ich schämte mich dafür, schämte mich meiner Inkonsequenz und Hilflosigkeit. Vor allem: Susan all das zu sagen, hieß, es mir selbst einzugestehen.

Mit einem Ruck erhob sie sich von meinem Bett. »Also gut, Pam, wir fechten das gemeinsam durch, Seite an Seite, wie wir es in brenzligen Situationen immer tun. Ich werde uns für morgen zwei Plätze nach New York reservieren lassen. Und wenn Lohner Schwierigkeiten macht, schicken wir ihm die besten Anwälte auf den Hals, die unser großes Land zu bieten hat!«

Das war die Einstellung, die ich an Susan so bewunderte. Ihr Elan und ihre Standfestigkeit, wenn sie sich einmal zu etwas entschlossen hatte, waren beispiellos. Und wenn ich in der Klemme steckte, kämpfte sie für mich wie eine Löwin für ihr Junges.

So wie damals in Grainers Schule, als sie sich schützend vor mich stellte, gegen Mrs. DeBourn. Susan, die ich damals noch Miss Stratford nannte, und der ich anfangs skeptisch, ja ängstlich begegnete. Sie gab sich als Angehörige der Stiftung zu erkennen, und das hieß für mich, dass sie auf der Seite von Raymond Grainer stand – und von Mrs. DeBourn. Ich irrte mich gründlich.

Susan fragte mich über die Vorfälle im Heim aus und über die Rolle, die Mrs. DeBourn dabei spielte. Die betrat während unseres Gesprächs den Raum, wurde von Susan aber in scharfem Tonfall wieder hinausgeschickt. Noch nie hatte ich erlebt, dass jemand so mit Grainers rechter Hand umsprang. Noch mehr erstaunte mich, dass die DeBourn sich augenblicklich zurückzog, zwar mit einem giftigen Blick auf Susan und mich, aber ohne Widerworte. Da begann ich zu ahnen, dass ich Susan vertrauen konnte, dass mit ihr ein Hoffnungsschimmer in mein tristes Leben gefallen war.

Es gab keine gerichtliche Untersuchung gegen Mrs. DeBourn, keine Anklage, auch keinen öffentlichen Skandal. Aber Susan Stratford sorgte dafür, dass sie fristlos entlassen wurde. Und besser noch, Susan nahm ihren Platz ein. Von da an wehte ein anderer Wind im GHMGG. Zwar achtete auch Susan auf Fleiß und Disziplin, aber sie behandelte uns verständnisvoll und vor allem fair. Sie milderte das von ihrer Vorgängerin geschaffene Strafsystem erheblich, ausrutschende Hände gehörten der Vergangenheit an.

Von allen Mädchen im Heim war ich diejenige, für die der Wechsel am meisten veränderte. Ich hatte immer das Gefühl, dass Susan ein besonderes Augenmerk auf mich richtete. Vermutlich, so versuchte ich es mir zu erklären, wegen meines mutigen Auftretens gegenüber Mrs. DeBourn. Mit der Zeit wurde ich so etwas wie Susans Lieblingsschülerin.

Als meine Zeit in Grainers Heim endete und ich aufs Konservatorium ging, schmerzte mich am meisten der Abschied von Susan. Doch wir blieben in Kontakt, auch über eine Entfernung von vielen hundert Meilen. Sie kümmerte sich weiterhin um mich, freundschaftlich, fast wie die Mutter, die so früh von mir gegangen war. So überraschte es mich kaum, als sie mir am Beginn meiner Karriere anbot, meine Managerin zu werden. Seitdem waren wir unzertrennlich. In der Opernwelt waren Morton und Stratford als Team ein fester Begriff wie anderswo Laurel und Hardy, Martin und Lewis oder Holmes und Watson.

Auch jetzt war mir Susans Loyalität sicher, obwohl sie meine Entscheidung, Wien umgehend zu verlassen, nicht billigte. Ich kannte sie gut genug, um das zu spüren. Aber als sie sich telefonisch bei der Rezeption nach dem nächsten USA-Flug für den morgigen Tag erkundigte, klang es, als wäre es ihre ureigene Entscheidung. Gute alte, verlässliche Susan!

Ich stand auf, trat ans Fenster und blickte auf Wien, dessen Dächer im Abendsonnenschein leuchteten. Alte Kuppeln und kunstvolle Türme, durchsetzt mit riesigen, modernen Glasfronten. Breite Einkaufsstraßen und enge Gassen, durch die sich Straßenbahnen wanden wie mechanische Würmer. Ich dachte an die Geschichte dieser Stadt, überreich an denkwürdigen Vorfällen und Charakteren. Es war die Stadt von Kaiser Franz Joseph I. und seiner Frau Kaiserin Elisabeth I., genannt Sisi, von Prinz Eugen und Maria Theresia, von Gustav Klimt und Sigmund Freud, von Haydn und Mozart. Schon von den Römern gegründet, hatte Wien den Türken getrotzt, napoleonische Besetzungen ausgehalten und nach dem Zweiten Weltkrieg den Anschluss an Deutschland schnell wieder gelöst. Und Wien galt, noch immer, als Weltzentrum der Musik.

