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Manchmal kommt die Liebe als Spezialauftrag daher – ungeplant, ungefragt und mit der Wucht einer Naturgewalt. In der verträumten Stadt Fabelrode bricht der rebellische Musiker Zephyr mit seiner Gitarre und seinem verwegenen Lächeln in die wohlgeordnete Welt des schüchternen Buchhändlers Leander ein. Plötzlich scheint das Leben aufregender als jede Geschichte in seinen geliebten Büchern. Ex-Soldat Asher Floss erhält einen scheinbar simplen Auftrag: Er soll den Whistleblower Kian Aylwin beschützen. Doch was als reine Routinemission beginnt, wird zur größten Herausforderung seines Lebens. Denn während sie einer tödlichen Verschwörung auf der Spur sind, entwickelt er verbotene Gefühle für den Mann, den er eigentlich nur beschützen soll. Elite-Soldat Jay hat mit der Liebe abgeschlossen – bis er in einer Berliner Bar dem charismatischen Barbesitzer Zain zur Hilfe eilt. Was als spontane Rettungsaktion beginnt, wird zu einem gefährlichen Tanz zwischen zwei Männern aus völlig verschiedenen Welten. Während mysteriöse Anschläge Zains Traum vom eigenen Restaurant bedrohen, müssen sie sich entscheiden: Ist ihre Liebe das Risiko wert? Drei Männer auf gefährlicher Mission. Drei Herzen, die erobert werden wollen. Drei Geschichten über den Mut, sich dem eigenen Herzen zu stellen – auch wenn es den sichersten aller Pläne durchkreuzt.
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Seitenzahl: 213
Veröffentlichungsjahr: 2025
Spezialauftrag: Herzensbrecher
Gay Romance Sammelband
Alisa Kervano
© 2025
likeletters Verlag
Inh. Martina Meister
Legesweg 10
63762 Großostheim
www.likeletters.de
Alle Rechte vorbehalten.
Autorin: Alisa Kervano Bildquelle: Midjourney
ISBN: 9783689490225
Teilweise kam für dieses Buch künstliche Intelligenz zum Einsatz.
Dies sind frei erfundene Geschichten. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Leander und Zephyr Im Rhythmus deines Herzens
Der Duft von Geschichten
Alkoholfreie Cocktails
Klänge und Dissonanzen
Zweisamkeit
Schatten über Fabelrode
Vorbereitungen
Das Schulfest
Epilog
Asher und Kian Geheimmission Liebe
Prolog
Kapitel 1: Der Auftrag
Kapitel 2: Erste Begegnung
Kapitel 3: Das Versteck
Kapitel 4: Das Safehouse
Kapitel 5: Der Aurora Tower
Epilog: Sechs Monate später
Jay und Zain
Herz in der Schusslinie
Eine folgenreiche Nacht
Wiedersehen
Der erste Abend
Gefährliche Nähe
Unter Druck
Der Plan
Zwölf Stunden
Konfrontation
Aufräumarbeiten
Leopard & Wolf
Der Geruch von altem Leder und vergilbtem Papier war das Erste, was Leander jeden Morgen wahrnahm, wenn er die schwere Eichentür zu ‚Sonnes Bücherstube‘ aufschloss.
Es war ein Duft, der ihm seit seiner Kindheit vertraut war - so vertraut wie die abgenutzten Holzdielen, die unter seinen Schritten knarrten, oder das sanfte Klingeln der viktorianischen Türglocke, die sein Großvater vor fünfzig Jahren installiert hatte.
An diesem Frühlingsmorgen schien die aufgehende Sonne durch die hohen Schaufenster und malte goldene Muster auf den staubigen Holztresen. Leander atmete tief ein und ließ seinen Blick über die hohen Bücherregale schweifen, die sich wie geduldige Wächter an den Wänden entlang erstreckten.
Jedes Buch darin war eine Welt für sich, eine Geschichte, die darauf wartete, entdeckt zu werden.
«Guten Morgen, ihr Lieben», murmelte er den Büchern zu, wie er es jeden Tag tat. Seine Mutter hatte immer gesagt, Bücher seien wie alte Freunde - sie brauchten regelmäßige Zuwendung. Der Gedanke an sie ließ einen vertrauten Stich in seiner Brust aufkommen. Drei Jahre waren vergangen, seit sie den Laden an ihn übergeben hatte, kurz bevor…
Leander schüttelte den Kopf und zwang sich, den Gedanken beiseitezuschieben. Stattdessen konzentrierte er sich auf seine morgendliche Routine. Mit geübten Bewegungen schaltete er die antike Messinglampe auf dem Tresen ein, deren warmes Licht den Raum in bernsteinfarbene Gemütlichkeit tauchte.
