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Herzogin Sophie Charlotte in Bayern (1847–1897) stand lange im Schatten ihrer berühmten Schwester. In seiner Tragik steht ihr Schicksal dem von Kaiserin Elisabeth von Österreich jedoch in nichts nach. Die Verlobung mit dem bayerischen Märchenkönig Ludwig II. endet für Sophie in einem Gefühlschaos. Rasch wird eine Ehe mit Herzog Ferdinand von Alençon arrangiert. Zwanzig Jahre später verliebt sich Sophie in einen Bürgerlichen, den Arzt Franz Glaser, und möchte die Scheidung. Ein Schritt, der in der starren, von Konventionen geprägten Adelsgesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf Unverständnis und Ablehnung stößt. Ihre Familie greift zu drastischen Maßnahmen und lässt sie für geisteskrank erklären … Auf der Suche nach Individualität, Glück und Liebe wagt Sophie Charlotte den Ausbruch aus dem »goldenen Käfig« mit allen Konsequenzen. Der Wittelsbach-Experte Christian Sepp erzählt die ergreifende Geschichte dieser ungewöhnlichen und mutigen Frau, die mit den Konventionen ihrer Zeit gebrochen hat.
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Seitenzahl: 384
Veröffentlichungsjahr: 2023
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CHRISTIAN SEPP studierte nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann Geschichte und Politische Wissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Anschließend verbrachte er ein halbes Jahr in London als Stipendiat des Deutschen Historischen Instituts. Nach einigen Jahren in der Filmbranche machte er sich 2013 als Historiker selbstständig und veröffentlichte ein Jahr später die Biografie »Sophie Charlotte. Sisis leidenschaftliche Schwester«. Damit gelang ihm ein Erfolgsdebüt. Mit »Ludovika. Sisis Mutter und ihr Jahrhundert« folgte 2019 eine Biografie über Herzogin Ludovika in Bayern. 2021 gab er den Band »Erinnerungen an Großmama. Aufzeichnungen der Amelie von Urach über Herzogin Ludovika in Bayern« im Allitera Verlag heraus. Christian Sepp lebt und arbeitet in München.
Für meine GroßmutterHanna Hindelang (1915–2009)und ungezählte Stunden »Wer is g’storben?«
und fürBobby (2004–2014),den besten Begleiter auf vier Pfoten für ein Buchprojekt,den man sich nur wünschen konnte.
März 2023 (aktualisierte Neuauflage)Allitera VerlagEin Verlag der Buch&media GmbH München©️ 2023 Buch&media GmbH MünchenLektorat: Dietlind PedarnigLayout, Satz und Umschlaggestaltung: Johanna ConradGesetzt aus der Playfair Display und der Adobe Garamond ProUmschlagvorderseite: Herzogin Sophie Charlotte in Bayern, Porträt des Hoffotografen Joseph Albert aufgenommen am 31. Januar 1867; Sammlung Petra HerzbergPrinted in Europe · 978-3-96233-366-9
Allitera VerlagMerianstraße 24 · 80637 MünchenFon 089 13 92 90 46 · Fax 089 13 92 90 65
Weitere Publikationen aus unserem Programm finden Sie aufwww.allitera.deKontakt und Bestellungen unter [email protected]
INHALT
Vorwort
Vorwort zur Neuausgabe
Die Familie
Plötzlich Kaiserin
Sophies Schwestern
Sophies Brüder
Eine unbeschwerte Kindheit
Auf den Schwingen der Musik
Schutzmantelmadonna mit Hunden
Eine komplizierte Verlobung
»Vergib deinem unglücklichen Friedrich«
Unzählige Verletzungen
Amors Pfeile – die Erste
Amors Pfeile – die Zweite
»Gottlob, dass ich sie loswurde!«
Herzog Ferdinand von Alençon
Rendezvous in Sachsen
»Von mir aus, ja«
In fremden Räumen
Krieg zwischen Deutschland und Frankreich
Sisi & Sophie
Die neue Heimat: Frankreich
Die Tagebücher der Nichten
1886 – Annus horribilis
Schwere Krankheit und neues Exil
Eine neue Liebe
Dr. Glaser – eine Spurensuche
Morganatische Ehen
Showdown in Meran
Mit dem Sonderzug ins Sanatorium
»Du bist im Irrenhaus, Du bist gefangen«
Der Sex-Doktor
Bespitzelung & Eiswasserbäder
Der untreue Liebhaber
»Mein liebes, liebes Baby!«
Zurück ins Leben
Ein Schloss in den Bergen
Ein letztes Aufbäumen
Die Familie verliert ihren Mittelpunkt
Paris, 4. Mai 1897
Epilog
Danke!
Quellen- und Literaturverzeichnis
Zeittafel
Kurzbiografien
Personenregister
Abbildungsnachweis
Stammbäume
»Wär ich ein Jäger auf freier Flur,Ein Stück nur von einem Soldaten,Wär ich ein Mann doch mindestens nur,So würde der Himmel mir rathen;Nun muß ich sitzen so fein und klar,Gleich einem artigen Kinde,Und darf nur heimlich lösen mein Haar,Und lassen es flattern im Winde!«
Annette von Droste-Hülshoff, Am Turme, 1841 / 42
»Nicht so wild, Effi, nicht so leidenschaftlich.Ich beunruhige mich immer, wenn ich dich so sehe …«Luise von Briest zu ihrer Tochter Effi
Theodor Fontane, Effi Briest, 1895
»Helmer: Du bist krank, Nora; du hast Fieber; du bist wohl gar von Sinnen.Nora: Ich habe noch nie so klar und bestimmt empfunden wie diese Nacht.Helmer: Und klar und bestimmt gehst du von deinem Gatten und deinen Kindern?Nora: Ja, das tue ich.«
Henrik Ibsen, Nora oder Ein Puppenheim, 3. Akt, 1879
VORWORT
Ein unterdrückter Schrei gellt an diesem Juniabend des Jahres 2013 durch das schon fast verlassene Büro. Eine Kollegin nähert sich schnellen Schrittes, ihren besorgten Blick auf mich gerichtet: »Alles okay bei dir?« »Da ist ein Brief. Auf eBay. Zum Verkauf. Ein Brief von Ferdinand von Alençon an seine Tochter Louise, November 1887. Genau die Zeit, in der Sophie Charlotte in Maria Grün war.« Meine Kollegin legt den Kopf leicht schief, gefolgt von einem nicht zu deutenden Lächeln. Kein Wunder. Schließlich kann keiner wirklich nachvollziehen, welch überraschtes Entzücken dieser Fund bei mir auslöst.
Für mich ist es ein kleines Wunder. Denn seit ein paar Monaten recherchiere ich nun schon die Lebensgeschichte von Herzogin Sophie Charlotte in Bayern. Und ich bin an einen Punkt gekommen, an dem mich zwei Dinge besonders beschäftigen: Ist es in Ordnung, so in einem vergangenen Leben zu stöbern? Und: Es gibt eine Stelle in der Geschichte, die mich besonders berührt. Genau hier kann ich die Geschichte aber nicht weitererzählen, denn mir fehlt das Quellenmaterial. Bisher habe ich nichts gefunden, das diese Lücke füllen kann.
Und nun das: Ein Brief aus dem 19. Jahrhundert zum Verkauf auf eBay. Aber es kommt noch besser: Denn der Brief entpuppt sich als Teil eines kleinen Nachlasses, der von einer Privatperson angeboten wird. Ich zögere nicht wirklich lange und wenige Tage später, mitten im Hochsommer, steht eine blau-weiße Briefschatulle auf meinem Küchentisch, dazu zwei Ordner gefüllt mit Briefen, Bildern, Postkarten, Sterbebildchen, Zeitungsausschnitten und vielem mehr. Bei der ersten Durchsicht stelle ich fest, dass all diese liebevoll gesammelten Erinnerungsstücke aus dem Nachlass der Prinzessin Louise von Bayern, Sophie Charlottes Tochter, einer geborenen d’Orléans, stammen müssen. Alle enthaltenen Briefe sind an sie adressiert. Für mich ist diese Sammlung ein echter Schatz. Ich bekomme Einblicke in Dokumente, die vor mir noch niemand ausgewertet hat. Und mir wird klar: Wenn das kein Auftrag ist, die Geschichte zu erzählen, was dann?
