Stalin, der Weizen und ich - Catherine Koleda - E-Book

Stalin, der Weizen und ich E-Book

Catherine Koleda

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Beschreibung

Anfang der 1930er Jahre trat unter dem Diktator Stalin in der Sowjetunion eine neue Landwirtschaftspolitik in Kraft - wer sich der Zwangskollektivierung widersetzte, wurde gewaltsam gefügig gemacht, eingesperrt oder getötet. Gezielte Zwangsrequirierungen bei den sogenannten Kulaken (mehr oder weniger wohlhabenden Bauern) lösten in der Ukraine eine schwere Hungersnot aus. Der Bevölkerung war es verboten, das Land zu verlassen, wer es dennoch tat, wurde zurückgeschickt oder wanderte direkt in den Gulag - der Holodomor, Tod durch Hunger, hatte Methode und wurde unter Stalins Regime gezielt als Waffe eingesetzt. All das hat der gebürtige Ukrainer Nikolai Koliada, Jahrgang 1926, als Kind und Jugendlicher am eigenen Leib erfahren. Gemeinsam mit Eltern und Geschwistern, die als Kulaken galten, musste er aus der Ukraine fliehen. Nach einer jahrelangen Odyssee durch die Sowjetunion, teils unter deutscher Besatzung, und einem Umweg über Deutschland, wo die Familie sehr herzlich aufgenommen wurde und das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte, landete sie 1945 schließlich in Frankreich und fand dort eine neue Heimat. Catherine Koleda hat ihren Vater vor seinem Tod interviewt und die unglaublichen, oft erschütternden und dann wieder fast märchenhaft anmutenden Abenteuer der langen Flucht zu Papier gebracht. Dieses sehr persönliche Buch, das auch ein Zeugnis von Nikolai Koliadas Optimismus und Überlebenswillen ist, erschien 2015 in Frankreich bei Éditions Jourdan. 2022 ist die Ukraine aus traurigem Anlass ins Interesse der Weltöffentlichkeit gerückt; die Geschichte scheint sich zu wiederholen. So erschien eine französische Neuauflage bei Éditions Rue de Seine und nun liegt auch erstmals eine deutsche Übersetzung vor. Ein Teil der Einnahmen wird an die Deutsch-Ukrainische Gesellschaft Rhein-Neckar e.V./DUG gespendet.

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Seitenzahl: 495

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Für Papa

Für Mama

Für Stéphane

Für meine Familie

Inhalt

Vorwort

Hinweis

Schon sehr lange

Erinnerung

Fischfang

Unverhoffte Begegnung

Dankbarkeit

Danke, Papa.

Deine Welt, meine Welt

Dein Stück Ukraine

Vertrauen und Verantwortung

Familienfotos

Erste große Liebe

Bereit

Der Deutsche

Freiheit

Epilog

Danksagung

Vorwort

Erzählen gegen das Vergessen. Die Verbrechen des stalinistischen Regimes anprangern, damit allen, die es noch nicht wussten, klar wird, dass Stalin nicht besser war als Hitler, dass auch er für den Tod von Millionen von Menschen verantwortlich ist. Genau das war das ständige Anliegen meines Vaters, ein ukrainischer Flüchtling, seitdem er 1945 in Frankreich angekommen war. Er erzählte Freunden und Familie von seiner Heimat. Damit seine Erinnerungen nicht in Vergessenheit geraten, wollte ich sie zu Papier bringen.

Die Zwangskollektivierung von Land, die Entkulakisierung1, der Holodomor2, der Große Terror3, der Krieg und die deutsche Besatzung der Sowjetunion, eine Katastrophe nach der anderen brach über die Ukraine herein.

Kaum hatten die ukrainischen Überlebenden den Holodomor hinter sich, mussten sie Stalins Terror ertragen, um dann im Zweiten Weltkrieg mit unzureichender Ausrüstung, ohne Waffen oder geeignete Kleidung, an die Front geschickt zu werden. Und diejenigen, die aus naheliegenden Gründen dem Einberufungsbefehl nicht nachkamen, mussten die deutsche Besatzung aushalten.

Die Geschichte meines Vaters spiegelt das Schicksal zahlreicher Ukrainer wider; derer, die Opfer der Zwangskollektivierung wurden, unter Hunger litten und ihre Verwandten an die Hungersnot verloren; derer, die anschließend zu unrecht der Kollaboration mit den Deutschen bezichtigt wurden, obwohl sie einfach nur Stalins barbarischem Regime entkommen wollten, das ihnen alles genommen hatte.

Dass Stalin ein Diktator war, ist heutzutage kein Geheimnis mehr. Der Holodomor dagegen ist in manchen Teilen der Welt nach wie vor eine verkannte Problematik, und obwohl sich die meisten Historiker einig sind, dass es sich um gesicherte Tatsachen handelt und aussagekräftige Zeitzeugenberichte existieren, gibt es immer noch Menschen, die nie von diesem Verbrechen gehört haben. Die Frage, ob der Holodomor als Völkermord eingestuft werden sollte, wurde lange diskutiert. 2008 erklärte das Europäische Parlament den Holodomor zu einer „wissentlich herbeigeführten Hungersnot“ und einem „schrecklichen Verbrechen am ukrainischen Volk und gegen die Menschlichkeit“, ordnete ihn also klar ein.

Im Jahr 2022 kam das Thema erneut zur Sprache. Der Ukraine-Krieg ist wie ein trauriges Echo dieses düsteren Kapitels. Zum Jahresende hat das EU-Parlament dann die Entschließung vom 15. Dezember 2022 zu dem Thema „90 Jahre nach dem Holodomor: Anerkennung der Massentötung durch Hunger als Völkermord“ (2022/3001(RSP))4 verabschiedet. Darin heißt es:

„In der Erwägung, dass die Schönfärberei und Verherrlichung der totalitären Sowjetherrschaft und die Wiederbelebung des Stalin-Kults in Russland darin gipfeln, dass das heutige Russland zu einem Staat geworden ist, der dem Terrorismus Vorschub leistet und terroristische Mittel einsetzt, und dass sich die entsetzlichen Verbrechen gegen das ukrainische Volk nun wiederholen, etwa der gerade jetzt von Russland betriebene „Cholodomor“, bei dem es sich um den Versuch handelt, das ukrainische Volk erfrieren zu lassen, indem Russland die zivile Energieinfrastruktur der Ukraine während des Winters vorsätzlich zerstört.“5

Bis zum heutigen Tag weigern sich zahlreiche Länder, darunter Russland, den genozidalen Aspekt der ukrainischen Hungersnot anzuerkennen.

Stalin, der Weizen und ich. Eine ukrainische Kindheit ist die Geschichte meines Vaters – ein Mann mit ebenso großem Freiheitsdrang wie die Ukrainer*Innen heute.

1 Enteignung der Kulaken (wohlhabende Bauern mit eigenem Land). Man musste nur ein paar Tiere und ein Stück Land besitzen, um als Kulake zu gelten. Oft wurden auch diejenigen, die sich der Zwangskollektivierung widersetzten, als Kulaken bezeichnet. Anmerkung der Autorin.

2 Ukrainisch, wörtlich: Tötung durch Hunger. Von Stalin herbeigeführte Hungersnot, Millionen Menschen fielen ihr von 1932–1933 zum Opfer, vor allem in der Ukraine. A. d. A.

3 Eine Phase massiver politischer Unterdrückung in der Sowjetunion Mitte der 1930er Jahre. A. d. A.

4https://www.europarl.europa.eu/doceo/document/TA-9-2022-0449_DE.pdf

5 Ebd.

Hinweis

Dieser Erinnerungsbericht beruht auf Schilderungen Mitte der 1990er Jahre meines damals fast siebzigjährigen Vaters, auf zusätzlichen Informationen, die er mir später bei unseren Treffen und bei vielen Telefongesprächen lieferte, sowie auf Anekdoten, an die meine Mutter, mein Bruder und ich uns erinnern konnten.

Zum Schutz der Privatsphäre habe ich einige Namen geändert.

Die Geschehnisse wurden mit der größtmöglichen Sorgfalt und unter Berücksichtigung der Erzählungen meines Vaters niedergeschrieben. Erinnerungen können jedoch mit der Zeit verschwimmen, umso mehr, wenn es sich um Kindheitserinnerungen handelt, die mehrere Jahrzehnte zurückliegen. Dann werden sie anfällig für Ungenauigkeiten.

Dieser Text entstand nach dem Tod meines Vaters, ich konnte daher manche Eindrücke nicht mehr mit ihm besprechen. Dennoch hoffe ich, dass ich mit diesem Buch der Denkweise, den Ansichten und Gedanken meines Vaters gerecht geworden bin.

Ich möchte die Botschaft meines Vaters weitergeben, der mit seiner Geschichte ein Verbrechen anprangern und vom Leid eines ganzen Volkes berichten wollte.

»Stalin ließ die Ukrainer verhungern, um jede Rebellion im Keim zu ersticken.«Iwan, mein Großvater

Das Diktiergerät hat dich nicht aus dem Konzept gebracht. Du schienst es vergessen zu haben, dabei warst du am Anfang dagegen gewesen. Mit einem Mal hast du dir eine Welt zurückerobert, die in der Zeit verschüttet gewesen war. Was für eine Veränderung! Mein ukrainischer Papa kam zum Vorschein! Du hast aus dem Herzen gesprochen, und ich habe gebannt zugehört. Du hast mir die Hand gereicht, und ich fand mich wie durch Zauberei in deiner Welt wieder, ließ mich führen. Deine Erzählungen wurden täglich präziser, detailreicher und spannender. Namen, an die du dich zuerst nicht erinnern konntest, fielen dir nach und nach wieder ein.