Das schwere Verkaufsbuch - noch das Original seines Großvaters - lag aufgeschlagen vor ihm, die gestrige Seite gefüllt mit seiner ordentlichen Handschrift.
Während er die ersten Einträge des Tages vorbereitete, drifteten seine Gedanken zu dem Gespräch mit Emma vom Vorabend. Seine beste Freundin und Mitarbeiterin hatte wieder einmal versucht, ihn zu überreden, «mal unter Leute zu kommen», wie sie es nannte.
«Du kannst nicht dein ganzes Leben zwischen diesen Regalen verbringen, Lee», hatte sie gesagt, ihre Stimme voller gutmütiger Besorgnis. «Du bist siebenundzwanzig, nicht siebzig!»
Er wusste, dass sie es nur gut meinte. Aber wie sollte er ihr erklären, dass die Stille des Ladens, das Rascheln der Seiten, der endlose Strom von Geschichten ihm mehr Gesellschaft boten als jede lärmende Bar oder Party? Dass die Charaktere in seinen Büchern ihm vertrauter waren als die meisten Menschen?
Das Klingeln der Türglocke riss ihn aus seinen Gedanken. Emma trat ein, in der einen Hand ihren üblichen Kaffeebecher, in der anderen eine braune Papiertüte, aus der der verführerische Duft frischer Croissants strömte.
«Ich wette, du hast wieder nicht gefrühstückt», sagte sie zur Begrüßung und stellte die Tüte vor ihm ab. Ihre kurzen roten Haare leuchteten im Morgenlicht wie Kupfer.
«Guten Morgen, Emma», erwiderte Leander mit einem schiefen Lächeln. «Und danke. Du musst das wirklich nicht jeden Tag machen.»
«Doch, muss ich», konterte sie und lehnte sich an den Tresen. «Sonst verhungerst du noch zwischen deinen geliebten Büchern. Außerdem… » Sie zögerte kurz. «Ich wollte mich für gestern entschuldigen. Ich wollte dich nicht bedrängen.»
Leander schüttelte den Kopf.
«Schon gut. Ich weiß, dass du es nur gut meinst.»
«Es ist nur… » Emma seufzte. «Seit deine Mutter gestorben ist, ziehst du dich immer mehr zurück. Sie hätte nicht gewollt, dass du dich hier vergräbst.»
Die Worte trafen ihn härter, als er erwartet hatte. Natürlich hatte Emma Recht - seine Mutter war immer voller Leben gewesen, hatte den Laden mit ihrer Energie und ihrem Lachen gefüllt. Wie oft hatte sie gesagt: «Bücher sind wunderbar, mein Schatz, aber das echte Leben findet zwischen den Seiten statt.»
Bevor er antworten konnte, kündigte die Türglocke einen frühen Kunden an.
Leander drehte sich um und erstarrte.
Der junge Mann, der gerade eingetreten war, schien das Sonnenlicht mit sich zu bringen. Wilde dunkle Locken fielen ihm in die Stirn, seine gebräunte Haut sprach von Zeit im Freien, und sein strahlendes Lächeln ließ den Raum plötzlich heller erscheinen. Er trug ein schwarzes T-Shirt, das sich über breite Schultern spannte, abgenutzte Jeans und mehrere geflochtene Lederarmbänder. An seinem Handgelenk blitzte eine kleine Notenschlüssel-Tätowierung.
«Hi!», rief er mit einer Stimme, die so warm klang wie sein Lächeln aussah. «Ich suche ein Geschenk für meine Mutter. Etwas Besonderes.»
Leander brauchte einen Moment, um seine Stimme wiederzufinden. Er spürte Emmas amüsierten Blick in seinem Rücken. «W-willkommen in Sonnes Bücherstube», brachte er schließlich hervor. «Ich… ähm… hat Ihre Mutter bestimmte Interessen?»
Der Fremde kam näher, seine Bewegungen geschmeidig wie die eines Tänzers.
«Oh, sie liebt alles, was mit Gärten zu tun hat. Und bitte - nenn mich Zephyr. Das mit dem Sie macht mich nervös.»
«Zephyr», wiederholte Leander leise, der Name fühlte sich an wie Musik auf seiner Zunge. «Ich bin Leander. Der Laden gehört meiner Familie.»
«Ein Familienbetrieb?» Zephyrs Augen leuchteten interessiert. «Das ist selten geworden. Meine Mutter würde sagen, solche Läden haben Seele.»