Denn leider sind – mit wenigen Ausnahmen – viele Halbwahrheiten über das Leben von Sophie Charlotte im Umlauf. Was schlicht und ergreifend daran liegt, dass im deutschen Sprachraum keine Biografie über ihr gesamtes Leben existiert. In Büchern und Filmen erscheint sie meist als Randfigur neben ihrer älteren Schwester Elisabeth, der berühmten Kaiserin Sisi von Österreich, oder dem bayerischen »Märchenkönig« Ludwig II., mit dem sie ganze 259 Tage lang verlobt war. In den letzten Jahren haben zwei historische Romane und eine zweiteilige Miniserie bei RTL auch nicht dazu beigetragen, ihrem Leben gerecht zu werden, denn hier wurden nur Bruchstücke ihrer Biografie zusammengetragen, um sie dann möglichst sensationell wieder aneinanderzureihen. Dabei bedarf ihr Leben wahrlich keiner künstlichen Dramatisierung.
Die vorliegende Biografie soll diese Lücke nun füllen. Mein Vorhaben ist es, auf der Grundlage von zahlreichen Quellen – Briefen, Tagebüchern, Gesandtschaftsberichten – und durch Auswertung der bereits vorhandenen Literatur ein möglichst lebendiges und authentisches Bild dieser außergewöhnlichen und eigenwilligen Frau zu zeichnen, die bereit war, für ihre Gefühle viel aufs Spiel zu setzen und einen ganz eigenen Weg einzuschlagen. Dabei sind mir insbesondere zwei Dinge wichtig: zum einen eine emotionale Annäherung an ihre Person, zum anderen eine wissenschaftliche Herangehensweise. So sind alle Zitate aus zeitgenössischen Quellen belegt; wo wir uns im spekulativen Bereich bewegen, wird deutlich darauf hingewiesen. Die ausgewerteten Quellen und die herangezogene Literatur findet der interessierte Leser im Anhang angegeben. Dieser wird durch Stammbäume, die dabei helfen sollen, sich in den komplexen verwandtschaftlichen Verhältnissen zurechtzufinden, ergänzt.
Sophie Charlotte unterschrieb mit Ausnahme der an ihre Kinder adressierten Briefe immer mit beiden Vornamen; wenn andere von ihr sprachen, verwendeten sie meist nur den ersten Vornamen. In diesem Buch werden beide Varianten verwendet, im ersten Drittel zumeist die Variante mit beiden Vornamen, um sie von den anderen Sophien, die in ihrer Biografie auftauchen, zu unterscheiden.
Meine größte Hoffnung ist es, dass Sophie Charlotte mit dieser Annäherung an ihr Leben bei eigener Lektüre zufrieden gewesen wäre. Auf dass ihre Briefe nicht umsonst in meine Richtung gelenkt wurden.
München / Wald im Pinzgau, im August 2014
VORWORT ZUR NEUAUSGABE
Gut über acht Jahr sind vergangen, seitdem »Sophie Charlotte. Sisis leidenschaftliche Schwester« im Herbst 2014 zum ersten Mal erschienen ist. Das Buch hat mittlerweile zwei weitere Auflagen (2015 und 2017) erlebt und eine Übersetzung ins Ungarische (2021). Die nun im Allitera Verlag erscheinende Neuausgabe gibt mir die Möglichkeit, das Buch inhaltlich zu überarbeiten und insbesondere die Erkenntnisse, die ich in der Zwischenzeit durch meine Forschungen über das Leben von Sophie Charlottes Mutter Ludovika gewonnen habe, mit einfließen zu lassen.
Häufig werde ich gefragt, wie es denn sein kann, dass von Sophie Charlotte und ihrer Familie so viele persönliche Schriftstücke auf dem freien Markt zum Verkauf angeboten werden. Solch wertvolles Quellenmaterial würde man ja eher fein säuberlich verwahrt in einem Archiv erwarten. Dazu muss man wissen, dass sich alle diese Schriftstücke einst im Besitz eines Enkels von Sophie Charlotte befunden haben. Bei diesem Enkel handelt es sich um Prinz Joseph Clemens von Bayern (1902–1990), dem einzigen Sohn von Sophie Charlottes Tochter Louise und deren Ehemanns Alfons von Bayern. Prinz Joseph Clemens blieb unverheiratet und lebte bis zum seinem Tod in der Villa seiner Eltern in der Prinzregentenstraße in München. Die Erben, die er einsetzte, entschlossen sich offensichtlich, die wertvollen Dokumente nach und nach zu verkaufen, sodass viele persönliche Besitztümer der Familie mittlerweile in alle Winde zerstreut sind. Ein winziger Teil davon landete auf wundersamen Wegen während meiner Recherche im Sommer 2013 in meinem Besitz, wie im Vorwort zur ersten Auflage berichtet. Seit Erscheinen des Buchs ist es mir gelungen, weitere Briefe bei Auktionen oder in Antiquariaten zu erwerben. Leider war es nicht möglich, in Erfahrung zu bringen, wer im Jahre 2006 ein Tagebuch der jungen Sophie Charlotte bei einer Auktion im Dorotheum in Wien erworben hat, sodass man bei dieser wertvollen Quelle auf die kurzen Ausschnitte angewiesen ist, die sich im entsprechenden Katalog der Auktion finden lassen.
Des Weiteren fließen einige neue Funde aus Archiven und Bibliotheken ein, wie in etwa ein Brief von Herzog Carl Theodor, in dem er im Juni 1887 über die Zwangseinweisung seiner jüngeren Schwester in das Sanatorium Maria Grün berichtet, oder die Lebenserinnerungen von Sophie Charlottes Gesangslehrer Julius Hey. Unter den neuen Abbildungen in dieser Ausgabe finden sich Fotografien, die ich von einem Sammler erwerben konnte, der diese bei einem Umbau von Schloss Mentlberg (Tirol) vor der Vernichtung retten konnte.
München, im Januar 2023
Kapitel 1
DIE FAMILIE
Anfang des 19. Jahrhunderts ist die einst in zahlreichen Familienzweigen blühende Dynastie der Wittelsbacher auf eine Handvoll Familienmitglieder zusammengeschrumpft. Als 1799 Kurfürst Karl Theodor, der erstmals die Pfalz und Bayern in Personalunion regiert, stirbt, fällt sein reiches Erbe an die ehemals eher unbedeutende Seitenlinie Pfalz-Birkenfeld-Zweibrücken. So steigt Pfalzgraf Maximilian Joseph in den letzten Jahren des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation mit einem Schlag zum Kurfürsten von Bayern und der Pfalz auf. Eine weitere Standeserhöhung lässt nicht lange auf sich warten: Durch sein Bündnis mit dem französischen Kaiser Napoleon I., das nicht ohne Druck zustande gekommen war, wird Bayern 1806 zum Königreich erhoben und der ehemalige Pfalzgraf als Maximilian I. Joseph Bayerns erster König.
