Sonnenstrahlen - Hanns U. Schild-Havenstein - E-Book

Sonnenstrahlen E-Book

Hanns U. Schild-Havenstein

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Beschreibung

Sommer 1980: Der 16-jährige Tim hat seinen Realschulabschluss in der Tasche und will sich endlich seinen langersehnten Traum erfüllen: Eine Reise in die USA! Das Geld dafür muss er sich selbst verdienen und jobbt in den großen Ferien in einer Fabrik. Auf der täglichen Fahrt zur Arbeit verfällt er in Tagträume. Erinnerungen an seine bewegte Kindheit werden wach. Die turbulenten Familienverhältnisse nach der Scheidung seiner Eltern und eine Reihe tragischer Verluste haben ihn schon in jungen Jahren geprägt. Nur vier Jahre nach dem schrecklichen Unfalltod seines Bruders musste er als 12-jähriger bald auch den Tod seines Vaters hinnehmen. Doch Tim hat einen Weg gefunden, mit seiner Trauer umzugehen. Schon immer war er fasziniert vom Verlauf der Sonnenstrahlen, aus denen er immer wieder Kraft schöpfte. Deren Verlauf beobachtend entwickelte sich nach und nach sein großer Traum. Im Sommer 1981 ist es endlich so weit: Tim bricht zu einem abenteuerlichen Trip in die USA auf, wo er bald bei einer Gastfamilie in Pennsylvania strandete. Von ihnen wurde er wie ein eigener Sohn aufgenommen und er erlebte hautnah den ‚American Way of Life‘, die Art und Weise wie Amerikaner leben und fühlen. Dieser autobiografisch inspirierte Roman erzählt auf herzliche, humorvolle Weise die Geschichte eines Lebens, in dem Trauer und Freude eng beieinanderliegen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 285

Veröffentlichungsjahr: 2021

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»Wenn Du Verantwortung für Dich selbst übernimmst,

wirst Du einen Hunger dafür entwickeln, Deine Träume

verwirklichen zu wollen.«

Les Brown, geb. 17.2.45 bekannter Motivationsredner aus den USA

Inhalt

Auftakt

Prolog

I.

Kapitel 1 – Traum

Kapitel 2 – Entwicklung

Kapitel 3 – Zerrissen

Kapitel 4 – Schnitt

Kapitel 5 – Gefühle

Kapitel 6 – Entwurzelt

II.

Kapitel 7 – Neustart

Kapitel 8 – Vorfreude

Kapitel 9 – Erfüllung

III.

Kapitel 10 – Gereift

Kapitel 11 – Lebensfreude

Epilog

»Engel vereint im Paradies …«

Für Niklas, Fabian und Julius

… und für meine ›Zauberin‹ Elke …

Auftakt

Sonnenstrahlen bieten einen enormen Spielraum für Fantasien, da sie nur teilweise das Umfeld erhellen. Sie geben uns Energie und erscheinen unendlich.

Der Anblick des geraden Strahles, von der Sonne hin zu einem soeben erwachenden Pflänzchen, welches voller Freude tief und genussvoll die Energie des Lebens einatmet, macht bewusst, wie schön und zugleich vergänglich das Leben ist. Denn zu jedem Leben gehört auch der zwangsläufig folgende Tod.

Doch tatsächlich ist der Tod Teil eines großen nicht enden wollenden Prozesses. Es ist der Ausgangspunkt weiteren Lebens. Die Überreste der menschlichen, tierischen und pflanzlichen Organismen sind wichtig, damit immer wieder neues Leben entstehen kann und bilden somit die Grundlage für die Ernährung der nächsten Generationen.

Es handelt sich um einen notwendigen Rhythmus – der Zyklus von Tod und Wiedergeburt.

Und ja! In der Tat! Es ist wichtig, den Tod zu akzeptieren. Denn dem Sterben können wir nicht entkommen …

Nur 29.500 Tage in meinem Körper. Mehr Zeit bleibt mir nicht. Es ist mein Leben! Es gehört mir! Jeder meiner Träume ist der Beginn eines Abenteuers, dem es gilt, Leben einzuhauchen, um es in die Realität zu begleiten. Und ICH lebe jetzt.

Prolog

Verrückt … Jetzt ist der Letzte von den vieren gegangen. Viel zu früh allesamt. Jahrelang drehte sich alles in meinem Leben um die vier. Es ging um Wahrheiten und Unwahrheiten, Liebe und Hass, Streitereien, Beeinflussungen und Lügen – viel Freude und viel Leid. Ein ständiges Hin und Her. Und nun? Alles ist vorbei – irgendwie ist doch alles endlich und nicht unendlich? Die Enttäuschungen und Hoffnungen – am Ende ist alles eins.

Während ich darüber nachdachte, was das Leben uns bot und wie klein und nebensächlich wir Menschen in Wahrheit doch waren, hielt mich seine kälter werdende Hand immer noch fest und ich spürte plötzlich eine hauchzarte Berührung an meinem ganzen Körper. Einen angenehm wohligen Schauder, ähnlich einem milden Windzug, der sich sanft kreisend nach oben bewegte, bis in meine Haarspitzen, und dann behutsam und ganz langsam entschwebte. Ich musste schmunzeln und spürte, wie meine Tränen lautlos an meinen Wangen herunterflossen.

I.

Kapitel 1 – Traum

23 Jahre früher … Sommer 1980

Auf zur Arbeit! Es geht los! Raus aus den Federn! Dein Frühstücksbrot steht schon auf dem Tisch. Und sei nicht zu laut, deine Schwester schläft noch.« Meine Mutter schubste mich an.

Ich war hellwach!

