Später - Stephen King - E-Book

Später E-Book

Stephen King

5,0
12,99 €

Beschreibung

Jamie Conklin wächst in Manhattan auf und wirkt wie ein normaler neunjähriger Junge. Seinen Vater hat er nie kennengelernt, aber er steht seiner Mutter Tia, einer Literaturagentin, sehr nahe. Die beiden haben ein Geheimnis: Jamie kann von klein auf die Geister kürzlich Verstorbener sehen und sogar mit ihnen reden. Und sie müssen alle seine Fragen wahrheitsgemäß beantworten. Tia hat sich gerade aus großer finanzieller Not gekämpft, da stirbt ihr lukrativster Autor. Der langersehnte Abschlussband seiner großen Bestsellersaga bleibt leider unvollendet – wäre da nicht Jamies Gabe … Die beiden treten eine Reihe von unabsehbaren Ereignissen los, und schließlich geht es um, nun ja, Leben und Tod.

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Seitenzahl: 349

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Das Buch

Jamie Conklin wächst in Manhattan auf und wirkt wie ein normaler Junge. Mit seiner alleinerziehenden Mutter Tia teilt er aber ein Geheimnis: Er kann von klein auf die Geister kürzlich Verstorbener sehen und mit ihnen reden. Und die Toten müssen alle seine Fragen wahrheitsgemäß beantworten. Tia ist Literaturagentin und hat sich gerade aus großer finanzieller Not gekämpft, da stirbt ihr lukrativster Autor. Der langersehnte Abschlussband seiner großen Bestsellersaga blieb leider unvollendet – wäre da nicht Jamies Gabe. Das Befragen der Toten ruft allerdings auch ungewollte Dämonen herbei.

Der Autor

Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Bislang haben sich seine Bücher weltweit über 400 Millionen Mal in mehr als 50 Sprachen verkauft. Für sein Werk bekam er zahlreiche Preise, darunter 2003 den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk und 2015 mit dem Edgar Allan Poe Award den bedeutendsten kriminalliterarischen Preis für Mr. Mercedes. 2015 ehrte Präsident Barack Obama ihn zudem mit der National Medal of Arts. 2018 erhielt er den PEN America Literary Service Award für sein Wirken, gegen jedwede Art von Unterdrückung aufzubegehren und die hohen Werte der Humanität zu verteidigen.

Seine Werke erscheinen im Heyne-Verlag.

STEPHEN KING

SPÄTER

ROMAN

Aus dem Amerikanischenvon Bernhard Kleinschmidt

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

LATER

bei Titan Books, London

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Copyright © 2021 by Stephen King

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe byWilhelm Heyne Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung und Motiv:Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Herstellung: Mariam En Nazer

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN 978-3-641-27738-3V002

Für Chris Lotts

»Es kommt nicht immer ein neuer Tag.«

Michael Landon

Ich fange nicht gern mit einer Rechtfertigung an – wahrscheinlich gibt es dagegen sogar eine Regel wie die, einen Satz nie mit einer Präposition enden zu lassen –, aber nach dem Durchlesen der dreißig Seiten, die ich bisher geschrieben habe, glaube ich, das tun zu müssen. Es geht um ein bestimmtes Wort, das ich ständig verwende. Von meiner Mutter habe ich jede Menge vulgäre Ausdrücke gelernt und die auch von klein auf benutzt (wie ihr noch feststellen werdet), aber das Wort, um das es hier geht, ist nicht vulgär. Es lautet später wie in »später dann«, in »später habe ich erfahren« und in »erst später ist mir klar geworden«. Ich weiß, dass das monoton klingt, aber ich hatte keine andere Wahl. Meine Geschichte fängt nämlich in einer Zeit an, wo ich noch an den Weihnachtsmann und die Zahnfee glaubte (obwohl ich da schon mit sechs meine Zweifel hatte). Heute bin ich zweiundzwanzig, weshalb das jetzt später ist, alles klar? Wenn ich in meinen Vierzigern bin – vorausgesetzt, dass ich es bis dahin schaffe –, werde ich wahrscheinlich auf das zurückblicken, was ich mit zweiundzwanzig zu verstehen meinte, und erkennen, dass ich eine Menge überhaupt nicht verstanden habe. Es gibt immer ein Später, das weiß ich jetzt. Zumindest bis wir sterben. Dann ist wohl alles andere vorher.

Ich heiße Jamie Conklin, und einmal habe ich einen Thanksgiving-Truthahn gemalt, den ich für saugeil hielt. Später – und zwar nicht viel später – stellte ich fest, dass er eher saumäßig misslungen war. Manchmal ist die Wahrheit echt beschissen.

Das Ganze hier ist wohl eine Horrorstory. Also dann mal los.

1

Ich war gerade mit meiner Mutter auf dem Heimweg von der Schule. Sie hatte mich an die Hand genommen, und in der anderen hielt ich meinen Truthahn, den wir Erstklässler in der Woche vor Thanksgiving angefertigt hatten. Ich war stolz wie Oskar. Wir machten das folgendermaßen: Man legte eine Hand auf ein Blatt Tonpapier und umfuhr sie mit einem Wachsmalstift. So entstanden der Schwanz und der Rumpf. Was den Kopf anging, war man auf sich selbst gestellt.

Als ich Mama meinen Truthahn zeigte, sagte sie ja, ja, ja, genau, genau, genau, total super, aber ich glaube nicht, dass sie ihn sich richtig angesehen hat. Wahrscheinlich dachte sie stattdessen an eines der Bücher, die sie verkaufen wollte. »Das Produkt an den Mann bringen«, wie sie es nannte. Mama war nämlich Literaturagentin. Früher hat das ihr Bruder gemacht, mein Onkel Harry, aber ein Jahr vor der Zeit, von der ich hier erzähle, hatte Mama seine Agentur übernommen. Das ist eine lange, ziemlich traurige Geschichte.

»Ich hab Dunkelgrün genommen, weil das meine Lieblingsfarbe ist«, sagte ich. »Das weißt du doch, oder?« Inzwischen waren wir fast da. Unsere Wohnung lag nur drei Straßen von meiner Schule entfernt.