Auf all das hatte ich mich gefreut, ich hatte es erkunden und genießen wollen. Neben der reizvollen Aufgabe, die Pamina in der historisch sorgfältig rekonstruierten Aufführung der »Zauberflöte« zu singen, war das ein wesentlicher Grund für mich gewesen, herzukommen. Nach Wien, in die Stadt, deren Name schon immer einen unerklärlichen Zauber auf mich ausgeübt hatte. Und das sollte ich mir kaputtmachen lassen, von Lohner und Marcus? Ich sollte feige fliehen, mich zurückziehen, weil die beiden auf dreiste Weise meine Pläne und Wünsche torpedierten? In mir keimte Widerstand auf, der Wille, ihnen Paroli zu bieten und mir mein Wien nicht von ihnen rauben zu lassen.

Susan legte den Hörer auf und sagte: »Das Hotel sucht den besten Flug für uns heraus und meldet sich, wenn die Plätze gebucht sind. Okay?«

Ich drehte mich zu ihr um und antwortete mit einem entschuldigenden Lächeln: »Nein, sag es ab. Wir bleiben.« Froh, mich dazu durchgerungen zu haben, sah ich wieder auf das rege Treiben der Donaumetropole hinab. Ich hatte mich für diese Stadt entschieden, so glaubte ich. In Wahrheit war Wien mein Schicksal.

2. Kapitel

Ich war glücklich über meinen Entschluss, in Wien zu bleiben, als ich mit Susan durch die in abendliches Licht getauchten Straßen flanierte. Noch immer herrschte Hochbetrieb in dem zentralen Stadtteil, den die Wiener die »Innere Stadt« nennen. Der Bereich, wo sich das Wiener Treiben in seiner ganzen bunten Vielfalt auf nur einem Quadratkilometer präsentiert. Ja, ich war glücklich und dachte nicht mehr an Marcus, jedenfalls für den Augenblick. Ich betrachtete die Auslagen in den Luxusboutiquen und Juweliergeschäften und fertigte im Geiste eine nicht gerade kurze Einkaufsliste an. Die einzigartige Atmosphäre zog mich in ihren Bann; staunend blieb ich auf dem Stephansplatz stehen, um minutenlang schweigend den Dom zu betrachten.

»In New York gibt’s eine Menge Gebäude, die größer sind«, riss Susan mich mit spöttischem Unterton aus der Versunkenheit.

»Größer ja, aber nicht schöner.«

»Du scheinst ein Faible für das Europäische zu haben, für Pracht und Dekadenz.«

»Wäre ich sonst zur Oper gegangen?«

»Wohl wahr«, lachte Susan und zeigte auf den Stephansdom. »Eine kleine Besichtigung gefällig?«

»Sehr gern, aber lieber in Ruhe. Außerdem gibt’s jemanden, der zur Zeit andere Pläne hat.«

Susan sah mich irritiert an. »Wen meinst du?«

»Meinen Magen. Hörst du nicht, dass er wie ein ganzes Wolfsrudel knurrt? Ich habe seit dem Frühstück nichts mehr gegessen, und du wohl auch nicht.«

»Recht hast du. Aber ich weiß, wo wir auf sehr stilvolle Weise für Abhilfe sorgen können. Komm mit!«

Susan hakte sich bei mir unter und zog mich mit sich.

»Wohin so schnell?«, wunderte ich mich.

»Überraschung! Ist ein echter Geheimtipp.«

Wir ließen den Stephansplatz mit den zahllosen Touristen, den Fiakern und den Straßenmusikanten hinter uns und gingen durch kaum weniger belebte Straßen zu einem Restaurant mit dem seltsamen Namen »Zwölf-Apostel-Keller«. Warum es »Keller« hieß, wurde mir schnell klar. Zu ebener Erde lagen nur Eingang und Toiletten. Wir mussten eine Treppe hinabsteigen und gelangten in ein mittelalterliches Gewölbe, dominiert von nacktem Stein und schweren Holzbalken. Die in langen Reihen angeordneten, rustikalen Tische waren ausnahmslos besetzt, und die im Laufschritt hin- und hereilenden Kellner kamen mit dem Bedienen kaum nach.

»So viel zum Thema Geheimtipp«, spottete ich.

»Die Zeiten ändern sich, selbst in Europa.« Susan zuckte mit den Schultern. »Versuchen wir es weiter unten.«

»Es geht noch ein Stockwerk tiefer?«

»Noch drei.«

Im zweiten Untergeschoss war es etwas kühler, aber genauso voll. Der Trend setzte sich im dritten Untergeschoss fort, und erst im vierten, etliche Meter unterhalb der Stadt, gab es gleich mehrere freie Tische. Wir setzten uns und konnten nach allerlei Anstrengungen die Aufmerksamkeit eines Kellners erringen.

»Wir sollten den Ribiselwein probieren, der ist hier eine Spezialität«, schlug Susan vor.