Diese zwei gemeinsamen Wochen waren fabelhaft, voll starker Gefühle, Lachen und Weinen. Deine Schilderungen hatten etwas Hypnotisches. Es gelang dir, deine Geschichte zu rekonstruieren. Du hast das Puzzle deines Lebens zusammengesetzt, mit all den Teilen, die in deinem Gedächtnis verstreut lagen, ein Gedächtnis, das mich damals faszinierte, und auch jetzt noch, wo ich deiner Stimme lausche, um dieses Buch zu schreiben. Deine Erinnerungen reichten bis 1929 zurück, da warst du erst drei. Fünfundsechzig Jahre später konntest du dich in allen Einzelheiten an Szenen, Menschen, Dialoge, Orte, Gerüche und Farben erinnern.

Beim Zuhören merkte ich, dass du Schwierigkeiten hattest, die Gefühle zu beschreiben, die dich in deinem Leben begleitet haben. Ich bat dich, mir genauer zu erklären, wie du dich in diesem oder jenem Moment gefühlt hast. Und du hast gesagt: „Ich weiß nicht … ich war eben traurig.“ Aber ich musste dich nur anschauen und verstand. Du sahst mich starr an und in deinem Blick lag die Trauer, die dich ergriffen hatte. Es lief mir kalt über den Rücken, weitere Erklärungen brauchte es nicht. Dann mussten wir unterbrechen. Es wurde still. Wir sahen einander eine Weile an, und nach und nach kehrten wir in die Gegenwart zurück, besprachen ein paar praktische Dinge, tranken einen Kaffee und redeten über Belanglosigkeiten, ehe wir uns wieder gemeinsam in deine Welt aufmachten. Was für eine Reise! Was für ein Abenteuer! Und was für ein Privileg für mich, dass ich Anfang des 21. Jahrhunderts in eine so ferne, fremde Welt eintauchen durfte, eine Welt, die so unbegreiflich schien.

Am Anfang, als ich dich bat, aus deinem Leben zu berichten, hattest du Vorbehalte. Dabei hast du mir, als ich klein war, ständig Geschichten erzählt: Geschichten, die du selbst erlebt hattest, traurige und lustige, unglaubliche Geschichten. Später wollte ich dann noch mehr hören. Ich wollte deine Lebensgeschichte mit unserer Familie und unseren Freunden teilen; zeigen, wie unberechenbar das Leben manchmal sein kann, wie das Schicksal unerwartet Entscheidungen fällt, diese oder jene Abzweigung nimmt, wie sich manchmal die Ereignisse überschlagen und nicht mehr rückgängig zu machen sind. Ich denke an all die Völker, die aus ihrer Heimat gerissen wurden. Ich denke an all jene, die ihre Wurzeln weit hinter sich zurücklassen mussten, ohne jemals zurückzukönnen, weil das lebensgefährlich war. Ich denke daran, wie es wohl sein mag, wenn man sein Leben damit zubringt, zu überlegen, was gewesen wäre wenn …

Ich kam an einem Samstag an. Schon am Telefon hatte ich dir gesagt, dass ich zwei Wochen mit dir verbringen würde, damit du mir alles erzählst. Du meintest: „Ja, ja, mal sehn.“

Obwohl ich immer noch nicht wusste, ob du das wirklich alles teilen wolltest, bin ich gekommen.

Am Sonntag sprachen wir über dies und das, und ich deutete an, dass wir am Montagmorgen nach dem Frühstück mit der Arbeit beginnen würden. Du wirktest immer noch unschlüssig und schienst das Vorhaben nicht besonders ernst zu nehmen. Dir war bewusst, dass deine Geschichte interessant ist und du hattest von jeher die Gabe, sie spannend zu erzählen, aber dabei aufgenommen zu werden, das war dir nicht ganz geheuer.

Montagmorgen frühstückten wir zusammen. Ich spürte, dass du nicht bereit warst. Ich war gekommen, um dir zuzuhören und wusste nicht, ob du überhaupt reden würdest. Ich hatte Angst, dass du deine Lebensgeschichte unter „offizielleren“ Bedingungen vielleicht nicht erzählen willst, Angst, dich nicht überzeugen zu können, dich darauf einzulassen, dich auf die verschlungenen Pfade deines Lebens zu begeben, Angst, dass deine Geschichte eines Tages mit dir verschwindet.

An dem Vormittag gingst du wie immer deinen Beschäftigungen nach, als wäre ich gar nicht da. Ich scharrte mit den Hufen, ich musste es unbedingt schaffen, dich zum Reden zu bringen.

Mittags saßen wir wieder beisammen. Maman hatte steranka gekocht, diese köstliche ukrainische Suppe mit hausgemachten Nudeln. Danach gab es pot-au-feu6. Wir aßen. Wir redeten. Und lachten. Maman, du, mein Bruder Stéphane und ich. Die Stimmung war gelöst, aber ich musste die ganze Zeit an deine Geschichte denken, überlegte, wie ich dich zum Erzählen bewegen könnte.

Zum Nachtisch aßen wir Obst. Du hast einen Apfel gegessen, wie immer, und wie immer hast du angefangen, ihn mit der dir eigenen Langsamkeit zu schälen. Ich hatte dir stets gern dabei zugesehen, aber diesmal konnte ich es kaum aushalten, wie du bedächtig ohne abzusetzen einmal rundherum schältest, die Schale wollte kein Ende nehmen.

Lange lag mein Blick auf dir, ich lauerte auf eine Reaktion, ein beschwichtigendes Zeichen, das du mir vielleicht hättest geben können, aber vergeblich … deine ganze Aufmerksamkeit galt dem Apfel.

Ich sah dich durchdringend an, dann stellte ich dir eine einzige Frage: „Papa, was heißt riabtschik?“

Wir kamen nicht mal zum Tischabräumen. Ich gab Stéphane ein Zeichen, damit er mir das Diktiergerät holt.

Wir reisten ins Jahr 1929, in die Ukraine, unsere erste Etappe.

• • •

„Stepan! Hau nicht deinen Bruder! Er ist noch klein!“, rief meine Mutter, die nicht wusste, dass ich Stepan riabtschik genannt und damit den Streit vom Zaun gebrochen hatte. Ich hatte es auf meine Weise ausgesprochen, wie ein Dreijähriger eben spricht.

Riabtschik nannte man jemanden, der viele Sommersprossen hatte. Stepans Gesicht war damit übersät.

Stepan war zwei Jahre älter als ich. Trotz Sommersprossen war er ein hübscher Junge – und unglaublich arrogant. Er war der Faule in der Familie und fand immer eine Ausrede, um sich vor der Arbeit zu drücken.

Als Kinder waren er und ich wie Hund und Katz. Wir zankten den lieben langen Tag, aber sobald andere Kinder mich ärgerten, war Stepan der Erste, der eingriff. Vielleicht hatte es weniger mit dem Wunsch zu tun, mich zu verteidigen, er wollte vermutlich eher beweisen, dass er der Stärkste war; ich weiß es nicht. Jedenfalls schaffte er es immer, meine Peiniger in die Flucht zu schlagen, und darauf kam es an.

Ich, Nikolai, auch Kolka genannt, war das Nesthäkchen. Ich wurde 1926 geboren. Manchmal sagten die anderen noch saitschik oder drofa zu mir. Saitschik war Mamas und Papas Kosename für mich. Das bedeutet „Häschen“. Meine Brüder dagegen nannten mich lieber drofa, Wildgans. Ich habe nie herausgefunden, warum sie mich drofa nannten, aber eins ist sicher, ich war lieber ein Häschen als eine Gans!

Iwan, unser großer Bruder, war vier Jahre älter als Stepan. Ihn nannte man sikun, Pinkler. Der Arme machte ins Bett bis er vierzehn war! Natürlich konnte er diesen beleidigenden Spitznamen überhaupt nicht leiden. Mit seinem Mondgesicht und den Pausbacken war Iwan der Inbegriff des blühenden Lebens. Unser großer Bruder konnte keiner Fliege etwas zuleide tun, war großzügig und im Gegensatz zu Stepan half er gern. Er lebte jeden Tag, als wäre es der letzte, und genoss das Leben in vollen Zügen.

Meine Schwester Anna war die Älteste. Sie hatte 1918 das Licht der Welt erblickt, gleich nach dem Ersten Weltkrieg. Damals konnten wir nicht ahnen, dass eines Tages ein neuer Krieg ausbrechen würde. Niemand hatte vorausgesehen, dass unser so vielversprechendes Land zwischen den Kriegen zu einem Gefängnis werden sollte. Niemand hätte sich vorstellen können, dass der verheerende Zweite Weltkrieg Millionen von Menschen in den Tod reißen würde. Und niemand hatte vorhergesehen, dass eben jener Krieg manchen, die enormes Glück hatten, die Flucht vor Massakern und Leid ermöglichen würde. So entkamen viele einem Regime, unter dem das Leben unmöglich geworden war und fanden Zuflucht in Westeuropa.

Ein Teil unserer Familie hatte dieses Glück. Ich kann mir heute nur schwer vorstellen, wie unser Leben ausgesehen hätte, wenn wir dort geblieben wären, in unserem Heimatland, unter einem barbarischen Regime, das die Freiheit unterdrückte und den Menschen nicht mehr als Menschen betrachtete.