Hellwach?

Irgendwie auch nicht. Stockdüster war es noch. 4:30 Uhr!

Das kann ja heiter werden. Und das soll jetzt sechs Wochen lang so gehen?!?!?

Onkel Heinz hatte mir den Ferienjob besorgt. Eine wichtige Etappe, um meinen Traum nächstes Jahr realisieren zu können.

Mit 17 auf große Reise über den großen Teich …

Das Abenteuer USA sollte nun einen großen Schritt näher rücken!

Onkel Heinz war schon mit dem Frühstück fertig, als ich in die Küche kam. Er packte gerade seine Stullen in eine Plastikbox – eine dieser praktischen Tupperware-Boxen, welche es seit Neuestem auf den zahlreichen Tupper-Partys zu erwerben gab.

»Mensch, Tim, nun mach schon! Ich habe keine Lust auf das Gemecker der anderen, wenn wir zu spät zum Treffpunkt kommen. Wir müssen los!«

Ich packte hastig meine Thermoskanne mit Kräutertee und meine Stullen – zwei Brote mit jungem holländischem Gouda und zwei Brote mit Salami belegt – und folgte meinem Stiefvater eilig die Treppe hinunter.

Onkel Heinz fuhr wie immer mit dem Ford Fiesta zur Arbeit. Der Escort, ein schönes Mittelklasse-Cabriolet, wurde grundsätzlich nur am Wochenende benutzt, oder wenn meine Mutter mal dringend irgendwohin musste. Aber eigentlich machten die beiden alles gemeinsam. Selten kam es vor, dass einer etwas alleine unternahm. Selbst auf die Toilette im Restaurant gingen sie zusammen – Hand in Hand.

Onkel Heinz war nicht mein Onkel, sondern mein Stiefvater. Bei unserem ersten Aufeinandertreffen war ich ungefähr fünf Jahre alt und meine Mutter hatte ihn uns damals als »Onkel« vorgestellt. Das hatte ich ihr natürlich geglaubt, verstehen konnte ich sowieso noch nichts von der sehr turbulenten Erwachsenenwelt. Und für alle Ewigkeit sollte ich nun »Onkel Heinz« zu ihm sagen.

Selber schuld!

Natürlich fuhr Onkel Heinz nur die Automarke Ford. Seit 20 Jahren war er schon in den Ford-Werken in Wülfrath bei Düsseldorf als leitender Angestellter beschäftigt.

Nach 25 Minuten Autofahrt erreichten wir den Treffpunkt der Fahrgemeinschaft in Köln-Mülheim. Gregor, Uwe und Walter warteten bereits auf uns. Die vier fuhren jeden Tag die Strecke von Mülheim nach Wülfrath gemeinsam und wöchentlich wechselte der Fahrer. Diese Woche war mein Onkel Heinz dran. Für mich bedeutete dies: Ab auf die Rückbank, eingequetscht zwischen zwei gewichtigen Männern älteren Jahrgangs. Und das im winzigen und engen Ford Fiesta! Alle seine Kollegen fuhren Ford Fiesta.

Gesprochen wurde in der Regel kaum. Ich hatte den Eindruck, dass alle die Fahrzeit von gut 40 Minuten nutzten, um noch einmal in einen Halbschlaf zu verfallen. Der Fahrer war natürlich davon ausgenommen. Mir war das ganz recht, da ich selber auch nicht der Gesprächigste war, schon gar nicht am frühen Morgen …

Der Ferienjob hatte nichts mit Ford zu tun. Es handelte sich um ein kleines mittelständisches Unternehmen, das Fließbänder herstellte und unmittelbar neben dem Werksgelände lag, auf dem die vier Männer arbeiteten.

Ich wurde in der Fertigung eingesetzt und musste Fließbänder zusammensetzen. Viele kleine Bauteile – Rädchen, Distanzhalter, Schienen, Rollen und einiges mehr – lagen vor mir in großen Metallkisten und ich steckte stundenlang die verschiedenen Teile nach gleichem Schema zusammen, so lange, bis das gewünschte Maß von zwei oder drei Metern erreicht worden war. Eine ziemlich monotone Angelegenheit. Am Ende kamen dann vorne und hinten entsprechende Schienen und Schrauben dran – fertig!

In den ersten Tagen hatte ich mich schnell eingearbeitet. Manchmal durfte ich auch an die riesigen Stanzmaschinen. Mit Hilfe dieser Maschinen wurde in ein verzinktes Stahlrohr oben und unten gleichzeitig und mit einem lauten ›plopp‹ Kugellager hineingepresst. Durch die Öffnung in der Mitte der Kugellager schob ich nach dem Stanzen eine Metallstange hinein, welches die Achse darstellte. Aus dem ursprünglichen schlichten Stahlrohr wurde somit im Handumdrehen eine Fließbandrolle, welche an der Achse in die Halterung der Fließbandträger eingehängt werden konnte. Oft gab ich ihnen beim Zusammensetzen noch einen raschen Anschub. Das rasselnde Geräusch der langanhaltend drehenden Rollen liebte ich. Doch von der Stanzmaschine gingen diese zunächst mal ab in die Kiste, wo sie zwischenlagerten. Je nach Größe passten so zwischen 20 und 30 Rollen in einen Behälter. Manchmal ging es auch an die kleineren Maschinen, wo ich dann Distanzstücke und Unterlegscheiben für die Fließbänder pressen musste.

»Sehr gefährlich, diese Arbeit, Tim!«, warnte der Vorarbeiter Günther Kramer. »Also konzentriere dich! Wir haben keine Lust auf gequetschte Finger!«

»Ja, klar!«, sagte ich ganz wichtig und aufmerksam, obwohl ich mich doch darüber wunderte, denn letztendlich drückte ich nur einen Knopf und zog am Hebel, und das gefühlt zehnmal pro Minute.

