Sprachwurzelgeschichten - Hemma Schliefnig - E-Book

Sprachwurzelgeschichten E-Book

Hemma Schliefnig

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Beschreibung

Während die Erzählerin eine Reise durch Kärnten begeht, erschließen sich dem lesenden Mitwandernden die vielschichtigen Biografien, deren Basis Interviews für die Radiosendung SPRACHWURZELGESCHICHTEN waren. Kurzweilig ermöglichen sie Außenstehenden Einblicke, inwiefern die Politik Kärntens Auswirkungen hatte. Die Kärntner Sprachgruppen, einst getrennt in eine deutsche Mehrheit und eine slowenische Minderheit, ergeben bei genauem Hinsehen trotzdem ein buntes Ganzes; um in Summe lesend wohl zu dem Schluss zu kommen: Die eine Wahrheit gibt es nicht.

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Seitenzahl: 102

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Hemma Schliefnig, geboren 1971

Landwirtin, Autorin, Vortragende,

Bildnerische Künstlerin, Biografieforscherin

Aufgewachsen zwischen den beiden Kärntner Landessprachen, ohne die slowenische ihr Eigen nennen zu können; ohne irgendeine Fantasie davon gehabt zu haben, dass „dieses Slowenische“ nicht nur das Slowenische der anderen, sondern auch das eigene ist.

Hemma Schliefnig war zwei Jahre lang freie Radiomacherin bei Agora 105,5 mHz. Im Zuge ihrer Sendereihe hörte sie Monat für Monat Personen zu, die darüber erzählten, mit welcher Sprache sie groß geworden sind.

Die Lavanttalerin wollte in dieser Sendereihe durch teilweise sehr intime Einblicke in den familiären sprachlichen Alltag von Kärntnern und Kärntnerinnen sensibilisieren, wollte Empathie für Menschen wecken, die sich in zwei Sprachen zuhause fühl(t)en – oder auch nicht.

Von Hemma Schliefnig ist außerdem erschienen

„Meine Mama hat außer Windisch nichts Deutsch können.“

(2018, Verlag Smoliner)

Schief gewachsen – wenn Wurzeln keinen Halt finden

(2013)

Flieg für mich!

(2016)

Verbotene Früchte im Paradies Kärntens jeweils Books on Demand, Norderstedt

(2018)

Inhalt – Sprachwurzelgeschichten

Dank

Lückenfüller (anstelle eines Vorworts)

Coverbild

Helene (geb. 1970) aus Eberndorf

Lückenfüller II

Anna (geb. 1969) aus St. Andrä im Lavanttal

Stefan (geb. 1972) aus St. Kanzian

Marjan (geb. 1963) aus Abtei

Nante (geb. 1923) aus Völkermarkt

Lückenfüller III

Marjan (geb. 1951) vom Magdalensberg bei Klagenfurt

Franc (geb. 1951) aus Aich/ Dob

Miha (geb. 1949) aus Ludmannsdorf/ Bilčovs

Milan (geb. 1968) aus Bleiburg

Mini (geb. 1934) aus Wolfsberg

Hermann (geb. 1950) aus Ruden

Quelle für die „Sprachwurzelgeschichten“ aus Kärnten waren Gespräche für die gleichnamige Radiosendung des Freien Radiosenders Agora 105,5 mHz.

Jede einzelne Geschichte ist eine Momentaufnahme aus dem Zeitraum 2015/2016.

Nun, als literarisches Protokoll auf Grundlage der Gespräche, vermischt Hemma Schliefnig Originalzitate aus den Sendungen, ihr Nachgefühltes und historische Hintergründe, sodass die Sprechenden als Sprachrohr für historische Entwicklungen der Geschichte Kärntens gesehen können.

Zum Nachhören:

https://cba.fro.at/series/sprachwurzelgeschichten

DANK

Ich bedanke mich bei jenen, die bereit waren Momentaufnahmen ihres Lebens für die Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, um damit stellvertretend Sprachrohr zu sein für die Geschichten anderer.

Lückenfüller (anstelle eines Vorworts)

„Ich möchte mich noch schützen“, hörte ich soeben am Telefon. Dieser Platz war für eine Sprachwurzelgeschichte reserviert. Doch nicht jedem der Befragten war es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Büchlein schon – oder noch immer – möglich, sich zu exponieren. Denn die eigene Geschichte der Öffentlichkeit preiszugeben, macht angreifbar, verletzbar.