»Einverstanden, aber Hunger habe ich auch.«

Susan nickte. »Als süße Vorspeise empfehle ich einen Germknödel mit Mohn und zerlassener Butter. Und danach könnten wir uns eine Wurstplatte teilen.«

»Teilen?«, fragte ich skeptisch beim Gedanken an meinen kurz vor einer Revolte stehenden Magen.

»Täusch dich nicht, die Platte ist groß, und auch der Germknödel hat’s in sich.«

»Okay, du kennst dich hier aus.«

»Kannte«, sagte sie leicht wehmütig. »Das ist schon lange her.«

Zuerst kam der Wein, der ziemlich dunkel aussah und ein fruchtiges Bukett hatte.

»Johannisbeerwein«, erklärte Susan. »Schmeckt sehr gut, aber man sollte ihn in Maßen trinken. Der hat’s in sich.«

Er schmeckte wirklich vorzüglich und der Germknödel nicht minder. Auch was den Sättigungseffekt betraf, hatte Susan die Wahrheit gesagt. Bei der Wurstplatte musste ich beinahe passen. Der Wein, das gute Essen und die ungewöhnliche, mittelalterliche Atmosphäre verzauberten mich, und meiner Freundin schien es ähnlich zu gehen.

Wir plauderten über Gott und die Welt, erinnerten uns an alte Zeiten und hatten Spaß dabei, über einige Größen der Opernszene zu lästern.

Es war ein fröhlicher Abend, bis Susan unvermittelt fragte: »Wärst du morgen Vormittag zu einer Szenenprobe bereit?«

Die Frage riss mich aus meiner guten Stimmung, und entsprechend mürrisch erwiderte ich: »Was hast du mir bisher verschwiegen, Susan? Laut Vertrag sollen die Proben erst in vier Tagen beginnen. Du weißt genau, dass ich ein paar Tage ganz für mich haben wollte, um Wien zu erkunden.«

»Es war Lohners Idee, nicht meine.«

»Hat er das bei seinem Anruf heute Nachmittag vorgeschlagen?«

Sie nickte.

»Und was hast du geantwortet?«

»Dass ich dich fragen werde.«

»Warum erst jetzt? Du hättest mich schon im Hotel fragen können.«

Susan legte eine Hand auf meinen Unterarm. »Du solltest dich erst ein wenig erholen, Pam.«

Tat ich ihr schon wieder Unrecht, als ich vermutete, dass diese Überlegung nicht der einzige Grund für ihr Schweigen war? Susan wollte, dass ich in Wien blieb. Jetzt, nachdem ich Wiener Luft geschnuppert und Wiener Wein gekostet hatte, würde es mir wesentlich schwerer fallen, meine Koffer zu packen. War es das, worauf sie gesetzt hatte? Ich zog meinen Arm unter ihrer Hand weg und fragte: »Warum diese überraschende Idee mit der Probe?«

»Um zu sehen, wie du mit Marcus harmonierst, sagt Lohner.«

Susan seufzte tief. »Mir ist sein schmutziger Trick, Marcus wie ein Kaninchen aus dem Hut zu zaubern, auch nicht sympathisch, glaub mir. Aber wenn wir schon in den sauren Apfel beißen, sollten wir die Chance sehen, die in der morgigen Probe für uns liegt. Wenn du feststellst, dass Marcus’ Anwesenheit dir gegen den Strich geht, ist es eine gute Gelegenheit, die ganze Geschichte abzusagen. Da Lohner selbst diesen Test vorgeschlagen hat, kann er kaum rechtlich stichhaltige Einwände gegen deine Abreise erheben, falls es zwischen dir und Marcus kracht. Ich glaube, er ist sich gar nicht klar darüber, dass er sich mit diesem Test möglicherweise selbst ein Bein stellt.«

»Du bist ganz schön ausgekocht, Susan«, entgegnete ich bewusst zweideutig.

»Und du ganz schön dünnhäutig, wenn es um Marcus geht.« Sie sah mich prüfend an. »Du hast mir nie genau erzählt, was letztlich zum Bruch zwischen euch geführt hat.«

Ich leerte mein Glas und blickte Susan unsicher an: »Ich wollte kein ›Das habe ich dir doch gleich gesagt!‹ hören. Schließlich hast du mich von Anfang an vor einer Verbindung mit Marcus gewarnt.«

»Nicht aus persönlichen Vorbehalten gegenüber Marcus. Aber ein aufstrebender Opernregisseur und eine junge, ebenfalls aufstrebende Sopranistin, das kann kaum gut gehen. Zwei, die Karriere machen wollen, stehen sich irgendwann gegenseitig im Weg. Es sei denn, einer nimmt Rücksicht auf den anderen. Aber das hätte in eurem Fall geheißen, dass einer von euch beiden seine Karriere an den Nagel hängt. Und das konnte ich mir weder bei Marcus noch bei dir vorstellen.«

»Du weißt ja schon alles«, bemerkte ich ausweichend. Nach kurzem Zögern sagte Susan: »Entschuldige, Pam, ich wollte nicht zu persönlich werden. Du hast recht, mehr brauche ich nicht zu wissen. Besonders dann nicht, wenn es dir wehtut, darüber zu reden.«

Ich nahm all meine Kraft zusammen und sagte: »Ich war schwanger!«

Susan war eine in allen Lebenslagen erfahrene Frau, die man selten wirklich überraschen konnte. Jetzt aber lag in ihrem Gesicht das blanke Erstaunen. Langsam wiederholte sie: »Schwanger?«

»Ja«, seufzte ich.