Sobald ich die vorgesehene Antwort gegeben hatte, zog Herr Kramer laut singend von dannen: »Liebling, wach aaaauf! Ich komm’ nach Hauuuus! Mach mir das Esssssen – sonst gibt es was auf die Fressssen!!« Drei- bis viermal hintereinander wiederholte er dieses Lied und jedes Mal beendete er seinen Gesang mit einem lauten, fürchterlich krächzenden Lachen.

Keinen wunderte es mehr, nur ab und zu zeigten die Kollegen ihm einen Vogel – sie kannten ihn schon länger und ließen ihm seine Freude.

Die genau festgelegten Pausen waren eine echte Abwechslung. Alle trafen sich pünktlich zur Frühstückspause um 9:30 Uhr und zum Mittag um 13 Uhr im Gemeinschaftsraum. Jeder hatte dort seinen Spind, an dem morgens die Alltagsklamotten gegen die Arbeitsklamotten getauscht wurden. In der Mitte des Raumes stand ein großer Tisch und jeder packte seine Stullen aus. Ich, mit Abstand der Jüngste im Werk, wurde oft geneckt. Das war in Ordnung so, denn alle waren fröhlich und die gegenseitigen Neckereien gehörten wohl dazu. Herr Kramer stand immer im Mittelpunkt. Wenn er nicht gerade seinen Lieblingssong losträllerte, redete er wie ein Wasserfall.

Nach ein paar Tagen hörte ich nicht mehr hin. Stattdessen beschäftigte ich mich mit dem Gedanken, wie viel Geld ich am Ende wohl zusammenbekommen würde. Ausgezahlt erhielt ich alles in bar.

Am Freitag zum Feierabend kam Herr Kramer zu mir und überbrachte mir das Geld in einer braunen Papiertüte. Auf der Rückseite der Lohntüte war alles handschriftlich vermerkt: meine persönlichen Daten wie Name und Adresse, wie viele Stunden ich gearbeitet hatte und die genaue Auflistung und Berechnung meines Verdienstes.

Herr Kramer stellte sich ganz feierlich und breit vor mich hin – in der linken Hand die Lohntüte und in der rechten einen Kugelschreiber – und verfiel in seinen kölschenen Dialekt: »Jung! Dat häste widder joot jemaat – aber ohne Unterschrift entlasse ich dich nicht ins Wochenende, und das Geld behalte ich für mich!«, sagte er mit einem strengen Befehlston in der Stimme, während er mir ganz tief in die Augen blickte.

Unter seinem schallenden Gelächter beeilte ich mich schnell, den Empfang der Lohntüte zu quittieren. Tatsächlich hatte ich ein kleines bisschen Angst, dass er mir das Geld nicht aushändigen würde.

Auf der Fahrt fing ich irgendwann an, in denselben Halbschlaf wie meine älteren Mitfahrer zu verfallen. Eingeklemmt zwischen den Männern auf der Rückbank begann ich, Tagträume zu kreieren. Ich hatte herausgefunden, dass dies die beste Ablenkung war, um die schier endlosen täglichen Fahrten zur Arbeit und wieder zurück am besten zu ertragen. Das konnte ich schon immer ganz gut. Jederzeit und überall war ich in der Lage, einfach abzuschalten und in mich zu gehen.

»Erzähl mal, Tim. Was machst du eigentlich mit dem ganzen Geld, das du in den Ferien verdienst?«, fragte mich Gregor. Er war der Einzige, mit dem ich hin und wieder ein paar Sätze im Auto wechselte, falls er mal keine Lust auf Halbschlaf hatte.

Ich überlegte, wann es eigentlich angefangen hatte, dass ich mich für die USA zu interessieren begann. Wo lag der Ursprung meines Traums, dieses Land auf eigene Faust entdecken zu wollen? Sicherlich hing es mit einer Geschichte meines Patenonkels Hermann zusammen, die er mir mal erzählt hatte, als ich noch sehr klein war.

»Ich fliege in die USA!«, sagte ich stolz.

»Oh, das hört sich spannend an. Aber gerade jetzt schweineteuer, oder?! Bei dem Dollarkurs …«

»Keine Ahnung, das ist mir egal – ich muss eh noch weiter dafür sparen. Ich plane die Reise ja erst für nächstes Jahr, so kann ich noch ein Jahr lang Geld sammeln. Aber wieso spielt der Kurs denn so eine wichtige Rolle?« Darüber hatte ich mir bis dahin überhaupt keine Gedanken gemacht und hatte auch, ehrlich gesagt, keine Ahnung davon.

»Na ja, seit einiger Zeit ist der Dollar auf Höhenflug. Wenn es nur um ein paar Cent oder Pfennige geht, ist das für Normalreisende kein Problem. Doch wärst du letztes Jahr geflogen, hättest du bestimmt einige hundert Mark weniger einplanen müssen als heute.«

»Hm …«, war meine einzige Antwort darauf und Gregor verfiel wieder in seinen Halbschlaf. Das Thema war beendet.

Ich musste erneut an meinen Patenonkel denken und an seinen Einfluss auf meinen Traum. Bevor sich meine Mutter von meinem Vater scheiden ließ, wohnten wir in derselben Gegend wie Onkel Hermann. Wir direkt in der Stadt, in der kleinen Kreisstadt Euskirchen am Fuße der Eifel, wie es so schön hieß, und mein Onkel in einem kleinen beschaulichen Dorf namens Kreuzweingarten. Onkel Hermann, der ältere Bruder meines Vaters, spielte damals eine besondere Rolle in meinem Leben und nahm dadurch wahrscheinlich, bewusst oder unbewusst, viel Einfluss auf mich.