Neben der so schnell aufgestiegenen Linie Pfalz-Birkenfeld-Zweibrücken existiert zu diesem Zeitpunkt noch eine weitere Linie der Wittelsbacher: Pfalz-Birkenfeld-Gelnhausen. Diesem Familienzweig haftet allerdings ein kleiner Makel an – hatte doch einer ihrer Vertreter nicht ganz standesgemäß geheiratet. Aber ausgerechnet aus dieser morganatischen Ehe stammen alle noch lebenden Angehörigen der Linie. Als Max Joseph 1799 in den Besitz seiner großen Erbschaft kommt, lässt er auch die noch verbliebene Verwandtschaft daran teilhaben. Aus Dankbarkeit für die Sicherung einer reibungslosen Regierungsübernahme werden aus den Pfalzgrafen von Birkenfeld-Gelnhausen die Herzöge in Bayern. Dass zwischen den beiden Linien standesgemäß ein Unterschied besteht, lassen die Mitglieder des bayerischen Königshauses die herzogliche Verwandtschaft jedoch bei allen möglichen Gelegenheiten spüren.
Der erste Herzog in Bayern ist Wilhelm, ein sehr ehrgeiziger Mann, der sein Leben lang versucht, eine eigene souveräne Herrschaft zu erlangen. Auch wenn er dieses Ziel nicht erreicht, so gelingt ihm doch eine Festigung der Stellung seiner Linie im Hause Wittelsbach. Neben einem großen Vermögen hinterlässt er seinen Nachkommen auch Schloss Banz in Oberfranken. Der Herzog hatte das ehemalige Kloster nach dessen Säkularisation als Sommerresidenz erworben. Für seinen einzigen Sohn Pius fädelt Herzog Wilhelm eine sehr vorteilhafte Partie mit einer vermögenden Prinzessin aus dem Hause Arenberg ein. Doch die Ehe ist eine einzige Katastrophe. Im Alter von 33 Jahren wird Pius in eine Schlägerei verwickelt, bei der zwei Juden misshandelt und verletzt werden. Er flieht als Handwerksbursche verkleidet, wird aber in Bayreuth erkannt und festgenommen. Der eigene Vater bittet den König von Bayern, seinen Sohn ins Gefängnis zu stecken. Es kommt zum Zerwürfnis zwischen dem ehrgeizigen Vater und dem auf die schiefe Bahn geratenen Sohn. Pius zieht sich schließlich in die Eremitage des Alten Schlosses bei Bamberg zurück; zu einer Versöhnung mit dem Vater kommt es nicht mehr. Vor diesem Hintergrund setzt Wilhelm alle seine Hoffnungen auf seinen einzigen Enkelsohn, Herzog Maximilian in Bayern, der von allen nur Max genannt wird. Aufgrund der zerrütteten Ehe seiner Eltern holt die königliche Verwandtschaft ihn 1817 zur Erziehung nach München. Er wird am »königlichen Erziehungs-Institut« unterrichtet und verbringt die Ferien im Kreise seiner Verwandtschaft auf Schloss Nymphenburg oder am Tegernsee. Der Tod seiner Mutter, die mit nur 34 Jahren stirbt, trifft Max schwer.
Schon während seiner Schulzeit entwickelt er für einen Adeligen eher ungewöhnliche Interessen: Er entdeckt seine Begeisterung für das Theater und beginnt bereits in jungen Jahren, eigene Stücke zu schreiben. Diese Leidenschaft zieht sich durch sein ganzes Leben; neben Novellen, Gedichten, Dramen und Reiseberichten produziert er leicht blutrünstige Ritterromane und in gesetzterem Alter vor allem historische Aufsätze. Der Herzog schätzt anregende Gespräche mit Künstlern und Gelehrten, mit großer Leidenschaft sammelt er Bücher. Am Ende seines Lebens wird seine Bibliothek 27.000 Bände umfassen. Außerdem begeistert er sich für Pferde und für alles, was mit dem Zirkus und bayerischer Volksmusik zu tun hat. Seine besondere Liebe gilt dabei der Zither. Auch dies ist eine außergewöhnliche Wahl für einen Aristokraten, hat die Zither doch damals keinen guten Ruf und ist als »Lumpeninstrument« verrufen. Max stört das nicht, er nimmt Unterricht und komponiert schließlich sogar eigene Stücke, die er auch vor Publikum spielt.
Um die herzogliche Linie näher an das königliche Haus heranzuführen, arrangiert Großvater Wilhelm für seinen Enkel eine Ehe mit einer der zahlreichen Töchter des ersten bayerischen Königs. Was Max Joseph und Wilhelm ausgehandelt haben, wird am 9. September 1828 in die Tat umgesetzt: Prinzessin Ludovika Wilhelmine von Bayern heiratet in der Kirche von Schloss Tegernsee Herzog Max in Bayern. Bei Schloss Tegernsee handelt es sich um ein ehemaliges Kloster, das durch die Säkularisation aufgelöst und schließlich von König Max I. Joseph erworben wurde, der es zu einer Sommerresidenz der Familie umfunktionierte. Zum Zeitpunkt der Trauung ist Max I. Joseph bereits verstorben, das Schloss gehört damals seiner Witwe Caroline, Ludovikas Mutter.
Ein attraktives Paar, das einander aber nicht liebt: Herzogin Ludovika und Herzog Max in Bayern vor Schloss Tegernsee, 1828.
Als Herzog Max und Prinzessin Ludovika vor den Traualtar treten, geben sie rein äußerlich gesehen ein attraktives Paar ab. Ludovika ist groß, mit üppiger Haarpracht und auffallend blauen Augen. Max ist von schlanker Gestalt und hat braune, ins Grünliche schimmernde Augen. Dennoch sind beide nicht begeistert von der Aussicht, ihr Leben miteinander verbringen zu müssen. »Wir haben uns beide nicht heiraten wollen«, wird Ludovika als alte Frau erzählen, wenn sie über ihre Ehe spricht. Ganz anderer Ansicht ist der Großvaters des Bräutigams, der, auf das Dilemma angesprochen, gesagt haben soll: »Cela est fort égal. Ils finiront par s’aimer.«1 Das große Problem besteht darin, dass beide Ehepartner zum Zeitpunkt der Hochzeit in andere Personen verliebt sind. Die Auserwählte von Herzog Max ist eine Bürgerliche, die er aus aus Standesgründen nicht ehelichen darf. Kurz nach der Hochzeit gesteht er seiner Angetrauten, dass er sie nur aus Angst vor seinem strengen Großvater geheiratet habe. Und auch Ludovikas Herz ist bereits vergeben. Anlässlich der Hochzeit ihrer älteren Schwester Sophie war sie 1824 in Wien dem portugiesischen Prinzen Dom Miguel von Bragança begegnet. Die beiden hatten sich ineinander verliebt und Miguel hatte sogar um Ludovikas Hand angehalten, doch der König von Bayern hatte sie ihm verweigert, da der Prinz zu diesem Zeitpunkt im Exil lebte. Als Dom Miguel dann vier Jahre später zum König von Portugal aufsteigt, schlägt sein Herz immer noch für die bayerische Prinzessin und er schickt einen Gesandten in das ferne Königreich, um abermals um ihre Hand anzuhalten. Dieser Gesandte trifft allerdings zu spät am Tegernsee ein – fünf Tage zuvor hatte die Hochzeit stattgefunden, und Ludovikas Mutter Caroline bleibt nichts anderes übrig, als dem König von Portugal mitzuteilen, dass ihre Tochter bereits vergeben sei. Man verheimlicht Ludovika diesen erneuten Antrag, erst viel später in ihrem Leben wird sie davon erfahren.