Aber zurück zu Anna. Anna wurde von all ihren Brüdern geschätzt. Wir hatten großen Respekt vor unserer Schwester, die uns so manches Mal unsere Eltern ersetzte. Wir riefen sie liebevoll bsenka, das bedeutet „verwöhnter Liebling“7. Obwohl damals die meisten Familien zuerst auf einen „Stammhalter“ hofften, waren meine Eltern nicht enttäuscht, als sie ein Mädchen bekamen.

Iwan und Elena, unsere Eltern, brachten viele Opfer für uns und dafür verlangten sie, dass wir sie respektierten. Mama zu gehorchen fiel uns nicht so leicht. Wenn einer von uns etwas angestellt hatte, jagte Mama ihn mit dem Reisigbesen. Die beiden anderen rannten wiederum hinter ihr her und rissen ihr den Besen genau dann aus der Hand, wenn sie den „Übeltäter“ erreicht hatte.

Papa dagegen erhob nie die Hand gegen uns. Er hatte eine natürliche Autorität: Ein Blick genügte.

Unsere Eltern hatten sehr jung geheiratet. Unser Vater war noch nicht einmal neunzehn, das Mindestalter, um in den Ehestand zu treten. Die beiden Familien kannten sich, es war eine arrangierte Ehe. Iwan heiratete seine Nachbarin Elena in der Kirche. Elena kam aus einer Großfamilie. Einer ihrer Brüder, wir nannten ihn Diadia8, war Pate von uns allen. Wir waren für ihn wie eigene Kinder.

Unsere Geschichte beginnt in Fedrovka9, einem Dorf fünfunddreißig Kilometer von Saporischschja.

Es ist die Geschichte der Familie Koliada10.

• • •

6 Traditioneller französischer Rinder-Gemüse-Eintopf, Brühe und Einlagen werden separat serviert.

7 Ungefähre Übersetzung meines Vaters. A. d. A.

8 Onkel

9 Beim Schreiben habe ich sämtliche in der Erzählung genannten Städte, Regionen und Dörfer recherchiert. Die meisten sind auf der Karte eingezeichnet. Nur das Heimatdorf meines Vaters konnte nicht genau lokalisiert werden. A. d. A.

10 In der Ukraine lautete unser Familienname „Koliada“. Aufgrund eines Übertragungsfehlers änderte sich die Schreibweise bei der Ankunft in Frankreich zu „Koleda“. A. d. A.

Schon sehr lange

Schon sehr lange schlummerte deine Geschichte in meiner Schreibtischschublade, ein verborgener Schatz, eine Lebensgeschichte, die nur darauf wartete, gehört zu werden. Natürlich konnte ich immer sagen: Mir fehlt die Zeit, deshalb habe ich bisher nichts unternommen. Aber ich glaube eher, mir fehlte ein „Auslöser“, der für ein neues Projekt notwendig ist, ein Auslöser, der ohne Vorwarnung auftaucht und unerwartet Ideen freisetzt.

An einem Dezembermorgen wachte ich auf. Ich war traurig, es ging auf Weihnachten zu und ich wusste, es würde das erste Weihnachten ohne meinen kleinen Bruder werden. Ich dachte an dich, ich dachte an Stéphane. Ich dachte an Worte und Sätze. Gedanken wirbelten mir im Kopf herum und ließen mich nicht mehr los. Am selben Abend, versunken in eine Melancholie, die mir zum Glück bis dato fremd gewesen war, weil ich bis zu deinem Tod noch nie Abschied von jemand Nahestehendem hatte nehmen müssen, begann ich zu schreiben und konnte nicht mehr aufhören. Ich schrieb an dich, ich schrieb an Stéphane. Ich schrieb einfach. Ich hatte das Gefühl, Schreiben sei eine Notwendigkeit, dabei konnte ich den Kummer, die drückende Melancholie herauslassen, und es würde meinen tiefen Schmerz lindern. Ich spürte euch ganz nah bei mir, spürte, dass diese Momente uns verbanden. Weißt du noch, Papa? Wir drei wollten gemeinsam deine Lebensgeschichte aufschreiben.

Und so habe ich beschlossen, dass dieses ursprünglich als gemeinsam gedachtes Vorhaben ausgeführt werden musste, auch, wenn ihr nicht mehr da wart, dass es nun an mir war, unser Werk in die Tat umzusetzen, ehe es im Vergessen versank. Ich werde unser Vorhaben vollenden. Papa, Stéphane, helft mir.

• • •

„Nikolai! Nikolai! Wo bist du?“, hörte ich Mama rufen, leichte Besorgnis in der Stimme. Dabei wusste sie doch, wo sie mich finden konnte. Ich war immer am selben Ort: Im Klatschmohnfeld!

„Saitschik, wenn du zu viel Mohn isst, wirst du krank! Komm, wir gehen zu den Tieren“, sagte sie und nahm mich bei der Hand.

Ich war gern im Klatschmohnfeld, die leuchtenden Farben wirkten beinahe unecht. Ich legte mich unter die Blüten, machte eine Kapsel ab, brach sie auf und schüttete mir alle Körner auf einmal in den Mund.

Wir hatten alle unsere Plätze. Iwan und Stepan rannten durchs Weizen- oder Maisfeld um die Wette, was Papa und Mama gar nicht gern sahen, ihnen war jede Nahrungsquelle heilig.

Anna wiederum kümmerte sich am liebsten um unsere Tiere.

Unser Haus, das direkt am Stall lag, war das einzige Backsteinhaus des Dorfes, die anderen – um die fünfzig – waren aus Lehm. Ich erinnere mich ganz genau an unseren großen Hof, dabei war ich erst drei Jahre alt, als wir ihn verlassen mussten. Vielleicht erinnere ich mich so gut, weil man mir danach noch oft von ihm erzählte: Nachdem wir die Ukraine verlassen hatten, waren unsere Gespräche durchwirkt von glücklichen Erinnerungen und schönen Momenten auf unserem Hof. Aber ich habe trotzdem das Gefühl, dass es meine eigenen Erinnerungen sind, die ich mir bewahrt habe. Ich sehe die Farbe des Klatschmohns, rieche den Duft unserer Tiere – und all das hat mir nie jemand beschrieben.

Den Hof hatten wir unserem Großvater Kalinek zu verdanken, Papas Vater. Unter dem Zaren diente er acht Jahre lang in der Marine. Man hatte ihm keine Wahl gelassen, aber so konnte er fünfhundert Rubel ansparen, damals eine beachtliche Summe. Damit kaufte er das Land, das wir bewirtschafteten, und auf dem er mithilfe zahlreicher jüdischer Freunde unser Haus aus Backsteinen errichtete. Und all das gehörte uns! Aber wir sollten bald für den Besitz dieser Reichtümer bestraft werden. Dabei hatte Kalinek sie im Schweiße seines Angesichts verdient, hatte sie niemandem sonst zu verdanken.

Wir hatten genug zum Leben und sogar noch mehr. Unser Land bescherte uns großzügige Ernten, und Kalinek und Teodoscha, meine Babuschka11, verkauften unsere Erzeugnisse auf dem Markt. Sie hatten Mais, Kartoffeln, Gurken, Schnittbohnen, die am Mais hochrankten, rote Beete … Jeder Quadratzentimeter des fünfunddreißig Ar großen Grundstücks wurde genutzt.

Außer Stepan arbeitete die ganze Familie gern. Papa und Mama waren den ganzen Tag auf dem Feld und wir Kinder halfen ihnen, sobald wir aus der Schule kamen. Ich ging noch nicht zur Schule, ich war zu klein, aber manchmal begleitete ich meine Geschwister, wenn mir langweilig war. Dann ließ die Lehrerin mich in den Klassenraum, ich durfte mich sogar hinsetzen. Ich wollte es machen wie die Großen, saß am Pult und tat so, als ob ich konzentriert zuhörte. Ich wollte unbedingt ganz schnell groß werden und Lesen und Schreiben lernen.

Kalinek und Teodoscha hatten fünf Kinder. Papa war der Älteste. Ich erinnere mich vor allem an seinen Bruder Simon und an Nastja, die Zweitjüngste der Familie. Das war vielleicht eine Marke, die Nastja, ständig spielte sie uns Streiche.

Unser Dorf war friedlich und die Bewohner untereinander solidarisch. Im Tausch gegen Gefälligkeiten oder als Dankeschön brachten wir unseren Nachbarn Gemüse. Dieses beschauliche Leben hätte immer so weitergehen können. Der Ukraine fehlte es an nichts. Der fruchtbare Boden hätte die Ukrainer ewig ernähren können.

Aber es kam anders und Stalin an die Macht. 1929 begann die Zwangskollektivierung des Landes.

Meine schönste Zeit hatte nur drei Jahre gedauert.

• • •

„Oh! Wie süß!“, rief Stepan. Laika, unsere Hündin, war müde von einer schweren Geburt – sie wurde langsam alt –, gerade hatte sie fünf Welpen zur Welt gebracht. Wir drei Jungs standen drum herum, staunten über das Wunder, machten Luftsprünge vor Freude und schrien: „Die behalten wir, die behalten wir!“

Anna kam angelaufen. Sie wusste nicht, dass wir gerade einem „Wunder“ beigewohnt hatten. Sie ging zu Laikas Körbchen, das Mama sorgfältig aus Stroh geflochten hatte: „Was ist los? Was schreit ihr so?“

„Laika hat fünf kleine Hunde bekommen!“, erwiderte ich.

Anna sah Laika und die Welpen im Korb an, aber sie wirkte gleichgültig beim Anblick der winzigen Fellknäuel.

„Die behalten wir, die behalten wir!“, wir Jungs ließen nicht locker.