»Aber … du hast mir nie ein Wort davon gesagt!«

»Niemand weiß es, außer Marcus, mir und den Leuten in der Klinik.«

»Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Was für eine Klinik?«

»Ich war in einer Abtreibungsklinik.«

Die Worte kamen mir mühelos über die Lippen, und als sie heraus waren, fühlte ich mich erleichtert. Dabei hatte ich immer geglaubt, es würde mir sehr schwer fallen, Susan das einzugestehen. Nicht weil sie eine Abtreibungsgegnerin gewesen wäre. Dafür war sie viel zu pragmatisch veranlagt. Aber ich hatte Angst gehabt, sie könnte mir mangelndes Vertrauen vorwerfen, weil ich ihr nie von dem entscheidenden Grund erzählt hatte, aus dem meine Ehe mit Marcus zerbrochen war.

Susan sah mich an, nach meinem Gefühl eine kleine Ewigkeit. Dann stand sie auf, umrundete den Tisch, setzte sich neben mich und nahm mich in die Arme. Da wusste ich, dass ich ihr alles erzählen konnte: von meiner einsamen Entscheidung gegen das Kind und für meine Karriere, für mein eigenes Leben; von Marcus’ tiefer Trauer und hilflosem Zorn, als ich ihm von der erfolgten Abtreibung berichtete; und davon, wie sehr mich seitdem die Zweifel an meinem Handeln plagten. Sie würde alles verstehen. Aber wie würde es morgen sein, wenn ich Marcus gegenübertrat?

Obwohl ich das Pegasos-Theater schon kannte, stand ich am folgenden Morgen wieder staunend vor dem Gebäude, unschlüssig, ob ich es als traumhaft oder als Albtraum empfinden sollte. Zumindest eins musste ich dem Architekten zugestehen: Für ein Haus, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, alte Opern und Theaterstücke in historisch getreuen Rekonstruktionen aufzuführen, hatte er die passende äußere Form gefunden. Moderne Glas- und Betonflächen gingen nahezu nahtlos in Kuppeln, Türme und Säulen über, deren Baustil irgendwo zwischen Barock und Rokoko angesiedelt war. Der Bau musste eine immense Summe verschlungen haben, Geld, das der österreichische Staat ebenso wenig aufbringen konnte wie die Stadt Wien. Eine Gruppe privater Kunstmäzene hatte sich unter dem Namen des Dichterrosses Pegasos zusammengefunden, um das Theater zu finanzieren. Wer genau die Geldgeber waren, blieb unbekannt. Ein Aspekt, der zu tausenderlei Spekulationen Anlass bot und den Medienrummel um das neue Theaterhaus ordentlich anheizte. Böse Zungen spotteten, die reichen Gönner seien anonym geblieben, um genau diesen Effekt zu erzielen.

Das Gebäude stand am Franz-Josephs-Kai, und vom nahen Donaukanal wehte ein frischer Wind zu Susan und mir herüber. Das Wetter war längst nicht so schön wie gestern. Graugelbe Wolken zogen sich über der Donau zusammen, drohten mit baldigem Regen.

»Es sieht ein wenig ungemütlich aus«, untertrieb Susan, nachdem sie das Taxi bezahlt hatte. »Lass uns lieber hineingehen.«

Ich hätte die Begegnung mit Marcus gern noch hinausgeschoben, aber mir fiel kein stichhaltiger Grund ein. Also nickte ich nur und folgte Susan zum Künstlereingang, über dem sich schützend ein barocker Dreiecksgiebel erhob. Der grauhaarige Pförtner überschüttete uns beim Eintreten mit einem unterwürfig-höflichen Redeschwall und griff, wie ich aus den Augenwinkeln bemerkte, zum Telefon, sobald wir seinen Herrschaftsbereich passiert hatten.

Daher wunderte ich mich nicht, als uns auf dem Weg zu den Garderoben Professor Lohner entgegeneilte. Mit überschwänglicher Gestik ergriff er erst meine, dann Susans Rechte zu einem deplatzierten Handkuss, bevor er mich ansah und mit breitem Lächeln sagte: »Gnädigste, ich bin ja so froh, dass Sie mir die kleine Überraschung von gestern nicht verübeln. Aber ich wollte niemanden einweihen, sonst wäre bestimmt etwas durchgesickert, und dann hätten wir bei den Medien keine solche Resonanz gefunden, wie wir sie heute haben. Sie haben vermutlich die einschlägige Presse gelesen?«

Seine Knopfaugen, die in dem breiten, fleischigen Gesicht zu verschwinden drohten, ruhten erwartungsvoll auf mir. Lohner wirkte wie ein überdimensionierter Teddybär und erinnerte mich an »Big Ray« Grainer. Ein ähnlicher Typ, ein ähnliches Auftreten, eine ähnliche Position.