Das junge Ehepaar ist nicht glücklich. Zwei Jahre nach der Hochzeit notiert Ludovika in ihr Tagebuch: »Mein zweiter Hochzeitstag – den ganzen Tag in Tränen zugebracht.« Zunächst bewohnen die Jungvermählten ein angemietetes Palais in München, drei Jahre später beziehen sie das vom Architekten Leo von Klenze neu errichtete Herzog-Max-Palais in der Ludwigstraße. Das Gebäude, das an einem der großen Prachtboulevards Europas liegt, als Palais zu bezeichnen, ist fast irreführend – vielmehr ähnelt die dreigeschossige Anlage mehr einem Stadtschloss und verfügt neben einem über zwei Etagen reichenden Ballsaal auch eine eigene Hauskapelle. Denn auch wenn die Ehe nicht glücklich ist, finanzielle Sorgen hat das Paar nicht. Herzog Max ist in seiner Generation der einzige Vertreter seiner Linie und beerbt sowohl seinen vermögenden Großvater Wilhelm als auch seine Mutter, die ausgedehnte Besitzungen in Frankreich und ein Palais in Paris mit in die Ehe gebracht hat. Aber auch Ludovika ist finanziell gut gestellt, dafür hat ihr Vater Max I. Joseph gesorgt, der vor seinem Tod eine große Summe für seine zweite Frau und seine Töchter gewinnbringend angelegt hat.
Interessiert sich wenig für Frau und Kinder:Sophie Charlottes Vater Herzog Max in Bayern.
Nachdem man nun über einen prächtigen Wohnsitz in der Residenzstadt verfügt, macht man sich auf die Suche nach einem Schloss auf dem Land für die Sommermonate. 1834 verkauft Herzog Max die französischen Güter aus der Erbschaft seiner Mutter und erwirbt dafür Schloss Possenhofen am Ufer des Starnberger Sees. Der idyllisch gelegene Landsitz mit seinem großen Park wird zum Mittelpunkt des Familienlebens. Mit viel Liebe hängen alle Kinder des Hauses an diesem Ort und kehren immer gerne dorthin zurück, in zahlreichen Briefen wird in Erinnerungen an die Tage in »Possi« geschwelgt. Denn obwohl sich Max und Ludovika nicht sonderlich gewogen sind, ist die Ehe mit einer großen Nachkommenschaft gesegnet. Zwischen 1831 und 1849 bringt die Herzogin insgesamt neun gesunde Kinder zur Welt, ein Sohn erstickt bei der Geburt, ein Baby verliert sie während der Schwangerschaft. Von den neun Kindern erreichen alle bis auf einen früh verstorbenen Sohn das Erwachsenenalter: Ludwig (*1831), Helene (*1834), Elisabeth (*1837), Carl Theodor (*1839), Marie (*1841), Mathilde (*1843), Sophie Charlotte (*1847) und Maximilian Emanuel (*1849).
Im Alltag sieht es allerdings so aus, dass Max und Ludovika mehr nebeneinander herleben als Zeit zusammen zu verbringen. In den ersten Ehejahren weilt der Herzog die meiste Zeit in seinem Münchner Palais und gibt dort fröhliche Feste. Zur großen Begeisterung der Münchner Bevölkerung hat der ungewöhnliche Adelige einen Zirkus im Garten hinter seinem Palais errichten lassen. Hier überrascht Max immer wieder das Publikum mit neuen Glanzstücken, sei es mit einer über Hindernisse springenden Hirschkuh oder mit einem Walzer tanzenden Pferd. Die Münchner, Adel und Bürgertum gleichermaßen, drängen in seine Vorführungen, gelegentlich tritt der Herzog sogar höchstpersönlich auf. Auf dem Rücken seiner Pferde stehend präsentiert er »zirzensische Reitkunst«. Wenn er nicht in München ist, dann befindet sich Max auf Reisen. Wenige Tage nach der Geburt seiner zweiten Tochter (1837) bricht Herzog Max zu einer großen Tour in den Orient auf, die ihn über Griechenland nach Ägypten und ins Heilige Land führt. Begleitet wird er unter anderem von dem Zitherspieler Johann Petzmayer, den er kurz vor der Abreise zum Herzoglich-Bayerischen Kammervirtuosen ernannt hat. Petzmayer hat, wie der Herzog auch, seine Zither im Gepäck und spielt an besonders malerischen Orten seinen erstaunten Zuhörern auf. So erklingt sein Zitherspiel am Fuße der Pyramiden, in den Tempelruinen von Luxor und Karnak und in der Wüste an der Grenze zu Nubien, dem südlichsten Punkt ihrer Reiseroute. Dass Herzog Max allerdings tatsächlich auf der Spitze der Cheopspyramide Zither gespielt hat, wie oft behauptet wird, lässt sich nicht belegen. Erst nach acht Monaten kehren der Herzog und seine Begleiter wieder nach Hause zurück. Zahlreich sind die Andenken im Gepäck der Reisegesellschaft: Neben Gefäßen und Waffen hat man einige ausgestopfte Tiere und sogar eine Mumie erworben. Für das größte Aufsehen sorgen wohl fünf junge Afrikaner, die Herzog Max mit nach Bayern begleiten. Er hatte die verschleppten Zentralafrikaner, teils noch Kinder, auf verschiedenen Sklavenmärkten in Ägypten freigekauft. In München werden sie getauft, erhalten christliche Namen und bleiben zum Teil im herzoglichen Dienst.
Während Max sich in der weiten Welt umsieht, widmet Ludovika ihr Leben der wachsenden Kinderschar. Die Herzogin ist eine sehr fürsorgliche Mutter, die sich intensiv mit ihren Kindern beschäftigt und um sie kümmert. So entsteht eine sehr enge Bindung, die dadurch versinnblidlicht wird, dass die Kinder ihre Mutter liebevoll mit »Mimi« ansprechen. Ludovika gleicht so den abwesenden und emotional unzuverlässigen Vater aus, der wenig Interesse am gemeinsamen Nachwuchs zeigt. Denn Herzog Max pflegt verschiedene Affären, hat auch außerehelich Kinder, zu denen er einen engeren Kontakt aufbaut als zu seinen ehelichen Kindern.
Herzogin Ludovika, die sich selbst als »Naturfex« charakterisiert, liebt die freie Natur und das Leben auf dem Land. Daher versucht sie, so viel Zeit wie möglich in Possenhofen zu verbringen. Dabei achtet sie auch sorgsam auf die Erziehung ihrer Kinder und lässt aus München jede Woche Lehrer an den Starnberger See kutschieren, um den Nachwuchs zu unterrichten. Zu den Lehrern gehört sogar ein späterer Erzbischof: Daniel Haneberg, der den älteren Kindern Religions-unterricht erteilt. Die ländliche Idylle von Possenhofen bedeutet für den Nachwuchs ein Leben frei von jeglicher höfischer Etikette, man ist umgeben von Pferden und allerlei Haustieren, und einer Handvoll Bediensteter. Für Angehörige der europäischen Hocharistokratie ist eine Kindheit mit so vielen Freiräumen die Ausnahme. Symbolisch für die Ungezwungenheit, in der die herzoglichen Kinder aufwachsen, sind die Spitznamen, mit denen man sich in der Familie anredet. So wird aus Ludwig »Louis«, aus Helene »Lenza« oder »Nené«, aus Elisabeth »Sisi«, aus Carl Theodor »Gackel«, aus Mathilde »Spatz« (wegen ihrer zarten Konstitution) und aus Max Emanuel »Mapperl«. Diese Kosenamen werden den Geschwistern bis ins hohe Alter erhalten bleiben.
Spitznamen sind im Übrigen keine Seltenheit in den europäischen Herrscherhäusern im 19. Jahrhundert. Gerne spricht man sich in der privaten Korrespondenz mit Kosenamen an, was es den Historikern oft nicht einfach macht, zu enträtseln, wer sich denn nun hinter »Manni«, »Bubi«, »Mädi« oder »Weibi« verbirgt. Ludovika selbst amüsiert sich über die Spitznamen ihrer Kinder und erzählt als alte Dame gerne lachend eine Anekdote darüber, zu welch komischer Situation dies einmal geführt haben soll. Die Herzogin habe bei einer Reise ihre Ankunft mit einem Telegramm avisiert, in dem stand: »Komme mit Gackel und Spatz.« Adressat dieses Telegramms war eigentlich eine ihrer Töchter, doch es landet fälschlicherweise direkt bei dem Hotel, in dem die Familie untergebracht werden soll. Als Ludovika und ihre Kinder dort ankommen, werden sie von den Hausdienern des Hotels in Empfang genommen, die mit zwei Käfigen ausgestattet sind, um die vermeintlich ankommenden Vögel unterzubringen.