Ja, ja, ja, hat Mama gesagt. Außerdem: »Wenn wir zu Hause sind, spielst du was oder schaust dir Barney und den Zauberschulbus an, Kleiner. Ich muss massenhaft Anrufe erledigen.«

Worauf ich ja, ja, ja von mir gegeben habe, was mir einen Knuff in die Seite und ein Grinsen einbrachte. Ich fand es immer toll, wenn ich meine Mutter zum Grinsen bringen konnte. Schon mit sechs wusste ich nämlich, dass sie das Leben äußerst ernst nahm. Später stellte ich fest, dass das teilweise an mir lag. Sie ging irgendwie davon aus, dass sie ein ziemlich gestörtes Kind aufziehen würde. Der Tag, von dem ich gerade erzähle, war jedenfalls der, wo sie definitiv zu dem Schluss kam, dass ich doch nicht gestört war. Was für sie einerseits eine Erleichterung und andererseits keine gewesen sein muss.

»Du sprichst mit keinem darüber, ja?«, sagte sie später an jenem Tag zu mir. »Außer mit mir. Und vielleicht nicht mal mit mir, Kleiner. Okay?«

Ich sagte okay. Wenn man klein ist und es sich um die eigene Mama handelt, sagt man zu allem okay. Außer natürlich, sie erklärt einem, dass es Zeit fürs Bett ist. Oder sie befiehlt, bloß ja den ganzen Brokkoli aufzuessen.

Als wir zu Hause ankamen, war der Aufzug immer noch kaputt. Theoretisch könnte man sagen, das Ganze wäre vielleicht anders gelaufen, wenn das Ding funktioniert hätte, aber das glaube ich nicht. Leute, die behaupten, im Leben gehe es nur um die Entscheidungen, die wir treffen, und um die Wege, die wir wählen, haben meiner Meinung nach keinen blassen Schimmer. Egal ob Treppe oder Aufzug, wir wären in jedem Fall im zweiten Stock gelandet. Wenn der flatterhafte Finger des Schicksals auf einen zeigt, führen alle Wege zum selben Ort, meiner Meinung nach jedenfalls. Eventuell werde ich meine Meinung ändern, wenn ich älter bin, aber das glaube ich eigentlich nicht.

»Was für ein Scheißaufzug«, sagte Mama. Und dann: »Das hast du nicht gehört, Kleiner.«

»Was denn?«, sagte ich, was mir ein weiteres Grinsen einbrachte. Es sollte das letzte an jenem Nachmittag sein, so viel kann ich verraten. Ich fragte, ob ich ihre Tasche tragen solle, in der wie immer ein Manuskript steckte. An jenem Tag war es ein dickes, das nach circa fünfhundert Seiten aussah (wenn das Wetter gut war, saß Mama immer auf einer Bank und las, während sie darauf wartete, dass ich aus der Schule kam). »Lieb von dir«, sagte sie. »Aber was erkläre ich dir immer?«

»Jeder muss im Leben seine eigene Last tragen«, sagte ich.

»Haargenau.«

»Ist es von Regis Thomas?«, fragte ich.

»Richtig geraten. Von dem guten alten Regis, der unsere Miete bezahlt.«

»Geht es um Roanoke?«

»Musst du das wirklich fragen, Jamie?« Was mich zum Kichern brachte. Alles, was der gute alte Regis schrieb, spielte in Roanoke. Das war die Last, die er im Leben trug.

Wir stiegen die Treppe hinauf in den zweiten Stock, wo sich außer unserer noch zwei weitere Wohnungen befanden. Unsere hinten im Flur war die schickste. Vor der Tür von 3A standen Mr. und Mrs. Burkett, und mir war sofort klar, dass etwas nicht stimmte. Mr. Burkett rauchte eine Zigarette, was ich bei ihm noch nie gesehen hatte und was in unserem Haus außerdem verboten war. Seine Augen waren blutunterlaufen, und die Haare standen ihm in wirren grauen Büscheln vom Kopf ab. Ich sagte immer Mister zu ihm, aber eigentlich war er Professor Burkett und lehrte an der New York University irgendetwas Kluges. Englische und europäische Dichtung, wie ich später erfuhr. Mrs. Burkett stand barfuß nur im Nachthemd da. Das Nachthemd war ziemlich dünn. Ich konnte durch es hindurch fast alles von ihr sehen.

»Was ist denn passiert, Marty?«, fragte meine Mutter.

Bevor er etwas erwidern konnte, zeigte ich ihm meinen Truthahn. Weil Mr. Burkett traurig wirkte und ich ihn aufmuntern wollte, aber auch weil ich so stolz darauf war. »Schauen Sie mal, Mr. Burkett! Ich hab einen Truthahn gemalt! Schauen Sie mal, Mrs. Burkett!« Beim Hinhalten hob ich ihn vors Gesicht, weil sie nicht denken sollte, dass ich auf ihren Busen glotzte.

Mr. Burkett achtete nicht auf mich. Ich glaube, er hatte mich nicht mal gehört. »Tia, ich habe eine schreckliche Nachricht. Heute Morgen ist Mona gestorben.«

Meine Mutter ließ die Tasche mit dem Manuskript zwischen ihre Füße fallen und schlug sich die Hand vor den Mund. »O nein! Das ist nicht wahr!«

Er brach in Tränen aus. »Sie ist nachts aufgestanden und hat gesagt, sie will ein Glas Wasser trinken. Ich bin wieder eingeschlafen, und heute Morgen lag sie auf dem Sofa und hatte eine Steppdecke bis zum Kinn gezogen. Da bin ich auf Zehenspitzen in die Küche gegangen und hab Kaffee aufgesetzt, weil ich dachte, der Duft würde sie auf-auf-w-w-w… würde sie aufwecken …«

Dann brach er wirklich zusammen. Mama nahm ihn in die Arme, wie sie es mit mir tat, wenn ich mir wehgetan hatte, obwohl Mr. Burkett ungefähr hundert Jahre alt war (vierundsiebzig, wie ich später erfuhr).

Und da sagte Mrs. Burkett etwas zu mir. Sie war schwer zu verstehen, wenn auch nicht so schwer wie manche anderen, weil sie noch ziemlich frisch war. »Truthähne sind nicht grün, James«, sagte sie.

»Meiner schon«, sagte ich.

Meine Mutter hielt Mr. Burkett immer noch in den Armen und wiegte ihn irgendwie hin und her. Die beiden hörten Mrs. Burkett nicht, und mich hörten sie auch nicht, weil sie erwachsene Dinge taten: Mama spendete Trost, Mr. Burkett heulte.