„Würde mich wundern, wenn Papa und Mama einverstanden wären“, sagte unsere Schwester schulterzuckend, „mir kann’s ja egal sein!“

Mama, die unsere Aufregung bemerkt hatte, kam nun auch und gesellte sich zu uns. Zahlreiche neugierige Blicke ruhten auf unserer Hündin.

„Ach, guck … sie sind da!“

„Mama, können wir sie behalten? Bitte!“, bettelte Stepan.

„Was, alle fünf? Findet ihr das nicht ein bisschen viel?“

„Aber dann wenigstens einen für jeden … Einen für mich, einen für Iwan und einen für Nikolai!“, rief Stepan vergnügt. „Anna will keinen.“

Mama dachte nach. Wir ließen sie nicht aus den Augen, versuchten in ihrem Gesicht zu lesen, aber ihre Miene verriet nichts.

Nach einem zärtlichen Blick auf die Welpen und Stepan ging sie wortlos hinaus. Papa war im Garten. Wie ein Bienenschwarm stürzten alle außer Anna ans Fenster, um etwas vom Gespräch unserer Eltern mitzukriegen und vielleicht an ihren Gesichtern zu erraten, ob wir die wunderbaren Hundekinder behalten durften.

Mama kam ins Haus zurück. Noch immer konnte man ihr nicht das Geringste ansehen. „Nikolai, such dir einen aus“, sagte sie zu mir. Ohne ein Wort rannte ich zum Korb und nahm den Welpen, den ich mir von Anfang an ausgeguckt hatte. „Wie willst du ihn nennen?“, fragte Mama und hielt dabei den empfindlichen Hundekopf. „Druschok!“, erwiderte ich wie aus der Pistole geschossen. Meine Brüder schienen entzückt, mich so beglückt mit dem kleinen Wesen im Arm zu sehen, aber in Stepans Blick stand die Hoffnung, dass ich nicht der Einzige bliebe, der in den Genuss von Mamas Großzügigkeit kam. Ich wusste, dass meine Mutter niemanden benachteiligte. Sie war immer gerecht zu uns:

„Und du, Stepan, welchen …?“

„Den hier!“, rief er, Mama konnte nicht mal ausreden. Sie lächelte, froh, uns eine Freude zu machen. „Ich werde ihn Scharik nennen“, rief Stepan, ehe jemand Zeit gehabt hatte, ihn danach zu fragen.

Mama fing an zu lachen: „Jetzt bist nur noch du übrig, Iwan, es sei denn, Anna hat es sich anders überlegt.“

Anna hatte ihre Meinung immer noch nicht geändert. „Ich nehm den hier“, rief Iwan. „Ich nenne ihn Kaschtanka.“ Mit einer Hand griff er sich den Welpen, den er ausgesucht hatte, mit der anderen nahm er seine Mütze ab und setzte das Hündchen vorsichtig hinein.

Die drei Welpen gehörten sehr schnell zur Familie. Weil jeder Junge seinen eigenen hatte, gab es keine Eifersucht.

Zu meiner großen Freude zeigte sich, dass Druschok der lustigste der drei war. Er erledigte sein großes Geschäft immer vor dem Haus und beschnüffelte danach ausgiebig sein „Meisterwerk“. Einmal beobachtete ich ihn, wie er tapsig die Straße hinunterwackelte. Plötzlich hielt er an, um sich zu erleichtern, aber als er diesmal daran schnüffeln wollte, rutschte er genau in dem Moment aus und purzelte mit der Schnauze voran hinein. Angesichts seiner Tollpatschigkeit brach ich in lautes Lachen aus. Ich hatte mir wirklich den Richtigen ausgesucht.

• • •

11 Großmutter

Erinnerung

Ich hörte dich erzählen. Die Geschichte hatte gerade erst begonnen, aber ich war bereits gefesselt. Manchmal streifte dein Blick flüchtig das Diktiergerät, wie um mir zu sagen, dass es dich störte, aber du sprachst weiter.

Ich fragte mich wie es kam, dass du dich an so viele Einzelheiten erinnern, Ereignisse so genau schildern konntest. Ich selbst wäre unfähig, so bildhaft von meiner Kindheit zu berichten, sie jemandem auf diese Weise zu erzählen. Hast du es deiner außergewöhnlichen Kindheit zu verdanken, dass du daraus eine Geschichte weben kannst? Du gingst einfach in der Zeit zurück. Ich könnte das nicht, rückwärts gehen, mich von der Welt lösen, in der ich hier und heute lebe, als gäbe es sie nicht. Natürlich kann ich mich an bestimmte Dinge erinnern, aber es ist mir unmöglich, „einzutauchen“. Du aber konntest dich vollständig von der Gegenwart abkoppeln. Und je weiter wir zurückgingen, desto mehr hatte ich den Eindruck, dass du deine Heimat eigentlich nie so ganz verlassen hattest. Du trugst sie stets in dir, und wenn ich heute zurückblicke, glaube ich, das war schon immer so, weil sie an jedem einzelnen Tag meiner Kindheit gegenwärtig war.

Ich hörte dir zwei Wochen lang zu. Wir verbrachten unsere Tage gemeinsam. Manchmal überfiel dich die Müdigkeit. Ich schaltete das Diktiergerät ab, damit du dich ausruhen konntest, aber du wolltest weitermachen, wolltest mir alles erzählen, bis zu deiner Ankunft in Frankreich, dem Land, das dich so herzlich aufgenommen hat.

Auch mich überrollte manchmal diese Müdigkeit, die mir eigentlich fremd war. Es war eine Müdigkeit, die mit starken Gefühlen zu tun hat, eine Müdigkeit, die benommen macht, eine Niedergeschlagenheit, die dazu anregt, über den Sinn des Lebens nachzudenken.

• • •

„Kinder, Essen!“, rief Mama, als wir gerade im Garten spielten. Mama hatte gute ukrainische Suppe gekocht, und weil wir alle darauf versessen waren, musste sie uns das nicht zweimal sagen. Im Handumdrehen saßen alle Kinder am Tisch. Damals hatten wir einen Holztisch, in den die Teller hineingeschnitzt waren, direkt in die Tischplatte. Das war sehr praktisch, denn anstatt abzuwaschen reichte es, wenn man am Ende die Tellermulden auswischte.

Es schmeckte so gut, dass ich mir noch einmal nahm.

Iwan, der gerne Späße machte, legte seine Mütze vor die Kuhle im Tisch und tauchte dahinter ab, ehe er seine Suppe in nicht mal einer Minute verschlang. Als er den Kopf wieder hob und die Mütze aufsetzte, zeigte er auf die leere Kuhle. Er erntete unsere Bewunderung, als wäre es ein Zaubertrick!

An diesem Tag waren wir lange am Tisch sitzen geblieben, länger als sonst.

Es war schon spät, die Nacht war hereingebrochen, aber ich wollte noch einmal zu Druschok, ihm gute Nacht sagen.

In der Dunkelheit glaubte ich, mehrere große Gestalten zu erkennen. Ich rief nach Druschok. Nichts. Mir wurde mulmig zumute. Meine Beine wollten mich nicht mehr tragen. Mit einem Mal packte mich die Angst. Ich machte einen Schritt zurück und rief meinen großen Bruder:

„Iwan, komm mal, schnell!“

„Was ist los, Nikolai?“

„Ich weiß nicht, da hinten ist irgendwas, ich weiß nicht was, und Druschok kommt nicht, wenn ich ihn rufe.“ „Mach dir mal keine Sorgen, der ist bestimmt bloß auf der Pirsch“, sagte mein Bruder.

Nun rief Iwan nach seinem Hund. Doch alles blieb totenstill. Also schlich mein Bruder zu der Stelle, zu der ich mich nicht hintraute. „Mein Gott!“ rief er und rannte an mir vorbei, zum Haus zurück. Ich blieb wie angewurzelt stehen und wagte nicht zu atmen.

Papa kam herausgestürzt. „Das waren die, die haben sie vergiftet!“, schrie er, rasend vor Wut.

Da begriff ich, dass ich Druschok nie wiedersehen würde.

Iwan nahm mich auf den Arm und wollte mich zum Haus zurücktragen, aber ich wehrte mich und sprang herunter, weil ich es mit eigenen Augen sehen wollte. Mein Bruder holte mich ein: „Komm mit rein, Nikolai, geh da nicht hin!“

Meine Eltern redeten mit Iwan und Anna. Stepan und ich hörten zu, ohne den Sinn ihrer Worte wirklich zu begreifen.

Später erfuhr ich, dass es eine Methode Stalins war, Wachhunde zu vergiften, damit das Bellen nicht die Familien warnte, die ausspioniert werden sollten.

• • •

Ein paar Tage nach der Hundevergiftung hämmerten drei uniformierte Männer an unsere Tür. Ehe wir noch Zeit hatten, sie hereinzulassen, standen sie schon im Haus und gingen auf meine Großeltern zu, als ob sie sie kennen würden, als ob sie genau wüssten, wie sie aussahen. Sie befahlen ihnen, mitzukommen.

Ohnmächtig mussten wir mit ansehen, wie meine Babuschka und mein Deduschka12 von den drei Männern abgeführt wurden.

„Papa, warum müssen Babuschka und Deduschka weg?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete mein Vater und musterte sie so eingehend, als wollte er sich ein letztes Mal ihre Gesichtszüge einprägen.

Das ganze Dorf zersetzte sich, seine Alten schienen zu verschwinden. Aber was machte man mit ihnen? Was würde mit meinen Großeltern geschehen? Und was sollte aus uns werden?