Leander spürte, wie seine Wangen warm wurden und vermutlich leicht röteten.
«Drei Generationen», erklärte er, während er um den Tresen herum zur Abteilung für Gartenbücher ging.
Er war sich Zephyrs Präsenz hinter sich überdeutlich bewusst - ein leichter Duft nach Zitronen und etwas Holzigem, so anders als der gewohnte Geruch von altem Papier.
«Mein Großvater hat den Laden 1952 eröffnet», erzählte er weiter, froh darüber, sich auf vertrautes Terrain zu begeben. «Damals war Fabelrode noch eine verschlafene Kleinstadt. Er meinte immer, jede Stadt braucht einen Ort, wo Geschichten zu Hause sind.»
«Fabelrode», wiederholte Zephyr nachdenklich. «Je länger ich hier bin, umso mehr stelle ich fest, wie gut der Name passt. Die ganze Stadt wirkt wie aus einem Märchenbuch.»
«Du bist neu hier?» Leander griff nach einem großformatigen Band über historische Gartenkunst, nur um seine zitternden Hände zu beschäftigen.
«Seit ein paar Monaten», nickte Zephyr. «Ich brauchte einen Tapetenwechsel. Fabelrode schien der richtige Ort dafür - klein genug, um zur Ruhe zu kommen, groß genug für… » Er stockte kurz. «Für neue Möglichkeiten.»
Etwas in seiner Stimme ließ Leander aufhorchen. Da war eine Sehnsucht, die er selbst nur zu gut kannte. Er wagte einen Blick über seine Schulter und bereute es sofort - Zephyrs braune Augen trafen seine mit einer Intensität, die ihm den Atem raubte.
«Hier», sagte er hastig und reichte Zephyr ein wunderschön illustriertes Buch. «‘Wilde Gärten - Naturparadiese gestern und heute‘. Es ist neu erschienen und verbindet praktische Tipps mit kulturhistorischen Hintergründen. Die Autorin hat auch die Geschichten und Legenden verschiedener Gartenblumen gesammelt.»
Zephyr nahm das Buch entgegen, seine Finger streiften dabei kurz Leanders. Ein kleiner Stromschlag schien zwischen ihnen überzuspringen.
«Das klingt perfekt», sagte er begeistert und begann, durch die Seiten zu blättern. «Sieh dir diese Illustrationen an! Wie Gemälde… »
Seine offene Begeisterung war ansteckend. Leander ertappte sich dabei, wie er näher trat, um mit ihm die Bilder zu betrachten.
«Hier», zeigte er auf eine besonders schöne Darstellung, «das ist ein mittelalterlicher Klostergarten. Jede Pflanze hatte eine symbolische Bedeutung. Rosen standen für die Liebe, Veilchen für Bescheidenheit… »
«…und Lavendel für Hingabe», ergänzte Zephyr überraschend. Als Leander ihn erstaunt ansah, lachte er. «Hey, ich mag vielleicht nicht so aussehen, aber ich hatte eine sehr traditionsbewusste Großmutter. Sie konnte stundenlang über die Sprache der Blumen referieren.»
«Die Bedeutung der Dinge liegt nicht immer an der Oberfläche», murmelte Leander, mehr zu sich selbst.
«Nein», sagte Zephyr leise, «das tut sie nicht.»
Ihre Blicke trafen sich wieder, und diesmal konnte Leander nicht wegsehen. Es war, als ob die Zeit für einen Moment stillstand, eingefangen zwischen Buchseiten und unausgesprochenen Möglichkeiten.
Das schrille Klingeln eines Handys durchbrach den Moment.
Zephyr zuckte zusammen und fischte sein Telefon aus der Tasche.
«Tut mir leid, ich muss den annehmen», sagte er entschuldigend. «Das ist wegen der Arbeit.»
Leander nickte stumm und trat einen Schritt zurück, plötzlich unsicher, was gerade geschehen war. Er ging zum Tresen zurück, wo Emma so tat, als würde sie konzentriert Rechnungen sortieren.
«Hey», Zephyrs Stimme ließ ihn wieder aufsehen. Der junge Mann stand vor ihm, das Buch in den Händen. «Danke für deine Hilfe. Meine Mutter wird das lieben.» Er zögerte kurz. «Ich auch. Ich meine… ich freue mich darauf, mehr über Fabelrode zu lernen. Vielleicht… vielleicht kannst du mir ja mal mehr darüber erzählen?»