»Nur flüchtig«, sagte ich knapp und freute mich, ihm eine kleine Enttäuschung bereiten zu können.

»So?«, schnappte er. »Mr. Reardon hat sich sehr über die Artikel gefreut.«

»Marcus? Ist er schon hier?«

Ich fragte das ein wenig zu hastig und ärgerte mich darüber. Wenn ich nicht aufpasste, verlor ich die Kontrolle über die Situation, bevor ich Marcus überhaupt gegenübertrat. Warum nur wurde ich allein beim Gedanken an die Begegnung mit ihm unsicher wie ein Schuldmädchen auf dem Weg zum ersten Rendezvous? Weil ich mich vor ihm schuldig fühlte? Oder weil ich ihn noch immer liebte?

»Mr. Reardon probt bereits mit dem Orchester.«

»Mit dem Orchester?« Das Echo kam von mir. »Ich dachte, es handelt sich nur um eine kleine Szenenprobe!«

»Ja, aber mit Musik wirkt es besser. Die Medien lassen sich durch so etwas immer beeindrucken.«

Susan trat einen Schritt auf Lohner zu und erklärte mit frostiger Stimme: »Die Anwesenheit der Medien war nicht abgesprochen. Das hätten Sie mir gestern am Telefon sagen müssen!«

»Pardon, das habe ich wohl in der Aufregung vergessen«, heuchelte er, ohne zu erröten. »Aber wir sollten die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, eine gute Presse für unsere Aufführung zu bekommen. Schließlich werden wir nicht von Vater Staat finanziert, sondern müssen auf unsere Kosten kommen.«

»Wirklich?«, fragte ich. »Ich dachte, für die Mitglieder dieser mysteriösen Pegasos-Vereinigung sei das Theater sowieso ein Abschreibungsprojekt.«

»Davon weiß ich nichts«, schnarrte Lohner. »Ich jedenfalls habe die Anweisung, kostendeckend zu arbeiten, wenn möglich sogar gewinnbringend.«

»Mit Opern?«, staunte ich. »Ihre geheimnisvollen Chefs scheinen ebenso weltfremd wie freigebig zu sein.« Lohner ging nicht auf meine Ironie ein, sondern entgegnete völlig ernst: »Wie ich schon sagte, ich arbeite nach strikten Anweisungen und bin über die Geldgeber dieses Hauses nicht weiter informiert.«

»Und wer gibt Ihnen Ihre Anweisungen?«, hakte ich nach. »Die Anwaltskanzlei, die alle geschäftlichen und juristischen Angelegenheiten des Theaters regelt. Sie hat mich eingestellt, und ihr bin ich in allem verantwortlich.«

»Sehr rätselhaft, das alles«, stellte ich fest.

Lohner zuckte mit den Schultern. »Wenn Sie mir bitte folgen wollen.«

»Wohin?«, fragte ich.

»Zu Ihrer Garderobe, Miss Morton. Das Kostüm für die Szenenprobe liegt dort für Sie bereit.«

Ich wechselte einen Blick mit Susan, und sie sagte: »Von einer Probe im Kostüm war gestern am Telefon auch nicht die Rede, Herr Professor Lohner. So etwas ist bei kurzen ersten Tests unüblich. Miss Morton wird, wie zugesagt, an der Probe teilnehmen, aber nicht im Kostüm.«

»Aber die anwesenden Journalisten …«

»Sollten als Frauen und Männer vom Fach über genügend Vorstellungskraft verfügen, um Miss Morton auch ohne Kostüm als Pamina zu sehen«, fiel Susan ihm ins Wort.

Lohners aufgesetzte Gutmütigkeit war vollends verschwunden. Sein Gesicht wirkte grimmig, fast bedrohlich, als er fragte: »Wollen Sie den Erfolg der Aufführung etwa sabotieren, Miss Stratford?«

»Nur in dem Maße, wie Sie eine gute, einverständige Zusammenarbeit zu sabotieren versuchen, Herr Professor.«

Vielleicht hätte ich doch das Kostüm anziehen sollen, dachte ich, als ich die Bühne betrat. Mit meiner schwarzen Jeans und dem kamelfarbenen Shirtjäckchen fühlte ich mich reichlich unpassend inmitten des bunt kostümierten Auftriebs, der das Bühnenbild des Finales bevölkerte. Lohner und Marcus hatten die Szene sicher mit Absicht gewählt, beeindruckte sie den Betrachter doch schon rein optisch. Selbst ich mit meiner internationalen Opernerfahrung staunte über Einfallsreichtum und Technik.

Der glitzernde Wasserfall im Hintergrund war weder aufgemalt noch durch Lichtstrahlen projiziert. Echtes Wasser rauschte einen Felsen hinab, der aus echtem Stein zu bestehen schien. Ging das noch auf Harbiger zurück oder war das das Werk von Marcus, der schon immer ein Faible für größtmöglichen Realismus gehabt hatte?