»Ich hab Doktor Allen angerufen«, sagte Mr. Burkett. »Als er dann da war, meinte er, dass sie wahrscheinlich einen Schlag hatte.« Wenigstens glaube ich, dass er das gesagt hat. Er weinte so sehr, dass er nicht gut zu verstehen war. »Er hat für mich beim Bestattungsinstitut angerufen. Die haben sie weggebracht. Ich weiß gar nicht, was ich ohne sie tun soll.«

Mrs. Burkett sagte: »Wenn mein Mann nicht aufpasst, wird er deiner Mutter mit seiner Zigarette noch das Haar versengen.«

Was er tatsächlich tat. Ich konnte die schmorenden Haare riechen, ein Gestank wie beim Damenfriseur. Mama war zu höflich, etwas zu sagen, aber sie sorgte dafür, dass er sie losließ, und dann nahm sie ihm die Zigarette ab, warf sie auf den Boden und trat darauf. Das fand ich richtig eklig, eine echte Schweinerei, aber ich hielt den Mund. Ich kapierte, dass es sich um eine besondere Situation handelte.

Außerdem kapierte ich, dass er durchdrehen würde, wenn ich weiter mit Mrs. Burkett sprach. Mama ebenfalls. Selbst ein kleiner Junge weiß gewisse grundlegende Dinge, wenn er nicht weich in der Birne ist. Man sagt bitte, man sagt danke, man wedelt in der Öffentlichkeit nicht mit dem Schniedel herum, man kaut nicht mit offenem Mund, und man spricht nicht mit toten Leuten, wenn sie neben lebenden Leuten stehen, die gerade erst anfangen, sie zu vermissen. Zu meiner Verteidigung will ich nur sagen: Beim ersten Anblick war mir noch nicht bewusst gewesen, dass sie tot war. Später wurde ich besser darin, den Unterschied zu beurteilen, aber damals musste ich das erst noch lernen. Durch das Nachthemd von Mrs. Burkett konnte ich hindurchschauen, durch sie selbst nicht. Tote sehen genauso aus wie Lebende, nur dass sie immer die Kleidung wie beim Sterben tragen.

Währenddessen kaute Mr. Burkett die ganze Sache noch einmal durch. Er erzählte meiner Mutter, wie er neben dem Sofa auf dem Boden gesessen und die Hand seiner Frau gehalten hatte, bis der Arzt kam, und dann wieder, bis die Leute vom Bestattungsinstitut gekommen waren, um sie wegzuschaffen. Eigentlich sagte er: »Um sie von dannen zu bringen«, was ich nicht verstand, bis Mama es mir erklärte. Das Weinen hatte zwischendurch nachgelassen, nahm jetzt jedoch wieder Fahrt auf. »Ihre Ringe sind weg«, sagte er unter Tränen. »Nicht nur ihr Hochzeitsring, sondern auch der Verlobungsring mit dem großen Diamanten. Ich hab auf dem Nachttisch auf ihrer Bettseite nachgeschaut, wo sie die Dinger immer hinlegt, wenn sie sich die Hände mit der scheußlich riechenden Arthritissalbe einreibt …«

»Die riecht tatsächlich erbärmlich«, bestätigte Mrs. Burkett. »Das Lanolin da drin ist im Grunde nur Schaffett, aber irgendwie hilft’s.«

Ich nickte, um auszudrücken, dass ich verstanden hätte, sagte aber nichts.

»… und auf dem Waschbecken im Bad, weil sie die Ringe manchmal da liegen lässt … Überall hab ich nachgeschaut.«

»Die werden schon wieder auftauchen«, sagte meine Mutter besänftigend, und da ihre Haare jetzt nicht mehr gefährdet waren, nahm sie Mr. Burkett wieder in die Arme. »Sie tauchen bestimmt wieder auf, Marty, mach dir darüber keine Sorgen.«

»Ich vermisse sie so sehr! Ich vermisse sie jetzt schon!«

Mrs. Burkett wedelte mit der Hand vor dem Gesicht. »Wahrscheinlich dauert es nicht mal sechs Wochen, bis er Dolores Magowan zum Mittagessen ausführt.«

Mr. Burkett flennte, und meine Mutter tröstete ihn, so wie sie mich tröstete, wenn ich mir mal das Knie aufschürfte oder wie damals, als ich ihr eine Tasse Tee machen wollte und mir heißes Wasser auf die Hand geschwappt ist. Es herrschte also irgendwie ein ziemlich hoher Lärmpegel, weshalb ich es riskierte, wenn auch nur mit leiser Stimme.

»Wo sind Ihre Ringe denn, Mrs. Burkett? Wissen Sie das?«

Wenn sie tot sind, müssen sie die Wahrheit sagen. Im Alter von sechs Jahren wusste ich das allerdings noch nicht; ich nahm einfach an, dass alle Erwachsenen, ob nun lebendig oder tot, stets die Wahrheit sagten. Natürlich glaubte ich damals auch, Goldlöckchen wäre ein echtes Mädchen. Man darf mich gern als dämlich bezeichnen, aber immerhin glaubte ich wenigstens nicht, dass die drei Bären auch wirklich sprechen konnten.

»Im obersten Fach vom Flurschrank«, sagte sie. »Ganz hinten, hinter den Fotoalben.«

»Warum da?«, fragte ich, worauf meine Mutter mir einen seltsamen Blick zuwarf. Soweit sie sehen konnte, unterhielt ich mich mit dem leeren Wohnungseingang … obwohl sie eigentlich längst wusste, dass ich ein bisschen anders als andere Kinder tickte. Nach einem nicht gerade schönen Vorfall im Central Park – dazu bald mehr – bekam ich mit, wie sie einer von ihren Verlagsfreundinnen am Telefon erzählte, ich hätte eine besondere Beziehung zur Geisterwelt. Was mir einen gewaltigen Schrecken einjagte. Geister setzte ich nämlich mit Gespenstern gleich, und vor denen hatte ich furchtbare Angst.

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung«, sagte Mrs. Burkett. »Aber da hatte ich wahrscheinlich schon den Schlaganfall. Das heißt, meine Gedanken sind in Blut ertrunken.«

In Blut ertrunkene Gedanken. Das habe ich nie vergessen.