Mit meiner Cousine Julia, der Tochter von Onkel Hermann und Tante Hilde, verstand ich mich sehr gut. Sie war vier Jahre älter als ich und für mich wie eine große Schwester. Wenn ich dort war, verbrachte ich fast jede Minute mit ihr. Wir spielten gerne Verstecken oder arbeiteten an unserem Baumhaus. Onkel Hermann und Tante Hilde hatten einen riesigen Garten, der an ein kleines Waldstück grenzte. Zwischen den Grundstücken gab es keine Zäune – wir konnten toben und uns bewegen, wie wir wollten. Vom Garten aus konnten wir meinen Onkel gut durch die lange Fensterfront beobachten, wenn er sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen hatte. Dort saß er fast täglich eine Stunde lang vor seiner Funkausrüstung. Dann piepte und knatterte es, so wie man es aus alten Hollywoodfilmen kennt. Wenn er nicht gerade morste, sprach er in sein Funkgerät und ich konnte seltsam abgehackte Sätze belauschen: »Alpha Beta Oxford 01045 – is there someone?«, auf Englisch. Oder: »Hola senor!«, auf Spanisch – und manchmal noch befremdlicher: »Yest’ kto-to?« Russisch, nahm ich an. Es musste wohl Russisch sein?

Onkel Hermann war ein Sprachengenie und ein begeisterter Amateurfunker. Im Garten hatte er eine ca. zehn Meter hohe Funkantenne installiert. Er war mit allem ausgestattet, das nötig war, um mit jedermann in der Welt in Kontakt treten zu können. Für mich hörte sich das immer ganz spannend an. Tatsächlich hatte er mir mal verraten, dass so ein Gespräch zwar ganz nett sei, aber der Weg dorthin, bis es endlich zustande kam, machte ihm am meisten Spaß. Danach schlug er stets den Wohnort seines Funkpartners im Weltatlas nach. Das Blättern in Nachschlagewerken bereitete ihm sowieso ein riesiges Vergnügen. Oft, wenn wir im Wohnzimmer in gemütlicher Runde zusammensaßen, schnappte er sich die entsprechende Fachliteratur und versuchte, so viel wie möglich über das gerade besprochene Thema herauszufinden, besonders wenn es um fremde Länder, Städte und die Natur ging. Dann wurde geblättert, gesucht und unter vielen »Aaah’s« und »Oooh’s« ein Thema immer weiter vertieft.

So ähnlich lief es auch ab, als ich ihn mal gefragt hatte, woher er denn die Amateurfunkgeräte und vor allen Dingen das Wissen darüber hatte.

»Wieso kannst du das eigentlich alles, Onkel Hermann?«, fragte ich neugierig, wie ich nun mal als kleiner Junge war.

»Tja, das ist eine sehr lange Geschichte – dafür hole ich zunächst mal meine Bücher.« Es dauerte nur wenige Momente und ruckzuck lag vor mir eine Vielzahl von Nachschlagewerken.

»Aaah!« … »Oooh!« … »Aaaaaaah!« – Natürlich war wie immer ein Weltatlas dabei. Und diesmal auch ein Bildband über Flugzeuge im Zweiten Weltkrieg. Als Erstes schlug er den Bildband auf.

»Schau mal, hier. Vom Krieg hast du sicher schon gehört. Ich war als junger Mann als Funker in einer Junkers JU 88 eingesetzt. Dies hier ist ein Foto einer solchen Maschine. Ich war jung, gerade erst mal 18 Jahre, und der Krieg war fast schon vorbei. Ich wurde im Schnellverfahren in die Aufgaben eines Funkers eingewiesen und bin letztendlich nur zweimal geflogen.« Er wusste schon immer viele spannende Geschichten zu erzählen. Doch nun staunte ich nicht schlecht. Zunächst einmal über die Neuigkeit, dass er Soldat im Zweiten Weltkrieg gewesen war, und zum anderen, dass er mit mir darüber sprechen wollte. Klar hatte ich schon einiges von den Kriegen gehört, aber so richtig wurde darüber, zumindest in unserer Familie, nie gesprochen. Heute jedoch war dies anders. Onkel Hermann sprudelte los. Er hatte sichtlich Freude daran, mir über seine Kriegserlebnisse und die anschließende Zeit in Gefangenschaft zu erzählen.

»Über Frankreich mussten wir bei meinem zweiten Flug notlanden. Ich hatte eine höllische Angst. Nicht nur wegen der Notlandung, sondern weil uns klar war, dass wir hinter feindlichen Linien runterkommen werden. Auf keinen Fall durften wir in die Arme des Gegners fallen. Das war ja der Feind! Wir wussten, dass uns die schlimmsten Dinge erwarten würden. Gerade mit Bomberbesatzungen wurde nicht freundlich umgegangen. Ist doch klar! Wir hatten Tod und Verderben über sie gebracht. Und die Bomben machten auch keinen Unterschied, ob sie Soldaten oder Zivilisten trafen.

Wir mussten in der Nähe von Amiens, im Norden Frankreichs, notlanden. Die Motoren waren ausgefallen, aber segeln ging mehr oder weniger gut. Gott sei Dank fand unser Pilot in der Dämmerung eine Wiese. Na ja, die Maschine sank, es rumpelte und knirschte, schriller Lärm ertönte und schmerzte in den Ohren. Wir wurden auf das Heftigste durchgeschüttelt. Die Räder hatte der Pilot erst gar nicht ausgefahren, da sie auf dem Feld sofort weggeknickt wären, wir hätten uns sicher überschlagen. So rutschte die Maschine wie eine Robbe auf dem Eis über das Feld, bis sie letztendlich zum Stillstand kam. Keiner der Besatzung war verletzt, abgesehen von den vielen blauen Flecken.