Aber die ungezwungene Kindheit hat auch ihre Kehrseite: Sobald die Kinder das heiratsfähige Alter erreicht haben, werden auch sie zu Objekten der dynastischen Heiratspolitik. Nach Zu- oder Abneigung wird in europäischen Herrscherhäusern nicht gefragt – es wird die Person geheiratet, für die sich die Familie entscheidet. Nach den Freiheiten, die die Kinder der herzoglichen Familie erfahren haben, werden sie es später schwer haben, sich in das streng geregelte Hofleben einzufinden. So wird im Nachhinein bemängelt, das Herzogspaar habe seine Kinder »verwildern« lassen. Ein preußischer Diplomat lästert süffisant, dass die herzoglichen Kinder zwar wie die Zirkusartisten reiten könnten, allerdings seien sie zu keinem vernünftigen Satz in der Lage, schon gar nicht zu einer gepflegten Konversation.
Womit man damals noch nicht rechnet: Eine aus der bunten Kinderschar sollte – mehr oder weniger über Nacht – zu einer der ranghöchsten Repräsentantinnen der Monarchie aufsteigen. Nicht nur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schwärmt ganz Europa von ihr, auch spätere Generationen werden noch von ihr fasziniert sein. Es ist die zweite Tochter, von der hier die Rede ist: Elisabeth, kurz Sisi genannt. Ihre Heirat wird Auswirkungen auf das weitere Leben der gesamten herzoglichen Familie haben.
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1»Das ist völlig egal. Schließlich wird Liebe daraus werden.«
Kapitel 2
PLÖTZLICH KAISERIN
Das Revolutionsjahr 1848 verändert einiges in Europa: In Frankreich bringt es das Ende der Herrschaft des Hauses Orléans und die Errichtung der Zweiten Republik, in Bayern muss König Ludwig I. zugunsten seines Sohnes abdanken und auch in Österreich bekommt man einen neuen Herrscher: Kaiser Ferdinand I., genannt »der Gütige«, tritt zugunsten seines jungen Neffen Franz Joseph I. zurück. Dieser wird im Alter von 18 Jahren zum Kaiser von Österreich, damals ein Vielvölkerstaat mit rund 40 Millionen Untertanen, zu dem neben Österreich unter anderem noch Böhmen, Ungarn, Kroatien, Dalmatien, Siebenbürgen, die Lombardei und Venetien gehören. Er ist zu einer Hälfte Wittelsbacher, seine Mutter Sophie ist eine geborene Prinzessin von Bayern, Tochter von Max I. Joseph, und eine ältere Schwester von Herzogin Ludovika in Bayern. Sie ist die treibende Kraft hinter dem jungen Kaiser und in den 50er-Jahren des 19. Jahrhunderts Österreichs heimliche Kaiserin. Mithilfe ihrer in Preußen und Sachsen verheirateten Schwestern betreibt sie in Wien eine betont deutsche Politik und wünscht sich auch eine deutsche Gemahlin für ihren Sohn. Doch erste Sondierungen in Berlin und Dresden zerschlagen sich.
Am 18. August 1853 feiert Kaiser Franz Joseph seinen 23. Geburtstag in Ischl im Salzkammergut. Fast die gesamte Verwandtschaft ist eingeladen, darunter auch Ludovika mit ihren beiden ältesten Töchtern Helene, damals 19 Jahre alt, und der 15-jährigen Sisi. Kaum in Ischl angekommen, verliebt sich der Monarch in seine hübsche junge Cousine Sisi. Franz Joseph macht Nägel mit Köpfen und hält nach nur zwei Tagen um ihre Hand an, die er auch bekommt. Plötzlich wird aus der jugendlichen Herzogin in Bayern die Verlobte eines der mächtigsten Männer seiner Zeit. Ex-König Ludwig I. von Bayern, älterer Halbbruder der Schwestern Ludovika und Sophie und damit Onkel von Braut und Bräutigam, notiert zu dem Ereignis in sein Tagebuch: »Freudige Überraschung, m[eine] Nichte Elise2 ist seit heute Frühe des Kaisers Braut. Das ging schnell! Am 17. Abends in Ischl angekommen, am 19. Morgens Braut.«
Zum Abschied von ihrer Familie bekommt Sisi ein Bild geschenkt, das alle ihre Geschwister auf der Terrasse von Possenhofen zeigt: (v. l. n. r) Sophie Charlotte, Max Emanuel (»Mapperl«), Carl Theodor (»Gackel«), Helene (»Nené«), Ludwig (»Louis«), Mathilde (»Spatz«) und Marie.
Ludovikas Begeisterung hält sich ob dieses Ereignisses jedoch in Grenzen, sie fürchtet, dass ihre Tochter dieser schwierigen Aufgabe nicht gewachsen sein wird. Noch am Tage der Verlobung schreibt sie einer Freundin: »Es ist ein so ungeheures Glück und doch eine so wichtige ja schwere Stellung, dass ich in jeder Beziehung sehr bewegt bin. Sie ist ja so jung, so unerfahren, ich hoffe aber man hat Nachsicht mit dieser grossen Jugend!«. Wenig später vertraut sie in ähnlichem Ton einem Flügeladjutanten des Kaisers an, dass ihr die Aufgabe, die ihrer Tochter bevorstehe, Angst mache – Sisi besteige den Thron »förmlich von der Kinderstube weg«. Ludovika ist also keinesfalls vom Glanz der Krone geblendet, vielmehr macht sie sich Sorgen um das Wohl ihrer sensiblen und schüchternen Tochter. Und so falsch lag Ludovika 1853 mit dieser Einschätzung nicht. Viele Jahre später wird Sisi ihrer jüngsten Tochter nüchtern gestehen, dass sie die Ehe für eine »widersinnige Einrichtung« halte: »Als 15jähriges Kind wird man verkauft und tut einen Schritt, den man nicht versteht und dann 30 Jahre lang bereut und nicht lösen kann.«
Als Sisi als erstes Kind die Familie verlässt, ist ihre kleine Schwester Sophie Charlotte sieben Jahre alt. Wir schreiben den 20. April 1854. Vor dem Herzog-Max-Palais in München hat sich eine große Menschenmenge versammelt, um Abschied von der bayerischen Herzogin zu nehmen. Die »Münchner Neuesten Nachrichten« berichten über die Abreise der zukünftigen Kaiserin von Österreich wie folgt: »Nachdem die allerhöchsten und höchsten Herrschaften und die beiden Bürgermeister das herzogliche Palais wieder verlassen hatten, rollte alsbald ein vierspänniger offener Reisewagen mit der hohen Kaiserbraut, deren erlauchter Mutter, deren Schwestern und Herzog Carl Theodor aus dem Palais. Die umstehende Menge empfing die hohe Kaiserbraut mit den lebhaftesten Hochrufen, die entlang der langen Volksreihe herzlichen Widerhall fanden. Die sichtlich gerührte Kaiserbraut winkte mit dem Tuch nach allen Seiten und brachte so auf das freundlichste ihr Lebwohl entgegen. Die tief ergriffene Mutter schwamm in Tränen.« Hinter dem Wagen mit Sisi, ihrer Mutter und den Geschwistern folgt Herzog Max mit dem ältesten Sohn Ludwig. Die bewegende Abschiedsszene dürfte auch Sophie Charlotte lange im Gedächtnis geblieben sein.