Der sowjetische Staat führte einen regelrechten Krieg gegen Bauern wie uns. Wir hatten das Pech, Kulaken zu sein, Bauern, die in Stalins Augen zu viel Vieh und Land besaßen.

Die ganze Arbeit meines Großvaters, die jahrelange Plackerei sollte in Rauch aufgehen. Unsere Familie war in Stalins Visier geraten. Man zwang Kalinek und Teodoscha, ihr fruchtbares Land zu verlassen und schickte sie zunächst in eine Berggegend wo nichts wuchs, aber dank ihres Überlebenswillens gelang es ihnen trotzdem, Honig- und Wassermelonen anzubauen. Damit ihre Ernte nicht den Abhang hinunter kullerte, legten sie Keile unter die Wassermelonen. Das blieb Stalins Männern nicht lange verborgen; die nächste Station meiner Großeltern war Sibirien.

Man brachte sie in den Gulag.

Kurz nach ihrem Abtransport ins Arbeitslager hatte Papa uns beruhigt: „Kalinek ist schlau. Er weiß sich zu helfen.“ Und Papa sollte Recht behalten. Schon bald kamen Neuigkeiten von den Großeltern per Post. Deduschka und Babuschka schlugen sich ganz gut. Um Teodoscha zu beschützen, die die unmenschlichen Bedingungen im Gulag nur schwer ertragen konnte, machte Kalinek sich nützlich und flickte die Schuhe der Wachen oder fertigte ihnen sogar neue. Er reparierte auch eine Menge anderer Sachen, alles Mögliche, auch Motoren und Maschinen. Als Gegenleistung ließen die Wachmänner, die die Zwangsarbeiter beaufsichtigten, ihm und Babuschka ein paar Freiheiten.

Kalinek wollte Teodoscha Mut machen. Dieser Albtraum würde irgendwann schon enden, eines Tages würden sie den Gulag verlassen.

Wie alle sibirischen Winter war ihr erster Winter dort lang und eisig. Die Temperaturen fielen auf minus fünfzig Grad. Das war das letzte, was wir von meinen Großeltern hörten.

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Einige Zeit nach Kalineks und Teodoschas Verhaftung verschwanden Mama und Papa ebenfalls, aber sie waren nicht abgeholt worden.

Nach ihrer heimlichen Flucht ging ich mit meinen Geschwistern zur Schule. Ich nehme an, dass ich nicht allein zu Hause bleiben sollte. An jenem Tag trug mich die Lehrerin die ganze Zeit auf dem Arm herum. Das war ungewöhnlich, denn sonst, wenn sie sich um die Schüler kümmern musste, hatte sie nie Zeit für mich. Aber an diesem Tag war sie von großer Güte und Geduld. Sie schenkte mir sogar ein Spielzeug, einen gestrickten Hampelmann. Ich war selig!

„Nikolai, fragte sie mit sanfter Stimme, wo sind deine Eltern? Kannst du mir sagen, wo deine Eltern sind?“

Warum zum Teufel fragte sie mich das nur? Wer hatte ihr gesagt, dass Mama und Papa weggefahren waren? Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ja. Nein. Ich weiß nicht. Oder lieber gar nichts? Ich suchte den Blick meiner großen Schwester. Sie hätte mir nicht erst die geballte Faust zeigen müssen, ich hatte schon an ihrem Gesichtsausdruck erkannt, dass ich den Mund halten sollte, wir waren in großer Gefahr.

Mit einem Schlag hatte ich meine kindliche Welt verlassen. Ich wusste, dass man mir übelwollte, dass die Lehrerin mir so viel Aufmerksamkeit schenkte, um an Informationen zu kommen, um herauszufinden, wo meine Eltern waren. Aber warum suchte man sie? Was hatten sie getan? Wem konnte ich vertrauen? Vor wem musste ich Angst haben?

Die Lehrerin ließ nicht locker. Sie wartete auf meine Antwort. Sie hielt mich ganz fest, ich konnte mich nicht allein befreien.

Anna kam zu uns herüber. Sie streckte mir die Hand hin: „Komm, Nikolai, wir gehen nach Hause.“ Ich stürzte auf sie zu. Die Lehrerin konnte gar nicht so schnell reagieren. Der gestrickte Hampelmann fiel zu Boden. Ich machte keine Anstalten, ihn aufzuheben.

Zusammen mit meinen Brüdern verließen wir diesen Ort, der einst ein sicherer Hafen für uns gewesen war.

Zu Hause machte Anna uns etwas zu essen. Wir hatten keinen Appetit. Und niemandem war nach Reden zumute.

Mama und Papa waren nicht mehr da. Ich hoffte sie bald wiederzusehen. Anna wollte mich trösten und versicherte mir, dass sie uns ganz bald holen kämen.

Unsere Eltern waren weggegangen ohne zu wissen, ob sie je wieder auf ihren Hof zurückkehren würden; auf den Hof, den sie liebten, auf dem sie jahrelang gelebt und in den sie ihre ganze Kraft gesteckt hatten. Damit sie denen, die ihnen ihr Zuhause wegnehmen wollten, nichts schenken mussten, hatten sie die Ernte vernichtet und alle Tiere getötet. Sie hatten unsere Kühe, Schafe, Schweine und Hühner abgestochen, um sie nicht mit unseren Unterdrückern teilen, um sie nicht unseren Feinden in den Rachen werfen zu müssen.

Die Wochen nach der Flucht unserer Eltern erschienen mir wie eine Ewigkeit. Hatte Anna die Wahrheit gesagt? Würde ich Mama und Papa wiedersehen?

Eines Morgens hörte ich Geräusche vor dem Haus. Ich rannte ans Fenster, vielleicht waren es meine Eltern. Statt Mama und Papa standen wieder die uniformierten Männer vor der Tür. Sie hämmerten noch lauter dagegen als beim ersten Mal, als sie meine Großeltern abgeholt hatten. Sie waren gekommen, um unsere Ernte, unser Vieh und unsere Vorräte zu kassieren, aber wir hatten fast nichts mehr. Gerade so viel, dass wir nicht verhungerten13.

Die Männer inspizierten den ganzen Hof. Auf ihren Befehl trotteten meine Geschwister und ich hinter ihnen her. Als sie die Tierkadaver entdeckten, blickte einer von ihnen uns hart an. Anna nahm mich schützend in den Arm. „Das war ich“, sagte sie. Die Männer glaubten ihr nicht, aber was konnten sie schon machen? Was sollten sie gegen ein elfjähriges Mädchen ausrichten?

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Etwas fuhr mir zärtlich übers Gesicht. „Saitschik“, flüsterte Mama mit sanfter Stimme und streichelte meine Wange, „wach auf“. Ich dachte erst ich träume. Es war mitten in der Nacht. Mama gab mir einen Kuss. „Psst, sei leise“, flüsterte sie, um meine kaum zu bändigende Freude zu zügeln. Meine Geschwister schliefen noch. Papa ging zu Anna hinüber und weckte sie behutsam. „Anna, wir nehmen Nikolai mit, euch kommt bald jemand holen“, sagte er.

Meine Geschwister sollten weiterhin zur Schule gehen, als ob nichts wäre, damit die Dorfbewohner die Abwesenheit unserer Eltern nicht bemerkten.

Papa und Mama besaßen kein Transportmittel mehr, sie hatten aber jemanden gefunden, der uns mit dem Viehwagen nach Saporischschja fuhr.

Um neun waren wir am Ziel. Ich wusste nicht, wo wir hinfuhren, aber ich war froh, meine Eltern wiederzuhaben. Papa half uns vom Wagen herunter und gab unserem Fahrer Geld.

Eine alte Frau mit einer spitzen Nase kam uns entgegen. Sie konnte nur schlecht laufen, aber das schien ihr nichts auszumachen. „Ah“, machte sie. „Da haben wir ja den kleinen Nikolai! Ich habe schon viel von dir gehört!“ Ich hatte diese Frau mit der spitzen Nase noch nie gesehen. Sie streckte mir die Hand hin. Ich sah Mama an. „Geh nur, saitschik. Hab keine Angst. Geh mit der Frau mit.“

Aber warum hatte Mama mich überhaupt geholt, wenn sie mich gleich wieder einer Fremden übergab? „Saitschik, Mama und Papa müssen arbeiten. Die Frau kümmert sich ein paar Stunden um dich“, erklärte meine Mutter.

Was sollte das denn heißen, ein paar Stunden? Als sie mich das erste Mal zurückgelassen hatten, hatte Anna gesagt, sie kämen uns ganz bald holen, aber die Zeit war viel zu lang gewesen. Ich fing an zu weinen. Die Fremde versuchte mich zu trösten: „Komm, Nikolai, wir sortieren Dörrobst.“ Ich ging auf den Vorschlag ein, weil ich hoffte, dass sie mir welches schenken würde. Ich hörte auf zu weinen und setzte mich auf ihren Schoß. Sie machte sich an die Arbeit: Sie trennte die guten Früchte von den schlechten, ich folgte ihren Handgriffen mit dem Blick. „Hier, für dich“, sagte sie und gab mir zwei leicht angeschimmelte Exemplare. Ich steckte sie schnell in den Mund, aus Angst, sie könnte sie mir wieder wegnehmen, und bat sie anschließend um mehr, aber sie sortierte einfach weiter als hätte sie nichts gehört. Ich ließ nicht locker. Sie reichte mir zwei andere, noch schimmeligere diesmal.

Von nun an blieb ich immer den ganzen Tag bei der Frau mit der spitzen Nase, damit meine Eltern arbeiten konnten. Sie hatten übergangsweise Arbeit gefunden, so konnten sie ein paar Dinge regeln und einen Unterschlupf für unsere Familie finden, und wir wären hoffentlich bald wieder alle zusammen.