Noch beeindruckender als die Höhle des Wassers war die des Feuers auf der gegenüberliegenden Seite. Heiße Flammenstrahlen loderten aus dem Gestein; allein der Anblick ließ mich schwitzen. Typisch Marcus, es sah mehr nach dem Set für einen Fantasyfilm aus als nach einer Operndekoration.

Aber die Zuschauer mochten es in der Regel und in diesem Fall auch die Medienleute, zumindest fesselte es ihre Aufmerksamkeit. Kameras surrten, Blitzlichter erhellten den halbdunklen Saal. Doch als die Fotografen und Kameraleute mich bemerkten, richteten sie ihr Interesse auf mich. Von den Blitzlichtern geblendet, konnte ich kaum noch etwas erkennen. Vergeblich hielt ich Ausschau nach Marcus.

Warum suchte ich ausgerechnet ihn? Ich bemühte mich, nicht an ihn zu denken und mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren. Als das Blitzlichtgewitter nachließ, schweifte mein Blick über die Kollegen und Statisten, alle in voller Kostümierung. Selbst das Orchester war im Stil von Mozarts Zeit verkleidet, inklusive Perücken, was mich an das Rokoko-Quartett auf der Kärntner Straße erinnerte. Von meiner seltsamen Vision, mich tatsächlich im achtzehnten Jahrhundert zu befinden, hatte ich Susan nichts erzählt. Mein Zusammenbruch hatte sie schon genug beunruhigt, auch wenn sie es sich nicht anmerken ließ.

»Sind wir vollzählig? Okay, dann fangen wir an!«

Das war unverkennbar Marcus, im Tonfall sanft, aber doch bestimmt in dem, was er anordnete. Trotz meines Vorsatzes, ihm gefasst zu begegnen, zuckte ich innerlich zusammen.

Er trat hinter einer täuschend echt wirkenden Baumgruppe hervor und zog sofort das allgemeine Interesse auf sich. Ein wohl inszenierter Auftritt, da war ich mir sicher.

Erst in dem Moment fiel mir auf, dass er schlanker geworden war und dadurch noch größer wirkte, als er ohnehin war. Sein dunkles, lockiges Haar fiel ihm ungeordnet in die Stirn, was ihm ein verwegen-künstlerisches Aussehen verlieh. Auch wenn ich mich dagegen wehrte, so ganz konnte ich mich seiner Ausstrahlung nicht entziehen. Als er seine dunklen Augen auf mich richtete, lief ein leichter Schauer über meinen Rücken, fast so wie vor vier Jahren, als wir uns in der Pariser Oper zum ersten Mal begegnet waren.

»Wie geht’s dir, Pam?«, fragte er.

»Gut, danke«, antwortete ich mit einem gezwungenen Lächeln. »Und dir?«

Er vollführte eine Bewegung, als wollte er die ganze Bühne umarmen. »Prächtig. Wie könnte es anders sein bei dieser Arbeit! Das Theater verfügt über Geldmittel wie kaum ein anderes Haus. Du weißt, es war schon immer mein Traum, die ›Zauberflöte‹ in einer historisch rekonstruierten Fassung zu inszenieren. Von daher bin ich mehr als froh, dass man mich als Ersatz für Harbiger ausgewählt hat.«

Ich deutete zum hinteren Bühnenbereich mit Wasserfall und Feuerhöhle. »Zu Mozarts Zeit gab es solchen Hightech-Schnickschnack nicht.«

Er grinste ein wenig verlegen wie ein beim Schwindeln ertappter Schuljunge. »Das Publikum erwartet so etwas heutzutage, egal auf welcher Bühne. Ich nenne es den Andrew-Lloyd-Webber-Effekt. Aber vergiss nicht, dass auch die Urfassung der ›Zauberflöte‹ nicht gerade arm an Bühneneffekten war. Schikaneder hat großen Wert auf solchen Zauber gelegt, und der Erfolg hat ihm Recht gegeben. Sein Freihaustheater war in Sachen Bühnentechnik auf dem neuesten Stand.«

Da hatte Marcus recht. Emanuel Schikaneder, Freund Mozarts, Librettist der »Zauberflöte«, Darsteller des Papageno und Besitzer des Freihaustheaters auf der Wieden, wo das Stück uraufgeführt worden war, hatte seine Stücke immer auf die breite Masse und nicht auf ein elitäres Publikum ausgerichtet: aufregend, laut, bunt, effektvoll. Insofern hatte er einiges mit Marcus gemeinsam.