Also hänge ich selbst meinem Denken nach, um diese Lücke zu füllen. Es ist einer der äußerst heißen Sommertage 2019. Um meine Arbeit dem Wetter anzupassen, mache ich mich auf in den Keller unseres alten Bauernhauses; gehe dorthin, wo es Sommer wie Winter die gleiche Temperatur hat. Ich steige Stufe für Stufe hinab, entfliehe der mir unerträglichen Hitze. Der Keller steht in einigen psychologischen Denkschulen für das Unbewusste, einen Teil unseres Selbst, zu dem der Zugriff erschwert ist. Möchten wir an unserer gezimmerten Identität festhalten, wollen wir uns nicht in den Keller begeben; Angst davor, die sicheren Mauern des Identitätskonstrukts aufzugeben. Festhalten an dem, was man denkt, was man ist. Doch gerade damit wird man angreifbar. Jedes Wort, mit dem uns jemand beurteilt, welches nach unserem Denken nicht dieser Identität entspricht, wird uns verletzen. Die Mauern noch höher gebaut, nach noch mehr Schutz Ausschau haltend. Die Person wollte sich schützen vor der Veröffentlichung. Zu viele könnten das bestehende „Ich“ verunsichern. Zu vielen könnte man sich ausgesetzt fühlen.

Manche persönlichen Prozesse gleichen einem Geburtsvorgang. „Können wir eine Geburt verhindern“, frage ich mich? „Können wir das Neue verhindern?“ Wenn wir ein „Nein, noch nicht!“ spüren, dürfte der Austragungsprozess des Neuen noch nicht abgeschlossen sein. Wir sträuben uns. Und doch gibt es nur die eine Richtung – die nach vorne. Die letzte Schleuse auf dem Weg ins Neue gleicht einem Tunnel. Die Natur hat es so eingerichtet. Eng, anstrengend in der Überwindung, manchmal ein Kraftakt. Auf diesem Weg durch die Enge in die Weite; sehnen wir uns danach aufgefangen zu werden. Doch die Öffentlichkeit ist kein ersehnter mütterlicher Schoß. Die Reaktionen sind unberechenbar. Mitunter kann man auf Aussagen treffen und Begegnungen erleben, die verletzend wirken.

Mir sind in all den Jahren meines Wirkens sehr wenige Verletzungen zugefügt worden. Und wenn, dann haben sie mich weitergebracht. Weil es für mich nur diese eine Richtung gab. Weg vom Einengenden, dorthin, wo die Fahnen der Freiheit verlockend wehen. Viel zu neugierig, nach neuen Erkenntnissen lechzend, wirkte Unbekanntes auf mich anziehend. Und nun fühlt sich für mich auch die Begegnung mit der Öffentlichkeit wie das Aufgefangenwerden in einem mütterlichen Schoß an, denn letztlich begegne ich jedes Mal aufs Neue mir selbst. Friedlich fühlt es sich hier an. Frieden ist entstanden durch die Auseinandersetzung, ist entstanden indem ich mich stellte.

Und doch darf dieses Sich-Stellen zu jenem Moment und jenem Zeitpunkt geschehen, wo sich die Person bereit dazu fühlt.

Auch ich stehe nach wie vor überrascht vor einer neuen Tür und darf mich dem noch Unbekannten stellen. Zwischendurch sitzt die Angst vor der Idee davon, was hinter dieser Tür wartet, tief. Manches vermeintliche Wissen, überliefert aus dem Reich unserer Ahnen, macht uns schreckhaft; starr in unserer Wahrnehmung. Unsere Antennen sind ausgefahren, übersensibilisiert. Zu oft verhindern sie, was noch eindringen will, jenseits des Befürchteten. Denn eindringen möchte Eigentliches, Wahrhaftes, es kommt von dort, wo es mich einst hinzog.

Wenn ich weiß, auf meinem Weg wird es Erschreckende geben, die Erschreckenden aber als Teil des natürlichen Prozesses verstehe, werde ich auch den Dienst erkennen, den sie mir erweisen.