Dass die Frau auf mich aufpasste, war nur eine Übergangslösung. Trotzdem erinnere ich mich gut an sie. Ob es an ihrer Nase lag oder weil sie mir Trockenfrüchte geschenkt hatte, weiß ich nicht.

Papa und Mama hatten entschieden, dass wir in den Donbass ziehen würden, eine große Bergbauregion.

Die häufigen Kontrollen machten jede Zugreise riskant. Im Pferdeoder Viehwagen allerdings konnte man nachts vorwärts kommen, ohne großartig jemandem zu begegnen. Zwei aufgeweckte junge Männer, die Papa kürzlich kennengelernt hatte, boten an, uns im Lastwagen hinzufahren. Alles war zur Abfahrt bereit, Papa, Mama und ich warteten, dass der Motor anging. „Iwan“, rief der Fahrer, „wir haben ein Problem.“ Papa stieg aus. „Wir haben keinen Sprit mehr!“, sagte der andere.

Na, da nützte uns das Auto ja sehr viel! Mit einem Viehwagen hätten wir es leichter gehabt. Aber die beiden Männer waren alles andere als dumm und heckten sofort eine List14 aus. Die beiden holten Kanister vom Lastwagen, ließen uns aussteigen und trugen uns auf, Autos zu suchen. Wir waren in der Stadt, ein paar parkten am Straßenrand. „He, kleiner Mann“, sagte einer der beiden zu mir, „zeig mir alle Autos, die du siehst.“ Dieses Spiel gefiel mir. Mama trug mich auf dem Arm und sobald ich ein Auto sah, rief ich die beiden Männer, die sich sofort darauf stürzten wie Raubtiere auf ihre Beute. Es war zum Totlachen!

Sie machten den Tank auf und gossen Wasser hinein. Das Benzin stieg nach oben und die beiden fingen es in einem anderen Behälter auf. Mit diesem Trick bekamen wir genügend Treibstoff zusammen, um ans Ziel zu kommen.

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Im Donbass zogen wir in einen riesigen Schafstall, in dem schon ungefähr hundert Leute wohnten. Jede Familie hatte einen Raum, der mehr oder weniger mit Vorhängen abgetrennt war. Unserer war groß genug für uns drei, aber bald würden Anna, Iwan und Stepan dazukommen. Simon, der Bruder meines Vaters, wohnte dort ebenfalls mit seiner Familie. Die Flüchtlinge waren alle in den Donbass gekommen, weil sie hofften, in den Gruben Arbeit zu finden. Mama fand sofort eine Stelle. Für Papa war es schwieriger; er wollte nicht unter Tage arbeiten, weil er Angst hatte, dass Stalins Schergen ihn dort überrumpeln würden und er nicht weg konnte. Zum Glück fand er eine Stelle als Zimmermann, da würde er sie wenigstens schon von Weitem kommen sehen!

Kurz nach unserer Ankunft sah ich wieder den Lastwagen der beiden Männer, man hatte sie mit der Mission betraut, meine Geschwister zu holen.

Anna umarmte mich fest: „Wie habe ich dich vermisst, saitschik!“ Ich zeigte Anna, Iwan und Stepan unser Zimmer. Sie hatten fast kein Gepäck, wir hätten sowieso keinen Platz dafür gehabt.

Iwan und Stepan machten schnell Bekanntschaft mit den vielen anderen Kindern im ehemaligen Schafstall. Langweilig wurde es uns nie. Iwan hatte eine Bande gegründet und verkündet, dass Familie Koliada die Operationen leitete. Sogar ich gab Befehle. Iwan flüsterte mir ins Ohr, was ich sagen sollte, und ich wiederholte es in entsprechendem Ton. Es gab eine Mädchenbande und eine Jungenbande, wir spielten uns ständig gegenseitig Streiche.

In dem Stall gab es keine Waschräume. Das war nicht weiter verwunderlich, weil er ja ursprünglich für Schafe gedacht war! Die Duschen waren drei Kilometer entfernt. Wer in der Grube arbeitete, wusch sich nach der Arbeit dort, jeden zweiten Tag, denn es waren immer abwechselnd Männer und Frauen dran.

Eines Morgens sagte Stepan zu unserer Bande: „Meine Brüder und ich gehen duschen, kommt ihr mit?“ Alle zogen los, Iwan trug mich auf den Schultern.

Wir Jungen gingen in die Umkleide, zogen uns aus und liefen zu den Duschen.

Ein schriller Schrei ließ uns zusammenzucken: „He, was macht ihr hier, Jungs? Heute sind die Frauen dran!“ Die splitternackte Frau mit der schrillen Stimme hatte ihren Satz kaum beendet, da fingen auch schon alle Mädchen an zu kreischen und rannten im Evaskostüm aufgeschreckt durcheinander.

Dann packten uns mehrere Frauen am Genick und warfen uns hinaus, die Kleider schmissen sie hinterher. Einen Moment lang standen wir wie begossene Pudel vor dem Waschhaus. Dann kicherte ein Junge los, wir anderen stimmten schnell ein.

Ich weiß nicht, ob Stepan gewusst hatte, dass an dem Tag die Frauen dran waren. Falls es so war, hatte er uns ordentlich hereingelegt.

Am selben Abend erzählte Iwan mit viel Humor Papa unser Abenteuer, der daraufhin meinte: „Na, dann werde ich wohl übermorgen duschen gehen!“

Ein paar Tage später rief Stepan die Bande zusammen, er hatte mal wieder einen Einfall: „Ich habe ein neues Spiel, ich erklär’s euch, kommt mit!“ Die Jungen rannten ihm nach und kamen bei den Schienen des nächsten Bahnhofs zum Stehen. Stepan gab jedem eine Aufgabe. Nachdem seine Untertanen die Anweisungen erhalten hatten, legten sie vier Streichholzschachteln auf die Schienen, zwei auf jeder Seite, mit einem Meter Abstand dazwischen. Dann bepinselten sie die Schachteln mit Teer. Als alles bereit war, versteckten wir uns in einem alten Abflussrohr und warteten. Ein Güterzug fuhr vorbei, Funken stoben. Der Lokführer bremste scharf und sprang vom Zug. Er kam dicht an dem Rohr vorbei, in dem wir uns versteckt hielten, dann fuhr er weiter. Wäre er pfiffig gewesen, hätte er hineingespäht. Auf die Idee kam er aber zum Glück nicht!

Uns war überhaupt nicht bewusst, wie gefährlich dieses Spiel war. Wenn man uns erwischt hätte, hätte man unsere Eltern dafür verantwortlich gemacht.

Am selben Abend gingen wir ohne Essen ins Bett – nicht, weil wir etwas angestellt hatten, das wussten die Erwachsenen ja nicht –, sondern weil die Feuerwehr unsere Kochtöpfe umgeworfen hatte. Unsere einzige richtige Mahlzeit des Tages – wir aßen nur abends, tagsüber tranken wir Wasser und kauten Teer als Ersatz – war innerhalb von Sekunden hin. Im Schafstall gab es keine Küche, man musste draußen kochen. Wir bauten immer einen Kreis aus Backsteinen, machten in der Mitte ein Feuerchen und stellten einen großen Kessel drauf. Allerdings war das bei Wind verboten, nur hätten wir das wissen müssen. An dem Tag kam die Feuerwehr, weil sie fürchtete, dass wir bei dem Wind alles anzünden würden. Aber anstatt uns einfach nur über die Gefahr aufzuklären, verdarben sie uns unsere Mahlzeit – vor unseren hungrigen Augen.

Ich schlief mit leerem Bauch ein und dachte an das gute Essen, das ich vielleicht am nächsten Tag bekommen würde.

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Sie war schön. Und wenn sie tanzte, war sie sogar noch schöner. Nie werde ich das Gesicht von Maria der Zigeunerin vergessen.

Viele ihrer Leute hatten ihr Zeltlager in der Nähe unserer Unterkunft aufgeschlagen. Sie kamen aus Bessarabien und Russland und waren schlau wie Füchse. Sie wechselten so oft den Aufenthaltsort, dass das Regime sie einfach nicht zu fassen bekam. Wenn es doch einmal gelang und man sie zur Arbeit in den Kolchosen15 zwang, klauten die Zigeuner alles, was nicht niet- und nagelfest war und machten sich aus dem Staub.

Wir hatten eine Abmachung mit dem fahrenden Volk. Papa, der als Zimmermann arbeitete, brachte oft Holzabfälle mit. Wenn wir welche übrig hatten, schenkten wir sie den Zigeunern, und als Dank sang und tanzte die schöne Maria, die um die zwanzig war, an einem großen Lager feuer. Sie wirbelte so schnell herum, dass es unmöglich war, ihren Bewegungen mit bloßem Auge zu folgen. Und während sie sich um sich selbst drehte, sah sie uns mit ihren großen Augen an. Ihre Lieder waren mit Obszönitäten gespickt. Ein wahres Vergnügen!

Wir brachten so manchen Abend im tabor16 zu und bekamen ein echtes Schauspiel geboten.

Eines Abends, als Iwan den Zigeunern eigentlich Holz bringen sollte, kam er mit leeren Händen zum tabor.

Er trat zu Maria, sah der schönen Zigeunerin tief in die Augen und sagte: „Diesmal bringe ich kein Holz.“ Maria wurde böse, mein Bruder fand das lustig. Diese Frau gefiel ihm sehr, und noch mehr gefiel es ihm, wenn sie wütend war. „Wenn das so ist, seid ihr am Sonntag nicht zur Hochzeit eingeladen, und wenn ihr trotzdem kommt, könnt ihr was erleben!“, fauchte sie, unfähig, ihre Wut zu beherrschen.