Mama fragte Mr. Burkett, ob er mit in unsere Wohnung kommen wolle, zu einer Tasse Tee (»oder etwas Stärkerem«), aber er lehnte ab, weil er noch einmal nach den verschwundenen Ringen seiner Frau suchen wollte. Daraufhin fragte sie ihn, ob wir ihm was vom Chinesen mitbringen sollten, wenn wir dort unser Abendessen holten, und er sagte: »Das wäre schön, vielen Dank, Tia.«

»De nada«, sagte meine Mutter (das verwendete sie beinah so oft wie ja, ja, ja und genau, genau, genau), und dann erklärte sie ihm, wir würden ihm das Essen gegen sechs in die Wohnung bringen, falls er nicht bei uns essen wolle, wozu er gern eingeladen sei. Nein, sagte er, er würde lieber bei sich essen, aber er fände es nett, wenn wir uns dann zu ihm gesellen würden. Nur dass er zu uns sagte, als wäre Mrs. Burkett noch am Leben. Was sie ja nicht war, obwohl sie dastand.

»Bis dahin hast du die Ringe bestimmt gefunden«, sagte Mama. Sie nahm mich an die Hand. »Komm, Jamie. Wir besuchen Mr. Burkett später wieder. Jetzt lassen wir ihn erst mal lieber für sich allein.«

»Truthähne sind nicht grün, Jamie«, sagte Mrs. Burkett. »Und das da sieht sowieso nicht wie ein Truthahn aus. Das sieht aus wie ein Klecks, aus dem Finger ragen. Ein Rembrandt bist du nicht gerade.«

Tote Leute mussten die Wahrheit sagen, was okay war, solange man die Antwort auf eine Frage erfahren wollte, aber wie schon gesagt, die Wahrheit war halt manchmal echt beschissen. Weshalb ich irgendwie wütend auf Mrs. Burkett wurde, wenn auch nur kurz, weil sie auf einmal zu weinen anfing. Sie wandte sich Mr. Burkett zu und sagte: »Wer wird jetzt dafür sorgen, dass du die Gürtelschlaufe hinten an deiner Hose nicht vergisst? Dolores Magowan? Da fress ich doch ’nen Besen!« Sie küsste seine Wange … oder küsste in deren Richtung, das war mir nicht ganz klar. »Ich habe dich geliebt, Marty. Das tu ich immer noch.«

Mr. Burkett hob die Hand und kratzte sich an der Stelle, wo ihre Lippen ihn berührt hatten, als würde es ihn da jucken. Das hat er wohl jedenfalls gedacht.

2

Also ja, ich kann tote Leute sehen. Das war schon immer so, soweit ich mich erinnern kann. Allerdings ist es nicht so wie in dem einen Film mit Bruce Willis. Manchmal ist es einfach nur interessant, manchmal eher beängstigend (wie bei dem Typen im Central Park), und manchmal ist es extrem nervig, aber hauptsächlich ist es einfach so, wie es ist. Wie wenn man Linkshänder ist oder schon als Dreijähriger klassische Musik spielen kann oder von früh einsetzender Demenz betroffen ist wie mein Onkel Harry, als der erst zweiundvierzig war. Als Sechsjähriger sind mir zweiundvierzig Jahre alt vorgekommen, aber schon damals habe ich begriffen, dass man in dem Alter eigentlich zu jung dafür ist, nicht mehr zu wissen, wer man ist. Oder welchen Namen die Dinge haben – aus irgendeinem Grund hat mir das immer am meisten Angst gemacht, wenn wir Onkel Harry besucht haben. Seine Gedanken sind zwar nicht im Blut von einem geplatzten Gehirngefäß ertrunken, aber ertrunken sind sie trotzdem.

Wir sind zur 3C rüber. Meine Mutter brauchte beim Aufschließen etwas Zeit, weil an unserer Tür drei Schlösser waren. Laut Mama war das der Preis, den man bezahlte, wenn man stilvoll wohnen wollte. Unsere Wohnung hatte sechs Zimmer und lag zur Straße hin. Mama nannte sie den Palast an der Avenue. Zweimal pro Woche kam eine Putzfrau. In dem Parkhaus an der Second Avenue hatte Mama einen Range Rover stehen, mit dem wir manchmal nach Speonk zu Onkel Harry fuhren. Dank Regis Thomas und einigen anderen Schriftstellern (aber hauptsächlich dank dem guten alten Regis) lebten wir in Saus und Braus. Allerdings sollte das nicht ewig andauern, eine deprimierende Entwicklung, von der ich nur allzu bald erzählen werde. Im Rückblick denke ich manchmal, mein Leben war wie ein Roman von Dickens, nur halt mit Kraftausdrücken.

Mama warf Manuskript- und Handtasche aufs Sofa und setzte sich. Das Sofa gab das furzende Geräusch von sich, das uns normalerweise zum Lachen brachte, jedoch nicht an jenem Tag. »Verdammte Scheiße«, sagte Mama, dann hob sie abwehrend die Hand. »Das hast du …«

»Ich hab es nicht gehört, nein«, sagte ich.

»Gut. Ich brauche einen Elektroschockkragen oder irgendein Ding, das jedes Mal summt, wenn ich in deiner Gegenwart fluche. Als Training sozusagen.« Sie schob die Unterlippe vor und blies sich die Fransen aus der Stirn. »Ich muss noch zweihundert Seiten vom neuesten Regis lesen …«

»Wie heißt das Buch denn diesmal?«, fragte ich, wobei ich schon wusste, dass im Titel von Roanoke vorkommen würde. Das war immer der Fall.

»Die Geistermaid von Roanoke«, sagte sie. »Es ist eines von seinen besseren, mit viel Se… Mit viel Küssen und Kuscheln.«

Ich rümpfte die Nase.

»Tut mir leid, Kleiner, aber die Damen lieben nun mal pochende Herzen und heiße Lenden.« Sie warf einen Blick auf die Tasche mit der Geistermaid von Roanoke, die mit den üblichen sechs bis acht Gummibändern gesichert war. Wenn eines von den Dingern riss, gab Mama immer einige von ihren besten Ausdrücken von sich. Viele davon verwende ich noch heute. »Jetzt hab ich allerdings den Eindruck, dass ich nichts will als ein Glas Wein trinken. Vielleicht sogar eine ganze Flasche. Mona Burkett war zwar eine echte Zimtzicke, und wahrscheinlich ist er ohne sie besser dran, aber momentan ist er doch ziemlich am Boden zerstört. Ich hoffe bloß, dass er Verwandte hat, weil ich keine Lust habe, als oberste Trostspenderin zu dienen.«

»Sie hat ihn auch geliebt«, sagte ich.