Zur Erinnerung an ihre Geschwister und an die gemeinsam verlebte, unbeschwerte Kindheit schenkt Ex-König Ludwig I. von Bayern der jungen Kaiserin zur Hochzeit ein Bild seines Hofmalers Joseph Stieler. Es zeigt die sieben Geschwister auf der Terrasse von Schloss Possenhofen vor dem Hintergrund des Starnberger Sees und der schneebedeckten Gipfel der bayerischen Alpen. In der Mitte des Bildes steht Helene, untergehakt bei ihrem älteren Bruder Ludwig, ihre andere Hand ruht auf der ihres Bruders Carl Theodor. Ganz links außen sehen wir die siebenjährige Sophie Charlotte. Das hübsche Mädchen trägt ihre Zöpfe im Stil der Zeit zu zwei Schnecken geflochten, ihre Arme sind zärtlich um eine Puppe gelegt. Neben ihr sehen wir Mapperl, den Jüngsten, mit einer Trommel. Rechts außen die Schwestern Marie, deren Aufmerksamkeit einem Papagei in einem Käfig gilt, und Mathilde mit einer Taube. Das Bild strahlt noch heute die Idylle von Possenhofen aus, in der die Herzogskinder aufwachsen.
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2Elise ist – neben Sisi – ein weiterer Kosenamen von Herzogin Elisabeth in Bayern.
Kapitel 3
SOPHIES SCHWESTERN
Durch die Heirat von Sisi mit dem Kaiser von Österreich rückt die Familie nicht nur in das Licht der Öffentlichkeit, sondern ihre Schwestern werden auch gefragten Partien im dynastischen System, da dies nun eine verwandtschaftliche Nähe zum mächtigen österreichischen Kaiserhaus mit sich bringt.
In Frankreich hat sich die nach der Revolution von 1848 entstandene Zweite Republik als sehr kurzlebig erwiesen: Schon vier Jahre später greift ein Mitglied der Familie Bonaparte nach der Macht und verwandelt das Land wieder in ein Kaiserreich. Der neue mächtige Mann nennt sich Napoleon III. und ist ein Neffe des großen Napoleon. Außenpolitisch hätte die Familie Bonaparte durchaus Interesse an einer Verbindung zum Haus Habsburg, weshalb man ein Auge auf Herzogin Helene in Bayern, Sisis älteste Schwester, als mögliche Gemahlin für den Cousin des noch kinderlosen Kaisers wirft. Allerdings zerschlägt sich das Projekt aus verschiedenen Gründen. Man hat es schon fast aufgegeben, für Helene nach einem geeigneten Gemahl zu suchen, da wendet sich das Blatt und die Herzogin begegnet in der Karnevalsaison des Jahres 1858 einem Mann, die sich ernsthaft für sie interessiert. Es handelt sich um Maximilian Anton, Erbprinz von Thurn und Taxis. Das Haus Thurn und Taxis ist ein altes Geschlecht, dessen Angehörige zu den sogenannten Standesherren gehören, formal aber Untertanen des Königs von Bayern sind, weshalb sich die Heiratsverhandlungen kompliziert gestalten. Im Sommer des Jahres 1858, Helene ist damals 24 Jahre alt, ist es schließlich so weit und auf Schloss Possenhofen kann Hochzeit gefeiert werden. Herzogin Ludovika ist sehr zufrieden mit dieser Entwicklung und beobachtet, dass ihre älteste Tochter »sehr zufrieden und glücklich« mit ihrem Ehemann zu sein scheint.
Völlig anders gestaltet sich der Weg für Herzogin Marie in Bayern. Es ist der König von Neapel-Sizilien, der für seinen ältesten Sohn und Thronfolger nach einer Gemahlin sucht. Die italienische Halbinsel ist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in verschiedene souveräne Staaten aufgeteilt, mit dem Königreich Neapel-Sizilien ganz im Süden. Im Norden gehören die Lombardei und Venetien noch zum Kaiserreich Österreich. Bedroht wird diese alte Ordnung durch eine Bewegung, die nach einer nationalen Einigung Italiens strebt, das sogenannte »Risorgimento«. An die Spitze dieser Bewegung setzt sich das Königreich Piemont-Sardinien, das damit zu einer Existenzbedrohung für die übrigen Staaten der italienischen Halbinsel wird. Daher liegt dem neapolitanischen König viel daran, die Beziehung zu Österreich durch eine Heirat zu festigen.
Der junge Mann, den es zu verheiraten gilt, ist Kronprinz Francesco, fünfeinhalb Jahre älter als Marie. Neben der politischen Lage in Süditalien gibt es noch eine weitere Crux für seine Brautschau: Francesco ist ein sehr frommer und wenig attraktiver junger Mann. So ist Herzogin Ludovika auch nicht besonders glücklich, als die Anfrage aus Neapel eintrifft. Man drängt darauf, den Kronprinzen vor der Heirat sehen zu dürfen, aber alle Anstrengungen scheitern. Als nach langer Wartezeit im Dezember 1857 schließlich ein Porträt des Kronprinzen in Possenhofen eintrifft, ist bei Herzogin Ludovika die Ernüchterung in einem Brief an eine ihrer Schwestern deutlich zu spüren: »Das Portrait des Kronprinzen ist angekommen; schön kann er nicht seyn, wenn es ähnlich ist; aber es ist sehr schlecht gemacht, so alt kann er keinesfalls aussehen.«
Herzogin Ludovika trennt sich nur schwer von ihren Töchtern und ist daher erleichtert, dass man einen Grund hat, die Heiratsverhandlungen hinauszuschieben, denn bei Marie ist bisher noch die erste Menstruation ausgeblieben. Dies verschafft Mutter und Tochter noch ein halbes Jahr, dann aber gibt es keinen Grund mehr und die Dinge nehmen ihren Lauf: Kurz vor dem Weihnachtsfest 1858 überreicht der neapolitanische Gesandte in München die offizielle Brautwerbung des Königs von Neapel-Sizilien und am 8. Januar des darauffolgenden Jahres findet in der Allerheiligenhofkirche die Hochzeit statt. Es ist eine Trauung »per procurationem«, also in Abwesenheit des Ehemannes, eine damals durchaus übliche Prozedur. Die 17-jährige Marie muss also tatsächlich eine Ehe eingehen, ohne ihren Zukünftigen auch nur einmal gesehen zu haben. Hinzu kommt, dass die Herzogin keine Begleitung in ihre neue Heimat mitnehmen darf, um sich möglichst schnell einzugewöhnen und die neue Sprache zu sprechen.
In ihrer neuen Heimat angekommen, wird ein zweites Mal geheiratet, diesmal in Anwesenheit des Ehemanns. Die Neapolitaner bekommen eine sehr attraktive Kronprinzessin: Marie hat regelmäßige Gesichtszüge, dunkle Haare und dunkle, mandelförmig geschnittene Augen. Es bleibt ihr kaum Zeit, sich einzugewöhnen, da stirbt im Mai 1859 ihr Schwiegervater. Als Francesco II. wird ihr Mann König und Marie im Alter von 17 Jahren Königin. Dem jungen Herrscherpaar ist jedoch nur eine kurze Regierungszeit beschieden, schon im folgenden Jahr landet der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi mit einer Armee aus Freiwilligen auf Sizilien und bringt das alte Königreich in kurzer Zeit zum Einsturz. Zuflucht finden Francesco II. und Marie in der Festung Gaeta nördlich von Neapel. Obwohl Marie trotz ihrer Jugend bei der Verteidigung von Gaeta sehr viel Mut an den Tag legt und alle Anwesenden beeindruckt, muss der König im Februar 1861 abdanken. Ihr entschiedenes Auftreten bringt Marie den Beinamen »Heldin von Gaeta« ein, aber das Königreich von Neapel-Sizilien ist Geschichte und geht im neuen italienischen Nationalstaat auf. Die beiden flüchten nach Rom, wo Papst Pius IX. ihnen Zuflucht gewährt.