Es kam nicht infrage, dass wir eine Zigeunerhochzeit verpassten, wir hatten gehört, dass es sich wirklich lohnte. An besagtem Sonntag setzte Iwan seine Mütze auf und sagte: „Kommt, wir gehen zur Hochzeit!“ Er trug einen Sack Holz. Ohne groß zu überlegen, liefen Stepan und ich ihm hinterher. Im tabor angekommen, versteckten wir uns hinter Bäumen, damit uns kein Detail des unvermeidlichen Zusammenstoßes entging.

Iwan ging zu Maria. Als sie ihn sah, stürzte sie sich wie eine Furie auf unseren Bruder.

„Was hast du hier zu suchen, elender Lump?“

„Ich will mir mit meinen Brüdern die Hochzeit anschauen.“

„Ich hab dir doch gesagt, ihr könnt was erleben, wenn ihr kommt!“, schrie Maria. Warum nur sagte Iwan ihr nicht, dass er Holz mitgebracht hatte? Je wütender sie wurde, desto vergnügter schien Iwan zu sein, bis er plötzlich von sämtlichen Brüdern der Zigeunerin umringt war. Panisch schrie er: „Rührt mich nicht an, ich komme in Frieden, ich habe Holz für euch!“

Er nahm das Holz aus dem Sack und warf es zu Boden. Höchste Eisenbahn! Die Zigeuner wären sicherlich nicht zimperlich gewesen. Maria nahm Iwan einladend bei der Hand.

Was für eine berauschende Atmosphäre! Die Männer stampften mit den Absätzen auf den Boden wie Kosaken. Das war lauter als das Klackern von Kastagnetten. Nach den Tänzen kam die verabredete Prügelei der Väter, die sich, wie es Brauch war, eine Stunde lang mit der Peitsche schlagen mussten.

Es gab reichlich zu essen und Maria sagte, wir sollten uns bedienen. Um uns zu beeindrucken, schnappte sie sich einen noch lebenden Fisch und aß ihn. Iwan, der sicherlich außer Stande war, es ihr gleich zu tun, wollte ebenfalls Eindruck machen: „Maria, ich werde dir zeigen, wie man bei den Koliadas Fische fängt!“ Papa hatte uns beigebracht, mit bloßen Händen und blitzschnell Fische zu fangen. Wir waren die Einzigen, die sich auf diese Methode verstanden, zumindest glaubten wir das. Maria konterte, die Zigeuner seien mit Sicherheit flinker als die Koliadas, und bei einem Wettkampf würden sie bestimmt gewinnen.

Die Gesellschaft tanzte die ganze Nacht. Ich schlief irgendwann in Iwans Armen ein.

Iwan bekam keine Gelegenheit, Maria unsere Fischerkünste zu demonstrieren, denn zwei Tage nach der Hochzeit brachen die Zigeuner zu neuen Ufern auf.

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12 Großvater

13 Zur Kollektivierung gehörte auch, dass Häuser nach versteckten Vorräten durchsucht und alles Brauchbare beschlagnahmt wurde. A. d. A.

14 Mein Vater mochte das französische Pendant, „combine“ sehr gern und benutzte es fast schon inflationär, wenn er von seiner Heimat sprach. Begriffe wie „helle“, „sich zu helfen wissen“, „Strolch“ und „Gauner“ gehörten ebenso zu seinem Wortschatz. A. d. A.

15 Genossenschaftlich organisierter Landwirtschaftsbetrieb in kollektiver Selbstverwaltung der ehemaligen Sowjetunion. Anmerkung der Übersetzerin.

16 Zigeunerlager

Fischfang

Du hast es mir gezeigt, Papa. Du hast mir gezeigt, wie du Fische fingst.

Es war an einem Sommertag. Fast die ganze Familie war da. Wir hatten eine Stelle zum Picknicken gefunden, an einem Flussufer. Wir nutzten die Gelegenheit, um zu fischen. Vom Ufer aus sahen wir dir zu.

Du standest mit den Füßen im Wasser und hast geduldig gewartet. Dich auf deine Beute konzentriert. Ich schaute dich voller Stolz an, denn ich wusste, dass du zu einer Meisterleistung fähig warst.

Die Zeit verging, aber deine Geduld nicht.

Plötzlich hast du einen riesigen Fisch entdeckt. Den würdest du fangen. Du schienst nicht bemerkt zu haben, dass alle um dich herum unruhig wurden.

Langsam hast du einen Schritt auf den Fisch zu gemacht. Dann einen zweiten. Unauffällig und federleicht glitten deine Hände ins kalte Flusswasser. Der Fisch war immer noch da. Er rührte sich nicht.

Mit beeindruckender Geschicklichkeit und einer Technik, deren Geheimnis ich heute noch nicht kenne, gelang es dir, deine Beute mit bloßen Händen zu packen. Es gab keinen Ausweg, sie konnte ihrem Schicksal nicht entrinnen.

Dann hobst du den Fisch wie der Blitz aus dem Wasser, hoch über den Kopf, als wolltest du deinen Triumph feiern.

Alle standen wir um dich herum und konnten unser Staunen nicht verbergen. Du warst tatsächlich in der Lage, mit bloßen Händen Fische zu fangen! Für mich warst du ein Held. Kein anderer Papa auf der ganzen Welt brächte so ein Kunststück fertig. So etwas konnte nur meiner. Ich konnte es nicht erwarten, dieses denkwürdige Ereignis meinen Klassenkameraden zu erzählen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich ihnen von deinen Großtaten berichtete. Manche glaubten mir nicht; du warst so anders als die anderen Papas.

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Das Leben im Donbass war zum Albtraum geworden. Fast zwei Jahre lebten wir nun schon hier. Mama arbeitete immer noch in den Gruben, aber was nützte das Geldverdienen, wenn es kein Essen gab, das man kaufen konnte? Seit unserem Umzug war ich kaum gewachsen.

In unserem letzten Winter im Donbass hatte Papa eine andere Arbeit gefunden, er half beim Auf- und Abladen von Waren auf einen großen Schlitten, der die Städte mit Lebensmitteln versorgte.

Eines Tages kam er mit einem riesigen, prall gefüllten Sack Räucher hering von der Arbeit. Fünfzig Kilo! Da drin waren fünfzig Kilo! Normalerweise stahl Papa nicht. Aber wir hatten seit mehr als einer Woche nichts mehr zu beißen.

Ich erinnere mich an den köstlichen Geschmack der Fische, fett und dabei butterweich. Wir aßen sie so, wie sie waren. Nichts dazu. Kein Brot. Damit der Heringsgeruch nicht überall hinzog und die anderen Flüchtlinge anlockte, hatte Papa den Sack unter unserem Bett versteckt und ein Leintuch darüber gelegt. „Ihr könnt euch davon nehmen, wann ihr wollt, aber passt bitte auf, dass es niemand sieht!“, hatte er uns eingeschärft.

Glücklicherweise war er nicht erwischt worden. Zwei Männer, die mit ihm arbeiteten, hatten zwei Wochen zuvor nicht so viel Glück gehabt. Sie hatten eine ganze Kuhhaut unter den Schlitten genagelt, um sie später mit nach Hause zu nehmen. Man hatte sie auf frischer Tat ertappt, sie kamen direkt ins Gefängnis.

In knapp drei Tagen war der Fisch aufgegessen, dann hatten wir so gut wie nichts mehr.

Wir hatten jegliche Hoffnung, dass sich alles zum Guten wenden würde, verloren, und meine Familie beschloss, den Donbass zu verlassen. Papa hatte gehört, dass man in Weißrussland Arbeiter für den Straßenbau suchte und es dort noch keine Kolchosen gab. Dorthin würden wir gehen. Ich hatte keine Ahnung, wo Weißrussland lag, aber ich meinte begriffen zu haben, dass man durch mehrere ukrainische Städte musste, um hinzukommen.

Ob wir eines Tages in unser Dorf zurück und unseren Hof wiedersehen könnten? Nein! Die Erwachsenen hatten gesagt, dass es den Hof nicht mehr gab. Ich verstand das nicht.

Die Reise mit dem Viehwagen war lang und beschwerlich. Diesmal war die ganze Familie mit von der Partie. Meine Eltern, meine Brüder und meine Schwester, aber auch meine Cousins und mein Onkel Simon.

Eine weißrussische Familie nahm uns auf. Weißrussland war ganz offensichtlich zur Zuflucht für Ukrainer geworden.

Ein Junge namens Sascha, der älteste Sohn der weißrussischen Familie, nahm uns Koliada-Kinder sofort unter seine Fittiche. Er konnte es kaum erwarten, uns unser Zimmer zu zeigen, viel geräumiger als das im Schafstall im Donbass.

An unserem ersten Abend luden Saschas Eltern uns ein, mit ihnen zu essen. Das war ein denkwürdiger Abend. In der Ukraine sagte man, die weißrussischen Frauen wären stärker als die Männer und hätten die Hosen an. Kaum waren wir mit dem Essen fertig, kam Papa auf den herrlichen Einfall, zu fragen:

„Stimmt es, dass die weißrussischen Frauen stärker sind als die Männer?“

Die Weißrussen brachen in Gelächter aus. „Oh ja, das stimmt, Iwan! Das kannst du glauben!“, erwiderte Saschas Vater und rief dann seine Frau:

„Katjuscha! Zeig Iwan mal, wie stark du bist!“

Entzückt, dass sie Aufmerksamkeit erregte, stand Katjuscha auf und schritt langsam auf meinen Vater zu. Sie war nicht besonders groß.