Mama warf mir einen seltsamen Blick zu. »Ja? Meinst du?«

»Das weiß ich. Sie hat zwar was Gemeines über meinen Truthahn gesagt, aber dann hat sie geweint und ihm einen Kuss auf die Backe gegeben.«

»Das hast du dir bloß eingebildet, James«, sagte sie, wenn auch nur halbherzig. Inzwischen wusste sie es besser, da bin ich mir ganz sicher, aber es fällt Erwachsenen unheimlich schwer, so was zu glauben, und ich meine auch zu wissen, warum. Wenn sie als Kinder herausbekommen, dass der Weihnachtsmann ein Fake, Goldlöckchen kein echtes Mädchen und der Osterhase reiner Bullshit ist – das sind nur drei Beispiele, ich könnte weitere aufzählen –, entsteht in ihnen ein Komplex, und sie hören auf, an irgendwas zu glauben, was sie nicht mit eigenen Augen sehen können.

»Nee, das hab ich mir nicht eingebildet. Sie hat gesagt, ein Rembrandt wär ich nicht gerade. Wer ist das eigentlich?«

»Ein Maler«, sagte sie und blies sich wieder die Fransen aus der Stirn. Ich weiß nicht, wieso sie die nicht einfach abgeschnitten oder sich eine andere Frisur zugelegt hat. Was kein Problem gewesen wäre, weil sie wirklich hübsch war.

»Wenn wir zum Essen rübergehen, darfst du Mr. Burkett auf keinen Fall etwas von dem erzählen, was du angeblich gesehen hast.«

»Tu ich schon nicht«, sagte ich. »Aber sie hatte recht. Mein Truthahn ist beschissen.« Ich war ziemlich deprimiert darüber.

Offenbar war das sichtbar, jedenfalls streckte Mama die Arme aus. »Komm mal her, Kleiner.«

Ich ging zu ihr und umarmte sie.

»Dein Truthahn ist wunderschön. Es ist der schönste Truthahn, den ich je gesehen habe. Ich werde ihn an den Kühlschrank hängen, und da wird er für immer bleiben.«

Ich drückte sie, so fest ich konnte, und vergrub das Gesicht in der Höhlung ihrer Schulter, damit ich ihr Parfüm riechen konnte. »Ich hab dich lieb, Mama.«

»Ich hab dich auch lieb, Jamie, und zwar ganz doll. Jetzt geh spielen, oder setz dich vor den Fernseher. Ich muss die Anrufe machen, bevor ich das Essen bestelle.«

»Okay.« Ich machte mich auf den Weg in mein Zimmer, blieb jedoch gleich wieder stehen. »Sie hat ihre Ringe auf das oberste Fach in dem Schrank im Flur gelegt, hinter die Fotoalben.«

Meine Mutter starrte mich mit offenem Mund an. »Wieso das denn?«

»Das hab ich sie auch gefragt, und sie hat gesagt, sie weiß es nicht. Da wären ihre Gedanken schon in Blut ertrunken, hat sie gemeint.«

»Du lieber Himmel«, flüsterte Mama und griff sich mit der Hand an den Hals.

»Du solltest dir was ausdenken, wie wir es ihm erzählen, wenn wir bei ihm zum Essen sind. Dann muss er sich keine Sorgen mehr darum machen. Kann ich Hühnchen General Tso haben?«

»Ja«, sagte sie. »Aber mit braunem, nicht mit weißem Reis.«

»Genau, genau, genau«, sagte ich und ging Lego spielen. Ich baute gerade einen Roboter.

3

Die Wohnung der Burketts war kleiner als unsere, aber hübsch. Als wir nach dem Essen unsere Glückskekse knackten (auf meinem stand Eine Feder in der Hand ist besser als ein Vogel in der Luft, was absolut keinen Sinn ergibt), sagte Mama: »Hast du eigentlich schon in den Schränken nachgeschaut, Marty? Nach den Ringen, meine ich?«

»Weshalb sollte sie ihre Ringe denn in einen Schrank legen?« Eine durchaus vernünftige Frage.

»Na ja, wenn sie gerade einen Schlaganfall hatte, konnte sie vielleicht nicht mehr ganz klar denken.«

Wir aßen an dem kleinen, runden Tisch in der Küchennische. Mrs. Burkett saß auf einem von den Hockern an der Theke und nickte nachdrücklich, als Mama das sagte.

»Vielleicht schaue ich später nach«, sagte Mr. Burkett. Er klang ziemlich unentschlossen. »Jetzt bin ich zu müde und zu durcheinander.«

»Dann schau im Schlafzimmerschrank nach, sobald du dazu kommst«, sagte Mama. »Ich gehe jetzt gleich zu dem im Flur. Nach dem ganzen süß-sauren Schweinefleisch tut mir ein bisschen Bewegung ganz gut.«

»Ist sie da ganz alleine drauf gekommen?«, sagte Mrs. Burkett. »Ich wusste gar nicht, dass sie so clever ist.« Inzwischen war sie schon nicht mehr so gut zu verstehen. Nach einer Weile würde ich sie überhaupt nicht mehr hören können, sondern nur noch sehen, wie sich ihr Mund bewegt, so als wäre sie hinter einer dicken Glasscheibe. Und bald danach würde sie verschwunden sein.

»Meine Mama ist total clever«, sagte ich.

»Ich würde nie das Gegenteil behaupten«, sagte Mr. Burkett. »Aber wenn sie die Ringe in dem Schrank da draußen findet, fresse ich einen Besen.«

Genau in dem Moment sagte meine Mutter: »Na also!«, und kam mit den Ringen auf der ausgestreckten Hand wieder. Der Hochzeitsring war nichts Besonderes, aber der Verlobungsring war riesig. Mit einem echten Diamanten.

»Das ist doch nicht die Möglichkeit!«, rief Mr. Burkett aus. »Wie um alles in der Welt …?«

»Ich habe zum heiligen Antonius gebetet«, sagte Mama, warf mir jedoch einen schnellen Blick zu. Wobei sie grinste. »Antonius, du guter Mann, führe mich an die Ringe heran! Und wie du siehst, hat es geklappt.«

Ich überlegte, Mr. Burkett zu fragen, ob er seinen Besen mit Salz und Pfeffer essen wolle, ließ es aber bleiben. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, Scherze zu machen, und außerdem stimmte es, was meine Mutter immer sagte: Klugscheißer machen sich nur unbeliebt.