«Ich… » Leander spürte, wie sein Herz einen Sprung machte. «Ja, vielleicht.»
Ein strahlendes Lächeln breitete sich auf Zephyrs Gesicht aus.
«Großartig! Ich arbeite abends im ‚Mondschein‘, der Bar am Märchenplatz. Komm doch mal vorbei?»
Bevor Leander antworten konnte, war Zephyr schon zur Tür hinaus, das Klingeln der Glocke wie ein Echo seines Lachens.
«Oh. Mein. Gott.» Emma tauchte neben ihm auf. «Das war das Süßeste, was ich je gesehen habe. Und du gehst in diese Bar, Lee. Wenn nicht, werde ich dich eigenhändig hinschleifen.»
Leander starrte noch immer auf die Tür, durch die Zephyr verschwunden war. Der Duft von Zitronen und Holz hing noch in der Luft, vermischte sich mit dem vertrauten Geruch der Bücher.
Zum ersten Mal seit langem fühlte der Laden sich nicht nur wie ein Zufluchtsort an, sondern wie der Beginn von etwas Neuem.
«Vielleicht», sagte er leise, ein kleines Lächeln auf den Lippen. «Vielleicht gehe ich wirklich hin.»
Der restliche Tag zog sich wie Sirup.
Leander ertappte sich immer wieder dabei, wie seine Gedanken zu der Begegnung am Morgen abdrifteten. Während er Bücher einsortierte, meinte er noch immer Zephyrs Lachen zu hören; beim Abstauben der Regale spürte er phantomgleich die flüchtige Berührung ihrer Finger.
«Du hast gerade zum dritten Mal dasselbe Buch in die Hand genommen», bemerkte Emma amüsiert.
Sie lehnte am Regal und beobachtete ihn mit einem wissenden Lächeln.
Leander stellte das Buch hastig zurück, seine Ohren brannten.
«Ich war nur… in Gedanken.»
«Mhm. In Gedanken an einen gewissen dunkelhaarigen Schönling mit Notenschlüssel-Tattoo?»
«Emma!», zischte er und sah sich reflexartig um, als könnte jemand sie belauschen.
Der Laden war leer bis auf Mrs. Bergmann, die wie jeden Dienstag in der Krimiecke schmökerte.
Emma lachte.
«Oh Lee, du bist so durchschaubar. Weißt du was? Ich kenne den ‚Mondschein‘. Es ist nicht, was du wahrscheinlich befürchtest - keine laute Disco oder verschwitztes Partyvolk. Es ist eher eine Cocktailbar mit Live-Musik. Sehr stilvoll, sehr… literarisch sogar.»
Leander hob skeptisch eine Augenbraue.
«Literarisch?»
«Sie haben Leseecken mit Vintage-Sesseln, gedämpftes Licht, Jazz-Musik. Der Besitzer ist ein alter Hippie, der Gedichtbände zwischen den Spirituosen stehen hat.» Sie stupste ihn sanft an. «Komm schon, das klingt doch nach einem Ort, an dem du dich wohlfühlen könntest.»
Bevor Leander antworten konnte, kündigte die Türglocke einen neuen Kunden an. Ein älterer Herr im tadellosen grauen Anzug betrat den Laden, sein Gesicht wie aus Granit gemeißelt.
«Herr Bauer», grüßte Leander höflich, wenn auch ohne Wärme.
Der Vermieter des Gebäudes kam selten in den Laden, und wenn, dann brachte er meist schlechte Nachrichten.
«Herr Sonne.»
Bauers Stimme klang wie trockenes Laub. Seine wässrigen Augen musterten den Raum mit kaum verhohlener Missbilligung. «Ich sehe, Sie halten den Laden traditionell.»
Es war keine Frage, aber Leander antwortete trotzdem.
«Wir schätzen die Geschichte des Hauses, ja.»
«Gut, gut.»
Bauer trat näher an den Tresen, er roch nach Kölnisch Wasser und war umhüllt davon wie eine erstickende Wolke.
«Wissen Sie, die Zeiten ändern sich. Fabelrode verändert sich. Manche… » Er machte eine vage Handbewegung. «Manche Elemente passen nicht mehr in unsere Vision für die Stadt.»
Leander spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.
«Unsere Vision?», fragte er vorsichtig.
«Oh, Sie werden schon sehen.» Bauers Lächeln erreichte seine Augen nicht. «Übrigens - ich habe gehört, Sie hatten heute Morgen interessanten Besuch. Dieser junge Mann mit den wilden Haaren?» Er schnalzte missbilligend mit der Zunge. «Ich würde vorsichtig sein, mit wem Sie sich einlassen, Herr Sonne. Manche Verbindungen könnten geschäftsschädigend sein.»