Die Bruchlandung hatten wir glimpflich überstanden, aber jetzt mussten wir uns sputen. Ich kann dir sagen, meine Beine waren wie Pudding und ich hatte panische Angst. Die Maschine hatte Feuer gefangen und konnte aufgrund der noch gut gefüllten Benzintanks jederzeit explodieren.«

Ich wusste sofort, was jetzt kommen würde! Er griff sich den Weltatlas und ich bekam den Auftrag, die Stadt Amiens in Frankreich zu finden. In dem Moment gesellte sich Julia zu uns.

»Erzählst du Tim von deinen Kriegserlebnissen, Papa?«

»Ja, Julia. Komm zu uns. Du kennst die Geschichten ja schon.«

Julia setzte sich neben mich auf das Sofa.

»Hilf Tim, Amiens auf der Karte zu finden!«

Während wir beide eifrig nach dem kleinen Ort in Frankreich suchten, erzählte mein Onkel weiter:

»Für mich war der Krieg aus, noch ehe er so richtig begonnen hatte. Welch ein Glück, auch wenn es mir zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht so vorkam. Zunächst stieg die Panik in mir immer mehr. Wir liefen direkt in die Arme einer US-Patrouille. Keine Chance! Hinter uns drohte die Maschine zu explodieren, vor uns richteten finster dreinblickende US-Soldaten ihre Gewehrläufe auf uns. Sie gaben sofort Warnschüsse ab und schrien uns an: ›Stop, stop! Hands up! Hände hoch! Hands up! Go, go, go! Hands up!‹ Und so kam ich in US-Gefangenschaft. Am Anfang war es für mich die Hölle – doch was für ein Glück!«

»Wieso Glück?«, unterbrach ich meinen Onkel hastig, vor Spannung war ich ganz aufgeregt.

»Tja, im Nachhinein ist man immer schlauer. Was haben die Nazis uns nicht alles erzählt über den bösen Feind! Ich jedoch sollte den Amerikanern viel zu verdanken haben. Mir wurde ganz schnell bewusst, dass wir die Bösen waren. Na ja, Fakt ist, ich kam in amerikanische Gefangenschaft. Wir wurden nach einiger Zeit auf ein Gefangenenschiff Richtung New York verfrachtet und letztendlich von Ende 1944 bis 1946 als PoW, Prisoner of War, in ein Gefangenenlager nach Virginia Beach, genauer gesagt Fort Story untergebracht.«

Meine Cousine und ich hatten inzwischen den Absturzort im Atlas ausfindig gemacht.

»Prima!«, rief mein Onkel. »Jetzt auf nach New York und Virginia Beach! Das findet ihr bestimmt auch schnell. Mögt ihr noch mehr hören?«

»Ja, klar! Allerdings habe ich immer noch nicht verstanden, warum du zu deiner Gefangenschaft sagst, dass es für dich ein Glück gewesen sei …«

»Ganz einfach. Mit uns Deutschen ist man anständig umgegangen, wenn wir pariert und uns willig gezeigt haben. Wer ein bisschen Verstand hatte, dem wurde schnell bewusst, welcher Propaganda wir in Deutschland ausgesetzt waren. Ich hatte das rasch begriffen. Die Amerikaner auf der anderen Seite hatten mir vertraut, so wie ich ihnen vertraut hatte. Sie gaben mir immer mehr Freiheiten und hatten mich sogar weiter ausgebildet. Ein bisschen auch aus Eigennutz. Bevor ich zum Militärdienst eingezogen worden war, hatte ich bei der Stadt eine Ausbildung als Landvermesser gemacht. Dies kam mir nun zugute. Die Amis hatten einen riesigen Bedarf an solchen Fachkräften. Und als ich die Sprache ausreichend beherrschte, hatte man mich einer amerikanischen Behörde unterstellt. Ich sag Euch, die Tätigkeit dort war eine echte Wohltat im Vergleich zu den üblichen Arbeitskommandos auf den Tabak-, Baumwoll- und Erdnußfeldern wo harter körperlicher Einsatz gefordert war. So war ich ganz schön herumgekommen und traf auf Menschen, die geprägt waren von großzügigem Denken und einer ungewöhnlich toleranten Verständnisbereitschaft in der Zusammenarbeit mit uns Kriegsgefangenen. Es war für uns schon sehr erstaunlich. Eine uns bislang kaum erfahrene Sichtweise im Umgang mit andersdenkenden Menschen! Da schlugen unbewusste Verhaltensweisen aus der Pionierzeit durch, dachte ich damals. Vielleicht war dies auch gar der Ausdruck dessen, was man ‚The American Way of Life‘ nennt?« Seine Augen strahlten, als er mit der Geschichte endete.

Einige Jahre, nachdem Onkel Hermann mir seine Kriegserlebnisse erzählt hatte, unternahm er mit seinem Sohn Thomas eine Reise in die USA. Er wollte all die Orte noch einmal anfahren, die er während seiner Gefangenschaft kennengelernt hatte, um einige der Menschen wiederzusehen, die ihn damals so herzlich aufgenommen und ihm die Augen geöffnet hatten. Als ich meinen Onkel nach deren Reise besuchte, lag auf dem Wohnzimmertisch etwas, das ich noch nie gesehen hatte. Dieses Objekt sollte noch viele Jahre später eine wichtige Rolle in meinem Leben spielen. Es handelte sich um einen Baseball-Handschuh.