4

Drei Tage später fand die Beerdigung statt. Es war meine erste, und sie war interessant, wenngleich sie mir nicht gerade Spaß gemacht hat. Immerhin musste sich meine Mutter nicht als oberste Trostspenderin betätigen. Mr. Burkett hatte eine Schwester und einen Bruder, die diese Rolle übernehmen konnten. Sie waren alt, wenn auch nicht so alt wie er. Während der ganzen Trauerfeier weinte er, und seine Schwester reichte ihm ein Papiertaschentuch nach dem anderen. Ihre Handtasche war offenbar voll davon. Ich staunte, dass da noch Platz für irgendetwas anderes war.

Am Abend bestellten Mama und ich uns Pizza bei Domino’s. Mama trank Wein, und ich bekam als besondere Belohnung Kool-Aid, weil ich mich bei der Beerdigung gut benommen hatte. Als nur noch ein Stück Pizza übrig war, fragte sie mich, ob ich meinen würde, dass Mrs. Burkett da gewesen sei.

»Klar. Sie saß auf der Treppe zu dem Ding, wo der Pfarrer und die anderen Leute gestanden haben, um was zu sagen.«

»Du meinst den Ambo. Konntest du …« Sie nahm sich das letzte Stück, beäugte es, legte es wieder hin und sah mich an. »Konntest du durch sie hindurchschauen?«

»Meinst du wie durch einen Geist im Kino?«

»Ja. Das meine ich wohl.«

»Nee. Sie war ganz da, aber immer noch in ihrem Nachthemd. Ich hab mich gewundert, dass ich sie gesehen hab, weil sie schon vor drei Tagen gestorben ist. Normalerweise halten die nicht so lange durch.«

»Sie verschwinden einfach?« Als ob sie versuchen würde, sich darüber klar zu werden. Ich merkte, dass sie nicht gern darüber sprach, war jedoch froh, dass sie es tat. Es war eine Erleichterung.

»Ja, genau.«

»Was hat sie denn getan, Jamie?«

»Sie hat einfach bloß dagesessen. Ein-, zweimal hat sie einen Blick auf ihren Sarg geworfen, aber hauptsächlich hat sie nur ihn angesehen.«

»Mr. Burkett. Marty.«

»Genau. Einmal hat sie was gesagt, aber das konnte ich nicht hören. Wenn sie tot sind, werden ihre Stimmen schnell leiser, wie wenn man im Autoradio die Musik runterdreht. Nach einer Weile kann man sie überhaupt nicht mehr hören.«

»Und dann sind sie fort.«

»Ja«, sagte ich. Ich hatte einen Kloß im Hals, weshalb ich den Rest von meinem Kool-Aid trank, um ihn wegzubekommen. »Fort.«

»Hilf mir jetzt schnell beim Wegräumen«, sagte sie. »Dann können wir eine Folge von Torchwood anschauen, wenn du willst.«

»Klar, cool!« Meiner Meinung nach war Torchwood nicht richtig cool, aber dass ich eine Stunde länger aufbleiben durfte als sonst, war total cool.

»Fein. Sofern dir klar ist, dass wir das nicht zur Gewohnheit werden lassen. Aber zuerst muss ich dir etwas erklären, was sehr wichtig ist. Deshalb spitz jetzt die Ohren, und zwar gut.«

»Okay.«

Sie ließ sich auf ein Knie nieder, damit unsere Gesichter mehr oder weniger auf gleicher Höhe waren, und ergriff mich bei den Schultern, sanft, aber fest. »Erzähl nie wem, dass du tote Leute siehst, James. Niemals.«

»Man würde mir sowieso nicht glauben. Hast du ja früher auch nicht getan.«

»Irgendwas hab ich durchaus geglaubt«, sagte sie. »Seit dem Tag damals im Central Park. Erinnerst du dich noch?« Sie blies sich die Fransen aus der Stirn. »Natürlich erinnerst du dich. Wie könntest du das wohl je vergessen.«

»Ich erinnere mich.« Wobei es mir anders lieber gewesen wäre.

Sie kniete immer noch vor mir und sah mir in die Augen. »Also hör zu. Es ist gut, dass die Leute so etwas nicht glauben. Aber vielleicht glaubt jemand es irgendwann doch. Und dann könnte es zu unangenehmem Gerede kommen, wenn du nicht sogar in Gefahr gerätst.«

»Warum das denn?«

»Ein alter Spruch sagt, tote Männer reden nicht mehr, Jamie. Aber mit dir tun sie das. Und zwar Männer und Frauen, oder? Du sagst, sie müssen auf Fragen reagieren und wahrheitsgemäß antworten. Als ob Sterben wie eine Dosis Natriumthiopental wäre.«

Ich hatte keine Ahnung, was das war, was meine Mutter mir offenbar an der Nasenspitze ansah, weshalb sie sagte, das wäre jetzt nicht weiter wichtig. Aber ich solle mich daran erinnern, was Mrs. Burkett auf meine Frage nach ihren Ringen gesagt habe.

»Wieso?« Ich war meiner Mutter gern so nahe wie jetzt gerade, aber dass sie mich derart aufmerksam ansah, gefiel mir gar nicht.

»Die Ringe waren wertvoll, besonders der Verlobungsring. Man stirbt mit Geheimnissen, Jamie, und es gibt immer Leute, die solche Geheimnisse erfahren wollen. Ich will dir keine Angst einjagen, aber manchmal ist Angst die einzige Warnung, die wirkt.«

Wie der Mann vom Central Park mir die Warnung erteilt hatte, im Verkehr aufzupassen und beim Radfahren immer meinen Helm zu tragen, dachte ich … sprach es aber nicht aus.

»Ich rede schon nicht darüber«, sagte ich.

»Und zwar nie. Außer mit mir. Wenn es unbedingt sein muss.«

»Okay.«

»Gut. Dann sind wir uns ja einig.«

Sie stand auf, und dann gingen wir zum Fernsehen ins Wohnzimmer. Als die Sendung vorbei war, putzte ich mir die Zähne, pinkelte noch mal und wusch mir die Hände. Mama brachte mich ins Bett, gab mir einen Kuss und sagte, was sie immer sagte: »Ich wünsch dir eine gute Nacht, das Lichtlein wird nun ausgemacht. Träum was Schönes, schlafe fein, bald schon wird es wieder morgen sein.«

Normalerweise sah ich sie anschließend erst am Morgen wieder. Oft hörte ich Glas klimpern, wenn sie sich ein zweites (oder drittes) Glas Wein einschenkte, und dann ganz leisen Jazz, wenn sie sich daranmachte, ein Manuskript zu lesen. Allerdings haben Mütter wohl einen sechsten Sinn, jedenfalls kam sie an jenem Abend bald wieder in mein Zimmer und setzte sich auf die Bettkante. Vielleicht hat sie mich auch einfach weinen hören, obwohl ich mir alle Mühe gegeben habe, das möglichst leise zu tun. Denn – ein weiterer von ihren Sprüchen – es war besser, zur Lösung beizutragen anstatt zu dem Problem.