Mit einem knappen Nicken wandte er sich ab und verließ den Laden. Die Türglocke klang diesmal wie eine Warnung.
Emma pfiff leise durch die Zähne.
«Was war das denn?»
Leander schüttelte den Kopf, seine Gedanken rasten.
«Ich weiß nicht. Aber es gefällt mir nicht.»
«Umso mehr Grund, heute Abend in den ‚Mondschein‘ zu gehen», sagte Emma entschieden. «Wenn Bauer etwas gegen Zephyr hat, ist das in meinen Augen die beste Empfehlung.»
Leander starrte noch immer auf die Tür.
Bauers Worte hatten etwas in ihm geweckt - einen Trotz, den er seit dem Tod seiner Mutter nicht mehr gespürt hatte. Er dachte an Zephyrs strahlendes Lächeln, an die Wärme in seinen Augen, an die Art, wie er über Blumen und ihre Bedeutungen gesprochen hatte.
«Weißt du was?», sagte er langsam. «Du hast Recht. Ich gehe hin.»
Emmas überraschter Gesichtsausdruck verwandelte sich in ein breites Grinsen.
«Wirklich? Oh Gott, was ziehst du an? Warte, ich habe da ein paar Ideen… »
Während Emma begeistert Outfit-Vorschläge machte, wanderte Leanders Blick zu dem Buch über Gartenkunst, das noch auf dem Tresen lag. Zephyr hatte es in seiner Eile vergessen.
Ein Lächeln schlich sich auf seine Lippen. Vielleicht war das Schicksal ja doch mehr als nur eine literarische Konvention.
Der «Mondschein» lag in einer der älteren Gassen Fabelrodes, wo das Kopfsteinpflaster noch original war und die Straßenlaternen wie aus einem Dickens-Roman wirkten. Leander stand vor der unscheinbaren Tür, über der ein dezentes Neonschild in warmem Blau schimmerte. Seine Finger spielten nervös mit dem eingepackten Gartenbuch.
Emma hatte ihn in sein bestes dunkelblaues Hemd gesteckt («Es betont deine Augen!») und seine widerspenstigen hellbraunen Haare in eine, wie sie es nannte, «künstlerisch zerzauste» Frisur gebracht. Er fühlte sich verkleidet, wie ein Charakter in einem Theaterstück.
Aus dem Inneren der Bar drang gedämpfte Musik - ein Jazzsong, den er vage als einen Klassiker von Miles Davis erkannte. Das beruhigte ihn ein wenig. Vielleicht hatte Emma Recht gehabt mit ihrer Einschätzung des Lokals.
Mit einem tiefen Atemzug drückte er die Tür auf.
Der erste Eindruck überraschte ihn angenehm. Statt einer typischen Bar erwartete ihn ein Raum, der wie eine Kreuzung aus viktorianischem Salon und modernem Café wirkte. Hohe Bücherregale säumten die Wände, dazwischen alte Konzertplakate und abstrakte Kunstwerke. Vintage-Sessel und kleine Tische bildeten gemütliche Sitzgruppen, während die geschwungene Bar selbst wie ein Kunstwerk aus dunklem Holz und schimmerndem Messing wirkte.
Und dort, hinter der Bar, stand Zephyr.
Er hatte das schwarze T-Shirt gegen ein dunkelrotes Hemd getauscht, die Ärmel hochgekrempelt, sodass seine Unterarme und das Notenschlüssel-Tattoo zu sehen waren. Mit fließenden Bewegungen mixte er einen Cocktail, sein Gesicht konzentriert, aber entspannt.
Als hätte er Leanders Blick gespürt, sah er auf. Seine Augen weiteten sich überrascht, dann breitete sich ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht aus. Er sagte etwas zu seinem Kollegen und kam um die Bar herum.
«Du bist gekommen!», rief er aus, seine Stimme eine Mischung aus Freude und Ungläubigkeit. «Ich hatte es gehofft, aber ich war nicht sicher.»
«Du hast dein Buch vergessen», sagte Leander und hielt das Paket hoch, sich sofort für diese prosaische Bemerkung verfluchend.
Aber Zephyr lachte nur.
«Ist das so? Wie unachtsam von mir.» Seine Augen funkelten verschmitzt. «Fast könnte man meinen, ich hätte einen Vorwand gesucht, dich wiederzusehen.»
Leander spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg.
«Das… das wäre ziemlich raffiniert von dir.»