Wie jeder ›Anfänger‹, der keine Ahnung von dieser Sportart hat, versuchte ich zunächst, ihn mit der ›falschen Hand‹ anzuziehen. Ich wunderte mich, da ich irgendwie nicht richtig hineinkam. In dem Moment betrat mein Vetter Thomas das Wohnzimmer und lachte.

»Überleg mal … Hier, fang!«, rief er mir zu. Ein kleiner, weißer, harter Ball kam auf mich zugeflogen. Natürlich landete er krachend auf dem Boden.

»Siehst du! Werfen musst du mit deiner starken Schreibhand. Damit gibst du deine Power drauf. Fangen musst du mit der linken Hand! Nur bei Linkshändern ist es entsprechend andersherum«, erklärte er mir.

»Ach!«, staunte ich nicht schlecht.

Die abenteuerliche Geschichte meines Onkels über seine amerikanische Gefangenschaft und die Faszination, die der seltsam anmutende Baseball-Handschuh auf mich ausübte, ließen wahrscheinlich den Traum in mir entstehen, einmal in die USA zu reisen. Baseball kannte in Deutschland zu dieser Zeit so gut wie niemand. Der Lederhandschuh mit seinem eigentümlichen Geruch wurde für mich zu einem Symbol des ›American Way of Life‹. Vielleicht hatten aber auch die vielen Karl-May-Filme im Fernsehen das Ihrige dazu beigetragen. Und natürlich war ich seitdem noch oft mit meinem Vetter im Garten und wir warfen uns Bälle um die Ohren.

Kapitel 2 – Entwicklung

Hey, Tim! Aufwachen! Wir sind da, die Arbeit ruft! Wir treffen uns wie immer pünktlich um 16 Uhr auf dem Parkplatz!«, riss mich Onkel Heinz aus meinen Gedanken.

Oh Mann! Erst zwei Wochen sind geschafft und es kommt mir noch sooo lange vor …

Aber es war Freitag, ein Lichtblick. Und ich war tatsächlich am Samstagabend zum ersten Mal auf eine Fete eingeladen! Hm, eigentlich war ich ganz happy darüber – andererseits auch nicht. Ich fühlte mich nicht ganz wohl bei dem Gedanken, weil ich so gar keine richtigen Freunde hatte. Ich war ein typischer Einzelgänger – Eigenbrötler – total verschüchtert – und ich fand mich hässlich:

Massig Pickel im Gesicht!!

… Tatsächlich waren es höchstens zwei bis drei, und die konnte ich perfekt mit Clearasil bekämpfen!

Fettige, unförmige Frisur mit strengem Scheitel nach rechts gekämmt!!

… Tatsächlich waren meine Haare nur ein bisschen strohig, und mit etwas Gel bekam ich die sehr gut in den Griff!

Und dick und fett komme ich mir vor!!

… Tatsächlich war dies auch ein totaler Nonsens. Ich redete mir das nur ein. Denn immer, wenn ich mich hinsetzte, betrachtete ich meine Oberschenkel, die im Sitzen – welch Wunder – voll in die Breite gingen. Daraus schloss ich, dass ich dick und fett sei, obwohl ich im Spiegel manchmal sogar den Ansatz eines Sixpacks und somit eine Top-Figur erkennen konnte!

Oh Mann, bin ich verpeilt!

Tatsächlich gab es in meiner Klasse noch so einen wie mich, nämlich Frank. Wir machten es unter uns aus, wer den letzten und wer den vorletzten Platz in der Beliebtheits- und Coolheitsskala einnahm.

Ich bin natürlich dafür, dass dieser letzte Platz Frank gebührt …

Immerhin war ich zur Fete eingeladen, genau wie Frank. Es war ja auch nicht zu vermeiden.

Alle aus der Klasse sind eingeladen – es handelt sich schließlich um die Abschlussfete unserer Schulklasse …

Ich hatte die Städtische Realschule besucht und mit Ach und Krach den Abschluss geschafft. In der Schule hatte ich mich nie besonders wohl gefühlt. Meine Noten reichten jedes Jahr gerade so für die Versetzung. Eine Fünf im Zeugnis war immer dabei und der obligatorische blaue Brief gehörte auch jährlich dazu.

In der neunten Klasse hatte ich meine Mutter ziemlich böse auf den Arm genommen. Es war eine pubertäre Reaktion auf den blauen Brief! Ich sagte ihr, dass ich mich umbringen würde, falls ich die Versetzung in die zehnte Klasse nicht schaffen sollte. Natürlich war dies ein totaler Schwachsinn, ich wollte einfach nur einen Spruch loslassen. Niemals dachte ich wirklich daran, mich umzubringen! Doch meine Mutter war darüber so geschockt, dass sie mich am Tag der Zeugnisübergabe von der Schule abholte. Das hatte sie niemals zuvor gemacht.

Ich hatte meinen völlig danebengegangenen Spruch schon ganz vergessen, da sah ich sie durch das Fenster unseres Klassenzimmers. Sie lief mit sorgenvoller Miene vor dem Eingang der Schule auf und ab. In dem Moment wurde mir bewusst, wie dumm ich doch gewesen war.

Klar war ich – wenn auch wieder nur ganz knapp – versetzt worden! Nachdem wir die Zeugnisse endlich in Händen hielten, rannte ich sofort aus dem Klassenzimmer, über den Schulhof und direkt auf meine Mutter zu.