»Was ist denn, Jamie?«, fragte sie und strich mir übers Haar. »Denkst du über die Beerdigung nach? Oder darüber, dass Mrs. Burkett dabei war?«

»Was täte eigentlich mit mir passieren, wenn du stirbst, Mama? Komme ich dann in ein Waisenhaus?« Weil ich mit absoluter Sicherheit nicht zu Onkel Harry kommen würde.

»Natürlich nicht«, sagte Mama, die mir immer noch über den Kopf strich. »Abgesehen davon, nennt man so was eine rein akademische Frage, weil ich noch ganz lange nicht sterben werde. Ich bin erst fünfunddreißig, was bedeutet, dass ich mehr als die Hälfte meines Lebens noch vor mir habe.«

»Aber was ist, wenn du das kriegst, was Onkel Harry hat, und bei ihm im Heim leben musst?« Tränen liefen mir über die Wangen. Dass Mama mir die Haare streichelte, tröstete mich, brachte mich jedoch zugleich dazu, noch mehr zu weinen, wer weiß warum. »Da riecht es so eklig. Nach Pipi!«

»Die Chance, dass das passiert, ist total winzig. Wenn man sie neben eine Ameise legen würde, wäre die Ameise so groß wie Godzilla.« Darüber musste ich grinsen, wodurch ich mich auch gleich besser fühlte. Da ich jetzt älter bin, weiß ich, dass sie entweder schwindelte oder falsch informiert war, aber das Gen, von dem das ausgelöst wird, was Onkel Harry hatte – früh einsetzende Demenz –, hatte sie selbst nur verfehlt, Gott sei Dank.

»Ich werde nicht sterben, du wirst auch nicht sterben, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass deine merkwürdige Begabung verkümmert, wenn du älter wirst. Also … alles gut?«

»Alles gut.«

»Keine Tränen mehr, Jamie. Träum was Schönes, schlafe fein …«

»Bald schon wird es wieder morgen sein«, ergänzte ich.

»Genau, genau, genau.« Sie gab mir einen Kuss auf die Stirn und ging hinaus. Die Tür ließ sie einen Spalt offen, wie sie es immer tat.

Ich wollte ihr nicht erzählen, dass ich nicht wegen der Beerdigung geweint hatte und auch nicht wegen Mrs. Burkett, weil die mir nämlich keine Angst machte. Das tun die meisten nicht. Nur der Fahrradmann im Central Park, der hat mir brutal Angst gemacht. Der war richtig gruselig.

5

Wir fuhren auf der 86th Street durch den Central Park, unterwegs nach Wave Hill in der Bronx. Dort feierte Lily, eine von meinen Kindergartenfreundinnen, eine große Geburtstagsparty. (»Manche Kinder werden ja bis zum Gehtnichtmehr verwöhnt«, hatte Mama kommentiert.) Das Geschenk hatte ich auf dem Schoß liegen. Als wir um eine Biegung kamen, sahen wir einen kleinen Haufen Leute auf der Straße stehen. Offenbar hatte der Unfall sich gerade erst ereignet. Ein Mann lag halb auf der Straße und halb auf dem Gehsteig, sein völlig verbogenes Fahrrad neben ihm. Den oberen Körper hatte jemand mit einer Jacke bedeckt, unten trug er schwarze Fahrradshorts mit roten Streifen an den Seiten, eine Knieschiene und ganz mit Blut bedeckte Sneakers. Auch auf seinen Socken und Beinen war Blut. Wir hörten nahende Sirenen.

Neben ihm stand derselbe Mann mit denselben Fahrradshorts und derselben Knieschiene. Er hatte weiße Haare mit Blut darin. Das Gesicht war genau in der Mitte eingedrückt, wohl weil er damit auf der Bordsteinkante aufgeprallt war. Die Nase war irgendwie in zwei Teilen, der Mund ebenfalls.

Die Autos vor uns hielten an, und meine Mutter sagte: »Mach die Augen zu.« Was sie sah, war natürlich der Mann, der auf dem Boden lag.

»Er ist tot!« Ich brach in Tränen aus. »Der Mann da ist tot!«

Wir hielten. Das mussten wir. Weil die anderen Autos vor uns standen.

»Nein, das ist er nicht«, sagte Mama. »Der ist nur ohnmächtig, nichts weiter. Das passiert manchmal, wenn man irgendwo kräftig dranknallt. Bald geht’s ihm wieder besser. Und jetzt mach die Augen zu.«

Das tat ich nicht. Der verwüstete Mann hob die Hand und winkte mir zu. Sie wissen es, wenn ich sie sehe. Das ist immer so.

»Sein Gesicht ist total in zwei Teilen!«

Um sich zu vergewissern, warf Mama noch mal einen Blick auf den Mann. Weil er bis zur Hüfte mit einer Jacke bedeckt war, sagte sie: »Hör auf, dich in was reinzusteigern, Jamie. Mach einfach die …«

»Aber da steht er!« Ich zeigte auf ihn. Mein Finger zitterte. Alles an mir zitterte. »Da drüben steht er neben sich!«

Das wiederum erschreckte meine Mutter. Ich erkannte es daran, wie sie die Lippen zusammenpresste. Mit einer Hand betätigte sie die Hupe, mit der anderen drückte sie auf die Taste, mit der man das Fenster öffnete, und winkte den vor uns stehenden Autos zu. »Los!«, rief sie. »Weiter! Hört auf, ihn anzustarren, um Himmels willen, wir sind hier doch nicht in einem verdammten Kinofilm!«

Die Fahrer schienen zu gehorchen, nur der direkt vor uns nicht. Der lehnte sich aus dem Fenster, um ein Handyfoto zu machen. Mama fuhr an und rempelte seine Stoßstange. Der Mann zeigte ihr den Finger. Daraufhin stieß sie zurück und lenkte unseren Wagen auf die andere Fahrspur, um ihn zu umkurven. Schade, dass ich ihm nicht auch den Finger gezeigt habe, aber ich war einfach zu verdattert.