»Die Szene dürfte dir bekannt sein«, fuhr Marcus augenzwinkernd fort. »Um die Medien zu beeindrucken, veranstalten wir bei der Prüfung Taminos und Paminas einen Budenzauber, der sich gewaschen hat. Also erschrick nicht, wenn es gleich Wasser und Feuer spuckt. Es besteht keine Gefahr. Alles wurde schon zigmal mit Doubles ausprobiert. In Ordnung?«

Ich bejahte, im Geiste weniger mit der bevorstehenden Probe als mit Marcus beschäftigt. Dass er sich jedes persönliche Wort verkniff, irritierte mich. Eigentlich hätte ich froh darüber sein sollen. Wir mussten einige Wochen miteinander auskommen, und das ging nur, wenn wir alles Private zwischen uns ausklammerten. Marcus schien das erkannt zu haben, und ich nahm mir vor, es ebenfalls zu beherzigen.

Er klatschte in die Hände und rief laut: »Es geht los! Zweiter Akt, siebtes Bild! Die Geharnischten beginnen!«

Das Orchester setzte ein, und die beiden Wächter in ihren Ganzkörperrüstungen sangen:

»Der, welcher wandert diese Straße voll Beschwerden,Wird rein durch Feuer, Wasser, Luft und Erden;Wenn er des Todes Schrecken überwinden kann,Schwingt er sich aus der Erde himmelan.Erleuchtet wird er dann imstande sein,Sich den Mysterien der Isis ganz zu weihn.«

Sobald die Musik erklang, fiel alle Anspannung von mir ab. Die Bühne war meine Welt, hier fühlte ich mich zu Hause, und die »Zauberflöte« war für mich schon immer ein besonderes Stück gewesen, mein Stück. Das lag sicher nicht nur an der Ähnlichkeit meines Namens mit dem Paminas, worüber ein New Yorker Kritiker einmal geschrieben hatte: »Pam singt Pam.« Eine rationale Erklärung für meine große Affinität zur »Zauberflöte« hatte ich nicht. Es verhielt sich so wie mit Wien: Ich wusste ganz einfach, dass ich zu dieser Oper gehörte. Genau wie zu dieser Stadt.

Als Tamino sich auf den Weg zur Doppelhöhle des Wassers und des Feuers machte, kam mein Einsatz. Und als ich sang, hatte ich Marcus und die Medienschar vergessen. Ich war Pamina wie schon oftmals auf anderen Bühnen, hatte nur noch Augen für Tamino.

Obwohl – etwas war anders: Das Orchester spielte auf aufwändig rekonstruierten Instrumenten, die denen aus Mozarts Zeit in Bauart und Klang möglichst nahe kommen sollten. Ob dieses Ziel erreicht wurde, konnte ich mangels Vergleichsmöglichkeit nicht beurteilen. Aber auf jeden Fall hatte die Musik einen ganz besonderen Klang, einen, der passte, das hörte ich sofort.

Der klopfende Rhythmus der Musik nahm mich gefangen, verzauberte mich noch mehr, als es Mozarts Kompositionen sonst taten. In meinem tiefsten Innern wurde eine verborgene Saite angerührt und begann zu vibrieren. Ich war so stark auf das Stück konzentriert, dass ich nur unterschwellig wahrnahm, wie irgendetwas in mir sich veränderte.

Trotz meiner modernen Kleidung fühlte ich mich ganz wie Pamina. Fast vergaß ich, dass Tamino, der mich bei der Hand nahm und auf die Feuerhöhle zuführte, eigentlich André Herzfeld hieß und ein berühmter Tenor aus Dresden war.

Die Flammen schlugen uns entgegen, versengten uns fast, was mich ein wenig aus meiner inneren Versunkenheit löste. Ich hoffte, dass Marcus Recht behielt, und dass der zuständige Pyrotechniker wirklich alles im Griff hatte. Tamino/Herzfeld setzte seine Flöte an die Lippen, und sobald die Klänge der Zauberflöte den Saal erfüllten, wurden die Flammen kleiner und gaben uns den Weg frei. Weiter ging es zur Wasserhöhle, wo meine Jeans pitschnass wurde. Ich nahm mir vor, ein Wörtchen mit den Leuten von der Technik zu reden.

Auch der Wasserprobe glücklich entronnen, stimmten Herzfeld und ich gemeinsam an:

»Ihr Götter! Welch ein Augenblick!Gewähret ist uns Isis’ Glück.«

Aus dem Tempel erscholl der Chor der Priester, aber ihre Stimmen klangen seltsam dumpf. War etwas mit der Tontechnik nicht in Ordnung, oder gehörte das auch zur historischen Rekonstruktion der »Zauberflöte«?

Während ich darüber nachdachte, veränderte die ganze Bühne ihre Gestalt. Farben und Formen pulsierten, gingen ineinander über, zerflossen. Schwindel ergriff von mir Besitz, die Bühne schien um mich herum zu tanzen. Es war ein ähnliches Gefühl wie im Hotel, kurz bevor ich das Bewusstsein verloren hatte. Das war mein letzter klarer Gedanke, dann versank ich in Schwärze und Stille.