Für ihren Mut als »Heldin von Gaeta« gefeiert: Königin Marie von Neapel-Sizilien im Exil in Rom.
Eine Schwester attraktiver als die andere: Mathilde als Ehefrau des Grafen Luigi von Trani.
Marie ist in der Fremde sehr einsam. Aus der Heimat hat sie bei ihrer Verehelichung außer zwei Wellensittichen aus Possenhofen nichts mitnehmen dürfen. Sie vermisst besonders ihre jüngere Schwester Mathilde, ihren »lieben Spatz«. So befördert sie nach Kräften eine Ehe Mathildes mit Luigi Graf von Trani, dem jüngeren Halbbruder ihres Mannes. Mathilde und Graf Trani heiraten im Juni 1861 in München und lassen sich ebenfalls in Rom nieder. Nun hat Marie in der Fremde endlich ihre vertraute Schwester um sich. Doch die »italienischen« Schwestern finden sich schneller wieder in Possenhofen ein als gedacht.
In Rom langweilt sich die junge Ex-Königin von Neapel und fängt an, mit ihrem Auftreten zu provozieren. Ein Zeitgenosse beobachtet: »Sie reitet, raucht, schießt mit Pistolen im Quirinal, kutschiert mit vier Pferden vom Bock.« Und sie lacht sich einen Liebhaber an, von dem sie schwanger wird. Da ihr Mann an einer Phimose, einer Verengung der Vorhaut, leidet, und die Ehe aus diesem Grund bisher nicht vollzogen werden konnte, ist guter Rat teuer. So flüchtet Marie unter dem Vorwand einer Krankheit zusammen mit ihrer Schwester Mathilde im Juli 1862 zurück nach Bayern. Zu Hause in Possenhofen trifft nach und nach die gesamte Verwandtschaft ein, um über eine Lösung des Problems zu beraten, denn Marie möchte nicht mehr zu ihrem Mann zurück. Unter dem Vorsitz des Königs von Bayern wird Familienrat gehalten, an dem auch der Kaiser und die Kaiserin von Österreich sowie Helene von Thurn und Taxis teilnehmen. Man kommt darin überein, Marie vorerst in Bayern zu behalten und die ganze Affäre zu vertuschen. Die Ex-Königin müsse sich erst von den Ereignissen in Gaeta erholen, so lautet die offizielle Variante. Der bayerische König ordnet allerdings an, dass Marie ihren Liebhaber nie mehr wiedersehen darf. Um wen es sich bei dem Vater des Kindes handelt, ist ungewiss – zu viele Gerüchte umranken diese Affäre. Als mögliche Kandidaten werden ein belgischer Offizier aus der päpstlichen Garde und der spanische Botschafter in Rom genannt.
Marie wird in das kleine Schlösschen Biederstein am Englischen Garten nördlich von München einquartiert, das ihrer Mutter gehört. Anschließend schickt man sie auf Kur, bevor sie im Oktober 1862 in einem Kloster in Augsburg untertaucht, wo sie Ende November ein Mädchen zur Welt bringt. Auf Zureden ihrer Familie entschließt sich Marie doch zur Rückkehr zu ihrem Mann, dem sie ihren Fehltritt gesteht und der sie großherzig wieder aufnimmt. Was mit dem Kind geschieht, entzieht sich leider unserer Kenntnis. Im April 1863 nimmt Marie abermals Abschied von Bayern, wieder ist die gesamte Familie versammelt. Mutter Ludovika und Schwester Sophie Charlotte begleiten Marie mit der Bahn bis nach Lindau. In Marseille erwartet die Ex-Königin eine Fregatte, die sinnigerweise übersetzt den Namen »Die Empfängnis« trägt, die sie zurück nach Rom bringt, wo sie von ihrem Mann und ihrer Schwester Mathilde in Empfang genommen wird, die schon früher nach Italien zurückgereist war.
Kapitel 4
SOPHIES BRÜDER
Während die Töchter von Herzog Max und Herzogin Ludovika in alte europäische Adelsfamilien einheiraten, verweigert sich der älteste Sohn allen Plänen der Familie. Er ist eine Beziehung mit der Schauspielerin Henriette Mendel aus Augsburg eingegangen, von der er sich auch nicht mehr trennen möchte. Als das Paar 1858 eine uneheliche Tochter bekommt, stellt Louis die Familie vor vollendete Tatsachen: Er tritt von seinem Erstgeborenenrecht zurück und heiratet im Jahr darauf seine Lebensgefährtin.
Die Bürgerliche bezaubert die Familie durch ihr charmantes und bescheidenes Wesen, ihr und ihrer Tochter werden der Titel einer Freifrau beziehungsweise Freiin von Wallersee verliehen. Kaiserin Sisi, die die höfische Denkweise ablehnt, stellt sich demonstrativ hinter ihre neue Schwägerin und baut eine innige Freundschaft zu ihr auf. Eine von Sisis Hofdamen notiert folgendes Statement der Kaiserin: »Ich kann nicht genug Égards für sie haben, ich muß ihr dankbar sein, ich habe meinen eigentümlichen Bruder gerne und halte es doch keinen Tag mit ihm aus, und wer seinesgleichen täte es? Niemand! Und sie macht ihn glücklich. Mir ist einerlei, wer sie ist, sie ist ihm recht und so geniert mich das ›Bürgermädchen von Augsburg‹ gar nicht, ich schätze sie um ihrer Güte willen.«
Zum künftigen Familienoberhaupt steigt damit der zweite Sohn auf: Carl Theodor. Er ist der erklärte Liebling seiner Mutter. Die unerschütterliche Liebe Ludovikas zu ihrem zweiten Sohn wird später einmal eine seiner Schwestern dessen ältester Tochter gegenüber wie folgt beschreiben: »Uns alle hätte sie hergegeben für Deinen Papa.« Und ganz im Gegensatz zu seinem Bruder Ludwig entscheidet sich Carl Theodor für eine standesgemäße Ehefrau. Seine Wahl fällt auf eine Tochter des sächsischen Königs Johann und der bayerischen Prinzessin Amalie, einer Schwester seiner Mutter. Damit ist die junge Frau seine Cousine. Sie heißt ebenfalls Sophie – und erobert mit ihrer natürlichen Art die Herzen der Possenhofener im Sturm. Auch Sophie Charlotte ist begeistert von der Wahl ihres Bruders und betont, dass sie sich »keine angenehmere Schwägerin hätte wünschen können«.
Ein glückliches Paar: Herzog Carl Theodor in Bayern und seine FrauSophie, geborene Prinzessin von Sachsen
Im Februar 1865 findet sich ein Großteil der Geschwister zur Hochzeit von Carl Theodor und Sophie von Sachsen in Dresden ein. Neben dem ältesten Bruder Louis sind auch Helene, Erbprinzessin von Thurn und Taxis, Kaiserin Elisabeth von Österreich und die 17-jährige Sophie Charlotte mit dabei. Zu dieser Gelegenheit zeichnet die Kaiserin in einem Brief an ihren Sohn Rudolf ein Bild ihrer jüngsten Schwester: »Da sitzt jetzt die Tante Sofie und laßt sich frisieren, sie schwätzt in einem fort mit der Angerer, daß ich ganz irre werde.« Fanny Angerer ist ein Mädchen aus dem Wiener Vorstadtmilieu und Friseurin am Wiener Burgtheater. Sie wurde von der Kaiserin für die Pflege ihrer Haare engagiert und bezieht dafür das Gehalt eines Universitätsprofessors.