«Nun, ich habe meine Momente.» Zephyr deutete auf einen freien Platz an der Bar. «Darf ich dir einen Drink mixen? Etwas Spezielles, nur für dich?»
Die Art, wie er das sagte, ließ Leanders Herz schneller schlagen.
«Ich… ich trinke normalerweise nicht viel Alkohol», gab er zu.
«Perfekt!» Zephyr klatschte begeistert in die Hände. «Dann kann ich dir meine alkoholfreien Kreationen zeigen. Die sind nämlich meine wahre Leidenschaft - jeder kann Wodka in Saft kippen, aber einen komplexen Drink ohne Alkohol zu kreieren, das ist Kunst!»
Er kehrte hinter die Bar zurück und begann, mit verschiedenen Flaschen und Gläsern zu hantieren. Seine Bewegungen erinnerten Leander an einen Tänzer oder vielleicht einen Dirigenten - jede Geste präzise und doch voller Anmut.
«Weißt du», sagte Zephyr, während er arbeitete, «als ich nach Fabelrode kam, dachte ich, ich würde hier nur zur Ruhe kommen. Mich neu sortieren.» Er goss eine blaue Flüssigkeit in einen Shaker. «Aber manchmal… manchmal findet man Dinge, nach denen man gar nicht gesucht hat.»
Er sah Leander direkt in die Augen, und in diesem Moment war die Bar um sie herum vergessen. Es waren nur noch sie beide, gefangen in einer Blase aus gedämpftem Licht und unausgesprochenen Möglichkeiten.
«Hier.» Zephyr stellte ein hohes Glas vor Leander. Der Drink schimmerte in verschiedenen Blautönen, gekrönt von einer kristallweißen Schaumkrone und einer einzelnen Blüte. «Ich nenne ihn ‚Mitternachtstraum‘ - inspiriert von den alten Geschichten über den Traumfänger-Turm.»
Leander sah überrascht auf.
«Du kennst die Geschichte?»
«Nur Bruchstücke. Etwas über einen magischen Turm, der die Träume der Stadt beschützt?» Zephyr lehnte sich vor, seine Augen neugierig. «Erzähl sie mir.»
Die Bitte war so aufrichtig, dass Leander nicht widerstehen konnte.
Während er einen vorsichtigen Schluck von dem Drink nahm - der überraschend komplex schmeckte, mit Noten von Blaubeere, Lavendel und etwas Würzigem - begann er zu erzählen. Von der jungen Weberin Elara, die den Turm erbauen ließ, von den Albträumen, die die Stadt plagten, und von dem gewaltigen Traumfänger, der noch heute über Fabelrode wachen soll.
Zephyr hörte gebannt zu, stellte kluge Fragen, lachte an den richtigen Stellen.
Zwischendurch bediente er andere Gäste, aber seine Aufmerksamkeit kehrte immer wieder zu Leander zurück, als wäre er ein Magnet.
«Du erzählst wunderbar», sagte er, als Leander geendet hatte. «Die Geschichte fühlte sich so lebendig an. Fast, als… » Er stockte, schien nach Worten zu suchen.
«Als ob sie wahr sein könnte?», schlug Leander vor.
«Ja, genau das.» Zephyr lächelte nachdenklich. «Weißt du, in meinen Songs versuche ich auch immer, Geschichten zu erzählen. Aber mit Worten tue ich mich manchmal schwer. Die Musik spricht ihre eigene Sprache.»
«Du schreibst Songs?»
«Versuche es zumindest.» Zephyr zuckte verlegen mit den Schultern. «Ich habe eine kleine Band. Wir proben in einem alten Lagerhaus am Stadtrand. Nichts Besonderes, aber… »
«Ich würde sie gerne mal hören», unterbrach Leander ihn, überrascht von seiner eigenen Kühnheit.
Zephyrs Gesicht hellte sich auf.
«Wirklich? Wir proben morgen Abend. Du könntest vorbeikommen, wenn du magst?»
Die Vorstellung, in einen Proberaum voller fremder Menschen zu gehen, ließ Leanders Angstschweiß ausbrechen. Aber Zephyr blickte ihn hoffnungsvoll an.
«Ich… ich weiß nicht, ob ich… »
«Hey.» Zephyr legte sanft seine Hand auf Leanders. «Kein Druck. Ich verstehe, wenn das nicht deine Welt ist. Aber manchmal… » Er lächelte warm. «Manchmal lohnt es sich, neue Welten zu erkunden. Das solltest gerade du als Bücherwurm doch wissen.»