»Mama! Ich bin versetzt worden! Entschuldige bitte meinen Scheiß-Spruch. Du weißt doch, dass ich so etwas nie machen würde!«

Meine Mutter strahlte. »Ja, ich weiß. Ich war ja auch nur zufällig gerade in der Nähe …«

»Jaja, Mama! Du läufst doch schon fast eine Stunde hier hin und her …« Wir lachten und knuddelten uns.

Gedankenverloren stand ich in der Produktionshalle und stapelte die fertig gefüllten Kisten auf die Palette neben der Stanzmaschine. Mein blöder Spruch und die Aktion mit meiner Mutter gingen mir im Kopf herum, da fuhr mir plötzlich der Schrecken in die Glieder.

Oh scheiße!!!

Der Gedanke traf mich wie ein Blitz. Ich hatte gestern Abend vergessen, den Playboy wieder zu verstecken!! Den Playboy, den ich – natürlich nur aus Neugier (!) – letzte Woche heimlich in meinem Lieblingskiosk gekauft hatte.

Mist! Mist! Mist!!

Sicher wurde ich sogar rot vor Scham. Was würde meine Mutter nur denken, wenn sie den Playboy fände!

Und sie wird ihn finden!! Gar kein Zweifel! Jeden Tag macht sie mein Bett! Jeden Tag! Sie hat mein Bett noch nie nicht gemacht. Warum sollte sie es ausgerechnet heute nicht tun???

Mist! Mist! Mist!!

Ich war verzweifelt und hatte nur noch dieses eine Wort im Kopf:

Mist! Mist! Mist!!

»Liebling, wach aaaauf! Ich komm’ nach Hauuuus! Mach mir das Esssssen – sonst gibt es was auf die Fressssen!!«, tönte es aus einiger Entfernung.

Oh nein! Herr Kramer hat mir gerade noch gefehlt!

Sein grässlicher Gesang eilte ihm voraus und er lief donnernd und mit schnellen Schritten an mir vorbei.

Der Arbeitstag wollte und wollte nicht zu Ende gehen und ich fühlte mich überhaupt nicht gut!

Was für eine Katastrophe. Was wird meine Mutter sagen? Und dann noch vor Onkel Heinz??

Irgendwann war dann endlich Feierabend.

»Jung! Dat häste widder joot jemaat – aber ohne Unterschrift …«

»Ja, klar, ich unterschreibe!«, zischte ich ungeduldig Vorarbeiter Kramer an, der mit der Lohntüte in der Hand vor mir stand. Ich wollte nur so schnell wie möglich raus und nach Hause.

Als ob das noch einen Unterschied macht?!

Ich hatte tatsächlich die vage Hoffnung, dass meine Mutter an diesem Tag – zum ersten Mal – mein Bett nicht gemacht haben könnte. Nach quälend langer Fahrt und mindestens 3.000 »Mist! Mist! Mist!«-Gedanken kamen wir endlich zu Hause an. Ich stieg ganz cool und lässig aus dem Ford Fiesta und ging, langsam und völlig entspannt wirkend, in Richtung meiner Mutter. Sie stand wie immer in der Tür und begrüßte uns, Küsschen hier – Küsschen da.

»Wie war es heute auf der Arbeit, ihr zwei? Ihr seid aber spät dran … das Essen steht auf dem Tisch.«

Auch so wie immer …

Hm, wie immer?!?

Mein Herz raste.

Hoffnung!!! Sie sagt gar nichts! Das Bett hat sie vielleicht doch nicht gemacht …?!?

Zu meiner Mutter sagte ich, scheinbar gut gelaunt: »Hallo, Mama! Schau mal, hier ist meine Lohntüte.«

Onkel Heinz musste dringend etwas mit meiner Mutter besprechen und ich nutzte die Chance, um mich hastig zu verdrücken.

Ich lief die Treppe runter in Richtung Zimmer, in meinem Kopf dudelte es unaufhörlich: Liebling, wach aaaauf! Ich komm’ nach Hauuuus! Mach mir das Esssssen – sonst gibt es was auf die Fressssen!!

Ich muss zugeben, der Song beruhigt tatsächlich und lenkt zumindest für ein paar Momente vom Geschehen ab.

Hektisch platzte ich ins Zimmer. Das Bett war doch gemacht!

Mist! Mist! Mist!

Und nun? Wo ist das Heft??

Wie ein aufgeschrecktes Huhn lief ich im Zimmer hin und her und suchte verzweifelt nach dem Magazin. Auf meinem Schreibtisch und in den Schubladen war nichts zu sehen. Ich suchte weiter im Bücherregal und durchwühlte die Fächer in meinem Kleiderschrank. Auch unter dem Bett sah ich nach. Nichts zu finden.

Wo ist nur das blöde Heft? Meine Mutter wird mir dies doch nicht vor allen anderen zum Abendessen über den Tisch reichen und blöde Fragen stellen??

Ein Einfall kam mir: Schau doch mal dort nach, wo du es zuletzt liegengelassen hast.

Tatsächlich! Merkwürdig!?!

Unter dem Kopfkissen lag es. So, als ob es nichts Besonderes wäre und dort wie selbstverständlich hingehörte. Ich kratzte mich am Kopf und wunderte mich … darüber, dass es wie unberührt dort lag, und darüber, dass meine Mutter nichts dazu gesagt hatte. Auch später beim Abendessen hat sie kein Wort darüber verloren. Ich selbst vermied es natürlich tunlichst, sie darauf anzusprechen, und ließ mir nichts anmerken.

Was ist denn auch schon dabei? Es geht doch nur um die interessanten Artikel über Autos, Lifestyle usw. Wer sollte da etwas anderes, gar Schändliches vermuten? Was für ein Glück!