Nach der Hochzeit nutzt Sisi die Gelegenheit, Zeit im Kreise ihrer Familie in München zu verbringen. In einem Brief an ihren kleinen Sohn beschreibt die Kaiserin das beschaulich-langweilige Familienleben im Herzog-Max-Palais: »um ½ 8 kommen alle anderen Geschwister auch, Onkel Mapperl mit einem Pack Bücher, dauert es lang, so schlaft alles ein, wir bespritzen Sofie mit Wasser damit sie recht bös wird, und das ist die einzige Unterhaltung. Bis ½ 11 bleiben wir bei der Großmama, in ihrem Toilettenzimmer wo es ganz finster ist. Onkel Mapperl geht früh schlafen, Onkel Gackel u[nd] seine Frau gehen auch früh weg. Braucht uns die Mama nicht mehr, dann gehen Sofie und ich herüber und bleiben bis 1 Uhr beisammen sitzen u[nd] schwätzen uns recht aus, was wir den ganzen Tag nicht können.« Diese Zeilen sprechen von einer großen Vertrautheit zwischen den beiden Schwestern, die doch zehn Jahre Altersunterschied trennt. Bis nach Mitternacht müssen die beiden warten, um die Ungestörtheit zu haben, sich in Ruhe, ohne Zuhörer, über die wirklich wichtigen Dinge austauschen zu können.
Sophie Charlottes neue Schwägerin bringt nach dem Auszug der vier älteren Töchter wieder Leben nach Possenhofen. Die junge Frau fühlt sich im Kreise der musikalischen Familie sichtlich wohl. In fröhlichen Briefen nach Hause berichtet Carl Theodors Gemahlin über das Leben am Starnberger See. Die beiden Sophien wohnen in Possenhofen im gleichen Teil des Schlosses, nur ein Stockwerk voneinander getrennt. Das frischgebackene Ehepaar nimmt zusammen Klavierunterricht und den ganzen Tag schallt Musik aus den Fenstern – »Gackel oben, Sophie unten«. Auch die neue Hofdame Gräfin Angèle Marogna, »hübsch, elegant, angenehm« und ebenfalls im Besitz eines Klaviers, nimmt an den Belustigungen teil. »Du kannst Dir denken, lieber Papa, daß hie und da Unsinn getrieben wird. Gackel spielt, um die Gesellschaft zu unterhalten, endlos Scalen, worauf wir wie die Hühner schrien, Sophie eine Arie dazwischensang und der berühmte Pruß (ein Hund, Gefährte des Argus) endlich anfing zu bellen – eine herrliche Katzenmusik.« Und die Familie wächst noch weiter an: Am Heiligabend 1865 werden Carl Theodor und seine Frau Sophie Eltern einer kleinen Tochter. Nach ihrer Großmutter mütterlicherseits wird sie auf den Namen Amalie getauft, in der Familie wird sie nur Amelie genannt. Wir werden sie später noch genauer kennenlernen.
Kapitel 5
EINE UNBESCHWERTE KINDHEIT
In den frühen Morgenstunden des 22. Februars 1847 bringt Herzogin Ludovika in München ihr neuntes Kind zur Welt. Es ist ein gesundes Mädchen, das zwei Tage später in der Kapelle des Herzog-Max-Palais durch Carl Stumpf, Pfarrer der nahegelegenen Kirche St. Ludwig, getauft wird. Laut Taufregister erhält die kleine Herzogin den Namen Charlotte Auguste Sophie, wobei der letzte der Vornamen zum Rufnamen wird. Als Taufpatin fungiert Ludovikas ältere Halbschwester, die verwitwete Kaiserin Charlotte Auguste von Österreich, die sich bei der Taufe vertreten lässt.
Auch wenn der Vater bei der Geburt seiner jüngsten Tochter persönlich anwesend ist, so ist dies doch die Ausnahme. Trotz seiner Aufgeschlossenheit anderen Menschen gegenüber ist Herzog Max kein Familienmensch und lebt die meiste Zeit sein eigenes Leben, getrennt von Ehefrau und Kindern. In den 1840er-Jahren hat der Herzog sein Interesse am Theater verloren, auch den Zirkus im Garten des Palais’ gibt es nicht mehr. Stattdessen spielen Herrenabende eine immer größere Rolle in seinem Leben. In der »König-Artus-Runde« schart Max Gleichgesinnte, vor allem Künstler, um sich. Bei den wöchentlichen Treffen im Palais, die eher mittelalterlichen Gelagen ähneln, singt man gemeinsam volkstümliche Lieder, hält Reden und unterhält sich bei Bier und Zigarren.
Sophies engste Bezugsperson in ihren ersten Jahren ist ohne Zweifel ihre Mutter. Ihre Großeltern lernt sie nicht mehr kennen. Als jüngste Tochter einer ebenfalls jüngsten Tochter sind die Eltern ihrer Eltern bereits alle gestorben, als sie auf die Welt kommt. Damit wir uns vorstellen können, was für ein Mensch Herzogin Ludovika ist, greifen wir auf ein Charakterbild zurück, das ihre Enkelin Amelie von ihr zeichnet: »Großmama war sehr wahrheitsliebend, besah sich die Welt mit offenen Augen und äußerte ihr Urteil über ihre Angehörigen ohne jede Beschönigung. Sie war eher eine nüchterne Natur mit trockenem, altbayerischen Humor, dabei streng religiös, pflichtgetreu und gewissenhaft bis zur Skrupelhaftigkeit, mit besonderer Liebe ihren Kindern, Enkeln, ihrer Umgebung und ihrer bayerischen Heimat zugethan, […]. Sie war in manchen Dingen die große vornehme Dame, konnte endlos Cercle3 machen, liebte es (wenigstens in ihren alten Tagen) Menschen bei sich zu sehen, Konversation zu machen; auch hielt sie ziemlich streng auf Alles, was sich bei Hofe schickt. Doch haßte sie auch manchen Zwang, ging gerne und viel in die freie Natur hinaus, ohne sich dafür besonders anzukleiden. Noch mit über 80 Jahren ging sie im Sommer stundenlang spazieren. Sie liebte die Bäume, das frische Grün so sehr, dass sie nicht einmal Zweige, welche in die Fußwege hineinhingen, abschneiden lassen wollte. Von ihr haben wir wohl alle die große Liebe zur freien Natur, zu Wald und Wiese, zum Aufenthalt in frischer Luft, zu stundenlangen Fußwanderungen. Großmama hielt nicht auf ihr äußeres Aussehen, nichts auf Toilette; da haßte sie allen Zwang. […] Sie war grande-dame aber nicht hochmütig, sah mehr auf die Pflichten als auf die Vorzüge ihrer Stellung, verkehrte leutselig mit jedermann, auch der einfachsten Bäuerin. Besonders gut war sie für ihre Dienerschaft, und außerordentlich wohltätig gegen die Armen. Ein merkwürdiger Zug in ihrer sonst etwas nüchternen Gemütsart war die Neigung zur Melancholie.«
Die Münchner Ludwigstraße im Jahr 1842 mit dem Herzog-Max-Palais (l.), dem Geburtsort von Sophie Charlotte.
Die Verpflichtungen, die das Leben einer Prinzessin aus königlichem Hause mit sich bringen, mag Ludovika nicht besonders. Sehr bezeichnend für sie ist ein Brief, den sie kurz nach der Geburt von Sophie an ihren Mann schickt. Anlässlich des Neujahrsempfangs muss Herzogin Ludovika bei Hof repräsentieren und kann es gar nicht erwarten, dass das »Banquet« vorbei ist – »wenn das überstanden ist, sind wir frei!!! – Die Bälle bei Hof beginnen erst am 19.« Die Aussicht auf drei freie Wochen ohne Verpflichtungen lassen die Königstochter jubilieren! Neben ihrer Leidenschaft zur Natur interessiert sich die Herzogin für Geschichte, aber auch für Geografie und Sternenkunde. Sie sammelt Uhren, Thermometer und Barometer. Im Alter hätten diese Dinge die Herzogin ständig umgeben, bemerkt eine Hofdame ihrer Enkelin Amelie, »als ob sie damit die Zeit aufhalten und das Wetter hätte verbessern können«.