Der Kontakt ihrer Hände sandte kleine Stromstöße durch Leanders Arm. Er wollte seine Hand wegziehen, wollte sich in seine sichere, wohlgeordnete Welt zurückziehen. Aber da war noch etwas anderes - ein Hunger nach mehr, nach Leben, nach…
«Okay», hörte er sich selbst sagen. «Ich komme.»
Die Freude in Zephyrs Augen war wie Sonnenlicht nach einem langen Winter. Er kritzelte die Adresse und seine Nummer auf einen Bierdeckel.
«Morgen, neunzehn Uhr? Ich hole dich am Laden ab.»
Als Leander später durch die nächtlichen Straßen nach Hause ging, fühlte er sich wie in einem Traum. Der Geschmack von Zephyrs Drink lag noch auf seiner Zunge, die Wärme seiner Hand noch auf seiner Haut.
Über ihm ragte der Traumfänger-Turm in den Nachthimmel, seine Spitze im Mondlicht glitzernd.
Vielleicht, dachte er, war es Zeit für eine neue Geschichte.
Seine eigene.
Die alte Standuhr im Buchladen schlug gerade sechs, als Leander zum zwanzigsten Mal sein Spiegelbild musterte.
Das dunkle Hemd saß gut - Emma hatte darauf bestanden, dass er es anlässt («Wenn es bei Zephyr funktioniert hat, funktioniert es wieder!») - aber seine Haare schienen heute besonders eigenwillig zu sein.
«Es sind nur Haare», murmelte er seinem Spiegelbild zu. «Und es ist nur eine Bandprobe.»
Sein Spiegelbild sah wenig überzeugt aus.
Das leise Ping seines Handys ließ ihn zusammenzucken.
Eine Nachricht von Zephyr:
«Bin in zehn Minuten da. Freue mich!»
Leander starrte auf das Musiknoten-Emoji, das Zephyr mitgesendet hatte, und spürte, wie sein Magen Saltos schlug.
Was hatte er sich nur dabei gedacht, zuzusagen? Er, der sich bei Familienfeiern schon unwohl fühlte, wollte in einen Proberaum voller Musiker gehen?
Das Klingeln der Ladenglocke riss ihn aus seinen Gedanken. Emma steckte den Kopf durch die Tür, ihre roten Haare heute mit glitzernden Clips geschmückt.
«Noch nicht in Panik verfallen?», fragte sie grinsend.
«Doch. Völlig.»
Leander sank in seinen Lieblingsstuhl, einen abgenutzten Ledersessel, der noch von seinem Großvater stammte.
«Emma, ich kann das nicht. Ich bin nicht der Typ für sowas.»
«Welcher Typ denn?» Emma setzte sich auf die Armlehne. «Der Typ, der neue Erfahrungen macht? Der Typ, der lebt statt nur zu lesen? Der Typ, der einem umwerfend gut aussehenden Musiker eine Chance gibt?»
«Der Typ, der sich zum Narren macht», murmelte Leander.
Emma seufzte und nahm seine Hand.
«Lee, hör mir mal zu. Ich kenne dich seit der Grundschule. Du bist klug, witzig und hast mehr Tiefgang als die meisten Menschen, die ich kenne. Aber du versteckst dich. Seit deine Mom… » Sie drückte seine Hand fester. «Sie hätte gewollt, dass du glücklich bist. Dass du lebst.»
«Ich weiß.» Leander schluckte schwer. «Es ist nur… mit Büchern ist es einfacher. Bücher enttäuschen einen nicht. Sie gehen nicht weg.»
«Menschen sind keine Bücher, das stimmt», sagte Emma sanft. «Sie sind komplizierter, unberechenbarer. Aber sie können auch wärmer sein. Lebendiger. Und dieser Zephyr… die Art, wie er dich ansieht.» Sie lächelte. «Das ist keine Geschichte, Lee. Das ist echt.»
Bevor Leander antworten konnte, kündigte die Türglocke einen neuen Besucher an. Zephyr stand im Eingang, das letzte Sonnenlicht des Tages wie ein Heiligenschein um seine dunklen Locken.
Er trug eine abgewetzte Lederjacke über einem grauen T-Shirt, und sein Lächeln war warm genug, um den kühlen Frühlingsabend zu erhellen.
«Hey», sagte er, und allein dieses eine Wort ließ Leanders Herz schneller schlagen.
«Hey», erwiderte er schwach.
Emma sprang auf, ein verschmitztes Grinsen im Gesicht.