***

Endlich Samstag! Am nächsten Morgen sprang ich eilig aus dem Bett und machte mir einen Plan für den heutigen Tag. Ich war schon ganz aufgeregt.

Volle Konzentration auf die heutige Fete!! Das erste Mal konnte ich bei einer richtigen Fete dabei sein, mit Diskomusik und Tanz! Und Mädels waren natürlich auch dabei …

Auf dem Weg ins Bad stürmte ich auf das Bett meiner Schwester und riss sie aus dem Schlaf. Gaby schrie erschreckt auf und schmiss mir wütend ihr Kopfkissen hinterher, als ich schnell die Flucht in Richtung Badezimmer antrat. Gabi und ich bewohnten gemeinsam ein Ein-Zimmer-Appartement im selben Haus wie meine Eltern. Das Haus beinhaltete vier Wohneinheiten – zwei große Wohnungen in der ersten Etage und zwei kleine Ein-Zimmer-Appartements im Erdgeschoss. Onkel Heinz und meine Mutter wohnten oben links und Gaby und ich teilten uns ein Appartement rechts unten. Erst vor einem Jahr hatte Onkel Heinz eine dünne Holzwand eingebaut und das Appartement genau zwischen dem Doppelfenster abgeteilt. Meine Schwester und ich hatten dadurch unsere Privatsphäre und konnten auch mal den Vorhang zuschieben, falls wir voneinander genervt waren oder ich abends länger aufblieb. Die Holzwand war zu schmal, um eine Tür integrieren zu können. Onkel Heinz hatte die Idee mit dem Vorhang als Türersatz. So hatte jeder von uns doch seinen eigenen Rückzugsbereich, wenn nicht mal der eine oder andere den einen oder anderen durch den nicht abschließbaren Stoffvorhang mal ärgerte. Außerdem verfügten wir über ein eigenes Bad. Dieses war natürlich mit einer festen, abschließbaren Tür versehen, welche die wütenden Faustschläge meiner Schwester nun aushalten musste, die mir eiligst gefolgt war. Natürlich war alles nur Spaß und ich konnte sicher sein, dass Gaby irgendwann genüsslich Rache an mir nehmen sollte.

Nachdem sich die Gemüter beruhigt hatten und wir beide uns am Frühstückstisch die neuesten Häschen-Witze um die Ohren warfen, musste ich mir die weiteren Stunden bis zum Abend vertreiben. Die Stunden wollten und wollten nicht vergehen. Kurzerhand ging ich nach draußen und beschloss zu meinem Lieblingskiosk ins Dorf zu spazieren. Dort ging ich des Öfteren mal hin, um ein paar Lakritze für fünf Pfennig das Stück zu kaufen, oder auch mal heimlich – und wirklich nur ein einziges Mal (!) – einen Playboy. Heute lagen an der Kioskluke orangefarbene Aufkleber herum, die man sich kostenlos mitnehmen konnte. Es handelte sich um Zigarettenwerbung eines Zigarettenherstellers, welcher schon über einige Jahre hinweg Abenteuer-Rallyes sponserte, für die sich jeder Erwachsene bewerben konnte. Davon hatte ich schon häufig gehört. Echt coole und starke Männer waren mit tollen safarifarbigen Jeeps in Urwäldern unterwegs. Die Aufkleber, die im Kiosk auslagen, waren mit witzigen Sprüchen versehen und sollten sicherlich neue Raucher für ihre Produkt anlocken. Der Spruch, der mir ins Auge fiel, lautete: »Wer durch die Hölle will, muss verdammt gut fahren …«

Den werde ich an meine Zimmertür kleben!

Im selben Moment fiel mir auf, dass ich noch nie geraucht hatte – und das, obwohl viele Mitschüler in meiner Klasse rauchten. Zumindest alle Jungs. Aber das war mir egal, ich gehörte sowieso nicht dazu. Die Werbung auf den zahlreichen Plakaten hatte mich trotzdem schon immer angesprochen.

Auf dem Nachhauseweg kam ich an einem Zigarettenautomaten vorbei und musste natürlich prompt nachsehen, ob es auch dort die viel beworbene Abenteuer-Zigarette zu ziehen gab. Tatsächlich! Eingebettet zwischen Lord und HB fand ich meine Marke sogar in zwei Variationen: Einmal ein Automatenschacht in der Variation ›mit Filter‹ und einmal ›ohne Filter‹. Jeweils für drei Mark.

Ich entschloss mich also für meine Abenteuer-Zigarette und zückte Kleingeld aus meiner Hosentasche.

Gute Entscheidung! Wäre doch eine tolle Idee, wenn ich heute Abend auf der Fete mit dieser Zigarette angeben könnte. Das ist eine echt coole Packung!

Eine Weichpackung, die man sich lässig in die Hemd- oder Hosentasche stecken kann. Die Zigarette für den echten Mann!

Und dann stand ich da mit meiner ersten Packung Zigaretten.

O. k., dann probiere ich das doch gleich mal aus! – Verdammt! Ich brauche Feuer, um meinen ersten Glimmstängel anzuzünden. Daran habe ich in der Aufregung gar nicht gedacht.

Jetzt fiel mir auch noch meine Mutter ein, die mich schon immer vor dem Rauchen gewarnt hatte. So wie ich sie einschätzte, würde sie den Geruch an meinen Klamotten sofort riechen.

O. k. Gut. Eines nach dem anderen. Zunächst einmal Feuer besorgen! Das mit dem Zigarettenmief werde ich dann schon hinbekommen …

Also ab zurück zum Kiosk, um dort für 15 Pfennig ein Streichholzpäckchen zu kaufen.