„Na, los, Iwan. Hoch mit dir!“, rief sie bestimmt. Ein wenig angespannt, aber trotz allem selbstsicher, gehorchte Papa.

Katjuscha schaute meinem Vater fest in die Augen. Dann, ehe er Zeit hatte zu reagieren, warf sie ihn zu Boden. Das anschließende Gelächter war Papa etwas peinlich. Noch immer am Boden liegend, hob er den Kopf und sagte zu Saschas Vater:

„Ist gut, ich glaube dir! Es stimmt also, was man in der Ukraine sagt. Mehr will ich erst mal nicht wissen.“

Wir blieben noch ein paar Stunden am Tisch sitzen und aßen im Ofen geröstete semetschki17 und Kürbiskerne. Das erinnerte uns an die gute alte Zeit: In der Ukraine schlugen wir mit Stöcken an die Sonnenblumen, damit die Kerne herausfielen und wir sie rösten konnten.

Die weißrussische Familie hörte interessiert zu, als Papa anfing, von der Ukraine zu erzählen. Sie fürchteten, dass es Weißrussland bald ähnlich ergehen würde. Bisher war das Leben noch erträglich, es gab genug zu essen.

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Wenn Papa und Mama sehr früh am Morgen zur Arbeit gingen, schliefen wir Kinder noch. Dann stand Anna auf und weckte Iwan und Stepan. Sie gingen alle drei zur Schule. Ich war zu klein. Man musste acht Jahre alt sein, um in den Genuss dieses Privilegs zu kommen. Ich war aber gerade mal sechs. So blieb ich stundenlang allein zu Hause und wartete, dass meine Familie zurückkam. Ich langweilte mich zu Tode, und außerdem war es nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung, ganz allein in diesem großen Haus zu bleiben.

Eines Morgens, als alle schon weg waren, hörte ich Geräusche.

Auf Zehenspitzen schlich ich dicht an den Wänden entlang zum Fenster. Ich hörte Stimmen. Ich glaubte, Zigeuner zu sehen. Ich hatte keine Ahnung, was sie hier machten. Stehlen, vielleicht. Ich hatte die Zigeuner aus dem Donbass in guter Erinnerung, aber diese hier kannte ich nicht.

Ich rannte zur Hintertür und hinaus in den Garten, dann raste ich wie der Blitz zu meinen Geschwistern in die Schule.

Atemlos klopfte ich ans offene Klassenraumfenster. Ich sah den Grundschullehrer, er schaute seine Schüler an und ich glaubte ihn sagen zu hören: „Wer ist der hübsche kleine Junge?“ Anna hob die Hand und sagte: „Das ist mein kleiner Bruder!“

Der Lehrer winkte mich herein. Ich machte die Tür auf, und blieb sekundenlang auf der Schwelle stehen als erwartete ich Schelte wegen der Störung. Er bat mich näherzukommen. Mit gesenktem Kopf trat ich zu seinem Pult. Der Lehrer hob mein Kinn an und lächelte. Da würde er mich bestimmt nicht ausschimpfen. Er reichte mir ein Blatt Papier und eine Feder: „Setz dich, wohin du willst, du kannst es dir aussuchen.“

Ich traute meinen Ohren nicht. Er musste doch sehen, dass ich noch nicht acht Jahre alt war, vor allem, weil ich sogar kleiner war als die meisten Kinder meines Alters.

„Wie heißt du?“, fragte er.

„Nikolai“, erwiderte ich schüchtern.

„Setz dich, Nikolai. Du kannst ab jetzt zur Schule kommen. Wir haben hier genug Platz für dich.“

Ich entschied mich für die mittlere Reihe, und als ich mich setzte, sah ich meine Brüder stolz an. Ich würde lesen und schreiben lernen wie sie! Ich würde wichtige Sachen lernen, noch vor dem Mindestalter! Ich war so aus dem Häuschen, dass ich ganz vergaß, warum ich eigentlich hergekommen war.

Ich konnte es kaum erwarten, Papa und Mama zu erzählen, dass ich endlich zur Schule ging. Auf dem Heimweg hatte ich es eilig, obwohl ich wusste, dass Papa und Mama noch nicht zu Hause sein würden. Sie kamen immer als Letzte.

Zu unserer großen Überraschung waren sie schon da. Papa kam uns entgegen, das Gesicht in Sorgenfalten gelegt. „Kinder, Mama ist krank“, sagte er. Die Freude, die mich den ganzen Morgen über erfüllt hatte, verpuffte mit einem Schlag. Sofort rannte ich ins Schlafzimmer. Papa wollte mich noch zurückhalten, aber war zu langsam. Bei Mamas Anblick gefror mir das Blut in den Adern.

Sie war im Delirium und konnte sich kaum bewegen. Sie redete zusammenhangloses Zeug. Ich brach in Tränen aus. Papa trug Iwan auf, Hilfe zu holen.

Iwan rannte los und kam fünfzehn Minuten später mit dem Arzt zurück, der sich schon bei unserer Ankunft in Weißrussland mit uns angefreundet hatte. Er horchte Mama ab, sie stöhnte. Wir Kinder standen ums Bett herum und beobachteten unsere kranke Mutter.

Ich dachte an die Zigeuner von heute Morgen. So wie es aussah, hatten sie nichts im Haus angefasst. Hoffentlich hatten sie unserer Familie keinen Fluch aufgehalst.

Mama hatte einen ersten Anfall von Lähmung. Die rechte Körperseite war taub und würde es vielleicht für immer bleiben, das sagte der Doktor, bevor er ging. Er versprach, am nächsten Tag wiederzukommen. Papa und Anna wachten die ganze Nacht an Mamas Bett, sie wimmerte und zitterte ununterbrochen. Damit ihr warm wurde, deckten wir sie mit mehreren poduschkas18 zu.

Am nächsten Morgen standen wir alle um unsere arme Mutter herum. Ich wollte nicht in die Schule. Schule interessierte mich nicht mehr. Ein Pferd lief an unserem Haus vorbei. Mama in ihrem Delirium glaubte ihren toten Bruder aus der Ukraine, Moissei, zu erkennen und rief: „Moissei! Moissei!“, dann redete sie etwas, das niemand verstand.

Bei der nächsten Untersuchung erklärte der Arzt Papa, dass Mama Erholung brauchte. Wenn es ihr in ein paar Wochen nicht besser ging, würden wir in den Kaukasus fahren müssen. Dort war man viel weiter in der Medizin, Mama könnte Bestrahlung bekommen und vielleicht gesund werden. Papa erwiderte: „Wie stellst du dir das vor? Wir müssten unbemerkt durch die ganze Ukraine. Und wie soll Elena eine solche Reise überstehen? Das ist unmöglich!“

Wir kümmerten uns alle abwechselnd um sie. Ich saß sehr oft an ihrem Bett, meine Mama fehlte mir.

Einige Wochen vergingen.

Eines Morgens, ich war am Fußende eingeschlafen, hörte ich meinen Namen. Ich hob den Kopf. Tatsächlich, es war Mama, die sprach. Ich war so froh! „Iwan, Stepan, Anna, Papa! Kommt schnell! Mama ist gesund!“, rief ich mit neuer Zuversicht.

Mama schien sich zu erholen, sie zitterte nicht mehr und fand allmählich die Sprache wieder.

Nach ein paar Monaten war sie wie durch ein Wunder geheilt.

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Weihnachten rückte näher. Wir wohnten seit über sechs Monaten bei Saschas Familie. In der Ukraine hatten wir Weihnachten heimlich gefeiert, weil das Regime jegliche religiösen Feiertage verbot. Anlässlich dieses Festes, dessen Namen wir trugen, koliada, bereitete Mama immer ein Festmahl zu, und in aller Heimlichkeit genossen wir als Familie und manchmal auch mit Freunden, von denen wir annahmen, dass sie keine Kommunisten waren, die verschiedenen Gerichte. Doch aus Sorge vor Entdeckung hatten wir leider nicht von Haus zu Haus ziehen und die berühmten koliadki singen können. Koliadki heißen die Weihnachtslieder, die unsere Familie und andere Ukrainer früher für die Nachbarn sangen. Ich hatte noch nie Gelegenheit gehabt, mit meinen Geschwistern an diesen Umzügen teilzunehmen, aber ich kannte die Lieder auswendig, weil Anna sie mir beigebracht hatte. Die koliadki konnten sowohl traurig als auch fröhlich machen.

Kurz vor unserem ersten Weihnachtsfest in Weißrussland hatte Anna Sascha von den koliadki erzählt. Das fand er sehr spaßig, zumal wir auch noch Koliada hießen. „Was für ein Zufall!“, hatte er gesagt.

Am Weihnachtsabend, als wir auf das Essen warteten, kam Sascha zu uns. „Na, los, es ist Weihnachten! Zeit für die koliadki!“ Kaum hatte ich das gehört, stand ich schon an der Tür, aber Anna, Iwan und Stepan reagierten nicht. Iwan sah Sascha an: „Was soll denn das? Wir können doch in Weißrussland keine koliadki singen, das ist eine Tradition von zu Hause, das finden die Leute hier doch komisch!“

Voller Begeisterung erwiderte Sascha: „Woher denn, keine Sorge! Ich kenne die Weißrussen, glaubt mir, die werden begeistert sein! Na, los, kommt!“

Ich wartete nur noch auf die anderen.