Ich war bereit, mein Eingemauertsein zu überwinden und es nahm seinen Lauf; jenseits meines erdachten Plans.

Natürlich begann auch ich diesen besonderen Weg mit Ängsten, im Rucksack ein Ungetüm, basierend auf Erspürtem und Erinnertem. Fast keines der vermuteten Szenarien traf ein. Es war gut weiterzugehen, denn so kam ich viel weiter, als dort zu verbleiben, wo ich mich geschützt fühlte. Der große Gewinn ist heute die Erfahrung: Meine Ängste waren nicht berechtigt.

Wie also uns selbst befreien? Schau es dir an, rücke näher, steige hinab, Stufe für Stufe in deinem Tempo, in den Keller des Unbewussten, um staunend festzustellen, das Beleuchtete wird sich auflösen und dir Freiheit schenken.

COVERBILD

Dieses Bild wurde von Manuela Mang, einer Künstlerin aus Knittelfeld, gestaltet. Die Thematik der Kärntner Slowenen war ihr gänzlich unbekannt. Zunächst nur die Geschichte von Helene lesend, fühlte sich Manuela ein und ließ mich im Anschluss Folgendes über den Prozess wissen:

„Ich spürte, wie die Frau genährt und gestärkt wird vom Vergangenen. Die Arme waren zuerst nach oben geöffnet, wollten dann aber im Schoß zusammenkommen, um etwas zu sammeln. Der Blick der Frau erinnernd, andächtig, wissend. Der Blick und die Hände fangen etwas auf und bewahren es. Sie ist eingebunden und verwurzelt in die Geschichte. Mit all den Gefühlen und Erlebnissen, als es noch nicht sein durfte und schwer war. Das Erbe hält sie in Ehren.

An den Wurzeln habe ich sehr lange gearbeitet. Das Erdige und das Rot waren sehr wichtig. Ein guter Boden, nährend und kraftvoll. Mit diesem Boden kann sich die Frau sehr stark und kraftvoll verwurzeln.

Der Rock der Frau steht für mich für die Gefühle. Dieses Kleid ist wie eine Tracht in kraftvollen Farben. Während des Malprozesses tropfte auf den Rock ein Wassertropfen, den ich nicht bemerkte. Erst als ich das Bild das nächste Mal nahm, sah ich das Verlaufene; wie eine Träne, wie die Gefühle, die fließen möchten und in diesem Tropfen dann die Andeutung der Spirale. Die Spiralen im Bild stehen für das Leben, den Lauf des Lebens, die Bewegung, das Unaufhaltsame – ob damals oder heute.

Der Baum hatte zuerst keine Blätter. Und auf einmal begann es zu keimen. Auch das hat etwas gedauert. Die Blätter wachsen noch, bewegen sich. Im Kopfbereich sieht man Wurzeln, die mit dem Baum nach oben verbunden sind.

Die Sonne steht für die Zukunft, den Ort, wo die Altvorderen hineingehen. Die Vergangenheit wurzelt durch die Ahnen in diese Zukunft. Sie reichen sich die Hände, vereinen sich, haben alle eine schwere, aber ähnliche Vergangenheit. Eine tiefsitzende Trauer über das Trennende, das sich in die Einheit gestellt hat, war da. Und jetzt dürfen sie eins sein; in den Gedanken der Menschen, die ihre Geschichten erzählen.

Die Linie am Horizont, die Grenze zwischen den Menschen. Die Linie wurde grün, weil zwischen den Ahnen Heilung geschieht und Hoffnung besteht, indem sie sich die Hände reichen – eine sich auflösende Grenze.

Und die Frau darf nun dazu stehen: JA, ich bin eine Kärntner Slowenin! JA.

Die Verletzungen der Menschen mit ihren Geschichten sind spürbar gewesen.

Dieses Buch spüre ich als sehr heilsam. Es hat etwas in den Menschen befreit. Eiternde Stellen wurden geöffnet, damit sie sich reinigen und heilen können.“

Helene (geb. 1970) aus Eberndorf

Helene kreuzt meinen Weg am Hemmaberg. Umgeben von Gezwitscher, spüre ich den Drang, Vergängliches gesagt zu bekommen, denn Sprache ist vergänglich. An jede Sprache sind Erinnerungen geheftet: die des Sprechenden und desjenigen, der zuhört.