«Und das ist mein Stichwort. Habt Spaß, ihr zwei!» Sie zwinkerte Leander zu und verschwand, die Türglocke ein fröhliches Finale ihres Abgangs.
«Deine Freundin ist recht energiegeladen», bemerkte Zephyr amüsiert.
«Sie ist ein Wirbelwind», nickte Leander. «Aber der beste Wirbelwind, den man sich wünschen kann.»
«Man merkt, dass sie sich um dich sorgt.» Zephyr trat näher, seine Augen warm. «Bereit für ein kleines Abenteuer?»
Der Proberaum befand sich in einem alten Industriegebäude am Stadtrand, wo Fabelrodes märchenhafte Fassade einer pragmatischeren Realität wich. Während sie die metallene Treppe hinaufstiegen, hallten ihre Schritte durch das Treppenhaus. Gedämpfte Musik drang von oben herab - ein basslastiger Rhythmus, der die Luft vibrieren ließ.
«Keine Sorge», sagte Zephyr, als er Leanders angespannten Gesichtsausdruck bemerkte. «Die anderen sind super. Ein bisschen chaotisch vielleicht, aber herzlich.»
Leander nickte stumm. Seine Handflächen waren schweißnass, und sein Herz hämmerte im Takt der Musik.
Als Zephyr die Tür öffnete, schlug ihnen eine Welle von Klang entgegen. Der Raum war größer als erwartet, die Wände mit Schaumstoffplatten gedämmt, hier und dort hingen alte Konzertposter und handgemalte Kunstwerke. In der Mitte des Raums spielten drei Personen, völlig in ihre Musik versunken.
Am Schlagzeug saß ein großer Kerl mit Rastazöpfen, seine Bewegungen erstaunlich sanft für die Wucht, die er erzeugte. Eine junge Frau mit pinkem Undercut handhabte den Bass, während am Keyboard ein schmaler Typ mit Hornbrille und Anime-T-Shirt saß.
«Hey, Leute!», rief Zephyr über die Musik hinweg. «Darf ich vorstellen? Das ist Leander!»
Die Musik verstummte. Drei Köpfe drehten sich zu ihnen um.
«Der Büchermann!», rief die Bassistin begeistert. «Endlich! Zeph hat die ganze Woche von nichts anderem geredet!»
«Mia!», zischte Zephyr, während Leander spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss.
«Was denn? Ist doch wahr!» Sie kam auf sie zu, der Bass wie eine exotische Waffe an ihrer Seite. «Hi, ich bin Mia. Der freundliche Riese am Schlagzeug ist Finn, und unser Keyboard-Nerd heißt Jonas.»
«Willkommen in der Höhle des Löwen», grinste Jonas. «Oder eher in der Höhle der lärmenden Katzen, wie Herr Bauer uns liebevoll nennt.»
Leander horchte auf.
«Herr Bauer? Mein Vermieter?»
«Auch unser Vermieter», nickte Finn. «Und nicht gerade ein Fan unserer musikalischen Ausrichtung.»
«Er würde uns am liebsten rauswerfen», fügte Mia hinzu. «Aber wir haben einen wasserdichten Mietvertrag. Noch.»
Etwas in ihrer Stimme ließ Leander aufhorchen. Er dachte an Bauers Worte im Laden, an seine kaum verhüllte Warnung.
War es Zufall, dass der Mann sowohl sein als auch Zephyrs Vermieter war?
«Hey.» Zephyrs Hand auf seiner Schulter riss ihn aus seinen Gedanken. «Keine schweren Themen heute, okay? Heute geht’s nur um Musik.» Er griff nach seiner Gitarre, die in einer Ecke auf einem Ständer ruhte. «Bereit für eine kleine Privatvorstellung?»
Die ersten Akkorde schwebten durch den Raum, sanft und fragil wie Morgentau. Dann setzte Mias Bass ein, ein warmer Herzschlag unter der Melodie. Finn und Jonas folgten, und plötzlich füllte sich der Raum mit einer Musik, die Leander den Atem raubte.
Es war nicht die lärmende Rockmusik, die er erwartet hatte. Der Song war eine Geschichte, erzählt in Tönen statt Worten - melancholisch und hoffnungsvoll zugleich, wie ein Sonnenaufgang nach einer langen Nacht.
Und dann begann Zephyr zu singen.
Seine Stimme war rau und warm wie alter Whiskey, voller Sehnsucht und verhaltener Kraft. Er sang von verlorenen Träumen und neuen Anfängen, von der Angst vor dem Unbekannten und dem Mut, es trotzdem zu wagen.