3. Kapitel

Die völlige Schwärze wich einem diffusen Dämmerlicht. Mein Kopf war von einem schmerzhaften Pochen erfüllt. Ein Königreich für eine Schachtel Aspirin! Ich lag auf einem harten, steinigen Untergrund, was ich mir nicht erklären konnte. Außerdem stank es nach Fäulnis und Exkrementen. Und mir war kalt. Irgendwo in der Ferne ertönte ein Geräusch, das wie Pferdewiehern klang. Ich setzte mich auf und blickte mich um, unsicher, ob ich wirklich aus meiner Ohnmacht erwacht war. Das Ganze musste ein böser Traum sein.

Ich saß in einer Art Hinterhof, umringt von großen, alten Häusern. Ihrem Baustil nach zu urteilen mussten sie aus dem frühen 19. Jahrhundert stammen oder sogar noch älter sein. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, in welchem Teil Wiens ich mich befand. Schlimmer noch, mir fehlte jede Erklärung, wie ich hierher gekommen war.

Ein paar Fenster waren erleuchtet und spendeten genügend Licht, dass ich mich in dem Hof umsehen konnte. Aber es war ein ungewohntes Licht, weniger stark und gleichmäßig, als ich es gewohnt war. An einer Hauswand sah ich ein paar Holzfässer neben einem Stapel ebenfalls hölzerner Kisten. Gegenüber stand ein Wagen, kein Auto, sondern ein altertümliches Pferdefuhrwerk. Seine Längswände wurden von unregelmäßigen Holzlatten gebildet, offenbar diente es zum Transport von Lasten – oder hatte vor langer Zeit dazu gedient.

Irritiert erhob ich mich und musste mich an einer Wand abstützen, weil das Schwindelgefühl noch nicht ganz abgeklungen war. Ich hörte leise Stimmen, die wohl von der Straße kamen, die ich jenseits der düsteren Hofeinfahrt vermutete. Ich beschloss, dort jemanden um Hilfe zu bitten. Als ich mich in Bewegung setzen wollte, stolperte ich und wäre gestürzt, hätte ich mich nicht im letzten Moment an dem Kistenstapel abgestützt.

Ich bemerkte, dass ich nicht länger Jeans trug, sondern ein mir fremdes Kleid, das mich beim Laufen behinderte. Deshalb war ich gestolpert. Das Kleid endete in einem schweren, glockenförmigen Rock, der fast bis auf den Boden reichte. Wenn ich beim Laufen nicht Acht gab, trat ich darauf. Das Kleid war nicht gerade der letzte Schrei, eher passte es in die vergangene Zeit der alten Häuser.

Angesichts dieses seltsamen Aufzugs wuchs meine nicht geringe Verwirrung noch, und vergebens suchte ich nach einer Erklärung.

»Luise? Bist du’s?«

Der leise Ruf, eine jugendlich klingende Frauenstimme, kam aus der Hofeinfahrt. Die Worte waren auf Deutsch gesprochen worden, selbstverständlich, denn ich befand mich ja in Wien. Zum Glück konnte ich in der deutschen Sprache nicht nur, wie viele andere Kolleginnen und Kollegen, singen, sondern ich beherrschte sie fließend, allerdings mit deutlichem Akzent.

»Luise, warum antwortest du nicht? Du bist es doch, oder?«

Eine Gestalt löste sich aus der Düsternis und trat zögernd in den Hof. Es war eine Frau in ähnlicher Kleidung, wie ich sie trug. Auf ihrem Kopf saß eine eng anliegende, nur nach hinten etwas abstehende Haube.

Unwillkürlich hob ich eine Hand und betastete meinen Kopf. Tatsächlich – auch mein Haar wurde von einer Haube bedeckt.

Die Frau blieb mitten im Hof stehen und sah mich verwundert an. »Warum antwortest du mir nicht, Luise? Versteckst du dich vor mir?«

Ich starrte sie vermutlich noch entgeisterter an als sie mich. Sie musste mich inzwischen deutlich genug sehen, um zu erkennen, dass ich nicht die von ihr gesuchte Luise war. Trotzdem rief sie mich weiterhin bei diesem Namen.

»Sie müssen mich verwechseln«, sagte ich und wunderte mich über meine Stimme, die mir fremd vorkam. Noch seltsamer war jedoch, dass ich plötzlich meinen amerikanischen Akzent verloren hatte, jetzt aber mit einem anderen, mir unbekannten Akzent sprach, demselben, der auch der anderen Frau zu eigen war.

»Verwechseln?« Sie trat auf mich zu, um nur zwei Schritte von mir entfernt stehen zu bleiben. »Aber, Luise, was redest du da?« Plötzlich legte sich ein Schatten auf ihr spitzes Gesicht. »Willst du mich warnen? Verhältst du dich deshalb so seltsam? Sind sie etwa bei dir gewesen?«

»Wer?«, fragte ich, halb aus Resignation, halb aus Neugier.

Die Fremde schaute sich ängstlich um und erklärte im Flüsterton: »Sie haben überall Spitzel. Wir sollten uns nicht hier draußen unterhalten, Luise. Können wir auf dein Zimmer gehen?«

Es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder war sie verrückt oder ich war verrückt. Nein, mir fiel noch eine weitere Erklärung ein: Wir beide waren von Sinnen und trafen uns in einer Art gemeinsamem Albtraum.