Helenes Vater starb mit 53 Jahren, erzählt sie mir; völlig überraschend platzte ihm ein Gefäß im Kopf. So viel blieb ungesagt. Bis dahin fehlte ihrem Vater aber auch zu oft der Mut, sein Wort zu erheben – oder ahnte er, es hätte keinen Sinn gehabt? Zu dominant die Seite, die den Ton angab.

Orte gehören geschaffen, die Sprache ermöglichen. Bei Helene und ihrem Vater war es eine Jause in aller Ruhe im Auto, nach dem Einkauf. Auch sie, die Mutter, war unter ständiger Aufsicht. Sie litt unter Verfolgungsängsten. Schizophren-paranoid lautete die Diagnose. Ansatzweise wurden auch Geschwister der Mutter davon vereinnahmt: Zwei Brüder beendeten ihr Leben selbstbestimmt. Die Mutter dieser Kinder – Helenes Großmutter – hatte als Kärntner Slowenin, die in Loibach wohnte, im Konzentrationslager um ihr Leben bangen müssen; vielleicht hatte sie sich aber auch manchmal eine Beendigung desselben gewünscht.

Der Vergänglichkeit der Sprache entgegenzuwirken, braucht Anlässe, auf die man sich immer wieder neu freuen kann; Besuche bei der Großmutter. Helene hatte als Kind Angst vor dieser Großmutter und vor dem Onkel, der Helene am liebsten ins Haus eingesperrt hätte, damit er sie und das, was sie sagen könnte, unter Kontrolle hatte. Dennoch war Helene gerne am Geburtsort ihrer Mutter, nahe dem Grenzübergang nach Slowenien.

Helene wuchs mit dem Klang des Slowenischen auf, für sie war der Gebrauch der slowenischen Sprache ganz natürlich. Ihre Eltern redeten slowenisch mit ihr, sie antwortete auf Deutsch. In der Volksschule saß Helene, weil zum Slowenischunterricht angemeldet, in einer eigenen Reihe – wie alle Angemeldeten. Für ihren Lehrer war Helene „der Zwergpintscher“; und sie fühlte sich noch lange so, längst den Kinderschuhen entwachsen.

Wiederholte Male schlug Helenes Körper die Richtung ein, die mit dem Tod endet. Auch unter sehr behindernden Bedingungen hatte Leben heranwachsen können. Ihre Tochter ist für Helene ein Geschenk Gottes. Mit ihrer Geburt – Sara ist heute 15 – öffnete sich eine neue Tür zu einem alten Thema.

Helene geht von klein auf den von Gott geführten Weg, den spirituellen Weg; den, der nicht (mehr) vorwirft und verurteilt, sondern versteht.

Helene lebt das Slowenische noch immer besonnen weiter – wissend, manchmal braucht es den rechten Moment, um an das Eigentliche zu erinnern.

Ihr natürlicher Umgang mit der slowenischen Sprache ließ keinen Raum für das Spüren von Angst und jener Eingeschränktheit, die andere Familienmitglieder die Wahl der jeweiligen Sprache steuern ließ. Für bestimmte Momente aber gab es auch für Helene keine Wahl: Als sie für den verstorbenen Onkel im Namen ihrer Mutter, Helenes Bruder und sich einen Kranz für dessen Grab bestellte, kam ihr nicht eine Sekunde lang in den Sinn, diesen in deutscher Sprache zu bestellen. Ihr Onkel stammte aus einem slowenischen Haus, die letzten Grüße bestellte Helene auf Slowenisch. In der Leichenhalle in Globasnitz waren es die einzigen Grüße in dieser Sprache, alle anderen waren auf Deutsch. Helene hatte sich nicht an den geheimen Kodex gehalten, in welchen Situationen man sich zu seiner Muttersprache offensichtlich bekannte, in welchen nicht. Vom eigenen Bruder erntete Helene aufgrund dieses Umstandes wüste Beschimpfungen. Als bräuchte es auch für jedes Familienmitglied eine Wahlmöglichkeit, sich je nach Umstand bekennen zu können – oder nicht.

Wir alle sehnen uns danach, in Ewigkeit eins zu sein, doch Familie ist an und für sich kein Garant dafür, ein und dieselbe Sprache zu sprechen. Im