Nachdem Mama fast mit einem entgegenkommenden Polizeiwagen kollidiert war, fuhr sie so schnell wie möglich zur anderen Parkseite. Wir waren noch nicht ganz da, als ich mich losschnallte. Mama brüllte mich an, das solle ich bleiben lassen, aber ich tat es trotzdem, ließ mein Fenster herunter und kniete mich auf den Sitz. Dann streckte ich den Kopf hinaus und kotzte meinen Mageninhalt über die Wagentür. Da war nichts zu machen. Im Westen vom Central Park angekommen, fuhr Mama an den Straßenrand und wischte mir mit dem Blusenärmel das Gesicht ab. Gut möglich, dass sie die Bluse später wieder getragen hat, aber wenn das der Fall war, erinnere ich mich nicht daran.

»Du lieber Himmel, Jamie, du bist ja leichenblass.«

»Ich konnte nichts dagegen machen«, sagte ich. »So was wie den hab ich noch nie gesehen. Dem haben richtig die Knochen aus der N-Nase geguckt, und …« Wieder musste ich würgen, schaffte es diesmal jedoch, das meiste auf die Straße anstatt auf unseren Wagen zu befördern. Außerdem war es nicht mehr so viel.

Mama streichelte mir den Nacken, ohne auf den Wagen zu achten, der hupend dicht an uns vorbeifuhr (vielleicht war da der Mann drin, der uns den Finger gezeigt hatte). »Schatz, das ist bloß deine Einbildung. Er war ja mit einer Jacke bedeckt.«

»Nicht der auf dem Boden, sondern der, der neben ihm gestanden hat. Der hat mir zugewinkt.«

Sie starrte mich lange an und gab sich den Anschein, mir etwas sagen zu wollen, schnallte mich aber nur wieder an. »Ich glaube, wir sollten die Party sausen lassen. Was meinst du?«

»In Ordnung«, sagte ich. »Ich mag Lily sowieso nicht. In der Vorlesestunde kneift sie mich immer heimlich.«

Wir fuhren zurück nach Hause. Mama fragte mich, ob ich wohl eine Tasse Kakao drinbehalten würde, was ich bejahte. Gemeinsam tranken wir im Wohnzimmer also Kakao. Ich hatte immer noch das Geschenk für Lily bei mir, ein Püppchen in einem Matrosenanzug. Als ich es Lily in der Woche drauf überreichte, gab sie mir einen Kuss direkt auf den Mund, anstatt mich heimlich zu kneifen. Deshalb wurde ich von den anderen geneckt, was mir aber überhaupt nichts ausmachte.

Während wir unseren Kakao tranken (eventuell hatte Mama ihren mit irgendetwas aufgepeppt), sagte sie: »Als ich schwanger war, hab ich mir fest vorgenommen, mein Kind nie anzulügen. Alsdann. Ja, der Mann da war wahrscheinlich tot.« Sie machte eine Pause. »Er war sogar eindeutig tot. Offenbar hatte er gar keinen auf, aber ich glaube, den hätte nicht mal ein Fahrradhelm gerettet.«

Nein, er hatte keinen Helm getragen. Wenn er beim Überfahren (wie wir später feststellten, von einem Taxi) einen getragen hätte, dann hätte er ihn nämlich auch aufgehabt, als er neben seiner Leiche stand. Wie gesagt, tragen sie immer das, was sie beim Sterben anhatten.

»Dass du sein Gesicht gesehen haben willst, hast du dir bloß vorgestellt, Schatz. Das war ja gar nicht möglich. Jemand hatte ihn mit einer Jacke zugedeckt. Jemand mit einem guten Herzen.«

»Er hatte ein T-Shirt mit einem Leuchtturm drauf an«, sagte ich. Dann fiel mir noch etwas anderes ein. Es war nur minimal tröstlich, aber nach so etwas gibt man sich wohl mit dem kleinsten Lichtblick zufrieden. »Wenigstens war er schon ziemlich alt.«

»Wie kommst du denn darauf?« Sie sah mich seltsam an. Im Rückblick war das der Moment, denke ich, wo sie mir zum ersten Mal glaubte, zumindest ein klein bisschen.

»Seine Haare waren weiß. Außer da, wo Blut drauf war natürlich.«

Ich weinte wieder los. Meine Mutter nahm mich in die Arme und wiegte mich, und während sie das tat, schlief ich ein. Wenn einem irgendwelcher gruselige Scheiß im Kopf rumgeht, gibt es nichts Besseres, als eine Mutter zur Hand zu haben, ehrlich.

Wir bekamen die New York Times an die Tür geliefert. Normalerweise las meine Mutter sie noch im Bademantel am Frühstückstisch, aber am Tag nach dem Mann vom Central Park ging sie stattdessen eines von ihren Manuskripten durch. Nach dem Frühstück sagte sie, ich solle mich anziehen; vielleicht würden wir eine Fahrt mit der Circle Line machen. Es muss also ein Samstag gewesen sein. Ich erinnere mich, wie ich dachte: Das ist das erste Wochenende, wo der Mann vom Central Park tot ist. Was mir die ganze Sache wieder deutlich vor Augen brachte.

Ich tat wie geheißen, aber zuerst ging ich noch in ihr Zimmer, während sie unter der Dusche stand. Die Zeitung lag auf dem Bett, auf der Seite geöffnet, wo es immer um die Toten ging, die von der Times für berühmt genug gehalten wurden. Da war ein Foto von dem Mann aus dem Central Park. Er hieß Robert Harrison. Was das Lesen anging, war ich mit vier Jahren schon auf Drittklässlerniveau, worauf meine Mutter sehr stolz war, und die Überschrift des Artikels enthielt keine schweren Wörter. Sie war alles, was ich las: CEODERLIGHTHOUSEFOUNDATIONSTIRBTBEIVERKEHRSUNFALL.

Danach habe ich noch weitere Tote gesehen. Der Spruch, dass wir mitten im Leben vom Tod umfangen seien, ist wahrer, als die meisten wissen – und manchmal sagte ich darüber etwas zu Mama, aber meistens nicht, weil ich merkte, dass es sie aus der Fassung brachte. Erst als Mrs. Burkett starb und Mama deren Ringe im Schrank fand, sprachen wir wieder richtig darüber.